Jane Austen übt

Den Titel habe ich mir bei Virginia Woolf entliehen, ich rechne nicht mit einer Urheberrechtsklage. Denn ich nutze den Titel, um an Woolfs Umgang mit Jane Austen, die heute ihren 200. Todestag hat, zu zeigen, wie exemplarisch bis heute das ist, was sie tat. Natürlich bin ich angesichts des ersten Abschnitts über die Bett- und Steppdecken im Jahr 1922 etwas irritiert gewesen, das Jahr erklärt sich ungeheuer schlicht aus der Tatsache, dass Woolf die paar Seiten zuerst im NEW STATESMAN vom 15. Juli 1922 veröffentlichte, da war ihr der vergangene Winter noch bestens vor Augen. Dass sie aber den erst wärmenden, dann fast erstickenden Haufen mit der Wirkung des damals aktuellen Jane-Austen-Bildes auf sich und wohl auch andere ihres Bekanntenkreises verglich, das ist spätestens auf der zweiten Blick eben ein wirklich wunderbarer Vergleich. Und noch wunderbarer wird es, wenn Virginia Woolf daraus eben nicht die Konsequenz zieht, das Kind Jane Austen mit dem Bade ihrer Verklärung und Überhöhung auszuschütten. Sie lässt an das Bild der Autorin keine Luft, sie braucht keine hämischen Sätzchen und Mätzchen, sie verbeugt sich vor Austen und trägt zu deren scheinbar fixem Bild in einem Maß bei, dass es helle Freude bereitet.

Legt man daneben, nur momentweise und des Hardcore-Kontrastes wegen, die Austen-Passagen in Ina Schaberts „Englische Literaturgeschichte aus der Sicht der Geschlechterforschung“, treten einem Tränen in die Augen, aber nicht der Rührung. Gibt es wirklich vernunftbegabte Wesen gleich welcher 43 Geschlechter, die große und größte Literatur auf knarrende Streckbretter wie „binäre Geschlechterverhältnisse“ spannen? Oder ist es auf der Ebene „Erwin Strittmatter aus der Sicht des Dachverbandes der Bäcker-Innungen“? Virginia Woolf (25. Januar 1882 – 28. März 1941) greift sich ein Buch aus der frühesten Zeit von Jane Austen: „Hier ist ein kleines Buch, von Jane Austen zu einem Zeitpunkt geschrieben, als sie noch weit entfernt war von der großen Jane Austen der Mythologie.“ Da hält sie das Buch mit dem englischen Titel „Love and Freindship“ (kein Schreibfehler) noch für das Werk einer Siebzehnjährigen, anderthalb Jahre später (zuerst in NATION & ATHENEAUM am 15. Dezember 1923) korrigiert sie es still auf 15 Jahre herunter, die Fußnote 3 zu „Jane Austen übt“ nennt als korrektes Schreibalter dann 14 Jahre. Wie auch immer, Woolf nimmt das Frühwerk sehr, sehr ernst und sieht, was andere vielleicht nicht sehen würden.

„Denn dieses Mädchen von siebzehn Jahren schreibt nicht, um das Schulzimmer zu erheitern. Sie schreibt nicht, um den Geschwistern ein Lachen zu entlocken. Sie schreibt für jedermann, für niemanden, für unsere Zeit, für ihre eigene; kurz gesagt, sie schreibt.“ In der späteren Arbeit hat Virginia Woolf viel übernommen aus dieser deutlich kürzeren und es wäre ganz nebenbei mehr als nur beiläufig interessant, die Veränderungen zu studieren, nicht nur einfach zu registrieren, die sie vornahm, es sind nicht immer Änderungen zum Besseren. Die entsprechende Passage lautet anderthalb Jahre später so: „Sie schrieb für jedermann, für niemanden, für unsere Zeit, für ihre eigene; mit anderen Worten, selbst in diesem frühen Alter, schrieb Jane Austen. Man hört es am Rhythmus, an der Geformtheit und Strenge der Sätze.“ Das „schrieb“ ist nun kursiv gesetzt, als vertraute sie ihren Lesern nicht, den Akzent selbst zu erkennen. „Sie war in der beneidenswerten Lage, eine Seite füllen zu müssen und dank einer sprudelnden Phantasie ein Halbdutzend füllen zu können.“ Kennt man auch nur einige Schreibhemmungstexte, die alle zusammen nach neuester Modeterminologie ein Narrativ bilden, dann füllt sich das „beneidenswert“ mit Lebensstoff.

