Tagebuch

21. Februar 2019

Die Himbeeren, die ich mit der Kuchengabel aus ihrer Plastikschale hole, entstammen einem sicheren Herkunftsland: Marokko. Würde ich sie zurücksenden, wären sie dennoch von der Todesstrafe bedroht, was an ihrer Verderblichkeit liegt. Seit meinem ersten Jungdiabetiker-Kurs weiß ich um die Bekömmlichkeit der Him-, verglichen mit anderen Beeren, weshalb ich mich ihnen gegenüber von meiner unersättlichen Seite zeige. Kurt Eisner hielt am 3. Januar 1919 in der Sitzung des Provisorischen Nationalrats eine Rede zum Thema „Die Stellung der revolutionären Regierung zur Kunst und zu den Künstlern“. Sieben Wochen später war er tot. Erschossen am 21. Februar von Anton Graf Arco auf Valley. Auf ihn schossen Eisners Leibwächter ihrerseits, er überlebte schwer verletzt auch dank einer Notoperation durch Dr. Ferdinand Sauerbruch, den wir derzeit in der Serie „Charité“ von Ulrich Noethen gespielt erleben. Vor seinem Skalpell, sagt man, waren alle gleich.

20. Februar 2019

Wenn ein Teil einer sich selbst gern „die Größte“ nennenden vermeintlichen Lokalzeitung mit den Titeln ihrer irreführend (bei allen Zeitungen freilich) „Bücher“ heißenden Teile konstant so etwas wie Etiketten-Schwindel betreibt, dann ist das vielleicht zu beklagen. Früher waren Ilmenauer mit zu viel Arnstadt in ihrer Zeitung jedenfalls unzufrieden (und umgekehrt), heute kommt die zweite  Seite fast ganzseitig mit Mühlhausen. Man muss tapfer sein. Immerhin, ich hatte mir am Vormittag den Missmut vertrieben mit Ulrich Roski auf YouTube, las etwas Karl Scheffler, etwas Gabriele Tergit, dachte anderthalb Sekunden an Sarah Kane, die vor 20 Jahren starb, an Brigitte Reimann, die es vor 46 Jahren tat. Und Christian Pfeiffer mit drei f ist weit weg von jeder Feuerzangenbowle heute 75 geworden. Er ist in die deutsche Dödel-Geschichte eingegangen mit seiner Nachttöpfchen-These zur Erklärung der DDR-Wesensart. Sein Denkprodukt Scheiße zu nennen, liegt auf der Hand.

19. Februar 2019

Wer einen Schwager hat, der ihm angelegentlich als kleine Beigabe zu einer gemeinsam bestellten Weinlieferung einen soliden Topf Kartoffelsuppe a la Oma Hilde liefert, mit Würstchen, mit dem frischen Sauerkraut, der wünsche sich und haargenau diesem Schwager ein langes Leben. Andere sind am 19. Februar gestorben: Umberto Eco, Harper Lee, Friedensreich Hundertwasser, Knut Hamsun, André Gide und natürlich als Ideengeber für das Sterben an diesem Tag: Georg Büchner. Mit den Geburten klappte es 1945 bei Thomas Brasch, zehn Jahre später bei Siri Hustvedt und vor vier Jahren mit einem Bürger männlichen Geschlechts, dessen Identität hier dem Datenschutz weiterhin unterliegt, den ich, so die Umstände es verfügen, bald aus einer Einrichtung abholen werde, die mit dem Kürzel KITA bezeichnet wird im gesamtdeutschen Sprachgebrauch. Mit Finsterbergen telefonierte ich heute, eine sehr freundliche Dame kannte gar meinen Cousin Bernd.

18. Februar 2019

Keine „Ratten“-Kritik in den Zeitungen, ich habe noch immer die Chance, als erster öffentlich zu sein, obwohl mich das kaum mehr interessiert. Tragikomödien nach Trauerfeiern sind keine gute Psychotherapie. Immerhin denke ich über Menschen nach, die Gerhart Hauptmann nicht mögen und sich dennoch Stücke von ihm anschauen. Meine Karl-Kraus-DVD mit vollständiger „Fackel“ in zwei Formaten zeigt nach langer Auszeit wieder einmal ihre Dienstbarkeit, sie liefert mir einen Text von Berthold Viertel aus dem Jahrgang 1911. Was wäre das früher für ein Aufwand gewesen. Die Fernsehzeitung kündigt einen Zweiteiler an, der in die DDR 1988 zurückführt. Dabei ist von einem Kreisparteileiter die Rede, den es in jener DDR nie gab. Wohl allen Drehbuchautoren, allen Textern und Redakteuren, die mangels Ahnung nie merken, wie miserabel manchmal Recherchen sind. 1988 regte sich auch niemand mehr auf über Westfernsehen, man baute Kabelanschlüsse. Wegen RTL.

