Wassili Schukschin: Herbst

Liebesgeschichten denkt man sich nicht zwingend zuerst unter Menschen, die bereits ihre Rente beziehen. Die haben, ist man geneigt zu denken, ihre Liebe bereits hinter sich, das war damals und wie war es denn damals? Es waren Zeiten! Wassili Schukschin, der heute natürlich nicht 95 Jahre alt geworden wäre, dafür war er zu sehr er und schon Anfang Oktober folgt sein 50. Todestag, Schukschin erzählt mit „Herbst“ die Geschichte einer Liebe, die an den Zeiten scheiterte, an den sowjetischen in diesem Falle. Der Unterschied zu anderen solchen Geschichten: das Scheitern war eine Sache freier Entscheidungen. Also, was man so freie Entscheidungen nennt. Denn letztlich folgen sie Vorgaben, die einschränken. Möglichkeiten sind da, sie Wirklichkeit werden zu lassen, liegt dann aber nicht nur in den Händen der unmittelbar Beteiligten. In dieser Geschichte aus dem Jahr 1973 steht der Fährmann Filipp Tjurin im Zentrum. Er ist schon 30 Jahre lang Fährmann, obwohl er eigentlich ein Zimmermann war. Doch eine Kriegsverletzung am Kopf hinderte ihn an der weiteren Ausübung seines Berufes. Er ist verheiratet mit Fjokla Kusownikowa, die ihn längst hasst, die er selbst nicht hasst, aber eben auch nicht liebt und nie geliebt hat. Er liebte Marja.

Diese Marja Jermilowa aber hatte einen Makel. Auch sie liebte Filipp Tjurin, auch sie war bereit und willens, ihn zu heiraten. Nur eben kirchlich, nicht standesamtlich. Dabei folgte sie der eigenen Familien-Tradition: „Ihr Vater und ihre Mutter hielten am Alten fest, und so scherte auch sie endgültig aus den fortschrittlichen Reihen aus – sie wollte sich kirchlich trauen lassen.“ Das ganze Elend der Situation wird über das Vokabular deutlich: An der Kirche hängen hieß am Alten hängen, am Alten hängen hieß Ausgeschlossensein aus den Reihen des Fortschritts. In normalen Ordnungen, meint man sagen zu dürfen, ist das bedeutungslos, wen kümmert es, ob man den Reihen des Fortschritts oder anderen Reihen angehört oder auch nur zugerechnet wird. Im frühen Sozialismus der Sowjetunion schien alles eine Frage der Generationen zu sein, darin unterschied sie sich dann wieder weniger vom Rest der Welt. Filipp Tjurin, obwohl nie Mitglied des Komsomol, nie Mitglied der Partei, war dennoch immer ein Aktiver gewesen (Aktivismus war auch außerhalb der Sowjetunion eine Zeit lang fast gleichbedeutend mit links und fortschrittlich), der unter keinen Umständen ein Ausgeschlossener sein wollte. Jetzt, als Fährmann steht er vor Lebens-Trümmern.

Schukschin erzählt konsequent aus der Perspektive des Fährmanns, es ist ein schon kalter Tag im September, den er mit politischen Gedanken über die amerikanischen Bombenangriffe auf Vietnam beginnt. Schon das aber trübt die Stimmung am Morgen zu Hause: „Die Alte mag nicht, dass ihr Mann so viel für Politik übrig hat, es geht ihr auf die Nerven.“ Die Alte ist, könnte man zuspitzen, wenig sowjetisch: nach mehr als 50 Jahren Sozialismus wäre das eine bedenkenswerte Diagnose vor allem außerhalb der Sowjetunion, vor allem auch innerhalb der DDR, in der bis zum Schluss ein falsches, ein realitätsfernes Bild der „Großen SU“, wie sie oft scherzhaft genannt wurde, in Pflegschaft war. Dabei war DDR-Lesern wohl manches sehr bekannt: die Abläufe bei Wahlen etwa, bei denen Wahlurnen zu Wählern gebracht wurden, bei denen Vergessliche erinnert wurden, bei denen agitiert wurde und versucht, für den Wahlgang Gegenleistungen zu erpressen. Filipp agitiert gegen einen Mann, der kein Pferd bekommen hat, in der DDR spielten Wohnungsanträge eine tragende Rolle. Was natürlich immer nur daraus Bedeutung bezog, dass die offizielle Ideologie an hohen Zahlen bei der Wahlbeteiligung interessiert war, krankhaft bekanntlich am Ende der DDR.

Fährmann Tjurin ist eingebunden in das dörfliche System, zugleich aber hat er seine Marja niemals vergessen. Bis auf diesen Tag nicht, da er erkennen muss, dass Marja, die einen reichen Burschen aus Krajuschkino heiratete, Kinder mit ihm hatte, später Enkel, offenbar gestorben ist. Er muss den Leichenwagen übersetzen über den Fluss, die Vergangenheit, die nie vergessen war, tritt neu in sein Bewusstsein. Er sieht den Sarg, plötzlich will er seine Marja noch einmal sehen, was Pawel, dem Gatten und nunmehrigen Witwer, natürlich nicht passt. Es kommt beinahe zu einem Handgemenge zwischen den Männern und Filipp begreift, dass nicht nur er zeitlebens eine unglückliche Ehe führte, auch Marja war mit diesem Pawel letztlich nie wirklich glücklich. Sie waren die Königskinder, die hätten zueinander kommen können, wenn einer von beiden über den Schatten hinweg gekommen wäre, den die Zeit auf sie warf. „Deinetwegen ist bei allen das Leben schief gelaufen. Da haben sich zwei alte Trottel angekläfft … Jetzt kommt nichts mehr. Du musst dein Leben irgendwie zu Ende leben. Und dich auch bereitmachen, ihr nachzugehen. Du kannst nichts zurückholen.“ Das sagt resignierend der Fährmann an die tote Geliebte und sich selbst gerichtet.

