Arthur Eloesser: Eduard Mörike

Natürlich ist nicht Schlag Mitternacht ein großer Wandel in der Wertschätzung Eduard Mörikes eingetreten: Von kaum beachtet zu in aller Munde und in allen Händen. Dennoch sind sich ganz unterschiedliche Betrachter in dem Punkt einig, dass der 100. Geburtstag Mörikes im Jahr 1904 so etwas wie der Knackpunkt war, heute müsste man eher Kipppunkt sagen, schon wegen der schönen Konsonanten in der Mitte. Mörike selbst wäre jeder Gedanke an Schlag Mitternacht vermutlich sehr sympathisch gewesen. Seine bis ins Alter kindliche Seele ist immer wieder beschrieben und beschworen worden, wobei Alter natürlich jetzt anders zu lesen ist als damals. Ich etwa wäre als Mörike derzeit schon tot, Jahre der Erschlaffung lägen hinter mir, ich hätte mich von Frau und Schwester bemuttern lassen und jede Krankheit wäre mir lieber gewesen als aller Stress. Übrigens ist immer wieder neu betont worden, dass der Idyllen-Mythos um Pastor Mörike ein Mythos ohne Wahrheit gewesen sei. Sein Leben habe Härten, habe Tiefen sowieso, habe Leid gekannt nach allen Regeln von Leben eben, nicht der Kunst. 1904 war es, als Arthur Eloesser dem Schwaben in zwei Teilen eine Betrachtung seiner Briefe (in zwei Bänden) widmete, Teil II genau am 8. September 1904 zu lesen in der Vossischen Zeitung, hundert Jahre nach Mörikes Geburt in Ludwigsburg.

„Es sind nicht die schlechtesten Männer, die hundert Jahre brauchen, um berühmt zu werden, die so still und langsam wirken, bis ihre Werke in den unverlierbaren Besitz der Nation als unentbehrliche künstlerische Werke aufgenommen werden.“ So Eloesser einleitend am 17. Januar 1904. Da konnte er immerhin schon auf die Wertschätzung verweisen, die Mörike erwiesen wurde, auf den Rang, „den ihm die Kenner als einem unserer größten Lyriker nach Goethe neben Heine, Theodor Storm und Eichendorff zuerteilen.“ Nach und neben: man achte auf diese Unterscheidung. „Der Briefschreiber Mörike war seiner Gemeinde nicht mehr unbekannt. Jakob Bächthold hat die drei Briefwechsel des Dichters mit Hermann Kurz, Moritz v. Schwind und Theodor Storm veröffentlicht“. Den Herausgebern Rudolf Krauß und Karl Fischer bescheinigt der Kritiker, sie hätten „sich wenigstens vorläufig mit einer Auswahl begnügt in der richtigen Erkenntnis, dass nicht jedes Blättchen, das aus dem stillen Lebenswinkel des schwäbischen Pfarrers und Dichters aufflatterte, in einer gedruckten Verewigung erhalten zu werden brauchte.“ Fischer war bereits 1901 mit 240 Seiten „Eduard Mörikes Leben und Werke“ an die Öffentlichkeit getreten, 1903 folgte „Eduard Mörikes künstlerisches Schaffen und dichterische Schöpfungen“, 202 Seiten umfassend.

Eloesser bezog sich nur auf das Buch von 1903 als einer von zwei Biographien (die andere von Harry Maync). „Sein Leben ist ein Idyll gewesen, eine verträumte und auch verspielte Existenz in einer der windstillsten Ecken unseres Vaterlandes, es war geschützt vor jedem tragischen Erlebnis und einschneidendem Ereignis, … Ärger hat er im Leben genug gehabt, aber nur wie ihn jeder seiner geistlichen Kollegen erfahren konnte, die Misere einer langen Verlobung, … die Misere einer späten Ehe … die Misere einer achtjährigen Wartezeit … ein fast dauernder Krankheitszustand … und obgleich er in der Jugend mehrere Versuche machte, der Mutter Kirche zu entrinnen, so hat er sich zum Schluss sicherlich keine andere Existenz gewünscht.“ Drei Miseren und als vierte die nie wirklich zu genießende rein körperliche Gesundheit. Eine Art von Miseren-Kontinuum also führte unterm Strich an die Pforte des Klassiker-Nachlebens: Klopf nicht an, Dir wird schon aufgetan. „Die materiellen Sorgen überließ er den Freunden und Frauen, die ihn umgaben, namentlich der erst im vorigen Jahr verstorbenen Schwester Klara, den Kirchendienst erleichterte er sich durch ein reichliches Ausnutzen seiner schwachen Gesundheit, ein regelmäßiger Bittsteller um Urlaub und besondere Unterstützung.“ Die Schwester Klara lebte vom 10. Dezember 1816 bis 1. August 1903.