17. Februar 2019

Bisweilen bekommt meine Tankstelle von einer Zeitung kein einziges Exemplar. Das Geheimnis hat sich mir noch nicht entschlüsselt, wie das funktioniert. Manchmal geht ganz Ilmenau leer aus, dann liegt es an der Logistik des Grossisten, erfuhr ich. Nachlieferungen sind schwierig, also eigentlich unmöglich. Gestern fand ich noch Zeitungen mit der farbigen Todesanzeige, innen das Prospekt eines Reiseveranstalters aus Finsterbergen. Wann war ich zuletzt dort? Als mein Onkel Werner noch lebte, der Bäcker, der von Mühlberg über Schwabhausen schließlich dort landete, um am Backofen zu sterben? Er züchtete Riesenschecken, so etwas haftet im Gedächtnis, denn nie vorher hatte ich Kind derart riesige Kaninchen gesehen. Die WELT von gestern, wegen eines Geburtstagskindes im Gästebett erst heute gelesen, vermeldet die Insolvenz von KNV. Was mein gar nicht so schlechtes Gewissen entlastet, den neuen Vertrag mit dem Buch-Großhändler nicht unterschrieben zu haben.

16. Februar 2019

Als anno 1967 neun Delegierte der Polytechnischen Oberschule Gehren mit Namen „Thomas Müntzer“ zur Erweiterten Oberschule in Ilmenau gingen, gab es weder eine Frauenquote, noch wurde auch nur an eine solche gedacht. So gingen denn sieben Jungen und nur zwei Mädchen aus der Dimitroff-Straße in Gehren für vier Jahre zur Goetheschule in der Herderstraße. Vier der sieben Jungen leben nicht mehr, den vierten, meinen Freund Frank Müller, haben wir gestern verabschiedet für immer. Fast 14 Jahre sind vergangen seit der Trauerfeier für Reinhard Escher, ebenfalls in Gehren. Und ich denke natürlich auch an Werner Dreßel und Jürgen Minner. „Es werden immer mehr Gräber, die wir beim nächsten Klassentreffen besuchen müssen“, sagte jemand von denen, die im vorigen Jahr nur meine Gehrener Rede als Videobotschaft zu hören bekamen. Nur zwei Jahre trennen uns noch vom Jubiläum 50 Jahre Abitur. Frank wird nicht mehr dabei sein, leb wohl, Alter.

15. Februar 2019

Wenn ein Kritiker in einer Besprechung seinen Lesern mitteilt, dass der Polier John in Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ Arbeit als Mauer in Hamburg gefunden habe, dann meint er keineswegs, John stehe in Altona auf der Bühne im „Sommernachtstraum“, er hat einfach nur ein R vergessen und das eingesparte Korrektorat konnte dies nicht feststellen. Selbiger Kritiker wusste auch, dass das polnische Dienstmädchen im Drama ein Kind von einem verlassenen Liebhaber bekommt, was auch ein vorhandenes Korrektorat wohl kaum korrigiert hätte, es hätte allenfalls den Text kennen müssen. Denn nicht etwa der Liebhaber wurde verlassen, sondern eben das Dienstmädchen von ihm. Wegen einer anderen. Lessing, dessen 238. Todestag heute verstreicht, hätte dem Kritiker vielleicht einen Berufswechsel empfohlen, bei allem Verständnis dafür, dass es schön ist, mit zwei Pressekarten in der Tasche im Theater sitzen zu dürfen, ohne dies als Verpflichtung zu empfinden.

14. Februar 2019

Am 14. Februar 1989 rief Irans Ayatollah Chomeini dazu auf, den Schriftsteller Salman Rushdie zu ermorden. Rushdie musste seine zahlreichen Interviews danach an völlig geheimen Orten geben, die jeweils nur die Interviewer kannten. Ob er seine nachfolgenden Bücher in abgedunkelten Zimmern schrieb, damit kein Licht nach außen drang, ist nicht überliefert. Wie der italienische Ayatollah hieß, der Roberto Saviano zum Tode verurteilte, weiß ich nicht, lese allerdings Savianos zahlreiche Beiträge in der ZEIT seither nicht mit wachsendem Interesse, sondern eher selten, zumal die in Venedig schreibende Investigativ-Autorin Petra Reski ja mittlerweile ebenfalls vom Tod bedroht ist. Meine Lieblings-Plastik-Tüte, die seit Jahren jeden Donnerstag das mittlere Wunder vollbrachte, drei Zeitungen quer aufzunehmen inklusive der inliegenden Werbung, ist heute irgendwo auf dem Weg aus meinem Rucksack verloren gegangen. Mangels Gewicht erzeugte sie wenig Verlustgefühl.

