Ja, das geloben wir

Dies wird die Geschichte von etwas, an das ich mich nicht erinnern kann. Es fand statt am 19. März 1967, es trug den Namen Jugendweihe und war ein Ereignis im Leben eines jungen DDR-Menschen, das mit der seltsamen Formel verbunden wurde, man werde in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Irgendwelche Folgen in gerade dieser Richtung hatte es nicht, wenn man davon absieht, dass man nun bei HO oder Konsum Streichhölzer kaufen durfte, nicht aber Zigaretten und keinesfalls Bier oder andere Alkoholika, also alles, was wichtig war für männliches und teilweise auch weibliches Erwachsenwerden, durfte man immer noch nicht. Man wurde für die Jugendweihe mit einer Gewandung ausgestattet, mit der man normalerweise keinen Schritt gegangen wäre, ohne sich mindestens saublöd vorzukommen. Das hat sich später radikal geändert, wenigstens die weiblichen Jugendweiheteilnehmer, also die Jugendweiheteilnehmerinnen, wurden unter aktiver Anteilnahme aller weiteren Mitglieder der Familie bis zu Verwandten viertes Grades, soweit sie ebenfalls weiblichen Geschlechts waren, ausstaffiert, als sollten sie zur Vorauswahl einer Top-Model-Show im Fernsehen reisen, die aber noch gar nicht erfunden war. Wenn es schon erfunden gewesen wäre, wäre es Westfernsehen gewesen und das wäre wiederum schlimm gewesen.

Ich also, am 6. Oktober 1966, wie es sich gehörte für das gute sozialistische Kind auf dem Weg zum guten sozialistischen Jugendlichen, in die Freie Deutsche Jugend aufgenommen, die FDJ, hatte wie jeglicher meiner Art auf dem Weg zur Jugendweihe Jugendstunden zu absolvieren. Das war der sozialistische Konfirmandenunterricht ohne Pfarrer, dafür aber bisweilen mit einem leibhaftigen Mitarbeiter der Kreisleitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, SED. Hier gähnt die Lücke. Auch beim besten Willen will mir nicht einfallen, was das für Jugendstunden waren. Zwei Ausnahmen natürlich: eine fiele mir selbst dann ein, wenn mich die allgemeine Amnesie zu Boden drücken würde: der Besuch in Buchenwald. Natürlich haben wir andachtsvoll in der gestalteten Krematoriums-Hofecke gestanden, wo Ernst Thälmann erschossen worden ist. Wir waren intensiv vorinformiert, wir hatten von Irma Thälmann gehört und gelesen, der Tochter, von Rosa Thälmann, der Ehefrau, und wir wussten, dass der kleine Ernst seine Pausenbrote mit armen Mitschülern geteilt hatte. Es waren gut belegte Pausenbrote, die wir anno 1967 übrigens nie im Leben Pausenbrote genannt hätten, aber wir müssen auch den Lesern im Altbundesgebiet verständlich bleiben. Also da standen wir dann, dann sahen wir die geöffneten Öfen und dann den Film mit den Leichenbergen.

Während ich dies schreibe, der Psychoanalytiker würde darüber nicht einmal mit den Achseln zucken, fällt mir doch noch eine dritte Jugendstunde ein, an der ich auf alle Fälle teilgenommen habe: der Ausflug nach Jena ins Planetarium. Viele helle Punkte über Kopf, die jene Muster bilden, die wir mit solchen Namen zu verbinden hatten wie Großer Wagen, Kleiner Bär. Unsereiner hatte schon so genannte utopische Romane gelesen, da gab es Alpha Centauri und ähnliche Objekte und Science Fiction hätte niemand von uns gesagt. Wir absolvierten in Gehren/Thüringen einen arg eingeschränkten Englisch-Unterricht, denn die einzige Englischlehrerin der Schule war in der Hauptsache krank und alle Aufholversuche in den gesunden Phasen zwischendurch waren vom Scheitern ständig bedrängt. Was mir später meine erste Vier auf einem Zeugnis einbrachte. Also waren wir in Jena, das lässt sich als verbindlich hinnehmen. Nichts sonst verankerte sich offenbar im Gedächtnis, denn als ich viele, schrecklich viele Jahre später einmal zu einem Schriftsteller-Treffen in einem Hotel in Jena, das es jetzt immer noch gibt, reiste, kam mir alles völlig fremd vor. Und als ich weitere schrecklich viele Jahre später nach Jena reiste, um mir Schillers Gartenhaus anzuschauen, kam mir wieder alles völlig fremd vor. In Buchenwald war das dagegen anders.

