Karel Ĉapek, ein Verschwender

„Märchen“ mit den unverwechselbaren Illustrationen von Josef Ĉapek wäre 1985 mein zehnter Ĉapek-Band innerhalb eines Vierteljahres gewesen. Doch über „Das große Katzenmärchen“ bin ich nie hinausgekommen. Ich war gebannt, begeistert und wusste, sollte ich je über diesen Tschechen schreiben, müsste das Wort Verschwender im Titel vorkommen. Denn seine zahlreichen kleinen Geschichten gingen, so meine feste Überzeugung, verschwenderisch um mit dem, was sie erzählten, andere Autoren hätten aus vielem Romane gebacken. Doch genau dieses Backwerk wollte sich Ĉapek wohl nicht antun, zumal er selbst ja Romane schrieb, von denen es „Der Krieg der Molche“ in jenen Zeiten sogar bis in die „Bibliothek der Weltliteratur“ schaffte. Freunde utopischer Literatur haben ohnehin einen besonderen Zugang zu Ĉapek, mir aber imponierten am meisten die Texte, die als „Geschichten aus der einen und der anderen Tasche“ zu Ruhm kamen. Und so ist es keineswegs Zufall, wenn ich den 75. Todestag Ĉapeks zum Anlass nehme, um ein sozialistisches Groschenheft auszukramen, welches aus dem Fundus der genannten großen Sammlung acht Geschichten vereint.

Das Cover zeigt einen ziemlich grünen Herren, der einen General-Anzeiger liest, sein Kopf ist fast so stopplig-stachlig wie die drei Kakteen, die man im Hintergrund auf einem Bord erkennt. Das Heft ist das zweite Januarheft des vierzehnten Jahrgangs der „Kleinen Jugendreihe“, die der Verlag Kultur und Fortschritt Berlin herausgab, es trägt den Titel „Der gestohlene Kaktus und andere Kriminalgeschichten“, im Erscheinungsjahr 1963 las ich es nicht. Die 35 Pfennige bezahlte mein Vater, der die Reihe damals sammelte. Womit das Stichwort gefallen ist. „Der gestohlene Kaktus“ führt in die wunderbare Welt der Sammler. Diese Welt spielt auch in weiteren Geschichten eine Rolle, in „Die Briefmarkensammlung“ zum Beispiel, die die humorärmste des Heftchens ist. „Der gestohlene Kaktus“ aber ist eine solche Perle, dass es hier ausschließlich um diese wenigen Seiten gehen soll. Verschwendung ist auch hier am Werk, denn ehe es zu den Kakteen geht, hat noch eine neugierige Postfrau ihren Auftritt.

Man darf sich eine Stammtisch-Situation vorstellen, wo einige Herren sich gegenseitig Geschichten erzählen. Die Postmeisterin ist so neugierig, dass sie eingehende Briefe öffnet und liest und sie so ungeschickt wieder verschließt, dass es zu merken ist. Herr Kubát ist es, der die einfache, aber wirkungsvolle Idee hat, einen Brief an sich selbst im Nachbarort aufzugeben, in dem er die Frau nach allen Regeln der Kunst beschimpft. Man ahnt, wie es ausgeht und ist voller Schadenfreude. Die Geschichte mit dem Kaktus geht dagegen ganz anders aus. Einem Sammler kommen im Laufe der Zeit immer wieder Exemplare abhanden, der Dieb ist nicht zu fassen, scheint sich aber sehr gut auszukennen. Bis Herr Holan den rettenden Geistesblitz hat. Er lässt verbreiten, dass die berühmte Sammlung von einer seltenen Krankheit befallen wurde, gegen die es nur ein einziges Mittel gäbe, eine ganze bestimmte und sehr besondere Tinktur. Als ein Mann in einer Apotheke nach eben dieser Tinktur fragt, ist klar, es kann nur der Täter sein.

