Tagebuch

29. März 2020

Weil ich mir eigens eine Vormerknotiz in meinen Kalender schrieb, folge ich ihr. Am 29. März 1995 hatte meine liebe Gattin die sehr undankbare Aufgabe, mich nach Suhl zu transportieren, von wo ich mit diversen Kollegen nach Frankfurt am Main transportiert werden sollte, um mit dem ersten Flug meines Lebens nach Barcelona zu fliegen. Unglücklicherweise war dieser 29. März vor 25 Jahren Tag einer Schneekatastrophe, alle kamen überall zu spät, wir schließlich auch zum Flugplatz und mussten deshalb ungeplant mit dem Bus Richtung Lloret de Mar fahren, wohin unsere noble Firma eine so genannte Pressereise organisiert hatte. Zur Tarnung waren etwa ein halbes Dutzend Journalisten aus dem Haus dabei, der Rest kam aus Geschäftsführung und Verwaltung, ich besitze die Teilnehmerliste noch und könnte es belegen. Ich teilte mein Doppelzimmer mit Knut Wagner, dessen Roman „Prinz Homburg und die Schwalben“ (1981) leider sein einziger geblieben ist.

28. März 2020

Nun habe auch ich ihn gesehen: meinen ersten Menschen mit Mundschutz auf offener Straße. Er hatte sich einen Coffee to go aus der Tankstelle geholt und bewegte sich nun mit seiner gewohnten Grundgeschwindigkeit wegwärts, vermutlich in Richtung seiner Garage. Ich beschreibe diese Grundgeschwindigkeit gern vergleichend, indem ich sage: Mit dem Tempo schaffst du es nicht zur Fluchttreppe, wenn es im Altersheim brennt. Das ist natürlich ein wirklich schlimmer Vergleich und ich schäme mich ziemlich regelmäßig, wenn ich ihn verwendet habe. Und überlege zeitgleich, wie man mit Mundschutz aus dem Pappbecher trinkt. Gut. Sophie Mereau ist in manchen Quellen am 27. März 1770 geboren, in manchen am 28. März 1770, und einige ganz pfiffige Quellen schreiben: am 27. oder 28. März. Fünf ihrer sechs Kinder sind vor ihr gestorben, bei der Geburt des sechsten starb sie selbst, es war auch schon tot, als es zur Welt kam. So war das früher: Tod durch Geburt.

27. März 2020

Der Schrittzähler, den ich anfassen darf, ohne vorher meine Hand desinfiziert zu haben, zeigt heute erstmals wieder eine fünfstellige Zahl. Erwandert auf der Bücheloher Straße bis zum Baumarkt und wieder zurück. Es gibt zugegebenermaßen schönere Strecken, aber an einem solchen Freitag, da ich tatsächlich noch mit meinem zweiten großen Heinrich Mann fertig wurde rechtzeitig zu seinem 149. Geburtstag, zugleich zum 41. Todestag von Alfred Kantorowicz, den ich gleich mit durch den Wolf drehte, sind selbst Radwege an Bundesstraßen, zumal ohne Radfahrer, durchaus angenehme Wege. Natürlich ist mir auch bewusst, dass heute schon wieder ein halbes Jahr vergangen ist, seit meine Mutter starb. Noch immer sind Haufen in unseren Zimmern, die es nicht gäbe, hätte es keinen Nachlass zu regeln gegeben. Die werden auch so schnell nicht verschwinden. Was unverdrossen funktioniert, sind die Rechnungslegungen unserer Zahnärzte, die vorläufig vorletzte lag im Kasten.

26. März 2020

Da auch Geburtstagsfeiern Ansammlungen von mehr als zwei Personen sind, müssen wir die von heute auf übermorgen verschobene Festlichkeit entfallen lassen. Laut Grundgesetz sind Personen auch jene Familienmitglieder, die nicht unter einem Dach wohnen, was davon unabhängig gilt, ob sie tatsächlich unterm Dach wohnen oder Parterre oder Einlieger sind. Man kann freilich anrufen, denn CoVid, so das Bundesamt für drahtlose Telefonie, wird nicht per Handy übertragen. Mit dem Feinstaub dagegen soll es klappen, hörte ich. Am Morgen erstmals Abstandsschlange beim Bäcker, drinnen Arbeitsteilung: eine Frau an der Kasse, eine wirft die Backwaren in die Tüten und Beutel. Zum Zeitungsstand darf ich ohne Einkaufswagen, vor mir ein altes Paar, welches die Notwendigkeit separater Einkaufswagen nicht verstehen will: sie dienen der einfachen Zählung: wer keinen mehr bekommt, muss warten. Denn mehr als 200 dürfen nicht rein. Corona-Mathematik mit viel Sinn.

