Tagebuch

17. August 2017

Noch ein Rückblick: der 17. August 1997 war unser erster Tag nach der Anreise aus Norwegen im dänischen Hune. Neu für uns: man kann mit dem Auto auf den superbreiten Strand fahren, die Dänen tun es und lassen sich unmittelbar neben den Türen ihrer Wagen in den feinen Sand gleiten. Am Tranum-Strand sehen wir Sandskulpturen, ich habe die schönsten unter strahlend blauem Himmel fotografiert. Vor unserem riesigen Ferienhaus steht ein rotes Auto mit dem Kennzeichen IK EU 53, das mir später gestohlen wurde. Nur unser Haus in Sandkaas auf Bornholm war noch größer. Zehn Jahre vergingen nach Hune, ehe wir wieder nach Dänemark reisten, nach Aabenraa auf Jütland. Am Tranum-Strand fotografierte ich ein Foto-Shooting mit russischen Artisten, die dort gerade im Zirkus „Charlie“ ein Gastspiel gaben. Fünf Wochen nur verbrachte ich insgesamt in Dänemark, wenig im Vergleich mit anderen Ländern, in Ungarn allein mehr als ein halbes Jahr.

16. August 2017

Elvis lebt. Wer das Gegenteil behauptet, nur weil das Fachmagazin für tote Elvisse behauptet, er sei am 16. August 1977 gestorben, beweist lediglich seine alberne Faktengläubigkeit. Ich jedenfalls habe Elvis gerade erst gesehen zum Lichterfest auf der ega in Erfurt. Er kuschelte sich an seinen Opa Holger, er aß Gummibären, Eis und Nudeln. Fast immer in seiner Nähe der von Rose Tatoo her sehr bekannte Fast Eddie, er hüpfte, schaute sich streichelbare Ziegen an, erklomm tapfer den Aussichtsturm, von dem man, wie soll ich sagen, ganz Erfurt sieht und sogar etwas von Weimar. Stichwort Weimar. Eine abhängige Enthüllungsplattform offenbarte ihrer zahlreichen Leserschaft gestern, Ute Freudenberg sei Mitglied der SED gewesen, bevor sie 1984 in Hamburg blieb, was Hamburg bis heute nicht wirklich verkraftet hat. Ute Freudenberg ist nicht zu verwechseln mit Cindy Jammertal, die ist fast drei Jahre jünger und singt, wenn überhaupt, nur in der Badewanne.

15. August 2017

„Als ich nach gut vier Stunden das Museum verließ, hatte ich drei Viertel des 19. Jahrhunderts, die untersten beiden Etagen des 20. Jahrhunderts und die Skulpturen nicht gesehen, dafür aber sehr große Bestände Magritte, kleine von Paul Delvaux, viel Rubens, wunderbare Brueghels, einen mir bis dato völlig unbekannten Abel Grimmen.“ So steht es im Tagebuch vom 20. November 2001 und es war tatsächlich schon meine achte Brüssel-Reise, da ich mir endlich Zeit nahm fürs Königliche Museum der schönen Künste, an dem ich sonst immer nur vorbei marschiert war Richtung Palais de Justice. Ich habe gekramt, weil heute der 50. Todestag von René Magritte ist und ich Paul Delvaux immer noch lieber mag als ihn. Vor 20 Jahren war Mariä Himmelfahrt ein Freitag, in Norwegen ohnehin nicht von Interesse. Wir aber hatten schon wieder unseren letzten Tag, drehten kleine Abschiedsrunden, beobachten kleinere Garnelen und größere Krabben in unserer kleinen Bucht.

14. August 2017

Ich hätte mich informieren können. So, da ich es versäumte, sehe ich heute mit fröhlichem Staunen, dass jener Macbeth, den es auf der Bühne gibt und auch wirklich gab in der fernen Geschichte, just an einem 14. August seinen Vorgänger Duncan tötete nahe Elgin. Es war 1040, es blieben noch ein paar Jahre Zeit bis zur Schlacht bei Hastings, deren Feld ich mir 2001 beinahe angesehen hätte trotz Linksverkehr dorthin von Ramsgate aus. Um dem Königreich treu zu bleiben, es muss nicht immer Brexit sein, streiche ich über die acht Buchrücken mit Titeln von John Galsworthy, die zwischen H. G. Wells und Arnold Bennett griffgünstig stehen. Eine mir sehr nahe stehende Persönlichkeit weiblichen Geschlechts las einst tapfer die ersten drei Bände der Forsythe-Saga, die drei helleren Fortsetzungsbände harren noch der Erstbesteigung. Galsworthy hat einen Tag nach Rudolf G. Binding seinen 150. Geburtstag. Ich werde ein Loblied auf Werner Mittenzwei singen müssen.

