Brecht: Die Dreigroschenoper, Staatsschauspiel Dresden

Laut Internet soll im Frühjahr ein Debütalbum der Band „Woods of Birnam“ erscheinen, deren Sänger Christian Friedel ist. In Roger Vontobels Dresdner „Hamlet“ ist Friedel mit seinen Mannen Haupt-Act des Abends. In Friederike Hellers „Die Dreigroschenoper“ (Premiere war am 14 September 2012 in Dresden) verkörpert Friedel den Macheath, auch Mackie Messer genannt, und muss erneut seine sängerischen Qualitäten unter Beweis stellen. Er agiert wie ein Revue-Star aus den so genannten „Golden Twenties“, was zum Stück und seiner Entstehungszeit wunderbar passt. Er hält seine Mimik fast unbewegt, was manchen Liebhaber seines eminenten Komödiantentums verleitet, ihm eine schwächere Leistung als sonst zu bescheinigen. Und in der Tat, wer ihn in seiner Nebenrolle als Gottschalk im Dresdner „Käthchen von Heilbronn“ sah, möchte den Verdacht in sich nicht gänzlich unterdrücken, die Regie habe ihm hier zu wenig Möglichkeiten eingeräumt.

Freilich ist die seit bald 80 Jahren unverwüstliche „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill ausdrücklich schon im Titel eine Oper und dort wird traditionell mehr gesungen als gesprochen, dort ist die theatralische Geste eher unausrottbar, dort toleriert der Zuschauer fast widerstandslos dicke Tenöre, die zwanzig Zentimeter kleiner sind als ihre noch dickeren Sopranistinnen, nur weil es sich angeblich um ein berühmtes Bühnen-Liebespaar handelt (Tendenz zur Besserung freilich seit Jahren unleugbar). Am Christian Friedel des Abends stimmt in sich alles, nur ist er, wie er ist, keinesfalls ein finsterer und böser Schwerstverbrecher. Man glaubt ihm, dass er die Herzen der stolzesten Frauen brechen würde, wenn er denn Lust dazu verspürte. Ihm reichen aber, Brecht wollte ja eben dieses Milieu in seiner Adaption von John Gays „Beggars Opera“, die Huren Londons und zwischenzeitlich die Tochter eines grenzwertig ehrbaren Hauses wie die Lucy, deren Vater der Polizeichef Tiger-Brown ist oder vor allem und stücktragend die Polly, deren Vater Peachum ist, der König der Bettler.

Die Polly wird von Sonja Beißwenger gespielt und gesungen. Ich sah sie als Elisabeth von Valois im „Don Carlos“, als Gerichtsrat Walter in „Der zerbrochne Krug“ und als Amalia von Edelreich in „Die Räuber“. Hier ist sie ein Charleston-Girl wie aus dem Bilderbuch. Und sie singt wacker gegen ihre Vorgängerinnen an, wenn sie das immer wieder geniale, immer wieder grandiose „Die Seeräuber-Jenny“ vorträgt. Gibt es eigentlich eine wildere, eine aus tieferem Herzen kommende Rachephantasie der unterdrückten, ausgebeuteten und vor allem erniedrigten Frau als diesen Song: „Und an diesem Mittag wird es still sein am Hafen // Wenn man fragt, wer wohl sterben muß. // Und dann werden sie mich sagen hören: Alle! // Und wenn dann der Kopf fällt, sag ich : Hoppla!“ Der christlichen Moral, wie jeder anderen, die laut Brecht nach dem Fressen kommt, entspricht das eher nicht, dem wirklichen Leben allerdings ist es arg adäquat.

Friederike Heller ist in vielem in dieser Inszenierung sehr nahe an Brecht. Es gibt Tafeln von oben, es gibt die vor den Szenen gesprochenen Regietexte, selbst der vermummte Sprayer Jens Besser ist mehr Brecht, als sich, wie war das, die Schulweisheit? träumen lässt. Er klettert im Bühnenbild, schreibt Schriften, sprüht Bilder im Outfit eines Terroristen. Eine rasch nicht mehr gewöhnungsbedürftige Idee ist der Einsatz von Jim-Henson-Figuren aus der weltweit bekannten und berühmten Muppets-Show. Statler und Waldorf sitzen in der Seitenloge und werfen unzufrieden wie immer Knallerbsen. In diese Zusatzrolle schlüpfen Antje Trautmann und Thomas Eisen, die sonst das Ehepaar Peachum sind. Die Darsteller der „Platte“, also die kleinen oder gar nicht so kleinen Gangster, agieren gleichzeitig als Sweetum, als Animal, Betty Lou und Oscar the Grouch. Das erlaubt unzählige kleine lustige Details, ohne die Linie des Ganzen zu verdrängen. Ein großer Pappkarton mit Aufschrift ist der auch sichtbare Tribut an den 1990 leider viel zu früh verstorbenen Jim Henson.

