Gefährdeter junger Mann

Unter den Fragmenten, die Georg Heym hinterlassen hat, befindet sich auch eines mit dem Titel „Spartakus“, als Entstehungszeitraum gilt das Jahr 1908. Der Gesamtplan des Stückes ist aus dem, was Heym ausgeführt hat, kaum zu erkennen, Spartakus selbst nur ein erstes Profil. Doch einer der Fechter, die den Dialog führen, mahnt seinen Schicksalsgenossen: „Du würdest für einen unerzogenen Tölpel gelten, fändest du nicht Gefallen an einem aufgeschlitzten Bauch, aus dem die Därme in den Sand hängen. Die Weiber würden dich für einen unmännlichen Schwächling nehmen.“ Sprach da der Fechter Georg Theodor Franz Artur Heym nicht auch zu sich selbst? War da nicht am 30. Oktober 1907, an seinem zwanzigsten  Geburtstag exakt, seine erste Mensur zu liefern gewesen, jenes Ritual aus der staubigsten Ecke studentischer Tradition?

Heym ist später aus dem Korps Rhenania, dem er in Würzburg beigetreten war, ausgeschieden. Aus den Erinnerungen seiner „Kameraden“ weht uns noch heute die Dunstglocke einer rülpsenden und grölenden Kumpanei entgegen, die ahnungslos kneipte und sich schlug – mit Heym. Und dennoch: der Dichter Georg Heym hat gerade die aufgeschlitzten Bäuche – um im Bilde zu bleiben – immer wieder in Szene gesetzt in seinem Werk: Wasserleichen und Erhängte, Tote auf dem Seziertisch, er hat selbst den grausigen Mord an zwei Kindern, den ein Wahnsinniger einen Luther-Choral singend begeht, provokativ ausgemalt. Ernst Blass nahm das 1912 als das Vordergründige: „Es bleibt nicht der Eindruck von etwas Grausigem. Sondern der Eindruck einer herrlichen Kraft, die Bilder und Klänge schuf.“

Tatsache ist, daß Georg Heym ungeheuren Wert auf den Eindruck legte, den er bei seiner Mitwelt hervorrief. Zutiefst kränkte es ihn immer wieder, wenn sein demonstrativ robustes Gebaren, seine zelebrierte Männlichkeit anderen seine Sensibilität unglaubhaft machte, sie an seiner Geistigkeit zweifeln ließ. Zugleich aber wagte er es nicht, sein anderes Ich zu äußern. Da war er nicht nur Kind seiner Zeit, da war er vor allem gefangen in den spezifischen Herkömmlichkeiten seines Elternhauses: sein Vater mußte, noch im heimatlichen Schlesien, als Staatsanwalt Hinrichtungen beiwohnen, was ihn fast umbrachte, nicht aber aus seinem Beruf warf. Sicher war Georg Heym auch Opfer einer traumatisierenden Muffigkeit des Moralischen, die verlogene Sexualmoral der Vorkriegszeit ist durch Literatur hinlänglich überliefert.

So wunderlich ist es also keineswegs, daß eines der zahlreichen weiblichen Wesen, die seine Tagebuchaufzeichnungen bevölkern, ausgerechnet als „Goldelse“ figuriert. Der Bürgerschreck, der Rowdy Heym, der seine verschüchterte Schwester in größte Verlegenheit bringen konnte, wenn er einen Besucher, den sie zu ihm geleitete, nackt auf dem Tische sitzend empfing, nur mit einer Schärpe bekleidet, er hatte eine Titelfigur der Eugenie John, der Marlitt aus Arnstadt, unauslöschlich im Sinn, wie er, nebenbei, auch bereit war, Karl May öffentlich gegen herabsetzende Kritik zu verteidigen. Es nimmt jedenfalls der Literaturgeschichte nichts von ihrer Würde, wenn einer von Georg Heyms Schreibantrieben tatsächlich der war, den „Weibern“ zu imponieren. Es ist eher ein überaus sympathisches Detail, wenn Heyms Freund David Baumgardt (1890 – 1963) berichtet, was den jungen Dichter nach Erscheinen seines ersten Gedichtbandes „Der ewige Tag“ bewegte: „Die Weiber fliegen“, schwelgte er und eilte durch die Bibliotheken, um zu erkunden, wie denn sein Werk gelesen werde.

