Arthur Eloesser: Letzte Theaterkritiken

Niemand wird hinter dem Titel „Mutter muss heiraten“ ein bisher vollkommen unterschätztes Werk der großen Weltdramatik vermuten. Niemand wird erstaunt fragen: Ach, das hat Neil Grant geschrieben? Denn niemand kennt Neil Grant, nicht einmal die unverwüstlichen Suchmaschinen des weltweiten Fangnetzes knapp hundert Jahre später. Aber Arthur Eloesser schaut sich am Silvesterabend 1932 genau dieses Lustspiel im Berliner Renaissance-Theater an, schreibt für die erste Ausgabe des neuen Jahres 1933 eine sehr kurze Kritik. Die Hauptrolle gab Ida Wüst (3. Januar 1879 – 4. November 1958), sie hat sich wie später Irmgard Keun um fünf Jahre jünger gemacht. In den 30ern trug sie den Spitznamen „Die wüste Ida“, soll Eduard von Winterstein bei der Gestapo denunziert haben, weshalb sich nach 1945 ihre Entnazifizierung verzögerte. „Der Beifall war groß für Ida Wüst“, schrieb der Kritiker, „das Publikum dankbar für einen allerliebsten Vorschwips, den der spätere mitternächtliche gewiss nicht übertreffen konnte. Alkohol ist gut, aber Kunst ist noch besser.“ Ein netter Start ins Theaterjahr, das noch nicht erkennen ließ, was es mit sich bringen würde. „Ida Wüst lacht durch das ganze Stück, und wir lachen mit ihr durch das ganze Stück mit. Auch wenn sie weint. Sie kann nämlich beides auf einmal.“ Vielen verging sehr bald alles Lachen.

Fünfmal zwischen dem 10. März und dem 14. Mai schreibt Eloesser für seine Vossische Zeitung noch das, was früher als „Premiere von gestern“ oder „Premieren von gestern“ im Blatt firmierte. Die letzten dreieinhalb Druckzeilen dieser Art lauteten: „Eine leichte Person (Volksbühne). Die alte Berliner Posse, glücklich verjüngt durch Heinz Hilpert. Ganz großer Beifall. Besonderer Triumph für das neue Paar Grete Mosheim und Max Adalbert.“ Die ausführliche Kritik am Folgetag im Unterhaltungsblatt Nummer 133 vom 15. Mai füllte nur zwei Drittel einer Spalte. Unmittelbar unter dieser allerletzten Theaterkritik Eloessers druckte die Redaktion, was der 33 Jahre jüngere Kritiker Wolfgang Drews (Kürzel W. Dr.) über „Grenzbauern“, inszeniert für die „Junge Kampfbühne im Komödienhaus“, schrieb. Eingeschlossen der Satz: „Dr. Goebbels forderte neulich, in seiner Rede vor den Bühnenleitern, dass die Gesinnung sich mit der Kunst vermähle.“ Ein Dramatiker namens Kiendl war offenbar gleichzeitig auch der Regisseur, es gab einen feigen jüdischen Kapitalisten im Werk. Meine vorsichtige KI tippt auf Wilhelm Kiendl, ist aber hinsichtlich aller weiteren Daten zu ihm skeptisch. Eine Beleidigung für den großen Regisseur Hilpert, dessen Büste vor dem Deutschen Theater Berlin steht, der 1933 Emil Pohl (7. Juni 1824 – 18. August 1901) dem Vergessen entriss.