Hier sei die zeitgenössische Todesnachricht, wie sie „Das Literarische Echo“ druckte, komplett eingefügt: „Aus dem Städtchen Neuenstadt am Kocher kommt die Nachricht, dass dort am 1. August Klara Mörike, die Schwester des Dichters, im Alter von 87 Jahren entschlafen ist, nachdem ihr bereits Anfang Januar d. J. die Witwe des Dichters im Tode vorangegangen war. Klara Mörike hatte dem Bruder bis zu seiner Heirat, zunächst zusammen mit der Mutter, nach deren Tode allein den Hausstand geführt, und auch nachher blieb sie auf Bitten von Mörikes Gattin, der sie befreundet war, im Hause und widmete sich später vornehmlich der Erziehung ihrer beiden Nichten. Mit Klara Mörike scheidet eine liebenswürdige, bescheidene Frau, die dem geliebten Bruder allezeit sorgend zur Seite gestanden und nach seinem Tode über sein geistiges Erbe treulich gewacht hat. Mörike, der sie seinen „Haustrost“ zu nennen pflegte, hat ihr in der schalkhaften, anmutigen Nanette des „Maler Nolten“ ein Denkmal gesetzt.“ Das war in der Ausgabe vom 1. September 1903 zu lesen, Halbmonatsschriften können schneller nicht sein. Arthur Eloessers eigener Name tauchte erstmals am 1. November 1898 in der noch ganz jungen Zeitschrift auf, danach recht häufig in den ständigen Rubriken „Echo der Zeitungen“ oder „Echo der Zeitschriften“, ehe er selbst ihr Autor wurde.

„Mörike schien beschlossen zu haben, in diesem Leben ein Kind zu bleiben, und es gelang ihm auch, nur dass in dem Unschuldigen zugleich ein Weiser verborgen war. Er gehörte zu den liebenswürdigen Naturen, die sich von allen verwöhnen lassen, ohne abhängig zu werden, die sich gern beraten lassen, ohne ihre innerste Freiheit aufzugeben, die nicht anders als lächelnd begrüßt werden, weil sie eben wie Kinder unschuldige Freude um sich verbreiten. So meint er sich selbst, wenn er im „Maler Nolten“ von dem Helden des Romans erzählen lässt, dass er länger als billig ein Knabe geblieben sei.“ Und weiter: „Dabei war er keine scheu abgeschlossene Natur, und er hatte das höchste Vergnügen, wenn er mit seinem lebhaften, überzeugten Vortrag die aufhorchenden Geschwister und Gespielen in das erträumte Märchenland, an das er glaubte, hineinlocken konnte“. Und noch weiter: „Der leicht verstimmbare, mit kindlicher Sprunghaftigkeit in seinen Launen wechselnde Mann war für einen härteren Kampf ums Dasein nicht gemacht und ohne Resignation begriff er, dass er nicht erst den Harnisch, sondern gleich den Schlafrock zu tragen hätte.“ Auch das verschweigt Eloesser natürlich nicht: „Um seine Zeit hat er sich nicht gekümmert, die sich auch nicht um ihn kümmerte. … eine ländliche Muse hat niemals irgendeiner Tendenz der Zeit Stimme gegeben, keiner politischen Erschütterung mit einem Echo geantwortet“.

