Blättchen für Heinz Knobloch (9)

Sagen wir so: Meine weltgeschichtliche Rolle, die ich am 3. Juni 1988 spielte, war eine sehr kleine, aber keineswegs unfeine Nebenrolle. Das war der Tag, an dem Marion Käßmann ihren 30. Geburtstag feierte, lange vor jener Autofahrt, von der wir hier natürlich nicht weiter reden werden. Suzi Quatro feierte ihren 38., Doro Pesch ihren 24. Geburtstag. Der vorgezeigte Frauenanteil dürfte damit hoch genug sein, um mich kurz an der Rampe zu zeigen. Am 3. Juni 1988 veröffentlichte ich in einem Blatt mit dem Namen „Neue Hochschule“ ein flaches vierspaltiges Artikelchen, das die nicht ganz preiswürdige Überschrift trug: „Neues Buch: Über ein nicht konvexes Viereck“. Schwer zu sagen, ob der Herausgeber diese Besprechung seiner Anthologie „Windvogelviereck“ jemals zu Gesicht bekam. Das war John Erpenbeck. Wir hatten später einmal einen sehr freundlichen kurzen Gedankenaustausch, nachdem ich über seine Mutter Hedda Zinner geschrieben hatte. Seine Text-Versammlung zum Thema „Schriftsteller über Wissenschaften und Wissenschaftler“ führte 23 Autoren zwischen die Buchdeckel und ich meinte damals wie heute mit Autoren immer auch die Autorinnen mit. Es waren andere Zeiten, der Frieden war noch das höchste Gut, Putin überfiel niemanden. Und niemand merkte, dass ich bei Jochen Laabs das letzte kleine s vergessen hatte.

Ich nannte namentlich außer ihm noch Christoph Hein und Christa Wolf, Franz Fühmann und Richard Pietraß, Rainer Kirsch und Helga Königsdorf, Helga Schubert und Irmtraut Morgner. Nicht aber Heinz Knobloch. Obwohl der auch drin war mit „Der Schlemcke-Faktor“. Vielleicht hat der mich, als ich ihn las Anfang März 1988, nicht so vom Hocker gerissen, mir fehlt die Erinnerung. Jetzt aber, befasst mit der nicht völlig unmöglichen Mission, Knobloch-Vorkommen in Anthologien und Sammelbänden zu erschließen, habe ich mich selbst neu auf ihn gestoßen. „Windvogelviereck“ ist der zwanzigste von aktuell 22 versammelten Titeln. Vielleicht kann ich mit meiner stets vorläufigen Liste die Autoren der Website des West-Berliner Freundeskreises Heinz Knobloch unterstützen, die kurz vor dem 100. Geburtstag noch immer klagt: „Heinz Knobloch hat Artikel für eine unübersehbare Zahl von Sammelbänden und thematischen Heften geschrieben, die heute nur noch schwer aufzufinden sind. Wir können hier nur nach und nach solche Beiträge dokumentieren, da unsere Arbeitskapazität begrenzt ist. Bevorzugt werden wir solche Beiträge auflisten, die nur in diesen Sammelbänden erschienen sind.“ Das zu überprüfen, würde wiederum meine Kapazität über Gebühr strapazieren. Ich sage mit der Sesamstraße: „Du bist der Anfang, Anfang, du fängst an.“