Die dritte Jugendstunde, an die ich mich erinnere, war eine, die mir unvergesslich blieb, obwohl mir sämtliche Details fast komplett entfallen sind im Lauf der Jahre. Ein Vertreter der bereits genannten SED-Kreisleitung war mit Musikbeispielen zu uns gekommen, deren Lernziel für uns darin bestand, dass die scheinbar harmlosen Schlagertexte, die von solchen üblen Barden wie Udo Jürgens und, besonders fürchterlich, von Freddy Quinn gesungen wurden, auf die kürzeste Formel gebracht, den nächsten Weltkrieg vorbereiten halfen. Des Näheren waren sie immer aggressiv, immer revanchistisch oder aber, wenn sie nur in Lalala oder Umpfumpfumpf bestanden, dann lenkten sie mindestens die westdeutsche Arbeiterklasse vom Klassenkampf ab. Klassenkampf aber war wichtig für die westdeutsche Arbeiterklasse, denn eines Tages sollte die ja auch in einer so schönen Republik leben wir wir. Dass unsere Jugendstunden und unsere Jugendweihe den VII. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands vom 17. bis 22. April 1967 knapp verfehlten, mag von allen Verantwortlichen bedauert worden sein. Der Übergang vom Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung zum Ökonomischen System des Sozialismus konnte uns erst später auf unserem Weg in den Reihen der Erwachsenen vollumfänglich begleiten, was uns im März kalt ließ.

Mit den fürchterlichen Schlagertexten hatte ich kein Problem, ich hörte sie nie. Ich bin mit Heinz Quermann und Wolfgang Brandenstein aufgewachsen und als ich Helga Brauer und Rosemarie Ambé hinter mir hatte, war ich seltsamen Sendern verfallen, von denen man flüsterte, sie stünden auf DDR-Gebiet irgendwo im Harz und sollten den Wehrwillen der imperialistischen Bundeswehr untergraben. Sie hießen Soldatensender und Freiheitssender 904 und sie brachten Musik, die mit diesem Mumpitz nichts zu tun hatte. Meine Aversion gegen den deutschen Schlager diesseits und jenseits des antifaschistischen Schutzwalles geht auf die Jahre 1966 und 1967 zurück und als wir am Ende des achten Schuljahres im Musikraum der Thomas-Müntzer-Schule in der Dimitroffstraße eine Disko veranstalten durften, da hörten wir mit nie endender Begeisterung und unter diversen Zuckungen diverser Körperteile Hits von Herman's Hermits, Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Titch, The Herd, und The Flowerpotmen, also all den Hitparaden-Müll, den wir schon drei Jahre später so tief verachteten, wie wir den deutschen Schlager nie verachtet hatten. Die Zeit raste. Was für Texte wir hörten, wenn wir „No milk today“ hörten, war natürlich sechstrangig. Nur sechs Jahre nach der Jugendweihe besaß ich das Rock-Lexikon von Siegfried Schmidt-Joos und Barry Graves.

Wem es noch nicht auffiel bis hier: Karl Kraus bezeichnete einst den Feuilletonisten als Mann, der auf einer Glatze Locken dreht. Meine Erinnerungsglatze geht eben lockig in den sechsten Absatz. Nehmen wir einmal an, dass es monatlich eine Jugendstunde gab, bis wir dann endlich die Bühne im großen Saals des Rathauses in Gehren besteigen durften, nehmen wir weiterhin an, dass die Jugendstunden im Oktober 1966 begannen, weil wir im September ja noch Thälmann-Pioniere waren, dann hat es fünf, maximal sechs solcher Jugendstunden gegeben und ich hätte mit drei davon sogar eine Trefferquote von fünfzig und mehr Prozent erreicht. Dann bin ich doch wieder ganz zufrieden mit mir und meiner Gedächtnisleistung. Im Ordner mit Dokumenten aus meiner Schulzeit fand ich, auf der Suche nach etwas anderem, die Urkunde. Die Urkunde besagt: Ullrich, Eckhard hat an der Jugendweihe teilgenommen und gelobt, für Frieden, Sozialismus und Völkerfreundschaft zu arbeiten und zu kämpfen. Darunter steht als Zitat ohne Quellenangabe von Karl Liebknecht: Aufgabe des Menschen ist es, sich mit allen seinen Fähigkeiten, mit seinem ganzen Wissen hineinzuwerfen in das gewaltige Ringen um die Höherentwicklung der Menschheit, die Befreiung, die Wohlfahrt aller. Und ganz unten: Gehren, den 19. März 67, gezeichnet Macholdt.

