Vortrag zu Hermann Hesse

Ilmenau. Zum zweiten Male ist morgen, 25. April, Marco Schickling vom Suhrkamp-Verlag in Ilmenau zu Gast in Sachen Hermann Hesse. In der Stadtbibliothek Ilmenau hält er einen Vortrag über „Hermann Hesses Schriften gegen den Krieg“, Beginn 19 Uhr, nachdem er im vorigen Jahr, als der 125. Geburtstag Hesses und sein 40. Todestag mit viel Aufwand begangen wurden, bereits über die Jugendjahre Hesses gesprochen hatte.

Der Nobelpreisträger von 1946 hat früher als die meisten anderen deutschsprachigen Autoren eindeutig gegen den Krieg Stellung genommen. Und als die Euphorie in Deutschland auch auf namhafte Autoren übergriff, publizierte Hesse in der Neuen Züricher Zeitung, noch heute ein Flaggschiff des internationalen Journalismus, seinen berühmten Beitrag „O Freunde, nicht diese Töne“. Hesse bekam über die deutsche Botschaft in der Schweiz bedeutet, man sehe seine Antikriegs-Publizistik nicht gern, später schrieb er deshalb, wenn auch nicht nur deshalb, wichtige politische Äußerungen unter Pseudonym. Nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb Hesse in seinen „Rundbriefen“ manche Sätze zum Thema Krieg, Rüstung, Amerika, die sich heute lesen, als seinen sie für ganz aktuelle Auseinandersetzungen verfasst.

Der Vortrag von Marco Schickling konzentriert sich auf Hesses politische Schriften der Jahre 1914 bis 1919. Das war die Zeit, in der sich der Autor nicht zuletzt durch den Ersten Weltkrieg, aber auch durch Familienprobleme, in der Krise befand und ein Hauptbetätigungsfeld in der Versorgung von Kriegsgefangenen mit Literatur sah.
Zuerst in Freies Wort vom 24. April 2003; Titel: Gegen den Krieg

Die Frage: Was hätte Hermann Hesse dazu gesagt? ist eine Frage, zu der Hermann Hesse vermutlich gesagt hätte, man sollte sie möglichst gar nicht erst stellen. Wenn aber die „Ilmenauer Bücherstube“ und die Ilmenauer Bibliothek zu einem Vortragsabend einladen, dessen Thema „Hermann Hesses Schriften gegen den Krieg“ lautet, dann ist natürlich damit zu rechnen, dass nicht nur Kriege zur Sprache kommen, die zu Lebzeiten des Nobelpreisträgers des Jahres 1946 stattfanden, also zwischen 1877 und 1962.

Es fanden sich wohl an die zwei Dutzend Menschen in der Bahnhofstraße ein, die den Vortrag des jungen Marco Schickling (Suhrkamp Verlag) hören wollten, der damit bereits seinen zweiten Auftritt in Ilmenau hatte. Bibliothekschefin Dagmar Zwiekirsch bekannte gleich eingangs, von Hesses Schriften zur Politik wenig zu wissen und deshalb sehr gespannt zu sein. Und Marco Schickling trug, von kurzen Einsprengseln vor allem aktueller Art unterbrochen, seinen im Wortlaut vorbereiteten Vortrag vor. Das hat Vorteile und es hat Nachteile. Die gediegene Formulierung geht nicht verloren, die dem rhetorisch weniger Geübten vielleicht verloren gehen würde, freilich geht auch die Lebendigkeit des Vortrages immer ein Stück verloren. Den Besuchern mutete Schickling in den knapp sechzig Minuten, die er sprach, nicht zu viel zu und gab dennoch eine Einführung in den Stoff, der möglicherweise selbst fortgeschritteneren Hesse-Lesern noch den einen oder anderen Wink bot.

Hermann Hesses Verhältnis zum Krieg 1914 bis 1918, später „Erster Weltkrieg“ genannt, ist glücklicherweise nicht auf eine ganz kurze Formel zu bringen. Denn wenn er sich auch nicht zu nationalistischem oder gar chauvinistischem Wortgeprassel hinreißen ließ, wie manch berühmter Kollege und Zeitgenosse, er hätte sich einem Dienst in der deutschen Armee nicht verweigert. Es hat ihn sogar ein wenig gegrämt, dass er vor allem wegen seiner schlechten Augen für den aktiven Dienst nicht in Frage kam. Dann ging es aber relativ rasch und die von ihm wahrgenommenen Seiten des Krieges, die seine Kriegsgegnerschaft herausforderten, insbesondere die Gräuel im neutralen Belgien, wurden die beherrschenden seiner Eindrücke.

Marco Schickling trug längere Passagen aus einem Hesse-Tagebuch des Jahres 1914 vor, aus dem Gedicht „Denken an den Freund bei Nacht“, gedruckt beispielsweise in der Suhrkamp-Taschenbuch-Ausgabe „Die Gedichte“, Seite 390/91. „Und keiner sagt ein Wort von seiner Angst“ heißt es dort. Der berühmte Beitrag „O Freunde, nicht diese Töne!“, zuerst gedruckt in der „Neuen Züricher Zeitung“ vom dritten November 1914, fehlte ebenso wenig wie der Brief „An einen Staatsminister“, am 12. August 1917 ebenfalls in der NZZ publiziert.

Hesse hat sich sehr zeitig Gedanken darüber gemacht, wie es wohl nach diesem Krieg aussehen würde, wie man wieder dazu kommen kann, miteinander zu reden, welche Voraussetzungen nötig seien, um das nicht überhaupt von vornherein auszuschließen. Später hat er sich auch sehr klar über diejenigen geäußert, die am Krieg verdienen. Und über die, die von ihm in einem weiteren Sinne profitieren. Denen es tiefe Befriedigung verschafft, nicht mehr mit „Herr Müller“ angeredet zu werden, sondern mit „Herr Leutnant“. Und noch später räumt er ein, dass er, wenn er sich denn parteipolitisch engagieren würde gegen den Krieg, dies bei den Kommunisten tun würde. Die er freilich ablehnt. Aber die Sozialdemokraten, die fallen ihm bei Kriegsgegnerschaft gar nicht erst ein. Was unter dem eingangs genannten aktuellen Gesichtspunkt durchaus als bemerkenswert notiert werden sollte.

Als Vertreter des Verlages, der das Hesse-Werk mit einer mittlerweile fast unübersehbaren Fülle einzelner Ausgaben betreut und in wichtigen Teilen gerade von diesem Autor Hesse lebt, wusste Marco Schickling auch immer wieder die Aufmerksamkeit auf die entsprechenden Bände seines Hauses zu lenken. Zu Recht. Und er bekannte sich dazu, Hesses berühmten „Demian“ für kein gutes Buch zu halten.
Zuerst in Freies Wort, 2. Mai 2003, S. 16, Titel: „Und keiner sagt ein Wort von seiner Angst“


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