Ein Geschäft mit Träumen. Ingeborg Bachmann 100
Ganzseitigen Abhandlungen über Ingeborg Bachmann ist dieser Tage kaum zu entkommen, es sei, man ignoriert die einschlägigen Medien. Sie ist ein Lieblingskind des deutschsprachigen Feuilletons geblieben und liefert diesem mit erstaunlicher Kontinuität auch immer wieder neues Futter, neuen Stoff. Da ein bisher unveröffentlichter Briefwechsel, dort ein weiterer und unterm Strich reihen sich Bände nebeneinander, die die gute alte vierbändige Werkausgabe an laufenden Regalzentimetern locker übertreffen. Vor allem der lauernde Bachmann-Voyeurismus wird bedient, selbst wenn alle Herausgeber hehre Ziele verfolgen. Letztlich darf das aber niemanden überraschen. Denn wer etwa dem freilich weder aus Wittgenstein noch aus Heidegger gewinnbaren Ansatz der Literaturtheorie folgt, wonach Literatur Kommunikation ist, Kommunikation zwischen Autor und Leser oder, dem Gekreisch vorzubeugen, zwischen Autorin und Leserin, den überrascht Neugier seitens der Lesenden (ha!) auf die diesenfalls Schreibende (ho!) keineswegs. Nur schreibt sie eben seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr, während die Gesamtheit aller Kommunikationspartner weiterhin tapfer liest (dies still vorausgesetzt, es könnte aber auch sein, dass nur noch das Feuilleton die Leserschaft stellt). „Ein Geschäft mit Träumen“ ist immer gern vergessen worden, also munter hereinspaziert.
Um gleich eingangs falschen Zuordnungen und Bewertungen aus dem Weg zu gehen: es bedurfte keiner Ingeborg Bachmann, Träume und Geschäft literarisch in einen Zusammenhang zu bringen. Bereits 1931 erschien im Malik-Verlag „Die Traumfabrik“ von Ilja Ehrenburg, 1983 konnten es DDR-Leser im Rahmen der Ehrenburg-Ausgabe des Verlags Volk und Welt Berlin in einem Band mit „Die heiligsten Güter“ erwerben. Seit 1931 also ist Produktion von Träumen am Hollywood-Fließband sprichwörtlich, der Handel mit Träumen Normalität und nicht etwa Überraschung hinter düsteren Ladentüren. Mir ist auch bis heute niemand begegnet, der die alles in allem höchst dürftige Rezeption des ersten der drei Hörspiele von Ingeborg Bachmann als große Fehlleistung aller Beteiligten thematisiert hätte. Man kann über frühe Werke späterer Berühmtheiten immer finden und schreiben, es sei dies und jenes schon keimhaft zu erkennen gewesen, da etwas vom Credo, dort etwas von der Sprache. Sprache geht bei Ingeborg Bachmann immer. Man sollte nur allen Sprachbegeisterten energisch entgegenhalten: Niemand liest Geschriebenes wegen der Sprache, die Sprache muss schon, wie auch immer, eine hinlängliche Portion Inhalt transportieren und sie sollte, keinesfalls nur im idealen Fall, ein bestimmtes Maß an Verstehbarkeit keinesfalls unterbieten.
Kommunikation setzt immer einen gemeinsamen Zeichenvorrat voraus, der sich keinesfalls auf Lexik und Semantik allein beschränkt. Die Jahre, in denen Ingeborg Bachmann berühmt wurde, man darf sie guten Grundes das IT-Girl des deutschsprachigen Literaturbetriebs nennen, den wiederum die Gruppe 47 energisch und robust dominierte, bargen eine heftige Neigung zu Dunkelheit und Hermetik. Sie aber konnte anders und tat auch oft anders. Und wo sie am krassesten anders war, bedurfte es erst später Einsprüche, das allein als nacktes Faktum, noch ohne alle Deutungen, überhaupt ins Blickfeld zu rücken. Mich hat, anderen mag es anders ergangen sein, Ina Hartwig darauf gestoßen: Ingeborg Bachmann schrieb auch eine ansehnliche Reihe an Folgen der Hörspiel-Serie über die Familie Floriani. Das 2011 bei Suhrkamp erschienene Buch „Die Radiofamilie“ dokumentiert es musterhaft. Seither kann man besten Gewissens sagen: nach ihrem vermeintlich ersten Hörspiel hat die spätere Büchner-Preisträgerin fünfzehn frühe Hörspiele verfasst und alle sind gesendet worden, erfolgreich, das Publikum liebte die Funk-Soap, die damals natürlich noch nicht so bezeichnet wurde. Bachmann aber, das ist die wichtigste Folgerung aus diesem Wissen, war mit dem Metier bestens vertraut, als sie sich scheinbar ganz neu erprobte.
