Carson McCullers: Der Marsch

Nur wer im Glashaus sitzt, hat ein wirkliches Vergnügen am Werfen des ersten Steins. Wenn ich also am heutigen 50. Todestag von Carson McCullers einen Gedenkartikel zum 25. Todestag aus dem Archiv fische, Verfasserin Tamara Dotterweich, dann sehe ich, wie ein Artikel mit einer ausgemachten Dummheit beginnen und dennoch danach in sicheres Fahrwasser geraten kann. Die Dummheit zuerst: Dotterweich kennt, was Hans Magnus Enzensberger 1963 für den SPIEGEL über den Roman „Uhr ohne Zeiger“ geschrieben hat. Sie zitiert den Satz, den alle zitieren, die den Beitrag kennen und stößt sich an der Formulierung „das Mädchen aus Georgia“. Dotterweich kennt das Geburtsjahr der Autorin (1917), rechnet messerscharf und kommt auf das zutreffende Ergebnis, McCullers wäre also 46 Jahre alt gewesen, als Enzensbergers Kritik am 6. März 1963 im Magazin aus Hamburg stand. Dann aber will sie auch noch das Georgia falsifizieren und behauptet einen „Geburtsort Georgia, eine Kleinstadt im amerikanischen Süden“. Nun ist Carson McCullers zwar in Georgia geboren, im Bundesstaat Georgia, dort aber eben in Columbus. Die heute knapp 200.000 Einwohner große Industriestadt war auch am 19. Februar 1917 keine herkömmliche Kleinstadt.

Tamara Dotterweich schrieb jedoch schon im übernächsten Absatz ihres Beitrags etwas mir sehr Wichtiges: „Bei ihr kündigt sich keine stilistische Neuerung an, sie bricht auch nicht kühn mit literarischen Traditionen. Durch strenge literaturwissenschaftliche Analysen ist dieser zarten Prosa nicht beizukommen. Sie kann nicht nur begriffen, sie muss nachempfunden werden.“ Am Ende der langen vierten Spalte dann ein Fazit, das mir ebenfalls sehr sympathisch ist: „Deshalb steht der Trost, der von diesem Werk ausgeht, nicht in den Worten selbst, sondern klingt in deren poetischem Zusammenspiel an, er ist nicht lesbar, sondern spürbar.“ Nicht nur strenge literaturwissenschaftliche Analyse, auch politisch-weltanschaulich dominierte Analyse kann an dieser Prosa versagen, was weder mit der Zartheit da, noch mit der Strenge dort allerdings wirklich zu tun hat. Es hat mit einer vermeintlich einfachen Sache zu tun. Um mich nicht zu wiederholen, verweise ich auf meinen Text zur frühen Geschichte „Wunderkind“, hier nachlesbar, ins Netz gestellt anlässlich des hundertsten Geburtstages. Ich schrieb vom Sehen als der Urbasis des Schreibens. Wer Literatur und Kunst, gleich verlassen wir die hohe Theorie wieder, als einen Kommunikationszusammenhang versteht, wird kaum überrascht sein, wenn ich behaupte, dass sehende Literatur auch sehende Leser braucht.

Das klingt trivialer als es ist, wir müssen uns nur anschauen, was die Blindheit, wir nehmen sie mal vorsichtig als zuspitzendes Wort für die Phänomene des Nicht-Sehens, an einer Geschichte von Carson McCullers anrichten kann. Nicht muss, sei mit aller Vorsicht hinzugefügt. „Der Marsch“ erschien im Züricher Diogenes-Verlag 1968, auf 73 Seiten gestreckt, um ein eigenes Buch für 9,80 Mark zu rechtfertigen. Der Verlag kündigte sein Produkt als Text aus dem Nachlass an und schon können wir die einen von den anderen sortieren. Der SPIEGEL, dessen Gegenrecherche-Abteilung im Archiv noch heute allüberall gern gelobt wird, recherchierte nicht gegen für seine kleine und anonyme Annotation und nannte „Der Marsch“ also ebenfalls ein Werk aus dem Nachlass. Dass man auch den seriösesten Verlagen nicht blind vertrauen sollte, wusste man in einem anderen Haus in Hamburg deutlich besser. Die Autorin, die für DIE ZEIT über „Der Marsch“ schrieb, es war Hilke Schlaeger, schrieb zutreffend: „Ihre letzte Novelle stammt mitnichten aus dem Nachlass, wie uns Klappentext und Rezensenten glauben machen wollen, sondern erschien zum erstenmal im März 1967 im REDBOOK MAGAZINE in New York. Einer jener Rezensenten war Gerd Fuchs.

