Heinz Knobloch auf der Bank mit Ludwig Rellstab

Dass es einem mit Heinz Knobloch ergehen kann, ist weder neu noch überraschend. Irgendwann war er zu der Idee gelangt, ein Buch über den Berliner Lustgarten zu schreiben. Bücher schrieb er die längste Zeit seines Lebens, indem er sie füllte. Also mit Einzeltexten füllte. Die mussten wenig bis nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie eben von Heinz Knobloch waren und vorher schon irgendwo standen, meist in einer Zeitung. Im Fall Lustgarten ging er zielstrebig vor, was nicht heißen soll, dass er sonst und vorher keinem Ziel zustrebte. Dann schrieb er etwa „Im Lustgarten: Mit Zeitung“, schob das in seine Schublade, in der immer etwas liegen musste, weil er Woche für Woche, neben allen anderen Verpflichtungen, die „Wochenpost“-Rubrik „Mit beiden Augen“ zu beliefern hatte und auf Eventualitäten vorbereitet sein musste. Von den tausend Texten dieser Rubrik schrieb er 999 selbst, einmal musste er verzichten, weil er sich schlicht nicht selbst zum 60. Geburtstag gratulieren konnte. Auch wenn er es gekonnt hätte. Und dann kam sein Haupt- und Hausverlag in Halle (Saale), inzwischen mit Leipzig verkoppelt, der Mitteldeutsche Verlag, auf die pfiffige Idee, „Texte aus erster Hand“ in einer Reihe herauszugeben mit dem Titel „Die Schublade“. So gelangte „Im Lustgarten: Mit Zeitung“ aus der Schublade in „Die Schublade“.

Und dort erging es mir mit ihr. Sie kam mir bekannt vor. Ich schaute zuerst in das mir vertraute Buch „Im Lustgarten. Geschichte zum Begehen“, 1989 noch eben so in die schon hinfällige DDR-Literaturlandschaft gepflanzt. Das Inhaltsverzeichnis bot kein Feuilleton des Titels. Erste Anfälle milder Verzweiflung wehrte ich ab, dann fiel mein Blick auf einen Stapel mit Knobloch-Werken, der separat in Griffweite lagert, während die beiden größeren Stapel knapp zwei Meter Luftlinie davon, die mich enttäuscht hatten während meiner Blätter-Suche, einfach Chronologie der Erscheinungsjahre verkörpern. In Griffweite oben auf diversen Heften der NDL (Neue Deutsche Literatur), in denen Knobloch selbst vertreten ist oder andere über ihn schrieben, jene drei Sammel-Bände des Aufbau-Verlages Berlin und Weimar, deren Auswahl Helga Thron einst traf. Sie erschienen in der Reihe der „bb-Bücher“, die so preiswert war, dass nicht wenige DDR-Bürger sie unabhängig davon sammelten, was das jeweilige Jahresprogramm des Verlages ausgewählt hatte. Ich gehörte früh zu diesen Sammlern und so standen eben „Beiträge zum Tugendpfad“ (Nr. 244), „Nachträgliche Leckerbissen“ (Nr. 415) und „Berliner Feuilleton“ (Nr. 588) nebeneinander in meinem Regal (und einträchtig) und befriedigten meinen auf Knobloch gerichteten Besitzbedarf.

