Michail Bulgakow: Die Tage der Turbins

Ich weiß nicht, wo das Kiev liegt, in dem angeblich am 15. Mai 1891 Michail Bulgakow geboren wurde, es muss irgendwo in Deutsch-Transkribirien sein. Kiew dagegen ist mir mehr als ein Begriff und nicht nur deshalb, weil man dort die Urform aller Stalin-Alleen dieser Welt sehen kann, ich schreibe mal das Wort Kreschtschatik so hin, dass man es auch ohne Zuhilfenahme eines Sonderzeichen-Tools im Netz finden kann, falls man ein wenig vor sich hin googeln möchte. In Kiew spielt der Vierakter, der auf dem Roman „Die weiße Garde“ fußt. Das berühmte Moskauer Künstlertheater hat einst den Text verhunzt, es machte Bulgakow aber zum ersten zeitgenössischen Dramatiker, dessen Stück inszeniert wurde. 900 Aufführungen in vierzehn Jahren hat es gegeben, lese ich bei Angelika Baumgart, wie auch, dass das Stück 1929 mit allen anderen Bulgakow-Stücken verboten wurde, es aber 1929 auch eine Privatvorstellung für Stalin gab: „Er sah in der Inszenierung einen Beweis für die Übermacht des Bolschewismus.“ Gut, dass die ganz großen Diktatoren meist ganz kleine Kunstkenner sind, was ihre Grausamkeiten ebenso wie ihre Blindheiten bestens erklärt.

Immerhin, in der Druckfassung endet der vierte Akt mit folgendem Dialog zwischen Nikolka, dem achtzehnjährigen jüngeren Turbin, und Studsinski, einem gut zehn Jahre älteren Hauptmann der ehemaligen Hetman-Armee: „Meine Herren, der heutige Abend ist der große Prolog zu einem neuen historischen Stück.“ Sagt Nikolai und der andere antwortet: „Für den einen ein Prolog, für den andern ein Epilog.“ Was für ein schönes optimistisches Ende, möchte man sagen, das freilich nicht so perfekt zum ganzen Stück vorher passen will und natürlich auch keineswegs so gemeint ist. Wer das Stück heute liest, wird, falls seine Überzeugung zutrifft, es finde sich in seinem Schädel Hirn und nicht Grütze, vollkommen verblüfft sein, dass das mehr als achtzig Jahre alt sein soll. Es wimmelt von Sätzen, die sich auf die heutige Ukraine nebst ihren Problemen beziehen lassen, ohne dass man Putin-Versteher und ihre geschworenen Feinde an den deutschen Redaktions- und Küchentischen hilfsweise heranziehen müsste. Kleines Beispiel gefällig? Hier ist es: „Wir hatten mal eine Großmacht Rußland!“, sagt der bereits zitierte Studsinski und Viktor Viktorowitsch Myschlajewski, ein 38 Jahre alter Stabshauptmann, entgegnet: „Und wir werden wieder eine haben! ... Nicht die frühere, eine neue werden wir haben.“

Derselbe Myschlajewski ist nach der Flucht des Hetmans und seines Stabes, sie bildeten die von den Deutschen ausgehaltene Marionettenregierung Kleinrusslands und betrieben Ukrainisierung dort, dieser drastischen Meinung: „Wenn mir diese Durchlaucht jetzt vor die Finger käme, würde ich sie an den Füßen packen und so lange mit dem Kopf gegen das Pflaster knallen, bis ich das Gefühl vollständiger Befriedigung hätte. Und euer Stabsgeschmeiß müßte man in der Latrine ersäufen!“ Er ist ein „Weißer“, wie das damals hieß, auch die Turbins sind „Weiße“, also für alle, die in den frühen DDR-Jahren sozialisiert wurden und die sowjetischen Revolutionsfilme im Mittagsprogramm des Fernsehen sahen mangels Alternativen, die ganz Bösen. Noch böser ging nicht. Gegen sie ritten die Budjonny-Reiter, sie zu metzeln, war humane Menschenpflicht der „Roten“, die auch kräftig metzelten, wohin sie kamen. Dass bei diesen Weißen vor den anrückenden Bolschewiki heftige Angst herrschte, ist demnach nachvollziehbar, die Angst wohnt schon im Hause der Turbins, als der Hetman noch nicht nach Deutschland geflüchtet ist, im Stück geschieht das unter aktiver deutscher Mithilfe und in der Tarnung eines Schwerverwundeten.

