Vergnügen mit Jan Neruda

Erst ärgern oder erst freuen? Es gibt mehrere Gründe für den Ärger, nur einen für die Freude. Dieser eine sei vorab genannt: Der tschechische Dichter, Schriftsteller, Feuilletonist Jan Neruda (9. Juli 1834 – 22. August 1891) liefert reines, reinstes Lesevergnügen. Das „Lexikon der Weltliteratur“ (Volksverlag Weimar 1963) nannte ihn umstandslos den „bedeutendsten Dichter der tschechischen Nationalliteratur“. Das spätere BI-Taschenlexikon „Fremdsprachige Schriftsteller“ (VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1982) verkniff sich solch superlativische Einordnung, ernannte dafür aber in kurioser Linientreue genau jenes aus den rund 2000 Feuilletons, die Neruda hinterließ, sein berühmtestes, welches „die Arbeiterdemonstration am 1. Mai 1890 begrüßt“. Das wiederum erwähnt das Weimarer Lexikon nur, weil es Nerudas „Bekenntnis zur tschech. Arbeiterklasse“ enthält. Für ein neueres, das ZEIT-Lexikon, ist Neruda „der bekannteste Vertreter des tschechischen Realismus“. Das ist, wenn man weiß, mit welch spitzen Fingern das Wort Realismus überhaupt angefasst wird in Gegenden, wo die ZEIT wurzelt, schon fast etwas wie eine diffizile Herabsetzung. Sonst aber, das ist der Vielfachgrund des Ärgers, walten Ahnungslosigkeit und Ignoranz im deutungshoheitlichen deutschsprachigem Umgang mit Jan Neruda, dass es eine Freude ist.

Als vor mittlerweile auch schon wieder fast zehn Jahren die von der Robert-Bosch-Stiftung initiierte „Tschechische Bibliothek“ mit ihrem Band 33 abgeschlossen wurde, raffte sich das Feuilleton aus den Drehsesseln vor den PC-Tastaturen und entdeckte Jan Neruda. Das Entdecken würde dem, der sich etwas Mühe gäbe, sicher für eine Diplom-, mindestens aber für eine Master-Arbeit reichen. Studiert werden könnte etwa eine hoch verblüffend landsmannschaftlich organisierte Aufmerksamkeitsökonomie für die diversen Inhalte des 357 Seiten starken Buches „Die Hunde von Konstantinopel“ von Jan Neruda. Man vergleiche Erscheinungsorte und Herkünfte der verschiedenen Buchbesprechungen mit dem Häme-Anteil in den jeweils verwendeten Zitaten über Städte, Gegenden und Länder. Das Buch berichtet nämlich von verschiedenen Reisen Nerudas, die ihn bis nach Ägypten führten, nach Jerusalem, Triest oder Hamburg. Doch um dieses Buch soll es hier gar nicht gehen. Es bereitet 2016 übrigens schon größte Schwierigkeiten, eine komplettes Verzeichnis der „Tschechischen Bibliothek“ der weiland Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart und München im sonst so auskunftsbereiten weltweiten Web zu finden. Random House als Dachmarke vermeldet keinen (!!) Treffer bei seiner Unter-Marke DVA, wohlan, Verlagsgigant!

Beim Blick auf die Reisebilder, die tatsächlich vorher noch nicht in deutscher Übertragung erschienen waren, zeigten die diversen Kritiken, wie wenig Mühe sie sich beim Recherchieren gegeben hatten. Einer behauptete dreist, von Neruda seien nur die „Kleinseitner Geschichten“ übersetzt worden, man könne sie als Präsent aus Prag mitbringen in einer hübschen Ausgabe. Nun, man kann Schubkarren voller „Kleinseitner Geschichten“ aus allein drei preiswerten DDR-Ausgaben in insgesamt sehr hoher Auflage in fast jedem Antiquariat bekommen, man kann auch zwei DDR-Ausgaben der „Geschichten aus dem alten Prag“ bekommen, die im tschechischen Original „Arabesky“ hießen. Deutschsprachige Übersetzungen gab es mindestens drei in den zwanziger Jahren, aber auch schon zu Lebzeiten Nerudas. Was aber soll man mit Kritikern anfangen, die nicht einmal den Namen des einen Hauptbeteiligten an der „Tschechischen Bibliothek“, den Namen Eckhard Thiele, richtig schreiben können? Der Blick auf das Gesamtprojekt der „Tschechischen Bibliothek“ offenbart überhaupt eine Reihe von einschlägig bekannten DDR-Namen, denn anders als unverfroren behauptet, riss nach 1945 nicht der deutsch-tschechische, sondern nur der westdeutsch-osteuropäische Faden, Ausnahme: Dissidenten.