13. August 2017

Als das Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik mir einst im Bestreben, mich vielleicht als Experten-IM zu gewinnen, mit Maschine getippte anonyme Gedichte vorlegte, meine Meinung zu hören, waren es Gedichte, in denen das Wort Mauer vorkam. Ich nannte die Gedichte wahrheitsgemäß schlecht, weil sie es waren, was nicht am Wort Mauer lag. Das Wort Mauerblümchen zum Beispiel finde ich in Ordnung. Leider klappte es dann nicht mit meiner IM-Werdung und ich habe durchgängig ein gewisses inneres Kleingruseln, wenn ich alte Männer an den Hälsen von befreundeten Ur-IM hängen sehe, weil das eigentlich ganz nette Kerle waren, die angelegentlich mal eine Gefälligkeitskritik verfassten, wobei die hängenden Männer nicht selten Eigenerfahrungen mitbringen in ihre Anhänglichkeit an die Branche. Soweit mein Beitrag zum 13. August, den ich 1961 mangels Eigen-Alter noch nicht als nationale Katastrophe empfinden konnte.

12. August 2017

Das gestrige Novemberwetter verhinderte unsere Teilnahme an einem Sommerfest, zu dem wir herzlich und mehrfach eingeladen waren. Für heute sagen die Prognostiker leichte Besserungen voraus, über dem Kickelhahn und rundherum hängen jene Wolkengebilde, die unseren Urfreund Goethe zum Zeichner werden ließen, wenn es ihn nach Ilmenauischem gelüstete. Weil ein Sechstel der Weltbevölkerung zwischen 15 und 24 Jahren alt ist, ist heute der Internationale Tag der Jugend. An diesem Tag werden Jugendliche, die mit der Stirn gegen Lichtmasten gelaufen sind, weil sie den Blick von ihrem Smartphone nicht heben konnten, in allen staatlichen Krankenhäusern kostenlos behandelt. Wer in Hundescheiße lief aus nämlichen Gründen, muss sich vor öffentlichen Gebäuden nicht die Schuhe abtreten. Aus Afrika lernen wir: Wer die Wahl verliert, kann das Wahlergebnis anerkennen, muss aber nicht. Wer es nicht anerkennen möchte, muss das vorher bekanntgeben.

11. August 2017

Was gestern wieder alles los war: die E-Gitarre wurde 80, die Jethro-Tull-Flöte Ian Anderson 70, ich nicht einmal nass, als ich das Ende des Bäcker-Urlaubs mit dem ersten Gang seit drei Wochen für mich beendete, obwohl es nach Regen aussah. Der Mann, der mit seiner Krücke im Müll wühlt, wenn seine Frau mit dem Auto unterwegs ist, wühlte wieder, fand aber nichts, was er mit nach oben nehmen konnte. Ich archivierte ein wenig zwischen stupider Abschreiberei für meine Dateien, holte vorsorglich den dicken Werner Mittenzwei aus dem Regal: „Die Mentalität des ewigen Deutschen“, bei Faber & Faber erschienen. Es geht um nationalkonservative Dichter und den „Untergang einer Akademie“. Ich müsste lügen, wenn ich leugnen wollte, eine gewisse Neigung zu Untergängen zu haben, sonst würde ich nicht jedes Buch von Joseph Roth erjagen. Es muss nicht immer die Titanic sein, die untergeht, obwohl das mit dem Orchester natürlich etwas hat, das mit den Eisbergen auch.

10. August 2017

Wenn ich meine ihrem 89. Geburtstag entgegen strebende Mutter besuche, turne ich bisweilen im Auftrag auf Sesseln, Stühlen oder Regal-Untersätzen herum, um an sehr weit oben stehende Bücher zu gelangen, denn solche Übungen sollte man ab einem gewissen Alter nicht mehr absolvieren, man weiß, welche Schäden Stürze schon bei jüngeren Menschen bewirken können. Fünf Bände Curt Hotzel holte ich an einer Stelle herab, zwei weitere an einer anderen, stolze 2082 Seiten insgesamt, von denen ich 62 nach 1964 erstmals wieder las. Ich nahm auch ein uraltes Buch der guten Jutta Hecker mit: „Ich erinnere mich. Gespräche um Eckermann“. Falls ich Zeit finde, mein eigenes Schaffen als „persönl.Eckermann“ wie sonst auch für täglich dreiundzwanzigeinhalb Stunden zu unterbrechen, will ich der Frage nachgehen, ob Johann Peter hie und da mein Gefühl hatte, sich schämen zu müssen für seinen Götzen, wenn der wieder einmal vollkommen neben der Mütze war.

