Tagebuch
2. November 2026
Nur wegen des überraschenden Umstandes, dass ich offenbar nie an einem 2. November etwas zu Ende las, blättere ich in meinen entsprechenden Registern und siehe, die alte Regel gilt: Sag niemals nie. Am 2. November 2016 trug ich „Der Turm“ von Peter Weiss als Nummer 65 des Jahres ein und schrieb dann zum 100. Geburtstag von Weiss am 8. November darüber. Gut 5000 Zugriffe seither erfüllen keinerlei Kriterien für irgendetwas, ich bin aber trotzdem nicht böse. Dieser 2. November bleibt bis heute ein Unikat. Immerhin kann ich mir für kommendes Jahr Hans Erich Nossak in meinen Kalender eintragen, dann ist der 50 Jahre tot und ich muss auf mein Sofa steigen, um an seine paar Bücher heranzukommen. In gewöhnlich schlecht unterrichteten Kreisen wird derweil diskutiert, wie es wäre, wenn in Ankara oder Izmir eine erzkatholische Bürgermeisterin versuchen würde, eine Koalition mit alten PKK-Kämpferinnen zu bilden. Wäre das eine Realsatire?
1. November 2026
Lichterfest in Ilmenau. Wir sind nicht die großen Festgänger, aber heute tun wir es. Schon am Wetzlarer Platz mächtig Betrieb. Gefragt wie immer alles, was es zu trinken und zu essen gibt, ich trinke den ersten Rosé-Glühwein meines Lebens. Es ist der 100. Geburtstag von Günter de Bruyn. Ich schrieb zum 90., ich schrieb zum 99., beides noch zu lesen natürlich und jetzt schreibe ich zum 100., wie könnte ich nicht. Ich bin in Briefbände eingetaucht, in Akademie-Geschichte, Tagebücher, Anthologien von vorgestern. Las Kritiken aller Art, Interviews, Gespräche. Was man halt so macht, wenn man den Ehrgeiz hat, ordentlich zu arbeiten. Und ein sortiertes Archiv besitzt. Seine Parodien las ich inzwischen komplett und bedaure, dass er es beim ersten Versuch bewenden ließ. Im Keller ein Rollbett zum Zusammenklappen mit Matratze, ideal für Aufbettungen, das wohl übrig bleibt. In Berlin würde ich es mit Aufkleber „Zu verschenken“ auf die Straße stellen. Ilmenau ist nicht Berlin.
31. Oktober 2026
Heute wieder dieser Import-Feiertag mit den aufgeschlitzten Kürbissen. Unsereiner freut sich über die gestern eingegangene Rente, die sich dann aber wie stets mit hoher Geschwindigkeit vom Konto wieder entfernt. Ich genieße tagaus, tagein Entsorgungsfreuden: da ein halber Jahrgang Journalist, dort alte Kataloge, die eben noch neue Kataloge waren und nun von ganz neuen abgelöst werden. Wenn ich acht Flaschen jenes Weines nehme, bekomme ich zwei bis vier Gläser dazu, wenn ich zwölf Unterhosen in der Farbe meiner Wahl nehme, bekomme ich zwölf Unterhosen ohne Gläser. Vor 20 Jahren war ich mit Joseph Roth beschäftigt, freute mich der vielen an einem einzigen Tag geschafften Seiten. Vor 25 Jahren war der Reformationstag ein Arbeitstag für mich mit Aussicht auf Sonntagsgeld. Ich erlebte eine schweigende Claudia Nolte in der Werkstatt am Kesselbrunn in Arnstadt, auch unser aller Landtagsabgeordneter schwieg vor sich hin, dann eine leere Redaktion.
30. Oktober 2026
Drei Reisen für 2027 sind gebucht. Die erste noch gestern, die beiden anderen heute nach der Heimkehr vom Zahnarzt. Der frühe Vogel fängt die vorderen Sitzplätze plus Rabatt. Der morgige Feiertag bringt abermals das Zeitungsgeschäft ins Trudeln, denn bei den Katholiken ist kein Feiertag, da erscheinen die Zeitungen, die bei uns nicht erscheinen können, weil bei uns halt die Schotten dicht sind. Die Vertriebssysteme scheitern an der Deutschen Einheit immer noch, nur die einheitlichen Feiertage treiben keinen Keil, weil dann selbst im Westen an den Osten gedacht wird. Alle denken derzeit an Berlin, weil dort das Imperium zurückzuschlagen droht. Küchenphilosophen stellt sich die Frage: Was ist besser: Von Elon Musk unterstützt werden oder von Ibrahim Ibrahim? Manche denken schon: Waren das noch Zeiten, als Beelzebub persönlich den Teufel an die Wald malte, respektive sprayte. Genug Doppelpunkte für heute: Morgen leider keine Sonntagszeitung.
