Arthur Eloesser in der DDR (3)
Das Thema mag absonderlich erscheinen, denn als die DDR in ihr damals noch nicht absehbar kurzes Leben trat, war Arthur Eloesser bereits elfeinhalb Jahre tot. Es sind bei ihm keine politischen Vorstellungen nachweisbar, manche nennen dergleichen immer noch unverdrossen Visionen, die als Bild einer kommenden Deutschen Demokratischen Republik zu deuten wären. Bei der wiederum, die sich diesen offiziellen Namen 1949 dann gab, hieß ein Politik-Feld zwar Erbepflege, doch was Erbe war oder temporär als solches gesehen wurde, bestimmten Menschen, die vom potentiellen wie vom faktisch wirkenden Erbe eher ahnungslos waren. Ideologie mit Verfallsdatum, Chronologie an die Abfolge von SED-Parteitagungen gebunden, für einen deutsch-jüdischen Literatur- und Theaterkritiker war da wenig Zeit und Raum frei verfügbar. Und dennoch ist nach vierzig DDR-Jahren festzuhalten: Arthur Eloesser war präsenter, als es der frühe Tiefschlag von Victor Klemperer und die späte Aufmerksamkeit von Heinz Knobloch erwarten lassen. Knoblochs Wochenpost-Seite vom September 1989 kam zu spät für einen denkbaren Aufmerksamkeitsschub. Als sie noch später auch zwischen Buchdeckel geriet, war diese DDR bereits ein abgeschlossenes Sammelgebiet.
Was aber konnte in der DDR vor ihrem Ende von Arthur Eloesser gelesen werden? Für seine Literaturkritik ein einziges Beispiel. In „Kritik in der Zeit. Fortschrittliche deutsche Literaturkritik 1890 – 1918“, Herausgeber Manfred Diersch, Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig 1985, finden wir eine nicht komplett abgedruckte Folge von „Neue Bücher“. Unter diesem wiederkehrenden Titel schrieb Eloesser mehrfach für die „Neue Rundschau“ des S. Fischer Verlages, zwischen Mai 1899 und Dezember 1904 genau achtmal. Am Ende des Nachdrucks steht die Jahreszahl 1901, die mich im Dezember 2020 irritierte, weil einer der vier besprochenen Romane erst 1902 überhaupt erschienen ist. Als Quelle für den Erstdruck gibt der Verlag an: Die Neue Rundschau, 15. Jahrgang der Freien Bühne, S. Fischer-Verlag Berlin 1904, S. 691 – 700. Es steht dort ergänzend auch: „Spätere Publikationen nicht nachweisbar.“ (S. 595). Als ich später die Originale zur Überprüfung heranziehen konnte, musste ich zweierlei einigermaßen erschrocken feststellen: Der Herausgeber hat nicht kenntlich gemacht, dass sein Nachdruck kräftig gekürzt ist. Im Original äußerte Arthur Eloesser sich zu acht Büchern, nur vier von ihnen präsentiert auch der Mitteldeutsche Verlag.
Es handelt sich um „Die Vollendung“ von Kurt Martens (21. Juli 1870 – 16. Februar 1945), „Die Suchenden“ von Johannes Schlaf (21. Juni 1862 – 2. Februar 1941), „Der Samariter“ von Ernst Heilborn (10. Juni 1867 – 16. Mai 1942) und viertens „Buddenbrooks“ von Thomas Mann (6. Juni 1875 – 12. August 1955). Die Wahl des Herausgebers könnte wegen Thomas Mann auf gerade diese Folge von „Neue Bücher“ gefallen sein. In der DDR war wohl Johannes Schlaf im Zusammenhang mit dem deutschen Naturalismus nicht ganz unbekannt, von Martens und Heilborn aber dürften nur wenige Kenner überhaupt gehört haben. Weggelassen hat Manfred Diersch, was Eloesser zu „Der Weg des Thomas Truck“ von Felix Hollaender (1. November 1867 – 29. Mai 1931) schrieb. 1988 erschien der 500-Seiten Roman auch in der DDR bei Hinstorff in Rostock. Weggelassen sind die „Offenbarungen eines Wacholderbaums“ von Bruno Wille (8. Februar 1860 – 31. August 1928). Sein „Das Gefängnis zum Preußischen Adler“ erschien 1987 bei Rütten & Loening Berlin. Die „Abendkinder“ der Frieda Freiin von Bülow (12. Oktober 1857 – 12. März 1909) weggelassen und ebenso gestrichen „Das Verlöbnis“ von Efraim Frisch (1. März 1873 – 26. November 1942).