Die überlieferten Sendetermine sind nur bedingt aussagefähig für die jeweilige Entstehungszeit der Manuskripte. Sicher ist: die Ursendung von „Ein Geschäft mit Träumen“ gab es am 28. Februar 1952, bekannt sind namentlich an Mitwirkenden: Regie Walter Davy, Komposition Rolf Unkel, Darsteller: Wolf Neuber, Traute Servi, Ulrich Bette, Erich Schenk, andere ohne Namen. Fußend auf dem Hörspieltext gab es im ZimmerTheater Osnabrück am 25. Januar 2002 eine Inszenierung, die nach der Premiere noch vier weitere Aufführungen erlebte. Eine westdeutsche Neu-Produktion des Hörspiels selbst erwähnt Bernd Schirmer in seinem Nachwort zu einer Sammlung österreichischer Hörspiele (Reclam Leipzig 1987) vage für die siebziger Jahre, Sigrid Töpelmann wusste es in ihrem sehr ausführlichen Nachwort zur dreibändigen DDR-Bachmann-Ausgabe (Aufbau 1987) noch etwas präziser: 1975. 1976 erst folgte der Erstdruck, 1987 dann der zweifache Druck für die DDR. Da es eine Erzählung gleichen Titels gibt, die ebenfalls im Rundfunk vorgetragen wurde, stellt sich die Frage, was eher da war. Letztlich ist das keine wirklich ernsthaft zu erörternde Frage. Denn die Weiterung einer Prosa-Vorlage zu einem Hörspiel fünffacher Länge (an Druckseiten), ist leicht vorstellbar. Eine straffe Kürzung umgekehrt mit substantiellen Änderungen macht keinen Sinn.
Es gibt eine Hörfunkaufnahme vom 3. November 1952 und einen Erstdruck 1978, fünf Jahre nach Ingeborg Bachmanns Tod. Für mich steht außer Zweifel, dass die Erzählung vor dem Hörspiel entstanden ist. Hörfunkaufnahmen von Bachmann-Prosa waren keineswegs selten, vier weitere sind ausgewiesen von Texten aus „Das dreißigste Jahr“ und „Simultan“. Ob, wie Sigrid Töpelmann es nahelegt, tatsächlich eine Zuordnung von „Ein Geschäft mit Träumen“ zu einem zeitgeschichtlichen Trend sinnvoll ist, bezweifle ich. Sie schrieb: „1950 hatte Günter Eichs Hörspiel „Träume“ großen Erfolg gehabt; es fand so viele Nachfolger … Die „innere Bühne“, eine Beschränkung vor allem auf psychische, oft traumatische Vorgänge wurde Mode. … sie folgt ihm partiell auch in der Struktur … Selbst ideell schließt sie sich an Eich an. Er wollte mit seinen Alpträumen den zufriedenen Schlaf des Wirtschaftswunderbürgers stören; Ingeborg Bachmann will ebenfalls beunruhigen, wenn sie geheime Träume erkennbar macht und Traum und Realität aneinander misst.“ Hier scheint einfach ein späterer Befund zeitlich gewissermaßen vorgezogen worden. 1950 war aber auch guten Willens noch von keinem Wirtschaftswunder zu reden, folglich gab es jene geistige Saturiertheit noch nicht, die schon wenig später fast klischeehaft dem Wirtschaftswunderbürger gern zugesprochen wurde.
