Tagebuch

23. Juli 2017

Früher hieß er „Der Leopard“ und gelesen haben ihn wohl weit weniger Menschen hierzulande, als man annehmen möchte. Man kannte ihn wegen Claudia Cardinale und Burt Lancaster und natürlich  Alain Delon. Und dann überraschte der Buchmarkt plötzlich mit der ungekürzten Neuübersetzung und das berühmte Buch hieß „Der Gattopardo“. Weil der Originaltitel eben „Il Gattopardo“ war. Ich weiß nicht, was Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem Grab machte, er starb heute vor 60 Jahren, als ihm die frohe Botschaft zugetragen wurde: drehte er sich, oder blieb er ruhig liegen? Meine Übersetzung stammt von Charlotte Birnbaum und nirgends ist angemerkt, dass sie gekürzt ist. Sie steht zwischen Carlo Emilio Gadda und Eugenio Montale, wo sie meiner Ordnung nach hingehört. Der Autor bekam posthum Preise, der Film eine „Goldene Palme“ in Cannes und ich warte bis heute, endlich einen Gattopardo im Zoo zu sehen, Leoparden sah ich mehr als genug.

22. Juli 2017

Wer denkt schon mitten im Sommer an den Jahreswechsel? Nicht das Eichhörnchen, das Nüsse vergräbt an Orten, die es umgehend wieder vergisst: ich. Silvester ist gebucht, 2 Ferienwohnungen nebeneinander. Zwei Todestage untereinander vermeldet heute mein in Ehren vergilbter Aufbau-Literaturkalender. Lajos Kassák und Carl Sandburg, am 22. Juli 1967 starben sie, was ihre lebenden Kampfgefährtinnen deshalb heute in ihren Partykellern treiben, weiß ich nicht, vielleicht sind sie ja selbst tot. Meine Sandburg-Hommage bestand zum einen in der vergeblichen Suche nach einem Widmungsgedicht, von dessen Existenz ich immer noch überzeugt bin, zum anderen in der Lektüre des knappen Porträts, das Julius Bab einst schrieb. Lajos Kassák dagegen hält mich intensiver fest, weil ich zugleich natürlich aufkommende Ungarn-Erinnerungen in die Kulissen schieben muss, die entsprechenden Archiv-Bestände großenteils sogar noch handgeschrieben, selten mit der Maschine.

21. Juli 2017

Vor fünfzig Jahren feierte Brigitte Reimann ihren 34. Geburtstag. Sie fuhr mit ihrem dritten Mann Hans Kerschek, in Tagebüchern und Briefen immer Jon genannt, nach Dresden. „Wir sind jedesmal wieder ergriffen vor Bewunderung, wenn wir diese herrliche Architektur sehen, und können uns von dem Anblick nicht trennen. Vielleicht das Schönste, was jemals in Deutschland gebaut worden ist.“ Dem Tagebuch vertraut sie an: „Jon hat mir zum Geburtstag eine prächtige alte Uhr gekauft (bezahlt mit ungedecktem Scheck)“, in einem Brief kommentiert sie: „Ihr habt völlig recht, wenn Ihr jetzt sagt: Kein Hemd am Hintern, aber alte Uhren kaufen!“. Ihr Brief an die Eltern endet: „… nunmehr 34 Jahre alt, aber entschlossen, für die nächsten drei Jahre 33 zu bleiben).“ Irgendwie schwer, sie sich 84-jährig zu denken, noch dazu in einem Jahr, da einige Medien vom Abriss ihres Elternhauses berichteten. Inzwischen werden sogar schreibende Männer gleich reihenweise 90.

20. Juli 2017

Da sitze ich Humoristen-Mails lesend so herum, mir fällt, warum auch immer, „Wünsch dir was“ ein, diese DDR-Sonntags-Sendung, die dafür zuständig war, braven Bürgern zu suggerieren, es würden Wünsche erfüllt. Mein mir nur bisweilen unterstellter Wunsch, ich würde diesen oder jenen Bedeutenden und Berühmten gern weniger bedeutend und berühmt sehen, saß vermutlich immer tief in meinem Unterbewusstsein, weshalb erst ein Fahrstuhl dorthin gebaut werden musste, um ihn aus seinem Käfig zu befreien. Irmgard Düren aber, die von ihren knapp 75 Lebensjahren 5 mit Fred Düren verheiratet war, hat nach Auflösung ihres Vertrags (gab es das in der DDR?) im Fernstudium Philosophie studiert und mit ihren neuen Kenntnissen das Betriebsfunkstudio des Berliner Centrum-Warenhauses am Ostbahnhof übernommen. Sie wurde in Meiningen als Tochter des Leiters der dortigen Kriminalpolizei geboren und heiratete in dritter Ehe einen Ex-NVA-Offizier. Herrlich.

