Alexander Roda Roda: Der Mann mit der roten Weste

In einer Hinsicht kann man Alexander Roda Roda, der ursprünglich Sándor Friedrich Rosenfeld hieß, mit Goethe vergleichen. Wie ganze Bataillone an Biographen dessen Leben anhand von „Dichtung und Wahrheit“ darstellten, als hätte das Wort Dichtung im Titel keine eigene Bedeutung und Absicht, so haben sich die wenigen, die sich Roda Roda zuwandten, von dessen Autobiographie „Roda Rodas Roman“ verführen lassen, ohne das Wort Roman sonderlich ernst zu nehmen. Und so gibt es folgerichtig zwei Geburtsorte, Puszta Zdenci im heutigen Kroatien und das mährische Drnowitz, wo er tatsächlich das Licht der Welt erblickte. Ob infolge eines Blitzes oder nicht, ist gar nicht so wichtig, auch Goethe ließ rückblickend die Glocke passend schlagen. Warum freilich auch zwei Geburtsdaten kursieren, hat sich mir bisher nicht erschlossen. Da Rotraut Hackermüller, Autorin der Bildbiographie „Einen Handkuss der Gnädigsten“ (1986), als Verfasserin der einschlägigen Artikel in den Lexika der deutsch-jüdischen Literatur bei Suhrkamp und bei Metzler als einzige den 21. August nennt, während alle anderen gedruckten und virtuellen Nachschlagewerke den 20. August behaupten, sei hier der Mehrheit gefolgt, so seltsam sich dies als Anfall von Demokratie auch ausnehmen mag.

Gestorben ist Alexander Roda Roda in New York, in einem Hospital in Manhattan, und zwar an Leukämie, „bis zum letzten Atemzug die Disziplin eines alten Soldaten wahrend“, wie Ulrich Becher berichtet, der Schwiegersohn und Schriftsteller (2. Januar 1910 bis 15. April 1990). Dass Becher Roda Rodas Tochter Dana heiratete, hat Robert Neumann (22. Mai 1897 bis 3. Januar 1975) ihr recht spaßig, aber wohl doch nicht nur spaßig vorgeworfen, als er begründete auf zwei Druckseiten, warum er kein Vorwort für den Roda Roda – Band „Schummler Bummler Rossetummler“ (Paul Zsolnay Verlag) schreiben wollte. Immerhin erfahren wir nebenher: „Er war der eifersüchtigste aller Väter, und nicht einmal wenn ich ihm meine Bewunderung für seine Bücher ausdrückte, ging er darauf ein, sondern betrachtete mich mit Misstrauen ...“. Roda Roda war auch ein Schachspieler, das Wissen darum erklärt, warum die einzige Erwähnung seines Namens im Tagebuch von Stefan Zweig, sie stammt vom 7. Dezember 1912, so lautet: „... abends Schach mit Roda Roda, der entzückend ist ...“. Die umfangreichen Lücken im Tagebuch-Nachlass von Zweig erlauben die Vermutung, dass dies Schachspiel nicht das einzige der beiden war.

Wo immer es um Alexander Roda Roda geht, fehlt ein Gewährsmann nicht, der zweifellos den heute berühmteren Namen führt: Kurt Tucholsky. Zum 50. Geburtstag des Österreichers am 13. April 1922 schrieb „Tucho“ Sätze, auf die selten jemand verzichten will, der sich eben diesem Manne widmet. Der erste lautet apodiktisch: „Er hat der deutschen Anekdote Gestalt und Gehalt gegeben.“ Man sollte meinen, dass also über die deutsche Anekdote gar nicht geschrieben werden könne, ohne Roda Roda und seine Leistung zu würdigen. Doch, es kann. Sonja Hilzinger (Jahrgang 1955) hat das Kunststück fertig gebracht, nicht einmal den Namen zu erwähnen in ihrer Abhandlung zur Anekdote in der Stuttgarter Reclam-Edition „Kleine literarische Formen in Einzeldarstellungen“. Zurück zu Tucholsky: „Man kann sagen: er hat den deutschen Witz durch prägnante Formung überhaupt erst literaturfähig gemacht.“ Dessen Literaturfähigkeit bedeutet freilich noch lange nicht, dass er von der einschlägigen Wissenschaft und Geschichtsschreibung auch wahr- oder gar ernst genommen wird. Das passende Klagelied dazu hat Roda Roda selbst in seinem fiktiven Brief an einen Literaturprofessor gesungen. Darauf wird zurückzukommen sein. „Roda Roda hat mit der seltensten Sprachkraft den Ausdruck, die Pointe, das Wort für die Situation, für Personen und Zustände gefunden und geformt. Sein Reichtum ist erstaunlich.“