Das Hörspiel braucht einen langen Anlauf, ehe es endlich zu den Träumen kommt, die der Figur Laurenz in einem dubiosen Geschäft angeboten werden. Zuvor gibt es diverse mehr oder minder triviale, sprich: ganz alltägliche Gespräche zwischen verschiedenen Angestellten eines nicht näher charakterisierten Unternehmens, sogar ein Generaldirektor ist dabei. Nur ein Teil des Personals hat Namen. Die spielen bekanntlich bei Hörspielen immer eine problematische Rolle, weil nur aus einer Ansprache mit Namen überhaupt klar wird, wer gerade redet und wer angesprochen wird. Hier nun ist der Hauptdialog immer wieder unterbrochen durch verschiedene Stimmen, darunter sind Händler auf der Straße und Passanten ohne jede nähere Charakterisierung, sie erzeugen vor allem Umfeld und Hintergrund. Insgesamt sind zirka 30 Personen mit ihren Stimmen beteiligt. „Erzählt wird von dem kleinen Büroangestellten Laurenz, der die Gewissenhaftigkeit selber ist und von dem andere das Gefühl haben, nicht mehr als zehn Sätze mit ihm gesprochen zu haben, selbst seine Kollegin Anna, die er heimlich verehrt.“ So führt Bernd Schirmer in seine Inhaltsangabe ein und hat damit nur teilweise recht. Denn die Figur des Laurenz rückt erst langsam und eher wie zufällig ins Zentrum, scheint zunächst nur Zeit zu überbrücken im Warten auf einen Kollegen, der einkauft.
„Der Text beginnt mit breiten Dialogen, erst allmählich gewinnt die Ausgangsposition Konturen … Der Blick für soziale Probleme ist bemerkenswert; auffälliger und folgenreicher ist jedoch, wie Ingeborg Bachmann schon mit Sprache arbeitet: Die Unfähigkeit von Laurenz, sich auszudrücken, kennzeichnet den Grad seiner Abhängigkeit von der Gesellschaft.“ So deutet es Sigrid Töpelmann und sie nimmt sich auch des Verhältnisses von Prosa und Hörspiel an: „Die Konzeption der gleichnamigen Erzählung ist nicht so weitgespannt, sie führt jedoch deutlicher die Folgen vor, die ein Verzicht auf große Lebensträume hat, und sie ist stilsicherer. Ihre Entstehungszeit ist nicht bekannt; allgemein wird angenommen, sie sei dem Hörspiel vorangegangen … In der Erzählung wird der Büroalltag nur kurz erinnert, und nur von zwei Träumen ist die Rede. … Im zweiten Traum schweben goldene Bälle auf …“. Die Konstellation zwischen dem gehemmten Angestellten Laurenz und dem Traumhändler hat bisher niemand, soweit mein bescheidener Überblick reicht, auch nur ansatzweise in Frage gestellt. Dabei ist es völlig unerklärlich und aus dem Text auch nicht herleitbar, wie der Händler, der den Zufallskunden erstmals überhaupt sieht, übergangslos (im Hörspiel) die passgerechten Träume im Angebot haben kann, der Händler muss ein Hellseher sein.
