Max Frisch: Biedermann und die Brandstifer; Bühnen der Stadt Gera

Wenn ein Theater, eine Regie dem Text nicht trauen, den sie auf die Bühne bringen wollen, wäre es nach herkömmlichen Maßstäben besser, gleich die Finger davon zu lassen. Da aber Theater und Regie allein mit einem Wort wie herkömmlich schon in Gefahr geraten, allergische Schocks zu erleiden, ist es vielleicht besser anzunehmen, das Misstrauen dem ausgewählten Bühnentext gegenüber sei der Zugangspfad bis zu genau dem Knoten, auf dessen Platzen gesetzt wird. Die in Wien gebürtige Regisseurin Angelika Zacek lässt es im Programm „ihren anderen Zugang“ nennen. Das Ergebnis ist einerseits guter alter Max Frisch mit dem guten alten Parabel-Stück „Biedermann und die Brandstifter“, nahezu komplett wie vom Blatt gespielt, und auf der anderen Seite ein Kontinuum an Sicht-Agitation, auf eine Leinwand projiziert, bestehend aus Negativ-Schlagzeilen aus der Welt des heutigen Kapitalismus. Schlagzeilen, es sei rasch wenigstens erwähnt, analysieren nichts, differenzieren nichts, sie sind Populismus pur, ehe Populismus selbst Schlagzeile wurde. Der Text von Frisch hat, dieser Kalauer muss ein, an Frische nichts verloren. Auch an Deutlichkeit nichts, an Deutbarkeit ohnehin nichts. Es könnte allenfalls sein, dass das Publikum seit 1958 (da war die Uraufführung im Schauspielhaus Zürich), so blöd wurde, dass ihm nur Plakate helfen.
 
Haken wir also den Arbeitsabend der Abteilung Agitation und Propaganda der Kreisleitung der Bühnen der Stadt Gera nebst Landestheater Altenburg erst einmal ab. Die Welt ist gefährdet. Und zwar in dieser Reihenfolge: Demokratie, Klima, Mensch, Tier, Umwelt. Vor den Gefahren wird gewarnt mit dem aus der griechischen Sklavenhaltergesellschaft übernommenen Chor-Ruf „Wehe!“ Wir erinnern uns an die „Erste Allgemeine Verunsicherung“ und ihre Fundamental-Zeile „Weh mir, sprach der Emir“. Der am 7. Mai 1971 in Clichy (da waren offenbar keine stillen Tage mehr) geborene französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty wird zitiert, als wäre er der Lückenfüller nach den Klassikern der Kapitalismus-Kritik, den nie ein Zweifel trifft oder gar selbst beschleicht. Eine Weile leuchten „2 ° C“ auf, heller und dunkler werdend, es gibt Treibhausgas, Massentierhaltung, Panama Papers, Paradise Papers, Flüchtlinge, den fünften Armutsbericht der Bundesregierung, Parteispenden (die Linke nimmt wirklich keine, die AfD tut nur so). Auf den Benzinfässern, die die Brandstifter auf den Boden Biedermanns tragen, steht: Auto-Konzerne, Pharma-Konzerne, Energie-Konzerne, IT-Konzerne. Wir geben 13 Prozent unseres Einkommens für Essen aus, es gibt aber Länder, da sind es 70. Dafür verbieten wir Plastik nicht, die aber schon.
 
Am Ende sind die Akteure auf der Bühne am Park eine Viertelstunde eher fertig und da ist die Tanz- und Mitmach-Einlage des Nachspiels schon eingerechnet, das das von Frisch geschriebene Nachspiel ersetzte, auf das die Regie seltsam traditionsgebunden verzichtete. Ein Mann aus der ersten Reihe, den man zum Tanz gezerrt hatte, floh kopfschüttelnd, das Spiel mit der Zündschnur wollte auch nur ein Teil des Publikums mitmachen. Wohl jedem, der diese Einbeziehungs-Dramaturgien noch immer nicht albern findet. Das Stück, seltsam genug, ist resistent gegen jeden Backpulverzusatz, sein Teig geht von allein auf. Man muss nur hinhören. Wobei in Gera insbesondere Bruno Beeke als Gottlieb Biedermann derart brüllte von Anfang bis Ende, dass in meiner Nachbarschaft Hörgeräte aus den Ohren genommen werden mussten. Wer schreit, hat Unrecht, sagte früher immer die Omatante auf Besuch. Überdeutlichkeit ist das übergreifende Merkmal der erkennbaren Inszenierungsabsichten. Wenn es um Geld geht, wird „Money“ von Pink Floyd eingespielt, wenn es um die Richtung von allem geht, singt der Kellner vom „Highway to Hell“, freilich nicht in der AC/DC-Fassung. Und so fort. Auf den gelben Fischereiflotten-Jacken des Chores steht „Greenpeace“, der Chor, der bei Frisch aus Feuerwehrleuten besteht, trägt die aus der Occupy-Bewegung bekannten Guy-Fawkes-Masken. Deren Symbolwert eher zweifelhaft ist.
 
