Tagebuch

24. Juni 2017

„Der bittere Ambrose Bierce“ überschrieb ich meine Zeilen über diesen Amerikaner, dessen 175. Geburtstag heute ist, ins Netz gestellt am 11. Januar 2014 und dort auch noch nachlesbar. Ich habe in diesen Tage fast mehr zu registrieren, was ich hätte machen wollen und nicht schaffte als das, was zu einem Ende gelangte. Gestern sah ich die Anmoderation eines Beitrags des Kulturmagazins „Aspekte“ im ZDF, Anlass: der 250 Geburtstag von Wilhelm von Humboldt. Gleich der erste Satz falsch: Er war nicht der Bauherr des Schlosses Tegel. Kann man dem Rest dann noch folgen? Ein freiberuflicher Philosoph aus Marburg behauptete 2005, das so übel beleumundete „Lied von der Partei“ von Louis Fürnberg sei jahrzehntelang die offizielle Hymne der SED gewesen. Die nie eine Hymne hatte, eine offizielle schon gar nicht. Kann man danach einfach weiterlesen, was der Mann schrieb, der sich 1989 vom Marxismus verabschiedete, wie er über sich selbst mitteilen lässt?

23. Juni 2017

Meine nimmermüde und stets geduldig-freundliche Korrekturleserin befindet sich derzeit im Urlaub in Norwegen, weshalb der eine oder andere Fehler vielleicht unbemerkt stehen bleibt, was ich mir selbst gern nachsehe. In Norwegen wäre ich auch gern wieder einmal, mein zweiwöchiger Besuch dort liegt tatsächlich zwanzig Jahre zurück. In Luxemburg war ich zuletzt vor neun Jahren, was ich  deshalb anmerke, weil dort heute National-Feiertag ist, der auch mit einer Militärparade begangen wird. Wem werden die Luxemburger wohl Respekt oder gar Furcht einflößen wollen? Die Generika herstellende Pharma-Industrie feiert heute den Tag des Cholesterins, seit meinem Myocard-Infarkt  1993 gehöre auch ich zu denen, die täglich etwas Blutfettsenker verspeisen. Von Beipack-Zetteln beschriebene Nebenwirkungen in den Gelenken habe ich längst, ich kenne auch gute bis sehr gute Argumente gegen den Cholesterin-Mythos. Vor sechzig Jahren starb in Weimar Louis Fürnberg.

22. Juni 2017

„Mach’s gut“ steht als große Überschrift heute in der Hamburger ZEIT, genauer im hinteren Teil CHANCEN, der Begleittext für akademische Stellenanzeigen zu liefern hat. Das geringere Anzeigenaufkommen, so mein Eindruck, hat im Lauf der Zeit zu mehr Begleittext geführt, oft sehr lesenswerte Sachen. Heute lese ich: „Wilhelm von Humboldt wird 250. Zeit, sich von seinem Bildungsideal zu verabschieden und die Universitäten neu zu erfinden.“ Ich habe an der von Wilhelm von Humboldt begründeten Universität im ehemaligen Schloss des Prinzen Heinrich Philosophie studiert, von seinem Bildungsideal war schon 1975ff wenig zu spüren und noch weniger zu hören. Sich von Bildungsidealen zu verabschieden, kann eigentlich nur heißen, alte durch neue zu ersetzen, denn sonst wird die Zeit, da Einäugige die Könige der Blinden sind, durch die Zeit ersetzt, da Hirnlose die Könige der Kopflosen werden. Vorwärts zu völlig neuen Ufern.

21. Juni 2017

Dass Sommeranfang und Welt-Yoga-Tag zusammenfallen, ist weder eine gute noch eine schlechte Nachricht. Es ist ja auch Internationaler Hansetag. YouTube hat moralisch-jugendschutzrechtlichen Erwägungen folgend Yoga-Clips mit Kira Reed gelöscht, wer sie dennoch sehen mag, kann sie leicht finden und dabei ein neues Verhältnis zum Thema Yoga gewinnen. Ein neues Verhältnis zum Namen Helmut gewinnt, wer dem ARD-Videotext seine Aufmerksamkeit schenkt. Der Dienst weist heute auf den 96. Geburtstag von Wolfgang Heißenbüttel hin, der natürlich Helmut hieß und nie Wolfgang. Jane Russel, die auch am 21. Juni 1921 geboren wurde, hieß immer Jane, war ab einem bestimmten Alter ein so genannten Busen-Wunder und erhielt nie den Georg-Büchner-Preis, den wiederum Helmut Heißenbüttel erhielt, lange vor Jan Wagner, der ihn in diesem Jahr bekommt. Ich nehme heute brav meine Pflichten als gewählter Vertreter der Wohnungsbaugenossenschaft wahr.