9. August 2017

Mein mir fast an Herz gewachsener Literatur-Kalender hat den neunten August nur als Todestag von Sergej Tretjakow, Hermann Hesse und José Lezama Lima, Ulrich Plenzdorf kam erst 2007 dazu, da waren mir diese Kalender längst zu teuer. Bei Tretjakow denke ich an meinen Freund Peter Ludewig und an Fritz Mierau, bei Hesse an mich selbst und Pförtnerdienste im Naturkundemuseum und bei Lezama Lima an grundlegenden Platzwechsel meiner lateinamerikanischen Buchbestände. Wo er früher stand, steht jetzt Hemingway. Hesses Todestag habe ich zum Anlass genommen, ein Buch von ihm zu lesen, das ich schon mehrfach aus dem Regal nahm. Es erschien zuerst 1904 und befindet sich in dreifacher Ausgabe in Griffnähe meines Drehstuhls am Schreibtisch und trägt den  Titel „Franz von Assisi“. Ein Professor bemängelte die hagiographische Schreibweise, er kannte wohl keine Menschen, die sich in den Dienst von etwas oder jemandem stellen. Schade für ihn.

8. August 2017

Natürlich musste ich nachschauen: beide Titel, „Zwei im Dezember“ und „Larifari und andere Erzählungen“ beendete ich am 18. Dezember 1980, damals schrieb ich meine Notizen noch recht oft mit Hand und Kugelschreiber. Das hatte zur Folge, dass ich nie nachkam, also nur Fragmente produzierte (mit Ausnahmen). Immerhin: auch Tagebuch schrieb ich bisweilen sehr ausführlich (und ganz anders, weil für keine Öffentlichkeit). Was mir über das Fragment hinaus noch zu Juri Kasakow notierenswert erschien, könnte ich dort nachschlagen. Es fehlt mir aber die Zeit, denn die alten Tagebücher sind an einem Sonderstandort verwahrt, den freizulegen gewisse Mühen kostet. Für den heutigen 90. Geburtstag dieses erstaunlichen Mannes habe ich mich einem Kinderbuch zugewandt, das ich damals noch nicht kannte, auch die paar Seiten Christa Wolf noch einmal gelesen, die flexibel einmal als Nachwort, einmal als Vorwort zum Einsatz kamen in der DDR.

7. August 2017

Vor zwanzig Jahren war der siebente August ein Donnerstag, nach einem Strandtag am Mittwoch fuhren wir nach Mandal, Fisch kaufen. Ich schleppte eine Menge norwegischer Biere mit auf dem Heimweg, wir tankten für 30 Mark mehr als zu Hause und sahen zu, wie große Taschenkrebse vom Leben zum Tode und dann auf Eis gebracht werden, damit sie bis zum Verkauf frisch bleiben. Einen Teller Schalentiere nahmen wir fürs Freitagsfrühstück mit, verschiedene Dip-Saucen dazu. „Vor zwanzig Jahren“ ist eine leicht beängstigende Formel, denn seither waren wir, obwohl wir es uns fest vorgenommen hatten, noch nicht wieder in Norwegen. Der Satz: „Das machen wir, wenn wir Rentner sind“, fällt immer öfter, die ersten Planungen für die ersten Aktionen gewinnen bereits Konturen. Weil er heute seinen 150. Geburtstag hat, schaute ich in meinen Beständen nach Emil Nolde. „Hier in Berlin ist es elend“, schrieb er 1907, für mehr reicht der Platz hier leider nicht.

6. August 2017

Die 38 Jahre junge SPIEGEL-ONLINE-Chefin Barbara Hans hat vermutlich nicht die Diplomarbeit meiner Tochter über „Diversity Management“ gelesen, an der Universität der Künste entstanden im kulturbrauereifreien Teil Berlins, dennoch ist Diversity jedes dritte bis sechste Wort in ihrem höchst lesenswerten Statement „Tschüss, selbstgefällige Breitbeinigkeit“, in dem sie über die Krise des Journalismus nachdenkt und sehr prägnant Defizite benennt (JOURNALIST 08/2017). Zwei Dinge fehlen mir bei ihr: der Hinweis auf eine Wochenschrift, die eher als alle anderen Qualitätsblätter das eigene Tun erkennbar systematisch, nicht sporadisch anlässlich von Skandalen, problematisierte: die Hamburger ZEIT. Und die Erwähnung einer ausgeblendeten Großgruppe neben den von ihr genannten: die ehemaligen DDR-Bürger, weil, Zitat Hans, „Leser jemandem, der sie nicht versteht, schwerlich vertrauen können.“ Ich wünsche Barbara Hans Wirkung, breite, nicht etwa breitbeinige.


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