Denn Guy Fawkes, ein katholische Offizier, war Kopf der so genannten Pulververschwörung von 1605, heute würde man ihn einen Terroristen nennen, weil er den König in die Luft sprengen wollte mit all den Kollateralschäden unter unbeteiligten und unschuldigen Menschen, die so ein schönes großes Sprengstoffattentat mit sich bringt. Dass der Chor mit ausgerechnet diesen Masken doppelgesichtig gemacht wird, hat, wie der Schwabe sagen würde, ein Geschmäckle. Wie auch immer: Niemand, der über „Biedermann und die Brandstifter“ schreibt, verzichtet auf den Hinweis auf Brecht, denn Max Frisch hat seinen Einakter „Lehrstück ohne Lehre“ genannt. Wo sich Frisch, auch das schreiben alle, formal wie inhaltlich, gerade mit diesem Stück von Brecht emanzipiert, will ihn Angelika Zacek offenbar wieder auf Brecht eindampfen. Mit seinen Transparenten, seinen plakativen Schriften, seinen Einspielen schwarz-weißer Stummfilmbilder und Predigten von der Rampe revoluzzte der Augsburger in den zwanziger Jahren auf den deutschen Bühnen, die sich ihm öffneten. Frisch aber war nie ein Brecht-Schüler in dem Sinne, wie die Ostberliner Gemeinde am Schiffbauerdamm noch lange, nachdem der Meister gestorben war. Der Chor in Feuerwehruniform allein ist Persiflage genug durch den Kontrast zu seinen antikisierenden Pseudo-Sophokles-Versen.
 
Vielleicht soll man bereits aus dem ersten Satz des Programmes, der die Vorstellung der Handlung eröffnet, einen Irritationseffekt davon tragen: denn Gottlieb Biedermann ist keineswegs Fabrikant von Haaröl, sondern von Haarwasser. Öl würde womöglich von allein brennen, Wasser eher nicht.Biedermann verkauft sein Haarwasser und er nennt es ein Marketing-Produkt, weshalb ihm auch keine nennenswerten Skrupel kommen, seinen Mitarbeiter Knechtling zurückzuweisen, als der einen Anteil an der Erfindung will. Dass dies schließlich zum Selbstmord Knechtlings führt, ficht Biedermann noch immer nicht an. Für seinen Umsatz ist er bereit, alles zu tun. Das sagt, damit es auch der letzte versteht, seine Frau Babette ganz ausdrücklich. Dafür ist er (bei Frisch) sogar in „die Partei“ eingetreten, ein winziges Detail, das in Gera, man belehre mich, nicht zu hören war. Noch ein weiteres scheinbar noch winzigeres Detail fiel ebenfalls dem Rotstift zum Opfer. Während nämlich bei Max Frisch zur Gans für die ungewünschten Gäste vom Dachboden Pommard gereicht wird und der Kellner natürlich sofort weiß, was für ein nobler (und teurer) Rotwein das ist, vertraut die Regie ihrem Publikum so wenig, dass sie lieber gar keine Marke nennt. Man säuft aus Plastik-Flaschen, süffisant passend zu den Nachrichten über Totalverbote in Ruanda im Agitprop-Teil.
 
