Tagebuch

16. August 2026

Wohin ich meinen ersten und einzigen Leserbrief an das einstige Zentralorgan Neues Deutschland verlegt habe, weiß ich bis heute nicht. Natürlich hatte ich ihn ausgeschnitten, natürlich hatte ich in meinem eidetischen Gedächtnis den Ort auf der Zeitungsseite im Kopf, nur gefunden weder das Original noch eine Kopie bis heute. Mein Irrtum: Der Artikel, in dem ich auftauchte am 21. Oktober 1970 auf Seite 4, war keiner von Klaus Dieter Schönewerk, sondern einer von Horst Knietzsch. Der war damals der Mann für den Film in der Redaktion. Unten auf der Seite volle sieben Spalten Erik Neutsch, oben ich unter der Überschrift „ND-Leser Partner der Künstler“. Es ging um den DEFA-Film „Netzwerk“, an den ich heute natürlich nicht mehr die geringste Erinnerung habe. Die Suche im Volltext führte auch zu meinen beiden einzigen Buchkritiken für das „Zentralorgan“. Ich graste nach Werner Lindemann, nach Heinz Knobloch und fand einen mir unbekannten Günter Kunert.

15. August 2026

Unsere 179 islamistischen Gefährder (oder sind es 411) können aufatmen. Sie wollen nur da und dort einen Zugbegleiter anstechen oder eine Frau im Sozialamt, manchmal reicht ihnen auch eine Gewerkschaftsdemonstration zum Hineinrasen mit Leihwagen. Gegen den gefährlichsten Mann Deutschlands ist das alles nichts. Er heißt Ulrich Siegmund und will Ministerpräsident werden. Das ist gemeinhin das Streben aller Spitzenkandidaten, aber meist ungefährlich. Der SPIEGEL, der noch immer von seinem Ruf lebt, ein Nachrichtenmagazin gewesen zu sein, knallt das Monster auf die Titelseite (ich stehle diesen Filmtitel von anno dunnemals mit einem gewissen Stölzchen). Nun hoffen alle neuen Klassenkämpfer, dass der alte Effekt, von dem Biermann im 20. Jahrhundert sang: „Das macht mich populäär!“, nicht mehr greift. Das wäre ja auch noch schöner: Wahlkampfhilfe aus Hamburg elbaufwärts. Außerdem wäre Hans Lorbeer heute 125 Jahre alt, klappte leider nicht.

14. August 2026

Man könnte meinen, der 14. August sei kein guter Tag für Schriftsteller der DDR gewesen. Zuerst erwischte es Brecht, das war 1956, unsereiner hatte seinen dritten Geburtstag hinter sich und noch allerhand DDR vor sich. Gestern erst las ich von denen, die alles wissen, weil sie nie hier lebten, dass es Linke und AfD sind, die alles verklären. Vielleicht wäre es ja doch gar nicht so fürchterlich, wenn der eine oder die andere ins Dickliche Tendierende ihr Amt verlieren und eine Neuanstellung finden würden in der Freundschaftsgesellschaft Südbaden-Insel Nauru. Kaum Schaden anzurichten dort. Dann erwischte es Werner Bräunig, den vorher schon die DDR-Literaturpolitik erwischt hatte, es war 1976, unsereiner jung verheiratet. Schließlich Hermann Kant vor zehn im Alter von 90 Jahren. Da war die DDR längst der Ort des Grauens in allen Gedenkreden. Die alte Bundesrepublik hatte sich den Raum Dresden zum Vorbild genommen und war das Tal der Ahnungslosen geworden.

13. August 2026

Als Herbert George Wells am 13. August 1946 in London starb, dachte weder dort noch in Moskau oder Berlin jemand an den Bau der Mauer. Vor allem in Berlin aber dachten sehr viele an den Bau sehr vieler Mauern, denn von solchen waren in vielen Vierteln sehr viel mehr völlig kaputt als ganz. Der Begriff Brandmauer hatte eine andere Bedeutung. Das waren Mauern, die erst gebrannt hatten und dann umfielen. Meine Nachbarin in der Mulackstraße 25 schaute noch 1980 munter aus einem Fenster in der Brandmauer zur Gormannstraße, wo gar kein Fenster hätte sein dürfen, weil es eben eine Brandmauer war. Das wäre 2026 einen pfiffigen Kommentar wert. Unsere Markise zeigt heute ein paar kleine Brandschäden, Löcher und schwarze Stellen im Stoff. Ich war offenbar zwar schnell, aber nicht schnell genug. Dafür bin ich mit vier dünnen Büchern von Werner Lindemann zum Ende gekommen. Ready to Rumble, sage ich mir. Morgen erst einmal Todestage gleich im Dreierpack.

