Tagebuch
4. Oktober 2026
Ausgedehnte Schrecksekunde: ich habe erstmals seit Jahren keine Buchmesse-Zeitungen bestellt. Muss sehen, was zu retten ist. Dabei war ich auf das Gastland Tschechien (und bin es immer noch) sehr neugierig, wohin ich auf meine alten Tage nun selbst gern fahre, im November zum zweiten Mal in diesem Jahr. Den Todestag des Dänen Jens Baggesen gestern hätte ich gern zum Anlass genommen, aber die Zeit reichte nicht. Vielleicht wird es dafür mit Runge und Goethe im nächsten Jahr, es ginge auch Runge ohne Goethe. Goethe ohne Runge geht immer. Ich lese mit größtem Vergnügen kasachische Märchen nebenbei, da gibt es dumme Wölfe, eine betrügerische Kröte, die zur Strafe in eine Schildkröte verwandelt wird. Die ARD lässt tatsächlich einen neuen Tatort gegen den Fußball konkurrieren: die Programmdirektoren sind auch nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Trotz allem 13.400 Schritte heute mit Blick in Ecken, wo ich nie war in 47 Jahren Ilmenau.
3. Oktober 2026
Der Feiertag bringt das Zeitungswesen durcheinander: Alles, was heute käme, musste gestern schon da sein. Die Blätter wissen das natürlich und so war auch alles schon da gestern. Wir hatten Zeit, das Baugeschehen an der Ilm rund um die Fischerhütte zu begutachten und deshalb heute keinerlei Ziele. Ich beende „Gereimte Reden“ von Helmut Baierl, ein unfassbares Buch. Wie kommt einer auf die Idee, so etwas zu schreiben und dann auch noch drucken zu lassen? Im Militärverlag, der für seine Lyrik-Ferne gar nicht lange kritisiert werden muss, waren Gedichte selten: Walter Flegel und Uwe Berger gaben sich die Ehre, der eine als Max Retlaff, der andere schlicht als Uwe auch für das einschlägige Ministerium nebenberuflich tätig. Ich lege eine neue Datei für Philipp Otto Runge an, der zu denen gehört, die 2027 ihren 250. Geburtstag haben. Kleist ist dabei und ich hoffe, dass nicht schon wieder fünf neue Biographien in den Markt gedrückt werden wie 2011. Es reicht einfach.
2. Oktober 2026
Das Rillengläser-Problem ist gelöst: man stelle die Gläser auf den Kopf in heißes Wasser, in zwei Anläufen kommt der Deckel, ohne zu splittern, wenn man den Gummi vorsichtig bearbeitet. Ich beseitige überzählige Kartons und gewinne schon im ersten Anlauf viel Platz in meinem Keller. Stelle verborgene Zeitschriftjahrgänge sichtbar auf. Finde die kulturpolitische Wochenschrift „Aufbau“ von 1953, nur zwei Hefte fehlen, dafür ist die Beilage zum Tode von Stalin in Heft drei bestens erhalten. Eine Ausgabe enthält ein sehr sozialistisches Gedicht von Reiner Kunze, der natürlich nicht schon in der Wiege systemkritisch nuckelte. Ich ergänze meinen Kalender für 2027, sehe: heute feiert Helga Schütz ihren 89. Geburtstag. Einst begann sie mit „Vorgeschichten oder Schöne Gegend Probstein“, da war die Edition Neue Texte des Aufbau-Verlags noch jung und drin der Satz „Heinrich Mann hält Hedwig das Sägeblatt hin.“ Wegen solcher Sätze liest man letztlich.
1. Oktober 2026
Friedrich Michael, unser Ilmenauer Klassiker, hat nicht nur über Theater geschrieben, sondern auch für Theater. Ein Stück trägt sogar einen einschlägigen Titel: „Erziehung zum Theater“, es ist eine Komödie in vier Akten, die man sich, falls man vor Jahren noch alte UFA-Filme am Montag sah, mit denen das DDR-Fernsehen wenigsten einmal in der Woche Freude unter die Zuschauer brachte, ehe es unmittelbar anschließend Karl-Eduard von Schnitzler auf sie losließ, gut als eine eben solche Schmonzette denken könnte. Das mir auf einer heutigen Bühne vorstellen, geht deutlich über meine Phantasie. Zu läppisch ist alles, in Teilen auch unwiderruflich von vorgestern. Am 30. Oktober ist sein Geburtstag, am 22. Juni war sein 40. Todestag, kein Grund für irgendeine Schrecksekunde. Erst fünf Jahre tot ist Eberhard Panitz. Mir fällt stets nur Renate Blume ein, wenn ich seinen Namen höre, und das gleich vierteilig. Mein Interesse an ihm wollte niemals wirklich aufblühen. Bis heute.
