Annerose Kirchner 75
Kennt man jemanden, den man lange kennt, den man einigermaßen oft traf, mit dem man etliche nicht enden wollende Telefonate geführt hat, sachlichen und tratschenden Inhalts, über Gott und die Welt, über Gott ohne Welt und Welt ohne Gott? Gottchen, natürlich nicht. Wie soll man, umgehend fünf jeweils aktuelle Währungseinheiten ins Phrasen-Schwein, jemand anderen kennen, wenn man sich selbst nicht kennt? Also Rückblick, ohne allen Zorn natürlich, wir sind nicht in England, nicht einmal beide mehr in Südthüringen. Annerose Kirchner wohnt seit langem in Gera, wo ich zwar bisweilen bin, sogar im Theater (eher: war, inzwischen), aber dort trafen wir uns nie, stattdessen in Weimar, wenn sich die Literarische Gesellschaft Thüringen zu ihrer Jahresversammlung vereinte, soweit ihre Mitglieder der Einladung folgten. Annerose Kirchner war für mich ein Grund zu folgen, auch Holger Uske und, phasenweise, Matthias Biskupek. Die Alt- und Urmitglieder dort haben ein gespaltenes Verhältnis zu Neu-Mitgliedern, selbst wenn diese inzwischen zwanzig und mehr Jahre dazu gehören. Ich bin dort, vertracktes Zitat, ein Fremdling im eigenen Land, was, wir wissen es aus der Geschichte, nicht die schlechteste aller denkbaren Lagen ist, die beste jedoch auch nicht.
Also ein Bild von 1971? Wie ich den Tastomatensatz betrete im alten Stammhaus von „Freies Wort“ in Suhl, die Straße hieß schon Friedrich-König-Straße, ich muss das glauben, weil ich es nicht mehr sicher von selbst weiß. Ich begann mein verkürztes Volontariat zwei Monate vor Antritt meines Grundwehrdienstes in der NVA. Annerose Kirchner war schon da, in meinem Gedächtnis die Jüngste dort im Raum. Wir sahen und sprachen uns, wie man so miteinander redet, wenn man aus zwei vollkommen unterschiedlichen Bereichen eines Hauses miteinander spricht. Nähe, näherer Umgang kam über den Umweg unseres Schreibens. Beide hatten wir Freude und Gewinn, weil uns einer freundlich begegnete, einer freundlich förderte, der in Untermaßfeld saß und es nicht weit hatte deshalb zu den Meininger Treffen des Suhler Schriftstellerverbandes. Den offiziellen Status Gasthörer gab es damals nicht, wenn ich mich nicht täusche. Man wurde eingeladen und kam hin und war immer wohl gelitten. Soweit ich das auf mich beziehe. Der Zufall, was ist schon Zufall, will, dass unser letztes längeres Telefonat Walter Werner galt, dem Mann aus Untermaßfeld. Ich hatte zu seinem 90. Geburtstag geschrieben, ich hatte zu seinem 100. Geburtstag geschrieben.
Und Annerose Kirchner fragte mich, ob sie nutzen dürfe, was ich geschrieben hatte. Es steht im Netz, natürlich durfte sie. Leider weiß ich heute nicht, ob sie es tat. Sie verriet mir nicht, wo sie ihren Jubiläumsbeitrag publizieren wollte, vielleicht wollte sie gar eine Rede halten? Das lässt auf vier Jahre Schweigen zwischen uns schließen. Die ich nicht mit einem Fragezeichen versehen werde. Wir werden älter, wir werden kränker, es schlug Corona vieles kaputt, was eben noch glatte Normalität war: für mich etwa die Theatergänge mit kritischen Absichten. Einen Satz von Annerose Kirchner werde ich nie vergessen. Ich fragte, wann genau das war, weiß ich nicht mehr, nach ihrem nächsten Buch. Wir waren, ohne das zunächst voneinander zu wissen, Autoren des Berliner Ch. Links Verlags geworden. Ihr Buch hieß „Spurlos verschwunden“, Untertitel „Dörfer in Thüringen – Opfer des Uranabbaus“, die erste Auflage kam 2010, meines hieß „Kulturschock NVA“, drei Jahre später. Wir sprachen bisweilen über unsere Aussichten auf eine zweite Auflage, sie bekam eine, ich nicht. Ich müsste lügen, wenn ich daran nur begeisterte Erinnerungen habe. Der Satz aber lautete: „Ich kann mir einen neuen Gedichtband einfach nicht leisten.“ Es ist ein deprimierender Satz.
