Kleist: Der zerbrochne Krug, Maxim-Gorki-Theater Berlin

Der Zufall will, dass ich diese Jan-Bosse-Inszenierung genau am dritten Jahrestag ihrer Berliner Uraufführung sehe. Auf dem gesamten Rückweg vom Maxim-Gorki-Theater bis in meine Kantstraße habe ich den Satz geprobt: Dies war der beste „Zerbrochne Krug“, den ich bisher sah. Zunächst meldete sich die bekannte innere Stimme mit der Frage: Und Dresden? Aber mein Satz sagt ja nichts gegen Dresden. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich zuletzt im „Volksfeind“ des Hauses neben Edgar Selge und Franziska Walser saß, während ich sie nun beide auf der Bühne erlebte. Selge zunächst sogar splitternackt mit allen Richter-Adam-Wunden, die ein Herz nur begehren kann. Und gleich mehrfach enthüllte er sein Gemächt, was den zunächst stehenden Frauen filmreife Reaktionen entlockte.

Auch wenn es sich schon herumgesprochen hat bei einer so „alten“ Inszenierung, der „Volksfeind“ nutzte die Grundidee ja ebenfalls: Die erste Viertelstunde erlebten die Zuschauer im Foyer. Nicht alle wussten, was sie erwartete, deshalb gab es ein mähliches Murren, als nach dem dritten Klingelton noch immer nicht der Aufgang zum Parkett ermöglicht wurde. Dann aber, als Ronald Kukulies als Schreiber Licht genau von der Stelle nach dem Richter Adam rief, wo es eigentlich nach oben geht, begriffen die meisten, dass es nicht vergebens geklingelt hatte. Edgar Selge enthüllte das Geheimnis seiner unübersehbaren Verletzungen auf dem Tisch der Garderobe und als er lange genug nackt gewesen war, bekam er einen Mantel mit Garderobennummer 81, der später im Saal noch eine zweite Rolle spielte.

Als die Geschehnisse auf der eigentlichen Bühne ihre Fortsetzung nahmen, waren zunächst noch eine ganze Weile Bühnenarbeiter damit befasst, eine vermeintlich vorherige Dekoration zu entfernen. Stühle wurden hinaus getragen, Girlanden von der Decke entfernt, während der Dialog an der Rampe ablief. Immerhin erwies sich rasch, dass der vermeintliche Bühnenmeister schon Kleistfigur ist, nämlich Veit Tümpel (Wolfgang Hosfeld), der Vater des beschuldigten Ruprecht (Matti Krause). Franziska Walser, im privaten Leben Edgar Selges Ehefrau, ist Marthe Rull, die Klägerin, die die in eine Plastiktüte gesteckten Scherben des zerbrochnen Kruges in einer ganz heutigen Handtasche ins Gericht mitgebracht hat und klimpern lässt.

Die Kostüme, für die Kathrin Plath verantwortlich zeichnet, sind ebenfalls heutig. Das heißt, Ruprechts Hosenboden hängt zum Kapuzenshirt oben ihm unten in den Kniekehlen, Veit-Vater findet das wie alle nicht Hip-Hopper und sonstige Erwachsene idiotisch und rupft ihm die Hose vor der Aussage im Gericht nach oben, was beim Sohn die entsprechenden Klemm- und Verklemm-Effekte hervorruft. Eve (Aenne Schwarz) trägt engst und knapp. Franziska Walser agiert in hellblauem Jeanslook, Schlaghose von einst und also sicher längst wieder modern. Richter Adam ganz in Weiß, Tom-Wolfe-Adaption, Ronald Kukulies trägt die Farbe der Generation Bundfaltenhose für selbständige Versicherungsvertreter.