13. Februar 2019

Als ich mit Hilfe meines Trittstühlchens aus der obersten Russland-Reihe meinen einzigen und dazu noch sehr schmalen Band Iwan Krylow holte, ahnte ich nicht, dass dies Büchlein mit seinen genau 100 Fabeln seit ewigen Zeiten das einzige ist, das ein deutscher Verlag von dem Mann druckte, den man modisch als eine Art russischen Gellert sehen könnte, was er natürlich nicht war. Aber man nennt ja auch Tomas Espedal den norwegischen Camus, was er natürlich nicht ist. Der Diplom-Physiker Manfred Orlick hat, was seltsam genug anmutet, als einziger heute einen Gedenkbeitrag zum 250. Geburtstag Krylows publiziert. Er bezeichnet die Übersetzung von Ferdinand Löwe (1809 – 1889) als die „noch heute gültige“, was die Frage aufwirft, ob es denn überhaupt andere damit konkurrierende Übertragungen gibt. „Wenn einer nicht versteht zu denken, / Der Platz, den man ihm gab, macht ihn nicht klug.“ („Der Parnass“). Das sieht die Landtagsverwaltung auf alle Fälle anders.

12. Februar 2019

Auch in Ilmenau kann es einmal ein Jahr geben, das mit vorläufiger Haushaltsführung beginnt. Das bedeutet nur, dass Rechnungen einfach etwas später bezahlt werden als in den vielen, vielen Jahren, da die Stadt einen beschlossenen und genehmigten Haushalt hatte wie eben unter unserem alten Oberbürgermeister. Man hofft im Rathaus, es werde wieder. Dass Thomas Bernhard vor 30 Jahren starb, war sein Pech, er erlebte so den finalen Niedergang des real dümpelnden Sozialismus nicht mehr. Der SPIEGEL hat vor zehn Tagen einen Blick in Bernhards Kleiderschrank gewährt und die vielen sichtbaren Krawatten als „mit soldatischer Akkuratesse“ gehängt bezeichnet. In meinem Armeespind hing nie auch nur eine einzige Krawatte. Freilich stehen in meinem Bücherregal für die Österreicher auch nur zwei ziemlich verhärmte Bernhard-Bände, hinzu kommt etwas in einigen Anthologien. Verglichen mit mehr als 80 Büchern von Günter Kunert ist das so gut wie gar nichts.

11. Februar 2019

Manchmal ist Müdigkeit nach einer langen Dresdner Nacht von Vorteil. Die zu schreibende Kritik entspringt keiner spontanen Verärgerung mehr, es bleibt Zeit, die Beobachtungen noch einmal zu überdenken. Heute bin ich sicher, mein erstes Urteil nicht revidieren zu müssen. Meine zwanzig Seiten Niederschrift zu Else Lasker-Schülers „Die Wupper“, auch schon wieder vier Jahre alt,  bleiben verwendbar, nur nicht zum heute anstehenden 150. Geburtstag der Dichterin, wie sie zum 70. Todestag 2015 aus Zeitgründen auch schon in die Warteschleife rutschten. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, sagt das nicht immer dumme Sprichwort. In der Post heute die Lieferung zweier neuer Bücher von Günter Kunert, zu dessen rundem Geburtstag am 6. März ich wenigstens eines gelesen haben will. Darunter sein zweiter Roman, geschrieben 1974/75. Den ersten, „Im Namen der Hüte“, fand ich weit besser als die Kritiker im Westen ihn sahen, allen voran Marcel Reich-Ranicki.

10. Februar 2019

Ehe ich am 15. August 2011 auf meiner fast noch jungfräulichen Website www.eckhard-ullrich.de meine erste Kritik zu einer Inszenierung von „Kabale und Liebe“ veröffentlichte, hatte ich bereits sechs andere Bühnenfassungen und zwei Verfilmungen gesehen, die 1959er in der Regie von Martin Hellberg, die neue in der Regie von Leander Haußmann. Ich wusste also vor der Aufführung des Theaters Plauen/Zwickau bereits, was man in Weimar, in Meiningen, in Düsseldorf, in Rudolstadt und in Berlin an der Schaubühne und im Deutschen Theater daraus gemacht hatte. Und war auf dem Heimweg aus dem Staatsschauspiel Dresden gestern dezidiert der Meinung, das Schiller-Stück noch nie so schwach, teils wirklich jämmerlich, gesehen zu haben. Nie schrieb ich in der Dunkelheit mehr in mein Notizbüchlein, um nur ja nichts von all dem Unfug, den Fehlleistungen, zu vergessen. Mein Freund erklärt, was ich für blöd hielt, als Absicht der Regie. Was nichts besser macht, leider.


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