Tagebuch

17. Juli 2026

Null zu Null ist ein auch in dieser Höhe verdientes Ergebnis und Argentinien könnte die erste Nation sein, die ihren Weltmeister-Titel verteidigt. Irrtum, Tagesschau. 1938 hat Italien den 34er Titel verteidigt und 1962 Brasilien den 58er. Argentinien könnte also auf Platz 3 der Verteidiger einlaufen. Recherche im Nachrichtenjournalismus wird allgemein überschätzt. Ich will an Brigitte Rost denken, die heute 90 Jahre alt wäre, wenn sie noch leben würde. Sie war einmal ein Weilchen im Zirkel schreibender Arbeiter des Glaswerks, den ich gegen ein erfreuliches Honorar leiten durfte. Dann brachte der Verlag meines Freundes Escher 2001 ihr Buch „Augen-Blicke“ heraus und ich lernte, das es unmöglich ist, das Buch einer guten Bekannten halbwegs neutral zu besprechen. Der gut alte Reich-Ranicki kritisierte nie Siegfried Lenz, weil sie befreundet waren. Heute gibt es ganze regionale Literatur-Magazine, die fast nur dem gegenseitigen Lob der beteiligten Autoren dienen.

16. Juli 2026

Arno Frank, taz-Schwurbler vom Jahrgang 1971, sieht auf Fotos nicht nur aus, als hätte er weniger Humor als ein Tüpfelhyäne mit Gazellenknochen zwischen den Zähnen, er hat tatsächlich keinen. Er wütet eine Seite im SPIEGEL voll gegen Dieter Nuhr. Ist schon ein paar Tage her, das macht es nicht besser, ich sehe es eben erst, weil ich dieses Nachrichten-Magazin oft etwas liegen lasse. Das hat den Vorteil, dass ich nicht auf die Idee kommen kann, einen Leserbrief zu schreiben, denn in Hamburg werden nur Leserbriefe zur vorigen Ausgabe genommen und immer am liebsten lobende. Nicht einmal der Hassprediger Maxim Biller, den sich die ebenfalls Hamburger ZEIT hält, macht mich noch wütend genug. Ich bin nur rat- und fassungslos. Was lässt Gott der Herr (wahlweise gern auch: Gott die Frau, für taz-ler) statt Hirn in manchen Köpfen arbeiten. Es gab mal einen, der sagte: Konservativ sein heißt, an der Spitze des Fortschritts marschieren. War Scheiße, das Marschieren.

15. Juli 2026

Nur weil ich ein Hörspiel von Lothar Günther (Jahrgang 1947) gelesen habe, muss das nicht bedeuten, dass die Suchmaschine aller Suchmaschinen oder gar die KI ihn kennen. Sie hauen mir Lothar-Günther Buchheim um die Ohren, den sattsam verfilmten „Boot“-Mann mit Augenklappe. Wahlweise gibt es noch einen promovierten Lothar Günther vom Jahrgang 1932. Will ich aber nicht. Dann doch lieber den Hagel von gestern. Den konnte ich fotografieren und seine schlimmen Wirkungen sehen in Pennewitz. Alle Früchte vom Baum, fast alle Blätter, alle Blüten von den Stielen, die Hälfte aller Körner aus dem schon gelben Getreide, gleich Saatgut fürs kommende Jahr. Jetzt Maus sein auf dem Feld! Frankreich raus am eigenen Nationalfeiertag. Das werden wir nie schaffen, es sei denn, Infantino verabredet mit seinem orangefarbenen Kumpel mal eine WM im Frühherbst, wenn überall die Saison angelaufen ist. Amtsenthebung für Trump? Geht gar nicht.

14. Juli 2026

Manchmal geht es so: ich blättere in einem Buch, stoße auf einen Namen, der mir sehr vertraut ist, denke: frag die KI, du bist nicht Ministerpräsident. Alle Reden, die du in deinem Lebens als Ghostwriter geschrieben hast, hast du direkt in die Schreibmaschine getippt. Jetzt sagt mir die KI, dass Isa Speder seit den 60er Jahren in der Berliner Zeitung tätig war. Deshalb sprach sie 1969 auch mit Fred Rodrian, dessen 100. Geburtstag wir heute unauffällig begehen. Aber: direkt unter den Antworten der KI stehe in meiner Suchmaschine gleich ich, denn bei mir ist der Name Isa Speder schon vorgekommen. Mein Text hieß „Als Irmtraut Morgner starb“, ich stellte ihn am 7. Mai 2020 ins Netz. Und davor gab es „Walter Werner 90“, acht Jahre älter, auch da findet sich Isa Speder. Dann hat vermutlich Maxim Biller angerufen und die Nennung meines Namens wegen akuter DDR-Nostalgie verbieten lassen. Jetzt sucht mich die Maschine vergeblich, diese arme Maschine.