Diese Urkunde steckte, das bezeugt die mir in Liebe und Kühlschranknutzung geneigte Gattin anhand ihrer eigenen Urkunde vom 15. März 1970 am praktischen Augenschein, in einem ziemlich dicken Buch mit dem ziemlich pompösen Titel „Weltall Erde Mensch“. Generationen von Ringern um die Höherentwicklung bekamen an diesem Tag dieses Buch überreicht. Es trug den Untertitel „Ein Sammelwerk zur Entwicklungsgeschichte von Natur und Gesellschaft. Neufassung“. Mein Exemplar entstammt der 15., bearbeiteten Auflage von 1967, das Exemplar genannter Zeugin, das ich eigens aus dem Keller in die Wohnung holte, wo wir gemeinsam eine inliegende, mit den Unterschriften etlicher, nicht aller, Lehrer versehene Glückwunschkarte studierten und sahen, wie viele dieser Lehrer inzwischen bereits gestorben sind, der 18. Auflage von 1970. Der Verlag Neues Leben Berlin hat sich so Jahr für Jahr einen soliden Umsatz gesichert, was damals im Rahmen der politischen Ökonomie des Sozialismus sicher noch eine untergeordnete Kategorie war. Wirklich verrückt ist, dass ich im Juni 1967 sämtliche 517 Seiten des Geschenks komplett gelesen hatte und das Buch als Titel Nummer 351 in mein großes, seit 1964 geführtes Leseregister eintrug. Ich will nicht mutmaßen, wie viele Jugendweiheteilnehmer der DDR mir genau das gleichtaten.

Das Gelöbnis, wieder bin ich auf die Zeugin am Wohnzimmertisch angewiesen, sprachen wir nicht Wort für Wort, wir wiederholten nur den Refrain: Ja, das geloben wir. Wir wiederholten das dreimal. „Seid Ihr bereit, als treue Söhne und Töchter unseres Arbeiter- und Bauern-Staates für ein glückliches Leben das ganzen deutschen Volkes zu arbeiten und zu kämpfen, so antwortet mir:“. Wir antworteten. „Seid Ihr bereit mit uns gemeinsam Eure ganze Kraft für die große und edle Sache des Sozialismus einzusetzen, so antwortet mir:“. Wir antworteten. „Seid Ihr bereit, für die Freundschaft der Völker einzutreten und mit dem Sowjetvolk und allen friedliebenden Menschen der Welt den Frieden zu sichern und zu verteidigen, so antwortet mir:“. Wir antworteten. Am meisten verblüfft jetzt das ganze deutsche Volk. Ich vermute stark, dass da Westdeutschland mit gemeint war, ich stand also auf dem Boden des Grundgesetzes, ohne es zu ahnen, und gelobte sogar dergleichen. „Wir haben Euer Gelöbnis vernommen, Ihr habt Euch ein hohes und edles Ziel gesetzt. Ihr habt Euch eingereiht in die Millionenschar der Menschen, die für Frieden und Sozialismus arbeiten und kämpfen. Feierlich nehmen wir Euch in die Gemeinschaft aller Werktätigen unserer Deutschen Demokratischen Republik auf und versprechen Euch Unterstützung, Schutz und Hilfe.“

Gemeinhin reisten zu Jugendweihen Verwandte ersten bis elften Grades an, um an einer mehr oder minder gigantischen Feier teilzunehmen. Der Teilnehmer spekulierte insbesondere auf die pekuniär-materiellen Zuwendungen und auf den ersten quasilegalen Vollrausch seines Lebens. Mit dem Geld hatte ich Pech. Mangels Verwandter, die anreisen und spenden konnten, summierte ich am Ende schmähliche 140 Mark, andere sammelten, wie ich rasch erfuhr und später immer wieder neu bestätigt bekam, das Zehn- bis Dreißigfache. Ich bekam exakt zwei Brieftaschen geschenkt, beide sind heute noch in Betrieb, eine wohnt in einer weiblichen Handtasche, eine liegt in der obersten Schublade meines Schreibtisches und enthält alte Passwörter, abgelaufene Presseausweise, eine Startkarte des Thüringerwald-Vereins, Passfotos verschiedenen Aufnahmedatums und ähnliche sekundäre Wichtigkeiten. Mein Großvater Reinhold war 1966 gestorben, mein Großvater Otto lebte in Ulm und starb 1973. Mein Onkel Werner wartete mit seinem Sterben noch meine Jugendweihe ab, von ihm stammten die wie immer herrlichen Plätzchen, er war Bäckermeister in Finsterbergen. Und starb 1967. Ich erinnere mich nicht, ob wir die Plätzchen in Finsterbergen abholten oder er sie uns brachte. Ich erinnere mich der riesigen Kaninchen, die er züchtete und seiner Urkunden.

