Heinz Knobloch: Marienbader Feuilleton

Man liest ein Marienbader Feuilleton anders, auch eins von Heinz Knobloch, wenn man vor Augen hat, wovon die Rede ist. Man kann nachschauen, was es noch gibt, bedauern oder begrüßen, dass es manches auch nicht mehr gibt. Knoblochs „Marienbader Feuilleton“ las ich zuerst, als ich eben den zweiten Aufenthalt dort beendet hatte – frische Eindrücke, frische Fotos – in der Aufbau-Sammlung „Beiträge zum Tugendpfad“. Da standen am Ende die beiden Jahreszahlen 1963 und 1965. Was bei diesem Autor Bearbeitung, Ergänzung, Neufassung bedeuten kann. Er liebte diesen Umgang mit eigenen Texten, wenn auch sicher nicht über alles. Das bb-Büchlein 244 hatte sich das Feuilleton aus dem Band „Du liebe Zeit“ geholt, 1966 mit Untertitel „Feuilletons mit einem eigenmächtigen Nachwort“ im Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale) erschienen. Denkbar, dass die behauptete Eigenmächtigkeit des Nachworts auf ein vorangegangenes Nachwort von Reiner Kunze anspielt, 1964 zum Vorläufer-Buch „Die guten Sitten ...“, später in den Nachauflagen eliminiert. Wie auch immer: Heinz Knoblochs ziemlich langes „Marienbader Feuilleton“ bezieht sich auf einen stolze vier Wochen währenden Kuraufenthalt in Marienbad 1963. Ich erinnere nur scheinbar mutwillig daran, dass 1963 die für viele berühmte, für manche berüchtigte Kafka-Konferenz tagte in Prag.

Jahre später, nur im Feuilleton sind solche Privatissimi erlaubt oder gar geboten, schrieb ich große Teile des Protokoll-Bandes mit meiner guten alten Schreibmaschine in meinem schlechten alten Berliner Zimmer in der Mulackstraße ab, zweifarbig, solche Farbbänder gab es damals, wenn sie auch Bückwaren blieben. Und siehe, bei Knobloch im Feuilleton taucht tatsächlich Franz Kafka auf. Wie überhaupt manches auftaucht, was man für das Jahr der Erstveröffentlichung bemerkenswert nennen darf. Wobei nicht alles gleich direkt in diesem Feuilleton nachzulesen ist, manches findet sich in späteren Texten, die sich auf diese Reise oder gar direkt auf das ältere Feuilleton beziehen. Knobloch war 1963 Angehöriger einer Kurreisegruppe mit strengem Reglement, nicht nur mit festgelegten Ruhezeiten und Trinkkurmengen. Auch mit Verhaltensmaßregeln bis in die Wanne hinein, in der Bläschen aufstiegen. Ich kenne diese Wannen-Anwendung bestens, nie hat mir jemand vorher gesagt, ich dürfe mich nicht bewegen. Ich käme auch gar nicht auf die Idee, mich anders als ruhig liegend zu verhalten. Knobloch aber wurde eigens aufmerksam gemacht. Die ganze Gruppe wohl. Über deren Zusammensetzung der Feuilletonist eher schweigt, wenngleich nicht mit voller Konsequenz. Er verrät schon, dass da Ingenieure waren, Zahnärzte, ein Professor und er.

Er verrät auch, dass das Taschengeld knapp war. Und er in der wunderbaren Situation, dass ihm für übersetzte und gedruckte Feuilletons Honorar in Kronen zugute kam. Was ihn in Vorteil brachte gegen Zahnärzte, Ingenieure und selbst den Lehrstuhlinhaber für Archäologie: die verfassten keine Feuilletons und konnten folglich auch keine außer Landes dem Brudervolk zukommen lassen. Wir erfahren, was Knobloch sich kaufte, wir erfahren, wie sehr ihn seine Landsleute aus dem eigenen Teil und noch mehr die aus dem anderen Teil nervten. Die deutsch-tschechische Freundschaft war den Wunschvorstellungen der obersten Meinungsinhaber zu Hause noch nicht sehr ähnlich. Die sahen sich selbst hartnäckig und nachdrücklich als Arbeiter- und Bauernstaat, zur Vier-Wochen-Kur aber im noblem Kurhotel delegierten sie eher die verbündete Schicht der Intelligenz. Wäre das 1963 anders gewesen, hätte Heinz Knobloch ganz sicher diesen Arbeiter oder jenen Bauern eigens erwähnt, schon des Kontrastes wegen gegen die sich banausisch präsentierenden Schicht-Kollegen. „Es stimmt alles genau. Und wenn einer etwas gut beschrieben hat, dann soll man ihn nicht kopieren, sondern zitieren.“ Gegen diese Sicht ist wenig einzuwenden. Zum Beispiel zitiert er eine ihn nicht gleich verstehende Badefrau: „Eingepackt sehen Sie nämlich aus wie ein Tscheche.“