Wer aus der Paraderolle des Dorfrichters Adam nichts macht, sollte seinen Berufsausweis abgeben. Das bedeutet keine Herabwürdigung der Leistung Edgar Selges, der muss niemandem und nirgends mehr beweisen, was er kann. Wenn er es dennoch auch in dieser Rolle tut, dann unterstreicht das seinen Facettenreichtum, der Schulmeister würde rufen: „Eins, setzen!“ und fertig. Sache der Inszenierung ist es, ob der Adam alle an die Wand spielen oder Götter neben sich dulden darf. Jan Bosse hat vor allem einer Rolle enorm aufgeholfen und zwar auf sehr überzeugende Weise. Er hat den Gerichtsrat Walther in einer Weise spielen lassen (von Jean Pierre Cornu), die einfach umwerfend ist. Diesen Walther sieht man oft ein wenig steif, ein wenig hölzern oder staksig. Hier saß er in der Pause, bis der Schreiber Licht mit Frau Brigitte (Cristin König) zurückkehrte, an der Rampe und hatte, schon alles ahnend-wissend, seinen Mordsspaß mit dem Dorfrichter, der Schaumwein einschenkte und Limburger Käse zum Knabbern bot. Herrlich.

Gleich zu Beginn musste Cornu buchstäblich in die Scheiße treten, Zuschauer vorn durften mit Tempotaschentüchern aushelfen. Später hampelte Cornu vorm Richterstuhl, den Nebenrollen-Oscar des Abends hat er mit allem vollkommen sicher. Sogar einen allerletzten Auftritt erhielt er, der rhythmische Schlussbeifall war eben verklungen, als Marthe Rull noch einmal erschien, weil die Sache mit dem Krug vor lauter Aufklärung der Sache mit dem Fenstersturz in Vergessenheit geraten war. Walther zerrte Marthe buchständlich hinter die Bühne, es sei schon Schluss, bedeutet er ihr. Einige Zuschauer wollten da noch immer nicht gehen, weil sie argwöhnten, es komme vielleicht doch noch etwas. Das waren teilweise die, die Edgar Selges Ruf „Pause“ mittendrin ernst genommen hatten.

Obwohl das Programmheft ausdrücklich keine Pause ankündigte, war etwa ein Drittel des Publikums auf alle Fälle gläubig aufgestanden, viele verharrten lange an den Seitenwänden, ehe der Gerichtsrat dann noch mehr klarmachte, das Spiel werde fortgesetzt. Die Plätze neben mir blieben nun bis zum Schluss frei, die beiden Damen wagten nach ihrem Irrtum womöglich keine auffallend störende Rückkehr mehr. Diese Kalkulation der Regie ging also bestens auf. Dazu gehörte auch die vermeintliche Rückkehr des Mantels Nummer 81 quer durch die Parkettreihen, bis den Mantel dann nach Anweisung des Schreibers Licht einer aus dem hinteren Parkett in den Rang werfen durfte.

Beim „Krug“ sind die Längen seit Goethes Weimarer Inszenierung hinlänglich bekannt, man begegnet ihnen mit Streichungen oder aber man nimmt genau die Längen in besonderer Sorgfalt sich vor. Den keinesfalls nerven müssenden Vortrag über die Geschichte des Kruges durfte Franziska Walser mit Overheadprojektor auf Folien vortragen und erläutern. Diese Szenenidee hat sich mittlerweile bis Weimar durchgekämpft und hilft dort dem Arzt Astrow in seinem Kampf gegen das Waldsterben. Wobei das Komische bei Bosse in dieser Situation zum unfreiwillig Komischen bei Corinna von Rad mutiert. Dafür ist der „Krug“ eben DIE Komödie der klassischen deutschen Bühnenliteratur, während der „Onkel Wanja“ allenfalls komische Substanz hat.

Es wimmelt von vorn bis hinten von kleinen und größeren lustigen Einfällen, manche von ihnen würde der rechtgläubige Brechtianer dem V-Effekt zuordnen („Wieso kommst du heute von da?“), manche sind einfach kommentarlos zu genießen („Es ist Holztag, die Frauen sind in den Fichten!“), der Scheinschluss folgt auf Ruprechts Wüten, da ruft der Gerichtsrat „Vorhang!“ und verbeugt sich zunächst allein mit Frau Brigitte, die, wie bekannt, den Leibhaftigen sah. Edgar Selge, es sei wiederholt, ist ein Dorfrichter, der all seine verrückten Lügen, seine Augenblickseinfälle, seine sich selbst widersprechenden Erklärungen so vorträgt, als spiele nicht nur er den Richter, sondern der eben auch sich selbst. Ich stehe zu meinem Rückweg-Satz.                                                www.gorki.de


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