Shakespeare: Sommernachtstraum!; Shakespeare Company Berlin

Inszenierungen des „Sommernachtstraums“ haben in Berlin eine lange Tradition, schon 1843 stellte Ludwig Tieck das Spiel hier und in Potsdam auf die Bühne und wenn Theodor Fontane 1871 anlässlich einer Aufführung, die ihm nicht gefiel, schrieb: „Man darf füglich behaupten, dass das ganze Stück mit den Clownszenen steht und fällt; man nehme ihm dies possenhafte Element, das vom Dichter keineswegs als die Hauptsache intendiert war, und es bleibt etwas unsagbar Langweiliges übrig …“, dann wird man am Prellerweg sicher zustimmen und mit dem Kopf schütteln zugleich. Neun Jahre später wusste Fontane zu sagen, jetzt nach einer Inszenierung von Arthur Deetz (18. Juni 1826 – 16. Juli 1897) am Königlichen Theater in Berlin: „Er gehört dem klassischen Repertoire an und muss von Zeit zu Zeit an uns herantreten, ohne Rücksicht darauf, ob wir uns, zu voller Würdigung seiner Herrlichkeit, erst einen Ruck geben müssen oder nicht.“ Dass Fontane auch eine eigene Übertragung des „Sommernachtstraums“ schuf, ist weniger bekannt. Die Shakespeare Company Berlin jedenfalls brauchte sich zweifellos keinen Ruck zu geben und die von Doris Harder besorgte Aufführung steht zu Recht nun schon fast sechs Jahre auf dem Spielplan.

Wer den Spielort im so genannten Schöneberger Südgelände kennt, weiß, das Bühnenpodest ist ziemlich klein, die Rampe sehr nahe an der ersten Reihe, die Schauspieler können auf keine Distanz vertrauen, die schwache Momente außer Sichtweite bringt. Alle müssen von der ersten bis zur letzten Minute höchst konzentriert sein, können nicht aus der Rolle fallen, es sei, das gehört zum Plan der Regie. Hier sind sechs Akteure in Dauerbewegung, die Damen Vera Kreyer, Elisabeth Milarch und Kim Pfeiffer, die Herren Oliver Rickenbacher, Michael Günther und Erik Studte. Sechs Leute für 18 Rollen – das irritiert heute niemanden mehr, selbst wenn es nur noch dem Personalkosten-Kalkül entstammen sollte. Und doch ist es keine fünfzig Jahre her, da anlässlich eines Gastspiels der Royal Shakespeare Company die Kritik sich vor Begeisterung kaum zu halten wusste, weil Peter Brook Darsteller zwei Rollen spielen ließ: Theseus und Oberon, Titania und Hippolyta. Diese Idee wurde allseitig abgeklopft hinsichtlich ihrer möglichen Intentionen und Wirkungen. Drei Rollen für eine Darstellerin, einen Darsteller lösen keine Reflexionen mehr aus, man gönnt sie den Mimen, erhofft Herausforderung ihrer Spielfreude, freut sich ihres Erscheinens.

Hier passt es. Gabriele Kortmann hat Kostüme erfunden, die den raschen Rollenwechsel nicht behindern, die Bühne selbst (Coco Ruch) kommt wie immer mit wenig Requisiten aus, die Abgänge erfolgen meist nach hinten, die Auftritte auch schon mal aus dem umgebenden Wald oder aus dem Rücken der Zuschauer. Gespielt wird mit Pause, knapp zwei Stunden reine Spielzeit sind vorbei, wenn das Publikum zum Schlussbeifall ansetzt, dem eine zweite Anleitung zum Rollen der Decken folgt und Werbung für andere Inszenierungen der Truppe. Die Handwerker haben auch hier die Lacher am häufigsten auf ihrer Seite, auch hier ist Bottom der übereifrige Weber, der am liebsten alle Rollen spielen würde und immer gleich eine Probe seiner künftigen Rolle zu geben gewillt ist. Seine Verwandlung in einen Esel ist vor allem mit einem Kopfputz angedeutet. Seine Hyper-Potenz muss er als solcher nicht so krass zur Schau stellen, wie das andere Bühnen schon weidlich taten, man vermisst es nicht, denn von den priapischen Qualitäten des Esels in der Antike muss man erst wissen, ehe man sie lustig finden kann. Und die getäuschte Titania, sie genießt hingebungsvoll, was ihr unverdächtig erscheinen muss, die Wunderblumentropfen tun ihre uneingeschränkte Wirkung.