Die Website sieht Knoblochs Nutzung von Anthologien und Heften so: „Diese sind Belege für die Geschicklichkeit Knoblochs, seine Texte auch dann unterzubringen, wenn er damit in Tages- und Wochenzeitungen oder den Verlagen, in denen er üblicherweise veröffentlichte, keinen Erfolg hatte. Er kannte sich sehr gut aus, wo die Chancen am besten waren, nicht der Zensur zu unterliegen.“ Er kannte, würde ich ergänzen, fast immer auch die richtigen Leute. Im „Windvogelviereck“ ist ihm sogar ein ganz besonderer Coup gelungen. Nimmt man die Anthologie auf der vorletzten Seite, dann begegnet man der Überschrift „Quellen“. Gleich der erste Satz dort lautet: „Sofern keine Quellen angegeben sind, handelt es sich um Originalbeiträge.“ Für elf der 23 Versammelten sind Quellen angegeben, die restlichen zwölf folglich und messerscharf gefolgert, Originalbeiträge. Nun lasse ich mich gern vom Fuchs beißen, soweit er mir ein Zertifikat seiner Tollwutfreiheit glaubhaft vorlegen kann, der „Schlemcke-Faktor“ kann 1987 unmöglich ein Originalbeitrag gewesen sein. Schon 15 Jahre früher, 1972, fand er sich in „Beiträge zum Tugendpfad“ und dort war er dem 1966 erschienenen Knobloch-Band „Du liebe Zeit“ entnommen. Drittverwertung als Originalbeitrag, das ist in der Tat ein Beleg für Geschicklichkeit. Warum aber fiel das niemandem auf oder ins Auge?

Greifen wir zunächst auf Knobloch selbst zurück. In dem von Edith Nell im Verlag für die Frau Leipzig 1979 herausgegebenen Buch „Hecht, Zander, Barsch...“, Ober-Titel „Sibylles Angelhaken“ ist Knobloch mit „Wie mir Fische begegnen“ vertreten. Die Frage, handelt es sich um einen Originalbeitrag, stellen sich Herausgeberin und Verlag gar nicht erst, wogegen allenfalls etwaige Rechteinhaber etwas hätten einwenden könnten, aber man kann schließlich auch alles übertreiben. In „Wie mir Fische begegnen“ hat der Autor ein Gedicht eines anderen Autors eingefügt, damit auf selbigen nicht nur als Lyriker, sondern auch als Zeichner hinweisend. Manche werden es ahnen, wenn sie bis zu dieser Stelle vorgedrungen sind oder gar das Angelhaken-Buch kennen: der andere Autor ist John Erpenbeck. Im Gedicht steht unter anderem: „Worte muss man unendlich / leise und vorsichtig fangen / wie weise alte Hechte / Es tut dir später fast leid.“ Man achte auf das Wort fast. Unterm Strich sind auch die weisesten aller Hechte mit einem wunden Punkt, um nicht zu sagen mit einer Achillesferse ausgestattet, was bei Hechten freilich in die Rubrik „Nicht zutreffend“ zu ordnen wäre. Mangels Fersen. Dann der entscheidende Satz: „Das hat John Erpenbeck gedichtet, mir aufgeschrieben und gemalt: als guter Freud, wohlwissend um die tägliche Jagd im Wörtersee.“

In „Mit beiden Augen. Mein Leben zwischen den Zeilen“, hier zitiert nach der Ausgabe als Fischer Taschenbuch Nummer 14678, findet sich diese hübsche Passage: „Bald nahm das Parteilehrjahr, an dessen mich langweilende Themen ich mich nicht erinnere, peinliche Formen an. … Im Schriftstellerverband gab es in der SED-Grundorganisation, der ich als im Berliner Verlag Angestellter nicht angehörte, was von Vorteil war, ebenfalls ein Parteilehrjahr. Ich nahm dort um 1977 teil, weil mein langjähriger Freund John Erpenbeck philosophische Kost anbot, von der ich zwar nicht viel verstand und verstehe, ich sehe überall eher poetische Bilder und ironische Beziehungen – ging aber regelmäßig hin, aufmerksam zuhörend. Irgendein Satz blieb zum Nachdenken für den Nachhauseweg.“ Das kenne ich auch von früher, nur langweilten mich nicht die Themen, sondern die Art ihrer Behandlung, das lag aber vermutlich mehr daran, dass ich ja Philosophie studierte, mit Absicht und einer sich wechselnd von Null unterscheidenden Lust. 1977 bot also der 35 Jahre alte John Erpenbeck im Parteilehrjahr philosophische Kost. Da war er also entweder ein sehr guter Pädagoge oder er ließ einfach die vorgegebenen Themen Themen sein und machte, was er für interessant hielt und denen, die nicht viel verstanden, gefiel es eben deshalb.