„Dieser Mann spricht alle Sprachen des Kontinents: deutsch, bürokratisch, bayerisch, weanerisch, jiddisch, preußisch, durch die Nase, kokottisch ... und jedes Mal so unheimlich echt.“ Hier stammen übrigens auch die drei Punkte von Tucholsky höchstselbst und niemand, der sich diese hübsche Aussage nicht entgehen lässt, erinnert daran, das etliche Jahre vorher bereits ein anderer Tucholsky-Text unter der gleichen einfachen Überschrift „Roda Roda“ erschienen ist, nämlich 1914. Da beflügelte der Gratulationswunsch noch nicht seinen Verfasser. „Es gilt ja vielleicht nicht für fein, ihn ernsthaft literarisch zu werten. Seine Schuld. Er begeht die Unklugheit, überall mitzutun ...“. Das mit den Sprachen des Kontinents las sich da noch so: „Wie er aber auch alle Stimmen und Stile nachahmen kann: den Juden und den Pedanten und den Kaufmann und den Oberst und die Dirne und alle!“ Und Tucholsky hatte eine Entschuldigung parat: Roda Roda brauchte Geld. „Er ist ein Künstler, dem die Vielschreiberei die guten Qualitäten nicht raubt, jedoch hier und da verdeckt.“ Einmal hat Roda Roda auch selbst das Geld vorgeschoben, es muss eine schwache Stunde gewesen sein. Die wirkliche Abwehr des idiotischen Vorwurfs der Vielschreiberei aber gelang ihm wieder in seiner unübertrefflichen Art und zwar unter der Überschrift „Einfälle“.

Die damit benannten knapp anderthalb Druckseiten beschließen das Bändchen, um das es hier stellvertretend geht, das bb-Büchlein „Der Mann mit der roten Weste“. Dort geht es um die zwei Teile, in die die Menschheit zerfällt, um die Segnungen des Schweizer-Seins, um die Nichtexistenz eines Oberkreistiers, die mangelnde Zurückhaltung des Doktor Faust und die verteilten Freuden bei Theatererfolgen. Zu seinem angeblich wahllosen und zu vielen Schreiben aber sagt er: „Ich halte mich an das Beispiel Gottes: was hat Gott nicht alles geschaffen – wieviel Mist ist darunter – und was hat Gott für einen Namen.“ Man darf das blasphemisch nennen, wenn einem der nötige Humor abgeht. Wer den aber hat, der freut sich nicht nur über diese Zeilen, der freut sich von der ersten bis zur letzten Seite buchstäblich in einem Freu-Kontinuum am Stück. „Aber wenn ich ins Zitieren käme, würde diese Glosse so lang wie eine Ausfuhrbewilligung.“ Schrieb Tucholsky und liefert uns damit das Stichwort zum Thema Zeitenferne. Oder weiß jemand aus dem Stand, was eine Ausfuhrbewilligung ist und warum sie als Beispiel für Länge ganz selbstverständlich herhalten musste bei einem Autor, der wahrlich nicht einfach vor sich hin schrieb?

Hanjo Kesting (Jahrgang 1943) hatte da weniger Skrupel. Er zitierte unter der überraschenden Überschrift „Der Mann mit der roten Weste“ buchstäblich seitenweise Roda Roda für seine Essays zur deutsch-jüdischen Literatur, gesammelt unter dem Titel „Ein bunter Flecken am Kaftan“ 2005 im Wallstein-Verlag Göttingen erschienen. Allein drei Druckseiten aus „Die Gans von Podwolotschyska“. Diese umwerfend herrliche Geschichte findet sich auch im genannten Büchlein des Aufbau-Verlages aus dem Jahr 1970. Das große Menü für 6 Kronen 50, um das es dort entscheidend geht, besteht aus Suppe, Rindfleisch, Gansbraten und Zibebenstrudel. Dass den Gansbraten noch nie jemand gegessen hat, obwohl alle immer das große Menü und nicht das preiswertere kleine wählen, hat mit der Doppelfunktion des Wirtes zu tun. Und dass es auch dann, als endlich einmal, darum allein erzählt Roda Roda ja, der Gansbraten auf den Tisch kommt, die Mehlspeis nicht nachfolgt, hat mit dem Namen des Wirtes zu tun. Der heißt nämlich Zibebenstrudel. Das kann man nicht erfinden und doch scheint Roda Roda es erfunden zu haben. Falls nicht, dann um so schöner für die Wirklichkeit der Donaumonarchie.