Der im saarländischen Nonnweiler geborene Fuchs (14. September 1932 – 13. April 2016) durfte als DKP-Mitglied in der DDR, solange die existierte, die üblichen Sonder-Sympathien genießen, „Der Marsch“ aber nahm er sich für den Westdeutschen Rundfunk Köln vor, gesendet wurde es am 26. Oktober 1968. Darin geht es fast gar nicht um die vermeintliche Nachlass-Erzählung, eher um Werk und Person der Autorin insgesamt. Er nimmt den „Marsch“ als Metapher für den Lebensweg, eine sonderlich gute Idee ist das dann aber auch nicht. „Diese Geschichte eines Häufleins Mutiger, die mit einem Marsch von Hilton nach Georgias Hauptstadt Atlanta gegen die Rassentrennung protestieren, die Geschichte ihrer Anfechtungen, Schwierigkeiten und Bedrohungen, wird sicherlich nicht zu den stärksten Werken Carson McCullers gezählt werden können. Allzu deutlich zeigt es die Spuren von Alter und Ermüdung. Doch nimmt diese letzte Erzählung die wichtigsten Grundthemen des Werks von Carson McCullers noch einmal auf.“ Einer Frau, die im Alter von nur 50 Jahren starb, Alter und Ermüdung zu attestieren, ist bestenfalls sehr geschmacklos, im speziellen Fall aber nicht einmal dem Ignorieren ihrer Krankheitsgeschichte geschuldet. Für Fuchs spricht das kaum.

Es wäre tatsächlich interessant gewesen, von einem Kritiker, der selbst Erzählungen und Romane schreibt, Spuren von Alter und Ermüdung gezeigt und nicht nur behauptet zu bekommen. „Vor dem Hintergrund ihres Gesamtwerkes wirkt ihre Nachlasserzählung, so groß ihre literarischen Schwächen auch sein mögen, wie ein Vermächtnis.“ Ohne den geringsten Nachweis haben die von Fuchs behaupteten Schwächen schon Tatsachencharakter erhalten. Hellhörig werde ich, wenn ich über Reverend Thompson und Lehrerin Rose Culpepper lese, sie seien die „fast schon am Ende ihres Lebens stehenden Älteren“ in der Erzählung. Was im Kontrast zu den beiden 17 Jahre alten Janet und Jim als Relation stimmen mag, ist absolut wiederum ein geschmackloser Fehlgriff, das ältere Paar steht mitten im Leben in jeder Hinsicht. Ob das „allegorienhaft wie in einer Kalendergeschichte“ genannt werden kann, wage ich heftig zu bezweifeln. „Was im Märchenton wie etwas weit Zurückliegendes vorgetragen wird, ist jedoch in Wirklichkeit reine Utopie.“ Was hat Gerd Fuchs eigentlich gelesen? „Der Marsch“ kann es kaum gewesen sein. Dafür hat er der Autorin schon für ihr Erstlingswerk „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ einen „dezidiert marxistischen Standpunkt“ bescheinigt. Und was das bedeutet, spricht er umgehend und ganz kämpferisch aus.

