Tagebuch

21. Juli 2018

Dass ausgerechnet Hans Fallada einen halbwegs gerundeten Geburtstag hat (125), wenn mein ganz offizieller Rentenbescheid eintrudelt mit der stillen Post und dieser wiederum im Briefkasten liegt, als wir eben aus unserem Autohaus heimkehren mit unserem wirklich neuen Hochtechnologie-Auto mit dem etwas poesiefernen Namen C-HR, könnte man als freundlichen Zufall zu den Akten geben. Wir tun es. Würde ich ein Arbeitsjournal führen wie einst Bert Brecht, der am 20. Juli 1938 seine ersten Erwägungen eintrug, am 21. Juli nichts, am 22. Juli die nächsten Tiefsinnigkeiten, würde ich über Technik philosophieren. Das nächste vielleicht noch nicht, sicher aber das übernächste Auto wird schon auf dem Mietparkplatz anzeigen, dass das Bier im heimischen Kühlschrank noch nicht die nötige Trinkfrische erreicht hat. Christine Perthen wäre heute 70 Jahre alt geworden, wenn sie nicht schon 2004 gestorben wäre. Ihr Debüt „Papierliebe“ entlockte mir 1988 dickes Kritikerlob.

20. Juli 2018

Postbank und Post-Punk sind unterschiedliche Dinge, einige und mehrere offenbar auch. Über den in die Jahre gekommenen Billy Idol las ich gestern: „… für einige Jahre schaltete er sich durch Drogenkonsum für mehrere Jahre aus.“ Während man dies aus der BERLINER ZEITUNG noch für leicht irritierenden Feuilleton-Journalismus halten kann, ist jenes aus NEUES DEUTSCHLAND der reine und vollständige Blödsinn, es geht um einen Brand im Asylheim Neuruppin: „Das Feuer habe sich aber das Zimmer des 19-jährigen betroffen gewesen.“ Heimbewohner dürfen solche Sätze  nach den ersten Sprachstunden vielleicht bilden, eine überregionale Tageszeitung sollte den für die Seite Verantwortlichen einer seinen Fähigkeiten entsprechenden Tätigkeit zuführen, Arbeitskräfte werden überall gesucht. In meinem Haushalt ereignet sich heute eine feierliche Verabschiedung, der morgen eine ebenso feierliche Begrüßung nahtlos folgt. Wir fertigen dazu eine Fotodokumentation.

19. Juli 2018

Am 13. Juli 1919 veröffentlichte die VOSSISCHE ZEITUNG in Berlin einen Beitrag von Hermann Hesse zum 100. Geburtstag von Gottfried Keller: „Zu Kellers hundertstem Geburtstag wird viel geschrieben werden. Es wird sich viel Wissen, viel Liebe, viel Dankbarkeit, viel Verehrung äußern, und die unglaubliche Reinheit und abgeschlossene kristallene Schönheit eines Lebenswerkes, in welchem es kaum schwache Stellen gibt, wird aufs neue die verdiente Bewunderung verdienen.“ Heute ist vorerst der 199. Geburtstag von Keller und wir werden sehen, wie es zum 200. Geburtstag zugeht. Unsereiner hat „Kleider machen Leute“ in der Schule gelesen und keinen Dauerschaden davongetragen: im Gegenteil. Zum 50. Geburtstag bekam Keller von der Universität Zürich den Ehrendoktor verliehen, 20 Jahre später hielt er sich in Seelisberg auf, um den Jubelfeiern zum 70. zu entgehen. Durchfahren wir künftig den endlos langen Seelisbergtunnel, denken wir an Keller.

18. Juli 2018

Unter Apothekern, versichert mir eine Apothekerin, gehen zwei Stichworte um: Der Valsartan-Skandal und der Ibuprofen-Engpass. Auf Skandale sind wir hinreichend vorbereitet, Engpässe kennen ehemalige DDR-Bürger deutlich besser als die verehrten Brüder und Schwestern im nahen Westen. Im fernen Osten, nämlich in China, ist mit einem neuen Syntheseverfahren ein Stoff ins Valsartan geraten, der dort nicht hineingehört, Seit vermutlich sechs Jahren verspeisen wir alten Valsartan-Freunde also möglicherweise schon Stoffe, die die Freunde apokalyptischer Botschaften auf der Basis von Tierversuchen als potentiell krebserregend einstufen. Hinter vorgehaltener Hand verraten ahnungsvollere Apokalyptiker, der Stoff gehöre zu jeder dunkler gebratenen Bratwurst und wir erinnern uns sofort der Panik-Attacken rund um die Coburger Wurst. Unser Vorbereitsein auf Skandale hilft allerdings wenig, wenn wir verschrieben bekommen, was es mittelfristig nicht gibt.