Mit „Mittagsstein“ (1979) und „Im Maskensaal“ (1989) hatte sie zwei Gedichtbände im Aufbau-Verlag, den man getrost die Nummer 1 der DDR-Belletristik-Verlage nennen darf, ohne die anderen zu stark zu diskriminieren. Doch schon dem dritten Band „Keltischer Wald“ (2001) war indirekt zu entnehmen, dass alle Rechte an beiden Bänden wieder bei der Autorin lagen. Dass also der in die Marktwirtschaft gestoßene Verlag tat, was auch andere mit ihren Ehemaligen taten. Ich weiß nicht, wie es Annerose Kirchner damit erging. Das bedeutete ja unter anderem auch, mancher hat das nie verkraftet, dass gute Kollegen, denen man, so man konnte, auch mal einen Auftrag verschaffte, plötzlich ungewollt und ohne jede Böswilligkeit zu Konkurrenten wurden. Wer keine festen Einnahmen hatte oder eine feste Anstellung gar, der musste jeden noch so dünnen Strohhalm ergreifen, um ein paar Mark, später ein paar Euro zu ergattern. Eben noch die zwanzig Prozent Honorarsteuer der DDR, die man einfach abzog und plötzlich eine Künstlersozialkasse, plötzlich ein Finanzamt, dass von Gewinnerzielungsabsichten fabulierte, als würden Autoren absichtlich nichts verdienen, um dann vom Amt im Jahr Summen zurückzuholen in Höhe einer Mindestrente.
Mein Exemplar von „Im Maskensaal“ war ein Rezensionsexemplar. Es begleitete ein zweites, denn Annerose Kirchner überließ mir damals den Auftrag, den Gedichtband „Wüstungen“ von Harald Gerlach zu besprechen. Das ich tat für die „Volkswacht“, so hieß da noch die heutige „Ostthüringer Zeitung“. Der Text ist seit reichlich zehn Jahren auf meiner Website nachlesbar (wie auch meine anderen frühen Texte zu Gerlach). Das Ende der DDR beendete alle Zusammenarbeiten, mir fiel sogar noch die traurige Aufgabe zu, den Gasthörern des Suhler Verbandes, die diesen Status nie offiziell hatten, mitzuteilen, dass sie fortan unerwünscht seien. Annerose Kirchner hatte das Glück, dem Geraer Verband anzugehören, wo diese Brutalität unterblieb. In ihrem nur drei Druckseiten umfassenden Beitrag zur „Palmbaum“-Frage „Was hält Sie in Thüringen und inwieweit prägt dieses Land Ihr Schreiben?“ (Heft 2 von 2013) führte sie vier Namen ins Feld: Günter Grass, Walter Werner, Harald Gerlach und Wulf Kirsten. Nimmt man allein die Zahl ihrer im Lauf der Jahre im „Palmbaum“ gedruckten Arbeiten zu Wulf Kirsten zum Maßstab, dann war der, den man vielleicht das Gravitationszentrum der Thüringer Nachwende-Literatur nennen darf, klar ihre oberste Instanz.
„Wurzeln im Abseitigen und Randständigen“ ist der Text von 2013 überschrieben. Unumwunden gestehe ich, dass mir kein Text von Annerose Kirchner je näher kam als dieser. Ich habe ein wenig das Pech, den Betrieb von innen zu kennen, wenn auch nicht den speziellen „Palmbaum“-Betrieb. Aus meinen jahrelangen Forschungen zur Theaterkritik der Weimarer Republik weiß ich, was erste, was zweite und was dritte Kritiker sind. Ich gehöre genau deshalb nicht zu denen, die dritte Kritiker bedauern. Es muss sie geben, es gab sie immer. Annerose Kirchner hat für den „Palmbaum“ gleich reihenweise Bücher besprechen dürfen/müssen, die manche Leute nicht einmal gern geschenkt bekommen hätten aus dem Stapel der Rezensionsexemplare. So ist das Leben. Annerose Kirchner konnte mit acht Jahren das Wort Bourgeoisie fehlerfrei aufs Papier bringen. Ihr sächsischer Großvater hatte Vorfahren, die aus der Schweiz kamen. Die sächsische Schweiz heißt nachweislich nicht deshalb so. Der wichtigste Satz dort lautet aber: „Viel Stoff für Geschichten, die noch zu schreiben sind und die ich viel zu lange vor mir herschiebe.“ Der für mich wichtigste Satz. Es würden, denke ich, andere Geschichten sein als „Ein Brauer aus Meiningen“, doppelt veröffentlicht.
