Tagebuch

27. März 2017

Nein, ich will nicht Nivea-Tester werden, nicht Gilette-Tester, selbst der Gutschein von airberlin interessiert mich nicht und meine Bestellung bei real überprüfe ich ebenfalls nicht, denn ich habe dort gar nichts bestellt. Die Kolumne des Maxim-Gorki-Theaters lese ich eher selten, die Angebote diverser Feriendomizile an Seen, Bergen und in Tälern nutze ich, wenn ich in den Urlaub fahren will, das aber ist für das laufende Jahr längst gebucht und erledigt. Ich frage mich eingeschüchtert mittlerweile, was wäre, wenn in unseren benachbarten Bruderländern Schweiz und/oder Österreich der Versuch unternommen würde, autokratische Verhältnisse zu installieren. Würden dann auch alle unterdrückten österreichischen und schweizerischen Journalisten unsere Zeitungen mit ihren Texten füllen? Würden unsere Kulturmagazine dann im Dutzend neue grandiose Romane aus den Alpen entdecken von Autoren, die eben noch niemand kannte? Vielleicht sogar fürs Theater verwendbare?

26. März 2017

Hätte ich all die lustigen Artikel gesammelt, die in jüngster Zeit von den verheerenden Folgen der Zeitumstellung handelten, irreparable oder schwer zu therapierende Gesundheitsschäden darunter, dann hätte ich vielleicht Anwandlungen bekommen. Aber ich kann nicht alles sammeln. Einen, dem die Zeitumstellung dieser Nacht eine Stunde seines 54. Geburtstages raubt, besuche ich heute, um ihm für die nächsten 54 Jahre alles Gute zu wünschen, seine sicher wie immer sehr leckeren Speisen und Getränke zu konsumieren und nebenbei ein Ohr am Fußball zu haben. Er folgt mir bis ans Ende meiner Tage im Abstand von fast genau zehn Jahren, was es mir stets sehr leicht macht zu wissen, wie alt er nun eben gerade ist. In Goethevorträgen fühle ich mich immer sehr jung, leider gibt es viel zu wenige davon. Wann wird die Zahl der Mitglieder von Ortsgruppen der Goethe-Gesellschaft die Zahl der noch in Freiheit lebenden nördlichen Breitmaulnashörner untertreffen?

25. März 2017

Ich bin wieder mal in Bad Langensalza, um im Journalistenverband den Mandatsprüfungsbericht vorzutragen. Ich will nicht sagen, dass ich das tue, seit ich denken kann, aber ich tue es schon ganz schön lange. Ansonsten darf ich mit dem heutigen Sonnabend wieder Geld verdienen, das nicht zur Anrechnung kommt, außer beim Finanzamt, und das wird so bleiben, bis ich von hinnen gerufen werde. Falls das noch so lange dauert wie beim Walser, will ich nicht meckern. Mein gestriger Theaterbesuch muss noch etwas warten. Ich wäre auch gern wieder gen Leipzig gefahren, um mich zwischen all die Manga-Freunde zu drängen, die da herumströmen. Mein Anzeigenblatt verriet mir diese Woche, dass dort inzwischen auch ältere Kinder offiziell akkreditiert werden, wenn sie in ihrem Leserinnen-Blog genügend bedeutungslose Bücher winziger Verlage besprochen haben. Das Kind soll so viele Bücher besitzen, dass sie gestapelt die Höhe des Kindes erreichen. Phantastisch!

24. März 2017

„Wie ist das eigentlich“, fragte der Mann auf dem e-Bike. „wenn man seine Rechte verloren hat, ist das Leben dann noch lebenswert?“ Ich antwortete: „Es kommt darauf an, wie man‘s sieht. Manche haben auch ihre Linke verloren und kommen damit zurecht.“ Totgelacht hat sich der Mann darüber nicht. Wahrscheinlich dachte er, der Kerl, also ich, hat einen an der Waffel. Als ich in der gestrigen JUNGEN WELT von einem DDR-Staatssekretär las, die DDR-Wirtschaft habe im Wesentlichen rentabel gearbeitet, habe ich mich auch nicht totgelacht. Ich habe nur an manche marxistisch-leninistische Weiterbildung gedacht, in der Professoren aus Berlin, Kleinmachnow oder Potsdam uns Provinzphilosophen erklärten, warum die DDR-Wirtschaft eben nicht rentabel arbeite. Man nennt das Hintergrundinformation heute. 130 Zuhörer hatte Stasi-General Großmann, als er erklärte, die Auslandsaufklärung habe niemandem geschadet. Und Martin Walser ist tatsächlich 90 Jahre alt.