Fast ironisch schrieb Eloesser: „Es gibt wenigstens vorläufig noch keine Emil-Pohl-Forschung.“ Es ist seither auch keine neu entstanden. Aber Volker Klotz hat ihn immerhin auf ein paar Seiten seiner Darstellung „Bürgerliches Lachtheater“. Die Schublade für Pohl hieße „Alt-Berliner Posse“. In der er neben David Kalisch zu liegen käme, der vielen, denen überhaupt etwas einfällt, eher einfällt als Pohl. Abermals Eloesser: „Es ist von autoritärer Stelle die Parole ausgegeben worden, dass das Theater, wenn es überhaupt leben will, auch unterhaltend sein darf.“ Und zusammenfassend: „Diese Alt-Berliner Posse gehört gewiss nicht zur Literatur, aber in dieser Aufführung wenigstens zum lebendigen Theater“. Bei diesem Satz gilt es, kurz inne zu halten: Lebendiges Theater muss nicht zwangsläufig auf Literatur, gar guter, gar Hoch-Literatur, fußen. Wobei die dem lebendigen Theater auch nicht schadet, noch mehr nicht, wenn einer wie Heinz Hilpert sie in seine Hände nimmt. Die Vossische Zeitung des Jahrgangs 1933 druckte von „Mutter muss heiraten“ bis „Eine leichte Person“ (seit 2012 auch wieder im Angebot eines Theatervertriebs) die letzten zwanzig Kritiken ihres langjährigen Theaterkritikers. Andere Texte nahm sie ihm auch dem Mai noch ab. Man könnte einwenden, Eloesser habe auch später noch einige Theaterkritiken verfasst. Was stimmen würde.

Aber es wäre kaum zu leugnen, dass Kritiken, die ein jüdischer Kritiker ausschließlich noch zu Inszenierungen eines Jüdischen Theaters im Rahmen des Jüdischen Kulturbundes schreiben durfte, Aufführungen, die man nur mit Ausweis betreten durfte, nicht gleichzusetzen sind, mit dem, was Eloesser seit 1899 getan hatte. Es ist kein nur formaler Unterschied, ob man ins Lessing-Theater geht, ins Schauspielhaus, ins Deutsche Theater oder die Volksbühne oder ob man eine Neugründung mit ausschließlich jüdischen Mitwirkenden erlebt, die an ihren vorherigen Bühnen nicht mehr spielen durften und nun ein in gewisser Hinsicht eher künstliches Ensemble bildeten. Was große Darsteller- wie Regie-Leistungen selbstverständlich nicht ausschließt. Der Blick auf die Autoren, von denen Eloesser 1933 noch Stücke sah, zeigt kaum auffällige Besonderheiten. Wie früher auch ist der Anteil von heute vergessenen Namen und Werken hoch. Doch wer in einigen Jahrzehnten auf unser heutiges Bühnenrepertoire schauen würde, käme zu identischer Erkenntnis: Schon ein Jahr nach der Premiere war manches gefeierte „Projekt“ völlig vergessen, ihre Macher stolperten von einer zur nächsten Pseudo-Aktualität. Welcher Kritiker zu welchem Stück schreiben durfte, war früher wie heute Entscheidung des Ressort-Chefs. Arthur Eloesser war leider nie in dieser Position.

Deshalb ist auch 1933 die Zahl seiner Klassiker-Kritiken gering: einmal Shakespeare, zweimal Schiller, wobei ihm der zweite Schiller, „Wilhelm Tell“, sehr wahrscheinlich das Ende seiner Laufbahn eintrug. Ich empfehle dazu mein „Arthur Eloesser sieht Wilhelm Tell“, seit Januar 2022 im Netz, Rubrik BÜCHER, BÜCHER. In heutiger Sicht „moderne“ Klassiker oder Halb-Klassiker sah er 1933 immerhin auch noch: Joachim Ringelnatz, Richard Billinger, W. Somerset Maugham, Hermann Sudermann und Björnstjerne Björnson. Die Zuordnung zu dieser Gruppe ist halbwegs mutwillig, gebe ich zu. Auch wird manchem ein Ringelnatz eher der Kuddeldaddel-Lyriker, ein Maugham eher der große Erzähler sein, Sudermann die Zeit-Größe, deren Zeit 1933 längst abgelaufen, Billinger die Zeit-Größe, bei der es nach „Rauhnacht“ nur noch abwärts gehen konnte.
Zu Ringelnatz schreibt Eloesser: „... er hat hier einen tüchtigen Schluck aus der Pulle genommen. Einen Schluck Poesie und soviel, wie eigentlich nur ein Lyriker vertragen dürfte. Das ist und bleibt unser Ringelnatz trotz seinem gestrigen Begräbnis als Dramatiker.“ Der für den Kritiker wichtigste Satz aber betraf gar nicht den Lyriker: „Wenn nur das Deutsche Theater bestehen bleibt. Auf die Kammerspiele würde ich weniger Wert legen.“ Schon im Januar 1933 also Sorgen für die Zukunft.

