Tagebuch

13. Dezember 2017

Geplant war die Uraufführung im Deutschen Volkstheater in Wien, über die Bühne ging sie aber am 13. Dezember 1934 am Schauspielhaus Zürich. Und es spielten tolle Schauspieler: Gusti Huber, Wolfgang Heinz, Leonhard Steckel, Kurt Horwitz, Erwin Kalser. Dennoch fiel „Hin und her“ durch. Heute ist das späte Horvath-Stück durch Zutun der wirklichen Geschichte gegenwärtiger als fast alle anderen seiner Bühnenwerke. Mit Glück sehe ich in der laufenden Spielzeit ein Gastspiel des Schauspielhauses Zürich, noch dazu mit einem meiner Lieblingsstücke. So lustig wie die Einführung der neuen schnellen ICE-Strecke von Berlin nach München mit Ausstieg in Erfurt und Warten auf funktionierende Technik kann freilich keine Komödie auf keiner Bühne sein. Vielleicht würde manches besser klappen, hätten wir mehr Boulevard im Theater als im wahren Leben, aber warum einfach, wenn es auch kompliziert geht: wir sind in Deutschland, auf absehbare Zeit noch. 

12. Dezember 2017

Sogar die genaue Zeit hielt ich im Tagebuch vom 12. Dezember 2007 fest: es war 12.58 Uhr, als ich den letzten meiner NVA-Briefe an meine Eltern abschrieb, den vom 18. April 1973, er landete später auf den Seiten 219 und 220 meines Buches „Kulturschock NVA“. 2007 war an diese Form der Veröffentlichung noch nicht zu denken, es war nicht mehr als eine vorsorgliche Vorarbeit. Auch heute bin ich mit vorsorglicher Vorarbeit beschäftigt, ich habe Ausschnitte aus diversen Zeitungen archiviert, mit Blick auf den Umfang der Bestände den Plan beerdigt, morgen ein paar Zeilen zu Robert Gernhardt zu schreiben. Sein posthum veröffentlichtes Buch „Toscana mia“ bekam ich als Trost für eine postalische Fehlleistung geschenkt, vorher besaß ich von ihm nur die „Gedanken zum Gedicht“, hübsch handlich gedruckt im Herbst 1990 als Jubiläumsband 100 der Reihe „Haffmans Taschenbuch“. Im ZDF gestern ein Film ganz unvergleichlicher Güte, wir heulten und heulten.

11. Dezember 2017

Wenn das kein Tag ist: Frank Schöbel wird 75 und Heinz Florian Oertel 90. Die DDR lebt und dieser Satz ist viel begeisternder als der Satz: Die Wüste lebt. Außerdem ist ja der 11. Dezember  nicht Tag der Wüste, sondern Internationaler Tag der Berge. Heinz Florian Oertel hat in mir nicht gewärtiger Zahl Anstiege der Friedensfahrer an der steilen Wand von Meerane aus dem fahrenden Übertragungswagen kommentiert. Was habe ich früher am Radio gehangen, wenn die Friedensfahrt lief, die Oberliga-Konferenz am Sonnabend, wenn Flori die Eiskunstläuferinnen bejubelte, bei Gabi begonnen, als die Pflicht noch 60 Prozent der Gesamtnote ausmachte, von Waldemar reden wir heute nicht. Und Franky-Boy? Nee, der nicht. Das war nie mein Ding, obwohl ich mit neun oder zehn Jahren immer auf meinem „Sternchen“ die Schlagerrevue mit Heinz Quermann hörte und am Dienstag Wolfgang Brandenstein. Und jetzt aber rasch an die Theaterkritik zu Alan Ayckbourn.

10. Dezember 2017

In Hannover haben sie nur ein Jahr nach seinem 100. Todestag den großen amerikanischen Dramatiker Jack London entdeckt. Sein Prosa-Einakter „Ruf der Wildnis“, von Experten bisher für eine Erzählung gehalten, wird für die Bühne vergewaltigt, Johannes Frerking würde tot von seinem Kritiker-Stuhl fallen, vielleicht aber auch nicht, falls er als Kind gern Jack London in der einzig berechtigten Übertragung von Erwin Magnus las. Da schon Goethe einst sein Intendanten-Handtuch warf, als Karoline Jagemann ihm einen Pudel auf die Weimarer Bühne drückte, müssen in der niedersächsischen Landeshauptstadt die Mimen offenbar selber knurren und hündeln. Wohlan denn, schöne neue Theaterwelt, lets kotz together. Wobei ich heute auch wieder einmal auf eine Bühne starren will in einer Aushilfsspielstätte, mir ein Stück anschauen, das ich nie freiwillig in meinen Terminkalender eingetragen hätte, wenn nicht rings der Spielplan-Wahnsinn tobte. Beiß, Buck.