Noch weiß ich nicht – und werde es wohl nie erfahren – ob Erpenbeck 1977 schon der langjährige Freund war oder es erst wurde. Unterm Strich ist Freund Freund. Als ich am 11. Dezember 1980 John Erpenbecks Buch „Was kann Kunst?“ mit seinen „Gedanken über einen Sündenfall“ in mein großes Lese-Register eintrug, war ich so begeistert, dass ich ein Angebot, sein Freund zu werden, ohne jeden Vorbehalt angenommen hätte. Im Buch hinten gab es ein Nachwort von Rita Schober und beinahe wäre 1980 ein tatsächlicher Freund wissenschaftlicher Assistent bei ihr geworden, wenn nicht ein sehr entscheidungsstarkes Ministerium, das auch inoffizielle Mitarbeiter zu seiner Belegschaft zählte, etwas dagegen gehabt hätte. Mich beobachtete es seit 1977 eher dezent. Sechs Jahre später erlebte ich in Bad Saarow im Ferienheim des Berliner Verlages, zu dem, siehe oben, Heinz Knobloch gehörte, eine Lesung von Erpenbecks Mutter, von der wir ärgerlich jäh abgerufen wurden, weil unsere Tochter eine Treppe weiter oben sich doch sehr allein gelassen fühlte. Zwei Tage nach der Geburt von John Erpenbecks Tochter Jenny wurde ich, so hieß das damals, in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, sprich: ich hatte Jugendweihe. Es wird Zeit, die Kurve zum „Schlemcke-Faktor“ zurückzufinden. Der auch bei Jürgen Borchert in „Zur Feier des Alltags“ steht.

Womit eine Sofort-Korrektur meinerseits zu erfolgen hat: Der „Schlemcke-Faktor“ ist in diesem „Windvogelviereck“ sogar schon die Viert-Nutzung zwischen Buchdeckeln. Und ging dennoch als Originalbeitrag durch. Hatte das mit der langjährigen Freundschaft zu tun? Nein. Natürlich nicht. Was wäre das für eine Unterstellung. Einer der wirklich doofen Witze, die ich mir seit Kindertagen gemerkt habe, geht so: „Ist das dein Ernst? - Nein, das ist mein Otto. Der hat nur dem Ernst seine Jacke an.“ So verfuhr Heinz Knobloch. Er hing seinem Ernst Ottos Jacke über. Der Unterschied liegt in der Datierung. 1966 steht: am 16. Juli 1966, 1987: am 28. Juli 1986. Knobloch hat fürwitzig und hinterhältig einfach zwanzig Jahre aufgeschlagen: aus 2015 wird 2035, der Gang in den Kindergarten hat 1966 eine Jahreszahl: 1969, mit drei Jahren also. 1986 heißt es nun ohne Jahr: mit drei Jahren in den Kindergarten. Aus der Diplom-Ingenieurin von 1966 wird 1987 eine Diplom-Computesse. Aus 2010 wird 2030 für den Auftritt des Parteisekretärs. Immerhin das ist extrem bemerkenswert, wie lange Heinz Knobloch 1987 noch bereit war, Parteisekretären eine dominante Rolle im Laden zuzugestehen. Nur zwei Jahre vor dem Grande Finale für diese Kategorie. Und was ist nun eigentlich dieser Schlemcke-Faktor? Nachlesen, würde Knobloch sagen, einfach nachlesen!

P. S. „Der Schlemcke-Faktor“ ziert 2002 noch eine Knobloch-Sammlung. Es ist die späte, am Bodensee im deutschen Süden veranstaltete mit dem Titel „Lässt sich das drucken? Feuilletons gegen den Strich“. Dort ist als Quelle nicht nur „Du liebe Zeit“ angegeben, sondern auch ein Erstdruck in der Wochenpost: nämlich in Nummer 43/1965, drei lange Jahre vor dem Start der 1000-Folgen-Reihe „Mit beiden Augen“.


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