Gustav Schwab 1792 - 1850

„Wissenschaftlich ist für Schwab noch fast alles zu leisten; es fehlen eine moderne Biographie und eine Bibliographie sowie eine kritische Werkedition und eine Sammlung seiner weitgespannten Korrespondenz, von der nur ein Bruchteil zerstreut veröffentlicht ist.“ Dieser in die Jahre gekommene Schluss von Hartmut Fröschles Beitrag zu Gustav Schwab für das Literaturlexikon, das unter dem Namen Walther Killy firmiert, hat an Gültigkeit aber auch gar nichts eingebüßt. Das ist seltsam genug, denn selbst wenn man allen Vorurteilen folgt, die seit Heinrich Heine mit mehr oder minder guten Gründen über Schwab im Umlauf sind, würde das kein so radikales Desinteresse der Forschung begründen können, die gerade im Felde der Literaturgeschichte ja keineswegs selten die abseitigsten Themen behandelt und zu backsteindicken Wälzern bläht. Gustav Schwab war zweifelsfrei kein Stern erster Größe im Literaturhorizont, gemessen an den wenigen, denen man dieses Prädikat zuerkennen möchte. Ihn jedoch gegen Goethe und Schiller, gegen Heine oder selbst gegen Uhland, Mörike oder Eichendorff zu halten, ist nicht einmal unfair, es ist irreführend.

Es bedürfte eines prinzipiell anderen Grundansatzes von Literaturgeschichtsschreibung, der eben nicht seinen Gegenstand von vornherein auf eine Avantgardenfolge reduziert, um den überaus zahlreichen Männern und Frauen, die nicht am angeblich doch gar nicht denkbaren und also auch nicht findbaren Fortschritt der Literatur teilhaben, wenigstens versuchsweise gerecht zu werden. Es gibt Literaturgeschichten, die nicht einmal den Namen Gustav Schwab erwähnen, etwa das seinerzeit für eine breite Leserschicht verfasste Reclam-Buch „Deutschsprachige Literatur im Überblick“. Die „Deutsche Literaturgeschichte in einem Band“, auf die während meiner Schulzeit gern verwiesen wurde, nennt Schwab einmal, nicht einmal mit seinem Vornamen. Dort steht über Heinrich Heine: „In dem Aufsatz „Der Schwabenspiegel“ (1838) kritisierte er humorvoll die unzeitgemäße poetische Selbstgenügsamkeit einiger unbedeutender Dichter (Schwab, Kerner, Mayer, Pfizer, Menzel), die sich den Namen „Schwäbische Dichterschule“ anmaßten.“ Kein Wort über Zusammenhänge, kein Wort der Wertung, als stünde ausgerechnet Heine über den Dingen.

Um es rasch zu klären: Heinrich Heine hat es nicht nur herrlich böse gesagt, wie allein er es konnte, vor allem hat er Recht gehabt. Ich zitiere die entscheidende Stelle aus dem „Schwabenspiegel“, aus der Vorbemerkung dazu, hier komplett: „Und nun kam ich endlich dahinter, von welcher bescheidenen Größe jene Berühmtheiten sind, die sich seitdem als schwäbische Schule aufgetan, in demselben Gedankenkreise umherhüpfen, sich mit denselben Gefühlen schmücken und auch Pfeifenquäste von derselben Farbe tragen. Der bedeutendste von ihnen ist der evangelische Pastor Gustav Schwab. Er ist ein Hering in Vergleichung mit den anderen, die nur Sardellen sind; versteht sich, Sardellen ohne Salz. Er hat einige schöne Lieder gedichtet, auch etwelche hübsche Balladen; freilich, mit einem Schiller, mit einem großen Walfisch, muss man ihn nicht vergleichen.“ Man sollte gehört haben, dass sich den Namen „Schwäbische Dichterschule“ niemand anmaßte, er hat sich späterer Betrachtung nur ähnlich handlich erwiesen wie „Junges Deutschland“, und ein Gedicht „Die schwäbische Dichterschule“ von Justinus Kerner aus dem Jahr 1839 beweist kein Gegenteil.

