Vor 300 Jahren starb Gottfried Arnold

Der prominenteste Text zu Gottfried Arnold umfasst kaum zehn Druckzeilen und hält es nicht einmal für nötig, seinen Vornamen zu erwähnen. Er hat folgenden Wortlaut: „Einen großen Einfluß erfuhr ich dabei von einem wichtigen Buche, das mir in die Hände geriet: es war Arnolds „Kirchen- und Ketzergeschichte“. Dieser Mann ist nicht bloß ein reflektierender Historiker, sondern zugleich fromm und fühlend. Seine Gesinnungen stimmten sehr zu den meinigen, und was mich an seinem Werk besonders ergötzte, war, daß ich von manchen Ketzern, die man mir bisher als toll und gottlos vorgestellt hatte, einen vorteilhaftern Begriff erhielt. Der Geist des Widerspruchs und die Lust zum Paradoxen steckt in uns allen.“ Schon der letzte Satz hat streng genommen kaum noch Bezug zum vorhergehenden, dennoch ist natürlich jedes Wort von größtem Interesse. Denn der Autor dieser Zeilen ist Johann Wolfgang von Goethe, sie finden sich fast am Ende des achten Buches von „Dichtung und Wahrheit“ und reflektieren jene Zeit im Leben Goethes, die gern als Frankfurter Intervall bezeichnet wird.

Der Leipziger Student laborierte nach seiner Rückkehr ins Elternhaus lange an einer diffusen Krankheit, die spätere Medizin wohl ins Psychosomatische sortiert hätte, er nähert sich mehr als je vorher und auch später einer sehr speziellen, der pietistischen Religionsauffassung, wobei seine Mutter und über sie das berühmte Fräulein Susanne Katharina von Klettenberg (1723 – 1774) eine wichtige Rolle spielen. Die ihr gewidmeten „Bekenntnisse einer schönen Seele“ sorgen später für einen brutalen Schnitt im Handlungsverlauf von „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, sie verdrängen Shakespeare und Hamlet ohne Wiederkehr, ohne sonderlich notwendig zu wirken strukturell. Die Klettenberg soll den Griff zu Gottfried Arnolds Buch vermittelt haben, die zweibändige Ausgabe des 1699/1700 zuerst gedruckten Werkes gehörte zum Bestand der väterlichen Büchersammlung. Die Zeit, von der die Rede ist, erstreckt sich vom ersten September 1768 bis zum 31. März 1770. Es gibt nicht den geringsten spezielleren Hinweis auf die genauere Zeit der Lektüre, es gibt außer dieser einen einsamen Stelle im Alterswerk überhaupt keinen weiteren Hinweis auf Gottfried Arnold, wohl aber Spuren im „Werther“, die hier ausgeklammert bleiben müssen. Was in den vielen von Goethe selbst vernichteten Dokumenten seiner jungen Jahre womöglich stand, lässt sich nicht einmal seriös vermuten.

So verwundert es kaum, dass auch namhafteste Goethe-Bücher selten mehr als einige fast gleich lautende Formulierungen zum Thema Goethe und Arnold für ausreichend halten. Zwei Beispiele: „Der starke Einfluß eines anderen Werkes wird in Dichtung und Wahrheit noch eigens hervorgehoben, der Kirchen- und Ketzergeschichte Gottfried Arnolds. In ihr wurden gerade jene Denker, Theologen, Gruppen und Sekten außerhalb der etablierten Konfessionen gewürdigt, so daß, wie Goethe schreibt, der Leser dieses umfangreichen zweibändigen Werkes (von dem Goethes Vater eine Ausgabe von 1729 besaß), über manche Ketzer, die man sich bisher als toll und gottlos vorgestellt habe, eines Besseren belehrt worden sei.“  (Karl Otto Conrady) „Für Glaubensfragen war die Kirchen- und Ketzergeschichte von Arnold ein Hauptbuch, das auch für Goethe von entscheidender Bedeutung werden sollte. Da wurden die von der offiziellen Lehrmeinung abweichenden Gestalten beschworen, gerechtfertigt und gepriesen. Ihre Leiden und ihre Standhaftigkeit wurden drastisch geschildert. Das ist Goethe unvergeßlich geblieben und als er selber dann bei seinen Arbeiten zur Farbenlehre seine eigene Sekte, wie man ihm vorwarf, auf naturwissenschaftlichem Gebiet begründete, kamen ihm immer wieder die Bilder des alten Arnold als Vergleiche in die Feder.“ (Richard Friedenthal)

