Arthur Eloesser: Moses Mendelssohn (2)

Beckmesserisch könnte man meinen, in einem Buch, das sich dem Thema „Das Judentum im geistigen Leben des 19. Jahrhunderts“ widmet, hätte Moses Mendelssohn nichts verloren. Starb er doch am 4. Januar 1786, nicht 57 Jahre alt, und erlebte so nicht einmal mehr die Französische Revolution, geschweige ihren Ausgang in Napoleon und dessen Wirkung im und auf das 19. Jahrhundert in Europa. Dennoch ist es tief begründet, weder willkürlich noch gar Mangel an Stoff, um das genannte Thema zum Buch zu runden, wenn Arthur Eloesser sein letztes Werk „Vom Ghetto nach Europa“ mit einem Kapitel eröffnet, welches die Überschrift „Das Judentum von der Aufklärung bis zu Kant“ trägt. Hierin spielt Mendelssohn die gewissermaßen tragende Rolle, auch in den anderen Kapiteln (fünf umfasst das Buch insgesamt, das mit Abstand längste ist das mittlere, dritte „Zwischen den Revolutionen“) taucht sein Name immer wieder einmal auf. Der Autor Eloesser hat jetzt die Erfahrung des Jahres 1933 hinter sich, er hat seinen ersten Palästina-Besuch 1934 hinter sich, der seinem Sohn Max galt und ist nunmehr seinem eigenen Judentum in einer Weise konfrontiert, wie es auch ihm selbst während der Arbeit an seiner Literaturgeschichte wohl kaum vorstellbar gewesen ist. Die Zeit selbst drängte ihm neue Blickwinkel auf Mendelssohn auf.

„Was von ihm noch lesbar und fruchtbar scheint, außer seinen beziehungsreichen, von einem wahrhaft flüssigen Geiste blitzenden Briefen, das ist sein Hauptwerk „Jerusalem“.“ So lesen wir auf Seite 24. Zwei Seiten weiter dann: „… durch die ganze Schrift geht die heute an unserem Leibe und an unserer Seele bestätigte Warnung: Ihr entgeht dem Judentum nicht! Oder wie er es einmal ausgedrückt hat: In der Tat sehe ich nicht, wie diejenigen, die in dem Hause Jakobs geboren sind, auf irgendeine gewissenhafte Weise sich von dem Gesetz entledigen können.“ Das ist wortwörtlich zu verstehen als Arthur Eloessers eigene Erfahrung. Sie sagt: Auch der assimilierte, auch der aller Orthodoxie Fernstehende aus „dem Hause Jakobs“ entgeht ihm nicht. Hierher passt vielleicht eine Nachricht, die am 1. September 1931 im „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin – amtliches Organ des Gemeindevorstandes“ auf Seite 30 zu lesen war. Demnach war Margarete Eloesser, geborene Naumburg, wohnhaft in der Dahlmannstraße 29, aus der Jüdischen Gemeinde ausgetreten. Das Blatt vermeldete auf der nämlichen Seite auch „Austritte aus dem Judentum“ und unterschied damit sachlich die radikalere Art des Austritts. Von einem förmlichen Austritt Arthur Eloessers ist bis eben nichts dokumentiert, also auch nicht, ob sie ihm folgte oder etwa vorausging.

In seinem Vorwort vom Februar 1936 begründet Eloesser sein Vorgehen: „Dass die Darstellung auf Moses Mendelssohn in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zurückgeht, bedarf wohl keiner Rechtfertigung; es ist die Ära der Aufklärung, ihr Versprechen von Toleranz und Humanität, die das Judentum zuerst in Bewegung und auf den Weg nach Europa gebracht hat. Das Jahr 1890 zeigt mit einem scharfen Einschnitt den Anfang vom Ende des Liberalismus an als einer bürgerlichen Weltanschauung, die die Frage der Emanzipation oder der Assimilierung in sich eingeschlossen und bejaht hat.“ Diesen Einschnitt hat er wachen Bewusstseins selbst erlebt, die Folgen für seine eigene akademische Laufbahn hinnehmen müssen. Interessant für heutige Leser ist seine Begründung, warum das 1936 von der Jüdischen Buchvereinigung herausgebrachte Werk wohl ein hilfreiches Personenregister, nicht aber ein vollständiges enthielt, „womit gewöhnlich nur eine Scheinfassade von Gelehrsamkeit aufgeführt wird.“ Das mag dann gelten, wenn der Autor selbst die Mühe auf sich nimmt, das Register zu erstellen. Viel häufiger aber sind für Register dienstbare, sehr oft weibliche, Geister zuständig gewesen, denen im günstigen Falle in der Danksagung eine Erwähnung zuteil wurde, die wiederum auch als eine „Scheinfassade“ akademischer Bucheditionen zu nennen wäre.