Hanjo Kesting hat sich auch der herzlichen Feindschaft zwischen Roda Roda und Karl Kraus gewidmet, wobei von den beiden Karl Kraus der hauptberufliche Feindschaftspfleger war, der Mann der Anekdote neigte eher nicht in diese Richtung oder auf völlig andere Art. Kesting berichtet von einer Kraus-Vorlesung am 13. Februar 1914, reisende Vorleser waren beide und von daher fast schon automatisch etwas wie Konkurrenten, bei der Kraus den anderen eines groben Fehlgriffs bezichtigte: Roda Roda saß im Saal mit einem Kopf, der an Röte seine Weste übertraf. Diese Geschichte wiederum hat Kesting von Hans Weigel, der auch einer von den deprimierend vielen wunderbar lesbaren Österreichern ist. Eine Seite Roda Rodas, die nicht nur Kesting offenbar irritierte, muss hier leider ausgeblendet werden, sie sei mit Kestings Worten wenigstens angedeutet: „Komplizierter und zwiespältiger war Roda Rodas Verhältnis zum Judentum, dem er selber entstammte. Die jüdische Herkunft empfand er als Hemmnis und Belastung ...“. Als vermeintlich belastendes Indiz dafür nennt nicht nur er die Tatsache, dass Tochter Dana von ihrer jüdischen Herkunft väterlicherseits erst 1933 erfuhr, im Jahr ihres 24. Geburtstages.

Im schon erwähnten Brief an den Literaturprofessor in Washington schrieb Roda Roda Sätze, die nicht für das Zitaten-Lexikon „Besinnliche Stunden an Sonn- und Feiertagen“ geeignet sind: „Die Menschen sind den Läusen näher als den Göttern. Dichter, die den Menschen anders sehen, sind bewusstlos. Der Mensch ist überaus klein; sein Größe Humbug. Der eine darf den winzigkleinen Menschen mitleidig anschauen: der Humorist; der andere verächtlich: der Satiriker.“ Dazu passt genau seine streitbare Definition: „Was ist Satire? Das Zurückführen einer aufgeblähten Scheingröße auf ihr Maß.“ In „Der Mann mit der roten Weste“ wimmelt es von aufgeblähten Scheingrößen wie auch im sonstigen, überaus umfangreichen Werk des Mannes. Der Überreichtum an lebendigem Humor und Satire in den vielen Büchern Roda Rodas veranlasste das österreichische Fernsehen zu Beginn der neunziger Jahre, eine zwölfteilige Serie zu produzieren, in der Peter Weck den Dichter spielte, die Dramatisierungen lieferte Horst Pillau (Jahrgang 1932). Das ZDF übernahm und machte ganze 25 Episoden daraus, die erste ging am 25. Oktober 1993 über den Sender, schon in der zweiten Folge gab es die Geschichte mit der Gans im großen Menü und dazu „Das Zimmer in der Bognergasse“. Das ist jenes preiswerte Zimmer, in dem ein Dichter den Job einer Ziege übernehmen muss, um einem kranken Kind die Lebensfreude zu erhalten. Das bb-Bändchen hat diese aberwitzige Sache natürlich auch.

Nach dem Tod in New York nur wenige Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war es Oskar Maria Graf, der einen Nachruf verfasste für den Älteren, dem die Rückkehr aus der Emigration damit für immer verwehrt blieb. Jammertraurig sei ihm zumute, so Graf, und: „Er war der letzte echte Kavalier, der alles, was ihm begegnete – das Leben und den Menschen – hinnahm, wie sie nun einmal waren. Er lächelte mit delikater Weisheit und fing mit bezwingender Lust zu erzählen an. Nie und nirgends ließ er sich von einer Absicht verleiten, und eben das machte ihn unvergleichlich.“ Dass der Erzähler einer der besten Reiter und Fechter der Donaumonarchie gewesen sein soll, wusste auch Graf, von der Affaire mit Adele Sandrock schrieb er dem Anlass entsprechend natürlich nicht. Aber er wies auf die Pionierrolle hin, die Alexander Roda Roda für die Erschließung der Literatur des Balkans spielte. Die deutlich umfangreichere Auswahl „Roda Rodas Cicerone“, 1965 ebenfalls im Aufbau-Verlag erschienen, Herausgeber Joachim Schreck, enthält eine ansehnliche Sammlung von Proben dieser Übersetzer-und Vermittler-Tätigkeit. In den Geschichten, Anekdoten, Witzen sind ohnehin alle Regionen der 1918 untergegangenen Monarchie präsent. Schreck übrigens verzichtete auf den Vergleich mit Gott und zitierte den Hunger: „Er trieb mich teuflisch an, neunmal mehr zu schreiben, als ich verantworten kann.“