23. März 2017

Lang ist es her, eigentlich ewig, dass ich einen erwachsenen Mann so enthusiastisch, so ausdauernd aus dem „Kommunistischen Manifest“ zitieren hörte wie diesen Privatdozenten von der FU Berlin. Walter Ulbricht und alle, die am Bild der Weimarer Klassik in den fünfziger und sechziger Jahren der DDR in der Richtung arbeiteten, Goethe und Marx möglichst nahe aneinander zu rücken, hätten ihre helle Freude am gestrigen Abend gehabt. Das aber, und das war der Witz des Vortrages von PD Dr. Michael Jaeger (Jahrgang 1961), spricht eher für Ulbricht und Co. als gegen diesen Abend im GoetheStadtMuseum. Man könnte als Kenner des Themas „Goethe und Amerika“ natürlich sagen, das alles war weder neu noch überraschend, nur eben mit anderer Überschrift. Aber es gibt immer Leute, für die fast alles neu und überraschend ist: weil sie jünger sind, oder weil sie keine Ahnung haben oder weil eben niemand alles wissen kann. Okay also. Am 175. Todestag von Stendhal heute.

22. März 2017

Es gab Jahre, da war dieser Goethe-Todestag für mich ein Vortragstermin. Heute ist er es auch, nur dass ich zuhöre, nicht rede. Es gab ein Jahr vor fünfzig Jahren, da erhielt ein unscheinbarer Brief eine Unterschrift, der vier Jahre meines Lebens bestimmte. In meinem Schülerleben gab es das erste Schuljahr mit einem Klassenlehrer und einer Klassenlehrerin, das zweite bis vierte Schuljahr mit einer Klassenlehrerin, das fünfte bis achte mit einem Klassenlehrer, das neunte und zehnte mit einer Klassenlehrerin, das elfte und zwölfte mit einem Klassenlehrer. Nachdem am 3. März die Nummer 5 dieser Reihe im Alter von 82 Jahren starb, könnte nur noch die Nummer 2 am Leben sein, die als Fräulein kam, als Frau nach nur einem halben Jahr wieder ging. Anfang des Monats erreichte mich die Nachricht einer Honorargutschrift von 4,11 Euro für den Verkauf von e-Books. Ich kann nicht versprechen, darüber im nächsten Jahr anlässlich meiner Steuererklärung abermals zu schreiben.

21. März 2017

ARD-Videotext, den ich gelegentlich auch dann konsultiere, wenn ich nicht die Fußballergebnisse der ersten bis vierten Ligen sehen will oder Nachrichten, welcher Fußballer mit Innenbandriss bis Ende welchen Monats nun ausfällt, erinnert mich daran, dass der Heilige Lothar (Matthäus) heute 56 Jahre alt wird. Als der Heilige Nikolaus von Flüe so alt war, der Bruderklaus, lebte er bereits ein paar Jahre in seiner Einsiedelei, die ihm 1468 in Festbauweise errichtet wurde. An ihn erinnert der Videotext nicht, obwohl heute sein 600. Geburtstag ist und zugleich auch sein 530. Todestag, denn er starb an seinem siebzigsten Geburtstag. Mehr Heilige haben die Schweizer nicht. Ich bin, wenn ich in Sachseln war, zu ihm hinabgestiegen, also zur Ranftkapelle mit Klause, er selbst ist ja in der Kirche zu finden (seine sterblichen Überreste, wie man so sagt). Im Geburtshaus war ich auch, es hat etwas, so ein uraltes Haus aus Holz. Eine ganz eigene Poesie, sage ich am Welttag der Poesie.

20. März 2017

Die herrlichen Zeiten kommen. Wenn Martin Schulz Kanzler geworden ist, werden die Sommer vom 20. Juni bis zum 20. September dauern, sonnig sein bei leichtem Westwind mit Temperaturen um 25 Grad. Zu Weihnachten wird Schnee liegen. Nicht nur Hartz IV wird abgeschafft, sondern auch der Harz und das Harz, damit einfach nichts mehr an die nicht so herrlichen Zeiten erinnert. Für eine kurze Zeit wird zwar die Todesstrafe wieder eingeführt, aber es ist nur die Todesstrafe für Buchhändler, die ihren Laden aufgeben oder gar ihren Beruf. Die verhängte Todesstrafe wird regelmäßig in lebenslange Mitgliedschaft in mindestens vierzehn deutschen Vereinen umgewandelt. Wer mit hundert Prozent der Stimmen gewählt wird, und wenn er nur der einzige Kandidat für die Position des Kassenwarts im Seniorinnen-Tanzverein war, wird mit einer Verdienstmedaille und einem Foto mit Martin Schulz ausgezeichnet. Das Europaparlament zieht nach Würselen um.