Wassili Schukschin bürdet seinem Filipp Tjurin keine komplizierten Reflexionen auf. „Wenn er auf etwas nicht gefasst war, dann auf ihren Tod.“ So heißt es einmal, ein andermal: „Von nun an wird das Leben anders laufen: Er war daran gewöhnt, dass es Marja auf der Welt gab.“ Es reicht ihm schon, mehr sagt das nicht, dass sie da ist auf der Welt, dass sie ihm hie und da begegnet ist. Er hat mit Pawel gesprochen, der in der kirchlichen Heirat keine peinliche Angelegenheit sah, er hat auch mit ihr gesprochen, wenn sie einmal auf seine Fähre angewiesen war. Nun wird er allein sein mit der Frau, die ihn hasst und die er nicht hasst. Nicht einmal im Krieg, nicht einmal beim Gedanken ans Sterben hatte er sie vor Augen, immer nur Marja. „Von so einer Braut kann man auf seiner Ofenbank nur träumen.“ Kathrin Schmidt schrieb vor fast zehn Jahren für die „Literarische Welt“ von ihrem Schukschin-Erlebnis: „Als junges Mädchen, als junge Frau war ich nahezu jährlich in der Sowjetunion. Schukschins Geschichten erhellten mir auf sehr spezifische Weise das, was ich dort sah und zunächst nicht verarbeiten konnte. Vor allem die Lebensverhältnisse in den Dörfern sprachen eine deutlich andere Sprache als die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft.“

Bis in ein sowjetisches Dorf schaffte ich es bei meiner einzigen Reise in die UdSSR 1987 nicht, mir blieben Brest, Moskau und Minsk unter Gorbatschow, der Blick aus dem Hotelfenster in Minsk, der Blick auf vollkommen leere Theken in Moskauer Metzgereien reichten hin, das Intellektuellen-Märchen von Glasnost und Perestroika zu relativieren: nur Satte und Versorgte sehen im Umstand, nun endlich über Stalin schreiben zu dürfen, ein Großereignis. Nur der West-Blick findet den Einzug von McDonalds in Moskau als Revolution. Noch einmal Kathrin Schmidt: „Schukschin machte, dass ich davon ab- und zumindest ein bisschen hinter die mehr als schäbigen Kulissen sehen lernte.“ Sie empfahl den Lesern der „Literarischen Welt“ 2014 die zweibändige Ausgabe der Erzählungen von Schukschin, bei Volk und Welt erschienen und nur noch antiquarisch zu haben. Was auch heute immer noch leicht und preiswert geht in den entsprechenden Netz-Angeboten. Auf Ofenbänken von Bräuten träumen, das hat vermutlich selbst Zusammenbruch der Sowjetunion überstanden. Wie der Gedanke an einen Wodka zu Mittag, bei Fährmann Tjurin aufkommend, denn „der Wind geht bis auf die Knochen, und die Seele klagt. Sie winselt geradezu, ist vollen Unruhe.“

1981 legte der schon genannte Verlag Volk und Welt Berlin den Band „Kalina Krasnaja“ vor, der Untertitel: „Novellen, Filmszenarien, Selbstzeugnisse“. Darin findet sich, knapp anderthalb Seiten umfassend, ein „Lebenslauf (1966)“, dem Schukschin-Archiv entnommen. Lapidar steht da: „Meine Eltern waren Bauern. Seit der Gründung der Kolchose (1930) waren sie Kolchosbauern. 1933 wurde mein Vater von den Organen der OGPU verhaftet. Über sein weiteres Schicksal weiß ich nichts. 1956 wurde er posthum völlig rehabilitiert.“ Das immerhin war 1981 sagbar geworden. „Ich konnte über nichts anderes schreiben als über das Dorf, denn das kannte ich. Hier hatte ich Mut, hier war ich soweit wie möglich selbständig. Aus Unerfahrenheit mag ich anfangs dies oder das entlehnt haben.“ Das bekannte Schukschin 1974 wenige Monate vor seinem Tod dem italienischen Korrespondenten der „Unitá“, Carlo Benedetti. Einen Umbruch in Schukschins Erzählen datierte 1981 der Herausgeber und Übersetzer Eckhard Thiele: „Nicht mehr herzensgute, tolldreiste oder sonstwie bemerkenswerte Leute vom Lande … sondern … die Nöte ihrer aufgewühlten, „schmerzenden“ Seele“ sind ab Mitte der 60er Jahre sein Thema“. „Herbst“ von 1973 passt dazu.


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