Böll und Bachmann

Wer weiß, ob ich diese knapp anderthalb Druckseiten je gelesen hätte ohne diesen Jubelgeburtstag, dem man eher Trauerreden widmen sollte als posthume Hymnen. Reinhard Baumgart bekannte vor 40 Jahren, als Ingeborg Bachmanns 60. Geburtstag zu begehen war, er vermöge sie, die nur 47 Jahre alt wurde, sich durchaus als Sechzigjährige vorzustellen. Baumgart schrieb es aus der Position des Sich-Noch-Erinnern-Könnens, fähig, Bilder oder Bruchstücke von Bildern vor das rufen, was gern inneres Auge genannt wird. Böll hätte das auch gekonnt, war er doch in den fünfziger Jahren bereits als Ratgeber in Sachen DDR für die Bachmann aktiv, wie man jetzt dank Roland Berbig in extenso und schön akademisch nachlesen kann zwischen heiligen Buchdeckeln der Schiller-Gesellschaft. Nun las ich es also, dieses Begleitwort des Nobelpreisträgers zum Buch „Ingeborg Bachmann – Eine Bibliographie“. Bei Piper in München und Zürich 1978 erschienen, 200 Exemplare nicht für den Verkauf bestimmt, die restlichen 900 in blauem Originalleinen dann doch. Heute bekommt man sie zu Preisen von neun bis neunzig Euro in verschiedenen Antiquariaten. Die Herausgeber waren Otto Bahreiss und Frauke Ohloff, ein Schweizer Buchhändlerpaar, sie auch Schriftstellerin in Bern.

Böll hat seine Aufgabe auf faszinierende Art erledigt. Wie ihn Verlag und/oder die Herausgeber dafür gewannen, weiß ich nicht zu sagen. Das Herausgeberpaar wird kaum ein Super-Honorar ausgelobt haben, der Verlag auch nicht. Wohl ins Kalkül genommen aber den Werbeträger für ein Buch, das normalerweise sich keine Buchhandlung ins Regal stellt. Böll nennt die Bibliographie mit ihren 2000 Stellen „Kataster ihrer Tätigkeit und deren Folgen“, widmet sich „dieser erstaunlichen Registratur von Werk und Wirkung der Ingeborg Bachmann“ unter dem wirklich überraschenden Gesichtspunkt, sie könnte „auch für Volkswirte interessant sein“. In welcher Hinsicht? Just diese Frage will Böll seinen Lesern schmackhaft machen. Jochen Hieber hielt für die Hamburger ZEIT vom 20. Oktober 1978 fest: „... ein kleines bibliophiles Meisterwerk. Numerierte Exemplare, feinster Daunendruck, eine mindestens kunstgewerblich zu nennende Text- und Bildgestaltung, dazu noch Heinrich Bölls in romantisch blauen Lettern gesetztes Geleitwort machen den Band zu einer Zierde anspruchsvoller Bibliotheken.“ Heute müssten auch anspruchsvolle Bibliotheken darauf verzichten: mangels Budget in den Haushalten der Träger. Sie sind es längst gewohnt.

Der lebenspraktische Heinrich Böll schrieb: „Die Frage, wen beschäftigt so eine Autorin, sollte nicht auf die innere, die ästhetisch-moralische Wirkung beschränkt bleiben. … was sie äußerlich eingebracht haben, den Autoren an Honorar, den anderen, die sie auf irgendeine Weise reproduziert haben – das sollte feststellbar sein. Ich stelle mir diese Aufgabe reizvoll vor ...“. Wer etwa die gar nicht hoch genug zu lobende Website „Ingeborg Bachmann Forum“ von Ricarda Berg aufruft, kann ohne Archiv- oder Bibliotheksbesuch in kurzer Zeit sehen, wie viele Menschen die Österreicherin im Lauf der Jahre beschäftigt hat im sehr profanen Sinn: ihnen Arbeit, Brot, Lohn, Gehalt, Honorar verschafft hat, Titel womöglich als Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten, neue Zeilen in der je eigenen Publikationsliste. 2026, im Jahr des 100. Geburtstages, sind neue Bachmann-Bücher nur noch per Sammel-Rezension zu bewältigen und nur blauäugige Optimisten nehmen an, dass in diesen Fällen die Rezensenten tatsächlich alle drei bis fünf Bücher von der ersten bis zur letzten Seite lesen, um dann günstigenfalls eine halbe Zeitungsseite füllen zu dürfen (mit Illustration). In Bölls Sicht wäre Goethe längst der größte deutsche Arbeitgeber im so genannten Literaturbetrieb.

1973 schrieb Böll einen Nachruf „Zum Tode Ingeborg Bachmanns“, Erstdruck im SPIEGEL vom 22. Oktober 1973 unter der Überschrift „Ich denke an sie wie an ein Mädchen“. Ich hatte eben meine erste Woche als Bibliothekshilfskraft an der Technischen Hochschule Ilmenau hinter mir, fast auf den Tag ein halbes Jahr nach meiner Entlassung aus 18 Monaten Grundwehrdienst in der NVA der DDR. Lesen konnte man da: „... man hat Ingeborg Bachmann selbst zu Literatur gemacht, zu einem Bild, einem Mythos, verloren in und an Rom“. Und vor allem auch das: „Dass in der Ikonisierung einer lebenden Person eine schrittweise Tötung versteckt sein kann, müsste gerade an ihr deutlich werden.“ Böll hatte seine Erinnerungen. Und nannte sie genau deshalb mutig. Er war nicht blind ihr gegenüber: „Natürlich gibt es da auch genug Klatsch, und gewiss wird der eine oder andere bemerken, sie sei wohl gelegentlich unter ihr Niveau gegangen; ich möchte nur feststellen, dass man Niveau haben muss, um darunter oder darüber zu gehen.“ Warum nicht 53 Jahre später solchen Satz dick unterstreichen, mit leuchtendem Textmarker herausheben? „Sie war es, die den berüchtigten Spruch „Tapferkeit vor dem Feind“ in „Tapferkeit vor dem Freund“ umgeprägt hat.“