20. Juni 2017

Der Schwab ist sehr lang geworden und dennoch blieb viel auf der Strecke. Alle benutzten Bücher und Ausdrucke wandern in Ordner und Regale, die Datei geht auf unbestimmte Zeit in verdienten Ruhezustand. Bis maximal siebzehn Uhr habe ich Zeit, einen Kleintext auf eine Geburtstagskarte zu schreiben, das Geburtstagskind wird 33 Jahre alt. In diesem Alter hatte ich dieses Geburtstagskind schon gute anderthalb Jahre. Damals ging das Feiern fast nahtlos in den nächsten Geburtstag über, das wäre dann morgen der 95., den es aber nur noch als Gedenktag gibt. Und darauf wieder folgt ein 67., ehe Festruhe bis in den Herbst eintritt. Ich denke über den Intelligenzgrad von Fliegen nach, die unbedingt in meinem Arbeitszimmer ihrer Ermordung entgegen summen wollen, anstatt die Freiheit draußen zu genießen, wo zwar hungrige Vögel als Luftjäger unterwegs sind, Fliegen aber eine reale Chance haben, anders als bei mir. Obwohl ich manchmal auch zur Begnadigung neige.

19. Juni 2017

Apolda also. Goethe-Freunde älteren Herstellungsdatums werden wissen: das ist die Stadt, in der der Geheime Rat seine Liebe zur Arbeiterklasse entdeckte, die er freilich im Wesentlichen geheim hielt, wie wiederum die Goethe-Freunde jüngeren Herstellungsdatums wissen. Unsereiner parkte nahe des Kunsthauses, wo es Aquarelle von Hermann Hesse und Fotos von Martin Hesse zu sehen gibt. Ich widerspreche energisch der Meinung eines Kollegen, welcher meinte, es lohne sich nicht, deshalb nach Apolda zu fahren. Mit den Hesse-Eintrittskarten gab es eine kleine Ermäßigung für die Landesgartenschau, von der mir vor allem die Grabgestaltungen im Gedächtnis bleiben werden. Wir trafen einen spät eingemeindungswilligen Langzeitbürgermeister mit einer Busladung aus seiner noch selbständigen Stadt vor den Toren Ilmenaus. Ein wenig verweile ich heute in Gedanken bei Gustav Benjamin Schwab, weil der am 19. Juni 1792 das Licht der Stuttgarter Welt erblickte.

18. Juni 2017

Alle erzählen von ihrer Begegnung mit Helmut Kohl, weil er jetzt tot ist. Ich habe von meiner erzählt, als er noch lebte, meine ist freilich so unfassbar bedeutungslos, dass nur Humoristen sie toll fänden, wenn sie ihnen widerfahren wäre. Ich wiederhole: als Helmut Kohl zu Eisenach den ersten vom Band laufenden Opel Vectra steuerte, stand ich in der Halle an der Absperrung so weit vorn, dass er mir beinahe über meine lokaljournalistischen Zehen gefahren wäre. Das war schon alles. Mein Date mit Gerhard Schröder war länger und enthielt auch einen warmen Händedruck. Angela Merkel war bisher immer da, wo ich nicht war. Sie wird darin keinen Verlust sehen. Ich dagegen, weil er nun sympathisch davon sprach, wie Kohl zu Jena seine Bratkartoffeln wegfutterte, würde in einer Reaktivierung von Dieter Althaus einen Gewinn sehen. Mit Althaus verspeiste ich exakt zwei Bratwürste. Woran er sich nicht erinnern wird. Was in Ordnung ist. Ich bin heute mal in Apolda.

17. Juni 2017

Natürlich besteht kein Zwang, am 17. Juni des 17. Junis zu gedenken. Ich gedenke, weil ich es gestern nicht tat und zwar weder aus böser Absicht noch Vergesslichkeit, des Theaterkritikers Walter Maria Guggenheimer, der am 16. Juni 1967 in Frankfurt am Main starb, just in meinem derzeitigen Alter. Seine Kritiken-Sammlung „Alles Theater“ war eine der ersten, die ich komplett las und weil er auch Wilhelm Dieterles, wie es gern heißt, umstrittenen „Sommernachtstraum“ in Bad Hersfeld sah, nahm ich das Bändchen der „edition suhrkamp“ jetzt wieder einmal zur Hand. Die Stiftsruine wird uns erst im nächsten Jahr wieder sehen, Luther ist nicht das, was uns triebe. Ein schöner Satz von Guggenheimer lautet: „Das Schiff dieser Aufführung segelte brillant, aber ohne ersichtlichen Kurs.“ Der Satz ist brillant, bei näherem Hinsehen jedoch ohne ersichtlichen Sinn. Nur dahin treibende Schiffe haben keinen Kurs, ich bin halt so veranlagt. Nieder mit mir, einfach nieder.

