Rolf Schneider: Von Paris nach Frankreich

Müssen Literaturwissenschaftler rechnen können? Muss ihnen auffallen, dass das Datum des Mauerbaus 1961 und ein Februar danach auf keinen Fall 15 Monate auseinander liegen können? Denn entweder kommt der Februar sieben Monate später oder neunzehn. Was pingelig klingt, ist jedoch ein ernster Einwand gegen den Verfasser des Rolf-Schneider-Essays im KLG, dem Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Wer wie Peter Bekes gleich im ersten Satz seines Essays einen groben Fehler Schneiders nicht bemerkt, sollte der für den Rest hinreichend qualifiziert sein, ein Lexikon ist ja nicht irgendein Publikationsort? Auch die Aufzählung der Hörspiele Schneiders, und damit soll es zum KLG genug sein, weist gleich zwei Fehlstellen auf von Texten, die sogar im Sammelband „stimmen danach“ von 1970 enthalten waren, also nicht ganz leicht zu übersehen.

Rolf Schneider ist am 17. April 1932 in Chemnitz geboren, womit heute ein äußerer Anlass gegeben ist, sich seinem kaum noch zu überblickenden Schaffen an einer Stelle zuzuwenden, die überschaubar ist. Innerhalb der flutenden Produktion der Schneider-Werke nimmt Reise-Prosa einen gewissen Platz ein. Neuerdings scheint er gar nur noch in dieser Textsorte aktiv, folgt man seiner veröffentlichten Bibliographie, schreibt er mittlerweise über jede deutsche Gegend, die nicht bei drei auf den Bäumen ist. Schneider ist, dies will ich sogleich loswerden, und nehme dabei in Kauf, mit einem wenig originellen Vergleich zu operieren, ein Chamäleon der Literatur. Es nimmt verschiedene Umgebungsfärbungen problemlos und virtuos an, die nach Stoff greifende Schleuderzunge funktioniert frappierend treffgenau. Über „Von Paris nach Frankreich“ habe ich mich geärgert. Ich habe mich nicht so geärgert wie über „Ich bin ein Narr und weiß es“, eine wirklich deprimierende Sammlung von MOPO-Artikeln (für die BERLINER MORGENPOST also) des Themas „Liebesaffären deutscher Literaten“. Dies Buch verdient es, aus jedem greifbaren Fenster geworfen zu werden, mit Schwung, mit Leidenschaft und einem begleitenden Urschrei.

Marcel Reich-Ranicki war schon in seiner zweiten Schneider-Rezension vor vielen Jahren gleich einleitend der Meinung, die Lektüre des Romans, es handelte sich um „Der Tod des Nibelungen“, sei reine Zeitverschwendung. Und Fritz J. Raddatz, den man keineswegs mögen muss, zog einst auf ganzen zehn Seiten in seinen „Traditionen und Tendenzen. Materialien zur Literatur der DDR“ eine geradezu vernichtende Schneider-Bilanz. Das eigentlich Kuriose aber oder auch das Bezeichnende oder auch das Verstörende, falls man störanfällig ist, liegt bei Rolf Schneider, dem an seinem 80. Geburtstag dessen ungeachtet ein langes Leben zu wünschen ist, darin, dass die vermeintlich böseste Attacke von verfolgungssüchtigen Literatur-Doktrinären der damaligen DDR anlässlich des Romans „November“ mit den „West“-Urteilen nahezu deckungsgleich ist. Renate Drenkow nannte Schneiders Werk „Konfektion“ und damit der weiteren Betrachtung unwürdig,

Genau an dieser Stelle und aus diesem Grund soll deshalb sehr deutlich behauptet werden, Schneider-Lektüre ist keineswegs reine Zeitverschwendung, denn sie ist ein soziologisches Forschungsunternehmen. Es kann alles vernachlässigt werden oder auch alles einbezogen werden, was Schneider selbst über sich und was andere über ihn gesagt haben. Es bleibt Stoff, aus dem Forscherträume sind. Wie wird einer, wäre eine der möglichen Fragen, der Jahre über Jahre in beinahe penetranter Art DDR-Ideologie, DDR-Propaganda-Inhalte, Vorurteile besonders intensiv, bediente, plötzlich zum „System-Kritiker“. Folgen wir nur für einen Moment der hinlänglich berühmten Schilderung, die Günter Kunert vom noch viel berühmteren Tag der Entstehung der Biermann-Petition gegeben hat, dann stand Schneider plötzlich vor Hermlins Tür, drängte sich herein, heran und hinzu, musste geradezu des Feldes Endredaktion verwiesen werden. Und war dann mit dem „November“ der erste, der Kapital im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Stoff schlug, den er mühsam in einen Nicht-Schlüssel-Roman verwandel hatte zuvor.

Schneider hat, so der Tenor auch wohlwollender Kritiker, immer einen Hang zum Epigonalen gehabt. Wem dies Wort zu bösartig klingt, der soll mit mir sagen: Schneider hat sein schreibendes Leben immer in der Nähe literarischer Gleise verbracht, um jederzeit auf fahrende Züge aufspringen zu können. Seine Wandelbarkeit zeigte sich auch nach 1990: eben noch sinnierte er über sozialistische Alternativen und belieferte den FREITAG mit kolumnistischer Regelmäßigkeit, schon landete er bei der WELT, was in beiden Fällen nicht als ehrenrührig zu gelten hat, nur sonderlich leicht vereinbar ist es eben auch nicht. Schneider hat immer zu viel geschrieben, das Schicksal teilt er mit allen freien Autoren, die von ihrem Tun leben müssen und es auch wollen. Es ist natürlich nicht schlimm, dass ihm ein journalistischer Grundzug als eine Art Kernsubstanz zugeordnet wird. Es gibt nicht erst heute viel sehr guten Journalismus und viel scheußliche Literatur, die sich angesichts dessen zu schämen hätte.