19. Juli 2017

Neugierig gemacht durch die Beschäftigung mit Jane Austen, bin ich mit sanftem Nachdruck auf Vladimir Nabokovs Vorlesungen über westeuropäische Literatur gestoßen worden, Band 18 einer Werkausgabe, von der ich nicht sehr viel besitze, weil ich sehr viele Einzelausgaben im Regal stehen habe. An Nabokov denke ich fast reflexhaft, wenn ich, was nun oft vorkommt, seit wir den YouTube-Kanal auf dem Fernseher haben, das eine oder andere Montreux-Konzert anschaue. Ich bin immer wieder erstaunt, wer da alles schon auftrat, meist ist die Qualität der Aufnahmen sogar gut. Erst gestern sah ich Rory Gallagher in kaum fassbarem Publikumskontakt. Und, seit ich ihn für mich entdeckte, schaue ich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Joe Bonamassa. Da ist ein Konzert in der Carnegie Hall, dort eines in der Royal Albert Hall, mit und ohne Beth Hart, also wenn mich nicht die Literatur festhielte, ich wüsste, wovon ich mich dauernd festhalten ließe.

18. Juli 2017

An einem Tag, da Jane Austens 200. Todestag ist, tut es mir für den Saarländer Ludwig Harig nur leid. Gern hätte ich anlässlich seines 90. Geburtstages, es geht ihm nicht gut, las ich noch gestern spät in der Saarbrücker Zeitung, über all meine Saarländer parliert, den Erich, den Oskar, den Richard, dazu all jene Homburger, die uns in der Wendezeit und danach möglichst nachhaltig aus dem Sozialismus helfen wollten in den Farben Ilmenaus: sie besetzten Ämter, kauften Häuser, installierten Fahrschulen und Anwaltskanzleien, einige blieben, etliche gingen wieder. Aber gegen die Austen, da kommt der schreibende Volksschullehrer aus der Max-Bense-Schule, der eben kein geborener Erzähler war, wie nun gern geschrieben wird, sondern es allenfalls erst wurde, nicht auf. Was nicht schlimm ist. Gegen Austen nicht aufzukommen, ist keine Schande. Während draußen eifrig Rundholz geschnitten wird, meditiere ich über den alten Begriff störungsfreier Arbeitszeit.

17. Juli 2017

Tatsächlich: es jährt sich heute zum 30. Male der Tag, an dem die DDR die Todesstrafe abschaffte. An jenem Tag feierte die junge Physikerin Angela Merkel ihren 33. Geburtstag, Frank Castorf, den die Welt nun nicht mehr lieben will wie früher, wurde bereits 36, David Haselhoff 35. Und, nicht zu vergessen, Margarete Mitscherlich 70. Alle, die extern ihr Abitur nachgeholt haben, dürfen auf den heutigen Tag hochrechnen. Jörg Fauser aber, der am 16. Juli 1987 seinen 43. Geburtstag genutzt hatte, sich wieder einmal komplett zuzudröhnen, der latschte nächtens über die A 94 und wupp, war der Tag nach seinem Geburtstag sein Todestag, der sich heute, liebe Extern-Abiturienten, die nicht alles vergessen haben, ja, zum 30. Male jährt. Wen ein unüberwindliches Interesse daran packt, ob und was ich eventuell einmal zu Fauser schrieb, kann auf meiner Seite die Suchfunktion nutzen: Jörg Fauser eingeben und schon: die kurze Trefferliste. Ich liebe diese Funktion, sie spart suchen.

16. Juli 2017

An der Stelle, wo ich Georges Arnaud finden müsste in meinem Archiv, finde ich ihn nicht. Ich finde ihn auch nicht unter seinem richtigen Namen Henri Girard, dort gibt es nur Anne Girard und René Girard. Im Regal steht, das  weiß ich nun ziemlich sicher, die kleine schwarze Taschenbuch-Ausgabe von „Lohn der Angst“, die ich immer mal lesen wollte, aber nie las, weil ich eben den Film „Lohn der Angst“ mit Yves Montand und Charles Vanel vermutlich dreimal sah, niemals die ungekürzte Fassung freilich. Heute ist Arnauds 100. Geburtstag, weshalb ich aus reiner Zitierlust dies aufschreibe: „Ich wurde Schriftsteller, weil man mich dazu zwang, weil man mich überall dort vor die Tür setzte, wo ich eigentlich hingehörte, und ich werde Schriftsteller bleiben, so unsinnig das auch ist.“ Es gab einsichtige Schriftsteller, man kann es kaum glauben. Gegen ein geringes Entgelt für die zweite Karte sah ich gestern in Rudolstadt „Umsonst“, Anreise mit Shuttle-Bus.