Wo des jungen Goethe Religion zum Thema gemacht wird wie etwa von Karl Dienst im Journal für Religionskultur 1999, heißt es: „Der junge Goethe hat dieses Werk eifrig studiert. Er hat Arnolds Deutungsprinzipien der Kirchengeschichte aber auch auf die Geschichte der Religionen schlechthin ausgeweitet. ... Der junge Goethe geht nun, wie gesagt, noch über Arnold hinaus, indem er die Verfallstheorie auf die Geschichte der Religionen überhaupt anwendet.“ Wer sich die Passage im achten Buch genau anschaut, wird sie schlicht überinterpretiert finden. Und den Verdacht nicht glatt abweisen können, dass der alte Goethe selbst mit seiner milden Ironie des diesbezüglichen eigenen Jugendtreibens gegenüber nicht auf der Höhe des kirchengeschichtlichen Hauptwerkes von Gottfried Arnold steht, falls er da je stand (er muss es nicht, es hätte freilich auch nicht geschadet). Denn Widerspruchsgeist und Lust am Paradoxen waren es wohl eher nicht in erster Linie, die zu allen den Häresien und Ketzereien in der Geschichte der christlichen Religion und Kirchen führten. Es gibt heute ganze Scharen von Menschen, die dergleichen als Beleidigung aller Ketzer ansähen und eine Entschuldigung im Bundestag fordern würden (das war Ironie!).

Gottfried Arnold war, wenn wir der überlieferten Anekdote glauben wollen, tatsächlich ein frommer und fühlender Mensch, wie ihn der alte Goethe nachträglich charakterisierte, denn er starb am 30. Mai 1714 infolge eines Schocks. Preußische Soldatenwerber sollen ihm während seines Pfingstgottesdienstes gewaltsam Rekruten von den Kirchenbänken gerissen haben, Konfirmanden, lesen wir bei Hanspeter Marti im Killy. Was die Frage aufwirft, wie alt denn in Perleberg die Konfirmanden damals waren oder wie jung die Rekruten. Auf alle Fälle bedeutete dieser Tod, dass Arnold nicht einmal fünfzig Jahre alt wurde, geboren am 5. September 1666. Genau an seinem 35. Geburtstag heiratete er  Anna Maria Sprögel, Tochter des Diakonus Sprögel, und lieferte damit seinen Gegnern eine Steilvorlage, hatte er doch erst kurz zuvor ein Werk veröffentlicht mit dem Titel „Geheimnis der göttlichen Sophia“, in dem er die irdische Ehe verworfen hatte als Hindernis auf dem Weg zum wahrhaften Glauben. Wenn einer Dinge tut, die er vorher selbst öffentlich kritisch beurteilte, ablehnte oder gar verteufelte, dann macht er sich scheinbar unglaubwürdig. Doch die wirkliche Welt besteht ausschließlich aus Glashäusern, aus denen dann die Steine fliegen.

Wer sich ein Bild verschaffen möchte, was denn nun bei Arnold tatsächlich nachzulesen ist, muss entweder eine besser bestückte Bibliothek besuchen oder aber etwas tiefer in die Tasche greifen. Die beiden Reprints der zweibändigen Ausgabe der Ketzergeschichte von 1967 und 2008 sind für 400 bis 500 Euro zu haben, die 1975 bei Koehler & Amelang in Leipzig erschienene Auswahl, immerhin auch noch 364 Seiten stark, gibt es aktuell in verschiedenen Antiquariaten für 38 bis 75 Euro. Eine etwas arg brave Master-Arbeit einer jungen Norwegerin namens Marit Andersen hat sich die immerhin verdienstvolle Arbeit gemacht, auf knapp 70 Textseiten eine heutige Sicht auf das Hauptwerk zu liefern, sie lässt sich komplett im Internet abrufen und enthält auch einen, wenngleich bescheidenen, Apparat. Auf die lyrische Seite im Schaffen Gottfried Arnolds versuchte 2007 die renommierte Neue Zürcher Zeitung aufmerksam zu machen. Roger Friedrich interpretierte Arnolds Gedichte und Traktate, es erschienen von ihm zu Lebzeiten auch mehrere Sammlungen mit Predigten, als Gegenstücke zu seiner Kirchenkritik. Eine irgendwie nennenswerte neue Zuwendung zu Arnold hat sich daraus bis heute nicht ergeben.

Welche Wirkungen Daniel Sudermann oder Jakob Böhme auf das dichterische Schaffen Arnolds ausübten, bleibt bestenfalls ein tertiäres Fachproblem, es wäre unlauter, den Anschein zu erwecken, als müsse das dringend anders werden. Interessanter ist es vielleicht zu erfahren, dass der 1698 in Weißenfels geborene Johann Christian Erdmann, er starb im Februar 1767 in Berlin, starke Anregungen von Gottfried Arnold empfing, in seiner Selbstbiographie, die allerdings erst 1849 gedruckt wurde, korrigierte er die falsche Behauptung, er hätte Arnold schon als Student in Jena gelesen: „Denn hätte ich sie in Jena gehabt, es würde tolle Händel gesezet, und mich die Lesung derselben, vor der Zeit, vom Studio Theologico abgebracht haben: So machte aber die Vorsicht, daß ich dieses Studium nach allen seinen Theilen mit Ruhe absolviren und mich erst wacker mit Wind füttern lassen muste, ehe ich sättigende Speisen vertragen konnte, denn damals wäre mir eine höhere Einsicht nichts nüze gewesen.“ Am 9. Mai 1750 landeten Schriften Edelmanns in Frankfurt am Main auf dem Scheiterhaufen des Scharfrichters. Da lag Goethe zwar noch in den Windeln, doch blieb ihm der Augenschein einer sehr mittelalterlichen Bücherverbrennung in seiner Vaterstadt dennoch nicht erspart, auch das ist in „Dichtung und Wahrheit“ nachlesbar.