17. Juli 2018

Wenn am 17. Juli 1952 nicht David Hasselhoff das Licht der Welt erblickt hätte, sähe unsere brave neue Welt sehr viel anders aus. Er sang, wie wir wissen, den Fall der Mauer herbei, während seine Baywatch-Badehose gerade in der Waschmaschine war. Was an diesem Tag Frank Castorf zu seinem ersten Geburtstag geschenkt bekam, wissen wir nicht, vermutlich ein kleines Hämmerchen, damit er etwas zertrümmern konnte. Die Pastorentochter Angela Merkel erblickte am 17. Juli 1954 das Licht der Uckermark, da hatte Castorf wohl schon sein zweites oder drittes Hämmerchen in Arbeit. Da er Mauern nicht mehr zertrümmern konnte, dies erledigten Spechte, verlegte er sich auf das Zertrümmern von Stücken, was ihm so viel Ruhm einbrachte im Verlauf endloser Jahre, dass seine Fans zu seinen Gunsten den größten organisierten Mobbing-Block gegen seinen Nachfolger gründeten, den es je gab. Und Angela errichtete auf Trümmern und Ruinen ihre Kanzlerschaft.

16. Juli 2018

Das Gefühl vor dem Aufstehen täuschte: nach dem Aufstehen befand sich der Schmerz an seiner angestammten Stelle. Ich zahlte einige Rechnungen, schichtete einige Millionen um, hängte das Badetuch auf den Balkon. Vielleicht würde etwas Schlangengift als Einreibung helfen, immerhin ist heute der Weltschlangentag. Ich werde meine Ärztin, ehe sie in den wohlverdienten Urlaub geht, konsultieren, auch mein Zahnarzt geht in seinen wohlverdienten Urlaub, den konsultiere ich auch, allerdings nicht wegen der Schmerzen. Ich pendle ein wenig zwischen Theodor Fontane und Gottfried Keller, bin also nicht auf der Höhe der Zeiten. Vielleicht gibt heute Donald Trump ja Alaska an Russland zurück oder er kauft die Nordtrasse, damit wir von ihm und nicht von Putin abhängig sind. Vorsorglich wurde gestern schon mal Honecker gezeigt beim Unterzeichnen der Schlussakte von Helsinki. Das waren Zeiten: alle erkannten uns an, obwohl wir fast niemand waren.

15. Juli 2018

Nachtrag: Fronkraisch ist Weltmeister: Fronkraisch, Fronkraisch! Dergleichen Weltmeisterschaften konfrontieren friedliche Drittstrophen-Sänger immer wieder mit Nationalhymnen-Texten, gegen die die Hoffmann von Fallerslebens apostolische Baghvan-Gesänge sind. Nun denn: mit Asche auf dem Haupt singt es sich nicht inbrünstiger als mit der Faust links des Brustbeines. Vor allem ist es jetzt vorbei und wir wissen, wer in Katar in der Vorrunde ausscheidet. Für die Länge meines gestrigen Paustowski-Textes bitte ich mich selbst um Verzeihung: wer seltener schreibt, schreibt mehr. Die Strafe: ich bin in einen sonntäglichen Schmerzpatienten verwandelt, etwas ist mir kräftig ins Gebälk gefahren, was mich weder sitzen noch liegen lässt. Das Alter, Alter! Wäre noch nachträglich der Prozession zu gedenken, die wir in Vierzehnheiligen sahen. Da haben die Nothelfer stramm zu tun, immerhin drei Frauen unter ihnen. Zu mehr als zwei alten Krimis am Abend fehlte die Kondition.

14. Juli 2018

Nachtrag: Wer Bad Staffelstein sagt, muss auch Kloster Banz sagen und Basilika Vierzehnheiligen. Zirka 112 Prozent aller Menschen, die ich meine Mitbürger nennen würde, waren zehn Minuten bis eine Dreiviertelstunde nach der Maueröffnung im Kloster Banz und in Vierzehnheiligen, später reisten Busse voller in den Ruhestand versetzter Funktionäre des dahingegangenen Arbeiter- und Bauernstaates mit dem Pressesprecher ihres Vereines hin, um vor Ort Gruppenfotos für die örtliche Lokalpresse zu verfertigen, die zweispaltig quer gedruckt wurden, damit man einzelne Gesichter nicht erkennen konnte. Unsereiner belichtete sich mit 28 Jahren Verspätung vor Ort per Selfie-Stick. Vorher aber ein Beutezug in einem REWE-Markt: 26 neue Biersorten, dazu das neue Wissen, das Bad Staffelstein über 10 (in Worten: zehn) Brauereien verfügt. Da werde ich sicher noch einmal zuschlagen müssen. Belgien schlägt England in Abwesenheit britischer Offizieller: selber schuld.

