Fanny Lewald besucht Heinrich Heine

Als ich Fanny Lewalds „Erinnerungen an Heinrich Heine“ zum ersten Mal las, galt mein Interesse ihm, nicht ihr. Über ihn hatte ich Vorträge zu halten, sie sollte Material liefern, das nicht jedem Google-Nutzer gleich vor die Augen purzelt. Folglich fiel zuerst auf, dass die Erinnerungen nicht eben als Fundgrube zu gelten haben. Obwohl sie das eine oder andere Zitat überliefern, das mehr als nur periphere Aufmerksamkeit verdient. Beim zweiten Lesen aber erweist der späte Text eine Qualität, die natürlich auch im ersten Anlauf nicht verborgen blieb, aber ausgeklammert wurde: er spiegelt ihre Verfasserin in den Augen Heinrich Heines und verlangt Vertrauen. Denn ob Heine die Lewald tatsächlich so sah und beurteilte, wie sie es von ihm überliefert, ist nicht nachzuprüfen, auch die wenigen Briefe von ihm an Dritte, in denen sie erwähnt wird, verifizieren nicht einfach, was sie rückblickend behauptete. Wirklich schlimm aber ist das nicht. Fanny Lewald, das lässt sich reichlich drei Jahre nach ihrem 200. Geburtstag und am Tag ihres Todes, sie starb am 5. August 1889 in Dresden, guten Gewissens behaupten, ist immer noch interessant genug, sie nicht glatt zu vergessen.

Ich stoße zuerst, es tut mir leid, auf einen Plagiatsfall, von dem ich nicht weiß, ob ich der Erstentdecker bin, ich lege ausdrücklich keinen Wert darauf. Barbara Hahn besprach für die ZEIT, Ausgabe 43/2000, den Briefwechsel zwischen Fanny Lewald und Carl Alexander von Sachsen-Weimar. Sie schloss ihre Kritik so: „Ein höchst aufschlussreiches Dokument einer Umbruchszeit also. Allerdings findet sich nirgendwo ein Hinweis darauf, dass das Buch der Nachdruck einer Ausgabe von 1932 ist. Rudolf Göhler, der Herausgeber von damals, wird zum Verfasser von Fußnoten degradiert. Dabei war seine Einleitung weit informativer als die, die Eckart Kleßmann in dem leicht süffisanten Ton vorlegt, der Schriftstellerinnen gegenüber immer noch gerne angeschlagen wird.“ Ein knappes Jahr später heißt es bei Christina Ujma (www.literaturkritik.de): „Es ist erstaunlich, dass der Verlag die ursprünglich von Rudolf Göhler herausgegebene Briefausgabe aus dem Jahr 1932 einfach nachdruckt, ohne auf diesen Umstand zu verweisen. Zwar werden die Anmerkungen Göhlers übernommen, sein Vorwort wurde jedoch gestrichen. Das ist schade, denn Göhler war in Werk und Vita Fanny Lewalds sehr bewandert und hatte es im Unterschied zu Kleßmann auch nicht nötig, sich des herablassenden Tones zu bedienen, den Germanisten Autorinnen gegenüber manchmal noch anschlagen.“

Zwischen beiden verdächtig ähnlich klingenden Aussagen liegt der „Preissprung“ von 58 DM für 460 Seiten zu 29,70 Euro. Ich habe weder in der alten noch der neuen Währung zugegriffen, will aber gern aus einer älteren Quelle zitieren: am 23. November 1866 überraschte Fanny Lewald  den Großherzog in Weimar mit folgendem in Rom zu Papier gebrachten Satz: „Erst wenn das Papsttum gestürzt wird, werden wir aber das Mittelalter als abgeschlossen und den Beginn der neuen Zeit als herangekommen betrachten dürfen.“ Ein katholischer Herrscher wäre wohl in Atemnot geraten darüber. Knapp zweieinhalb Monate später, am 6. Februar 1867, führt sie, immer noch aus Rom, ihr Geschichtsbild vor. Trotz des unfassbaren Elends, das sie sah, fühlt sie sich über ihre persönliche Schranke gehoben, „weil man unter einem schönen Himmelsstriche zu einem so großen Überblick, d. h. zu einem so plastischen Anschauen der Weltgeschichte gelangt wie sonst nirgend.“ Und 1878, gut zehn Jahre später, als sie wieder in Rom ist, ist nicht nur Italien geeint, sondern auch Deutschland. Am 15. Januar verrät sie: „Ich werde immer deutscher, je mehr und je öfter ich unter den Romanen lebe.“ Das ist ihr angekreidet worden, sei heute aber übergangen.