„Die offizielle Publizistik Amerikas hat seitdem alles dazu getan, diesen sehr konkreten politischen Aspekt des Werks zu verharmlosen und systematisch zu übersehen. Ihr Engagement und ihre gesellschaftlich begründete Verzweiflung über das moderne Amerika wurden als morbide Trauer um Tod, Vergänglichkeit und Einsamkeit schlechthin verharmlost.“ Jetzt versteht man noch weniger, warum er auf Alter und Ermüdung verweist, warum er die Krankheiten zwar erwähnt, aber offenbar als bedeutungslos einstuft: Er braucht als verschwörungstheoretisch denkender Kämpfer an der Klassenkampffront gesellschaftlich begründete Verzweiflungen, nur dann kann er auch in „Der Marsch“ so etwas wie ein Vermächtnis konstatieren, ihre Utopie könne nur auf einem Weg Realität werden: „… daran lässt Carson McCullers am Ende ihres Lebens so wenig Zweifel wie am Anfang: durch politische Aktion, durch den Marsch.“ Dorothy Parker, in der McCarthy-Ära selbst als Kommunistin verdächtigt (sie starb am 7. Juni 1967, also nur ein reichliches Vierteljahr vor Carson McCullers), schrieb dagegen 1961: „Aber Carson McCullers hat es nie nötig gehabt, ihren Standpunkt klarzumachen, und sie hat auch nie, nie ein Muss anerkannt, einem Weg zu folgen, den andere vor ihr gegangen waren.“ War das etwa die Stimme der offiziellen Publizistik Amerikas?

Was Gerd Fuchs leichthin und oberflächlich als „Anfechtungen, Schwierigkeiten und Bedrohungen“ bezeichnet, ist die eigentliche Substanz der Geschichte „Der Marsch“, wenigsten der Teil davon, der ein anhaltendes Interesse beanspruchen darf. Kein Interesse darf der Schluss beanspruchen, der ganz und gar überflüssig ist und hier dennoch zitiert wird, weil er eine zusammenfassende Deutung darstellen will, deren es gar nicht bedarf: „Es war kein Marsch, der an sich den Lauf der Geschichte oder die Bürgerrechtsbewegung ändern würde. Doch in jedem Teilnehmer hatte sich eine Änderung vollzogen. Sie hatten ihr Leben gewagt, manche hatten ihren Posten und ihr Eigentum drangegeben, und sie hatten sich über die Gefahren hinweggesetzt. Einer von den Marschierern, ein alter, unbekannter Mann, war gestorben, so dass stets eine gewisse Trauer mit dem Marsch verknüpft bleiben würde. Doch Trauer war nicht das vorherrschende Gefühl. Obwohl es kein berühmter Marsch war, hatte sich in der Seele jedes Teilnehmers eine rasche, aber wundersame Verwandlung durch die Liebe vollzogen.“ Carson McCullers hätte von einem berühmteren Marsch kaum anderes erzählt. Sie ließ sich von der tieferen Bedeutung eben nicht zu einer vornehmen Blindheit drängen.

Was sie erzählt und beschreibt, sind genau die vielen Kleinigkeiten, die der politische Blick nicht wahrnimmt und auch nicht wahrnehmen will. Alle, die das Große und Ganze im Munde führen und als alleinigen Maßstab kennen, verfehlen diese Kleinigkeiten und damit das Leben. Wenn ihnen darum eines Tages Wähler ihre ausdauernde Lebensferne übelnehmen, wenn sie Volksparteien zu immer kleineren Einheiten degradieren, dann fängt der Prozess da an, wo, zum dritten Male Gerd Fuchs, „Anfechtungen, Schwierigkeiten und Bedrohungen“ einfach beiseitegeschoben werden. Wer je mit einem Stadtverkehrsbus zu einem Protestmeeting mehrere hundert Kilometer fuhr, fror, keine Toilette hatte, der Gewalttätigkeit verdächtigt wurde, wieder fror, der weiß, wie wenig heroisch es sein kann: eine Aktion, ein Marsch. Der weiß auch, was es bedeutet, wenn Unbeteiligte plötzlich helfen. Man muss sich abwechseln beim Transparente-Hochhalten, wenn die Finger nicht steif werden sollen, zum Beispiel, man muss einen Modus des Abwechselns finden, zum Beispiel. Wenn „Der Marsch“ von Carson McCullers nichts erzählend zeigen würde, als das Schmerzen der Füße nach schon einem Tagesmarsch, als die überraschend unbedachte Frage: Wo waschen wir uns nach einer Nacht im Freien? Was essen wir, wenn uns Geschäfte nichts verkaufen wollen? – es wäre viel.