25. März 2020

Paare, die gemeinsam einkaufen wollen, werden neuerdings gezwungen, zwei Wagen zu nehmen wegen des Abstand wahrenden Effekts. Wer also gegen Feierabend nur noch einmal rasch fünf Scheiben abgepacktes Brot holen will und einen Kohlrabi, der sollte das allein tun, zumal der Kohlrabi mit Karte bezahlt werden muss. Aus der Qualitätspresse erfahre ich, dass es Menschen gibt, die mit dem Wort Prepper bezeichnet werden, es gibt sogar eine Prepper-Szene, die sich in verschiedenen Internet-Foren darüber austauscht, wie man unauffällig Nudeln hamstert, ohne auch die Vollkornnudeln mitnehmen zu müssen. Der Prepper bereitet sich auf den Tag X vor, der sich unter den Bedingungen von Corona zum Halbjahr X ausweitet, weshalb er viel mehr Vorrat braucht, als wenn nur ein Atomkrieg ausbräche. Greta Thunberg hat vorsorglich melden lassen, sie könnte vom Virus befallen sein, brachte es damit aber nicht mehr auf eine Titelseite. Alldays Past Perfect.

24. März 2020

Am 24. März 1952 trug Martin Walser in sein Tagebuch ein: „Aufnahme: Die Dummen, Musik von Otto-Erich Schilling, Spielleitung hat Frau Schimmel.“ Es handelt sich um sein erstes eigenes Hörspiel, es war sein 25. Geburtstag. Mit Hörspielen verdiente man in den ersten Jahren nach dem Krieg mehr als mit Büchern. Heute ist sein 93. Geburtstag, Walser lebt nicht nur immer noch, er schreibt auch: Buch um Buch, Buch um Buch. Vor allem Kritikerinnen neigen dazu, ihn nur noch mild oder bissig zu belächeln. Fair ist das nicht, aber den Damen macht es Spaß. Die Zahl meiner Walser-Bücher bewegt sich langsam in Richtung 60, die über ihn eingerechnet. Was ich über sein „Heimatlos“ schrieb, was über „In Goethes Hand“, ist noch nachlesbar, 2013 und 2017, aber doch schon eine Weile her. Die DDR mochte ihn, als er sich in der Nähe der DKP bewegte, im Westen mochte man ihn erst wieder, als er diese Phase hinter sich hatte. Unzufrieden ist immer jemand.

23. März 2020

Dass ich in Detlef Ignasiaks „Das literarische Ilmenau“ fehle, ist blöd für mich, aber ich bin auch nicht von Schiller gefördert worden und keines meiner Gedichte ist je in den „Horen“ erschienen. Dass Sophie Mereau in Detlef Ignasiaks „Das literarische Jena“ fehlt, ist blöd für Detlef Ignasiak, denn Sophie zog nach der Heirat mit Karl Mereau 1794 nach Jena, hörte dort als einzige weibliche Hörerin Fichte und studierte auch Kant, wurde später noch Gattin von Clemens Brentano. Am kommenden Sonnabend hätten alle Mereau-Freunde in Jena die Eröffnung des Thüringer Mereau-Jahres erleben können, wenn, ja wenn nicht dieser seltsame Kleinbursche aus China unser Leben lahm legen würde. Angeblich, hörte ich heute aus dem Fake-News-Universum, werden derzeit mehr Bücher gekauft als vor dem Virus. Ob Sophie Mereau Nachfrage hat, weiß ich nicht, ist aber auch gar nicht schlimm, ihre beiden Romane gibt es auf CD-ROM (die man natürlich besitzen müsste).

22. März 2020

Gut, zu zweit dürfen wir noch raus, deshalb sind wir heute die größte Biege seit meinem Geburtstag gemeinsam gelaufen, knapp fünf Kilometer. Außer Menschen mit Hunden begegnete uns niemand. Am Abend erfahren wir aus dem stets wohl unterrichteten Netz und seinen Zulieferern, dass in Neustadt am Rennsteig die Bürgersteige eingerollt werden müssen. Mein Besuch beim Schlachtfest dort war vorläufig der letzte. Die Sommerspiele werden möglicherwiese in den Winter verlegt und es ist nicht sicher, ob die Weitspringer rechtzeitig auf Skifliegen umgeschult werden können. Im Netz kursieren mittlerweile die lustigsten Dinge. Das Gebührenfernsehen hat sich entschieden, statt Sondersendungen, die zur Hälfte aus dem bestehen, was eben in den Hauptnachrichten zu sehen war, die Hauptnachrichten einfach zu verlängern. Die Bilder von den Militärfahrzeugen auf dem Weg zum Krematorium in Bergamo kommen heute bereits den dritten Tag, das spart Drehzeiten.