Heinrich Heine hat sie in den Jahren 1848, 1850 und 1855 jeweils in Paris getroffen, immer in einer anderen Wohnung, die letzte, wie die Besucherin anmerkt, erst über 105 Stufen zu erreichen. Es ist also irreführend, wenn gelegentlich die Pflege eines literarischen Salons in Berlin und die damit verbundenen Bekanntschaften der entsprechenden Namensgalerie auch Heine zuordnen, der definitiv nie in Berlin mit Fanny Lewald und Adolf Stahr, ihrem späteren Gatten, zusammentraf. Fanny Lewald erlebte Heine nur als kranken Mann, zuletzt schwer leidend, aber mit dem alten Humor. Es bleibt verblüffend, wenn nicht wenige vielseitige Heine-Darstellungen den Namen Fanny Lewalds nicht wenigstens ein einziges Mal erwähnen, die Biographin Kerstin Decker findet sich da in trauter Reihe mit sonst freilich ausschließlich männlichen Ignoranten. Immer erwähnt ist August Lewald (14. Oktober 1792 bis 10. März 1871), der bisweilen als Cousin von Fanny Lewald vorgestellt wird, obwohl sie ihn selbst den Cousin ihres Vaters nennt. Bei Rolf Selbmann im Killy ist Fannys Vater David der Onkel Augusts, was den wiederum zum Neffen machen würde. Schwierige Verwandtschaftsverhältnisse also auf die ersten zwei bis vier Blicke.

Nach Paris war Fanny Lewald 1848 gekommen, um der Revolution nahe zu sein, um George Sand und Heinrich Heine bei der Gelegenheit zu treffen. Die Revolution war eben abgeebbt, als sie am 10. März eintraf, George Sand war auf dem Lande, aber bei Heine hatte sie mehr Glück. Ihre Freundin Therese von Bacheracht (4. Juli 1804 bis 16. September 1852), die Heine noch aus Hamburger Salontagen kannte, riet, ihn ohne Voranmeldung aufzusuchen, was dann auch bestens funktionierte. Sieben Tage sind seit der Ankunft in Paris vergangen und Heine entschuldigt sich erst einmal wegen seines wuchernden Bartes. Als Dreitagebart wäre er heute höchst modisch, damals fand der Dichter genau diese drei Tage einer eigenen Erwähnung wert. Dann aber sagte er etwas, über das er sich sofort selbst so freute, dass er „hell und heiter“ lachte, wie Fanny Lewald später festhielt. Er sagte: „Wie soll ein Mensch ohne Zensur schreiben, der immer unter Zensur gelebt hat? Aller Stil wird aufhören, alle Grammatik, alle gute Sitte!“ Was 1848 wie ein leicht makaberer Scherz klang, hat sich in der späteren deutschen Literaturgeschichte als durchaus substanzhaltig erwiesen. Freiheit hat auch einen Effekt von Kunstverlust, nicht als einzigen Effekt natürlich.

