Hermann Hesse liest Gustav Meyrink

Für eine Schlagzeile „Auch Hesse konnte pfuschen“ reicht es sicher nicht, aber ein kleines Trostpflaster ist es auf alle Fälle für jeden, dem Freudsche oder sonstige Versprecher mal eben ins Schriftliche gerutscht sind, aus dem sie dann per Druck der Korrigierbarkeit entglitten. Hermann Hesse begann seinen Glückwunschartikel zu Gustav Meyrinks fünfzigstem Geburtstag in der berühmten VOSSISCHEN ZEITUNG mit „Prager von Geburt, und also Mystiker und Schelm zugleich“, obwohl er hätte wissen können, dass der Jubilar in Wien das dort vorhandene Licht der Welt erblickte, und zwar als unehelicher Sohn einer Schauspielerin und eines adligen Ministers aus dem so genannten Altreich. Anno 1868 war das prägend in mancherlei Hinsicht. Am Faktischen war Hesse jedoch offenbar nicht übermäßig interessiert in diesem Falle und in der Feuilleton-Redaktion der VOSSISCHEN hatte beim Einrücken wohl jemand Dienst am Vorläufer des News Desk, den nicht exorbitante Vorkenntnis dorthin delegiert hatte, man kennt das.

Jedenfalls hat Hermann Hesse, der ein Leser vor dem Herrn war, Gustav Meyrink über die Jahre lesend begleitet. Sie waren phasenweise Mitarbeiter der gleichen Blätter. Das war in einer Zeit, für die es mehrere Etiketten gibt. In der beispielsweise auch eine „Führer durch die moderne Literatur“ genannte Publikation erschien, für die Hanns Heinz Ewers verantwortlich zeichnete, seine Mitautoren hießen Victor Hadwiger, Erich Mühsam und René Schickele. Ihnen gesellte sich ein Dr. Walter Bläsing, von dem zu sagen wäre, dass es ihn nie gab. Beiträge des „Führers“, die mit „Dr. B.“ gezeichnet sind, hat entweder Ewers selbst geschrieben, oder aber sie entstanden mangels intimerer Kenntnis des dargestellten Literaten aus geklauten Textbausteinen anderer Abhandlungen.

Für Gustav Meyrink jedenfalls musste anno 1906, da dieser „Führer“ erschien, „Dr. B.“ herhalten. Wie auch für Hermann Hesse. Der kräftig bemäkelt wurde. Während es zu Meyrink heißt: „Meyrink versucht überhaupt, ebenso wie H. H. Ewers, alles mögliche Neue, Unbekannte, Unbewußte und Geheimnisvolle in den Bereich seines Willens zu ziehen und gedanklich und künstlerisch zu bezwingen: in einigen seiner Novellen ist ihm das über Erwarten gut gelungen.“ Das hat etwas, wenn einer einen mit sich selbst vergleicht, und das unter Pseudonym, weil es sonst auffiele. Während aber von Ewers allenfalls „Die Alraune“ noch einen Rest Bekanntheitsgrad vielleicht beanspruchen kann, ist der Novellenmann, der seinen zeitweise übergroßen Ruhm jedoch drei Romanen verdankt, von denen der dickste „Der Golem“ heißt, lebendig geblieben, selbst wenn der Anschein dagegen sprechen sollte.

Zwischen 1904 und 1922 ist Hermann Hesse immer wieder auf Meyrink zu sprechen gekommen, er hat in Kenntnis des Debütbandes „Der heiße Soldat“ den Folgeband „Orchideen“ besprochen, er hat die aus den drei ersten Sammlungen kompilierte und leicht ergänzte dreibändige Ausgabe „Des deutschen Spießers Wunderhorn“ vorgestellt und auch zu den Romanen öffentlich Stellung bezogen. Selbst im privaten Leben war Meyrink ein Gegenstand des Austausches. Wir können etwa im Briefwechsel mit seiner zweiten Frau Ruth aus einem Brief von ihr an ihn vom November 1922 nachlesen, dass ihr der aktuelle Meyrink-Band „Der weiße Dominikaner“, im Wiener Rikola-Verlag 1921 erschienen, kräftig missfiel. Und im Briefwechsel mit Heinrich Wiegand schildert Wiegand Hesse in seiner Darstellung der Verbotswelle für Literatur und Autoren im nationalsozialistischen Deutschland am 26. Juli 1933 als besonders absurden Fall den des Verbots von Maupassant, auf der schwarzen Liste zwischen Marx und Meyrink.

Die Umstände des Meyrink-Verbotes und warum er auf den Scheiterhaufen der Bücherverbrennung landete, wären ein eigenes Thema, denn 1933 war Meyrink aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschwunden. Es darf bezweifelt werden, ob sein Name als Übersetzer eines Buches mit dem Titel „Autobiographie des ewigen Juden“, die Verfasser hießen George Sylvester Viereck und Paul Eldridge, im Jahr 1930 noch einmal antisemitische Aufmerksamkeit auf sich zog. Als Übersetzer immerhin geht auf Gustav Meyrinks Konto auch eine sechzehnbändige Ausgabe von Charles Dickens. An der Hermann Hesse übrigens die Übersetzung wunderbar, die Tatsache, dass Meyrink übersetzte, statt eigene Bücher zu schreiben, weniger wunderbar fand.