9. Dezember 2017

Es ist, anders als Werner Liersch in „Dichters Ort“ behauptet, nicht davon auszugehen, dass Johann Joachim Winckelmann am 9. Dezember 1717 im Haus Winckelmannstraße 36/37 geboren wurde, obwohl das Datum stimmt, das Haus auch. Seit 1955 gibt es dort (in Stendal) das Winckelmann-Museum, über das 2010 sogar die ZEIT schrieb. Am 12. April diesen Jahres schrieb die ZEIT über die Weimarer Ausstellung „Winckelmann. Moderne Antike“. Die gab es vom 7. April bis zum 2. Juli, also ziemlich weit weg vom heutigen 300. Geburtstag des Mannes, der auch schon mal der „Gründervater der deutschen Klassik“ genannt wird. Wem solcher Geburtstag zu morbide ist, kann am 8. Juni 2018 den 250. Todestag feiern, Stichwort „Tod in Triest“. Man lese, mag man sich nicht gleich an Goethe halten, was Johann Gottfried Herder über ihn schrieb. Ich halte mich stattdessen an „Himmelwärts“ von Ödön von Horvath, dessen Geburtstag auch ansteht, allerdings erst der 116.

8. Dezember 2017

Als Jim Morrison am 8. Dezember 1943 geboren wurde, feierte Niklas Luhmann gerade seinen 16. Geburtstag. Als Niklas Luhmann am 6. November 1998 starb, war Jim Morrison schon mehr als 27 Jahre tot. An Morrisons Grab in Paris habe ich gestanden, an Luhmanns Grab in Oerlinghausen werde ich vermutlich nie stehen. Selbst die Nachricht vom Diebstahl seiner Büste auf dem Friedhof dort, von Bruno Buschmann geschaffen, die am 11. Oktober in der Lokalpresse zu lesen war, las ich eher zufällig. Immerhin: solche Zettelkästen, die Marc Reichwein zuletzt als „Das hölzerne Internet von Niklas Luhmann“ bezeichnete, besaß ich einst auch, gekauft bei Wacker & Reich in Ilmenau, als die noch Marktstraße/Ecke Karl-Zinkstraße saßen. Von den 1000 zeitgleich erworbenen A-5-Karteikarten sind heute noch einige in Lohn und Brot in meinem Archiv. Notizen zu Böll und zu Wolfgang Borchert waren die ersten darauf, Edgar Allan Poe kam zeitig dazu: Zeiten, wo seid ihr?

7. Dezember 2017

Zum Glück wachsen in meinem 10.000-Bücher-Haushalt keine Kinder heran. „Kinder aus Familien mit mehr als 100 Büchern sind jenen aus Familien mit weniger als 100 Büchern um mehr als ein Lernjahr voraus.“ Lese ich so in der heutigen ZEIT. Nicht auszudenken, wie weit voraus meine Bücher-Kinder wären. Im Detail würde mich freilich interessieren, wie das Verhältnis zwischen 102-Buch-Kindern und 94-Buch-Kindern ist, ob zwischen denen nur die großen Ferien liegen und welche von beiden eher im Chor singen. Zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund ist der Abstand ähnlich groß. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Eintritt in die örtliche Jugendfeuerwehr und der Bücherzahl im elterlichen Schuhschrank, zählen Feuerwehr-Bilderbücher mit oder nicht mit. Wenn ein Elternpaar 107 Scientology-Fachbücher besitzt sowie vier Bücher über vegane Baby-Nahrung: hilft das oder hilft das nicht? Was bewirken Essay-Sammlungen?

6. Dezember 2017

Ein Publikum, das in Scharen ins Theater rennt, weil dort eine „Publikumsbeschimpfung“ zu sehen und vor allem zu hören ist, muss einigermaßen bescheuert sein. Unsereiner, dem real existierenden Sozialismus in den Farben der DDR ausgeliefert, lauschte allsonnabendlich am Nachmittag zwei Stunden RIAS II, da gab es kurz vor 17 Uhr immer Veranstaltungstipps für Westberlin. Da hörte ich Woche für Woche den Namen Marius Müller-Westernhagen und „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke. Dessen Geschäftsmodell hieß Provokation, er mischte die Kameradschaftstage der Gruppe 47 auf, deren unseliges Wirken in der westdeutschen Literaturgeschichte später zu der Frage führte, ob es neben ihr überhaupt eine deutsche Literatur gegeben habe. Und dann schrieb er in „Die Arbeit des Zuschauers“ über Schiller: „Die Räuber sind ein sehr dummes Stück. Sie sind nicht nur ein dummes, sondern ein gefährliches dazu.“ Heute wird Handke 75 Jahre alt nahe Paris.