Doris Harder hat sich dafür entschieden, all ihren Akteuren drei Rollen zu geben und dennoch ergibt die Multiplikation von sechs mal drei nicht achtzehn, sondern siebzehn. Das liegt an der Idee, Puck doppelt auftreten zu lassen, Kim Pfeiffer ist ein weiblicher, Oliver Rickenbacher ein männlicher Puck. Fern die Zeiten, da der dienstbare Geist Oberons ins Rollenfach der jugendlichen Liebhaberin fiel, fern auch die Zeiten, da man alle denkbaren Gegenteile ausprobierte. Die beiden Pucks geben zwanglosen Anlass für einige Wortspiele und Namensspäße. Mir gefiel am besten: „Ich bin doch kein Unpuck.“ Und gar nicht aufgesetzt wirkte, als Kim Pfeiffer aus dem Grünen von hinten gesprungen kam und „Atemlos“ intonierte: Helene Fischer also nicht nur im Berliner Pokal-Endspiel, sondern auch im „Sommernachtstraum“ der Shakespeare Company Berlin. Viel Wert legt die Inszenierung auf Musik und Gesang, a capella und mit Begleitung, Toni P. Schmitt und Rainer Rohloff haben ganze und gute Arbeit geleistet, das Publikum geht mit wie bei Schlagerstars die mitreisenden Fans in den ersten Reihen. Was sollte man mehr wollen? Und so ist es auch äußerst wohltuend, im Programmheft keine überambitionierten Regie-Reflexionen lesen zu müssen.

Ist es heute zu glauben, dass ein keineswegs amateurhafter Kritiker wie Max Mell (10. November 1882 – 12. Dezember 1971) ernsthaft meinte: „Die Frage ist: was die nächtliche Freiluftaufführung zur Verwirklichung der Dichtung mehr beisteuert als eine reguläre Bühne vermöchte?“ Und dann zu dem wahrhaft verblüffenden Schluss kam: „Die ganze lustige Aufführung der Handwerker passt nicht ins Freie.“ Oh doch, sie passt, man könnte inzwischen fast im Gegenteil sagen, das Spiel ist wie geschaffen fürs Freie und wird dort landauf, landab für Sommertheater-Spielpläne immer neu auf die wie immer geartete Bühne gestellt. Mein Nebenmann in Reihe 4 erinnerte sich angetan an einen „Sommernachtstraum“ in der Spandauer Zitadelle, er kannte auch den im Monbijou-Theater, der mir sofort vor Augen stand. Hier ist mir nächst dem Spiel der Handwerker das der beiden Damen Vera Kreyer als Helena und Elisabeth Milarch als Hermia heraushebenswert erschienen: wie diese Freundinnen die volle Klaviatur ihres Umgangs miteinander ausspielen bis hin zum Beinahe-Griff an die Gurgel der anderen, das darf man genießen. Beide sind als Elfen Senfsamen und Bohnenblüte kaum weniger präsent, auch wenn am Elfenwesen straff gestrichen wurde.

Das Spiel im Spiel, also Pyramus und Thisbe, von den Handwerkern verkörpert, zünftig mit Löwe, Mond und Mauer, zu der hier in Berlin die Shakespearesche Wand mit Hintersinn wird, verzückt einige im Publikum über alles und als dann gar der Ruf an die an der Rampe stehende Mauer ergeht: „Die Mauer muss weg!“, ist der jubelnde Szenenbeifall programmiert. Nein, das ist nicht zu dick aufgetragen. Von den Ebenen der Handlung bei Shakespeare, von Rahmenhandlung und Binnengeschehen ist am stärksten das Paar Theseus und Hippolyta reduziert worden. Die anfängliche Drohung gegen Hermia, sie lande entweder beim Henker oder im Kloster, wenn sie dem Willen des von der Regie gestrichenen Vaters Egeus nicht folge, bleibt schwebend und gerät fast außer Sicht, bis am Ende das große und allgemeine Komödien-Happy-End alles, oder fast alles löst. Vera Kreyer darf die Fassungslosigkeit, den Unglauben an die Realität dessen, was sie erlebt, wenn sie Helena ist, beinahe bis zum letzten Tableau halten. Oberon steht über allem, zieht die Fäden, kommandiert seinen Doppelpuck: Michael Günther. Den andernorts bisweilen zur Blässe neigenden Lysander und Demetrius gegen Oliver Rickenbacher und Erik Studte erstaunliche Farbe.

Als 1980 im Osten Berlins, damals noch Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, fast zeitgleich „Sommernachts“-Premieren am Maxim-Gorki-Theater und am Deutschen Theater liefen, die Regisseure waren Thomas Langhoff und Alexander Lang, gab es tatsächlich quasi an der Planwirtschaft orientierte Debatten, ob solche Parallelen gut seien. Ein Kritiker klagte gar, dass nach Wochen ohne Premiere plötzlich mehrere in einer Woche, sogar zwei an einem Tag einmal, herauskämen. Für eine Millionenstadt heute ein fast lächerlicher Gedankengang. Und ein trotz fortgeschrittenen Alters jung gebliebener Gedanke von Peter Brook sei zitiert, dessen Inszenierung Manfred Pfister im dicken Shakespeare-Handbuch umstandslos die beste neuere nennt: „Das Problem des tödlichen Theaters ist das Problem des tödlichen Langweilers.“ Es ist ein Problem, welches das von Christian Leonhard geleitete Ensemble der Shakespeare Company nicht kennt, noch mehr und wichtiger: welches sein Publikum nicht. Langeweile kommt nicht auf, nicht einmal ansatzweise. Und auf die in Berlin neuerdings salonfähig werdende Idee, es würden zu viele Klassiker gespielt, kann unter allen Beteiligten hier niemand kommen: hier gibt es nur Klassiker.
www.shakespeare-company.de


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