30. September 2027
Die halbe Straße ist in Aufruhr. Alle, die gestern nicht kamen, haben immerhin den Brief im Kasten gefunden, den wir nach der Versammlung auch alle fanden. Der dort angekündigte Anhang war nicht im Umschlag, auf individuelle Begehungstermine müssen wir nun warten. Es wird eine kleine Entschädigung geben im Mai. Die Staatsbibliothek gedenkt mit drei Monaten Verspätung des 100. Geburtstages von Fred Rodrian. Ich tat das Meinige am 14. Juli, mein Text ist bisher in Höhe einer Lyrikauflage oder einer akademischen Sachbuchauflage aufgerufen worden, was ich akzeptabel nenne. „Amerikas Dichter“ von Julis Bab steht wieder im Regal. Wir sichten Kartons mit Nachlass-Beständen meiner Mutter: Wollsachen, Pullover, Jacken, Westen, wunderschöne Muster, diverse Farben. Wer will heute noch Wollsachen? Selbst das weltweite Netz bietet keinerlei verwertbare Ratschläge, wie man uralte Rillengläser ohne Lasche öffnet, ohne sie einfach fallen zu lassen.
29. September 2026
2027 wird das Jahr des bisher größten Wohn-Horrors in unserem Leben. Meine Genossenschaft hat beschlossen, unseren Block energetisch zu sanieren. Das bedeutet im Januar zuerst Demontage unserer kompletten Einbauküche mit Zwischenlagerung in der Wohnung. Dann Demontage zweier kompletter Leichtbauwände zum Rohrleitungsschacht, einmal Küche, einmal Speisezimmer, das baufunktional ja auch eine Küche wäre. Neue Steig-, neue Fall-Leitungen, neue Lüftung. Nach einer Pause, wenn die ersten Herzattacken auskuriert sein sollten, kommen alle Heizungen an die Reihe, aus einem Rohr werden zwei Rohre. Um Baufreiheit zu schaffen, muss unser maßgefertigtes Wohnzimmer teil-demontiert werden, etwa anderthalbtausend Bücher aus dem Arbeitszimmer verlieren ihren Stellplatz für den Arbeitsplatz der Sanierer. Wo auch immer ich sie und die Regale lagern könnte, ist kein Platz. Das killt den Mai. Fröhliche Mieterversammlung zu diesem Zweck.
28. September 2026
Das neue Parkhaus am Bahnhof ist erst wenige Tage in Dienst und schon haben schlaue Menschen mit Migrationshintergrund herausgefunden, wie man die Betreiber womöglich auf einfachste Weise betrügen kann. Wir hatten eben unsere Besichtigung von oben nach unten beendet, Fotomotive, an die man früher nicht gekommen wäre, genutzt und warfen noch einen abschließenden Blick in die untere Etage mit den Fahrradboxen, als ein dunkles Fahrzeug mit Rudolstädter Kennzeichen erst das Verkehrszeichen von der Straße her missachtete, dann in die Ausfahrt einfuhr und eine Etage weiter oben parkte. Ein Mann, eine Frau, zwei größere Kinder stiegen aus. Der Mann telefonierte auf Deutsch, aber mit starkem Akzent. Dann gingen alle zu Fuß Richtung Einfahrt. Erfassen die Kameras auch Kennzeichen von hinten? Was hätte André Breton dazu gesagt, der vor 60 Jahren in Paris starb? Sein Insel-Buch 1065, Titel „Nadja“, ist das einzige von ihm in meinen Beständen.
27. September 2026
Über die Dialektik des Fahrstuhls im DDR-Plattenbau hat vermutlich noch niemand promoviert. Der Preis dafür, dass die Alten, die Lahmen und alle anderen natürlich auch vom Keller bis unters Dach fahren können, ist: wenn es jemandem wirklich schlecht geht, muss die Feuerwehr geholt werden, weil niemals zwei Träger und ein Notfall in die Kabine passen und durchs Treppenhaus mit Trage geht auch nicht. Die Kosten eines Noteinsatzes explodieren so. Vier Fahrzeuge heute, um einen Nachbarn, den ich morgens noch grüßte, zu holen. Gaffer auf allen Balkonen, manche sah ich noch nie, solange ich schon hier wohne. Das Klassentreffen gestern so gut und angenehm wie lange keins. Meine Rede gefiel allen, die sie hörten. Ich gestehe: mir gefiel sie auch. Gruppenfotos kamen nach Mitternacht noch zwei, vielleicht folgen weitere nach. Wir einigten uns für die Zukunft auf einen Zwei-Jahres-Rhythmus, unsere Klasse allein will es jährlich versuchen, fast so wie früher.