Mörikes erste und größte Fans und Freunde waren andere Dichter, Künstler. Eloesser kennt sie natürlich: Hermann Kurz, David Friedrich Strauß, Friedrich Vischer, später noch Theodor Storm, Gottfried Keller, Paul Heyse und den Maler Moritz von Schwind. Er vermeidet es, die Namensreihe überzubewerten. Es gehört zu den keineswegs anrüchigen Gepflogenheiten von Biographik und Literaturgeschichtsschreibung, Stimmen-Sammlungen anzulegen. Nur entsteht dabei zu rasch der irrige Eindruck, als hätten Lobesworte aus bedeutendem Munde, gar wenn sie in augenfälliger Vielzahl auftreten, zugleich großen Ruhm zu bedeuten. Seit Lessings berühmtem Diktum, es werde jeder Klopstock loben, nicht aber ihn auch lesen, ist Klopstock Metapher für viele andere Namen, denen es ebenso erging und ergeht. Heute müsste man sagen: die Lieblinge der Feuilletons, wenn sie nicht ohnehin schon direkt der Bestseller-Liste entnommen werden, um ihren Verkaufswert weiter zu erhöhen, sind gar nicht selten nur Professoren-Lektüre. „Auch seine Briefe, soweit sie bis jetzt vorliegen, werden keine plötzliche Begeisterung erwecken, aber sie werden allmählich Anhänger finden“, dessen ist sich Eloesser sicher. Ehe er den zweiten Band der Briefe besprach, erwähnte er Mörike im April auch bei seinem Blick auf den Briefwechsel von Keller und Storm.

Am schon erwähnten 8. September 1904 las dann, wer wollte, dies: „Heute am hundertjährigen Geburtstage Eduard Mörikes wird dem deutschen Publikum offiziell bekannt gegeben, dass es in die stolze Reihe unserer Lyriker einen großen Namen einzustellen und fortan mit Verehrung zu nennen hat. Der stille Schwabendichter, der niemals in Mode gewesen ist, um nun den Gebildeten anheim zu fallen, hat als Lyriker den Erfolg gehabt, dass er an Berühmtheit hinter seinen besten Gedichten zurückblieb.“ Der Kritiker hat ein gutes Argument gegen alles Bauen auf Sinneswandel im Handumdrehen: „Mörikes Sprödigkeit wehrt sich gegen eine schnelle Verbreitung, weil er das für die Lyrik empfänglichste Publikum, nämlich die Jugend, nicht gewonnen hat, weil die schon dem Jüngling gehörende reife, fast überreife Künstlerschaft nur von Älteren und Erfahrenen ganz gewürdigt werden kann. Er ist kein Mann, mit dem sich toben, klagen, weinen, jauchzen lässt; still muss man zu ihm kommen, und noch stiller wird man von ihm gehen.“ Und: „Man findet bei ihm höchste Kunst als höchste Naivität und eine stilistische Geschlossenheit, die in ihrer Fugenlosigkeit fast den Charakter abwehrender Gelassenheit annimmt.“ Für Eloesser ist „Mozart auf der Reise nach Prag“ ein „unantastbares Kunstwerk“, zugleich die „lieblichste aller Kulturnovellen“.

Nur Gottfried Keller würde er daneben stellen wollen und sieht: „Der zweite Band steht gegen den ersten, der Mörike auch als Briefschreiber einen hohen Rang anweist, im allgemeinen zurück. Das gelinde Brausen der Jugendjahre ist vorüber“. Es kommen jene Fakten des Lebens nun in Sicht, die spätestens mit Mörikes Lebensmitte immer gewichtiger wurden: „Wirklich frisch und gesund hat sich Mörike seit seiner Jugend selten oder nie gefühlt, aber er hätschelte seine Krankheit als einen Schutz gegen die groben Anforderungen des Lebens.“ Eloesser verweist auf die Liebe des Dichters zu allem handwerklichem Tun, sieht seine Abhängigkeit von einem ganz bestimmten Grundgefühl: „und wo er sich behaglich fühlte, da wurde er wie von selbst mit seiner jung und arglos gebliebenen Liebenswürdigkeit der Mittelpunkt der Gesellschaft. Dieser Einsiedler hat im gewissen Sinne etwas vom Lebemann“. Der seltsame Mann empfing deutlich lieber Briefe, als er selbst welche schrieb, er ließ Theodor Strom buchstäblich jahrelang auf Antwort warten, nur Moritz von Schwind sei er „aus eigenem Antrieb entgegengekommen“. „Schwind war die stärkste menschliche Anregung für den alternden Mörike, der wieder der alte meisterhafte, so feine wie herzliche Briefschreiber wird … Schwind war ein unruhiger Gast, wenn er einmal bei dem zarten, stillen Dichter einkehrte“.