Der Vollständigkeit halber sei vermerkt, dass vermutlich Lese- oder Übermittlungsfehler dazu führten, dass die Kritik irritierend beginnt, indem sie von den Herren Beer-Marten und Max Reinhardt schreibt. Gemeint sind die Herren Rudolf Beer und Karl Heinz Martin, an die Reinhardt für fünf Jahre seine Berliner Theater verpachtet hatte. Beer (22. August 1885 – 9. Mai 1938) wurde 1932 kurzzeitig Nachfolger von Reinhardt in Berlin, kehrte aber, als Hitler die Macht übernahm, wieder nach Wien zurück. Martin (6. Mai 1886 – 13. Januar 1948) leitete von 1929 bis 1932 die Berliner Volksbühne, inszenierte aber auch an den Kammerspielen. Den Stück-Text von Ringelnatz und eine Art von Aufführungs-Tagebuch brachte Ernst Rowohlt 1932 als Buch heraus unter dem Titel „Die Flasche und mit ihr auf Reisen“, sie war antiquarisch zwischen 30 und 50 Euro wert. Ich füge, weil passend, einen Absatz aus Eloessers Literaturgeschichte ein: „Die Gebrauchslyrik für das Kabarett, die auch sonst im Zeitungsfeuilleton zur Stelle sein musste, vermehrte Joachim Ringelnatz durch die Wildheit eines früheren Matrosen, der Drinks in jeder Art und Frauen von allen Hautfarben kannte; der frische temperamentvolle Kerl hatte in Wahrheit eine Gymnasialbildung und war schon vor dem Kriege, der ihn wieder zur Marine rief, in München als Kabarettist aufgetreten.“

Am 15. Januar, als die Literarische Umschau, die Beilage der Vossischen Zeitung, Eloessers „Der Geist der Goethe-Zeit“ druckte, Unterzeile „Hundert Schriften zum Gedenkjahr“, annoncierte auf derselben Seite Else Lasker-Schüler, sie suche „einen antiquarischen Barkäufer für den Rest ihrer gesammelten selbstillustrierten Bücher“, Angebote postlagernd an das Postamt W 50, Marburger Straße: Anzeigen konnten absehbare Katastrophen signalisieren. Aus den nächsten fünf meist kurzen Kritiken sei brav chronologisch Rene Fauchois (31. August 1882 – 10. Februar 1962) mit „Achtung! Frisch gestrichen!“ erwähnt. Es heißt im französischen Original „Prenez garde á la peinture“, war offenbar 1932 ganz frisch. 1933 gab es sogar eine amerikanische Verfilmung. Der Kritiker erwähnt keinen Übersetzer, dafür anders als in seinen vorigen Kritiken den Regisseur Victor Barnowsky, was nachvollziehbar ist. Unter ihm war Eloesser bis 1920 als Dramaturg und zeitweise Regisseur tätig. Und er sah große Schauspieler in der nicht ganz so großen Komödie: Eugen Klöpfer, Rosa Valetti, Kurt Horwitz, Erwin Kalser, Käthe Haack. Jeder Name wäre mehr als nur einen Satz wert. Goethe-Anspielung zum Schluss: „Wie sagt der im vorigen Jahre gefeierte Dichter? Greift nur hinein ins volle Menschenleben und nicht zum Lexikon der Konversation!“

