Tagebuch

17. Oktober 2017

1992, wohl mit Blick auf dessen 70. Geburtstag und damit auch schon wieder 25 Jahre her jetzt, veröffentlichte Uwe Kolbe „Meinem Lehrer Franz Fühmann“. Ich wüsste aus dem Stand keinen klügeren und zugleich dichteren Text über Fühmann als diesen. Das später berühmte Heft 6/1976 der Akademie-Zeitschrift SINN UND FORM, in dem Kolbes früheste Gedicht-Veröffentlichung mit Fühmanns Vorbemerkung nachgelesen werden kann (Kolbe ist gemeinsam mit Frank-Wolf Matthies präsentiert), steht mitten in meinem Bestand von SINN UND FORM der Jahre 1974 bis 1990, der Jahre, als ich Abonnent war. Im Regal rechts neben meinem Schreibtisch die drei ersten Gedichtbände, daneben die „Renegatentermine“. Kolbes Brecht-Buch steht bei Brecht, Lesezeichen auf Seite 109, bis dahin am 10. August 2016 auf einen Ritt gelesen, zum 60. Todestag von Brecht wollte ich schreiben und kam nicht hin. Am heutigen 60. Geburtstag von Uwe Kolbe nicht mehr.

16. Oktober 2017

Einmal, 1989/90, machte die deutsche Geschichte einen schweren Fehler. Erst ließ sie eine so genannte friedliche Revolution geschehen, dann die deutsche Einheit. Beides, ohne Günter Grass vorher gefragt zu haben. Grass nahm übel, beschimpfte die deutsche Geschichte. Auch andere Schriftsteller wurden vorher nicht befragt. Die deutsche Geschichte ließ ihre Bücher sogar im übertragenen wie wörtlichen Sinne auf Müllkippen landen. Grass filtrierte aus seinem Missbehagen ein paar dünne Büchlein, in denen er der deutschen Geschichte die Leviten las und die anderen Länder vor diesem monströsen Neu-Deutschland warnte. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden, aber er wollte die letzte Phase seines Lebens nicht so, wie sie ihm leider bevorgestanden hätte. Deshalb bekommt er nun eine neue 24-bändige Werkausgabe, wenn ich das richtig gelesen habe. Grass-Fans bibbern vermutlich voller Vorfreude. Mir reichte „Ein Schnäppchen namens DDR“ auf lange Zeit.

15. Oktober 2017

Und es begab sich im Jahr des Herrn 1998, dass ich Bücher aus Bulgarien las, nur Bücher aus Bulgarien. Nie davor und nie danach gab es ein solches Jahr, damals aber Stratiew und Blagojew, Semjonow und Stanew, Wasow und Konstantinow, Natschew und Elin Pelin. Raditschkow kam erst später, Dimitrowa auch, Botew, Krestev, Witschew, Daltschew. Am Anfang aber Jordan Jowkows „Balkanlegenden“, das erste Blatt im Ordner noch mit Kugelschreiber auf kariertem Papier, die weiteren alle mit meiner, hach, elektrischen Schreibmaschine, denn einen Computer hatte ich nur im Büro. Und weil Jordan Jowkow am heutigen Welttag der Landfrauen genau 80 Jahre tot ist, zaubere ich das aus meinem kaninchenfreien Hut. Das Geburtstagskind des gestrigen Sonnabends reist mit mir heute einen Gutschein vernaschen, den es zu Weihnachten gab, weil das nächste näher rückt und es keinen Gutscheinstau geben soll. Wir lassen es uns gut gehen, Weltrettung ist vertagt.

14. Oktober 2017

Dem Massenandrang des Vorjahres folgt heute die Kleinversammlung im allerengsten Kreis, wir könnten Doppelkopf spielen und niemand müsste aussetzen. Teile der vorjährig versammelten Fest-Gemeinde genießen in Sardinien einen sommerlichen Urlaub, Überraschungsgäste werden keine kommen. Die Weinfolge des Abends liegt fest, die Speisenfolge natürlich auch, nur unterliegt sie nicht meiner Zuständigkeit. Den vierzigsten Geburtstag der heutigen Jubilarin verbrachten wir in Premeno am Lago Maggiore. Zum Geburtstag vor zwanzig Jahren klemmte ich einen Termin in Schmiedefeld. Der Hermes-Bote weiß längst, dass er mit dem Fahrstuhl zu mir kommen kann, der Postbote geht davon aus, dass ich nach unten komme, weshalb die Post gern die Gebühren erhöht. Ich staple die Pakete neben meiner Wohnungstür am Boden und die Mitbewohner, die nie da sind, wenn die Post kommt, zeigen mir ihre Benachrichtigungskarte, wenn ich meine Tür öffne. Passt so.