13. Juli 2018

Nachtrag: Zu Helga Königsdorfs 80. Geburtstag hätte ich gern etwas geschrieben, aber es gibt aktuell andere Themen für mich. Heute ein ganz schlichtes: ich aale mich in der Obermain-Therme zu Bad Staffelstein nach dem Genuss des gestrigen 4-Sterne-Begrüßungsmenüs im Hotel „Zum Löwen“ mit einem Dessert, das jedes Diabetikerherz höher schlagen lässt. Wir tranken auf unserem Balkon später unter anderem einen trockenen Riesling aus Brandenburg, der den schönen Namen „Marbachs Wolfshügel“ trägt und nur Brandenburger Landwein heißen darf wegen des deutschen Weinrechts. Kelo-Sauna, Nurmi-Sauna, Ruusu-Sauna und Suuri-Sauna, zwischendurch eine kleine Husche von oben, im Sole-Becken treiben wie Strandgut, alles bestens. Die erstaunliche Tatsache, dass wir auf unsere Bahncard 25 Rabatt auf den Eintritt bekommen. Der doppelt so hoch ist wie der für die Gästekarte. Meine beiden neuen Gascogner finden den freilich erwarteten Beifall der Runde.

12. Juli 2018

England ist raus: eine Fortsetzung des Hundertjährigen Krieges mit anderen Mitteln wird es am Sonntag in Moskau nicht geben. Ob die kroatische Staatspräsidentin wieder in der Kabine mit ihren Helden hüpfte, ist nicht bis zu mir gedrungen. Unsere Kanzlerin muss auf alle Fälle nicht hüpfen, weder in einer Kabine noch irgendwo. In einem Märchenstück, das ich gerade zu nützlichem Zweck las, sagt die 13-jährige Besitzerin eines vermeintlichen Zauberringes: „Ich kauf mir jetzt ’n Sportauto, lad es mit Bonbons voll und fahr, wohin ich will. Und lutsch Bonbons. Bis nach Moskau fahr ich. Und guck beim Fußball zu.“ Dummerweise erschien das Stück schon 1947. Der damalige Diktator Stalin war nicht auf die Idee gekommen, sich eine Weltmeisterschaft ins Land zu holen, damit die Weltpresse etwas zu maulen hatte über Sport und Politik. Heute ist nebenbei auch noch  150. Geburtstag von Stefan George. Ich konnte mit ihm nie etwas anfangen, also heute auch nicht.

11. Juli 2018

Harold Bloom, fleißiger Amerikaner, der das wunderbare Buch „Shakespeare. Die Erfindung des Menschlichen“ geschrieben hat, wird heute 88 Jahre alt. Für mein von der Kritik in Meiningen und Umgebung vollkommen unauffällig gefeiertes Shakespeare-Buch „Wie es mir gefällt“ übernahm ich seinen Chronologie-Vorschlag der Abfolge der Stücke. Vor 104 Jahren starb in Berlin Julius Rodenberg, mit dem Fontane in einem regen Briefwechsel stand, kurz nach seinem 83. Geburtstag. Rodenberg steht in meinem Regal zwischen Wilhelm Raabe und Carl Justi, was wenig zu bedeuten hat. Hans-Heinrich Reuter, Fontane-Biograph und Herausgeber der „Briefe an Julius Rodenberg“ hat immerhin rund vierzig Seiten Einleitung dazu verfasst, das Nachwort zu Rodenbergs „Bilder aus dem Berliner Leben“ stammt von Heinz Knobloch, dem Großmeister des DDR-Feuilletons und Groß-Berlinologen. Ob ich heute für England bin oder für Kroatien, entscheide ich nach dem Spiel.

10. Juli 2018

Mir fehlte von den alten Goethe-Almanachen aus DDR-Zeiten nur der eine von 1969, die beiden Jahrgänge davor und danach besaß ich seit langen, nutzte sie gelegentlich. Jetzt ist das Fehlstück in der Post und beim Blättern entdecke ich einen Zettel aus dem Jahr 1975 zwischen den Seiten 180 und 181. Gedruckt sind dort Lebensregeln von Christoph Wilhelm Hufeland. Auf dem Zettel steht: „Hat Mamachen gelesen, als sie Sept. 1975 zum letztenmal in Berlin bei uns war.“ Darunter in etwas anderer Schrift: „2. Juli 1976 Mamachen zum letztenmal im Garten!“ Es ist gar nicht wichtig, wer Mamachen war. Die Lebensregeln nennen sich im Untertitel „Eine Makrobiotik in Merkversen“ und die Makrobiotik ist dankenswerter Weise gleich erklärt mit: = Kunst, das Leben zu verlängern. Ich zitiere: „Mit Milch fängst du dein Leben an, / Mit Wein kannst du es wohl beschließen, / Doch fängst du mit dem Ende an, / So wird das Ende dich verdrießen.“ Sage einer was gegen Hufeland.


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