Die erste Überraschung folgt, als der Dieb erzählt, wie er die Kakteen stahl: in Frauenkleidern. „... in so einer Sache eine Frau zu verdächtigen! Herr, Frauen haben allerhand Liebhabereien, aber nie im Leben legen sie eine Sammlung an!“ Der Dieb verallgemeinert kühn: „Und das ist der größte Unterschied zwischen ihnen und uns – daß nur wir Männer Sammlungen anlegen.“ Daraus folgt für ihn sogar, dass Gott zwingend ein Mann sein muss, der sich diese einmalige Sammlung von Sternen und Welten zugelegt hat. Die Konfrontation zwischen Dieb und Bestohlenem ist die nächste große Überraschung. Beide verstehen sich, als wären sie ein Herz und eine Seele. Der Bestohlene beauftragt den Dieb gar, in Südamerika für ihn nach weiteren seltenen Kakteen zu suchen. Der Sammler übernimmt alle Kosten und der Dieb erleidet einen Tod in der Ferne, der natürlich mit einem Kaktus zu tun hat. Mit dem heiligen Kaktus Tschikuli, von dem Indianer annehmen, er sei ein leiblicher Bruder Gottes. Bei Ĉapek heißen bedauerlicherweise die Indianer noch Indianer, die Sprachpolizei hat also ein weiteres Kampffeld.

Ob die Kakteenzüchter kollektiven Protest einlegten, als der Autor schrieb: „Sie müssen wissen, daß die echten Kakteenzüchter wie eine Sekte Derwische sind; ich glaube sogar, daß ihnen statt der Bärte Stacheln und Glochiden wachsen“? Vielleicht aber haben sie ja den Humor, den auch Karel Ĉapek hatte, bis er am 25. Dezember 1938 starb. Seinem Herrn Holan legt er eine umwerfende Erfahrung in den Mund: „Ich kann Ihnen sagen, am besten läßt es sich in einer Baumkrone nachdenken; dort ist der Mensch irgendwie losgelöst, er wird ein wenig hin und her geschaukelt, und dabei sieht er das Ganze von einem höheren Standpunkt aus; ich glaube, die Philosophen sollten wie Goldamseln auf Bäumen leben.“ Wer je den Titel Diplom-Philosoph erwerben durfte wie ich anno 1980, um später gar ein Doctor philosophiae zu werden, der weiß solche Erwägung zu schätzen. Denken im Wind wie eine Goldamsel, sie säen nicht, sie ernten nicht und so weiter, der höhere Standpunkt ist ein natürlicher, für den man sich nicht anöden lassen muss von den Rittern der Froschperspektive, vom Dachverband der Flachköpfe oder Zentralkomitee der postindigenen Völker.

In „Tschintamanin und die Vögel“, wo die Philosophie des Sammelns weitere Explikation erfährt, steht: „Sie wissen doch: wenn man sich etwas in den Kopf setzt, läßt man nicht so rasch davon ab; und ist man noch dazu ein Sammler, begeht man sogar einen Mord; eigentlich ist das Sammeln eine heroische Sache.“ Damit ist klar, dass das Stehlen eher zu den lässlichen Sammlersünden gehört, die, falls sie nicht auf göttliche Kakteen kaprizieren, deren Stacheln Länge und Tödlichkeit russischer Bajonette aufweisen, eher mit milden Strafen zu rechnen haben. „Was bedeuten schon Liebesqualen im Vergleich zu Sammlerqualen; dabei ist bemerkenswert, daß sich noch kein Sammler das Leben genommen hat, im Gegenteil, sie erreichen meist ein hohes Alter.“ Damit soll es sein Bewenden haben. Nur eins noch: Wer je einen Einblick in die Theaterwelt gewinnen möchte, sollte Karel Ĉapeks „Wie ein Theaterstück entsteht“ zur Hand nehmen, Bruder Josef hat dort sogar ein Teil des Textes geschrieben, durchaus ebenbürtig.

P.S. Von mir neu im Buchhandel: „Meine ärgsten Freunde. Ein Vierhundert-Tage-Buch“;
ISBN 978-3-95618-120-7, Softcover, 19,80 Euro.
Weiterhin lieferbar auch mein „Kulturschock NVA. Briefe eines Wehrpflichtigen   1971 – 1973, ISBN 978-3-86153-711-3, Hardcover, 19,90 Euro


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