Als der Schweizer Theologe Walter Nigg 1934 sein Buch „Die Kirchengeschichtsschreibung. Grundzüge  ihrer historischen Entwicklung“ im Münchner C. H. Beck Verlag vorlegte, fand er einen sehr prominenten Rezensenten. Der schrieb: „Unter den Gestalten nun, welche Niggs Buch uns nahebringt, ist eine der merkwürdigsten und mir seit Jugendzeiten interessante der pietistische Mystiker Gottfried Arnold (1666 – 1714). ... Dieser leidenschaftliche, ja wild, innerlich brennende Fromme, der außer seiner Kirchen- und Ketzerhistorie auch Gedichte, Streitschriften, das „Leben der Altväter und anderer Gottseeligen Personen“ und namentlich das in Pietistenkreisen vielgelesene und sehr einflußreiche Buch „Die erste Liebe“ geschrieben hat, hat sein Amt als Professor, weil unvereinbar mit der Gesinnung eines wahren Christen, niedergelegt und ist nachher dennoch zur Kirche und in ein Kirchenamt zurückgekehrt, demütig auch jene Absonderung wieder zum Opfer bringend. Er scheint in seinem Leben durch viele Überwindungen und Opfer gegangen zu sein und scheint die Ruhe der frommen Ergebung gefunden zu haben – dennoch mutet uns dieser unruhige, gehetzte, brennende Geist, so oft wir ihm begegnen, wie ein Vorläufer Kierkegaards an.“

Hermann Hesse ist es, der das und mehr zu Gottfried Arnold geschrieben hat, er kannte natürlich Erich Seebergs 1923 erschienenes Buch über Arnold gut wie auch dessen Auswahl an Arnold-Schriften, die ebenfalls 1934 bei Langen und Müller in München erschien. Er kannte die Kirchengesangbücher und was sie von Arnold enthielten. Und nannte, das am Rand, den erwähnten und in Goethes körperlicher Nähe verbrannten Edelmann „den bekannten Pfaffenfresser Edelmann“. Was die Gießener Professur Arnolds betrifft, in der er es kaum ein Jahr aushielt, so störten ihn dort vor allem die Gelehrtenstreitigkeiten. Eine regionalgeschichtliche Arbeit aus dem Jahr 1935, der 1000-Jahrfeier der Stadt Allstedt gewidmet, 1976 erneut veröffentlicht, Verfasser Rudolf Hermann, führt vor, welche feuilletonwürdige Rolle Allstedt im Leben Gottfried Arnolds spielte. Der späteren Schwiegermutter Arnolds war Schmuck gestohlen worden, der Dieb ward in Allstedt aufgestöbert und deshalb reisten Arnold, seine künftige Frau und seine künftige Schwiegermutter dorthin. Die fünf Jahre jüngere und schon verwitwete Herzogin Sophie Charlotte heuerte fast aus dem Stand den bekannten Professor als quasi privaten Hofprediger an, was ihm das Auskommen für eine Heirat verschaffte und zugleich ein längeres Gezerre zwischen dem Eisenacher Herzog und dem preußischen König auslöste, bei welchem der König mehrfach klar und eindeutig an die Seite Arnolds trat, was den in dieser Angelegenheit verstockten und dickfelligen Herrscher zu Füßen der Wartburg letztlich nicht anfocht.

Allstedt als Thomas-Müntzer-Stadt baute schließlich wohl auch die Brücke zu einem heute nur schwer erhältlichen (und dann teuren) Buch von Max Steinmetz „Das Müntzerbild von Martin Luther bis Friedrich Engels“, 1971 erschienen im Deutschen Verlag der Wissenschaften Berlin mit einem Kapitel zu Gottfried Arnold. Karlheinz Deschner kommt in seiner berühmt-berüchtigten „Kriminalgeschichte des Christentums“ ebenfalls auf Gottfried Arnold: „1699 würdigte der protestantische Theologe Gottfried Arnold in seiner »Unparteiischen Kirchen- und Ketzerhistorie« Julian. Wenige Jahrzehnte später bedachte Montesquieu den Staatsmann und Gesetzgeber mit höchstem Lob. Voltaire schrieb: »So ist dieser Mann, den man so abscheulich geschildert hat, vielleicht der erhabenste Mensch oder steht wenigstens an zweiter Stelle.« Montaigne und Chateaubriand zählten ihn zu den Großen und Größten der Geschichte. Goethe rühmte sich, Julians Haß gegen das Christentum zu verstehen und zu teilen. Schiller wollte ihn zum Helden eines Dramas machen. Shaftesbury und Fielding schätzten ihn, Edward Gibbon äußerte, er verdiente, die Welt zu regieren.“ Dass der Name Gottfried Arnolds mit anderen großen Namen immer mal wieder in Verbindung gebracht wird, sei an seinem 300. Todestag angemerkt, eine Arnold-Renaissance ist deshalb trotzdem kaum zu erwarten.


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