Er hat sich nicht nur vorab informiert über berühmte Gäste in Marienbad, über die Geschichte des Ortes, dessen aus deutscher Sicht berühmtester Gast natürlich Goethe war. 1963 konnte er noch nicht vor dem Museum dessen „Marienbader Elegie“ im Original und übersetzt lauschen, er musste dafür die Abwesenheit des Denkmals beklagen, von dem er nur den Sockel sah. Den singenden Brunnen gab es noch nicht und auch nicht den Literaturwanderweg mit seinen informativen Tafeln. „Die Vergangenheit von Marienbad war reich an Extravaganzen. Das um die heilkräftigen Brunnen hochgezüchtete Badeleben der Kommerzienräte führte zu einem ausgiebigen Kampf der Wirte und Unternehmer um den zahlungskräftigen Badegast.“ Wir erinnern uns: 1963 war die Geschichte noch durchweg die Geschichte von Klassenkämpfen. Der zahlungskräftige Badegast freilich war auch im Sozialismus etwas lieber gesehen als der Taschengeldempfänger. Knobloch schaute hin: „Dabei ist der Unterschied zwischen den beiden Deutschen auf den ersten Anreiseblick festzustellen. Der eine fährt im Mercedes, der andere in der Patientengruppe.“ Und: „Dafür erhält der Devisendeutsche überreichlich übertriebene Bedienungshöflichkeit, der andere ein freundschaftliches Misstrauen, weil er ein Freund ist, aber ein Deutscher.“ Freundschaftliches Misstrauen, das ist sehr fein gesagt.

Knobloch selbst entfaltet es gegen Mitglieder seiner Kurreisegruppe: „... schon in der zweiten Woche fanden einige unter uns, es sei geschmacklos, dass immer nur Knödel, Reis, Kartoffeln und überhaupt zuviel Mehlspeisen serviert würden und sie forderten, dass doch endlich mal deutscher Eintopf auf den Tisch käme. Dieses feinfühlige Auftreten, das schon seit einigen hundert Jahren den deutschen Auslandsreisenden überall beliebt macht, verhindert besonders in dieser Gegend, dass wir mit denen verwechselt werden, die um das Jahr 1939 den deutschen Eintopf in Marienbad einführten.“ Verhielten sich also Mitglieder der verbündeten Schicht der Intelligenz im Bruderland, als wären sie gewöhnliche Deutsche, gar Devisendeutsche? Gut, wenn Knobloch mitteilt, dass der Reiseführer anschließend an die Kur über alle Gruppenmitglieder Berichte anfertigen musste. Hatte sich einer daneben benommen, verlor womöglich die Aussicht auf eine weitere Kur. Im Feuilleton ist das nicht weiter thematisiert. Vielleicht wurde sogar eine zeitweilige Parteigruppe gegründet? Immerhin ist Knobloch selbst unangenehm davon berührt, dass auf Tafeln und Schildern nichts in Deutsch zu lesen ist, nicht einmal am Goethe-Denkmalsockel. Und so zitiert er Daniel Spitzer: „Aber man wird von Tag zu Tag milder in der Beurteilung der Schwächen seiner Mitmenschen.“