Die editorischen Verdienste um Bulgakow kommen eindeutig und zweifelsfrei dem DDR-Slawisten Ralf Schröder und dem DDR-Übersetzer Thomas Reschke zu, noch ihre in den mittleren neunziger Jahren vollendete dreizehnbändige Bulgakow-Ausgabe ist auf dieser Basis entstanden. Studienobjekt dürfen freilich heute die Nachworte und sonstigen Äußerungen genannt werden, denn sie verbinden auf eine eben nur aus der DDR heraus erklärbare Weise grandiose Werkdeutung mit dem Verschweigen elementarer Fakten. Das lag, um jedes Missverständnis bei allen auszuschließen, die bei Ukraine höchstens noch das Wort Maidan assoziieren, ohne je gefragt zu haben, warum eigentlich alle Plätze in dieser seltsamen Ukraine plötzlich Maidan heißen, nicht etwa an charakterlichen Defiziten der Autoren. Was später, als es nichts mehr kostete, von Menschen, die nie etwas wagten, gern Feigheit genannt wurde, war pragmatisches Umgehen mit dem Möglichen. Und das Mögliche hieß, ein wunderbares Werk aus der tiefsten Stalin-Zeit, verboten, vergessen, totgeschwiegen, neuen Lesern zu präsentieren und zwar in Übersetzungen, die wahrlich so gut sind, dass jetzt nicht alle vierzehn Tage ein West-Verlag mit Neuübertragungen das Edelfeuilleton heiß machen muss, in dem die wirklich guten Russisch-Kenntnisse, wage ich zu behaupten, allenfalls bei  eingedeutschten Migrationshintergründlern zu finden sind, die, soweit weiblich, ohnehin eben eine Markt-Hausse erleben.

Wer je sich ein wenig mit sowjetischer Literatur befasste, also nicht nur von Tolstoi und Dostojewski murmelte, wenn auf einer Vernissage irgendwie Russisches zur Sprache kam, der weiß, was da für ein rasend aufregender Schmelztiegel brodelte in den Jahren nach 1917. Der weiß auch, wie brutal das Stalin-Regime unter den Autoren wütete, wer sich in den Selbstmord getrieben sah aus ganz unterschiedlichen Gründen von Jessenin und Majakowski bis Alexander Fadejew, wer wie Kolzow oder Mandelstam Tscheka und Lager nicht überlebte. Namen wie Welimir Chlebnikow kreisen immer noch in bestimmten Kreisen wie Beschwörungsformeln für rituelle Selbsterhebungen. Bulgakow hat seinen Eintrag in die Geschichte der modernen Weltliteratur, wenn ich Ralf Schröder folge, mit der Groteske getan, mit seiner besonderen Form der Groteske. Um so auffälliger ist, dass sich ganz unterschiedliche Autoren in Ost (ehemals) und West (jetzt) darin einig sind, das Wort Groteske nicht einmal in den Mund zu nehmen. So  Max Walter Schulz in seinem Blick auf „Der Meister und Margerita“ vom 28. Januar 1979 in der Rundfunk-Reihe „Literatur aus aller Welt“ des damaligen Senders „Stimme der DDR“ und Angelika Baumgart im ZEIT-Literaturlexikon, beide ziemlich repräsentativ.