13. Oktober 2017

Eine Reprise der anderen Art: Gestern im Bozen-Krimi lange Sequenzen aus der Franzensfeste, die wir am 4. Juni vorigen Jahres in aller Ausführlichkeit besichtigten. Sofort der Wunsch, Alto Adige wieder zu sehen, wir müssen nicht auf die Malediven, ehe sie versunken sind. Sie können ohne uns ebenso gut versinken. Vielleicht würde ich gern beim Tauchen einer satten Seekuh begegnen, aber ich tauche nicht, ich fliege nicht und die Seekühe sind ohnehin nie da, wo ich bin. Nur einmal in einem Zoo sah ich eine, die seltsamerweise grünen Salat mampfte. Wäre es wenigstens Eisbergsalat gewesen, des Kontrastes wegen, aber so. Ob die USA und Israel von der Welterbe-Liste der Unesco gestrichen werden müssen, kann ich mangels Satzungskenntnis nicht sagen, ich würde sie streichen. Will man ein deutschlandweit beachteter Ost-Experte werden, muss man aus dem Westen kommen oder aus der CDU austreten nach 25 Jahren, bei Frank Richter (Dresden) jedenfalls hat es geklappt.

12. Oktober 2017

Der heutige Welttag der Sehkraft wird in einigen Gegenden auch als Tag der Zweitbrille begangen oder als Tag des Optikerschaufensters. In Fußgängerzonen mit mehr als fünf Optikern pro 400 Meter Gesamtlänge stehen junge Damen, die noch schöner aussehen als die Damen auf den großen Fotos mit den modischen Brillen und verteilen Einweg-Brillenputztücher mit antifaschistischem Aufdruck: Sehkraft statt Störkraft. Nie war das Brillenputzen so engagiert wie heute. Das Gespräch über Mütter führt immer öfter zu der Frage, warum Methusalem eigentlich ein Mann war. Und der Folgefrage, ob die Evangelisten und ihre persönlichen Mitarbeiter eventuell gendermäßig doch eher von vorgestern waren oder sogar von vorvorgestern. Wie nahe das Jahresende schon ist, macht das Schauspiel Stuttgart mir klar, indem es mir den Dezemberspielplan zuschickt, wo aus Trier eben noch der November im grauen Umschlag im Briefkasten lag. Auch der 20. Oktober rückt näher.

11. Oktober 2017

Am 11. Oktober 1800 beendete Heinrich von Kleist seinen letzten Brief aus Würzburg: „Aber keine Erscheinung in der Natur kann mir eine so wehmüthige Freude abgewinnen, als ein Gewitter am Morgen, besonders wenn es ausgedonnert hat.“ Ich entdecke in etlichen Kleistbüchern Lesezeichen, die dort stecken, wo ich 2011 weiterlesen wollte und es dann nicht tat. Immerhin ist die neue und sofort vertraute Gefilde bringende Lektüre ein anderer Genuss, als dem Tod von Uwe Barschel nachzusinnen, dem 3sat gestern den halben Abend widmete. Am 11. Oktober 1971 kam John Lennons „Imagine“ in die Plattenläden, die Tonband-Kassette (was war das denn?) gleichen Titels hörte ich bis zum finalen Bandsalat auf meinem Billig-Recorder aus dem Altbundesgebiet (Westen) oft und öfter. Von Käthe Gold wusste ich damals noch nichts und heute auch nicht sehr viel mehr. Als sie starb, lag der Marsch schon 10 Jahre zurück, wegen dem heute auch „Coming Out Day“ ist.

10. Oktober 2017

Weil sich heute der Todestag von Marie Luise Kaschnitz jährt, habe ich aus dem Dateiordner für ein Buch, das auf der Zielgeraden verstarb, eine Datei herausgelöst und sie meiner Rubrik ALTE SACHEN anvertraut. Ich fand sogar noch einen kleinen Fehler, der ins Buch gerutscht wäre, wäre das Buch denn zur Endfertigung gelangt. Andere Elemente des Buches, das keins wurde, haben Asyl gefunden im Manuskript eines Buches, das eins wird und den Markt wohl noch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft erreichen könnte, wenn alles klappt. Das waren die Konjunktive. Morgen feiern wir einen 89. Geburtstag im kleinen Kreis, die Jubilarin traf am Sonnabend Kolleginnen, die die 90 bereits erreicht haben, zwei an der Zahl. Auch die Schülerinnen der ehemaligen Lehrerinnen hören nicht mehr wie früher, vor allem, wenn im Saal an die hundert Stimmen durcheinander gehen. Heute vor exakt 200 Jahren, Freunde zu Rudolstadt, weilte Johann Wolfgang auf der Heidecksburg.