13. Juli 2026

Drei Viertel aller deutschen Kommunen haben keinen Hitzeschutzplan. Abendnachrichten aus der kapitalistischen Planwirtschaft, in der Beratungsfirmen und Institutionen darauf warten, endlich für Jahre mit Planarbeit versorgt zu werden. Der Hitzeschutz selbst ist vorerst nur Zielprojekt. Unsere medialen Ukraine-Freunde freuen sich diebisch, wenn unser ewiger Präsident ohne Krawatte es schafft, Öltanker im Asowschen Meer zu beschießen. Öl im Meer ist nur schlecht, wenn es unsere Meere sind, die Ostsee zum Beispiel, in der sich die Kegelrobben vermehren und das Seegras leidet. Fremde Meere, scheiß der Hund drauf. Russen-Meere! Unser Fahrstuhl verweigert seine Dienste und der Anruf am Morgen hat bis zum Abend keine Wirkung erzielt. Wie schwer können Getränke sein und Koffer. Trost: in öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimis müssen Kommissare sehr viel öfter auf- und abwärts keuchen und die fliehenden Täterinnen sind ohnehin immer sehr viel schneller.

12. Juli 2026

Vier Bände Lyrik von Johannes Bobrowski stehen wieder im Regal, der Nachlass-Titel „Im Windgesträuch“ brachte keine wirklich neuen Einsichten. Eher das Gefühl zu verstehen, dass diese Gedichte nicht in die vorigen drei Bände aufgenommen wurden. Es wäre zu viel gesagt, die Lektüre sei Strafexpedition gewesen, eine Vergnügungsfahrt war es aber auch nicht. Wer sich eine eigene Sprache erschafft, was selten genug in der Lyrik-Geschichte passiert, der muss auch damit leben, dass diese Sprache nicht verstanden wird. Eher wird sie von begeisterten anderen Lyrikern über- oder aufgenommen. Hätte ich meinen Bobrowski-Kompakt-Kurs vor meinem Harald-Gerlach-Gang absolviert, hätte ich mehr Verständnis gehabt für vieles, was mir immer fremder wurde. Nun, da ich mehrfach las, dass Ingeborg Bachmann, berühmte Lyrikerin, keine Gedichte las, möglichst keine Gedichte, bin ich weniger verunsichert, als ich es sein sollte. Ich lese jetzt erst Annerose Kirchner.

11. Juli 2026

„Quer durch England in anderthalb Stunden“ zu Ende gelesen, Zweitlektüre nach Jahrzehnten. Das Nachwort bedauert, dass Lothar Kusche nur drei Wochen in England sein durfte. Immerhin reichte es, ein kleines Büchlein vollzuschreiben. Nachwort-Autor F. H., es könnte Franz Hammer gewesen sein, Felicitas Hummer war es vermutlich nicht, war ein Schelm. Drei Wochen England 1960! Wir haben es nie weiter als auf vier Wochen Ungarn gebracht. Und ich habe trotzdem nie das Bedürfnis verspürt, ein Buch über Ungarn zu schreiben. Es hätte vermutlich auch niemanden interessiert, denn alle waren früher in Ungarn und niemand in England, nicht einmal Englisch-Lehrer, denen es gut getan hätte. Alexander Nikolajewitsch Afanassjew hat heute seinen 200. Geburtstag nach dem julianischen Kalender, nach dem anderen hat er noch zwölf Tage Zeit, aber wen interessiert das: er war ein Russe und so etwas wie die Brüder Grimm in einer Person für das Reich des bösen Putin.

10. Juli 2026

Vom Zahnarzt nach Hause ist es ein schöner langer Spaziergang, vorausgesetzt, der Zahnarzt hat nicht mit einer Betäubungsspritze eine partielle Gesichtslähmung herbeigeführt, bei der man sich die Unterlippe mit einer Klammer an der Nase befestigen muss, damit sie nicht auf den Adamsapfel herunterbaumelt und allerlei Flüssigkeit von ihr träuft. Nein, es gibt alternativ ein Gel, welches auch betäubt, aber nicht so endlos lang anhaltend. Also: es tut dann fast gar nicht weh, und ich wandere unangefochten an einem leibhaftigen Aufsichtsratsmitglied vorbei, welches glaubt, ich hätte mich verlaufen, was ich dementiere. In gewissen Abständen fragt mich das Aufsichtsratsmitglied, warum ich denn kein Tagebuch mehr schreibe und ich gebe diverse Antworten. Jetzt, wo ich es wieder tue, verrate ich nichts. Man muss auch Geheimnisse behalten können. „Das bombastische Windei und andere Feuilletons“ zu Ende gelesen. Wer weiß eigentlich noch, was ein Windei früher mal war?