Ich zitiere einfach weiter, weil es nicht besser zu sagen ist: „Mädchen von siebzehn Jahren lachen immerzu. … Aber im nächsten Augenblick weinen sie. Sie haben keinen festen Standpunkt, von dem aus sie sehen, dass es in der menschlichen Natur etwas ewig Lachhaftes gibt. … Jane Austen aber wusste es. Dies ist ein Grund, warum sie so unpersönlich ist und für immer so undurchdringlich bleibt. … Sie hatte ihr Königreich gewählt. Sie hatte eingewilligt, sie werde, wenn sie über dieses Gebiet herrschen dürfe, kein anderes begehren. So hatte sie mit siebzehn wenig Illusionen über andere Menschen und keine über sich selbst.“ Nun müssen wir uns nur, siehe oben, das 17 durch ein 14 ersetzt denken und alles wird um so faszinierender. Am Ende wird die durchaus nüchterne Virginia Woolf fast pathetisch: „Aber wir wissen, dass es sonst niemanden gibt, der so singen kann. Sie braucht ihre Stimme nicht zu erheben. Jede Silbe kommt ganz klar vernehmlich durch die Tore der Zeit. … wir sind es zufrieden, den ganzen Tag lang Jane Austen beim Üben zuzuhören.“ Es verkaufen sich, las ich erst vor reichlicher Wochenfrist, bis heute Jahr für Jahr eine Million Austen-Bücher in der Originalsprache, eine weitere Million im großen Rest der Welt.

Rolf Vollmann, dessen nicht ausschließlich nützliches Buch „Shakespeares Arche“ ich seit Jahren in unregelmäßigen Abständen vom Stapel der stets griffbereit sein müssenden Bücher nehme, hat auch zwei umfängliche Bände eines „Roman-Verführers“ geschrieben, der nicht nur zu Romanen verführt, zumal ja Roman etwas ist, dessen Bild verschwommener daherkommt als dem bloßen Augen die Milchstraße, sondern überhaupt. Lege ich, ich kann eine polemische Ader in mir nie ganz unterdrücken, manch professorales Gebrunz daneben, nachdem ich mich fürchten würde, den besprochenen Autor, die Autorin je wieder auch nur ins Auge zu fassen, dann ist das Verführen zu Literatur mir fast das einzige, was man außer schlichtem Lesen überhaupt für Literatur tun sollte. Aus dieser Sicht ist selbst ein böser Verriss eines Buches ja immer zugleich das Lob aller besseren, denen die Warnung hilft, weil sie Zeit entsperrt, die das schlechte Buch binden würde. Also Rolf Vollmann (Jahrgang 1934), hoffentlich bei guter Gesundheit, hat im ersten seiner beiden Bände mit dem schönen Titel „Die wunderbaren Falschmünzer“ wunderbar über Jane Austen geschrieben. Und dabei auch Virginia Woolf die fast ebenso wunderbare Referenz erwiesen, die sie verdient.

Man kann in dem praktisch nach Jahrgängen und durch Register zusätzlich perfekt erschlossenen Werk, 1803 beginnend und 1817 endend, einen Schnellkurs Jane Austen nehmen, der die üblichen Lexika locker schlägt. Auch Vollmann liebt die originelle, die prägnante Wendung. Aber ob er einen Satz geschrieben hätte wie kürzlich Denis Scheck: „Die Anfänge ihrer Romane lesen sich denn auch wie Immobilienpornos.“? Ich weiß nicht, wie der Mann vom rollenden Bücherfließband gestrickt ist, und werde, seit ihm die LITERARISCHE WELT eine neue Spielwiese bietet, auch den Verdacht nicht los, dass er seinen Kanon eher jubiläumsgebunden als nach Substanz sortiert. Immerhin, er greift nicht daneben, weil er eben, das soll hier keineswegs in einem falschen Licht stehen bleiben, in der Sache kompetent ist. Es juckt ihn halt, was nachvollziehbar ist, gegen den Reich-Ranicki zu löcken und dessen Diktum, Literatur handelte seit ewig und für immer von zwei Themen: Liebe und Tod. Scheck ergänzt: Geld und schränkt verblüffenderweise sofort ein: Zumindest bei Jane Austen. Was natürlich ein Witz ist oder: Selbstironie. Das Reich-Ranicki-Diktum geht bekanntlich weiter: „Der Rest ist Mumpitz.“ Das ist die Pointe. Jane Austen ist meilenweit vom Mumpitz entfernt.