Und selbst hier erwies sich die DDR nur als teilblind. Denn als sie 1987, drei Jahre nachdem ihm der Literatur-Nobelpreis verliehen worden war, spät, aber nicht zu spät, die Erinnerungen „Alle Schönheiten der Welt“ von Jaroslav Seifert erscheinen ließ (Aufbau-Verlag 1987, auch von mir für die BERLINER ZEITUNG besprochen), druckte sie zugleich eine spezielle, eine überaus liebenswerte Hommage an Jan Neruda mit. Seifert hat Neruda ständig parat in seiner Rückschau, da eine Gasse, in der er wohnte, dort ein Stammplatz in einem Restaurant, auf dem er saß, gegen Ende des Buches eine besonders schöne Bibliophilen-Geschichte, die von einem Gedichtband Nerudas handelt. Seifert, zehn Jahre nach Nerudas Tod erst geboren, schreibt beispielsweise: „Von seiner Erscheinung habe ich eine lebhafte Vorstellung. Wir kennen ihn gut. Er war ein gutaussehender Mann, auf dessen Antlitz wahrscheinlich so manches Frauenauge verliebt ruhte.“ Und weiter: „Es wird wohl niemand bestreiten, dass dieser bedeutende Dichter auch der größte Dichter Prags ist.“ Und weiter: „Überall begegnen Sie ihm, an jeder Ecke. Im Frühling wie im Winter, im Sommer wie an den bedrückenden Tagen des Herbstes in der Stadt.“ Jaroslav Seifert schwärmt und er schwärmt auf eine erfrischende wie herzerwärmende Weise, natürlich auch von der Kleinseite.

„Kleinseitner Geschichten“ gibt es dreizehn an der Zahl, eine recht lange eröffnet den Band und eine etwas kürzere beschließt ihn, dazwischen sind die Sachen kurz, aber herrlich. Ich stehe nicht an zu behaupten, wer wissen will, was Erzählen heißt, muss solche Sachen lesen wie „Herr Ryšánek und Herr Schlegl“ oder „Sie hat den Bettler zugrunde gerichtet“, das reicht schon als Kostprobe, als Appetithappen auf mehr. Da sitzen zwei Männer elf lange Jahre an ein und demselben Tisch im Restaurant „Zum Steinitz“ und sie reden kein Wort miteinander, sie würdigen sich keines Blickes. Einst soll einer dem anderen die Liebste weggeschnappt haben, die dann aber zeitig starb. Und plötzlich kommt ein Abend, beide Männer sitzen sonst immer exakt zwei Stunden unbeweglich auf ihren Plätzen, trinken immer exakt drei Gläser Bier und rauchen ihr Pfeifen, da erscheint Herr Ryšánek nicht. Es hat ihn am Morgen ein Schüttelfrost geschüttelt und dann hat der Stabsarzt eine Lungenentzündung diagnostiziert. Herr Schlegl hat an diesem Abend vier Gläser Bier getrunken und ist eine halbe Stunde länger geblieben. Fortan geht er sogar an andere Tische und redet mit anderen Gästen, während Herr Ryšánek nur äußerst mühsam wieder auf die Beine kommt. Neruda führt etwas Einfaches vor: Erzählen fußt auf dem Sehen, dann auf dem Erfassen des Gesehenen.

Auch die größte sprachliche Kunstfertigkeit hilft dem nicht, der nichts sieht und deshalb nichts zu erzählen hat. Es gibt Menschen, die nie eine literarische Zeile schreiben oder gar dichten, die aber wunderbar erzählen können. Unter den Tschechen beispielsweise hat Božena Němcová solches Ur-Erzählen aufgegriffen, auch ihr bringt Seifert übrigens die allergrößte Hochachtung entgegen. Als eines schönes Tages Ende Juni, viele Wochen sind vergangen, da Herr Schlegl allein war an seinem dritten Tisch, plötzlich Herr Ryšánek seinen Stammplatz wieder einnimmt, man hatte ihn zuvor schon beim Spazierengehen beobachten können, sieht es aus, als wäre alles wieder beim Alten. Wie in den berühmten Wilhelm-Busch-Versen über den Frosch, der so krank war „Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank“ geht es nun im Gasthaus „Zum Steinitz“. Herr Ryšánek will sich seine Pfeife stopfen, greift aber vergeblich nach dem Tabaksbeutel. Der Pikkolo des Restaurants wird ausgeschickt, diesen aus der Wohnung des Herrn zu holen. Man stelle sich dies heute vor, wo nicht einmal mehr sicher bekannt ist, was ein Pikkolo in einem Restaurant war, nämlich nicht das kleine Fläschchen mit halbtrocknem Sekt, das Damen-Busfahrten versüßt, sondern ein Auszubildender, ein Heranwachsender von allereifrigster, allerhöchster Dienstwilligkeit und -bereitschaft.