Schneider besaß sehr früh das für die absolute, und deshalb in diesen Dingen sehr sensible, Mehrheit in der DDR unerreichbare Privileg des Reisendürfens. Wo immer er war, es ging ihm noch schlimmer als Baedeker: es assozierte sich ihm Hochkultur. Es scheint, als habe Schneider vor jeder Reise eine Art Volltext-Suchprogramm durch die gedruckte Weltliteratur gejagt, um mit einschlägigen Äußerungen alles, was Rang und Namen und von manches, was weder Rang noch Namen hatte, zitieren zu können. Das liest sich bisweilen wie ein pures Brechmittel, hier hatte der 68er Anti-Bildungsreflex des Westens ein östliches Beweismittel. Wer an jeder Straßenbahnhaltestelle wartend sofort memoriert, wer von Goethe bis Chagall vor ihm schon hier, sinnbildlich, auf die 46 gewartet hat, der nervt, der nervt über alle Maßen. Und beweist, das sei freilich nie verschwiegen, eine fast einschüchternde Belesenheit, ein daraus resultierendes abrufbares Wissen, das in geringeren Dosen manchem Virtuosen der ahnungslosen Spontankunst anzuempfehlen wäre.

Wenn also solch ein tapferes Schneiderlein sich durch Frankreich bewegt, dann denke ich vor jedem Blick ins Buch an Menschen, die in der schon implodierten, aber juristisch noch von einer eigenen Regierung regierten DDR es in Kauf nahmen, ohne Übernachtung mit einem westlichen Reisebus von einem östlichen Startplatz aus nach Paris und zurück zu fahren. So groß war die Sehnsucht, so unaufschiebbare die Lust und so unendlich rotzig musste auf sie ein Buch wie „Von Paris nach Frankreich“ wirken. Und nicht nur rotzig. Denn wie in seinen Hörspielen, die den faulenden und sterbenden Kapitalismus an den möglichst fauligsten und möglichst sterbendsten Stellen zu porträtieren unternahmen, vermittelt Schneider vor allem ein Bild des Grundtenors: Hier müsst ihr nicht unbedingt hin. Ich war da und habe gesehen, weswegen es sich nicht lohnt. Ich habe bei der Gelegenheit wohl auch die eine oder andere Auster geschlürft, den einen oder anderen Calvados getrunken, letztlich aber, liebe Freunde zwischen Rostock-Rövershagen und Neuhaus-Schierschnitz, ist das hier bei den Franzosen Kapitalismus. Dazu muss man nicht mehr viel mehr sagen.

Wie der Zufall es fast immer will, sonst wäre er keiner, findet sich heute in meiner Tageszeitung ein Leserbrief eines Erfurters, der meinen Mund am Morgen so weit offen stehen ließ, dass nicht nur Fliegen, sondern auch größere echte Wirbeltiere hätten hineinfliegen können. Es heißt dort, es ist heute der 17. April 2012, um das sicherheitshalber noch einmal ausdrücklich zu erwähnen: „Hätte die Regierung der DDR den Bürgern erlaubt, in jedes Land auf Urlaub zu fahren, hätte es keine Mauertoten gegeben, denn die meisten wären schnellstens wieder in ihr Land zurückgekommen, wenn sie das Chaos in den anderen Ländern – zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Obdachlose und Kinderunfreundlichkeit – gesehen hätten.“ Dass solch ein unsäglicher Köhlerglaube in manchen Köpfen verfestigt ist wie erdbebensicherer Stahlbeton, daran hat auch Rolf Schneider mit solchen Texten wie „Von Paris nach Frankreich“ mitgearbeitet. Vermutlich ist er darauf nicht stolz. Vermutlich weist er eine solche Unterstellung mit Empörung von sich.

Das beste Buch, das Rolf Schneider geschrieben hat, wird im KLG nicht einmal erwähnt. Es heißt „Die problematische Wirklichkeit. Leben und Werk Robert Musils“. Ich vermute mittlerweile, dass viel in diesem 140-Seiten-Text pro domo gesprochen ist, was ihn zu einem Dokument heilloser Selbstüberschätzung machen würde. Auf Musil bezogen aber hat sich der studierte Germanist und Pädagoge Schneider hier eine Ehrenurkunde ausgestellt. Das wäre mein versöhnlicher Schluss. Für Paris- und Frankreichreisen empfehle ich diesen Schneider, den man auch in seiner Sammlung „Annäherungen & Ankunft“ finden kann, nicht. Es sei, man nimmt ihn mit, um ihn in einem beobachteten Moment in die Seine zu werfen. Mein Postskriptum geht so: In seinem seltsamen Weimar-Porträt von 1973 steht: „Der Ort heißt Buchenwald. Eines der berühmtesten Gedichte Goethes, in dieser Landschaft geschrieben, anderthalb Jahrhunderte zuvor, es erhielt jetzt einen  entsetzlichen und tödlichen Doppelsinn. Über allen Gipfeln. Kaum einen Hauch. Warte nur, balde.“ Kein Kommentar. Oder doch: Herzliche Grüße vom Kickelhahn, Rolf Schneider.


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