Eugen Barbu 100

Einen WIKIPEDIA-Beitrag einseitig zu nennen, weil sein Zeichenbestand zu 92,7 Prozent auf einen einzigen Verfasser zurückgeht, riskiert kaum eine Verleumdungsklage. Es kann ja allenfalls immer bedeuten, dass außer dem Verfasser des Eintrags, der selbstverständlich auch eine Verfasserin sein dürfte, niemand den Gegenstand des Eintrags kennt, was dann wiederum die Frage aufwerfen müsste, warum dann überhaupt ein Eintrag gemacht wurde in dieses gern kritisierte, letztlich aber mindestens ebenso gern befragte Internet-Nachschlagewerk. Im Falle des Rumänen Eugen Barbu, der heute seinen 100. Geburtstag feiern würde, wenn er nicht schon am 7. September 1993 gestorben wäre, ist die Sachlage dennoch mehr als seltsam. Denn der Beiträger mit den hohen Prozenten ist auffallend uninformiert für einen, der die deutschsprachige Fassung bedient. Dafür wartet er mit Aussagen wie „Hofpoet“ und Plagiatsvorwürfen massivster Art auf. Die Aufzählung der Werke nennt immerhin zwanzig Titel, qualifiziert sie mal als Roman, mal als Erzählungen, mal als Reportagen. Ins Deutsche übersetzt wurde demnach nichts von Barbu. Das lässt auf einen (West-)Pseudoexperten schließen, für den Literatur aus dem „Ostblock“ dissidentisch sein musste oder keine war. Dem Mircea Eliade und gar Eugene Ionesco ausreichten als Platzhalter im Register.

Wer dagegen das Pech hatte, in der zweiten deutschen Diktatur aufwachsen zu müssen, dem kann nur schlecht entgangen sein, falls er sich denn überhaupt für Literatur interessierte, dass zwei DDR-Verlage (Volk und Welt Berlin und Verlag der Nation Berlin) zwischen 1963 und 1985 immerhin fünf Bände Barbu publizierten mit insgesamt 2240 Druckseiten. Fürs Rumänische war in der DDR meist Eva Behring verantwortlich, die 1994 in Konstanz im dortigen Universitätsverlag als eine Art Summe ihres Wirkens eine „Rumänische Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart“ veröffentlichte, 316 Seiten stark. Im Register der Büchersammlung meiner Eltern fand ich die beiden Romane „Der Fürst“, an den ich mich optisch noch gut erinnern kann, und die „Die Woche des Narren“. Beide Bände sind in einem anhaltinischen Bücher-Dorf gelandet mit mehr als 3000 weiteren, weil sie neben meinen eigenen 12.000 Büchern einfach keinen Platz mehr gefunden hätten. So geht es zu, profan, ganz ohne höhere oder niedere Motive. Systemnähe wäre mir kein Argument, zumal jüngere mediensoziologische Erhebungen bekanntlich ergaben, dass das gesamte öffentlich-rechtliche System in Deutschland heftigst zum Rot-Grünen tendiert, am krassesten bei WDR und RBB. Auch Shakespeare und Moliere waren systemnah und beide klauten bei anderen.

Wem sich an dieser Stelle ein Protestschrei entringen möchte, möge ihn kurz auf der Zunge liegen lassen. Weder will ich Barbu mit Shakespeare noch Shakespeare mit Barbu vergleichen. Ich erinnere nur gern daran, dass Literatur über Jahrhunderte nach Regelpoetiken verfasst wurde, ein Drang nach Originalität außerhalb der Regeln sich von selbst verbot. Die größten Griechen haben in unmittelbarer Folge Ödipus-Dramen oder Elektra-Dramen verfasst, ohne dass ihnen jemand jemals vorgeworfen hätte, sie hätten eine Fußnote zu ihren Quellen einbauen müssen. Es ist keineswegs üblich, in historischen Romanen Quellen zu nennen, eben weil es Romane sind. Es ist auch kein Argument gegen einen Autor, wenn dieser in seiner Biographie Schul- und Studienabbrüche vorzuweisen hat. Da könnten wir über viele Politiker reden, die nichts gelernt haben außerhalb der Sprossenwand ihrer Karrieren und dann, um das Maß zu füllen, ausgerechnet Doktor sein wollen (Doktorin inklusive) mit einer Arbeit, die sie kaum selbst verfassten (wie auch). Dass Schriftsteller hohe Ämter inne haben, spricht auch nicht per se gegen sie. Wie umgekehrt ein Ausschluss aus dem Schriftstellerverband nach 1990 nichts belegt. Systemwechsel sind mit massenhaften Erklärungen von Personen zu Unpersonen verbunden; wer für etwas galt, war es keineswegs automatisch auch.