Die Brechtschen V-Effekte dienen hier eher als Gag-Lieferanten, die sozialkritische Seite der Oper ist sicht- und hörbar, kann natürlich heute kaum noch naiv in den Vordergrund gerückt werden, weil ihre Kernsätze weitgehend Allgemeingut geworden sind, also nicht mehr aufklärend wirken. Man merkt dem Originaltext im übrigen durchaus an, dass der angeblich so marxistische Brecht hier eher bei Proudhon als bei Marx ist, der an Proudhon bekanntlich wenig gute Haare ließ. Wie vielen Theaterbesuchern aufgeht, dass Brecht in seinem erfolgreichsten Bühnenwerk besonders hinterhältige Klassikerbezüge verbaut hat, kann hier nicht entschieden werden, überdeutlich wird es in seiner eigenen Erläuterung zur Macheath-Rolle: „Die Vorliebe des Bürgertums für Räuber erklärt sich aus dem Irrtum: ein Räuber sei kein Bürger. Dieser Irrtum hat als Vater einen anderen Irrtum: ein Bürger sei kein Räuber.“ Grüße an Schiller und, siehe eben, Proudhon.

Wenn ganz am Ende der reitende Bote, ihn gibt Benjamin Höppner, der sonst vor allem Tiger-Brown ist, die königliche Gnadenbotschaft vom ersten Rang herunter in Richtung Bühne verkündet, dann erschallt doppelt ein lautes „Gerettet!“ und unsere Bio-Festplatte schnurrt zum Schluss eines gewissen Faust, wo auch einer gerichtet und gerettet ist. Macheath ist von Brecht sicher vor allem zum eigenen Vergnügen mit dieser Assoziationsmöglichkeit ausgestattet worden. Und Christian Friedel erscheint zuerst mit dem Schlusslied des Films aus dem Jahr 1930 in einer Luke im Bühnenboden, davor gab es den „Haifisch“ mit verteilten Rollen. Immerhin drei Stunden Spielzeit erlaubt die Regie insgesamt, das ist lang, aber nicht zu lang. Denn fortgesetzt gilt: Theater darf nicht zur Zeiteinheit zwischen Tagesschau und Tagesthemen, sprich zur Neunzig-Minuten-Nummer des Fernsehens, verhackstückt werden.

Mir auffallend, was keinen Anspruch erheben will, es auch anders sehen zu können, ein sehr starker Thomas Eisen. Sebastian Wendelin, am Vortag noch Horatio, hatte seinen Hauptpart als Spelunken-Jenny, was nicht jedem militant heterosexuellen Dresdner Theaterfreund durchweg gefallen haben soll, wie mir hintertragen wurde. Das Bordell, in dem die Huren bis auf eine Männer auf der Schaukel waren, warum nicht? Es gab Zeiten und Länder, da alle Frauenrollen von Männern gespielt werden mussten, weil Frauen nicht auf die Bühne durften, der Gang der Weltgeschichte ist dadurch nicht weit aus dem Lot geraten. Benjamin Höppner, Christine-Marie Günther (Lucy), Sebastian Wendelin und Thomas Braungardt (Filch und Smith) steckten unter den Henson-Köpfen und hatten alle weidlich zu tun. Und kam nicht Antje Trautmann einmal unter viel Beifall als Darth Vader?

In Gefahr, vor Begeisterung tot umzufallen, war ich bei dieser „Dreigroschenoper“ nicht, allerdings finde ich auch keinen Anlass, murrsinnig zu sein (das herrliche Wort prägt in einem Brief an Wieland der morgen wegen seines 250. Geburtstages zu feiernde große Wanderer Johann Gottfried Seume). Das Dresdner Publikum zeigt allein dadurch, dass es vier Monate nach der Premiere das Haus immer noch bis auf den letzten Platz füllt, sein Einverständnis.


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