12. August 2026

Premiere: ein Feuerwehreinsatz im Haus. Erst ein Sturmklingeln an der Tür, ich soll sofort meine Markise einrollen, auf dem obersten Balkon brenne es. Ich sehe hellen Qualm, es rieseln bereits schwarze Teilchen nach unten, dann schon hörbar die Löschfahrzeuge im Anrollen. Unsere Straße ist für eine Weile blockiert. Am Ende alles halb so wild, die Tür der WG oben muss aufgebrochen werden, es ist niemand da. So bleibt die Frage, wie ein Blumenkasten sich entzünden kann, wenn keiner da ist, der eventuell eine Kippe darin ausgedrückt hat. Nicht einmal Waldbrände entstehen durch Klimawandel, aber immer könnte es etwas wie Brennglaseffekte geben. Sonnenfinsternis nur im Fernsehen. Die erste Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur will, beinahe hätte ich gesagt: Jugendstunden im KZ Buchenwald, nein, sie will Schulstunden in Opfergedenkstätten des Folgesystems. Als Pflicht. Strukturalist darf man nicht sein angesichts solch froher Botschaften.

11. August 2026

Andre Dubus II war ein amerikanischer Schriftsteller, der vor allem durch seine Kurzgeschichten bekannt wurde. Außerdem zeugte er Andre Dubus III, der an einem 11. September zur Welt kam (1959), was ihm später das Feiern sicher nicht gerade erleichtert hat. Wer feiert schon an Nine-Eleven, wie das so genannt wird bei unseren amerikanischen Erzfreunden. Von II besitze ich wenig, von III nichts, immerhin aber erinnere ich heute an den 90. Geburtstag von II, den er nicht erlebt, weil ihn 1999 ein Herzanfall aus seinem Leben riss. Ich selbst feiere heute auch nicht, besuche aber den Arzt meines Vertrauens, der sich meinen Zähnen mit einem Kontrollblick zuwenden möchte. Den Heimweg nehme ich dann nicht zu Fuß, sondern lasse mich nicht nur bringen, sondern auch abholen. Sonst nähme die Zahl der Fußmärsche definitiv überhand. Und mehr als 10.000 Schritte bezahlt die AOK nicht in ihrer begrenzten Großzügigkeit. Man soll sie auf keinen Fall überfordern.

10. August 2026

Am 10. August 2001 notierte ich eine Krise in mein Tagebuch. Meine verehrten Kollegen, denen ich damals ein verständnisvoller Chef war in nicht selten größerem Maße, als sie mir Verständnis entgegenbrachten, neigten ein wenig zu Arbeitsverweigerung. Ein viertel Jahrhundert ist seither in den Klimawandel geflossen, wenn damals Wälder brannten, war die Welt noch in Ordnung, sie brannten eben. Fünf Jahre später schrieb ich am 10. August die zweite Folge von „Ullrichs Ecke“, sie stand am 11. August im Netz und trug den Titel „Lecker Goethe“. Wieder ein paar Jahre später wurde aus allen Ecken kein Kreis, wohl aber ein Buch und das hieß „Samstag oben links“. Ein linkes Buch ist es nicht geworden. Bisweilen verschenke ich eins, bisweilen verkaufe ich eins. Und ich zwinge meinen inneren Schweinehund, kein Eigenlob zuzulassen. Ich hatte bisweilen Einfälle, die ich mir auch heute recht gern wieder einfallen lassen würde. So geht er hin, der Blick zurück.

9. August 2026

Am 9. August 1962, nur wenige Wochen nach seinem 85. Geburtstag, starb Hermann Hesse. 40 Jahre später veröffentlichte FREIES WORT mit leicht schlechtem Gewissen, denn mein etwas älterer Beitrag zum 125. Geburtstag war ohne Absprache mit mir recht heftig verstümmelt worden, einen zweiten Beitrag von mir: eben zum Todestag. Den setze ich heute zu ALTE SACHEN ins Netz, wohin er gehört. Zuletzt gedachte ich mehrfach meiner Wochen im Pförtnerhäuschen des Naturkundemuseums Berlin im Jahr 1976, auch schon fünfzig Jahre her. Im Schichtbetrieb ließ ich Fahrzeuge ein und aus, und da sich das auf die frühen und die späten Stunden beschränkte, hatte ich viel Zeit. In der las ich Hesse, es war meine erste intensive Hesse-Zeit. Nur Karteikarten mit Zitaten sind mir geblieben, keine anderen Aufzeichnungen. Ungelesen steht bei mir, Schande über mich, José Lezama Limas dicker Roman „Paradiso“ im Regal. Der Kubaner starb am 9. August 1976.