Diese drei Bändchen hatten eine äußerst löbliche Eigenheit. Sie fügten den aus bisher schon veröffentlichten Feuilletons aus anderen Knobloch-Büchern jeweils ein paar hinzu, die bis dahin noch in keinem seiner Bände gedruckt waren. Der Verlag erleichterte seinen Lesern das Auffinden, indem er im Inhaltsverzeichnis Sternchen druckte. Und nun, ich bitte für den etwas längeren Anlauf herzlich um Entschuldigung, darf „Berliner Feuilleton“ seine Rolle spielen. Dort nämlich, von mir zusätzlich grün markiert, fand „Im Lustgarten: Mit Zeitung“ den Platz zwischen Buchdeckeln, den jeder Autor in seiner privaten Prioritätenliste obenan führt. Das war nun 1987, zwei Jahre nach der Premiere in „Die Schublade“. „Berliner Feuilleton“ wiederum diente als Quelle für den Abdruck in der 2002er Knobloch-Kompilation „Lässt sich das drucken?“, herausgegeben von Gunter Reus und Jürgen Reifahrt (UVK Verlagsgesellschaft Konstanz). Und was war mit der begehbaren Geschichte? Die überlebte unter einem (fast) neuen Titel den Untergang der DDR, hieß jetzt „Berlins alte Mitte. Rund um den Lustgarten. Geschichte zum Begehen.“ In dieser Fassung des Jaron Verlags Berlin war sie 1996 so etwas wie die Gabe des Hauses zum 70. Geburtstag des Feuilletonmeisters und lieferte seinen späteren Freunden wieder etwas zum Vergleichen von Fassungen: frischen Stoff.

Die alte DDR-Ausgabe aber, was ist schon Alter zwischen 1989 und 1996, auch sie schon mit den Illustrationen von Wolfgang Würfel, dem zweiten Standbein von Knobloch, dem zweiten Auge, hatte bereits ein Personenregister. Eines, in dem Ludwig Rellstab für die Seiten 253 bis 257 ausgewiesen ist. Vorher noch auf den Seiten 63/64 gar ein eigener Text von ihm: „Bild des Vaterlandes“. Es geht natürlich um den Lustgarten, diesenfalls um das Jahr 1806 und das Einrücken Napoleons in Berlin. Knobloch würde schreiben: Lesen Sie nach! Auf den Seiten 253 bis 257 nun findet sich ein Feuilleton mit der Überschrift „Ohne Zeitung“. Neugier, eben noch im Schlummer, wird geweckt, die Seiten aufgeschlagen, den Text gelesen und schon das große, lang gezogene Hä?? Das ist doch „Mit Zeitung“ als eine Art von Binnen-Feuilleton im Rahmen-Feuilleton „Ohne Zeitung“! Darauf muss man kommen. „Ohne Zeitung“ hat es sogar in die Rubrik „Mit beiden Augen“ geschafft, 1986 bereits, als Nummer 23 des laufenden Jahres, als Nummer 912 in der verdienstvollen Gesamtzählung von Helmut Mehnert, der, wenn ich es richtig deute, dieser Tage seinen Geburtstag feierte, von dem ich nicht weiß, welcher es war, aber es spielte ihm jemand auf der Gitarre ein instrumentales Solo. Über allem habe ich Ludwig Rellstab natürlich nicht vergessen.

Den imaginierte sich Heinz Knobloch eines schönes Tages, vermutlich 1985, siehe „Die Schublade“, auf eine Bank im Lustgarten neben sich. Das Schöne an solchen Imaginationen ist: man kann ihnen beliebig Voraussetzungen mitgeben, die der Leser akzeptieren muss. Also etwa die, dass Knobloch sofort weiß, wer sich da neben ihn setzt. Woher weiß er es? Kennt er ihn aus einem früheren Leben? Das war dann doch nicht Knoblochs Glaubensrichtung. Hat er sein Bild auf der Bio-Festplatte gespeichert? Denkbar. Wie auch immer, der Kritiker Rellstab hat sich auf die Bank gesetzt, um seinem späten Kollegen einen Fall aus der deutschen Pressegeschichte nahe zu bringen, den er aus eigenem Erleben bestens kannte und der dem späteren Kollegen sofort seine wahrhaft überzeitlich Bedeutung, sein gewissermaßen posthumes satirisches Potential enthüllte. Und Rellstab animierte Knobloch zu einer der besten Pointen seines gesamten Feuilleton-Schaffens, gegen ein geringes Entgelt würde ich gar behaupten: es war und ist die beste aller Pointen Knoblochs. Er legt sie Ludwig Rellstab in den Mund, der sie dort nicht behält, sondern ausspricht und so ist sie auf uns gekommen. Wir halten hier aber die Spannung noch ein wenig hoch in der Annahme, sie in einem Maß größer Null bereits geweckt zu haben. Erst muss ja noch die Vor-Geschichte erzählt werden.