Und wurde der Maler für die „Historie von der schönen Lau“. „Als Märchendichter steht Mörike ganz allein, er scheint die verlorene Kindheit eines Volkes zu bewahren … Auch Mörikes Märchen haben nicht die gebührende Verbreitung gefunden“. Als Briefschreiber, sieht Eloesser, wird Mörike „mit den Jahren immer sparsamer, die letzte Rechenschaft über seine Beschäftigung ist nur noch an den treuen Hartlaub gerichtet.“ Und er kennt natürlich auch das wahrscheinlich berühmteste aller Zitate: „Wenn sein Tod nun seine Werke nicht unter die Leute bringt, ist ihnen nicht zu helfen, nämlich den Leuten,“ schrieb Gottfried Keller. Dieser Wunsch dürfte sich jetzt erst zu erfüllen beginnen und auch jetzt erst die Prophezeiung Friedrich Theodor Vischers: Es grünt dein Ruhm und wächst dir übers Haupt.“ Als Arthur Eloesser „Durch das Taubertal“ unterwegs war (1907), kam ihm auch Eduard Mörike in den Sinn: „In Mergentheim gefiel Mörike alles, die reizende Gegend, der Frohsinn der Menschen, die Sanftheit der Rebenhügel, und vor allem lockte seinen siechen trägen Körper das Bad unten vor der Stadt, das sich Karlsbad nennt, ohne mit dem bekannteren an Ausdehnung wetteifern zu wollen.“ Das stand genau vier Tage vorm 103. Mörike-Geburtstag im Reiseblatt der Vossischen Zeitung, in dem Eloesser in all den Jahren eher selten vertreten war.

Jahre später saß Arthur Eloesser über seiner Literaturgeschichte, die schließlich bei Bruno Cassirer in Berlin in zwei voluminösen Bänden erschien: 1930 und 1931. Er war nicht der einzige, der ein ein solches Unternehmen wagte. Es gab offenbar nicht nur einen Verleger, der das Risiko einging. Die historische Zäsur 1933 grenzte wenig später Absatzmöglichkeiten zusätzlich drastisch ein, falls die Autoren jüdischer Herkunft waren wie eben Eloesser. Der hatte mit Eduard Mörike sogar noch ein paar gemeinsame Lebensjahre, ohne als Kind in Berlin natürlich auch nur zu ahnen, dass da im fernen Schwaben ein Mann lebte, dem er einst ein nennenswertes Quantum seiner Aufmerksamkeit (und seiner Arbeitskraft) widmen würde. Mörike taucht in beiden Bänden auf, ausführlicher und zusammenhängend behandelt natürlich in Band II. Vorher darf der Sammler auch eine Mörike-Stelle in Eloessers Thomas-Mann-Biographie von 1925 registrieren: „Schön ist, was selig ruhet in sich selbst – sagt der Pastor Mörike, der zugleich ein Grieche war.“ Und nach 1933 taucht er in „Vom Ghetto nach Europa“ (1936) letztmalig auf an drei Stellen. Einmal geht es um einen Vorwurf gegen Heine, den Eloessers kurzzeitiger Universitätslehrer Heinrich von Treitschke vorgetragen hatte, einmal um den Kontext politischer Lyrik nach 1848 und schließlich um Berthold Auerbach.