Ich werde auch milder in der Beurteilung Heinz Knoblochs, weil er der war, der immer wieder auf solche Männer (Frauen eher selten) aufmerksam machte, die vor ihm das fabrizierten, was er selbst fabrizierte: Feuilletons. Das so genannte Wiener Feuilleton, zu dem eben Daniel Spitzer (3. Juli 1835 – 11. Januar 1893) kräftig beitrug, vor ihm noch der Ferdinand Kürnberger (3. Juli 1821 – 14. Oktober 1879), war eine durchaus rekrutierbare Tradition im deutschsprachigen Literaturraum und Knobloch brauchte ohnehin immer alles als Zitatenschatz. Gegen Ende der DDR gab es im Verlag Volk und Welt Berlin eine „Österreichische Bibliothek“, gemeinsam produziert mit dem Wiener Böhlau Verlag, da konnte man zugreifen, ohne vorher ein Beratungsgespräch zu verbrauchen: nur gute Bücher. Spitzer also hat mindestens einen „Reisebrief aus Marienbad“ verfasst. Die DDR konnte sich vor ihrem Hinscheiden nicht zu einer Spitzer-Ausgabe entschließen, wer das beweinen möchte, kommt zu spät. Es gibt die „Wiener Spaziergänge“ in sieben netten Bänden durchaus alle zusammen und preiswert in verschiedenen Antiquariaten. Auf dem heutigen Literaturpfad findet man ihn übrigens nicht, wohl aber Gogol, den Knobloch erwähnt, oder Iwan Gontscharow, den Knobloch nicht erwähnt. Rudyard Kipling gehört dazu, Mark Twain, Jan Neruda, Jaroslav Seifert.

Und, Knobloch wichtig und mir auch, Theodor Lessing. Auf ihn kommt er, als er auf den jüdischen Friedhof kommt. „Hier liegt Theodor Lessing begraben, der Schriftsteller und Philosophieprofessor, der so leidenschaftlich den Krieg, den Militarismus und die Nazis bekämpfte, bis er vor ihnen zu Freunden nach Marienbad flüchten musste. Dort wurde er am 30. August 1933 von zwei deutsch-böhmischen Faschisten fachmännisch gekillt. Er war der erste, den Hitler im Ausland ermorden ließ. Der erste einer unabsehbar langen Reihe. Am Haus in der Stadt, wo das Verbrechen geschah, ist eine Tafel mit einer tschechischen Inschrift angebracht. Wer von den Deutschen, die hier spazieren gehen, kann sie lesen?“ Von meinem Stamm-Hotel ist es nicht weit bis zu der Stelle, von der aus die Mordschützen ins Haus auf der anderen Straßenseite schossen. Lessing (8. Februar 1872 – 31. August 1933) hat keineswegs nur „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ geschrieben, auch mit „Der jüdische Selbsthass“ ist es keineswegs getan. Er war, Überraschung, auch Kritiker und Feuilletonist, schrieb lesenswerte Theaterkritiken, die ich mir natürlich nicht entgehen ließ, und „Blumen“ sowie „Meine Tiere“. Bis in eine der Knoblochschen historischen Feuilletonsammlungen hat er es dennoch nicht geschafft. Ins Sündenregister von Knobloch gehört das jedoch keinesfalls.

„Vom Goethe-Denkmal im Stadtzentrum ist nur der Sockel übriggeblieben. Das metallene Denkmal haben die Nazis im Kriege eingeschmolzen und zu Munition verbraucht. Das steht auf dem Stein. Es steht dort in Tschechisch, Französisch und Latein. Wer von den Deutschen, die hier den Rosenduft einatmen, kann es lesen?“ Lesen klappt vielleicht, nur mit dem Verstehen hapert es von Fall zu Fall. Inzwischen ist Goethe wieder da, man kann herumgehen, ihn von allen Seiten fotografieren. Natürlich weiß Knobloch Bescheid mit Ulrike: „Wer nicht viel mehr von Goethe weiß als ein paar Zitate, von Ulrike hat er bestimmt gehört. Diese Ecke der Goethe-Wohnung im Städtischen Museum erfreut sich ungemeiner Aufmerksamkeit, nicht immer nachdenkender.“ Das ist heute kaum anders, eher so, dass auch von Ulrike niemand mehr etwas weiß, von Goethe ohnehin nicht. Knobloch tröstet sich: „Es ist gut zu wissen, dass es immer wieder Ulriken gibt. Aber einen Goethe hätten wir auch wieder einmal nötig.“ Das 1963: als hätte es nicht genug Klassiker gegeben auf Zeitungsköpfen und Banknoten. Im „Hotel Balmoral“, in dem anno 1912 Kafka und Felice Bauer Quartier hatten, wohnen 1963 ausländische Studenten. Was sie studieren, hat Knobloch nicht näher interessiert, nur: „Kafka ist ja manch anderen noch nicht recht geheuer.“