Von Ladislaus Fodor (28. März 1898 – 1. September 1978), sah Eloesser das Stück „Der Kuß vor dem Spiegel“, so auch die Überschrift in der Vossischen Zeitung am 3. Februar, gespielt wurde im Theater an der Stresemannstraße. Der Ungar ist später vor allem als Drehbuchautor hervorgetreten. Unter den Darstellern war Ernst Deutsch. Das nach ihm benannte Theater in Hamburg gilt als das größte private Sprechtheater Deutschlands, das auf rund 200.000 Besucher im Jahr verweist. Zu „Wer ist der Dümmste?“ schrieb Eloesser: „Es scheint keine Nachbarschaft zu geben, vor der sich der Dichter Wangenheim fürchtet. Aber ein Märchenstück hat wohl alle Entschuldigungen für sich, besonders wenn es, und das sehr lustig, abwechselnd klassisch und naturalistisch, satirisch-historisch und als Entfesseltes Theater gespielt wird.“ Die Rede ist von Gustav von Wangenheim (18. Februar 1895 – 5. August 1975). Zu ihm heißt es weiter: „Es liegt wahrscheinlich daran, daß der junge Gustav von Wangenheim ein heimliches Klingklang-Gloribusch in seiner Dichterseele hat, nur dass er durch die Härte der Zeit und sein soziales Gewissen verurteilt ist, als ein Stalin der Bühne voranzugehen. Zwei Jahre von seinem Fünfjahrplan sind schon vorüber. Immerhin ein Jahr Vorsprung vor der Konkurrenz der Reichsregierung.“ Das bezieht sich auf die „Truppe 31“.

Der lieferte Wangenheim Texte und Eloesser ist wohl distanziert, aber nicht ohne Sympathie, zumal er ein Bühnenbild von Teo Otto sah, den das Unterhaltungsblatt am 6. Februar prompt falsch als Theo Otto erwähnte. „Wangenheim scheint mir immer besser, wenn er zu Scherz, Satire, Märchenwesen Verse macht, als wenn er sich der Prosa für tiefere soziale Bedeutung bedient. Ein vergnügter großer Schuljunge ist auch besser als ein kleiner Lehrer.“ Eloesser möchte die „Truppe 31“ nicht wieder verlieren. Fromm war dieser Wunsch kaum, eine Woche nach „Machtergreifung“ und Fackelzug durchs Brandenburger Tor aber vielleicht schon ein wenig naiv. „Fingerabdrücke“ war die nächste Kritik überschrieben, sie betraf das Werkchen einer M. von Schönwörth. „Es bedankte sich auf der Bühne eine M. von Schönwörth, die sich als Gräfin Quadt enthüllte“, schreibt Eloesser. Julie Gräfin von Quadt zu Wykradt und Isny (24. November 1859 – 14. Juli 1925), kann es nicht gewesen sein, Tote, noch dazu als jung beschrieben, verbeugen sich selten auf Bühnen. „Die dramatische Dichtung wird sie jedenfalls nicht unter ihre Besitzungen aufnehmen können. Der Beweis ist mit einer fast liebenswürdigen Naivität geführt worden und mit dem beherzten Dilettantismus, wie ihn Damen der Gesellschaft zuweilen aufbringen.“ Kannte sich Eloesser da aus?

Auch „Fabian, der Elefant“ ist nicht in die Besitzungen der dramatischen Dichtung eingegangen. Das ist auch die Überschrift der nächsten Theaterkritik, zu lesen am 17. Februar auf Seite 3 der Vossischen Zeitung. Eloesser war dazu im Theater in der Behrenstraße gewesen, das dem Schauspieler Ralph Arthur Roberts gehörte, der sich auch gleich die Hauptrolle verordnet hatte in dieser dreiaktigen Komödie von Leo Lenz. Lenz (2. Januar 1878 – 29. August 1962) hieß eigentlich Josef Rudolf Leo Schwanzara, war Österreicher, der aber in Ost-Berlin starb und seine Grabstätte in Charlottenburg hat. Die Komödie stammt aus dem Jahr 1933 und hat laut Wikipedia Ralph Arthur Roberts als Mit-Verfasser. Das Theater in der Behrenstraße hatte er am 17. September 1928 neu direkt neben dem damaligen Metropoltheater eröffnet. Eloesser lobt: „Vor allem ist die Handlung durch einen Dialog instrumentiert, der sich wirklich hören lassen kann. Im deutschen Lustspiel ein seltenes Vergnügen für unsere Ohren.“ Seine Kritik zu Ibsens „John Gabriel Borkman“ in der Morgenausgabe vom 24. Februar beginnt mit dem Satz: „Es zeigte sich, dass der alte Hexenmeister Ibsen immer noch zaubern kann.“ Und endet mit dem vollen Namen des Kritikers. Letztmalig im Blatt, danach erscheint bis zum bitteren Ende März 1934 nur das altbekannte Kürzel „A.E.“.