Bernd Schirmer: „Dass eine verachtete Existenz wie er anfällig ist für Träume und für Flucht aus einem dürftigen Dasein, stimmt nicht wunder. Doch selbst die Träume gibt es in der Welt, in der er lebt, nicht gratis; er gerät in einen Laden, in dem sie verkauft werden. Dort werden ihm drei Träume vorgeführt, und in ihnen spiegelt sich, als Alptraum oder als Wunschtraum, eigene Existenz in ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten.“ Folgt man dieser Beschreibung, dann ergibt sich meine Frage nach dem geheimen Wissen des Traumhändlers von selbst. Ob man diesen Laurenz wirklich eine verachtete Existenz nennen kann? Ich sehe ihn eher als die übersehene Existenz: wer durch nichts auffällt, wird Opfer der Aufmerksamkeitsökonomie. Dass die drei Träume in ihrer im Prosa-Text noch nicht ausgeprägten Dreiheit kein denkbares Traumspektrum ausschöpfen, liegt auf der Hand. Dann wären Verfolgungstraum, Machtwahn und Liebesopfer tatsächlich nicht mehr als mögliche Traumfälle, der Händler hat vorher ja gerade nicht gekonnt, was ihm heute die Cookies frei Hand liefern würden: Welche Träume den Mann Laurenz wie beschäftigen, welche sich wiederholen, steigern, welche auch feuchte Träume werden könnten. Klar ist für Schirmer dies: „Bereits Ingeborg Bachmanns erstes Hörspiel zeugt von der Sprachkunst der großen Lyrikerin.“
Und damit verbunden: „... und was die Thematik betrifft, nimmt sie ihren späteren, reifen Funkarbeiten einiges vorweg: die menschliche Gefährdung durch Einsamkeit, die Absage an selbstvergessenes Träumen, den fortgesetzten Versuch, den Alltag zu sprengen, die unstillbaren Sehnsüchte zu stillen, die eigenen Grenzen zu überschreiten.“ Schirmer zitiert ein Credo der Autorin, dessen Quelle er leider verschweigt. Auch die heute allgegenwärtige KI verschweigt ihre Quelle, wenn sie auf Nachfrage die Behauptung aufstellt, der Filmtitel „Gummi aus sieben Himmeln“, der im Hördialog genannt ist, entstamme Bachmanns Hörspiel „Der gläserne Turm“. Ein solches hat sie nie geschrieben. Weiteres Nachfragen führt zu Max Frisch, auch der Name Wolfgang Koeppens kommt ins Spiel, alles Irreführungen. Die Figur Mandl sagt dafür Handfestes zu Anna: „Ich nähe mir Knöpfe selbst an, ich finde, alle Männer sollten das tun“. Das aber zählt Anna zu den komischen Sachen, die Mandl immer sagt. Er sagt wenig später: „Schweigsame Leute machen immer alles viel besser.“ Das kommentiert Anna nicht mehr, äußert aber: „Mein Herz blutet mit zweihundert Stundenkilometern.“ Das passt eher in einen Gedichtband der Bachmann als Einzelvers, denn in einen Hörspiel-Dialog. Der hier sehr direkt ins Absurde und Groteske abdreht.
Zu den kleinen Besonderheiten von „Ein Geschäft mit Träumen“ gehört, dass im laufenden Text Streichmöglichkeiten für eine Funkinszenierung angeboten werden, die aber so marginal sind, dass sie auch als Scherz der Autorin gelesen werden dürfen. Denn was machen einige Sekunden weniger Sendezeit am Ende aus? Die Verse, die Laurenz singt im ersten Teil, identifiziert Sigrid Töpelmann als dem Märchen „Die Schilfinsel“ von Robert Reinick entnommen. Das ist ein typisches Beispiel traditionellen literaturwissenschaftlichen Arbeitens: Quellen entdecken, Parallelstellen finden, Einflüsse vermuten, möglichst begründete. Von Robert Reinick (22. Februar 1805 Danzig – 7. Februar 1852 Dresden), den heute vermutlich niemand mehr kennt, ist in „Knabes Jugendbücherei“ in Weimar einst „Die Wurzelprinzessin“ erschienen. Doch selbst wenn wir wüssten, wie Ingeborg Bachmann just an diese Verse geriet, warum sie womöglich sofort wusste, wie sie sie für ihr Spiel würde verwenden können, wäre uns allen kaum geholfen. Dass „Ein Geschäft mit Träumen“ in Vergessenheit geriet, hat für Töpelmann mit der direkten Eich-Nachfolge zu tun. Klaus Schuhmann führt ihren frühen Ruhm vor allem darauf zurück, „dass es ihr relativ schnell gelang, die für ihr Schaffen bestimmende „Richtung“ zu finden.“ Ein vorläufiges amtliches Endergebnis muss warten.