Die „Marienbader Aufzeichnungen“ von Walther Victor aus dem Jahr 1958 sind mir bis dato noch nirgends über den Weg gelaufen und ich bin mit Victor-Büchern wahrhaft gesegnet, ich halte auf alle Fälle fest: Knobloch kannte sie, zitierte sie, wenngleich die Aussage über die Gummitücher, in die der große Herausgeber gewickelt lag, die Bedeutung der meisten anderen Zitate im Feuilleton knapp verfehlt. Knobloch tat Victor gern etwas Gutes, da versteckt sich sogar ein kleines Thema. „Ursprünglich wollte ich in Mariánské Lázně kein Feuilleton schreiben. Aber was soll man machen, wenn sie einen anspringen?“ Nur Knobloch konnte das von sich sagen aus der Reisegruppe und auch dies: „Ich bin nicht als Reiseleiter geeignet, weil ich über andere Menschen lieber Feuilletons schreibe.“ Klare Ansage, klare Absage. Und einige Zeit später veröffentlicht er das Feuilleton „Mitbringsel aus Marienbad“. Wer es sucht, findet es in „Der Blumenschwejk“. Das ist ein Buch, in dem es nicht nur Feuilletons, sondern auch Briefe und eine Erzählung gibt. Die Erzählung ist für Knoblochsche Verhältnisse geradezu abenteuerlich lang und heißt „Anfang für Arche“. Er erzählt dort, wie er in Nordfrankreich desertierte zu den Amerikanern 1944. Er hat das mehrfach erzählt und offenbar gern, zum Krieg selbst und vier Jahren Gefangenschaft hielt er sich deutlich bedeckter.

Es geht um einen späteren Besuch in Marienbad, einen Busausflug, der den Anstoß liefert für einen Rückblick. Von zehn Jahren ist die Rede, es müsste also 1973 gewesen sein. „Es ist ein Lob für solchen Ort, wenn man ihm sagt, es habe sich in dieser Zeit nichts geändert, denn er muss auf seinem Gipfel gehalten werden, darf nicht an Lärm zunehmen oder seinen Himmel und die Wälder durch Hochhäuser verscheuchen. Die Fernheizungsrohre sind inzwischen unter der Erde.“ Vor zehn Jahren hat das ihn also gestört, nur verriet er es damals nicht. Immerhin, er will ein, zwei Becher von der Rudolfquelle trinken, die gegen Harnwegerkrankungen verschrieben wird (unter anderem). Und er sieht die lange Straße wieder, „die nur auf einer Seite Läden hat“. Die, an deren oberem Ende wir wohnen, wenn wir in Marienbad sind. Er denkt sofort ans begrenzte Taschengeld vor zehn Jahren: „… man ist vier Wochen hier und geht zum Brunnentrinken und bei Abendspaziergängen unweigerlich durch diese Straße“. Es festigten sich Kaufwünsche, es kommt „zu den überstürzten Käufen am Tag vor der Abreise“. Der DDR-Bürger Knobloch kennt Mangelwirtschaft: „Sind wir nicht als Eilkäufer erzogen und im Selbstunterricht dazu ausgebildet worden? Muss man nicht alles, was einem gefällt sofort kaufen, denn morgen oder in einer Stunde ist es nicht mehr zu haben“?

1963 brachte er eine hellgelbe Mappe aus Kunstleder mit nach Hause: „Sie traf mich mitten ins Herz, denn ich bin Papierfetischist und liebe auch die dazugehörigen Behälter.“ Sofort erkannte er, „dass diese handliche Mappe genau Platz bot für einen Ordner mit literarischen Manuskripten.“ Dass auch ein Ordner mit Unterlagen fürs Finanzamt darin Platz finden könnte, bewegten den Feuilletonisten weniger. „Ich kaufte sie eine Woche vor der Heimfahrt, als ich meine verzweifelte Finanzlage überblicken konnte. Zum Glück hatte niemand anders diese Mappe so gern. Zum Glück hatte eine Prager Zeitung, die im Vorjahr ein paar Feuilletons druckte, Honorar überwiesen.“ Und nun wird es merkwürdig: „Bei einer früheren Kur hatte ich für 94 Kronen eine Plastik in einem Galerieladen erworben, moderne Kunst.“ War das eine frühere Kur vor 1963? Vor 1973 kann es kaum gewesen sein, denn er war ja zehn Jahre nicht da gewesen? Oder war es eine andere Kur an einem anderen Ort mit Kronen? Wie oft also war er zur Kur? Meine Eltern haben im Verlauf von 40 Jahren DDR eine einzige Kur bekommen jeweils und natürlich getrennt, ich in drei Jahren weniger nie eine. Allerdings wohnte ich mit Frau und Tochter einmal in Bad Saarow im Ferienheim des Berliner Verlages, bei dem Knobloch seine belegten Brötchen verdiente und siehe, es war herrlich.