15. Juli 2017

Von Konstantin Fedin, der heute vor vierzig Jahren starb, besitze ich ein einsames Buch: Es heißt „Städte und Jahre“. Über ihn lese ich, dass er, als er vom Ausbruch des ersten Weltkrieges hörte, von Nürnberg nach Dresden eilte und dann nach Zittau übersiedeln musste. Geschwindigkeit und Zwang werden nicht näher erklärt, immerhin spielte Fedin dann am Zittauer Stadttheater. Von Lydia Davis besitze ich drei Bücher, zu „Fast keine Erinnerung“ elf Rezensionen, und bis heute frage ich mich, wie sie ausgerechnet beim Droschl Verlag landete, wo doch sonst ganz andere Häuser auf Hype-Amerikaner spezialisiert sind, Frau Davis wird heute 70, Glückwunsch, auch wenn ich sie nicht annähernd so toll finden kann wie all ihre Lobsänger/innen. Lann Hornscheidt füllt heute eine Seite LITERARISCHE WELT über Jane Austen, leider kann ich nicht sie oder er schreiben, denn Profx L.H. würde mich vielleicht verklagen wegen falscher Geschlechtszuordnung.

14. Juli 2017

Als Germaine de Staël am 14. Juli 1817 starb, war der noch nicht Nationalfeiertag der Franzosen, da er es aber seit 1880 nun eben ist, gedenken alle Willigen nebenher ihrer immer gleich mit, wenn sie in Gedanken die Marseillaise summen. Im vorigen Jahr ist ihr 250. Geburtstag an mir vorüber gerauscht, der 200. Todestag heute muss es erneut tun, ich bin einfach in andere Dinge verstrickt. Dabei wäre ihr längerer Aufenthalt in Weimar, als Schiller gerade am „Tell“ feilte und sie ihm (und Goethe) einigermaßen auf den Wecker ging, durchaus einen längeren Blick wert. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, sagt das für solche Fälle fällige Sprichwort. Schiller war übrigens trotz all ihrer Weckergängerei mächtig von ihr beeindruckt. Man kann es in Briefen nachlesen. Ich frage mich derzeit, wie man einem übersteigerten Individualismus huldigt. Steht der in der Ecke auf einem Sockelchen und man kniet vor ihm? Hat er ein Tempelchen am Rande der Stadt? Ich wüsst es gern.

13. Juli 2017

Warum ich mich nach Cape Cod träume, fragen meine anderthalb Stammleser getrennt voneinander und ich gebe das Geheimnis preis: Ein Onkel, eine Tante und deren gemeinsamer Sohn Klaus, also mein Cousin Klaus, lebten längere Zeit dort im Kreise anderer Auswanderer aus den urdeutschen Stammlanden. Ihre Ausreise erfolgte, ohne dass die Restfamilie deshalb von ihrem kranken System zu Hause terrorisiert wurde, in den Fünfzigern. Ich bin in einem gesunden System aufgewachsen, in dem Reisen eher Humoristen als ernsten Frauen, die zur Beerdigung Verwandter 1. Grades fahren wollten, erlaubt wurde. Leider hat eine schlimme Konterrevolution dazu geführt, dass ich jetzt eine Freiheit genießen muss, die nicht mehr als Privileg gelten will und deshalb den Privilegierten der Gesundsysteme voll auf ihre rostigen Ketten geht. Wer das alles nicht wirklich versteht, mag sicher sein, dass es Staatsbürger gibt, die das verstehen, auch wenn sie in einer Wahrnehmungsblase leben.

12. Juli 2017

Ein Phänomen zu ihm fällt besonders auf: sein Nachruhm lebt (bei uns) von rundem Jubiläum zu rundem Jubiläum: 150 Jahre Einzug in seine Blockhütte, 150. Todestag, jetzt, unübersehbar und kaum überlesbar: 200. Geburtstag. Ein Wunder vollbrachte er auch: er verursachte 22 Jahre nach seinem Tod in den neuenglischen Wäldern einen Waldbrand, dem, so jedenfalls die FAZ, mehr als eine Million Quadratmeter Wald zum Opfer fielen. Eine Umrechung in Quadratmillimeter hätte den Schaden noch größer erscheinen lassen, in den fernen USA kann man, wie wir alle wissen, sehr schlecht mit Milliarden umgehen. Würden wir in gesunden Gesellschaften leben, so ein bekannter Humorist unnachahmlich, würden alle diesbezüglichen Forschungen von Universitäten geleistet. In unseren kranken Gesellschaften aber, ja, da ist das Leben eben ein Trauerspiel. Die Rede war oben von Henry David Thoreau. Ein Buch von ihm heißt „Cape Cod“, wohin ich mich manchmal träume.


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