Und das war ja schließlich auch ein rasanter Vorgang: am 23. November 1910 druckte der „Demokrat“ sein Gedicht „Berlin II“ ab, am 30. November schrieb der Verleger und Altersgenosse Ernst Rowohlt aus Leipzig in die Hauptstadt: „Sehr geehrter Herr! Durch Ihr Sonett in No. 48 des Demokrats auf Sie aufmerksam gemacht erlaube ich mir ganz ergebenst bei Ihnen anzufragen, ob Sie mir nicht ein Manuskript zum Verlag unterbreiten möchten, sei es nun Lyrik oder Prosa.“ Am 20. April 1911 hielt Georg Heym das erste Exemplar in den Händen. Der Briefwechsel mit dem Verleger offenbart eine ungeheure Geschäftigkeit Heyms: die äußere Aufmachung des Buches liegt ihm am Herzen, er möchte sie gern zugkräftig, dann bombardiert er Rowohlt mit Bitten, Rezensionsexemplare an alle möglichen Redaktionen zu verschicken, sein Freundeskreis erlebt Generalmobilmachung zum selben Zwecke. Schon die nur knapp fünf Monate zwischen dem ersten Brief des Verlegers und dem Erscheinen des Buches auf dem Markt waren Heym zu lang, er drängte, schob die Nachfrage in den Leihbüchereien vor.

Und schon beschäftigte ihn auch der mögliche Prosaband. Nannte er noch in einer ersten Reaktion auf das Angebot Rowohlts seine Prosa ungeeignet, da vorwiegend erotisch, komponierte er alsbald doch an einer Zusammenstellung von Novellen. Wahrscheinlich war sein Vorrat an nutzbaren Texten ganz schlicht zu gering und was er dann in Eile schuf, hielt Rowohlt für unverkäuflich. Heym bringt ein frivoles Textchen ins Spiel (was damals so dafür gelten konnte), erörtert die Chancen für das ganze Buch, falls sich unter den jungen Damen des ganzen Landes herumspräche, wovon in „Kleines Viaticum für eine Dame“ die Rede sei. Der vermeintliche Reißer hat dann dennoch keine Aufnahme gefunden in die Novellensammlung „Der Dieb“.

Schwer wurde es für Georg Heym, mit der Öffentlichkeit zu leben, die er nun endlich gefunden hatte: gierig auf jede neue Rezension wartend, tobte er, wenn er sich verkannt glaubte und es ist höchst interessant, daß er am heftigsten dann reagierte, wenn er in Traditionen gestellt wurde, die er nicht wahrhaben wollte. So erging er sich in den unflätigsten Beschimpfungen, als man ihn nach einer Lesung im „Neopathetischen Cabaret“ mit Schopenhauer in Verbindung bringen wollte und eine Wirkung Stefan Georges auf seine Form dementierte er mit allem Ungestüm. Am 16. Januar 1912 brach er gemeinsam mit seinem engsten Freunde und Dichterbruder Ernst Balcke im Eis der Havel ein und ertrank, erst eine Woche später wurde sein Leichnam geborgen.

Kurt Pinthus hat vielleicht am treffendsten den Bogen nachgezogen, den Georg Heyms Werk beschrieb:  „Von den herkömlichen und leichtfließenden Versen seiner Jugendgedichte stürmte er rasch zu gedrängterer und festerer Formung, zu immer weiter fassender und bilderreicherer Vision, und drohte für kurze Zeit in jenen gehämmerten, platzend gefüllten, relativsatz-überladenen vierzeiligen Strophen zu erstarren. Aber die Ahnung seines frühen Endes lockerte sein Fühlen und seine Form, ein versöhnendes Helldunkel umstrahlt seine späteren Dichtungen, und es entströmten ihm einige Liebes- und Todesgedichte von einer melancholischen Zartheit und milden Musik, wie man sie seit Hölderlin nicht mehr gehört hat.“

Heym sah sich selbstbewußt an der Seite von Grabbe und Kleist, von Büchner und Hölderlin. Er fühlte sich Rimbaud verwandt und Baudelaire, auch Keats. Sein absurdes Ende hat Spekulationen gefördert über sein seherisches Vermögen, die Zeit hat manchen seiner Gedichte eine bestürzende Realität nachgereicht: den Krieg. Georg Heym war ein aufs äußerste gefährdeter junger Mann, sein Gedicht stellte sich gegen seine eigenen Abgründe. Als greiser Dichter, von hilfreichen Händen gestützt auf dem Weg zu einem Präsidium, ist er nicht vorstellbar.
  Zuerst veröffentlicht in: Sonntag Nr. 43 1987, Seite 4 mit dem Untertitel:
  Zum 100. Geburtstag von Georg Heym, nach dem Typoskript


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