Kein Neid: meine Eltern hätten statt Lehrer ja auch Feuilletonisten werden können, ich erst recht. Der Patientengruppe jedenfalls missfiel die Plastik, nur der Archäologie-Professor lobt den Kauf. Honorar nebst Taschengeld reicht dann auch noch für eine Schlüsseltasche aus Leder, „geformt wie ein kleiner Fuß“. Bücher zu kaufen lohnte nicht, es waren ja tschechische Bücher, eine Zeitschrift mit Zeichnungen von Picasso ging doch. Wir erfahren 1973, wie die Zitate ins 63er „Marienbader Feuilleton“ gelangten: nachträglich aus einem Buch über das Bad und seine Geschichte, den Titel verrät er nicht. Dafür nennt er seinen Freund Werner Standfuß, ein eigenes Thema deutet sich an, als einen aus Liebesgründen die tschechische Sprache Erlernenden, der wichtige Stellen übersetzt. Ganz sicher sind wir jetzt im Jahr 1973, denn erneut wird ihm DDR-Mangelwirtschaft deutlich: „In dem einen bekam ich heute wieder einen jener winzigen Notizblöcke (6 x 9), die wir weder herstellen noch importieren, obgleich sie Handwerkszeuge sind für Feuilletonisten, in fast allen Situationen geeignet zum Mitführen. Und auch meine Versatil-Stifte sind von hier ...“. Wem das „wir“ auffällt, sollte nicht lange darüber nachdenken: Die gut erzogenen DDR-Bürger, selbst wenn sie stetig nur meckerten, identifizierten sich auf diese unauffällige Weise mit ihrem Staatchen.

Und Knobloch meckerte ja nicht. Er erwartete nur von seinem Staat, dass der seine Feuilletonisten aus- und hinreichend mit Mini-Blöcken versorgte, sie notfalls eben für einige konvertierbare Rubel oder im Sachtausch gegen Fahrzeuge der Marken „Trabant“ oder „Wartburg“ versorgte. Ich meinerseits hasste Versatil-Stifte, liebte dafür die weißen Holzbleistifte mit den Verkehrszeichen darauf und manchmal mit dem Radiergummi am Ende. Auch tschechische natürlich. Jazz-Fan Knobloch erwirbt im Schallplattenladen eine Buddy-Rich-Scheibe. „Buddy Rich, unlängst drummerte und wummerte er mit seine Big Band mal im bösen Fernsehen ...“. Der Atem stockt: im bösen, also im Westfernsehen? Schrieb's hin und wurde nicht in die Folterkeller des Systems geworfen und dort gezwungen: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“ zwölftausendmal in Druckschrift abzuschreiben?? Schon auf dem Weg zum Bus erinnert er sich abermals an 1963: er wollte, obwohl er „noch“ keinen Plattenspieler besaß, die Symphonie „Aus der neuen Welt“ besitzen (Dvořák), nicht irgendeine, nein, eine von Karel Ančerl dirigierte. „Man muss Musik von den Landeskindern des Komponisten spielen lassen!“ Sie hatten im Laden in Marienbad nur die achte Symphonie, nicht die genannte. Da verzichtete er, es reichte für einen Absatz im Feuilleton.