Es waren Urkunden für das beste Brot in Kreis Gotha und die Plätzchen, die ich am liebsten hatte, die ich und sein Bruder Oswald, der mein Vater war, gern zum Tee aßen, hießen Mürbchen. Ich erinnere mich nicht, wo wir meine Jugendweihe feierten, alles deutet darauf hin, dass es in unserer Wohnung in der Talstraße 14 geschah. Die mit den Verwandten ersten bis elften Grades feierten in kleinen und mittleren Sälen. Sie bekamen bis zu dreißig große Blechkuchen gebacken, die mit extremem Ehrgeiz der Hausfrauen entstanden und fast ausschließlich zum Verteilen bestimmt waren. Jugendweihe hieß: Kuchenpakete verteilen. Der Weihling hatte die Aufgabe des Austragens und wenn er richtig viel Pech hatte, war er nach drei bis vier Stationen schon der Alkoholvergiftung nahe, weil es überall ein Schlückchen gab, welches der nunmehr von Erwachsenen Umkreiste mit dem Haushaltsvorstand der Paketempfänger-Familie hinunterzukippen hatte. Ich war erst zur Jugendweihe 1968 richtig besoffen, als ich bei meinen Nachbarinnen mit deren Vätern zu picheln hatte, bis die Knie weich wurden. Dunkel erinnere ich eine Delegation der Abteilung Volksbildung des Rates des Kreises Ilmenau, die uns besuchte und beköstigt wurde, Kolleginnen und Kollegen meines Vaters. Also werden auch solche meiner Mutter dagewesen sein, ich weiß es nicht mehr.

Was ich noch weiß und bewege mich damit in Richtung Ende des schlechten Erinnerns, war der Brauch des Karten-Zählens. Am Montag nach der Jugendweihe teilte man sich in den Klassen mit, wie viele Karten man jeweils bekommen hatte und in wie vielen dieser Karten wie viel Geld gesteckt hatte. Da meine Eltern sich an dem Brauch des Geldverschickens an möglichst alle anderen Jugendweiheteilnehmer nicht beteiligten, bekam auch ich folgerichtig nicht von allen anderen Jugendweiheteilnehmern Karten. In irgendeinem Winkel liegen in einer Plastik-Tüte noch meine vergleichsweise wenigen Karten, ich ahne nur nicht einmal ansatzweise, welcher Winkel das sein könnte. Was ich weiß: Eine spezielle Liste sammelte alle Namen, an die unbedingt bei sich bietender Gelegenheit im nächsten oder einem der nächsten Jahre eine Karte geschickt werden musste, eine mit Geld, oder häufiger, eine ohne Geld. Bleibt mein Anzug. Er war schwarz und teuer. Ich war nur 1,53 Meter groß, mein Wachstum auf 1,76 Meter vollzog sich nach der Jugendweihe. Deshalb konnte ich den Anzug schon sehr bald nicht mehr tragen. Mein Jugendweihemantel kam noch ein Weilchen zum Einsatz. Der Ersatz für Schlips oder Fliege, der dreieckig aussah mit einer Perle vorn, gehört zu den Erinnerungsstücken meiner Mutter an mich als Kind.

Der teure schwarze Anzug war aus chinesischem Stoff und noch Jahre ging von ihm die Rede, dass er so gut war, dass er selbst dann keine Knitterfalten zeigte, wenn man mit ihm die ganze Nacht schlief. Ich habe selbst im wildesten Zustand nie im Anzug geschlafen, kann das also weder bestätigen noch dementieren. Freund Volkmar, der als einziger neben mir diesen teuren Anzug trug, alle anderen männlichen Jugendweiheteilnehmer trugen den anderen Anzug, den der sozialistische Jugendweiheanzughandel zur Verfügung stellte, er kostete exakt die Hälfte, konnte seinen länger nutzen als ich, weil er seinen Wachstumsschub eher gestartet hatte. Ich kenne Teilnehmer dieser Jugendweihe 1967, die noch zum Abitur in ihrem Jugendweiheanzug einher wandelten, weil sie einfach gar nicht mehr gewachsen sind. Nach der Jugendweihe stand eine für meinen weiteren Lebensweg wichtige Entscheidung an. Werde ich zugelassen zum Besuch der Goetheschule in Ilmenau oder werde ich in Gehren bleiben müssen? Nur drei aus jeder Klasse hatten die Chance. Mein Halbjahreszeugnis vom 4. Februar 1967 enthält zwölfmal die 1, neunmal die 2 und einmal die 3 in meinem Lieblingsfach Turnen. Das Abschlusszeugnis der Klasse 8a ist leider verloren. Das Geheimnis, wohin es verschwand, nahm eine Klassenlehrerin mit ins Grab, die dieser Tage starb.


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