Die besteht in einem preußischen Brückenbau mitten im alten Berliner Zentrum. Dieser musste unvollendet pausieren, weil ein Thronfolger, der spätere König, eine Prinzessin heiraten wollte. Die Details sparen wir säuberlich aus: sonst legt sich die geweckte Neugier womöglich wieder hin und wir hätten den Salat. Immerhin: es wird ein Unglück geschehen. Und Unglücke sind das Fressen der Medien, das gesuchte und gefundene Fressen. Aber war das immer so? Einschub, um bei Knobloch zu bleiben: „Was wollen die alten Leute, wenn sie sich auf die Bank neben uns setzen? Von früher erzählen.“ Darin wäre Rellstab wie alle. „Was schadet es, wenn die Braut hübsch ist.“ Nichts natürlich. „Die Menschen sind wie losgelassen, wenn eine Prinzessin heiratet.“ Das kennen wir, obwohl die Prinzessinnen-Dichte seither sehr stark nachgelassen hat. „Rellstab ist fast selber im Gedränge umgekommen, hat aber noch ein Kind gerettet. Wo steht das? Nirgends. Keine Berliner Zeitung schreibt auch nur eine Zeile über das Unglück.“ Ganz leise schleicht sich das Feuilleton in Richtung der Beispielhaftigkeit, wir könnten es vielleicht schon den mündigen Lesern selbst überlassen. Aber wir befinden uns ja noch in der DDR, die damals noch keine ehemalige war und sich weder von Ochs noch Esel in diese Richtung drängen lassen wollte. Was Knobloch wusste.

Also das Gedränge wurde von Studenten ausgelöst, später beschränkten sich die Kommilitonen, die man heute Studierende nennen muss, obwohl sie bekanntlich, wenn sie drängen, eben gerade nicht studieren, sondern drängen, auf die West-Sektoren, die auf ihr Kommen aber noch ein paar Kriege lang warten mussten. Das Gedränge führte zum Nachgeben der hölzernen Geländer der noch unvollendeten Brücke, es stürzten Bürger ins Wasser, nicht nur auch, sondern nur Deutsche darunter, wie unsere Hauptnachrichten heute verkünden würden. Ludwig Rellstab, Kritiker, sprang ins Wasser, rettete ein Kind und, anders als Erich Kästners „Fabian“, überlebte selbst in einem freilich arg feuchten Zustand. Neben Knobloch fiktiv auf der nicht fiktiven Bank sitzend, war er natürlich längst abgetrocknet und hatte sein Zittern vor Kälte bereits überwunden. Außerdem strahlt ein Knobloch auf einer Lustgarten-Bank sicher noch mehr Wärme aus als sonst. Knobloch zitiert aus Rellstabs Lebenserinnerungen, deren Buchtitel er leider nicht nennt. Der war wenig originell „Aus meinem Leben“, Berlin 1861, erschien also schon nach seinem Tode. Es gab eine zunächst 20 Bände, später 24 Bände umfassende Ausgabe seiner Schriften. Das als Hintergrundinformation, für die es ja auch allerorten lokale Fanclubs gibt. Knobloch schweift vorerst ab zu Jürgen Kuczynski.

Der war eine Instanz, eine Institution und hatte etwas in der DDR, das an Narrenfreiheit grenzte. Was er sagen durfte, dafür wären andere von der Teppichkante geschubst worden. Kuczynski also gab zum besten, dass er über Preußen mehr aus der ausländischen Presse gefunden habe als in der einheimischen. Und Preußen selbst meldete alles, was es zu Hause verschwieg, getreulich aus anderen Ländern. Knoblochs Pointensatz: „Über solche Brücken geht der Historiker.“ Das hat sich in gewisser Weise bis heute erhalten: Mit Begeisterung berichten unsere Medien von fernen Revolutionen, erfinden blumige Namen für sie, binden sie zwecks Wiedererkennung in den Kurz-Nachrichten an bestimmte Plätze, später steht der Platz-Name schon ganz allein für die meist scheiternden Revolutionen. Wehe aber, wenn bei uns … nicht auszudenken. Beim Knobloch waren das mehr als deutliche Anspielungen auf das Pressewesen in der DDR, es hat womöglich tatsächlich zu Problemen mit diesem Feuilleton geführt. Im Text bis zum Satz über die Historiker nahm er zwei Änderungen für das Buch vor, beide nicht zwingend auch als Verbesserungen zu erkennen. Aus: „Schriftsteller und Redakteur einst, Theaterkritiker der „Vossischen Zeitung“ wird im Buch: „Berufskollege. Schriftsteller und Redakteur gewesen, Theaterkritiker der „Vossischen Zeitung“.