Herr Schlegl aber bietet Herrn Ryšánek überraschend von seinem Tabak an, als eben der Pikkolo zurückkehrt. Der Überraschte lehnt ab, aber der andere sagt, es ist ein Erdbeben ohne Messzahl auf der berühmten Richter-Skala: „Wir hatten schon Angst um Sie.“ Jan Neruda beendet seine Geschichte im Märchenton: „Und seit der Zeit sprechen Herr Ryšánek und Herr Schlegl am dritten Tisch wieder miteinander.“ Man möchte anfügen: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sprechen sie noch heute.“ Herrlich. Einfach herrlich. Nebenbei enthält die Geschichte natürlich noch das explizite Lob der Kleinseite, es enthält eine Kritik an der mangelnden Gestaltungskraft der Slawen, die es weder zu großen Staaten noch zu eigenen Göttern brachten. Und dann steht da noch der Satz, der schon den Vorsokratikern im alten Griechenland in anderer Formulierung geläufig war: „Es ist eine unbestrittene historische Tatsache, dass die Götter dem Volke gleichen, das sie verehrt.“ Jan Neruda, um dies nur zu erwähnen, hat auch einige Semester an der philosophischen Fakultät der altehrwürdigen Universität Prag studiert. Jaroslav Seifert beneidete Neruda nicht nur seiner Dichtung wegen: „Ich beneide ihn nicht nur um diese hohe Kunst, sondern auch um sein Talent zum Tanzen. Noch als reifer Mann konnte er angeblich ganze Abende lang tanzen.“

In der Geschichte „Sie hat den Bettler zugrunde gerichtet“ geht es um einen Mann, der als Bettler einen besonderen Status im Viertel genießt, er bekommt immer sein Almosen, er bekommt immer eine Mahlzeit, bis er sehr schroff und für die Frau durchaus beleidigend den Annäherungsversuch einer Bettlerin zurückweist. Ohne dass Neruda den Hergang detailliert schildert, erfährt seine Leserschaft, dass sich für den Herrn Vojtišek plötzlich alles ändert. Niemand gibt ihm mehr, man verschließt die Türen vor ihm, gebraucht Ausflüchte, einer geht ihn sogar um ein Darlehen an. Denn es ist das Gerücht in der Welt, er sei eigentlich reich, müsse gar nicht betteln, besitze Häuser und zwei Töchter, von denen eine den ganzen Tag Handschuhe trägt. Was natürlich besonders die Frauen empört, die sich just das nicht leisten könnten, womöglich nicht einmal Handschuhe für den Sonntag überhaupt. Herr Vojtišek verschwindet aus der Gegend, in der sich, man höre und staune, nicht weniger als vier Schutzmänner beim Sorgen für Ordnung in einer einzigen Kleinseitner Straße umschichtig abwechseln. Die Geschichte endet tragisch, denn die üble Nachrede war üble Nachrede, der Bettler wirklich arm, so arm, dass er ohne Hemd, nur in zerschlissener Jacke und Hose, erfroren neben der Artilleriekaserne gefunden wird. Geschrieben 1875 wie die andere.

Oben erwähnter Eckhard Thiele, der Karel Čapek im Leipziger Reclam-Verlag 1988 eine sehr empfehlenswerte Biographie gewidmet hat, auch er ist in der „Tschechischen Bibliothek“ vertreten, schreibt, dass Čapek schon als Kind mit Jan Neruda vertraut war: „Im Grunde trifft zu, was man als Anekdote erzählt. „Von wem haben Sie Ihr Gewerbe übernommen?“ wurde in einer Rubrik der Steuererklärung gefragt. Čapek trug ein: „Von Jan Neruda.“ Čapek hat ein meiner Kenntnis nach noch nicht ins Deutsche übersetztes Neruda-Porträt verfasst, aus dem sein Biograph ausführlicher zitiert. Und Jaroslav Seifert, der Nobelpreisträger, erzählt: „Bei uns zu Hause in Semily bewahrte Mutter zwar in einem Glasschrank auch irgendwelche Kännchen und Tässchen auf, aus denen angeblich Neruda getrunken hatte, doch wir benutzten sie nie, damit sie nicht zerschlagen wurden. Mutter wischte von Zeit zu Zeit nur immer den Staub von ihnen ab.“ Man könnte meinen, dass es gar nicht so schlecht wäre, wenn sich Dichter in ihrem zweiten Leben in Tässchen und Kännchen verwandelten. Eine liebende Mutter, die den Staub von ihnen wischt, fände sich leichter als ein paar Kritiker, denen zu Jan Neruda nicht nur die ewig unbegründete Mär einfällt, seine „Kleinseitner Geschichten“ oder der pure Zufall hätten Pablo Neruda auf sein Pseudonym gebracht.


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