19. März 2017

Heute ist das Thema nun tatsächlich nicht mehr vermeidbar. Jugendweihe. 1967. Vor fünfzig Jahren. Wir alle ins System verstrickt. Eben noch von den Thälmann-Pionieren zur FDJ gewechselt. Nun im blauen Hemd, um nicht gleich Blauhemd zu sagen. Wenn mich die Erinnerung nicht trügt, waren die Hemden der Mädchen aus etwas besserem Stoff, wenn sie mich doch trügt, werde ich Leserinnen-Briefe bekommen. Andererseits lieh mir einst Katrin Knappe, laut Wikipedia eine deutsche Schauspielerin, kurzzeitig ihre Blaubluse, ehe ich mit einem Blauhemd so ausgestattet war, dass ich an einer Eröffnungsveranstaltung teilnehmen konnte, die man nur mit Blauhemd erleben durfte, auch wenn man sie gar nicht unbedingt erleben wollte. Das war später. Da war die Jugendweihe schon Geschichte, Lebensgeschichte. Mein Freund Volkmar kann sich tatsächlich an Dinge erinnern, an die ich mich nicht erinnern kann. So ist die Welt organisiert. Ich nehme sie hin.

18. März 2017

Früher fanden an solchen Tagen Revolutionen statt oder freie Wahlen, bei denen die SPD trotz sensationeller Vorwerte baden ging, oder es wurde wenigstens Christa Wolf geboren. Heute ist Tag der politischen Gefangenen und außerdem etwas mit dem Namen Equal Pay Day. Es ist immer noch eine Tatsache, dass eine weibliche Frisöse deutlich weniger verdient als ein männlicher Ungleichheitsforscher. Während allerdings umgekehrt auch die weibliche Ungleichheitsforscherin mehr verdient als der männliche Frisör. Dies ist dann nicht nur Ungleichheit, sondern gleich noch Ungerechtigkeit dazu. Ich habe eben noch eine uralte Buch-Kritik von Marcel Reich-Ranicki gelesen, welche sich mit einem Herrn befasste, der heute auch eine Rolle spielen könnte, weil er 85 geworden wäre, wenn er nicht, wir wissen es natürlich, vorher gestorben wäre, sein Name ist John Updike, den wir seit vielen Jahren bei passender oder unpassender Gelegenheit ziemlich gern lesen.

17. März 2017

Dies war weder eine Freudsche noch eine sonst tiefenpsychologisch zu erklärende Fehlleistung, es war einfach ein Eintrag in der falschen Zeile des Monatskalenders. Er verursachte immerhin mäßig aufgeregtes Suchen nach nicht vorhandenen Zeitdokumenten, vergebliches Anrufen eines alten Freundes in der Hoffnung auf dessen Gedächtnis. Heute nun der Blick ins alte Geschäftstagebuch des Jahres 1967 und siehe, der 17. März 1967 war ein Freitag, wie er es heute wieder ist. Daran knüpfte sich umgehend die sichere Erkenntnis, da könne nie im Leben Jugendweihe gewesen sein. Und richtig, die Urkunde, die mit Unterschrift von Karl Macholdt und Stempel belegt, wann die Jugendweihe war, trägt das Datum vom 19. März 1967. Das war ein Sonntag, wie es jetzt wieder ein Sonntag sein wird, übermorgen nämlich. Kann ich heute also in Ruhe das machen, was ich sonst erst morgen in Ruhe gemacht hätte. 1967 führte ich noch eine Briefmarkenstatistik. 50 Jahre her!

16. März 2017

Der Mann auf der Chesterfield-Werbung sieht ein bisschen aus wie der tote Che Guevara, bevor ihm die Augen geschlossen wurden. Unten auf dem Riesenplakat steht: Rauchen ist tödlich. Was im Fall von Che nicht bestätigt werden kann, der hätte vermutlich noch eine Weile weiter an seiner Zigarre genuckelt. Die ZEIT eröffnet heute den Reigen der Buchmesse-Beilagen, zwei Seiten entfallen auf den SPIEGEL-Mann Dirk Kurbjuweit, nicht zu verwechseln mit dem zwölf Jahre älteren Lothar Kurbjuweit, und dessen ersten historischen Roman „Die Freiheit der Emma Herwegh“. Der 200. Geburtstag der guten Emma am 10. Mai hat vermutlich die Geburtshelferrolle gespielt, die Reihe der Angela-Merkel-Bücher lässt sich auf Dauer auch nicht beliebig fortsetzen. Unsereiner fragt sich bisweilen, wie viel Zeit man im Flaggschiff des oberfeinen Nachrichten-Journalismus eigentlich hat, um nebenher noch die Bücherregale vollzuschreiben. Auf Emma!


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