In seiner „Romantischen Schule“ nennt Heine Justinus Kerner einen Landsmann von Uhland und fährt fort: „Dasselbe ist der Fall bei Herrn Gustav Schwab, einem berühmteren Dichter, der ebenfalls aus den schwäbischen Gauen hervorgeblüht, und uns noch jährlich mit hübschen und duftenden Liedern erquickt. Besonderes Talent besitzt er für die Ballade und er hat die heimischen Sagen in dieser Form aufs erfreulichste besungen.“ In beiden Fällen kann nur arge Humorlosigkeit wirkliche Bösartigkeit erkennen. In einer Hinsicht war dann Schwab auch tatsächlich humorlos. Er glaubte, in den Sätzen Heines „ Anfälle des raffinirtesten Neides“ zu erkennen, wie er es in einem Brief vom 2. März 1836 an den Verleger Salomon Hirzel formulierte. Ihm selbst war etwas wie eine Solidaritätsadresse der Brüder August und Adolf Stöber aus Straßburg zugegangen, die bekannten, Heines Auslassungen zwar nicht zu kennen, aber auf alle Fälle schon einmal dagegen waren. Nicht einmal darin hat die Gegenwart etwas dazu gelernt. Unsere dauererregte Empörungskultur hat tiefe Wurzeln, lernen wir unerwartet beim Schwaben Gustav Schwab. Humorlose Humoristen, die, Heine zu zitieren, neidgeplagt in ihrem Gedankenkreis umherhüpfen, sind auch keineswegs ausgestorben.

Sind wir bei den Balladen an der rechten Stelle, Gustav Schwab gerecht zu werden? Überall, wo überhaupt über ihn geschrieben wird, werden zwei Titel genannt: „Der Reiter und der Bodensee“ und „Das Gewitter“, wahlweise kommt ein dritter Titel hinzu und die Reihenfolge der Nennung ändert sich. Um nicht gleich zu vermuten, dass einer beim anderen abschreibt, nehmen wir zum Anlass des 225. Geburtstages an, dass es tatsächlich maximal drei nennenswerte Balladen von Schwab gibt. Andere Gedichtarten fand ich nirgends erwähnt oder gar zitiert. Richard M. Meyer formulierte in seiner Gesamtdarstellung „Die deutsche Literatur des neunzehnten Jahrhunderts“ bündig: „Er ist eine liebenswürdig wohlwollende Natur, was sie fast alle sind; er ist ein allzu produktiver Reimer, was mehrere von ihnen sind; er besitzt nicht das geringste Verständnis für die innere Form der Ballade, was alle die kleinen Dichter der Gruppe von Uhland und Kerner unterscheidet.“ Und setzt fort: „... deshalb sind es immer nur versifizierte Anekdoten. Es können einmal ganz gut vorgetragene Anekdoten sein ...“ wie eben „Der Reiter und der Bodensee“, nur eben rechte Balladen „werden es nie.“ Auch Theodor Fontane sieht Schwab-Balladen so.

In einem Brief an den Offizier und Schriftsteller Bernhard von LEPEL (27. Mai 1818 – 17. Mai 1885) vom 29. August 1851 taucht das Meyer-Wort auf: „... wer nicht die Kraft und Fähigkeit besitzt, jene echte und hohe Volkstümlichkeit zu erlangen, deren Kriterium eigentlich darin besteht, dass das Kunstwerk vom König bis zum Bettler jedem nach seiner Art genügt, wer mehr oder minder im Sumpf der versifizierten Anekdote steckenbleibt (z.B. unzählige Balladenfabrikanten der Wiener Schule, ja sogar Schwab und viele andre gepriesne Namen), der kann die Konkurrenz mit den gedankenhaften Leuten nicht aushalten.“ Am 18. April 1850 schrieb Fontane an Gustav Schwab, um dessen Fürsprache beim Verleger Cotta zu erreichen. Es gibt allerdings auch einen Brief, den Fontane am 10. November 1848 an seinen Freund Wilhelm Wolfsohn richtete: „Ich habe nämlich vor fast drei Wochen an Schwab nach Stuttgart geschrieben und ihn gebeten, die Herausgabe meiner Sachen bei Cotta zu vermitteln.“ Es würde zu weit führen, hier einen Widerspruch aufzulösen, der möglicherweise gar keiner ist. Auf alle Fälle starb Gustav Schwab zu früh, am 4. November 1850 genau, um Fontane so zu helfen, wie manch anderem schon früher.