Rolf Vollmann beginnt auch mit „Liebe und Freundschaft“ wie Virginia Woolf und kommt dann auf „Die drei Schwestern“ (Frühwerke von Austen gibt es übrigens als Insel-Taschenbuch unter dem Titel „Die drei Schwestern und andere Jugendwerke“): „... kleine Übungen, die wir natürlich entbehren könnten, die aber, da wir sie nun einmal haben und sie, wenn wir die Austen erst einmal lieben (und das müssen wir alle), auch nicht wieder hergeben wollten, und die spätere so verdächtig mild lächelnde ausgewachsene junge Dame der besseren Gesellschaft ganz bezaubernd beleuchtet als die kesse Göre zeigen, die sich dann in den offiziellen Büchern ganz versteckt.“ Viel netter kann man das kaum sagen. Das mit dem Geld hat Vollmann natürlich auch bemerkt, nur nicht als Pornografie: „... es gibt kaum einen heiratsfähigen Mann bei der Austen, den die jungen Damen (denen man das erst gar nicht ansehen möchte) nicht nach seinen Zinsen taxieren ...“. Zu „Stolz und Vorurteil“ ist ihm buchstäblich die Spucke weggeblieben, er schreibt nur von „einem wahren Wunderwerk der Romanliteratur“. Und in seiner „Grabschrift“ zum Jahr 1817: „Ab einer gewissen Größe haben diese Autoren Züge, die uns nicht mehr ganz zugänglich sind.“ Das ist ein Lob.

Ich muss unbedingt auf Virginia Woolf zurückkommen. Denn sie hat zur Austen-Erzählung „Die Watsons“ etwas eminent Wichtiges geschrieben: „Die zweitrangigen Werke eines großen Schriftstellers sind lesenswert, weil sie das beste Beurteilungskriterium seiner Meisterwerke darstellen.“ Gut, dass Virginia Woolf schon lange tot ist und dennoch unangefochten: Vor heutigen Gender-Ohren dürfte sie das nie und nimmer so sagen, es müsste von den großen Werken einer Schriftstellerin und ihren Werken die Rede sein oder aber, wahrscheinlicher von den Steigerungsformen mit Binnen-I oder Sternchen oder End-X. Nur hier zitiere ich einen Satz von Lann Hornscheidt, Profx Lann Hornscheidt, zu Jane Austen: „Geschlecht, verstanden als Zweigeschlechtlichkeit, Weiblichkeit und Männlichkeit, so meine Wahrnehmung, ist ein zentrales Moment des Aufbaus von Geschichten, der Herstellung von Charakteren und ihrer Beziehungen untereinander.“ Um das zu entdecken, muss man in der Tat eine sehr feine Wahrnehmung besitzen. Es gibt übrigens auch AutorInnen, die Geschichten aus Wörtern und Sätzen bauen, was einem in gewissen Abständen immer mal wieder gesagt sein sollte. Jane Austen war da arg konventionell.

„Hier in der Tat, in dieser unvollendeten und weithin mittelmäßigen Erzählung sind alle Elemente der Größe Jane Austens zu finden.“ (Woolf 1923) „... sie gehört zu den konsequentesten Satirikern in der gesamten Literatur.“ (ebenda). „Jane Austens Witz hat als Partner die Vollkommenheit ihres Geschmacks.“ (ebenda) „Nie hat ein Romancier größeren Gebrauch von einem makellosen Sinn für menschliche Werte gemacht.“ (ebenda). Eigentlich müsste man, angesichts solcher Superlative, alles fallen lassen, was man gerade in den Händen hält, alles vergessen, was man gerade tut und zum Bücherregal rennen, wo „Emma“ und „Mansfield Park“, wo „Northanger Abbey“ und „Verstand und Gefühl“ stehen. Bei mir steht daneben noch ein kanariengelbes Reclambuch von Christian Grawe mit dem schlichten Titel „Jane Austen“, an den neuen Biografien habe ich haushälterischen Verzicht geübt. Man kann nicht alles haben. „Es ist die in ihren Werken enthaltene Schule der Gefühle, die Austen ihre Leserschaft sichert. Die Liebe als Erfindung des bürgerlichen Romans: In Jane Austens Werk lässt sich studieren, wie unsere Vorstellungen von einer glücklichen Partnerschaft über Jahrhunderte literarisch konditioniert wurden.“ Das war von Denis Scheck.


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