Es wäre sicher verschwendete Zeit, im Detail zu ergründen, warum die Hälfte der im Original besprochenen Bücher im Neudruck aussortiert wurde. Wirklich ärgerlich ist jedoch, dass der Herausgeber und der Verlag eine völlig falsche Quelle angaben. Denn Eloessers Text stand nicht 1904 auf den Seiten 691 – 700, sondern 1901 auf den Seiten 1281 – 1290, das war die Dezember-Ausgabe. Auf den für 1904 genannten Seiten finden wir dennoch Eloesser und „Neue Bücher“, nur geht es jetzt um Hermann Hesse, Ricarda Huch, Adolf Paul und Clara Viebig. Der von Diersch gekürzte Neudruck beginnt so: „Es ist doch ein rechter Unfug, dass man so verschiedene Vögel unter den Hut eines umfassenden Aufsatzes bringen soll, weil sie zufällig in demselben Jahre gesungen, gepfiffen oder geschnattert haben.“ DDR-Leser konnten, falls sie das wollten, erkennen: Dieser Mann hat nicht nur Humor, er schreibt auch unterhaltend und steht dem eigenen Tun mit Distanz gegenüber. Betroffene Verlage und Autoren aber sind allemal eher bereit, scheinbar in einer Sammelbesprechung unterzugehen als gar nicht besprochen zu werden. Wenn große Jubiläen anliegen, haben die aus gleichem Anlass auf den Markt gebrachten Bände gar keine andere Chance.
Von Ernst Heilborn schreibt Eloesser: „Seine Bemerkungen über die menschlichen Erscheinungen sind interessanter und überzeugender als die Erscheinungen selbst.“ Über Johannes Schlaf: „Dieser Dichter ist eins der feinsten Instrumente, auf denen die Wirklichkeit spielt“. Die „Buddenbrooks“ sah der Kritiker, der kein Vierteljahrhundert später ihrem Autor eine ganze Biographie widmete, 1901 noch deutlich kritisch: „Es fehlt dem Roman an Gliederung, an Figur, an den notwendigen Verkürzungen, und wenn Thomas Mann einst imstande sein sollte, den Überreichtum an kleinen Zügen der Zweckmäßigkeit der Komposition zu opfern, so würde er in die Reihe unserer besten Erzähler rücken. Von dem kleinen Genre, das er beherrscht, bis zu dem Roman großen Stiles, den er vielversprechend versucht hat, ist eben mehr als ein Schritt.“ Die beiden Nachfolgebände „Kritik in der Zeit“, den Jahren 1918 – 1933 und 1933 – 1945 gewidmet, gaben ihren DDR-Lesern keine weiteren Eloesser-Proben an die Hand, obwohl es für beide Zeiträume mehr als hinreichend viel Material gegeben hätte. Der Anhang mit der falschen Quellenangabe bringt auch einige Aussagen zu Eloesser: Theaterkritiker seit 1899 für die Vossische Zeitung, ab 1900 „Die Neue Rundschau“.
„Bereits 1899 hatte Eloesser … die Frage gestellt, ob der Tod Fontanes nicht auch das Ende des bürgerlichen Romans, des Genres überhaupt, bedeuten könne. … Eloesser bezog sich nicht auf erzählerische Werke des Naturalismus, der um 1900 im wesentlichen als überwunden galt.“ Das Urteil über „Buddenbrooks“ wird hier „ein sehr eigenwilliges und zeitkritisches“ genannt. Von Manfred Diersch, das sei erwähnt, weil es doppelt in den Zusammenhang passt, erschien 1973 bei Rütten & Loening Berlin ein Buch „Empiriokritizismus und Impressionismus“, Untertitel „Über Beziehungen zwischen Philosophie, Ästhetik und Literatur um 1900 in Wien“. Der Name Eloesser kommt darin nicht vor, es hätte allerdings auch nicht überraschen dürfen, wenn er vorgekommen wäre. Im Anhang von 1985 abschließend: „Unter der Rubrik „Neue Bücher“ stellte Eloesser regelmäßig Neuerscheinungen vor. Die historische Distanz hebt das Gespür des Zeitgenossen für neue Talente und bedeutende Romane und Erzählungen hervor. In der kritischen Praxis ging es dem Rezensenten weniger um die „Krise des Romans“ und mehr um das Fördern von Texten, die Bestand haben sollten.“ Einen der dabei wirkenden Blickwinkel kannte der Anhang offenbar nicht.
