Tagebuch

18. September 2018

Reise-Rückblicksversicherung: den 18. September 1998 rollten wir zum zweiten und bisher letzten Mal zum Gardasee, Quartier in Garda und fußläufig nahe an Bardolino. Vor zwanzig Jahren war die Erinnerung an den ersten süffigen Bardolino, genossen bei einem Italiener in Arnstadt, den es schon bald nicht mehr gab, noch frisch, neugierig die Nachfrage, ob dergleichen auch zu kaufen sei. Da hatte ein sehr bald seine Ausgangsqualität verlierender tiefer gelegter blaugelber Discounter am Wollmarkt noch ein fast berauschendes Weinsortiment, das aber nie erneuert wurde. Wir bezogen Zimmer 8 im Hotel „Miravalli“, das war für seine drei Sterne ganz anständig ausgestattet, wenn auch ohne Seeblick. Zehn Jahre später genossen wir einen letzten schönen Tag mit Blick auf die Oosterschelde bei Ebbe auf Suche nach einem schönen Ferienhaus für weitere Besuche um diese Zeit. Es rede niemand gegen September-Urlaube, die nicht nach Süden gehen. Westen geht auch.

17. September 2018

Schwer zu sagen, warum die Verantwortlichen des ARD-Videotextes die Kette von Fehlleistungen nie abreißen lassen. Heute wird des am 17. September 1948 in der Nähe von Ascona gestorbenen deutsch-jüdischen Schriftstellers Emil Ludwig gedacht, der einst Millionenauflagen hatte, der das Attentat auf den Schweizer Nazi Wilhelm Gustloff öffentlich begrüßte und dafür in seinem Exilland quasi Veröffentlichungsverbot bekam, der später Präsident Roosevelt beriet. So weit, so wichtig. Warum aber wird ihm eine Shakespeare-Biographie untergejubelt, die er nie geschrieben hat? Die akademischen Historiker mochten Ludwig nicht, der auch mit Walther Rathenau befreundet, dessen 150. Geburtstag im 2017 eher nicht begangen wurde. Vielleicht wartet man ja auf das Jubiläum seiner Ermordung. Rechtsradikale erledigten das am 24. Juni 1922, es bleibt also Vorbereitungszeit. Mit Franz Werfels „Troerinnen“ schloss ich heute den Themenkomplex vorerst ab, Neugier bleibt.

16. September 2018

Wenn man beim alten Fontane liest, wie genau damals die Postwege kalkulierbar waren, er konnte seiner Gattin Emilie genau auftragen, wann sie zu schreiben hatte, damit er den Brief an dem und dem Tag in den Händen hatte, dann ist man noch mehr im Zweifel an der Gegenwart als sonst. Gestern zum Beispiel schaffte die Vertretungszustellerin ihren Bezirk nicht, an dessen Ende wohl meine Straße liegt, ich hatte gar keine Post, auch nicht jenes an Sonnabenden erscheinende Magazin aus Hamburg, das früher immer am Montag kam, als die gelbe Post sonst nichts zuzustellen hatte und bisweilen schon gegen 9 Uhr die Briefkastendeckeln klappern ließ. Ein Nachrichtenmagazin, das zwei Tage später im Kasten liegt, ist ein Witz in sich und die gelbe Post, die ihre Mitarbeiter überfordert, noch mehr. Heute sah ich mir am Nachmittag an, was aus dem geplanten „Wiener Kaffee“ im alten „Lindenhof“ geworden ist: ein Backshop. Thema verfehlt, nennt man dergleichen.

15. September 2018

Zum „Tag des Friedhofs“ passt das Wort der Hekabe in der deutschen Fassung von Dietrich Ebener: „Den Abgeschiednen, glaube ich, liegt wenig dran, ob ihnen eine prächtige Bestattung winkt. Das ist nur eitler Prunk der Überlebenden.“ Das Statement des Euripides wird nicht zum Marketingpool des Bestattungswesens passen, nach dem Trojanischen Krieg durfte man zweifelfrei so denken. In Berlin oder wo auch immer begeht mein Alt-Freund Christoph heute seinen 64. Geburtstag, wozu ich ihm alles erdenklich Gute wünsche inklusive eines erfüllten neuen Ehelebens. Vom Original bin ich inzwischen zu Jean-Paul Sartre übergegangen, der sich wie vor ihm schon Franz Werfel 1914 ebenfalls den Troerinnen widmete. Die mir bekannten Sartre-Biographen halten sich bei diesem späten Bühnenwerk nicht lange auf oder ignorieren es ganz und gar. Umso mehr freue ich mich auf die Spielfassung, die das Staatstheater in Meiningen dem ganzen gibt am kommenden Donnerstag.