Heines Gattin scheint Fanny Lewald „von der Art, wie man sie hier in allen Magazinen als Dame du Comptoir findet“. Er beklagt sich, dass die erfragte George Sand sich schon lange nicht mehr bei ihm meldete: „Einem gesunden Mann darf man untreu werden, denn der kann sich trösten; einen Sterbenden verlassen ist unwürdig!“ Auch hier biegt Heine wieder in ein Lachen ab, er will offenbar keinen Schatten auf die gute Gesprächsstimmung legen, man redet mehr als eine Stunde miteinander und beim Abschied wendet sich der Charmeur an Therese von Bacheracht: „Was sind Sie schön für eine Schriftstellerin!“ Fanny Lewald kommentiert leicht humorlos. „Das war nun eine bedenkliche Schmeichelei und recht in seiner Weise.“ Heute würde kaum eine schreibende Frau das wohl so dennoch milde sehen, Macho Heine wäre Gegenstand von Emma-Leitartikeln ob solcher Späße. 1850 ist Heine in der Rue d'Amsterdam zu finden. Fanny ist jetzt in Begleitung von Adolf Stahr und Moritz Hartmann. Jetzt spricht Heine ausführlicher über seine Leiden und wie er ihnen entgegen tritt: mit Opium: „Es ist mehr Verwandtschaft zwischen Opium und Religion, als sich die meisten Menschen träumen lassen.“

Wer weiß, dass Heinrich Heine mit einem gewissen Karl Marx befreundet war, wer außerdem weiß, dass in einer Frühschrift des nämlichen Marx, in der „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ das berühmte Diktum von der Religion „als Opium des Volkes“ steht, der könnte auf die Idee kommen, dass Heine diese Stelle kannte und so wichtig nahm, dass er sie in abgewandelter Weise noch immer zitierenswert fand. Vielleicht aber ist es auch nur eine zufällige Übereinstimmung, auf alle Fälle hat Fanny Lewald das nicht kommentiert und von Marx wusste sie vermutlich nicht viel, wenn überhaupt etwas. Heine zu seinen Gästen: „Wenn ich meine Schmerzen nicht mehr ertragen kann, nehme ich Morphium, wenn ich meine Feinde nicht totschlagen kann, überlasse ich sie der Vorsehung.“ Heines Schmerzbehandlung erfolgte über offene, auch künstlich offen gehaltene Wunden, den Progress seiner Krankheit hielt alles dennoch nicht auf. Die Literaturgeschichte nennt diese Zeit die der „Matratzengruft“, das wissen sogar Menschen, die nie eine Zeile Heine gelesen haben.

Breiteren Raum nahm im Gespräch 1850 offenbar Fanny Lewalds „Die Abenteuer des Prinzen Louis-Ferdinand“ ein, Heine interessiert sich für die dort zu findende Darstellung der Rahel von Varnhagen und seine Besucherin gibt Auskunft, wie sie Ende 1846 für den geplanten Roman zu recherchieren begann, auch mit Varnhagen von Ense Kontakt aufnahm. Sie resümiert ihre Erfahrungen mit den so genannten historischen Romanen und trägt sogleich ein wenig eigene Theorie dazu vor. Heine reagiert „mit derselben satirischen Höflichkeit, die er früher gegen die schöne Therese bewiesen“. Und das hört sich dann so an: „Sie haben viel gedacht, Sie denken überhaupt viel, und Sie haben doch das Herz einer Frau! Das überrascht mich!. ... Im allgemeinen ist Denken nicht der Frauen Sache.“ Da hat Fanny Lewald dann doch lieber das Thema gewechselt und ist zu gemeinsamen Bekannten übergegangen. Immerhin ging es noch um ihren Roman „Diogena“, in dem sie sich über die berühmte Zeitgenossin Ida von Hahn-Hahn lustig gemacht hatte, was Heine natürlich gefiel. Als er sie eine Schönseherin nennt, verteidigt sich Fanny Lewald  mit einem Bekenntnis, das man allen entgegen halten könnte, die ihr spätere Versöhnlichkeiten vorwerfen und inkonsequente Gedankengänge.