Eloesser war in der Vossischen Zeitung auch für den Fortsetzungsroman zuständig, was ihm mehr Manuskripte vor Augen führte, als er am Ende besprechen wollte und konnte. Wozu auch mancher Briefwechsel geführt wurde, zu denen bis heute noch Entdeckungen zu machen sind. Als Adressat dreier Briefe konnte der DDR-Leser Eloesser schon 1967 indirekt kennenlernen. Es sind Briefe des großen Schauspielers Josef Kainz, dessen Nachlass Eloesser später betreute, aus den Jahren 1907 und 1909. Wolfgang Noa (8. Dezember 1935 – 28. Februar 2020) verantwortete als Herausgeber die Ausgabe Josef Kainz: Briefe, Henschelverlag Berlin 1966. Noa schrieb nicht nur ein kleines Vorwort, in dem er Eloesser sehr freundlich erwähnt, auch vor dem ersten der drei Briefe findet sich noch diese kurze Notiz: „Dr. Arthur Eloesser, Schriftsteller und seit 1899 Theaterkritiker an der „Vossischen Zeitung“, war ein guter Freund von Kainz. Später Dramaturg und stellvertretender Direktor des Lessingtheaters in Berlin, veröffentlichte er 1912 Kainz' Briefe an seine Eltern.“ Noa stützte sich mit seiner Auswahl an Jugendbriefen auf genau diesen Band des S. Fischer Verlages. Die neunseitige Einleitung Eloessers war auf April 1912 datiert, Noa zitierte daraus, was hier folgt.
Und meinte dazu, es gehöre zum schönsten, was über Kainz je gesagt wurde: „Josef Kainz war das, was der Schauspieler immer sein sollte, ein vorbildlicher Mensch, eine Harmonie von Schwerem und Leichtem, von dunkler Leidenschaft und hellem Bewusstsein, eine vollendete Einigung von Natur und Kunst.“ (bei Noa S. 10, bei Eloesser S. IX). Aus Wien schrieb Kainz am 28. Juni 1907: „Ich bin, wie gesagt, ganz allein und würde mich ehrlichst blödsinnig freuen, mit Dir, lieber Junge, die Herrlichkeiten alle zu genießen.“ Kainz war immerhin zwölf Jahre älter! Und spielte 1877 am Hoftheater Meiningen. „Gretel grüßt Dich und Deine liebe Gretel innigst!“ Auch die Gattinnen Margarete Nansen und Margarete Eloesser kannten sich also gut. Am 8. April 1909: „Über Deinen nunmehr scheinbar gefestigten Entschluss, nach Wien zu kommen und mein Gast sein zu wollen, freue ich mich.“ Und aus dem Grandhotel Rigi-Kaltbad am 29. Juli 1909: „Es ist blödsinnig schön hier oben. Warum seid Ihr nicht hier? Was wär das den Kindern gesund, mit den Kühen auf der Alpenweide zu grasen.“ Eloessers Kinder Max und Elisabeth waren da vier und zwei Jahre alt. „Also, lieber Elo, auf Wiederschreiben!“ Eloesser und Kainz bleibt separat ein besonderes Thema.