Das fand Böll bemerkenswert. Wie er auch ein Jahr später ein Buch bemerkenswert fand in der FAZ vom 23. November 1974. Das Buch hieß „Eine Reise nach Klagenfurt“, der Autor Uwe Johnson. „Besser, als es in diesem kleinen Buch geschieht, kann man Spurensicherung wohl nicht betreiben.“ Und es darf angenommen werden, dass Böll genau das Zitat von Ingeborg Bachmann, das Uwe Johnson als eines für sich wählte, auch auf sich selbst bezog: „Außerdem ist sowieso jeder Nachruf eine Indiskretion.“ Nur wenige Stellen seien es, wo Bachmann direkt zu Wort kommt. Es sind, führt Böll vor, Stellen, die Klagenfurt betreffen. „Man müsste überhaupt ein Fremder sein, um einen Ort wie Klagenfurt länger als eine Stunde erträglich zu finden, oder immer hier leben.“ Offenbar war Klagenfurt nicht vollkommen begeistert von derartigen Äußerungen der geborenen Klagenfurterin. Und Böll hielt nur dagegen: „Städte, die sich durch derartige Äußerungen beleidigt fühlen, bilden sich einfach zuviel ein.“ Man darf gern an Köln denken, Bölls Köln. „... diese scheinbar trockene Landmesserei erweist sich als das einzig mögliche Epitaph für Ingeborg Bachmann.“ Aber nicht nur: „... es könnte ein Modell sein für Biographien – besser noch: auch für Autobiographien.“

Ingeborg Bachmann fiel Böll ein, als er den Jens-Bjørneboe-Preis des ODIN-Teatret Holstebro in Dänemark an Rupert Neudeck zu übergeben hatte: „Es kommen härtere Tage, hat vor Jahren einmal Ingeborg Bachmann gesagt.“ Wir können uns heute fragen, ob sie kamen; viele werden schon ihre Suchmaschinen konsultieren müssen, wer dieser Neudeck war. Der mit seiner Rettung der „boat people“ in die Schlagzeilengeschichte einging: Vietnamesen auf der Flucht vor vietnamesischen Besiegern der US-Aggression. Neudeck starb am 31. Mai 2016. Härtere Tage verkörperte für Böll zweifelsfrei auch Tilman Jens. „Auch die Toten haben ihre Geheimnisse“ lautete die Überschrift im Kölner Stadt-Anzeiger. Unterzeile „Die Methode von Jens darf nicht Mode werden“. Aus diesem Grund schrieb Böll, obwohl er meinte, sein Schweigen wäre vielleicht besser gewesen. Tilman Jens war ins Haus von Uwe Johnson „eingestiegen“, um Reportage-Stoff über den Toten zu gewinnen, jenen Toten, dessen Umgang mit Ingeborg Bachmann Böll Jahre zuvor in hohen Tönen gelobt hatte. Jetzt wieder: „ein Musterbuch der Spurensuche“ und dazu der Satz: „Vielleicht findet man die Toten nicht dort, wo sie gestorben sind, sondern dort, wo sie herkommen.“ Es lohnt, das zu bedenken.

Es ist erstaunlich, wie viele zum Teil sehr dicke Bücher über Heinrich Böll ohne den Namen Ingeborg Bachmann auskommen. Und wenn sie ihn haben wie etwa Christian Linder in „Das Schwirren des heranfliegenden Pfeils. Heinrich Böll. Eine Biographie“, dann in Nebendingen. Bölls Gedicht „sieben Jahre und zwanzig später“ trägt die Widmung „nach Ingeborg B. für Annemarie C.“ Mit Annemarie C. ist Bölls Gattin gemeint, mit Ingeborg B. Ingeborg Bachmann. Ihr Gedicht „Früher Mittag“ aus „Die gestundete Zeit“ lieferte Anregung und ist auch direkt zitiert. Als Lyriker ist Heinrich Böll erst seit 2021 überhaupt präsent, da erschien bei Kiepenheuer & Witsch der Band „Ein Jahr hat keine Zeit. Gedichte“, herausgegeben von René Böll, Gabriele Ewenz und Joachim Schubert. Linder bringt das Gedicht in voller Länge, ich las es Anfang Oktober 2010 bei ihm zuerst. Und zitiert weiter hinten, was ich auch schon zitierte: die Rede für Rupert Neudeck. Und das war es dann auch schon. Der Briefwechsel Böll – Bachmann ist unter dem Titel „Was machen wir aus unserem Leben?“ im Rahmen der so genannten Salzburger Bachmann Edition erst seit vorigem Jahr zu lesen, 487 Seiten stark. So viel gedrucktes Neuland verdient selbstredend separate Würdigung.


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