5. Dezember 2017

Gestern wäre des 70. Geburtstages von Ursula Krechel zu gedenken gewesen sowie des 85. Todestages von Gustav Meyrink, von dem ich mir eben erst die „Walpurgisnacht“ gönnte, einen Roman, den unsere lieben Bühnen noch nicht beim Kragen erwischt haben. Heute vor 20 Jahren starb Rudolf Bahro, dessen „Wahnsinn mit Methode“ in der Edition Vielfalt Olle & Wolter mir einst zum Sonderpreis von 2,95 bei Wohltat’s in die Hände fiel. Kritik des real existierenden Sozialismus hat sich mangels Gegenstand erledigt. „Himmelwärts“ war eine der letzten Horvath-Premieren zu Lebzeiten des Autors, heute vor 80 Jahren als einmalige Matineevorstellung der Freien Bühne in der Komödie in Wien. Horvath hat bessere Stücke geschrieben als dieses Märchen. Aber auch Goethe hat bessere Stücke geschrieben als „Des Epimenides Erwachen“. Morgen ist schon wieder der Tag, da man ungestraft anderen etwas in die Schuhe schieben darf, die Zeit rast.

4. Dezember 2017

Die Geburtsjahrgänge 1949 bis 1984 waren in verabredeter Vollzähligkeit zum Adventskaffee versammelt, es gab Stollen vom Bäcker nebst Pfefferkuchen vom Bäcker, Rotweinkuchen und Eierlikörkuchen sowie selbstgebackene Plätzchen von den anwesenden drei Hausfrauen, Kaffee aus der Maschine, unfair gehandelt, aus dem Angebot des Supermarktes nach Hause geschleppt. Draußen fiel Adventschnee, der heute früh trotz begonnener Tauprozesse mit Tropfeffekt aufs Fensterbrett noch vom genossenschaftlichen Schneeschieber beiseite gekratzt wurde. Winterdienst im Auftrag der Genossenschaft ist derart wahnwitzig vorbildlich, dass man sich bisweilen etwas Schlamperei wünscht, einfach nur, um dem gestellten Wecker eine realistische Chance zu geben, seines Amtes zu walten. Gegen die Geräuschkulisse des genossenschaftlichen Schneeschiebers aber, wenn die Schneehöhe weniger als fünf Millimeter beträgt, ist Weckerklingeln ein Engelsfurz.

3. Dezember 2017

Wäre ich abergläubisch, dann müsste ich glauben, dass hinfort eine Notiz im Tagebuch reicht, um ein Problem zu lösen, denn kaum sah ich gestern meinen Eintrag im Netz, hob ich ein verdeckend überformatiges Buch mit dem Titel „Deutsche Dramatik in West und Ost“ in die Höhe und fand darunter säuglingsfriedlich „Mobilmachung 1914. Ein literarisches Echolot“, Lesezeichen bei Käthe Kollwitz. Das war es, was ich den halben Vormittag suchte und darin fand sich das nicht, weswegen ich es suchte. Im entsprechenden Teil der WELT beschaute ich heute als „Immobilie der Woche“ die Werbung für luxuriöse Villen in Lugano-Castagnola. Diese Anzeige ist schon lange meine Lieblingsanzeige, weil sie zeigt, wo und wie man wohnen könnte, wenn man reich wäre. Preise stehen in diesen Anzeigen erst gar nicht drin, wozu auch. Als wir zuletzt in Montagnola wohnten, sahen wir von unserem Balkon aus Streiflichter mondänen Lebens auf der anderen Straßenseite.

2. Dezember 2017

Ich suche ein Buch und finde es nicht. In einem Haushalt mit mehr als zehntausend Büchern ist das kein schieres Wunder, für Außenstehende sicher besser vorstellbar als für mich selbst. Ich weiß, wie das Buch aussieht, ich weiß, neben welchem Buch es stand, bis ich an dieser Stelle Platz brauchte, das andere Buch steht in sichtbarer Nähe des ursprünglichen Platzes und dieses eine, das ich suche, nicht ahnend, ob darin das steht, was ich eigentlich suche, scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Das passt kurioserweise zu einer Überschrift, die mir im Kopfe geistert, weil morgen Annette Kolb ihren fünfzigsten Todestag hat: „Ein Phänomen des Verschwindens“. Wo immer man sie vermuten müsste, findet sie sich nicht, sie fehlt in Anthologien, sie fehlt in Abhandlungen, in denen sie nach menschlichem Ermessen nicht fehlen dürfte, sie fehlt in jener Gesamtdarstellung der Literatur von Frauen, in der ich wiederholt auf solche Fehlstellen stieß und der SPIEGEL nennt sie Pferdegesicht.


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