„Der „Herr Moses“ wie er in Berlin hieß, fiel dort durch eine beispiellose Begabung auf, wie er auch die Herzen der Menschen durch seine Bescheidenheit, durch seine Liebenswürdigkeit, durch seinen feinen und von Ursprung jüdischen Humor gewann“. Eloesser schreibt einen Satz, den er vor 1933 vermutlich gar nicht, auf keinen Fall aber so formuliert hätte, wie er es jetzt tut: „Mendelssohn hat das Wesentliche des jüdischen Daseins verstanden und verkündet: das jüdische Volk ist keine Religionsgesellschaft, oder es ist nicht nur eine Religionsgesellschaft, sondern eine Blutsgemeinschaft, die sich unter das Gesetz gestellt hat“. Jetzt tritt auch Mendelssohns Wirkung innerhalb des Judentums, für das Judentum ganz neu ins Blickfeld: „Als er seine Verdeutschungen des Pentateuch und der Psalmen erscheinen ließ, seine „Morgenstunden“ und sein „Jerusalem“, immer noch die schönste Apologie der Mission des Judentums, durfte er von bildungsbedürftigen jungen Glaubensgenossen nur heimlich gelesen werden. Seine Sendung war eine doppelte: die Juden in das europäische Geistesleben einführen … Das Judentum war für Mendelssohn der empfangende Teil …“. „Dieser kleine bucklige Jude hat dem Berliner Bürgertum den ersten Zug von einer geistigen Physiognomie gegeben.“ Das ist fürs Stammbuch jeglicher Berlin-Geschichte.

Und Eloesser ergänzt: „Denn Lessing, der nirgends ein Nest baute, hatte die Stadt nur als Zugvogel gestreift.“ Wichtig erscheint ihm jetzt, 1936, eine Äußerung Mendelssohns über die Zukunft seines Sohnes: „Er mag also vor der Hand alles lernen, wozu er Lust und Trieb empfindet. Zum Kaufmann wenigstens wird er dadurch nicht verdorben.“ Vom Hauptwerk „Jerusalem“ sagt Eloesser jetzt: „Wenn er aber in das Innere des Judentums eintritt, wenn er seine historische Mission ermisst, so wird das Wesentliche immer einleuchtend, immer noch nachfühlbar und giltig sein.“ Und stellt ihn in einem sehr wichtigen Punkt sogar über Lessing: „Aber insofern er Jude, Angehöriger eines alten Volkes mit einer seit seinen Ursprüngen genau aufgezeichneten Geschichte war, hat er historischer gedacht, hat er mehr Vergangenheit, stolze Vergangenheit in sich gefühlt als sein großer Freund Lessing.“ Im Blick auf Debatten zwischen jüdischen Denkern und Forschern über Mendelsohn führt Eloesser jetzt auch Namen ein, die ihm vorher nicht oder nicht so wichtig erschienen: Franz Rosenzweig (25. Dezember 1886 – 10. Dezember 1929), Josef Budko (27. August 1888 – 17. Juli 1940), auch Martin Buber (8. Februar 1878 – 13. Juni 1965) ist einbezogen. „Jerusalem“ wurde in alle Kultursprachen übersetzt, gelangte zu großer praktischer Wirkung, gewann das Lob Kants.

Der schrieb: „Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinen gewusst, die man ihr nicht zugetraut hätte, und deren sich keine andere rühmen kann.“ Auch der namentlich nicht genannte westfälische „Reichsfreiherr und Philanthrop“ wäre vor 1933 wohl keiner Erwähnung für wert befunden worden, jetzt ist dessen Frage nach einer Rücksiedlung der Juden nach Palästina für Eloesser sogar von persönlichem Belang. „In der denkwürdigen Antwort von Mendelssohn heißt es, dass seine Nation – im Jahre 1770 – nicht mehr oder noch nicht darauf vorbereitet sei, etwas Großes zu unternehmen. In der Zerstreuung habe sie den Geist der Einheit, den natürlichen Trieb zur Freiheit verloren.“ Es ist nicht auszuschließen, dass Arthur Eloesser noch immer dabei war, sich selbst den Gedanken an eine Übersiedlung nach Palästina auszureden, der ihn 1934 keineswegs nur peripher und kurzzeitig bewegt hatte. Sein zweiter Besuch dort 1937 wäre dann auch als letzter Versuch zu deuten, im Zusammensein mit Sohn Max eine finale Abwägung zu wagen. Andere Details treten jetzt nach vorn: „Bei einer Reise durch Dresden hatte er den Leibzoll von zwanzig Groschen am Stadttor zu entrichten“. Dieser Preis galt auch für ein Stück Großvieh. Und Eloesser vergisst dabei nicht: noch bis zu den Freiheitskriegen in mehreren deutschen Staaten.