9. Juli 2026

Versäumnisse rächen sich. Es gibt Experten, die glauben sogar, sie rächen sich bitter. Ich für mein Teil ignoriere Longlist und Shortlist zum Buchpreis, seit es sie und ihn gibt. Denn diese Mittel, dem großen Feuilleton eigene Suche nach Büchern zu ersparen, die unbedingt besprochen werden müssen, damit die Besucher von Verni- und Finissagen etwas zu bereden haben mit Sektkelch in der Hand, gelten allein dem Roman. Der ganze Rest an Literatur ist außerhalb des Blickfeldes. Und so kommt es, dass jemand, der schon mehrfach in Longlist und Shortlist auftauchte, plötzlich und unerwartet nach diversen weniger bekannten nun den renommiertesten aller Preise zugesprochen bekommt. Den Georg-Büchner-Preis. Aus Darmstadt, richtig. Die Preisträgerin heißt Christine Wunnicke, Jahrgang 1966, hat also die allererste Jugend auch schon hinter sich. Johannes Jansen, ebenfalls Jahrgang 1966, schien mir, Jahrgang 1953, einst ein junger Schnösel. Ich werde also alt.

8. Juli 2026

Vom DDR-Jahrgang 1926 ist heute Hans-Jürgen Zierke an der Reihe mit seinem 100. Geburtstag. Ich weiß nichts von ihm, las nie etwas von ihm und daran wird sich wohl bis zu meinem 100. Geburtstag nicht viel ändern. Mit Gottfried Benn, der gestern 70 Jahre tot war, habe ich mehr vor. Zum Einstieg liegt Franz Fühmanns Benn-Büchlein in Griffweite. Heute erst einmal Albrecht Goes mit seiner 1952er „Rede auf Hermann Hesse“ und das kürzeste Feuilleton, das Lothar Kusche je schrieb: Es trägt die Überschrift „Neue Hotels“, folgt im Buch auf „Alte Hotels“ und lautet: „Neue Hotels gibt es in England nicht.“ Das Buch heißt übrigens „Quer durch England in anderthalb Stunden“ und enthält neben dem kürzesten Feuilleton auch schöne Sätze über Charles Dickens und seine Hotel-Aufenthalte. Mein am Sonntag bestellter Wein aus Langenlois ist heute schon da und verstaut im Regal. Schöne Aussichten auf schöne Weine aus dem Kamptal, sage einer was dagegen.

7. Juli 2026

Man fährt über Mansfeld, wenn man kommt, man fährt über Mansfeld auf dem Heimweg. Für mich bringt Mansfeld zwölf neue Biersorten, darunter „Mansfäller Schachtbier Hell“, in Chemnitz für eine Vertriebsfirma in Goslar gebraut. Vorher aber der Gang in den Hofladen des Hotels: man kann nicht Stangerode verlassen, ohne eine Bison-Salami erworben zu haben. Sie sieht gut aus, sie riecht gut und sie wird schmecken, wir haben sie schon getestet. Eine Frau kaufte ein Straußenei, das man nicht versuchen sollte zu kochen. Gebraten geht es, wenn man mit einem Bohrer der Schale ein Loch verpasst hat. Ein Straußenei entspricht etwa 26 bis 28 Hühnereiern, sagt die Expertise, man sollte also genügend Gäste haben für ein zünftiges Rührei am Morgen. Zu Hause geht es nach nur zwei Tagen Pause schnell wieder den gewohnten Gang. Ich beginne als letztes Stück von ihm Harald Gerlachs „Vergewaltigung“. Morgen wieder Rückkehr in die Hörspiel-Schleife nach Plan.

6. Juli 2026

Yellowstone im Landkreis Mansfeld-Südharz? Ich bin nicht der Tourismus-Manager der Gegend, aber es gibt dort die größte Bison-Herde Deutschlands und man kann sie sehen, wenn man eine halsbrecherische Fahrt mit einem Unimog über Stock und Stein absolviert hat. Die Bisons zeigen kein gesteigertes Interesse an den Neugierigen, ihr Interesse gilt dem Gras am Boden. Nur ganz weit hinten trainiert ein sehr junges Kalb, schnell genug zu sein, einem Geparden zu entkommen. Es gibt glücklicherweise kaum Geparden im Harz, so dass das Kälbchen nebenher auch gleich pure Lebensfreude trainiert. Ich hatte keine Ahnung, dass es überhaupt Bison-Herden in Deutschland gibt, nun habe ich sogar schon eine Bison-Kraftbrühe und einen Bison-Burger gegessen. Denn die Tiere werden nach vier bis fünf Lebensjahren gegessen. Sie werden geschossen und nicht wie die armen Schweine behandelt, die lange quieken müssen, ehe sie der Tod ereilt. In Stangerode nicht.


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