16. Juni 2017

Ein unfassbares Dreckhirn namens Thomas Goede hat nicht nur bei den Piraten (was war das denn??) Unterschlupf gefunden, sondern freut sich öffentlich, wenn einer Polizistin in den Kopf geschossen wird. Natürlich distanzieren sich die üblichen Verdächtigen sofort von ihm, natürlich distanzieren sich die ganz Guten sofort von den nicht ganz so Guten, NEUES DEUTSCHLAND aber erläutert, warum der Bundestagskandidat Goede nicht einfach von der Liste gestrichen oder aus der Partei geworfen werden kann. Freude, blöder Götterfunken, Tochter aus Brimborium, wo leben wir? Elfriede Jelineks Stück über Donald Trump wird vorab als Hörspiel vertont. Es soll ungekürzt in drei Folgen mit insgesamt fünf Stunden Dauer gesendet werden. Wen interessieren eigentlich die Ergüsse des Meinungsfließbandes aus Mürzzuschlag? Wie weit ist sie mit ihrer Macron-Trilogie? Oder schreibt sie ein Ballett über Klimawandel, eine Pantomime zum Urknall?

15. Juni 2017

Mitten in der Woche Goethes „Römische Elegien“ in einem Vortrag des Wetzlarers Dr. Wolfgang Keul, der hier schon zu Thomas Manns „Lotte in Weimar“ sprach. Wieder zu Hause die Nachricht, Renate Holland-Moritz sei gestorben. Ich las, dass es das Buch „Die tote Else“ in der DDR nicht hätte geben dürfen, aber doch gab, was also für die DDR spricht, nehme ich an. Alle schreiben wie im Chor von der berühmtesten Film-Kritik, die nur aus einem Satz besteht. Niemand schreibt von „Das Phänomen Mann“, 1959 als Nummer 1 der leider kurzlebigen Reihe „Taschen-Eulenspiegel“ erschienen. Vorn drauf ist eine abstrakte feuerrote Frau a la Picasso, dazu kleine komische Männer, zwei an der Zahl. Heute vor 60 Jahren starb Paul Ilg. Wie kommt man auf ihn? Indem man Uttwil, das Dorf der Dichter und Maler besucht. In der Schweizer Literaturgeschichte ist Ilg ein Name, hier kennt ihn niemand. Zu Uttwil gehören auch Henry van de Velde, Carl Sternheim, René Schickele.

14. Juni 2017

Würde ich mein mit viererlei Medikamenten und einem sehr seltsamen Rhesus-Faktor erfreulich angereichertes Blut spenden, würde es vielleicht dem einen oder anderen Empfänger helfen, ein Leben mit neuen Sorgen zu beginnen. Ich kenne Spender, die nur deshalb spenden, weil sie dort auf jüngere und junge Frauen treffen, einer ist inzwischen so alt, dass er nicht mehr spenden darf, was ihn zu anderen Ereignissen treibt, wo er jüngere und junge Frauen zu sehen hofft. Inzwischen sind fürchterlich viele Frauen jünger als er, die ältesten unter ihnen sind älter als ich. Soweit der Tribut an den Weltblutspendetag. Ansonsten wird Donald Trump heute 71 Jahre alt. Es fiele mir schwer, ihm Gesundheit und ein langes Leben zu wünschen. Anders ist es mit Maria Stuart, die vor 217 Jahren erstmals die Bühne zu Weimar bestieg, man nennt es Uraufführung. Unlängst verkündete Oliver Reese, am Berliner Ensemble seien zu viele Klassiker gespielt worden. Schlimme Drohung.

13. Juni 2017

Achtzehn Tage Juni bleiben noch, um wenigstens etwas von dem nachzuarbeiten, was längst hätte fertig sein sollen. Dabei drängt Neues nach und Seltsames muss Begründung finden. Die Zeiten, da man Fischen predigte, die andächtig lauschten, sind vorbei. Beim Blick in mein Tagebuch von 1997 finde ich Redaktionsalltag vor einem tatsächlich freien Wochenende, mein Wochen-Thema schrieb ich zu Abrissen absichtlicher und unabsichtlicher Art, zu Grundstücken und dem Interesse, das sie weckten zu unterschiedlichen Zeiten, ich ermahnte einen Mitarbeiter, endlich seine längst fällige Kilometerabrechnung fertig zu machen, bei ihm waren die Strecken immer deutlich länger als bei mir und den anderen Kollegen. Mit meinen Eltern ging es um eine Wohnung am Homburger Platz, die nie bezogen wurde. Die vieles erleichtert hätte. In Arnstadt demonstriert man für den Kreissitz, was mich an Kampfzeiten erinnert, in denen dort die Ilmenauer Hochschul-Mafia attackiert wurde.


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