In „Der Mann mit der roten Weste“, Untertitel „Anekdoten Schwänke Geschichten“, das sei Herausgeber (anonym) und Verlag noch heute bescheinigt, ist davon nichts zu merken. Öfter als bei gutem Willen erwünscht stellt man fest, wie zeitlos aktuell der Mann war. Das betrifft die lockere Art seines Verlegers, vom ersten bis vierzigsten und vom siebzigsten bis zweihundertzehnten Tausend jeweils achthundert Exemplare zu drucken, noch nicht einmal an erster Stelle. Denn da gibt es unter dem trockenen Titel „Industrie“ die Firma, die eigentlich Löscher verkauft und ihren Umsatz steigert, indem sie Lampen in den Markt drückt, die Brände verursachen, die ausschließlich mit diesem Löscher gelöscht werden können. Geradezu deprimierend heutig aber ist das Fazit der Geschichte „Antipellin, das beste Mottenpulver“. Dort lässt Roda Roda einen namhaften Universitätsprofessor, nein, nicht die Notwendigkeit von Starkstromtrassen durch Thüringen speziell bei Altenfeld und Großbreitenbach, sondern nur die Wirksamkeit eines Mottenpulvers begutachten. „Wenn ein Gelehrter, ich bitte, eine wissenschaftliche Versuchsreihe anstellen soll, ich bitte, muss man ihm vorher klar und deutlich sagen: das und das soll sich bei die wissenschaftlichen Versuche herausstellen. Danach richtet der Gelehrte seine wissenschaftlichen Versuche ein, und sie gelingen.“ Österreich ist überall.

„Der Registrator“ ist übrigens der Mann, den jeder kennt, ohne dass er ihn je mit Alexander Roda Roda in Verbindung bringen würde. Wie oft habe ich den Gag benutzt mit der Ablage unter H, weil der Akt halb zehn in die Registratur gelangte. Das war Roda Roda, Tantiemen muss ich keine mehr nachreichen. Die Grundidee hat er aber bis in den blanken Irrwitz getrieben in „Mein Freund, Herr Gubalke, Postsekretär“. Dieser sortiert nach der Trennung von der ihn prügelnden Gattin, einer Zirkusreiterin, sein gesamtes Besitztum nach Alphabet. Wer das der werten Gattin in der Küche vorliest, während diese das Geschirr abtrocknet, das nicht spülmaschinentauglich ist, muss sich auf Neuinvestitionen einstellen, denn es gibt Scherben. Bleibt Anton Kuh (12. Juli 1890 bis 18. Januar 1941), der mit einer heute urheberrechtlich geschützten Titelwahl, nämlich „Ro-Ro-Ro“ sich zur schon erwähnten Autobiographie „Roda Rodas Roman“ äußerte. Kuh erfand den herrlichen Begriff „gesinnungsoffiziell“ in diesem Beitrag und hätte damit schon genug getan. Aber er schrieb auch noch: „Mir ist dieses Buch, auf dessen Autor die kaltatmigen Niveauschöpsen geringschätzig blicken, lieber als neunundneunzig Hundertstel von allem allem, was heute deutsches Druckpapier anfüllt.“ Dem wäre am siebzigsten Todestag von Roda Roda wenig hinzuzufügen, wäre da nicht noch die ureigene Definition des Österreichers von eben Anton Kuh: „Der österreichische Mensch, der eine Kreuzung aus einem ewigen Staatsschüler ist und einem Tunichtgut.“ Das Wort „Niveausschöps“ aber, das will ich auf Samt betten und ein Kerzlein davor anzünden.

P.S. Es gibt noch eine kleine Möglichkeit, Alexander Roda Roda mit Goethe zu vergleichen, eine ganz kleine. In „Das Porträt“ heißt es: „Mir verlieh Gott die Gabe, den Augenblick innig zu verkosten … und zu jedem Augenblick möchte ich sprechen: Verweile doch – wo ich dich packe, bist du interessant.“ Fällt da jemandem ein gewisser Faust ein, der seine Seele verpfänden wollte, ohne seinen Wettpartner darüber zu informieren, dass gleich zwei davon in seiner Brust wohnten in einer Art von Seelen-Wohngemeinschaft?


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