Eva Behring im Jahr 1986: „So ging es nicht mehr in erster Linie um die minutiöse Rekonstruktion bestimmter historischer Prozesse und Fakten, sondern um die Darstellung größerer Zusammenhänge, allgemeiner Grundzüge einer Epoche und ihrer Repräsentanten für die aufgeworfenen Fragen. Einen ersten, von der literarischen Öffentlichkeit als provokativ empfundenen Versuch in diese Richtung machte Eugen Barbu (geb. 1924) mit seinem Roman „Princepele“ (1969; Der Fürst 1981). In ihm wird die Fanariotenzeit des 18. Jahrhunderts in ihren allgemeinsten Zügen heraufbeschworen, die Hauptgestalt, angelegt als Prototyp des fanariotischen Herrschers, ist eine durchgängig fiktive Schöpfung, die alle Charakteristika der damaligen Fremdherrschaft über das rumänische Volk verkörpert.“ Fanarioten waren ursprünglich Griechen aus Istanbul, die genannte Zeit lag zwischen 1711 und 1821. Details können hier nicht vermittelt werden. Genannter Roman erlebte zwei DDR-Auflagen, was bei Literatur aus den „Bruderländern“ eher selten war. Was Eva Behring weiter schreibt, kommt manchem Kenner von DDR-Literatur vielleicht bekannt vor. Debatten, ob negative Helden im Mittelpunkt von Büchern stehen dürfen, waren offenbar systemimmanent mitten in allem Kult um den positiven Helden. Schon seit Gorki.

„Schockierend und neu erschienen an diesem Roman zum Zeitpunkt des Erscheinens der freie Umgang mit dem geschichtlichen Faktum, das aktualisierende Aufarbeiten des gewählten Stoffes und die Wahl eines Protagonisten, mit dem sich das nationalpatriotische Bewusstsein des Lesers nicht identifizieren konnte. Alle diese Faktoren erwiesen sich bei der Rezeption des Romans jedoch als stimulierend, denn er bezog seinen Publikumserfolg aus der Authentizität der historischen Atmosphäre, der differenzierten Darstellung einer historisch negativ zu bewertenden Persönlichkeit und aus seinen aktualisierenden Bezugnahmen. Die Literaturkritik bezeichnete dieses Vorgehen, das sich in den siebziger Jahren immer mehr durchsetzte, als „interpretative Methode“, die sie dem stärker angewandten Rekonstruktionsmodell der vergangenen zwei Jahrzehnte entgegenstellte.“ (Eva Behring: „Rumänische Literatur heute. Trends in den siebziger Jahren“) Hofpoeten schreiben, sollte man meinen, ohne rumänische Verhältnisse kennen zu müssen, schockierende Romane in der Regel eher selten. Dann wollen wir, obwohl Vergesslichkeit unseren Kardinaltugenden zugehört, nicht vergessen, dass der Diktator nebst Gattin Elena, den sie dann wie einen räudigen Hund nach einem Witz von Verfahren vor laufender Kamera erschossen, lange unser Lieblingsdikator war.