Bei Ralf Schröder taucht der Name Stalins immerhin auf, das Werk Bulgakows jedoch generell auf die mit diesem Namen verbundene Epoche zu beziehen, war offiziell nicht möglich. Thomas Reschke hat in einem am 29. Januar 1993 im „Freitag“ veröffentlichten Interview ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert, wie das damals so ging: Man hatte fast gleichzeitig mit dem gedruckten Roman ein Heft mit den weggelassenen Stellen, die rund 180 Streichungen der Redaktion der Zeitschrift „Moskwa“ machten schließlich acht Prozent des Gesamttextes aus. Gegen den Lizenzgeber aber eine komplette Fassung zu bringen, hätte die deutsch-sowjetische Freundschaft in der DDR-üblichen Lesart unverantwortlich aufs Spiel gesetzt. Immerhin führt noch der 1986 außerhalb der zwanzigbändigen Gorki-Werkausgabe erschienene Band „Maxim Gorki: Briefwechsel mit Freunden“ den vorsorglichen Durchgriff der Zensur vor: ein einziges Mal findet sich der Name Bulgakows auf fast vierhundert Seiten, obwohl doch Gorki nachweislich sich an seine Seite stellte, wenn es nötig war und möglich wurde. Gorki fand eine Erzählung Bulgakows in diesem Brief vom 8. Mai 1925, aus Sorrent übrigens, wo er das Leben angenehmer fand als in der Sowjetunion dieser Zeit, höchst empfehlenswert, obwohl sie alles andere als „heiter“ sei. Die frühe DDR ist durch fürchterliche Machwerke stalintreuer Sowjetliteratur so verseucht worden, dass nicht einmal den besten Sowjetautoren derselben und späterer Zeiten eine wirkliche Rehabilitierung mehr gelingen konnte, ehe die DDR die Weltgeschichte verließ.

Unter Max Walter Schulz notierte ich mir nach der Lektüre: „Feigheit vorm Freund“. Das war eine andere als die, die bei Bulgakow Wladimir Robertowitsch Talberg an den Tag legt, 38 Jahre alt und Oberst im Generalstab. Er kommt kurz zu seiner Gattin Jelena nach Hause, um ihr mitzuteilen, dass er nach Deutschland gehen wird, um der Rache der Feinde zu entgehen, die er fürchtet. Er sagt: „Selbst wenn die Deutschen die Ukraine aufgeben, die Entente wird sie besetzen und dem Hetman die Rückkehr ermöglichen. Europa braucht die Hetman-Ukraine als Kordon gegen die Moskauer Bolschewiki.“ War Michail Bulgakow ein Hellseher? Im weltweiten Netz kann man ein Foto finden, auf dem man den ehemaligen Präsidenten der Ukraine, Juschkewitsch, nebst Gattin am Pariser Petljura-Grab besichtigen kann. Es ist hilfreich zu wissen, dass unter seiner, Petljuras, kurzer Herrschaft fürchterliche Massenpogrome gegen die Juden der Ukraine abliefen und dass ihn ein Rächer seiner Familie niederschoss, ohne dafür verurteilt zu werden, weil das französische Gericht das Motiv eines Mannes, der 15 Familienmitglieder verlor im tobenden Antisemitismus der Frühukraine, damals anerkannte.