Es wird natürlich auch gespielt in Gera. Bruno Beeke, schon erwähnt, verdarb leider mit seinem Dauergebrüll fast alle Nuancierungsangebote seines Rollentextes als Gottlieb Biedermann. So blieb ihm Körperlichkeit, die einiges ausglich. Schwer zu sagen, ob von seinen Sätzen, die zwischen Angst, Rechtfertigung, Selbstberuhigung und gequältem Humor changieren, auch die einfachen Wahrheiten vom Publikum nur als Sätze eines Schuldigen verstanden werden, die darum gar nicht wahr sein können. Wenn er fast verzweifelt sagt „Ich kann nicht Angst haben die ganze Nacht“, dann heißt die Botschaft von Max Frisch natürlich nicht, Du sollst Angst haben, bis Du vor lauter Angst aus dem Fenster springst. Die Geraer Inszenierung, die in ihrem Agitprop-Teil nur eine Folgerung als Konsequenz erlaubt: in dieser Welt kann man nicht leben, verzichtet mit geradezu beängstigender Konsequenz auch auf die geringste Andeutung von Alternative, Ausweg, Lichtblick. Wenn man nun auch noch einrechnet, dass die Schweiz, Max Frischs nicht durchweg geliebte Heimat, immer einen Spitzenplatz in den internationalen Selbstmordstatistiken hat, wirkt just diese angepappte Tendenz wie ein instinktloser Fehlgriff. Am Ende trägt Manuel Struffolino als Dr. phil., einen unhörbar gemachten Rechtfertigungstext vor, bezeichnend genug, wenn er ungehört bleibt.
 
Denn hier hat sich Max Frisch direkter ausgesprochen als in allen anderen Sätzen und Passagen dieses „Biedermann und die Brandstifter“. Dieser Doktor, dieser Sympathisant, äußerlich dadurch gekennzeichnet, dass er eine ähnliche Kopfmaske trägt wie die Brandstifter (Bühne und Kostüme: Peter Lehmann), nimmt den Brandstiftern nicht ihre Brandstiftungen übel, sondern nur, dass sie sie mit Lust vollbringen. Was nichts anderes bedeutet, als wenn schon Terror mit Feuer (in Berlin wird alljährlich um den ersten Mai gerade dieser Max Frisch brandaktuell im schlimmsten Sinne des Wortes), dann wenigstens ideologisch unterfüttert. Und mit tiefstem Ernst. Mit Verbissenheit. Die beiden Brandstifter in Gera, Thorsten Dara als Ringer Schmitz und Maximilian Popp als Kellner Eisenring, zeigen und spielen, was ihnen der Philosoph vorwirft. Sie haben Lust, sie zeigen ihre Lust, sie sind mit ihrem schwarzen Humor, der zur grotesken Parabel natürlich unabtrennbar gehört, zynische Rächer ihres jeweils aus der Bahn geratenen Lebens. Sie sind fröhliche Terroristen, die den Tod Unschuldiger und Unbeteiligter in Kauf nehmen. Sie sympathisch gemacht zu haben, ist der hinterhältigste Kunstgriff des Autors Max Frisch in diesem Stück. Auch Ines Buchmann als Babette Biedermann ließ sich zeitweise vom Brüllen ihres Bühnengatten anstecken, nicht zu oft.
 
Dass die Inszenierung ihre hübschen Details hat, bekenne ich gern: Ines Buchmann beispielsweise, wenn sie des Brandstifters Frühstückstablett auf ihrem Bauch abstellen lässt und ihn sogar füttert. Der Geist aus dem Salzburger „Jedermann“, Gera hat wissende Premierenbesucher, die sofort lachten. Und dann Mechthild Scrobanitas Anna, jeder Kurzauftritt ein genutztes Momentum, das wilde fremdsprachige Fluchen schlicht und herrlich, also schlicht herrlich. Aus der Abteilung Hip-Hop die Liedzeile „Fick mich, aber nicht im Etap-Hotel“ oder „Bumm, bumm, ich bring euch alle um“ kommt der Spaß, den ich nicht verstehen will. Übrigens war vor mehr als fünfzig Jahren die sehr namhafte Kritikerin Marianne Kesting der Meinung, man könne „Biedermann und die Brandstifter“ gar nicht richtig verstehen ohne das Nachspiel, das bei der deutschen Erstaufführung in Frankfurt am Main als Ersatz für das in Zürich zur Abendfüllung benutzte „Die große Wut des Philipp Hotz“ trat. Angelika Zacek hat sich für Altenburg und Gera an das 1973 ausgesprochene Verbot gehalten, mit dem Max Frisch eine bestimmte Reduzierung ausschließen wollte, die diese oder jene historische Situation in die Parabel hinein- oder herausdeuten will. Wer eine Parabel wie auch immer einsinnig versteht, versteht nicht, was eine Parabel ist, in Gera roch es heftig danach.
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