Aus: „Im Lustgarten eine Kundgebung der Studenten, die in einem Fackelzug heranmarschiert sind.“ wird im Buch: „Im Lustgarten sind die Studenten mit Fackeln aufmarschiert.“ Dann aber lässt Knobloch im Buch seine fiktive Redakteurin das Feuilleton ablehnen mit diesen Worten: „Das ganze Feuilleton animiert die Leute zu Vergleichen, wie wir manches „aus aktuellem Anlass“ Hals über Kopf hinstellen und hinterher wieder abreißen oder ausbessern oder vollenden.“ Das sind nun Vergleiche, zu denen es mich nicht animiert hätte, niemals. „Jeder weiß, dass es das gibt und dass es nicht in Ordnung ist. Also muss man nicht nochmal draufhauen.“ Diese Redakteurin wollte also, dass nur auf etwas gehauen wird, was noch niemand kennt? Knobloch geht dieser Frage natürlich nicht nach, lässt stattdessen verlauten: „Unsereiner muss sparsam umgehen mit seinen Lieferungen. So leicht schreibt sich ein Feuilleton nicht.“ Womit er natürlich Recht hat. Nun bietet er einen neuen Schluss an, Rellstab bleibt erhalten, den gab es ja schließlich wirklich und auch seine Lebenserinnerungen in zwei Bänden. Im neuen Schluss lässt Knobloch Rellstab fragen, ob das nicht schauderhaft sei. Und es folgt ein in Anführungszeichen gesetzter Hofbericht, den man nicht zitieren muss in seiner ganzen Schauerlichkeit. Und auch nicht sicher sein kann, dass es ihn so gab.

Eine erneute Änderung des Schlusses fügt ein, dass Rellstab seine Rettungstat nicht beweisen kann. „In keiner Zeitung stand etwas. Es hat kein Unglück gegeben. Erst in Rellstabs Lebenserinnerungen Jahrzehnte später liest man davon. War das nicht schwierig, so lange nichts zu sagen? Schwieriger, antwortet Rellstab, war, das nasse Kind zu überzeugen, dass es nicht in die Spree gefallen war.“ Und das ist die oben erwähnte Pointe. Heute könnte es in Berlin passieren, dass der Regierende Bürgermeister etwas sagt und keine Zeitung zitiert es. Die Kameras halten auf seine Stellvertreterin und am Ende hat er, wir ahnen es, nichts gesagt. Die Schloss-Brücke wurde nach dem Unglück am 29. November 1823 natürlich zu Ende gebaut. Der spätere König Friedrich Wilhelm IV. verbat sich Todesanzeigen für die 22 Opfer mit Rücksicht auf die Braut aus Bayern und Wikipedia behauptet mutig und von Heinz Knobloch heftig abweichend: „Aufgrund dieses schrecklichen Zwischenfalls war die neue Brücke monatelang in den Negativschlagzeilen. Erst im Sommer 1824 erhielt die Schloßbrücke den Klappenmechanismus, Gehwegplatten und das eiserne Geländer. Nun konnte sie für den Verkehr freigegeben werden.“ Am 1. Mai 1951 wurde aus der Schlossbrücke eine Marx-Engels-Brücke, am 3. Oktober 1991 wurde aus der Marx-Engels-Brücke eine Schlossbrücke. Eine klassische Pointe im Sinne der angewandten Feuilleton-Theorie von Heinz Knobloch war das nicht.


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