Er erhielt den höchsten Orden der Bundesrepublik Deutschland alten Zuschnitts, er besuchte die Königin Elisabeth und so weiter und so fort. Heute würden wir Erdöl von ihm kaufen. Weil es kein russisches wäre. Damals nahmen wir alles von ihm, weil er sich von Moskau distanzierte. Wem das alles bekannt vorkommt, muss sich nicht schämen. Auch wenn Vergesslichkeit eine Tugend ist, heißt das nicht zugleich, Erinnerungsvermögen sei eine Schande. Wahrscheinlich ist es gar nicht so verrückt, bei Gelegenheit eines Hofpoeten, der eher für Prosa bekannt wurde, über alles zu reden, nur nicht über ihn. Auch Politiker antworten nie bis selten auf die Frage, die ihnen gestellt wird. Der letzte große Fall von Hofpoesie mitten in der Demokratie hieß Amanda Gorman. Da wurde sogar von vermeintlich ernsthaften Hirnen die todernste Frage bedacht, ob weiße Menschen ihr Gedicht übertragen dürften. Wer Amtseinführungs- und SuperBowl-Gedichte verzapft, welchem unserer ach so abgeklärten Basis-Theoreme entspricht sie (er) am wenigsten? Eine Preisfrage ist das nicht. Doch ganz ohne Barbu geht es bei Barbu schließlich doch nicht: 1969 erschien in der DDR die Erzählung „Eine Handvoll Aprikosen“. Darin fragt ein Begleitsoldat den Häftling: „Ihr Kommunisten scheint ehrliche Leute zu sein, warum verabscheut man euch nur so?“ Das spricht gegen sich, scheint es.

Das Dumme ist nur, dass dieser Kommunist, der wegen Sabotage in einer Munitionsfabrik zu zehn Jahren Steinbruch verurteilt wurde, nicht flieht unterwegs, weil er weiß, dass Wachsoldaten deswegen schon zum Tode verurteilt wurden. Er begründet, warum er nicht flieht, so: „Das Leben eines Menschen steht auf dem Spiel, mit dem ich die Zigarette geteilt habe.“ 1985 erschienen die beiden sehr kurzen Erzählungen „Das Gras“ und „Die Bräute“. In „Das Gras“ gibt es einen Heiducken namens Amza. Dieser Amza erinnerte mich an einen Film, den wiederum meine tapfere Suchmaschine sofort aus den Tiefen ihres Wissens zauberte. Der Film hieß in der DDR „Amza, der Schrecken der Bojaren“, Regie Dinu Cocea, Rumänien 1965. Da unter den Buch-Autoren für den Film sich Eugen Barbu findet, folgerte ich messerscharf, dass der Amza seiner kurzen Geschichte genau dieser Amza ist. Damit finden wir uns in der Zeit um 1800. Am Schluss lässt Barbu seinen Helden Gras mit den Zähnen ausrupfen, nachdem er die weidenden Pferde mit roher Gewalt vertrieb. In „Die Bräute“ steht ein Mann im Mittelpunkt, der drei Menschen auf dem Gewissen hat und sich deshalb verbergen muss. Er lebt an der Donau und sieht Treibgut im Wasser: Ganze Kirchen, eine Windmühle, Ikonen, Chorgestühl, alles treibt vorbei. Und auch 19 Mädchenleichen.

„Die letzte und allerschönste, eine stattliche Braut mit knöchellangem Haar, zog Ioachim, der Strauchdieb und Verrückte, der Welt seit vielen Jahren fern, ans Ufer und lebte mit ihr ein paar Tage, bis sie anfing zu verwesen.“ So endet die Geschichte. Kaum weniger makaber nimmt auch „Im Regen“ ihren Verlauf. Hier werden, weil sie während eines starken Regens nicht aufhörten, eine Wiese zu mähen, angewiesen auf den Tageslohn, drei Brüder vom Blitz getroffen. Einer stirbt gleich, einer bald und der dritte, der jüngste, noch keine 18 Jahre alt, als letzter. Alle drei werden von den Dorfbewohnern bis zu den Schultern in die Erde gegraben, der Tote, der Sterbende und der jüngste, der scheinbar die Chance hat, zu überleben. Gesellschaftskritik ist da keine, auch ein Lob des Kommunismus nicht, obwohl von Kommunisten die Rede geht, die Land enteignen und dann aufteilen wollen. „Er redete ununterbrochen, nur um nicht zu merken, dass die Kiefer ihm gefroren wie bei einer großen Kälte.“ Dann stirbt er. „Wie jedermann weiß, altern die Lahmen früh.“ So Eugen Barbu gleich zu Beginn dieser Geschichte. Ich wusste es nicht. Ich wusste auch nicht, was Mamaliga ist. Dank eines toten Hofpoeten weiß ich es nun und werde es kosten, wenn ich im kommenden Jahr erstmals in meinem nun doch schon recht langen Leben nach Rumänien reise.


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