9. Oktober 2017

Wie viele Uralt-Linke werden heute, von Tränen überwältigt, in ihr uraltes allererstes Che-Guevara-T-Shirt schluchzen, längst so ausgewaschen, dass jede heftigere Herausnahme aus dem Reliquien-Schrein des Hauses die drohende Pulverisierung näher bringt? Und das am Welt-Posttag, zu dem die Deutsche Post vorauseilend eine Erhöhung des Briefportos ankündigte! Am 9. Oktober 1967 starb außer unser aller Ernesto übrigens auch André Maurois, von dem ich genau doppelt so viele Bücher besitze wie von Che: nämlich zwei. Mein Che-Buch aus dem Haus Reclam heißt „Episoden aus dem Revolutionskrieg“, meine Maurois-Bücher heißen „Prometheus oder Das Leben Balzacs“ und „Die drei Dumas“. Ich habe nach dem zehnten Qualifikationssieg unserer Ballfüßler noch Jogi seinen Espresso schlürfen sehen, einen Blick auf die leere Flasche Gelber Muskateller von den Terassen Langenlois geworfen und einen Spätburgunder vom Main aufgeschraubt, lecker, lecker.

8. Oktober 2017

Die Namen Kleist und Dauthendey fielen nicht, dafür aber der von Leonhard Frank. Und der von Goethe. Denn dieser verteufelte Goethe entdeckte, als er daselbst weilte, weiland den Würzburger Stein. Von ihm ließ er sich massig Flaschen gen Weimar senden, Stadtführer Schorsch zitierte einen Brief an Frau von Stein, die einschlägige Literatur einen an Christiane. Außerdem ist Würzburg noch eine Stadt, die von unseren späteren britischen Freunden binnen 20 Minuten fast vollkommen ausgelöscht wurde. Im Rathaus steht ein Modell, wie die Stadt nach diesem 16. März 1945 aussah. Ich weiß nicht, ob es dort auch schon linke Schmierereien gab wie in Ilmenau: Bomber-Harris, do it again! Wir sind auf dem Main gefahren, haben Main-Kormorane gesehen, Silvaner getrunken, manche tranken Rotling. Ich weiß nun, was Schäufele ist. Heute lassen wir es ruhig angehen, das Kistchen Bocksbeutel wandert in den Keller, der Spätburgunder aus Thüngersheim bleibt griffnah.

7. Oktober 2017

Im Theater Hof gibt es heute eine Premiere von „Dantons Tod“, im Mainfranken Theater Würzburg gibt es auch eine Premiere: „Cosi fan tutte“. Wir sind weder bei der einen noch bei der anderen, wohl aber in Würzburg. Daselbst werden wir uns eine Stadtführung „Unterwegs mit dem Schorsch“ antun und dann auch noch ein wenig individuell umherschleichen, ehe wir dann fränkischen Wein verkosten fahren. Wann immer wir an Würzburg vorbeifuhren, das geschah in beiden Richtungen sehr oft, sahen wir, dass das Schild mit dem Sperrhinweis für die B 19 noch immer stand. Vielleicht stand das sogar schon, als 1800 Heinrich von Kleist seine geheimnisvolle Reise nach Würzburg absolvierte, die zu den beliebtesten Spezialthemen der allgemeinen Kleistologie gehört. Mal sehen, ob der Schorsch was von Max Dauthendey sagt, der ja auch sehr eng mit Würzburg verbunden war. Erst kürzlich las ich etliche seiner Briefe, die Hermann Gerstner 1958 erstmals veröffentlichte.

6. Oktober 2017

Immerhin: Mein ältestes Archivstück zum neuen Nobelpreisträger für Literatur trägt das Datum vom 24. November 2000. Da aber gerade Great Britain noch auf diversen Stapeln der Sortierung harrt, kann ich zu Kazuo Ishiguro keine verbindlichen Aussagen machen, meine ausgedruckten und ausgeschnittenen Bestände in Summe betreffend. Sicher weiß ich: Ich besitze weder ein Buch von ihm, noch habe ich je eine Zeile von ihm gelesen. Vielleicht sehe ich ja nun bald mal einen seiner Romane auf dem Spielplan eines unserer Theater, dann gehe ich selbstverständlich nicht hin. Da die so genannten Experten überrascht waren, aber nicht unzufrieden, will auch ich nicht unzufrieden sein. Überrascht war ich gestern bereits früher: Als mir der Busfahrer der Stadtlinie nur einen Euro abkassierte statt der 1,30, die es sonst kostet. Es war Ein-Euro-Tag, von dem sogar morgens im Radio gesprochen wurde, nur höre ich leider morgens kein Radio. Was hätte ich fahren können!


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