26. September 2026
Wenn schon, denn schon: „Die linke Wand“ gelesen, auch Zweitlektüre nach 1980. Plötzlich sieht es aus, als käme ich doch noch dahin, wo ich hinwollte in diesem Monat. Und dann setzte ich mich an meine Tastatur und nach einer dreiviertel Stunde ist meine Rede fertig. Kurz sollte sie sein, kurz ist sie geworden. Der Termin heute ist fast auf den Tag 15 Jahre nach meiner Rede zu 40 Jahren Abitur. Der Gedanke an das nächste runde Jubiläum ist einigermaßen gruselig. Die Druck-Schrift vergrößere ich auf 18 Punkt, das liest sich besser. Ich gönne mir eine Rotwein-Bestellung im Weinviertel. Immer wenn ich den Online-Shop aufrufe, sehe ich die Verkäuferin, die ich kenne, seit wir 2022 bei ihr vorfuhren von Wolkersdorf aus. Ich werde natürlich zu Fuß zum „Wiesengrund“ laufen, schwerer wird allenfalls der steile Rückweg. Aber vielleicht findet sich jemand, der mich bis oben mitnimmt. Beim letzten Mal klappte es, da waren wir so wenig, dass wir an Aufhören dachten.
25. September 2026
„Der Dreizehnte“ beendet, eine aberwitzige Szenenfolge rund um den 13. August 1961. Man muss dergleichen gelesen haben, um glauben zu können, dass es das wirklich gab. Danach auch zu Ende gekommen mit „Die achte Trübsal“, 1980 in meinem ersten großen Hörspiel-Lesejahr schon einmal gelesen und natürlich vollkommen vergessen. „Amerikas Dichter“ von Julius Bab wird mich noch bis Ende des Monats begleiten, er erinnert mich nach längerer Eloesser-Pause wieder einmal an mein Langzeitprojekt. Bab war im Vorstand des Jüdischen Kulturbundes unmittelbarer Vorgesetzter von Eloesser im Bereich für die Vortragstätigkeit. Er schaffte es noch ins Exil und überlebte es. Seine „Kritischen Betrachtungen“ unter der Überschrift „Über den Tag hinaus“ (1960) waren mein erstes Buch von ihm. Eine Berliner Gedenktafel gibt es für ihn in der Bundesallee. Morgen muss ich zum Klassentreffen eine Rede halten, noch ist nichts geschrieben, aber es braut sich was zusammen.
24. September 2026
„Scarlett, kommst du jetzt!“ ruft es energisch und es ist nicht Gatte Rhett Butler, dessen Stimme ich vernehme. Es ist die der Kindergärtnerin, die kurz zuvor noch gefordert hatte: „So, Kinder, wir kommen jetzt alle her.“ Sie kommen oder sie kommen nicht. Man kennt das von folgsamen Hunden aus der Sammelbox für abgedroschene Sprüche. Ich lese in einem Buch den schönen Satz „In Berlin ist alles möglich, was in Bonn noch unmöglich ist.“ Das klappt inzwischen auch ohne Bonn ganz prächtig. Unten heult der Hund sein Abwesenheitsheulen. Gäbe es Wölfe am Lindenberg, würden sie von Neid geschüttelt. Neid aber gehört nicht zu den sieben Todsünden unter Wölfen. Auch mit der Wolfsmoral ist es unter ihnen nicht weit her. Eher verkörpern sie das Prinzip des proletarischen Klassenkampfes: Gemeinsam sind wir stark. Am Papiercontainer hat jemand blaue Turnschuhe abgestellt, während die Kartons mit Kinderbüchern hinterm Glascontainer nun verschwunden sind.
23. September 2026
Es hat gebrannt in der Kopernikusstraße. Unser Gafferinstinkt ist nicht stark genug ausgeprägt, um hinzurennen, aber es gibt genügend Nachbarn, die hinterher die Details kennen. Haustiere wurden gerettet, Matratzen aus dem Fenster geworfen. Wir malen uns die Opfer in der Wohnung darunter aus, wenn das Löschwasser von der Decke tropft. Die britische Autorin Deborah-Viëtor-Engländer erlebt heute ihren 80. Geburtstag. Wir hatten weiland einen netten Mailwechsel miteinander, weil sie etwas von mir gelesen hatte, was ihr gefiel. Es lebe das weltweite Netz, welches dergleichen ermöglicht. Ich besitze ein herkömmlich gedrucktes Buch von ihr, welches sich aus Platzgründen hinter den Büchern des Mannes verstecken muss, über den sie so gewinnbringend geschrieben hat: Alfred Kerr. So geht das eben. Sie war auch einmal Vorsitzende der Arnold-Zweig-Gesellschaft, was bei einem Uralt-Fan von Zweig natürlich sämtliche Türen und Fenster einrennt, die es gibt.