14. September 2018

Am 14. September 2019 hat Alexander von Humboldt seinen 250. Geburtstag, der berühmteste Selbsteinwechsler der Fußballgeschichte seinen 75. Die Gedenkwirtschaft entwirft vermutlich bereits auf den Flip-Charts ihrer obersten Etagen die entsprechenden Events. Hätte Netzer nicht das Siegtor geschossen, wäre ein Narrativ, endlich mal dieses Wort, nicht in die Welt geraten. So aber, und noch dazu am Tag der Tropenwälder, erinnern wir uns dieser beispiellosen Disziplinlosigkeit mit wohligem Schauer: Er hats gewagt! Nein, das war Ulrich von Hutten, aber wen kümmerts. Vor zehn Jahren besuchten wir Middelburg, sahen die Stadt zuerst als Miniatur im Zentrum, dann in Natur, zweite Tagesstation Veere mit Reminiszenzen an den ersten Trip dorthin von Port Zelande aus, ich fotografierte gefrorene Spinnweben und die ersten Holzschuhe vor einem Souvenir-Shop. Heute als Kontrastprogramm zum Fontane ein wenig Euripides, „Die Troerinnen“. Ach, Kassandra.

13. September 2018

Meine Krankenversicherung schickt mir eine neue Gesundheitskarte mit der Aufforderung, die alte zu vernichten, mein Zahnarzt schickt mir eine Terminkette, der ich zustimmen soll, die Kasse wird dazu weniger beitragen als die Zusatzversicherung und die Zusatzversicherung wird im besten Falle die Hälfte zahlen, was ich dann irgendwann unter die besonderen Belastungen schlage, wenn es an die Steuererklärung des Rentnerpaares geht, dem ich angehören werde, nachdem ich ein paar Monate ganz allein der Rentner im Paar bin. Immerhin drei Euro habe ich in der Wachau schon gespart durch Seniorentarife, wenn ich das viele Jahre durchhalte, kann ich mir davon einen halben neuen Zahn leisten. Weil er heute vor 90 Jahren starb, las ich ein wenig über Italo Svevo mit dem Effekt, nach Venedig nun endlich auch einmal Triest sehen zu wollen. Nicht weniger als 4 Fontane-Dateien erlebten heute Wachstum, die Empörten im Fernsehen sind immer noch empört. Empörend.

12. September 2018

Noch ein Reiserückblick: am 12. September 2008 verließen wir Kutzenhausen im nördlichen Elsass zu einer der merkwürdigsten Autofahrten, die wir uns je auferlegten. Ich, der Schuldige, hatte die Entfernung zur holländischen Insel Zeeland leichtsinnig unterschätzt, noch mehr die Streckenart zwischen Start und Ziel, so dass wir am Ende über seltsame Waldpisten, die sich B 38, dann B 48 nannten, über eine Autobahn hinter Kaiserslautern ohne jede Infrastruktur, keine Raststätte, keine Tankstellen, kein Autohof, um die sieben Stunden brauchten bis zu unserem Haus Nummer 133, vor dem zwar nur das Ausladen erlaubt war, aber trotzdem gleich drei offenbar des Lesens unkundige Blödgermanen mit KLE-Kennzeichen alles blockierten. Zeeland wurde dennoch wunderschön, wir hatten den Denkmaltag dabei und sahen viel, was man sonst nie sieht. Heute schon wieder einen Fontane beendet, den dritten in Folge. Man muss älter sein, um den Alten nachhaltig zu entdecken.

11. September 2018

Es hätte mich auch Ulrich Bräker beschäftigen können heute, „Der arme Mann im Tockenburg“, der am 11. September 1798 in Wattwil zu seiner letzten Ruhe gebettet wurde. Sein Shakespeare-Buch verleitet mich in größeren Abständen immer wieder einmal zum Blättern und Festlesen. 2002 sah ich Lichtensteig, wo Bräker Mitglied der Reformierten Moralischen Gesellschaft wurde, und die ehemalige Grafschaft Toggenburg natürlich auch, wir hatten herrlichen Panoramen von Wildhaus aus. So aber saß ich den ganzen Vormittag über Theodor Fontane. Wenn ein Anfang geschrieben ist, wäre es Frevel, nicht fortzusetzen und nun muss ich nur noch Korrektur lesen, das lasse ich mir für morgen. Während des Schreibens stieß ich auf einen Text eines Ex-Kollegen, der eine Weile für die THÜRINGER ALLGEMEINE in Ilmenau arbeitete und in Elgersburg wohnte, wenn ich mich recht erinnere. Er interessierte sich bisweilen für Scheibenwelten mehr als für einfache Feuerwehrfeste.