Mit dem zeichnete der Kritiker ab dem 2. März ohne Ausnahme, Billingers „Rosse“ waren wenige Tage nach dem Reichstagsbrand der erste Theaterabend. Eloesser sah es im Schauspielhaus, sah es in der Regie von Leopold Jeßner (3. März 1878 – 13. Dezember 1945). Dessen Vertrag als Generalintendant war schon 1930 in einen Regievertrag umgewandelt worden, den die Nazis noch 1933 auflösten. Jeßner emigrierte 1934 zunächst nach Großbritannien, ging dann nach Palästina und von dort in die USA, wo er starb, bevor er, wie geplant, am Neuaufbau des Theaterlebens in Deutschland mitwirken konnte. „Wenn das Stück, das nicht den tieferen, fast mystischen Hintergrund von „Rauhnacht“ hat, schließlich doch nicht dünn oder unerheblich wirkte, so lag es daran, daß Billinger, der Bauerndichter, seine Szene wieder ungemein voll gehalten hat“. Und allgemeiner: „Das deutsche Drama hat sich bei den einfachen Leuten immer am wohlsten gefühlt.“ Folgend in der Chronologie, diesmal gesehen im Theater an der Stresemannstraße, „Konflikt“ von Max Alsberg. Alsberg (16. Oktober 1877 – 11. September 1933) gehört zu den frühen Opfern der Nazi-Zeit. Bei Wikipedia liest man: „Nach der wider Erwarten ungestörten Premiere seines Theaterstücks Konflikt am 9. März 1933 flüchtete Alsberg um den 20. März nach Baden-Baden.“

Sonderlich begeistert war Eloesser nicht, sah aber immerhin den sich auf Bühnen rar machenden Albert Bassermann, sah Tilla Durieux und viele Juristen im Parkett und freute sich darüber, dass der Regisseur Karl Heinz Martin „sich mit löblicher Unauffälligkeit zurückhielt.“ Nur eine Woche später lasen längst verunsicherte Leser der Vossischen Zeitung „Für geleistete Dienste“, Eloesser sah das Stück von Somerset Maugham in der Komödie, die Regie erwähnt er diesmal nicht. „Es ist ein Schauspiel von lauter gepeinigten Menschen, die an ihren Nerven leiden, die aus dem Leben flüchten oder matt resignieren oder, was die Frauen anbelangt, sich in die Wohltat von Nervenzusammenbruch flüchten.“ Maugham nennt er einen tüchtigen, unabsehbar fruchtbaren Autor. Zwei Tage nach seinem 63. Geburtstag (20. März) erlebte Eloesser in der Volksbühne den letzten Shakespeare seiner Kritikerlaufbahn: „Viel Lärm um nichts“, Regie Heinz Hilpert. „Heinz Hilpert, mit dem die Volksbühne immer noch in glücklicher junger Ehe lebt, war bisher ein Regisseur der starken Hand, dass sie ebenso weich und bis zum Streicheln zart sein kann, hat diese Aufführung bewiesen. Seine Tätigkeit hat das Theater am Bülowplatz zu einem allerersten gemacht“. Auf der Bühne standen unter anderem Paul Dahlke, Ewald Balser und Grete Mosheim.

