Gogol: Der Revisor. Theater Rudolstadt

Bei einer möglichen Katastrophe auf der Zuschauertribüne in der Heidecksburg hätte Ursachen- und Schuldforschung leichtes Spiel. Für 15 Reihen mit je 27 Plätzen eine einzige schmale Abgangs- und Zugangsgasse in der Mitte ist auch ohne Panik zu wenig. Entsprechend ewig dauerte es, bis der letzte Zuschauer saß oder in der Pause und am Ende am Boden angelangt war.

Tatsächlich leichtes Spiel hatte das Rudolstädter Ensemble mit Gogol. „Der Revisor“, 1836 uraufgeführt und im Schillerjahr 2009 im Gefolge des zweihundertsten Geburtstages Gogols (1809 – 1852) von etlichen Bühnen wieder entdeckt, ist in der russischen Literaturgeschichte neben Gribojedows „Verstand schafft Leiden“ so etwas wie in der deutschen „Der zerbrochne Krug“ neben „Minna von Barnhelm“: ein ewiger Klassiker. Nicht einer auf dem Sockel, der modern oder modernistisch entkernt, entschlackt, gegenwartstauglich gemacht werden muss. Sondern einer, der abgeht wie die berühmte Tüte Mumpeln. Man muss ihn nur zügig spielen. Den tieferen Sinn und Wert freilich ahnen lassen. Man muss den Darstellern freie Bahn geben, ihren Affen Zucker oder Zückli zu füttern.

Regisseur Steffen Mensching, Intendant und selbst ausgewiesener Erzkomödiant, hat in seiner Inszenierung dem Sommertheater gegeben, was des Sommertheaters ist. Da soll das Kostüm (Mathias Werner) ruhig etwas bunter, der Ton etwas deftiger, die Aktion etwas überdrehter sein. Unter freiem Himmel, der sich nach zwanzig Minuten vorübergehend für ein paar Regentropfen, dann aber doch für Premierenblau entschied, darf „die beste Komödie der Weltliteratur“ (Egon Friedell im Programmflyer) schon eher nach Fernsehtheater Moritzburg, Marianne Kiefer oder Heidi Kabel ausschauen als von den Polstern fester Häuser aus. Das Bühnenbild mit Türen im Dauereinsatz (Alexej Paryla) fügt sich dem.

Alfred Polgar, ein anderer alter Österreicher, dessen Kritiken das, was er kritisierte, längst und für immer überlebt haben, sah 1926 im Josefstädter Theater zu Wien den genannten Egon Friedell in einer Nebenrolle und als Diener Ossip (hier in Rudolstadt Miriam Gronau) sah er keinen Geringeren als Hans Moser. Moser muss damals die Inszenierung dominiert haben, was gut für Moser, weniger gut für den „Revisor“ war. In Menschings „Revisor“ hat die Dominanz passend mit dem schieren Rollenumfang zu tun. Markus Seidensticker als Bürgermeister Anton Antonowitsch Skwasnik und David Engelmann als Chlestakow wirken so und deshalb und machen ihren Job gut.

Die Geschichte ist unübertrefflich: Ein Kaff, ein russischer Saustall, genauer natürlich: die kleine Oberschicht dort, geraten in helle Panik, als bekannt wird, ein Revisor aus St. Petersburg komme. Für diesen Revisor wird ein Windhund und Spieler, genannter Chlestakow, gehalten. Er, eben noch in Furcht, wegen unbezahlter Rechnungen, vielleicht Zechprellerei, nach hohen Spielverlusten, ins Gefängnis zu wandern, wird plötzlich umworben, umschmeichelt, gefeiert. Gleich aus mehreren Händen erhält er als „Gabe“ oder „Leihgabe“ Summen, von denen wir aus anderen Gogol-Texten wissen, dass sie sich im Bereich von Jahresgehältern bewegen. Titularrat Akaki Akakijewitsch Baschmatschkin in „Der Mantel“ beispielsweise bekommt für seine Tätigkeit genau 400 Rubel im Jahr. Chlestakow wird betrunken gemacht, Chlestakow scharwenzelt um Gattin und Tochter des Bürgermeisters herum, beide sind sehr geneigt, eine Verlobung scheint abgesprochen und wunderbare Perspektiven zu eröffnen. Bis Ossip dringlich zur Abreise rät, denn es ist ein tatsächlicher Revisor im Anmarsch. Mit seiner Ankunft enden Stück und Aufführung.

Zwischendurch, was russisches Zeitbild wäre, laut Siegfried Jacobsohn die unwichtigste Seite der Komödie. Hier hat der Regisseur auch moderne Anspielungen eingebaut. Weder Gammelfleisch noch Lebensmittelmarktkontrolle, weder Fördergelder noch Kanzleramt, die Einzellacher und Zwischenapplaus provozieren, kommen, logischerweise, bei Gogol vor. Es wirkt dennoch nur selten aufgesetzt, passt also. Das Publikum überhaupt dankbar, Akkordeonspieler Uwe Steger verführte nach der Pause im letzten Viertel des Spiels sogar zum Mitklatschen. Der Burgtheaterhof war kurzzeitig Folklorefest, Abteilung Russland. Obwohl man die Gruppe Tschingis Khan seligen Andenkens streng genommen nur neben den ewigen Pelzmützenträger aus Mallorca stellen darf, den Altbundesdeutschland kurioserweise immer für authentisch russisch hielt.

„Wen Gott liebt, den bewahrt er vor dem Schuldienst“ - ein Viertel des Publikums lachte begeistert: ob das Schulamt Rudolstadt Betriebsausflug machte? „Ich sage immer: jede freie Minute ist Dienst“ - mein Lachen verkniff ich mir, Beamte hatten offenbar Schweigepflicht, und ich wollte nicht auffallen. Dafür aber die Frisuren, die Kostüme. Ute Schmidt hatte es einfacher als Mutter von Laura Göttner, die Männerriege Joachim Brunner, Johannes Arpe, Matthias Winde, Simon Keel, Benjamin Griebel und Marcus Ostberg wirkte als geschlossenes Ensemble. Markus Seidensticker nahm seinen Bürgermeister in der Mitte zwischen den Empfehlungen, die einst der große Meyerhold gerade für diese ihm zentrale und entscheidende Rolle der Komödie gegeben hatte und dem, was er damals, anno 1926, damit kritisieren wollte, dem ewigen alten tyrannischen Mann.

David Engelmann holte aus seiner Rolle kräftige Gestik, hektische Bewegung, immer klare Akzentuierung, sah auch direkt ins Publikum von der Rampe, trug dick auf. Das ist bei Gogol angelegt, keine Vergröberung durch Regie also, kein Komödienstadl-Klau. „Gogol wird sich deshalb nicht im Grabe umdrehen“, wusste Meyerhold bereits. Und es gab schöne kleine Einfälle: Schulinspektor Joachim Brunner ließ die Zigarre Chlestakows in seinem Munde zittern wie Espenlaub, Spitalverwalter Mathias Winde setzte sich auf die Schachtel, der danach nur noch Tabakkrümel entfielen. Es passt alles, die Servilität, die Bereitschaft, einander ohne Rücksicht anzuschwärzen, die Blindheit, die Eitelkeit, die Dummheit. Und das schon stehende Publikum setzte sich wieder, als Matthias Biskupek und Landrätin Marion Philipp an Marcus Ostberg den Preis für die beste darstellerische Leistung der Saison überreichten. Ostberg war eben noch Bobtschinskij gewesen, an der Seite von Benjamin Griebels Dobtschinskij.

Weitere Aufführungstermine: http://www.theater-rudolstadt.com/


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