8. August 2026

Heute wäre Birgit Vanderbeke 70 Jahre alt geworden, die ich spät und etwas widerwillig entdeckte. Doch sie starb schon am 24. Dezember 2021 in Südfrankreich. Auf manchen Fotos ähnelt sie ein wenig einer alten Schulfreundin, die drei Jahre älter ist und lebt, was man eigentlich erwartet in diesem Nicht-Alter. Meine Brücke zu ihr trug den Titel „Gebrauchsanweisung für Südfrankreich“, 170 Seiten stark und zu einer Reihe des Piper-Verlages gehörend, die mir bis heute imponiert. Zur Nutzung Südfrankreichs gemäß Gebrauchsanweisung ist es dennoch nie bei mir gekommen, ich leide an einer tief sitzender Beschämung bezüglich meiner nicht vorhandenen Kenntnisse des Französischen, was mich nicht davon abgehalten hat, immer mal wieder hinzufahren. 65 Nächte verbrachte ich seit 1998 in Frankreich, so wenig ist das nicht. Zwischenübernachtungen zuletzt vor allem, wenn es noch weiter gehen sollte. Einige Vanderbeke-Bände erwarten noch meinen Zugriff.

7. August 2026

Der letzte noch lebende deutschsprachige Schriftsteller des Jahrgangs 1926 ist heute 100 Jahre alt. Fast ängstlich schaute ich jeden Tag ins sachsenweite Web, ob da eventuell, aber nein, er lebt noch. Es scheint sogar, als sei ich der einzige, der seiner gedenkt. Seine drei Trompeterbücher las ich nach mehr als sechzig Jahren wieder. Das erste ist unschlagbar. Mit Blick auf einen nächsten runden Geburtstag, von diesem Jahrgang 1876 lebt nun wirklich niemand mehr, nahm ich mir nach langer Pause wieder einmal Theaterkritiken vor, 47 in den einen beiden Bänden, 17 in zwei anderen. Das ist eine Menge, dazu ein Büchlein aus einer Reihe des Erich Reiss Verlages, die Herbert Ihering einst herausgab. Täglich die Erkenntnis, dass es verbrecherische Angriffe auf Infrastruktur und Zivilisten gibt, das sind die russischen, und, dass es gute Angriffe auf Infrastruktur und Zivilisten gibt, die edlen Zielen folgen, das sind die ukrainischen. Zeitig auch mal eine Pipeline dabei, unsere.

6. August 2026

Nie hätte ich gedacht, dass ich mich eines Tages mit Christa Reinig beschäftigen werde und das gar noch sehr intensiv. Nun ist es geschehen, das erste Ergebnis ist heute im Netz zu lesen mit der ehrlich gemeinten Ankündigung: Fortsetzung folgt. Sie gehört halt zum Jahrgang 1926, und mit dem habe ich es in diesem Jahr. Und wenn ich ganz ehrlich bin: ich trage mir schon die ersten Daten für den Jahrgang 1927 in den neuen Kalender, da wird es nicht nur Martin Walser und Günter Grass zu bejubeln geben, die ehemalige DDR schickt ihre Besteller-Autoren Harry Thürk und Wolfgang Schreyer ins Rennen, auch der langjährige Chefredakteur des MAGAZIN, Manfred Gebhardt, ist unter den toten Jubilaren. Mit jedem ist immer Umfeld verbunden, mit Reinig zum Beispiel Peter Huchel oder Anna Seghers, von Verena Stefan hätte ich wohl nie eine Zeile gelesen ohne sie. Ob ich klüger sterbe, weiß ich nicht. Gar nicht sterben, geht leider nicht, auch dümmer würde es so laufen.

5. August 2026

Beinahe hätte ich seiner zu früh gedacht. Man wird halt immer wieder Opfer von Druckfehlern. Er hieß Per Wahlöö und schrieb Schweden-Krimis im Duo. In gedruckter Form werden wohl nur noch Rollator-Fahrer sie kennen, als Verfilmungen mit Kommissar Beck überlebten sie. Gemeinsam mit Maj Sjöwall schrieb er, der heute 100 Jahre alt wäre, nur starb er eben schon 1975 an Krebs. Im Verzeichnis der Bücher meiner Eltern finde ich fünf Titel: Der Mann auf dem Balkon; Der lachende Polizist; Der Polizistenmörder; Alarm in Sköldgatan; Und die Großen lässt man laufen. Warum ich sie selbst in meinem größten Krimi-Lesejahr 1981 unbeachtet ließ, weiß ich nicht mehr, nur noch, dass ich plötzlich geneigt war, über Krimis in der DDR zu schreiben. Wie aus manch anderem ist daraus nichts geworden. Dem Fernseh-Krimi aber bin ich treu geblieben und werde ihn auch wieder genießen, an Sonntagen in Kombination mit Gelbem Muskateller, wenn die Endlospause endet.


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