Als 1992 der 200. Geburtstag von Schwab zu feiern war, veröffentlichte die Wochenendbeilage der der STUTTGARTER ZEITUNG einen recht umfänglichen Beitrag von Gunter Grimm unter der arg unglücklichen Überschrift „Das Faktotum des Musen“. In der knappen Deutung meines „Kleinen Fremdwörterbuches“ ist ein Faktotum eine vielseitige Hilfskraft. Dies Etikett verkleinert den Mann. Und bleibt nicht die einzige unglückliche Formulierung. Auch Grimm zitiert natürlich Heines Diktum vom Hering, um dann zu folgern: „Heines Porträt des Dichters Schwab konnte nicht positiver ausfallen, denn Schwab hatte aus seiner Abneigung gegen den jungdeutschen Autor nie ein Hehl gemacht.“ Abgesehen davon, dass das Prädikat jungdeutsch Heine nicht ansatzweise gerecht wird, wenngleich es auch nicht gänzlich falsch ist, die Logik, dass die Abneigung des einen die Abwertung des anderen unvermeidlich nach sich siehe, gilt nicht im behaupteten Automatismus. Als schreibwütig, wie Grimm es tat, kann man Schwab wohl auch kaum bezeichnen. Und vollkommen daneben lag er mit seiner Behauptung: „In seiner ehrenwerten apologetischen Absicht ging Schwab freilich ein Stück zu weit, indem er Schiller durchgängig christliche Intentionen nachwies.“

Hätte Schwab das tatsächlich getan, hätte er gar nicht zu weit gehen können: Nachweis ist Nachweis. Doch ist der Versuch einer Deutung in bestimmte Richtung eben kein Nachweis, sondern eine bestenfalls mit bestimmten Belegen zu stützende Hypothese. Ich bezweifle ganz ungeschützt, dass eine apologetische Absicht ehrenwert sein kann, sie kann nachvollziehbar sein, sie kann sogar sympathisch sein. Im Falle der Beziehung zwischen Gustav Schwab und Schiller ist freilich ein Thema angesprochen, das, soweit ich das überschaue, die Einschränkung muss gelten, überhaupt als einziges eine neue Beschäftigung mit Schwab provoziert hat, nämlich den 2014 veröffentlichten Versuch von Barbara Potthast „Schwabs Schiller“. Der Bezug ist ohne Geheimnis. Gustav Schwabs Vater Johann Christoph Schwab war zeitweise an der Karlsschule einer der Lehrer von Schiller. Kennt man Lehrer, die einen später sehr berühmten Schüler hatten und nicht behaupteten, sie hätten dessen Talente schon erkannt, als der erstmals die Tür zu seinem Klassenzimmer öffnete? Gäbe es leicht zugängliche Quellen, könnte man solchen Themen Aufmerksamkeit widmen. Doch selbst ein so verdienstvoller Mann wie Norbert Oellers hat ohne Not Materialien unterdrückt.

Seine nie genug zu lobende Groß-Dokumentation „Schiller - Zeitgenosse aller Epochen“ bringt im ersten Teil (1782 – 1859) eine ausführliche Abhandlung zur großen Schillerfeier am 8. Mai 1839 in Stuttgart. Dort wurde vom zwölfjährigen Schiller-Enkel Friedrich Ludwig Ernst von Schiller (1826 – 1877) das Schiller-Denkmal enthüllt, die Festrede hielt Gustav Schwab. Laut Fußnote erschien sie im Druck in Nummer 111 des „Morgenblatts für die gebildeten Stände“. Oellers nimmt aber nicht etwa die Rede in seine Dokumentation auf, sondern den ins Schwülstig-Pathetische drängenden Bericht des Juristen Christian Reinhold Köstlin (29. Januar 1813 – 14. September 1856), der seine belletristischen Texte unter dem Pseudonym Ch. Reinhold publizierte. Just an der Stelle, wo Köstlin dem Festredner ausführlicher das Wort erteilt, setzt Oellers den Rotstift an, als wäre es leicht, das Original der Festrede nachzulesen, „durch welche der ewig junge, rüstige, heute von den Flügeln schönster Begeisterung getragene Mann deutlich an den Tag legte, wie wohl er es verstanden habe, den Kern seines Wesens zwar treu zu bewahren, und doch zugleich auch für den Atem einer neuen Zeit und neuer Ideen die immer frischen und erregbaren Saiten seiner Seele zu stimmen.“

1840 hat Gustav Schwab „Schillers Leben in drei Büchern“ veröffentlicht, auch „Urkunden über Schiller und seine Familie“ stehen in seinem Werkregister. Während letzteren gelegentlich noch ein gewisser Wert zugestanden wird, gilt die Lebensdarstellung als zeitig veraltet, weil sie noch nicht auf den Briefwechsel zwischen Schiller und Christian Gottfried Körner zurückgreifen konnte. Dem Urteil kann man folgen, mir wäre Schwabs Sichtweise dennoch allzu schnell beiseite geschoben. Gerade der umfangreiche Briefverkehr Schwabs mit sehr vielen Größen der Zeit würde sicher diese oder jene hochinteressanten Aspekte sichtbar machen, aber entsprechende Editionen fehlen bis heute. Oder wäre es uninteressant zu wissen, was Schwab antwortete, wenn Eduard Mörike ihm einen Bittbrief sandte? Wir wissen ohne letzte Sicherheit beim Datum, dass Gustav Schwab am 24. Mai 1815 Goethe in Weimar besuchte, der gerade mitten in letzten Reisevorbereitungen war. Wie sah die Liebenswürdigkeit seiner Antwort an Fontane aus? Wie war es mit Annette von Droste-Hülshoff? Wie gelang der redaktionelle Arbeitsalltag mit Adelbert von Chamisso? Warum nur schmeckte Heinrich Hoffmann von Fallersleben Schwabs gelobter Wein sauer? Fragen über Fragen.