29. Oktober 2026
Zwar habe ich mindestens drei Sendungen im Fernsehen und sechs Ratgeber-Seiten in Zeitungen zum Thema gesehen, jetzt aber ereilt mich die Praxis. Angeblich soll man eine ganze Schublade einfach weg kippen, wenn man ihren Inhalt länger als, sagen wir: zwei Jahre, nicht mehr genutzt hat. Wie verhält es sich mit Säcken in Kellern, die seit 30 oder auch nur 20 Jahren dort unberührt stehen? Weg damit? Weg damit! Ich stoße in Ecken meines Kellers vor, die ich vermutlich seit den frühen 90er Jahren nicht mehr frei sah. Und alles nur wegen des drohenden Sanierungsalptraums drei Treppen weiter oben. Platz schaffen ohne Waffen! In einem Eimer finde ich eine ungeöffnete Bügelverschlussflasche mit Bier. Haltbar bis 2002, lese ich auf dem Etikett, das ich nicht einmal sammeln darf, weil ich den Inhalt der Flasche nicht selbst austrank. Das aber ist die Voraussetzung für jede Aufnahme in die Sammlung. Armes dunkles Bier, wie bist du nur in dein Versteck geraten?
28. Oktober 2026
Während ich darüber nachdenke, ob gängige Klischees etwas wie weiße Schimmel sind, weil ich immer wieder lese, dass irgendjemand etwas unbedingt abseits gängiger Klischees treiben will, fällt mein Blick auf die Orange-Markierung in meinem Kalender: Ulrich Kaufmann wird heute 75 Jahre alt. Böse Zungen, von denen die böseste nicht mehr lebt, sagten ihm nach, er wäre nie geworden, was er ist, wenn seine Eltern nicht Hans und Eva gewesen wären. Als gute Zunge sage ich: ich bin ihm einmal in Erfurt begegnet, als wir auf den Spuren von Harald Gerlach wandelten, er ist mir am laufenden Meter begegnet, wenn ich den PALMBAUM öffnete. Die böse Zunge würde sagen: dort verbreitet er sich eher als er sich vertieft. Das aber ist eine sehr legitime Tätigkeit. Eines meiner vielen Georg-Büchner-Bücher stammt von ihm. Möglich, dass ich in dem einen oder anderen von ihm herausgegeben Buch genannt bin, weil ich einschlägig schrieb: zu Gerlach oder Hans Richter.
27. Oktober 2026
Wer seine Tageszeitung erst zwei oder drei Tage später liest, weil er nicht nur eine auf dem Tisch hat und Wochenzeitungen dazu, den bestraft auch ohne Gorbatschows Votum das Leben. Ich also, der zusätzlich noch die langjährige Lebensgefährtin zwischenschaltet im familiären Lektüreablauf, habe den neunzigsten Geburtstag von Bill Wyman verschnarcht. Was nicht wirklich schlimm ist. Für ihn sowieso nicht, für mich auch nicht. Denn Bill, der Bass-Oldie der Stones, hat seine Band in dem Jahr verlassen, als ich per Myocard-Infarkt beinahe die Welt insgesamt verlassen hätte. Ich kaufte mir damals die erste Solo-CD von Bill und war so radikal enttäuscht, dass ich sie nach dem ersten Hören nie wieder aus dem Regal holte. Es gibt kein Gesetz, dass Bassmen auch Songwriter sein müssen. Derweil wird, wie ich auch verspätet lese, der Krieg für Moskaus Staatskasse zum Problem. Putin kann, anders als Kollege Selenski, nicht auf Dauer-Betteltour gehen landauf, landab.
26. Oktober 2026
Einige erinnern sich: im fernen Japan schwappte ein aufgewühltes Wasser in ein zu nahe ans Ufer gebautes Kernkraftwerk. Das war mehr, als wäre in China ein Sack Reis auf einem Bahnsteig umgefallen. Es brachte Deutschland als weltweit einzigem Land das Atom-Aus, nahm den Gegnern den geliebten Feind, was dazu führte, dass sich deren Gebisse alle in die Kohlewaden bohrten. Sie schwafelten von erneuerbaren Energien, wobei weder Wind noch Sonne erneuerbar sind im Sinne von: jeden Verbrauch aktiv zu ersetzen. Die Tsunami-Paniker des Landes überlegten, wie man den bösen Begriff mit neuem Sinn erfüllen könnte und erfanden den Silver-Tsunami. Das ist einer, bei dem selbst einzelne Solarpaneele auf Kaninchenstalldächern nie in Gefahr geraten. Silver-Tsunami wäre, wenn massenhaft alte Säcke und Säckinnen ihre großen Wohnhöhlen verlassen und kleinere Domizile beziehen. Dummerweise tun sie das nicht, sie bleiben einfach wohnen. Enteignet sie alle!