Sie zitiert ihren Mann Adolf Stahr zu diesem Zweck: „Warum seht ihr zuerst die Fehler? Seht das Gute und Schöne; es kommt mehr dabei heraus.“ Heine hat sich bei allem dennoch sehr wohl gefühlt, an seinen Verleger Campe schrieb er am 28. September 1850 lapidar: „Herr Stahr und Mademoiselle Lewald sind hier zum Besuche, und ich sah sie mit Vergnügen.“ Den begleitenden Moritz Hartmann im Gefolge der beiden, „bei welchen er lohnlakaiert und sich ein literarisches Trinkgeld verdienen wird“, den sah er in seiner unnachahmlichen Art: „... alle Frauenzimmer sind in ihn verliebt, mit Ausnahme der Musen.“ Am 1. November berichtet Heine seinem Freunde Meißner, dass Stahr und Lewald abgereist seien und man ahnt, dass ihn der offenbar unterlassene Abschied doch etwas grämte, denn gallig schreibt Heine: „... beide scheinen wieder abgereist zu sein, denn Roß und Reiter sah ich niemals wieder.“ Fanny Lewald ging mit dem Wissen, dass Heine gern einen „Till Eulenspiegel“ geschrieben hätte und sogar meinte, das wäre sein bestes Gedicht geworden. Sie überliefert es wie auch sein hohes Lob für Amsterdam und den Maler Jan Steen.

1855 schließlich findet sie Heine in der Rue Martignon 3 in ein paar Zimmern mit Balkon. Sie ist inzwischen mit Adolf Stahr verheiratet und selbst Heine gegenüber so selbstbewusst, dass sie seine Einlassungen kontert. Er kritisiert an ihrem Schreiben: „Dieses unverblümte Hinstellen der eigenen Tendenz!“ Sie entgegnet: „... über meine Überzeugungen habe ich nur die Gewalt, sie ganz auszusprechen oder sie zu verschweigen.“ Heine erkundigt sich, ob sie sich nie Sorgen mache, später auf frühere Überzeugungen festgenagelt zu werden, er selbst denke so, sie aber bekundet, es bestehe da gar keine Gefahr, denn alle ihre Wandlungen kämen aus dem immer gleichen Kern. Versöhnlich spricht Heine von seiner Liebe zu seinen eigenen alten Irrtümern, sie seien ihm „oft liebere Freunde als viele zweibeinige“. Und dann wagt er es gar, seine eigenen Schriften sittlicher zu nennen als die von Goethe und dem Franzosen Beranger. Die Goethe-Verehrerin Lewald will daraufhin gerufen haben: „Das glauben Sie doch selbst nicht, lieber Heine!“ Sie scheidet mit seinem finalen Scherz: „... wenn die Gesunden immer für den Gesunden Vernunft hätten, wäre mancher Kranke nicht krank“.

Bleibt zu vermerken, dass Andrea Neuhaus in ihrem sehr freundlichen und gegenüber einigen feministischen Deutungen angenehm kritischen Beitrag für die LITERARISCHE WELT vom 26. März 2011 auf einen kleinen Verlag aufmerksam machte, der sich Verdienste um Fanny Lewald erwirbt, indem er ihre Werke neu auflegt. Herausgeberin ist Ulrike Helmer vom gleichnamigen Verlag in Königstein/Taunus. Nicht erwähnt ist, das gleich mehrere Reprint-Verlage auch auf Umsatz hoffen mit Lewald-Büchern, das Book-on-Demand-Verfahren eröffnet hier risikofreie Möglichkeiten. Und noch etwas macht Andrea Neuhaus, vermutlich unfreiwillig: Sie offenbart eine Crux feuilletonistischer Literaturgeschichtsschreibung, indem sie schreibt: „Nach Skandalen sucht man in ihrem Leben vergeblich.“ Dazu denke man sich den neutraleren Satz: „Skandale gab es in ihrem Leben keine.“ Und frage dann: Muss man denn in vergangenen Autoren-Leben wirklich nach Skandalen suchen, könnte es nicht andere Aspekte geben, die Interesse zu wecken imstande sind? Zum Trost für ehemalige DDR-Bürger, soweit sie Literaturfreunde waren und noch sind: Fanny Lewalds Roman „Jenny“ brachte der Buchverlag Der Morgen Berlin schon 1967, bei dtv München kam er fast dreißig Jahre später. „Freiheit des Herzens“ brachte ebenfalls Der Morgen 1987, bei Ullstein folgte das Taschenbuch 1999. „Italienisches Bilderbuch“ gab Therese Erler bei Rütten & Loening 1967 heraus, allein 43 der heute mittag bei ZVAB angebotenen 153 Lewald-Bücher sind Exemplare genau dieser Ausgabe.


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