Nun das Geständnis: ich hätte heute nicht eine dieser Zeilen über Gustav Schwab geschrieben, wenn da nicht mein ganz persönliches Verhältnis zu ihm wäre. Ich las 1964, mit elf Jahren, die drei Bände „Kampf um Troja“, „Irrfahrten des Odysseus“ und „Die Taten des Herakles“, im Kinderbuchverlag Berlin erschienen in der Bearbeitung von Heinrich Alexander Stoll. Von Stoll kannte ich da bereits „Die Brücke über den Janiculus“, später landete der zweite Band seiner großen Biographie über Johann Heinrich Voß in meinem Bücherregalen, Titel „Der Löwe von Eutin“, ich las die mehr als 700 Seiten im Februar 1968 und zwei Monate später ein Buch aus den Beständen meiner Eltern, Titel „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“, 1954 im Altberliner Verlag Lucie Groszer erschienen. Als ich das Buch jetzt wieder zur Hand nahm, sah ich überrascht, dass Johannes Bobrowski als Herausgeber der Schwab-Sagen fungierte. Tatsächlich, Bobrowski hatte 1950 eine Lektorenstelle im Verlag von Lucie Groszer angenommen, dies war wohl sein erstes größeres Werk. Sein Vorwort überrascht heute übrigens auch, einen derart klassenkämpferischen Ton der Deutung der alten Sagen hätte ich bei ihm nicht vermutet, vielleicht nur so mein Vorurteil.

„Aber um so strahlender und sieghafter treten uns in diesen Dichtungen die Gestalten der Helden und Befreier entgegen. In ihnen, den Überwindern der Ungeheuer, der wilden Tiere und unmenschlichen Tyrannen, den Empörern selbst gegen die Götter, schufen sich die Völker hohe Vorbilder. In ihnen sehen wir die besten Kräfte der Menschen jener Zeit, ihre kühnsten Träume und ihre herrlichsten Taten verkörpert.“ Bobrowski nennt Gustav Schwab einen „Meister der deutschen Sprache. Ihm gelingt nicht nur eine klare, übersichtliche Schilderung der oft verwickelten Zusammenhänge, sondern auch die Wiedergabe besonderer sinnfälliger und kraftvoller Wendungen und Vergleiche der antiken Dichtung. Der Leser wird aus der zunächst ein wenig ungewohnt erscheinenden Form der Darstellung Bereicherung und Stärkung im Besitz der Muttersprache erfahren.“ Ob seine Vermutung freilich zutraf, dass die Sage vom Goldenen Vlies Goldfunde in der Landschaft Kolchis belegt, wage ich zu bezweifeln. Mit seiner Bezeichnung „ein wirkliches Hausbuch“ hätte Bobrowski aber ganz sicher den Beifall eines anderen großen Dichters gefunden.

Kein geringerer als Hermann Hesse war es, der immer wieder auf die klassischen Sagen des Altertums zu sprechen kam, wenn sich eine Gelegenheit ergab. „Hier können wir harmlos und unbeirrt von den Händeln und Stänkereien des Philologen im Land der Griechen und Trojaner wandeln und vom Zorn Achills wie vom Unglück des Ikarus in gutem Deutsche ohne Noten und Kommentare lesen. Der schwäbische Dichter, dessen Dichtungen wir beiseite gelegt und vergessen haben, erlebt in diesem schönen Sagenbuch, das jeder Lateinschüler besitzen und besser kennen sollte als den großen oder kleinen Plötz, eine ganz unberufne, lärmlose, behagliche Unsterblichkeit, die mancher dem etwas überbeflissenen Dichteronkel gar nicht zugetraut hätte, und die sich doch in aller Stille bewährt.“ Im Mai 1910 stand das im Münchener „März“. Die „Neue Zürcher Zeitung“ vom 10. Dezember 1914, der Weltkrieg war also schon im Gange seit einigen Monaten, brachte eine erneute engagierte Werbung Hesses für Schwabs Sagenbuch. „Von einem der allerschönsten Jugendbücher hat ein Basler Verleger kürzlich zwei neue Ausgaben gebracht, die ich vor der Weihnacht aufs beste empfehlen möchte.“ Das gab es damals: zeitgleich, unterschieden im Preis.