Die Jahreszahl 1976 steht am Ende eines Feuilletons mit dem Titel „Brief aus der Vorsaison“, der Untertitel verrät „Mariánské Lázně, im April“. Noch immer schreibt Knobloch Rudolfsquelle statt Rudolfquelle, er braucht sie, weil zwischen ihr und der Kreuzquelle, die man kaum falsch schreiben kann, steht „ein kleines Denkmal für den Gärtner, den Gartenkünstler, dem wir dankbar sind.“ Dieser Václav Skalnik (29. Juni 1776 – 7. Oktober 1861) „kam 1817 nach Marienbad und verwandelte das sumpfige Tal in einen Garten. Nichts geschah zufällig, als dieser Kurort angelegt wurde. Daher gibt es Landschaftsgärten inmitten der Stadt, seltene Bäume, viele Farben.“ Der 200. Geburtstag des Mannes stand bevor, als Knobloch das schrieb und wir schreiten deshalb auf den 250. Geburtstag zu. Wenn wir ihn wieder sehen, ist er schon wieder zwei Monate her. „Immer sollten Reisende von ungewöhnlichen Dingen berichten.“ Sofort fühle ich mich beschämt, denn den Bahnhof, der Knobloch so begeisterte, kenne ich immer noch nicht. Auf die To-Do-Liste mit ihm! Mal schauen, ob es da immer noch moderne Ledersessel gibt und einen Leseraum, den man nur mit großen Überlatschen betreten darf (wie Schloss Molsdorf). „Die Vorsaison hat den Vorteil, dass alles wächst.“ Nur singt der singende Brunnen noch nicht im April, aber den gab es ja noch nicht.

1976 war die große Kolonnade eingezäunt für die Restaurierung: „Es wird schon noch ein paar Jährchen dauern, ehe sie wieder eröffnet und beschritten werden kann.“ Die Restaurierung dauerte insgesamt von 1973 bis 1981. Dafür erlebte der Feuilletonist Dreharbeiten zu einem Film mit dem Titel „Rendezvous in Máriánské Lázně“. „Etwas Heiteres mit viel Tanz und Schlagern, das vielleicht bis auf unsere Bildschirme kommt.“ Dann, „am Sonntagnachmittag geriet ich zufällig an den Rand eines Fußballfeldes und blieb stehen, weil aus nächster Nähe zu sehen war, was keine Sportschau bietet.“ Eben noch das böse Fernsehen und nun schon wieder: Keinem Zensor fiel auf, dass Knobloch hier eine Sportsendung des Westfernsehens wie selbstverständlich nennt, weil sie alle in der DDR natürlich kannten. Außer im Raum Dresden. Keinem West-Herausgeber fielen diese Stellen „gegen den Strich“ wiederum auf, weil das einfach außerhalb ihres fixierten Gesichtsfeldes lag. „Manchmal unterhielt sich der Linienrichter mit den Zuschauern.“ Wieder fallen Landsleute unangenehm auf. Und zwar bei einem „Jubiläumskonzert zu Ehren des 1876 geborenen Volkskünstlers und Komponisten Jindřich Jindřich, von dem ich noch nie gehört hatte.“ Vor jeder Darbietung trat ein alter Herr auf und gab Erläuterungen: in tschechischer Sprache natürlich.

„Weil einige deutschsprachige Zuhörer mit solchen nicht übersetzten Redeteilen nichts anzufangen wussten, verließen sie enttäuscht und vorzeitig den Saal. Sie waren allerdings schon durch ein Missverständnis hergekommen. Ein Übersetzungsfehler am Schwarzen Brett des Sanatoriums hatte aus dem Jubiläumskonzert (Gesang, Viola und Klavier) ein Militärkonzert gemacht.“ Ich gestehe, eine Verwechslung von Militär mit Jubiläum für extrem unwahrscheinlich zu halten. Zumal diese Militärkapellen selten mit Klavier und Viola auftreten. Wie immer Knobloch auf seine Pointe kam, sie ist nicht seine beste. Und noch einmal kam er auf sein „Marienbader Feuilleton“ zurück, in „Stadtmitte umsteigen“ nachlesbar, es geht um Kafka anhand der Briefe, die er an Felice Bauer schrieb: „Beim ersten Lesen in den frühen 50er Jahren war ich der Felice nachgegangen. Das Leid beschäftigte mich, der Jammer einer zweifachen Verlobung und ihrer Auflösung. Und dass sie sich einmal für einige Zeit in Marienbad trafen, in dem Mariánské Lázně, in dem ich damals zur Kur war. Ich sah das Haus, in dem sie gewohnt hatten. Ich nahm sogar Sätze von ihm und baute sie auffällig in mein „Marienbader Feuilleton“. Das machte Spaß, schon deshalb, weil manche Leute sich damals bei der bloßen Nennung seines Namens bekreuzigt haben würden, hätte es in ihrem Organisationsbereich eine entsprechende Geste gegeben.“ Der Spaß sei ihm nachträglich gegönnt.


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