Jelena fragt den Stabshauptmann Myschlajewski: „Viktor, was hast du vor?“ Und der antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Die Kommissare erschießen. Wer von euch ist Kommissar?“ War Michail Bulgakow ein Hellseher? Ein Kommissarbefehl ging auf traurigste Weise in die Geschichte ein, als er schon tot war. Es gibt im Stück auch einen 21 Jahre alten Vetter aus Shitomir, der nur Lariossik genannt wird. Er ist Dichter und will in Kiew studieren, weshalb er Unterschlupf in der großen Wohnung der Turbins sucht und findet. Ihm fehlt, als er ankommt, fast alles, vor allem eine Unterhose. Ein Hemd dagegen hat er noch, weil darin die gesammelten Werke Tschechows eingewickelt waren. Das wäre ein Spezialvergnügen, den Namensnennungen im Stück zu folgen, denn auch Tolstoi kommt vor und Karl Marx mit der angeblichen Theorie, Geld sei dazu da, ausgegeben zu werden. Auf alle Fälle ist im vierten Akt der Zeitpunkt erreicht, da die Bolschewiki einmarschieren, Jelena ist entschlossen, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen und Scherwinski zu heiraten, obwohl sie den für einen Lügner und Aufschneider hält. Unglücklich ist der Dichter Lariossik, aber das ist bekanntlich der Beruf von Dichtern. Wenn sie glücklich wären, würden sie leben und nicht dichten. Es gibt eine zeitliche Unstimmigkeit zwischen den drei ersten Akten und dem vierten, aber mehr als den Hinweis darauf ist sie nicht wert.

Alexei Wassiljewitsch Turbin ist mit seinen 30 Jahren schon Oberst der Artillerie. Er ist bereit, seine Division aufzulösen, um ihre Angehörigen vor einem unsinnigen Blutopfer zu bewahren. Er sieht die Lage sehr klar, sagt beispielsweise: „Wenn euer Hetman statt dieser verdammten Komödie mit der Ukrainisierung lieber Offizierskorps aufgestellt hätte, wäre doch in Kleinrußland überhaupt nicht an Petljura zu denken gewesen. Mehr noch, wir hätten die Bolschewiki in Moskau erledigt wie die Fliegen. ... Man hätte den Deutschen erklären müssen, daß wir für sie nicht gefährlich sind. ...Aber was wir jetzt haben, ist schlimmer als der Krieg, als die Deutschen, als alles auf der Welt: Wir haben die Bolschewiki.“ War Michail Bulgakow ein Hellseher? „Die Divisionen haben keine Munition, die Junker haben keine Stiefel, und die Offiziere sitzen im Kaffeehaus.“ So sah sie aus, die ruhmreiche Ukraine unter ihrem Hetman Skoropadski, dessen Name im Stück nie genannt wird und auch im Personenverzeichnis nicht auftaucht. „Die weiße Garde“ wusste wohl, von wem sie sich distanzierte mit Blick auf den inzwischen samt Familie ermordeten Zaren, eine Nachricht, die im Stück niemand so recht glauben mag, weil sie das Vorstellungsvermögen überschreitet.

Ralf Schröder hat in seinem Nachwort zum alten Band 1 der Stücke Bulgakows im Verlag Volk und Welt Berlin ein Gorki-Zitat herangezogen aus dessen Schrift „Weltliteratur“, das anders als das meiste, das heutzutage so charakterisiert wird, tatsächlich verstört: Die Literatur ist, so Gorki, „ein großer Akt der Rechtfertigung und nicht Anklage des Menschen. Sie weiß, es gibt keine Schuldigen, obwohl der Mensch alles ist und alles vom Menschen ausgeht. Die grausamen Widersprüche des Lebens, die die Feindschaft und den Haß der Nationen, Klassen und Persönlichkeiten heraufbeschwören, sind für sie nur eine jahrhundertelange Verirrung, und sie glaubt, daß der veredelte Wille der Menschen alle Irrtümer beseitigen kann und muß, alles, was die freie Entwicklung des Geistes hemmt und den Menschen der Macht animalischer Instinkte ausliefert.“ Eine sich so verstehende Literatur wäre keine rechtfertigende Literatur, sondern eine Literatur bei sich selbst. Michail Bulgakow hat zu ihr beigetragen. Das Schlusszitat ist noch einmal von Ralf Schröder: „Darin besteht auch die besondere, nicht zu übersehende Stellung von Bulgakows Werk im Ensemble der sowjetischen Literatur. Er will verstanden werden als ein Aspekt, der weder verabsolutiert noch negiert werden darf.“ Danke, Ralf Schröder.


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