„Es gibt wenige, die so durch Jahrzehnte geliebt worden sind und gewirkt haben, und vollends wenige, die es vermöge so guter, edler Qualitäten taten! Und mag das Interesse der heutigen Jugend noch so sehr auf Technik und Sport gerichtet sein, Knaben aus geistig kultivierter Familie werden immer wieder instinktiv am alten Schwab ihre Freude haben, an dieser lauteren, schönen, geklärten Welt der griechischen Mythologie, und an Gustav Schwabs vorzüglicher Darstellung, an der Sicherheit und Rundheit seines Erzählens wie an der kräftigen Schönheit seiner Prosa. Wer Knaben zwischen zwölf und sechzehn Jahren Bücher schenken will, der soll zumindest von Schwabs herrlichen Sagen wissen und an sie denken, ehe er wahllos auf den bunten Einband hin eines der kulturlosen Produkte vieler heutiger Fabrikanten für Jugendliteratur mitnimmt.“ Warum Hesse die Sagen ausschließlich als Knaben-Lektüre sehen wollte, hat sich mir nicht erschlossen. Vermutlich hat es den harmlosen Grund, dass er selbst nur Söhne hatte und natürlich einst ein Knabe war, keine Steilvorlage für Feministinnen also. Am 18. November 1941 schreibt Hesse an Rudolf Jakob Humm, Schriftsteller und Übersetzer (13. Januar 1895 – 27. Januar 1977). Es geht um Schwab.

Aus seinem Kurort Baden berichtet Hesse vom Besuch Ninons, seiner dritten Frau, sie erzählt ihm auf seinen Wunsch von Theseus, ein Puppenspiel zu ihm hatte Humm verfasst und Ninon sah es sich an bei ihm. „Der Theseuswelt war ich ohnehin nicht ferne, da ich ein Bändchen der Schwabschen Sagen hier habe und des öftern drin lese.“ Das ist nun wirklich bemerkenswert: aus der schier unendlichen Fülle möglicher Bücher als Kur-Lektüre greift sich Hesse Schwab heraus, den er seit eigenen Kindertagen schätzt. Ich kann es gut nachfühlen: die antike Sagenwelt wäre mir nie so vertraut geworden ohne den Schwab, wie ich ihn über Heinrich Alexander Stoll zuerst erlebte. Natürlich habe ich später auch die drei bb-Bändchen des Aufbau-Verlages Berlin und Weimar in meine Bestände genommen, dort trägt der Band 1 den Titel „Das Goldene Vlies“, der zweite heißt „Der Kampf um Troja“ und der dritte „Die Heimkehr des Odysseus“. In ihnen ist kein wie auch immer eingreifender Herausgeber aktiv geworden, denn auch Bobrowski hatte in den Text eingegriffen, in bester Absicht. In meinem Regal steht Schwab übrigens zwischen Franz Grillparzer und Leopold von Ranke, den Jahrgängen geschuldet und dennoch nicht völlig ohne allen Sinn.

Fast auf den Tag vor vier Jahren, während einer Ferienwoche in Arbon auf der Schweizer Seite des Bodensees, begegnete mir erstmals das Wort Seegfrörne. So nennen die Schweizer das seltene Naturphänomen, wenn der Bodensee so komplett gefroren ist, dass man ihn überqueren kann. Das Seegfrörne von 1573 ist der Anlass für Gustav Schwabs Ballade „Der Reiter und der Bodensee“. In seiner Lebenszeit gab es das Schauspiel nur zweimal: 1796 und 1830. In „einer alten Chronik des Rathauses zu Überlingen am Bodensee wird aus dem Jahr 1573 berichtet, dass ein ortsunkundiger Reitersmann als Bote eines Landvogts im Winter mit seinem Pferd nichtsahnend wie über ein schneebedecktes Feld über den ganzen zugefrorenen Untersee (bei Radolfzell) pilgerte“, heißt es im Anmerkungsapparat der Hesse-Werkausgabe. Pilgern ist vielleicht ein eher unglücklicher Ausdruck, denn Boten pilgern nicht, sie eilen, auf kürzestem Wege ihren Auftrag zu erledigen. Doch Gustav Schwab hat eine Ballade daraus gemacht, die auch dann lesenswert bleibt, wenn man sie nur als versifizierte Anekdote ansehen mag. Der Reiter stirbt vor Schreck, als er vernimmt, dass er über den See ritt. Sein Dichter starb an einem Herzanfall, der Schreck blieb den zahlreichen Freunden.


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