Der sprach sich in Reden, die er hielt, obwohl er laut Eloesser gerade dafür mit seinem „Mangel an rhetorischer Berechnung“ kaum geeignet war, „für den noch zu wenig geschätzten Eduard Mörike“ aus (und etliche andere, die er befördern wollte). Erst „Die deutsche Literatur vom Barock bis zur Gegenwart“ bot das Umfeld für Zusammenhänge und Rundungen. Im Kontext zu Justinus Kerner heißt es: „Mörike war ein Märchenbildner, er wusste, dass er spielte, und hatte den grenzsetzenden Ordnungssinn des Künstlers. In seinem Jugendroman, dem „Maler Nolten“, spricht er sehr bestimmt und schon abschließend über das Verhältnis des christlichen Künstlergemüts zur Antike und über die beinahe gleich liebevolle Ausbildung beider Richtungen in einem und demselben Geiste.“ Und ergänzend: „Mörike war Romantiker und Plastiker, und es ist diese Ausgewogenheit, die einem Kinderspieltrieb früh übergeordnete Künstlerreife, fast Überreife, die seine Wirkung erst aufgehalten hat, um sie dann zu erhalten. Man kann mit ihm nicht toben, weinen, jauchzen; still muss man zu ihm kommen, und noch stiller wird man von ihm gehen. Keine Jugend hat seinen Anfängen zugejubelt“. „In Mörikes lyrischem Werk schichten sich mehrere Perioden der deutschen Literatur friedlich übereinander, er verhält sich als ein bewahrender Genius, Erbe und Vollender.“

Mörike war in Goethes Sinn Gelegenheitsdichter mit einer für Arthur Eloesser sehr deutlichen Konsequenz: „Von allen Schwaben hat Mörike sich Goethe am innigsten ergeben, seine Gedichte sind Begegnungen, Handlungen, der Gedanke geht nie allein und seine zeugende Sinnlichkeit hat die Gabe der Gestaltung. Auch das lyrische Werk ist nicht umfangreich, aber es gibt kaum ein Material, in dem er nicht geschaffen hat. Seine Gedichte lassen sich anfühlen, wie ein leichtes Rosenband, wie schwere Seide, wie eine zärtlich gestickte Tapisserie, wie ein Feldblumenstrauß, wie ein Gold getriebener Becher, wie kühler weißer Marmor, wie atmender Alabaster.“ Noch ein Gemeinsames mit Goethe: „Es unterscheidet Mörike von den benachbarten Romantikern, dass alles Gebilde bei ihm einen Rahmen hat, Grenze, Maß und inneres Wohlverhältnis. Die Schule der Alten behält ihn ... Nächst denen Goethes ließen sich auch seine Hexameter ins Griechische oder Lateinische zurück übersetzen …“. Die Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“ ist nun für den Historiker „die schönste deutsche Künstlernovelle“, er stellt sie noch über E. T. A. Hoffmanns „Ritter Gluck. Eine Erinnerung aus dem Jahre 1809“, von der man freilich wissen müsste, wer ihr solch hohen Rang zuwies. Eloesser will womöglich gerade umgekehrt auf sie besonders hindeuten.

Dass ausgerechnet Mörike den Anstoß gab für eine Kernthese Eloessers, die Geltung weit über ihn hinaus beansprucht, sei unterstrichen: „Deutschland brachte wie fast zu allen Zeiten eine Literatur hervor, die nicht zur Lektüre wurde, und eine Lektüre, die nie Literatur gewesen war.“ Zu dem, was nicht Lektüre wurde, rechnet er zweifelsfrei den einzigen Roman Mörikes und schreibt: „Mörike fasste in seinen reiferen Jahren eine Abneigung gegen den Maler Nolten wie Gottfried Keller gegen den Grünen Heinrich … Seine Erzählung hat so wenig Rückgrat wie der „Godwi“ von Brentano, wie „Ahnung und Gegenwart“ von Eichendorff, und wenn er auch ein Bild der Gesellschaft bis zum Fürstenhof aufzuschichten sucht, die ungeleiteten Rinnsale der romantischen Willkür untergraben die Anlage und richten Überschwemmungen an, die gewiss liebliche Inseln umgeben, während die Handlung selbst alle Ufer verliert. … Aber sein Maler Nolten ist ein Wilhelm Meister ohne Entwicklung, ohne Ziele, immer losgelöster von gesellschaftlichen Voraussetzungen … Alles ist schön, für sich schön, was den Roman nicht mit zu tragen bestimmt ist, eingestreute Märchen, Novellen, Schattenspiele und wie immer die Lieder“. Der letzte Satz in Band II lautet: „Der junge Mörike schuf sich die Insel Orplid als Heimat der Seele“. Das taugt auch hier als letzter Satz.


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