Immerhin, zum heutigen Jubiläum gilt es festzuhalten: ihr Debüt in der NDL, also in „Neue Deutsche Literatur“, hatte die Lyrikerin Annerose Kirchner 1975 mit einem für ihre Verhältnisse langen Prosastück, eben mit „Ein Brauer aus Meiningen“. Den konnten nicht lange später auch die Käufer der Anthologie „Bekanntschaften“ lesen (Aufbau-Verlag 1976). Das Genre hatte Sarah Kirsch geprägt. Der Untertitel ihres Buchs „Die Pantherfrau“ (1974) lautete „Fünf unfrisierte Erzählungen aus dem Kassetten-Recorder“. Solche Tonband-Protokolle kamen von Maxi Wander, später von Christiane Barckhausen und von Gabriele Eckart. Letztere hatte Havelobst-Protokolle, deren Unfrisiertheit gegen sie selbst gekehrt wurde. „Ein Brauer aus Meiningen“ ist damit verglichen von elementarer Harmlosigkeit. Scheinbar. Denn wo, bitte schön, gab es in der DDR-Literatur einen Mann, SED-Mitglied sogar, der länger in jugoslawischer Gefangenschaft war. Immer lernten alle Antifaschismus in sowjetischer Gefangenschaft. Aber bei Tito? Ich will nicht unterstellen, dass Annerose Kirchner damals eine Brisanz einfach übersehen hat, nur sagen, dass sie daraus nichts gemacht hat. Vielleicht hätte es das Porträt jedoch anders gar nicht erst gegeben?
Ein Buch aus dem Thüringer Regional-Kosmos, Sparte Edition Muschelkalk, trägt den Titel „Traumzeit an der Geba. Geschichten aus Thüringen“. Es ist Band 17. Mein Exemplar ist signiert, ohne Datum, ohne Adressaten. Das war offenbar jemand, der sein Exemplar, trotz Autograph darin (oder wegen) eilends in den Zweitverwertungskreislauf trug, aus dem es an mich fiel. Die Hohe Geba gehört zu Annerose Kirchners liebsten Orten wie der Leichelberg von Aschenhausen. Das spätestens ist das Stichwort für mich, mein bisheriges Schweigen zu den vielen Gedichten von Annerose Kirchner, die ich kenne, wenigstens zu erklären. Es passt wahrscheinlich ganz schlecht zu einem 75. Geburtstag, aber ich muss es sagen: Mit der Mehrzahl aller ihrer Gedichte kann ich wenig bis nichts anfangen. Ich lasse mich nicht gern überfordern. Überfordert bin ich aber, wenn ich einen Gedichtband nur halbwegs lesen kann, wenn ein Stapel von Nachschlagewerken, Landkarten, Kunstgeschichten neben mir liegt. Oder heute eben: die Suchmaschine heiß läuft. Was soll mir ein Gedicht über einen Künstler, von dem ich nie hörte, und seinem Bild, das ich folglich nicht kenne oder eine Landschaft in Westmazedonien oder wo auch immer, wo ich nie war und nie hinkomme?
Es gab in der DDR, von weiteren Regionen will ich nicht reden, eine sehr kräftige Tradition von etwas, was ich hilfsweise sozialistischen Hermetismus nennen möchte. Mit einer ganz anderen Art von Gedichten hat auch Eva Strittmatter dazu beigetragen. Der Vergleich ist weniger weit hergeholt, als es scheint. Auch Annerose Kirchner war in Struga, wenngleich noch nicht zu DDR-Zeiten, soweit ich weiß. Natürlich dürfen optimistische Lyriker und Lyrikerinnen darauf hoffen, dass ihre Leser sich regionales Vokabular selbst zu erschließen suchen, dass ihre Leser die Anmerkungen lesen, die aber sehr oft gar nicht weiterhelfen. Was weiß ich, wenn ich weiß, dass ein Gedicht nach dem Hören des zweiten Satzes der dritten Symphonie eines mir nie begegneten slowakischen Komponisten entstanden ist, der 1822 starb im griechischen Exil. Oder umgekehrt. Wenn ich in diesem Muschelkalk-Band lese, wer der Herausgeber war: Kai Agthe, warum ihn verschweigen, dann fallen mir diverse Dinge ein, Annerose Kirchner sicherlich auch. Und es ist nicht Höflichkeit des Sängers, den ich schweigen lasse. Ich wünschte mir für Annerose Kirchner und viele andere ganz fromm, Bücher in Thüringen bedürften nicht der Unterstützung der Thüringer Gasversorgung.