In einem weiteren Briefband kam interessierten DDR-Lesern Eloesser als Adressat vor Augen. Franz Fühmann wählte aus einer zweibändigen Münchener Ausgabe mit Briefen von Ernst Barlach aus. Daraus wurde die Edition „Ernst Barlach. Briefe“, 1972 im Hinstorff Verlag Rostock, das Nachwort schrieb Kurt Batt (11. Juli 1931 – 20. Februar 1975). Barlachs Schreiben ist auf den 1. und 2. Oktober 1932 datiert. Im Verzeichnis der Briefempfänger ist Eloesser ausschließlich als Theaterkritiker charakterisiert, der zwischendurch für einige Jahre Spielleiter des Berliner Lessingtheaters gewesen sei. Das stimmt natürlich so nicht ganz, denn wohl führte Eloesser einige seltene Male selbst Regie, war aber unter der Leitung von Victor Barnowsky vor allem als Dramaturg tätig. Ernst Barlach hatte, wie aus dem Brief hervorgeht, vorher schon persönlichen Kontakt zu Eloesser. Der besaß eine kleine Holzplastik, die ihm wohl als Barlach-Werk verkauft worden war und Barlach war sich anhand eines Fotos, das Eloesser schickte, sicher, nicht der Urheber des Werkes gewesen zu sein. Klaus Hammer, Herausgeber des Reclam-Bandes mit Dramen von Barlach (RUB 1261), Leipzig 1989, zitierte Eloesser nur, nahm aber keine seiner Kritiken auf.
Immerhin erfuhren Barlach-Freunde in der DDR, von denen es sehr viele gab, auf diesem Wege, dass Arthur Eloesser zu „Der arme Vetter“ geschrieben hatte für „Das blaue Heft“, Ausgabe vom 1. Juli 1923. Auch hierzu kann nur gesagt werden: es bleibt Stoff genug, für den hier kein Platz ist. Theaterkritiken von ihm hätten sie vorher schon einige lesen können, gesammelt in der DDR die einen, gesammelt und teilweise gekürzt in der Bundesrepublik und trotzdem nachgedruckt in der DDR die anderen. 1982 lockte Hermann Kähler, Jahrgang 1930, über den sich das weltweite Netz konsequent ausschweigt, während die künstliche Intelligenz warnt, ihn nicht mit Georg Hermann zu verwechseln, DDR-Leser bezüglich Eloesser auf eine absurd falsche Fährte. In seinem Buch „Von Hofmannsthal bis Benjamin. Ein Streifzug durch die Essayistik der Zwanziger Jahre“ (Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1982) vertritt er die These, Ernst Jünger sei bis 1930 gar nicht als Schriftsteller wahrgenommen worden. „Er wird weder von Adolf Bartels noch von Arthur Eloesser, Hans Naumann, Albert Soergel, Oskar Walzel oder Paul Wiegler erwähnt. Ebensowenig 1932 von Paul Fechter oder Josef Nadler.“ In „Berlin - Asphalt und Licht“ hat er Eloesser völlig vergessen.
Kann man wirklich über „Die große Stadt in der Literatur der Weimarer Republik“ schreiben und Arthur Eloesser ausklammern? Kähler konnte es. Eloesser mit Adolf Bartels und Josef Nadler in einem Atemzug: auch das eine reife Leistung. Vergessen wir den Mann getrost und ohne alle Gewissensbisse. Seit 1974 konnte der DDR-Leser wissen, dass Arthur Eloesser ein besonderes Verhältnis zu Gerhart Hauptmann hatte. Alfred Döblin schrieb in den „Berliner Theaterberichten“, gesammelt unter dem Titel „Griff ins Leben“ (Reihe dialog Henschelverlag Berlin): „Es ist eben Paul Schlenthers „Gerhart Hauptmann. Leben und Werk“ in einer erweiterten Neuausgabe von Arthur Eloesser erschienen. Man muss dieses Buch gelesen haben, um zu wissen, wie fremd deutsche Literaten dem Leben sein können, das sie vorgeben zu schildern, und wie tief der Servilismus ihnen in den Knochen steckt.“ Das Original stammte vom 13. September 1922. Eloesser fügte seinerzeit Schlenthers Buch rund 70 neue eigene Seiten hinzu, das hatte Döblin natürlich nicht überprüft und es wäre auch nicht seine Art gewesen. Mitte der 60er, damit sei hier der Schlusspunkt gesetzt, standen DDR-Lesern sogar schon zwei Fotos von Eloesser zur Verfügung.