„Auf dem so erhöhten Niveau gibt es keine Stars mehr; die Qualität ist gemeinsam.“ Und schon wartete das nächste Lustspiel auf seinen Kritiker: „Ein Fußbreit Boden“, von Jochen Huth und Friedel Joachim. Huth (24. Mai 1905 – 17. November 1984) war Schauspieler, Hörspielautor, schrieb auch Kritiken fürs Feuilleton, Wikipedia weiß aber nicht, für welche Zeitungen. Zu Friedel Joachim war gar nichts zu erfahren, das Spiel ist 1932 im Arcadia-Verlag gedruckt worden, 105 Seiten, Uraufführung in Leipzig. „Der Modesalon ist schon längst ein Fußbreit Boden für das Lustspiel; er mag sogar schon ein paar hundert Quadratmeter unserer dramatischen Literatur besetzt haben. … Also ein Märchen vom Kurfürstendamm oder wenigstens aus einer der Nebenstraßen, wo die blaue Blume noch blüht. Jener Student, der sich zuerst als Teppichklopfer anbietet, ist schon durch viele Stücke gegangen mit seinem rosigen Optimismus, er muß also wohl existieren, obgleich ich ihn draußen in der Welt noch nicht getroffen habe.“ Dann wieder ein Lustspiel und immer noch März. Der Verfasser heißt Franz Arnold, eigentlich Franz Arnold Hirsch (23. April 1878 – 29. September 1960), er emigrierte 1933 nach England. Das Stück heißt „Da stimmt was nicht“, die Kritik zu lesen am 30. März, die Regie blieb erwähnt: „Ein großer und verdienter Lacherfolg“.

Und als Lehre für später und alle: „Ein gut gebauter Schwank braucht drei gute Einfälle, mit denen es immer weitergehen und immer wieder von vorn anfangen muß.“ Eloesser war keineswegs etwa gegen das Lachtheater, es sollte eben nur wenigstens gut gebaut sein. Gute Schauspieler machen dann fast immer einen guten Abend daraus. Zum Autor Hans von Letra wusste der Kritiker gar nichts, sah sein „Glück im Haus“ im Renaissance-Theater und nannte zur Abwechslung wieder einmal den Regisseur: Alfred Bernau. Der hieß eigentlich Adolf Breidbach (6. März 1879 – 20. Mai 1950), war Schauspieler, Regisseur und Theaterdirektor. Unter den Mitwirkenden immerhin ein Hermann Thimig. Die sehr knappe Besprechung von „Kabale und Liebe“, Eloessers vorletzte Schiller-Kritik, ist von mir komplett zitiert in „Arthur Eloesser sieht Kabale und Liebe“ (BÜCHER, BÜCHER, 11. Juli 2022). „Agnes Straub erspielte sich mit der alten Glanzrolle der Magda einen starken Erfolg; und schließlich auch Hermann Sudermann mit seinem besterhaltenen Stück.“ Das las man in der Morgenausgabe am 19. April, abends kam wenig dazu. „In einer Zeit, da das Theater zunächst einmal weiter leben muss, bis die neuen Männer und Bringer der Zukunft kommen, hat man um vierzig Jahre auf Hermann Sudermanns bestes und erfolgreichstes Stück zurückgegriffen.“

Die Magda, erinnert Eloesser, spielten in der Vergangenheit: Maria Reisenhofer, Agnes Sorma, Eleonore Duse, Sarah Bernhard und wohl auch Adele Sandrock. „Gegen das aus den besten Theaterbrettern gebaute und immer noch nicht baufällige Stück hatte ich schon bei seinem ersten siegreichen Erscheinen einen Einwand.“ So verlockend es wäre: dem wird hier nicht nachgegangen. „Es gibt kaum ein besser gebautes Stück, aber alle Mittel der Bühne sind hier redlich für die Idee verwandt worden … Das Publikum war zu ergriffen, um zu applaudieren.“ So der Kritiker am 23. April zu „Über unsere Kraft“ von Björnstjerne Björnson (8. Dezember 1832 – 26. April 1910). Er sah die Inszenierung als würdige Nachfeier zum 100. Geburtstag des Norwegers. Am 6. Mai morgens zu „Wilhelm Tell“: „Wo Schiller spricht, ist immer Volk und Menschheit ausgerufen.“ Ausführlich zu dieser besonderen Inszenierung des Regisseurs Karl Ludwig Achaz mein „Arthur Eloesser sieht Wilhelm Tell“ (BÜCHER, BÜCHER, 9. Januar 2022). Wäre Eloesser drei Tage später ins Deutsche Theater gegangen: er hätte Hitler in der Loge sehen können. Ob er das als eine Alt-Berliner Posse empfunden hätte? Die von Emil Pohl jedenfalls sah er am 13. Mai, es wurde sein letzter Theatergang für die Vossische Zeitung. Sein Leser heute ist zu ergriffen, um zu applaudieren.


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