25. Oktober 2026
Raymond Queneau ist in meinem Franzosen-Regal mit „Zazie in der Metro“ und mit „Stilübungen“ vertreten, was ich nur deshalb erwähne, weil er heute vor 50 Jahren in Paris starb just in meinem Alter. Die „Stilübungen“ waren 1983 für DDR-Leser mehr als gewöhnungsbedürftig, vermutlich sollten wir auch mal an der großen weiten Avantgarde-Welt schnüffeln aus der Distanz. Jetzt, viele Jahre später, beglückt mich Sotheby's mit einem tatsächlich an mich namentlich und persönlich gerichteten Brief mit der Aufforderung, ich möge doch auch mit Sotheby's verkaufen. Das Prospekt zeigt mir, was ich zum Beispiel allein mit meinen Uhren, den Handtaschen meiner Frau oder den sonstigen Kunstobjekten in meiner Nachttischschublade verdienen könnte. Ein handgeschriebenes Geschäftstagebuch aus dem Jahr 1965, Bleistift auf liniertem Papier, könnte ich aus meinen frühen Schaffensjahren beisteuern oder eine Ansichtskartenstatistik von 1964, beides zum Mindestgebot.
24. Oktober 2026
Noch hat niemand, soweit ich weiß, eine Abhandlung über „Die Pfeifenraucher in der deutschen Nachkriegsliteratur“ geschrieben, obwohl es eine wunderbare Gelegenheit wäre, die schreibenden Damen zu ignorieren oder bei Bedarf gar zu diskriminieren. Frauen an der Zigarettenspitze sind Legion, einfach nur rauchende Frauen sowieso, bereits die Zigarre fiele auf wie eine nichtrussische Drohne über dem Polenmarkt nahe Bad Muskau. Noch nie hat ein Neonazi versucht, in Trier das Geburtshaus von Karl Marx abzufackeln, seine Kollegen am anderen Ende des Hufeisens sind da zupackender. Teehäuser brennen vielleicht besser, unsereiner hat da keine einschlägige Erfahrung. Heute ist unsere Nachbarin schon eine Woche tot und doch erfuhren wir es erst gestern zu später Stunde. Mehr als dreißig Jahre Tür an Tür, Balkon an Balkon, Keller neben Keller. Ihr Keller stand manchmal offen, ihre Katze schaute in besseren Zeiten neugierig von ihrem zu unserem Balkon.
23. Oktober 2026
So komisch es klingen mag: zum Autorenjahrgang 1926 gehören auch Günter Mittag (8. Oktober 1926 – 18. März 1994) und Fritz Streletz (28. September 1926 – 24. März 2025), denn sie haben Bücher hinterlassen, die sie sehr wahrscheinlich gar nicht selber schrieben. Was keinerlei weitere Bedeutung hat als die, dass, wenn schon ein einzelner Jahrgang extrem divers daherkommt und zwar als Regel, nicht als Ausnahme, es um so idiotischer ist, immer wieder und immer neu von Generationen zu schwafeln. Dennoch wird es getan. Wider besseres Wissen. Unsere Berliner Wahlsieger, von 75 bis 85 Prozent aller Berlinerinnen und Berliner nicht gewählt, wollen nunmehr nicht mehr den Volksentscheid über Enteignung umsetzen, sondern Wohnungen zurück kaufen. Was interessiert sie der Entscheid, mit dem sie Wahlkampf machten, wenn der vorbei ist? Wohnungen bauen kann jeder Idiot, welche kaufen, die man vor Jahren erst selbst verschleuderte, kaum einer.
22. Oktober 2026
Eine reichliche halbe Stunde dauerte die am Montag vereinbarte Wohnungsbesichtigung. Wir wissen nun präziser, was auf uns Ende Januar zukommen wird. Vor allem unsere Küche wird in stärkste Mitleidenschaft gezogen werden, ein Teil unserer Fliesen wird zum Opfer fallen. Im Esszimmer wird eine Wand nicht mehr dazu passen nach der Strangsanierung. Danach gibt es eine Atempause bis Ende April, ehe alle Zimmer zur Baustelle für neue Heizungsrohre werden. Dreißig Leute werden wochenlang in unserem Aufgang und dann Hausnummer für Hausnummer weiter zugange sein. Die Wohnungstür wird tagsüber offen stehen, die Haustür auch, die Kellertüren auch. Hoffentlich zieht es nur wie Hechtsuppe und nicht Diebe an. Immerhin: als Inhaber zweier Bäder und zweier Toiletten werden wir privilegiert sein: wir können, wenn wir müssen und brauchen den Pelzmantel nicht erst überzuwerfen, um das Klo drei Aufgänge weiter aufzusuchen bei Bedarf.