Es klingt unliterarisch, wenn es so gesehen wird, genau das aber ist es nicht in dieser Erzählung. Es ist auch kein Marsch, wie wir ihn kennen: wo Demonstration und Gegendemonstration ordentlich angemeldet werden, wo die verfeindeten Gruppen von Polizei-Großaufgeboten voneinander fern gehalten werden, wo die Medien das wirksame Bild suchen, weshalb ganze Gruppen von Berufs- und Dauerdemonstranten mittlerweile fast ihre gesamte Energie ihrer Medienpräsenz widmen, sich kostümieren, Symbole bauen, darstellen. Bei Carson McCullers sind die Feinde der Marschierer plötzlich einfach da: Mitglieder des Ku-Klux-Klan. Einer Frau, deren ganzes Fehlverhalten in den Augen der Feinde der Marschierer darin besteht, sie beköstigt zu haben, wird das Haus über dem Kopf angezündet, ein Mann will einen Arzt, der zu den Marschierern gehört und einen Notfall melden will, nicht ans Telefon lassen, der Arzt, die sich nie schlug, muss ihn zu Boden schlagen. Aber es finden sich in einem Bachlauf Melonen, von Unbekannten heimlich gespendet. Die Polizei prügelt, schikaniert im Gefängnis, alle müssen gerichtlich verordnet fünfzig Dollar Strafe zahlen.

Was soll 1968 im SPIEGEL diese Beschreibung: „Und den weißen Pöbel am Wegrand der Marschierenden zeichnete die Autorin allzu routiniert: Die Beschreibung seiner Bösartigkeit hatte Carson McCullers von Beginn ihrer Karriere an eingeübt.“ Darf sich der Pöbel immer routiniert gleich benehmen, seine Kritiker und Verächter aber müssen jedes Mal einen neuen ästhetischen Anlauf nehmen. Muss eine gute Beschreibung von Bösartigkeit spontan und unüberlegt sein, um nicht „eingeübt“ zu wirken? Bei der eingeübten SPIEGEL-Diktion ist stark zu vermuten, dass diese Implikationen genau deren Intentionen entsprechen. Hinzu tritt, dass unterschwellig, aber nie sehr weit unterhalb der Schwelle, westdeutsche Leitmedien bei aller fundamental klingen Amerika-Kritik ungerufen Alarmglocken läuten: Wie im Osten jede Kritik des Antisowjetismus verdächtigt wird, wo immer es sich anbietet, so im Westen (bis heute sogar) des Antiamerikanismus. „Immerhin das Land ihrer Kindheit musterte Carson McCullers am Ende ihres Lebens nicht anders als am Anfang: protestierend.“ Dass sich in dieser Lebensspanne der Autorin das Land USA sich vielleicht zu wenig oder gar nicht verändert haben könnte, um Protest auszuschließen, bleibt außer Sichtweite.

„Der Marsch der empörten Protestierer verläuft, wie solche Märsche eben verlaufen … alles nichts Ungewöhnliches.“ Meint Hilke Schlaeger für DIE ZEIT. „Die Frage ist, warum sich in der Seele des Lesers nichts dergleichen vollzieht, warum er sich meistens langweilt.“ Unversehens stehen wir vor der Grundtorheit professioneller Literaturkritik, ihre Vertreter verwechseln eigenes Empfinden mit dem der Leser. Als hätten sie deren Sicht ermittelt. Man kann den abgedroschen Leitspruch des Tagesjournalismus wohl hinnehmen, demzufolge „Hund beißt Mann“ uninteressant, „Mann beißt Hund“ interessant ist. Das wirkliche Leben aber ist voll von leidvollen Erfahrungen mit Hundebissen, leer an leidvollen Hundeerfahrungen mit Menschenbissen und Menscherfahrungen sind, mit Verlaub, das Geschäft der Literatur. Wieso spricht es gegen eine Erzählung, wenn sie nicht genügend an die Romane erinnert oder nur noch an deren Bitterkeit? In Tennessee Williams Memoiren gibt es die hübsche Geschichte von der mit Whisky gefütterten Katze, die im Bett von Carson McCullers mehr als ein Dutzend Junge wirft und ihnen dann stinkende Fischköpfe anschleppt. McCullers trug das mit stoischer Fassung. Das ist eine wunderschöne Geschichte …


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