21. März 2020

Vom Sterben lesen ist keine schöne Morgenlektüre. Man muss nicht 67 sein, das zu empfinden. Von Marlen Haushofers Sterben zu lesen, war kaum vermeidbar, heute ist ihr fünfzigster Todestag. Für sie verstieß ich sogar gegen mein eigenes Bestell-Moratorium, wollte ihre beiden Kinderbücher „Brav sein ist schwer“ und „Schlimm sein ist auch kein Vergnügen“ unbedingt besitzen. Es ist wie früher, als man Bücher nach Bildern durchblätterte und enttäuscht war, wenn es keine gab. Einer meiner Notizzettel aus diesen Tagen enthält einen ungenutzten Anfang: „Manchmal ist das frühere Früher viel schöner als das spätere Früher, das man noch selbst erlebt hat.“ Heute wäre in Dresden die „Macbeth“-Premiere, Regie Christian Friedel, den ich mag wie kaum einen, seit ich ihn, auch in Dresden, im „Käthchen von Heilbronn“ sah. Das war 2010, als ich noch keine THEATERGÄNGE bedienen konnte, weshalb dort viel Schiller, viel Kleist einfach fehlt. Mit Corona kein Shakespeare.

20. März 2020

Heute ist natürlich der 250. Geburtstag von Hölderlin, der mir noch etwas fremder ist als Haiku-Dichtung aus dem fernen Osten in Originalsprache ohne Untertitel. Tut mir leid, mich auf diese Weise als Drops outen zu müssen, ich bin an den dicken Hölderlin-Büchern von Pierre Bertaux und Wolfgang Heise gescheitert wie an den Langzeilern des Meisters selbst, den unsere Helden an den Fronten angeblich in ihren Tornistern trugen. Also die Helden unserer Vorväter, will ich gemeint haben. Nun hat auch Rüdiger Safranski ein dickes Buch über Hölderlin geschrieben. Es wäre besser gewesen, er hätte es über Arthur Eloesser getan, der heute nur seinen 150. Geburtstag hat, aber noch kein einziges dickes Buch über sich. Aber mit alten jüdischen Theaterkritikern ist das so eine Sache: manche mögen sie, manche nicht. Ich mag sie. Wobei Eloesser auch gut 1200 Seiten zur deutschen Literaturgeschichte hinterlassen hat: bis Goethe und nach Goethe. Unser Goethe als Wasserscheide.

19. März 2020

Nein, Deutschland ist keinesfalls das Land der Dichter und Denker. Deutschland ist das Land der nichtdenkenden Vollidioten, die Corona-Parties feiern und das Land der Hamsterkäufer. Ich bin normalerweise an Donnerstagen nach dem Gang zum Bäcker (der wegen Mangels an Klopapier und Haferflocken-Sortimenten Normalbetrieb fahren kann) fast allein auf dem Parkdeck des Ilmenauer „Kauflands“. Vorige Woche stand erstmals ein blauer Kleinwagen auf meinen „Stammplatz“, den ich nur höchsten fünf Minuten brauche für meine Zeitungen. Heute wieder der kleine Blaue, aber das halbe Parkdeck voll und das 7.15 Uhr. Die Rolltreppe nach unten: normalerweise eile ich langen Schrittes auf ihr hinab: heute stehe ich hinter drei Wagenschiebern und während ich noch abwärts schleiche, rollen erste Wagen bepackt wie für eine sechsmonatige Nordpolexpedition aus dem Markt. Der Mann vor mir roch, als wäre ihm sein Duschgel kurz vor den Herbstferien ausgegangen.

18. März 2020

Als Erich Fromm am 18. März 1980 in Muralto in der Schweiz starb, ahnte ich nicht, dass einer meiner Mitstudenten, der sich in seiner Diplomarbeit mit Fromm beschäftigte, gleichzeitig ein sehr emsiger Zuträger für die grauen Kampfgenossen in der Berliner Normannenstraße war. Mich hatte es zwar immer gewundert, dass IM „Fischer“, wie er auf eigenen Wunsch geführt wurde, sich ausgerechnet mit diesem Mann beschäftigte, der der offiziellen Lehre nach untaugliche Versuche unternahm, Marxismus und Psychoanalyse zu vereinen, aber weitere Überlegungen stellte ich zum Sachverhalt nicht an. Als die DDR dann hinschied, kaufte ich mir als erstes Fromm-Buch „Die Kunst des Liebens“, in der verdienstvollen Gustav Kiepenheuer Bücherei als Band 96 erschienen. Später wuchs mein Erich-Fromm-Bestand auf solide 12 Bände an. „Trotz unserer tiefen Sehnsucht nach Liebe halten wir doch fast alles andere für wichtiger als diese“, schrieb er wohl mit Recht.


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