10. September 2018

Wie Montage nach Urlauben so sind: die Waschmaschine läuft, der leere Kühlschrank muss gefüllt werden, ich beende den zweiten Fontane, der mir schon vor dem Urlaub ein Thema lieferte zum Todestag am 20. September. Es gibt Kabeljau mit Risi-Bisi nach all den Heurigen-Jausen von sieben Tagen in Folge. Unter den Mails der Urlaubswoche eine mit der Todesnachricht von Heiner Timmermann. Ich war, ich musste nachzählen, nicht weniger als achtmal mit ihm in Brüssel, wir standen phasenweise in einem beinahe freundschaftlichen Austausch, immer wieder kamen von ihm freundliche Einladungen, nur die Brüssel-Reisen gab es plötzlich nicht mehr ins Hotel in der Chaussee de Mons. Meine letzte ist 14 Jahre her. Trauerfeier in Nonnweiler am Freitag, als wir eben vor Andy Warhols Mao-Porträt standen. Er trug stets breitkrempige dunkle Hüte, Langmäntel, und sprach, als wäre er ein fast akzentfrei redender Ausländer schwer zu definierender Muttersprache.

9. September 2018

Nachtrag: Wir verlassen Weißenkirchen zeitig im Gedanken an die Grenzkontrollen, 9.11 Uhr rollen wir ab, 10.58 Uhr passieren wir die Grenze, 11.11 Uhr haben wir den Kontroll-Stau hinter uns. Die Unterschiede in den Benzinpreisen sind krass wie selten: 40 Cent pro Liter weniger in Spitz als an der deutschen Autobahn. Zu Hause im Keller die Rekord-Bilanz: ich habe nicht weniger als 26 verschiedene Gelbe Muskateller gesammelt, dazu natürlich ein paar Veltliner, Gemischten Satz, das wird ein Weilchen reichen. Im Loisium in diesem Jahr das volle Kamptal-Spektrum, in Krems das Kremstal. Mehr moderne Kunst hatten wir nie, dabei eine Reminiszenz an „Das Magazin“ früher DDR-Zeiten. Von eben jenem Yves Klein, der das Markenzeichen Monochrom-Blau hatte, sah ich endlich einen der Akt-Rollabdrucke, die mit seinem Blau bepinselte nackte Frauen Ende der 50er Jahre erzeugten vor laufenden Kameras, mir DDR-Leser als Skandal dekadenter Kunst vorgestellt.

8. September 2018

Nachtrag: Wie für uns zum Abschied gemacht ein spätes Feuerwerk an der Donau, als wir vom Weixelbaum schon wieder zu Hause sind. Frau Bernhard hat uns die Kiste mit dem bestellten Wein auf den Tresen gestellt, wir tragen die Bestände zum Kofferraum, es ist über Nacht dort kühler als im „Mariandl“. Am Vormittag die letzte Rate Kunst in Krems. „Eva und die Zukunft“ heißt die Ausstellung im Forum Frohner, wir nehmen das Ernst Krenek Forum auch gleich noch mit, weil mir eine dunkle Erinnerung an Joseph Roth dabei kommt, mit der ich mich nicht täusche. Zu sehen ist auch Ernst Kreneks Emigrationskoffer. Auf dem Rückweg ein kurzer Aufenthalt in Dürnstein, eine Kostprobe Wieser Bitter, Marillenknödel und Kürbissuppe. Ein halbes Jahr wird der Tunnel gesperrt sein, es wird eigens eine provisorische Umfahrungsstraße gebaut. Wenn wir 2019 wieder hier sind, ist alles Geschichte. Ich beende das mitgebrachte Fontane-Buch mit seinen Italien-Impressionen.

7. September 2018

Nachtrag: die zweite Rate Kunst in Krems. Hubert Looser, Schweizer mit dem Vorbild Ernst Beyeler und im April 80 Jahre alt geworden, zeigt aus seiner privaten Sammlung Skulpturen und Arbeiten auf Papier. Der Flyer wirbt mit den Namen Picasso, Warhol und Gorky, letzterer mit dem Vornamen Arshile war mir bis dato vollkommen unbekannt. Nicht so Henri Matisse, A. R. Penck, Meret Oppenheim, Willem de Kooning oder Cy Twombly. Man sitzt seltsam berührt vor diesem Schweizer, der erzählt, wie seine Sammlung entstand. Von Geld ist nie die Rede. Wer aber kann von sich sagen, er habe dann bei Giuseppe Penone angerufen und gefragt, ob der bei ihm zwei Säle füllen würde. Von Eva Schlegels „Spaces“ liefen wir zur Dominikanerkirche wegen ihrer Spiegel-Installation und sahen dort gleich noch den „Kremser Schmidt“, dessen 300. Geburtstag 2018 ist. „Geschichten aus dem Wiener Wald“ sehenswert mit Amateuren dabei. Vorher kurz Weixelbaum.


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