Er zitiert ein Schreiben Mendelssohns an den kursächsischen Staatsmann Friedrich Wilhelm Freiherr von Ferber (7. Juni 1732 – 25. Oktober 1800), es geht um die Vertreibung von Juden, vorrangig armer Juden, aus dem Kurfürstentum Sachsen: „Das Vertreiben ist für einen Juden die härteste Strafe: mehr als bloße Landesverweisung, gleichsam Vertilgung von dem Erdboden Gottes, auf welchem das Vorurteil ihn von jeder Grenze mit bewaffneter Hand zurück weist.“ Moses Mendelssohn, der „Herr Moses“, scheint auf die Entwicklung in Deutschland nach 1933 zu blicken und dennoch denkt Arthur Eloesser hier noch in eine andere Richtung: „Das könnte sich auf heutige Vorkommnisse in Osteuropa beziehen ...“. Von Ferber, das zu seiner Ehre, erstattete dem Reisenden den Zoll zurück, verbunden „mit den gehörigen Entschuldigungen.“ Eloesser setzt seinen Vergleich des Briefschreibers Mendelssohn sehr hoch an. Er gehöre zu den wenigen Schriftstellern vor Goethe, „dessen Briefe, sehr einfallsreich, elegant, flüssig, aber doch über die Wasserflut der damaligen Bekenntnisseligkeit erhoben, noch mit ebenso viel Nutzen wie Vergnügen gelesen werden können.“ Auch gegen den berühmten Berliner Spät-Aufklärer Friedrich Nicolai (18. März 1733 – 8. Januar 1811) setzt er ihn klar ab: Es war „sein Vorteil, dass er als Jude zu streiten hatte“.

Und zwar gleich doppelt, „mit der einen Front gegen die Vorurteile der Welt, mit der anderen gegen die eigenen Glaubensgenossen.“ Mit Verweis auf den Arzt Dr. Markus Herz (17. Januar 1747 – 19. Januar 1803) schreibt er über Mendelssohns Tod am 4. Januar 1786: „er erlosch wie eine Lampe, die kein Öl mehr hat.“ Und: „Moses Mendelssohn lebte und starb als Jude; er befolgte die häuslichen Gesetze und rituellen Vorschriften des Judentums mit ebenso viel Gewissenhaftigkeit wie Offenheit, was seine deutschen Freunde nicht anders als mit Respekt vermerkten.“ „Die „jüdische Nation“ war für ihn eine Tatsache, die nicht ausgelöscht oder weggedacht werden sollte.“ Dass Arthur Eloesser gerade an dieser Stelle auch auf den angeblichen Antisemitismus Goethes zu sprechen kommt, sei hier nur vermerkt, es wäre ein anderes, ein sehr eigenes Thema. „Moses Mendelssohn wurde noch von der reinen Welle der Aufklärung getragen, von den gläubigen Hoffnungen, dass eine Metaphysik möglich und für die Beweisgründe vom Dasein Gottes unentbehrlich sei.“ Nach „Vom Ghetto nach Europa“ und ohne nennenswert neue Gesichtspunkte behandelte Arthur Eloesser Mendelssohn letztmalig in seinem Beitrag „Literatur“ zum großen Sammelwerk „Juden im deutschen Kulturbereich“, das jedoch erst 1959 einen Leserkreis gewann.

Das Sammelwerk behandelte Mendelssohn auf sechs Seiten unter der Überschrift „Literatur“, es sind die ersten Seiten des voluminösen Bandes. Im Kapitel „Philosophie“ wird er abermals thematisiert, jetzt heißt der Autor Harald Landry (1898 – 1979). Die Analyse seiner Sichtweisen muss hier unterbleiben. Stattdessen noch einer von Eloessers Sätzen: „Jenes Herzblut war seine Erbschaft, eine von Generationen namenloser Dulder durch zwei Jahrtausende, und es war seine Größe, dass er nicht als Leidender, nicht aus einem Ressentiment zu den Menschen sprach, sondern als ein Hoffender“. Und ein Fazit, Mendelssohns Rolle als „Urbild“ des Nathan bei Lessing betreffend: „Moses Mendelssohn war gewiss zu bescheiden, um seinen Anteil an der Hauptfigur dieses Märchendramas, dieser Menschheitskomödie zu erkennen; wenigstens gibt es keine Zeile von ihm, in der dieser Anspruch erhoben wird. Aber es muss gerade für seinen Trieb zur Dankbarkeit ein erschütterndes, ein über viele Demütigungen und Enttäuschungen hinwegtragendes Erlebnis gewesen sein, als er das Bestreben für sein eigenes Volk und für die Menschheit mit einer ihm selbst nicht erlaubten Kühnheit bestätigt fand.“ 1870, in Arthur Eloessers Geburtsjahr, war es Hermann Hettner (12. März 1821 – 29. Mai1882) , der der Philosophiegeschichte erlaubte, „Herrn Moses“ nur flüchtig zu betrachten, der Kulturgeschichte aber trug er auf, ihn zu feiern und zu ehren.

 


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