Dem ersten Band „Der heiße Soldat“ beschied Hesse 1904: „Alles in allem ein Werkchen der Überkultur und Dekadenz, aber in seiner koketten Raffiniertheit vollkommen und entzückend, dazu voll von einem diabolischen Humor und einer Phantasie, die noch im Unglaublichen elementar und fast naiv erschien.“ Dem zweiten Band „Orchideen“ sagte er nach: „Gute Witze sind so rar! Und Meyrinks gute Witze gehören zur rarsten Sorte; ein einziger davon ist mir lieber als eine ganze Apotheke voller Meyrink-Poescher Gift- und Schauergeschichten.“ Womit verraten ist, in welche Verwandtschaft Hesse den gebürtigen Wiener, der freilich entscheidend prägende Jahre tatsächlich in Prag verbrachte, immer wieder und vollkommen zurecht stellte, die zu Edgar Allen Poe. „Und dann hat er, wie Poe, im Phantasieren die eiserne Logik, er versucht das Wildeste und Kühnste, aber nie ohne genaue Berechnung der Mittel, nie nachtwandlerisch und schwärmend, sondern stets rechnend und scharfsinnig. Sein Hohn hat die grausame Grimmigkeit des verborgen zielenden Rächers, und er trifft fast immer unfehlbar.“ Oder: „Und wenn man sich daran erinnert, wie weit bisher auch die begabtesten Schüler und Konkurrenten Poes hinter dem Meister zurückblieben, so erscheint Meyrink wahrhaft genial.“ Eine sechsbändige Poe-Ausgabe besprach Hesse 1922 und merkte dabei an: „Die heutige deutsche Literatur ist voll von „phantastischen“ Dichtungen, von welchen einzig die von Meyrink eine gewisse Tiefe haben.“ Literarisch zog Hesse bei Meyrink eindeutig die frühen kurzen Geschichten den Romanen vor.

Er zog freilich für sich und die Welt aus dem Erfolg der Romane nach vorangegangener Missachtung der Novellen ganz eigene Folgerungen. Demnach war es der Schritt auf das Publikum zu, der den Erfolg brachte und die Riesenauflagen, während der eigentliche Meyrink etwas für Feinschmecker sei. Aber auch an den Romanen hatte Hermann Hesse schon aufgrund mancher Übereinstimmung in der Sicht auf Dinge wie indische Philosophie, Okkultismus, Mystik seine Genüsse. Zu „Das grüne Gesicht“ notierte er: „In diesem Buche stehen Sätze, die auch des Hervorsuchens unter noch viel fremderen Verhüllungen würdig wären. Wir müssen uns auf Meyrinks eigenen Standpunkt stellen und vor allem der tiefen Erkenntnis nachleben, daß nicht jede Erkenntnis eine Erkenntnis für jeden ist...“ Und: „ Es stehen Dinge da, die für unsere Zeit, wie ich sie verstehe, Wege und Wegweiser bedeuten.“ Mehr für sich selbst, und das ist vielsagend, mit Blick auf  „Des deutschen Spießers Wunderhorn“: „Das Publikum aber liebt Autoren, deren Wesen eindeutig klar ist, und es geht einem Autor, den es einmal kennt, niemals gern auf neue Wege nach.“ Das greift schon auf spätere Wege Meyrinks vor, denen auch Hesse dann seine Aufmerksamkeit versagte.

Aus dem Geburtstagsartikel aus der VOSSISCHEN ZEITUNG sei zitiert: „Seine Wirkungen auf die Menge waren die von Sensationen, nicht die von Erkenntnissen.“ Und: „Es ist weder die Phantasie noch die Geschicklichkeit dieses Dichters, die so stark wirkt. Es ist seine Persönlichkeit.“ Hesse beobachtete mit feinem Gespür schon 1917 auch dies: „... jeder auffallende Erfolg wird eines Tages plötzlich verdächtig und es regnet nun auf den Erfolgreichen Steine.“ Meyrink hat den Wechsel der Stimmungen in der Tat auskosten dürfen. Vom Totalverbot seiner Werke im Auftrage des Joseph Goebbels bekam Gustav Meyrinks nichts mehr mit, denn er starb in Starnberg am 4. Dezember 1932. Wäre nur der Todestag Grund, an ihn zu erinnern, wäre es zu wenig. Und auch das Wohlwollen Hermann Hesses ist noch fünfzig Jahre nach dessen Tod nicht automatisch ein Ritterschlag in den Augen einer bestimmten Öffentlichkeit. 

Aus Meyrinks irrwitziger Geschichte „Das Wildschwein Veronika“ zitiere ich deshalb mit leichten Auslassungen dies: „Der Vorhang war soeben in die Höhe gerauscht, hinter einem Leinwandfelsen kniete Wilhelm Tell, und das Publikum wartete gespannt auf einige Verse von ihm, ehe er aus dem Hinterhalt auf den ahnungslosen österreichischen Beamten abdrücken werde. Da sprang das Schwein wie der Blitz auf die Bühne. Und erst langsam, dann schneller, immer schneller vollführte es ein idiotisches Getrappel auf den Brettern. Hie und da quiekte es schrill dazwischen. Wilhelm Tell war geflüchtet und hatte sich laut weinend hinter die Kulissen verkrochen. Den Souffleur hatte der Schlag getroffen. Nur im Publikum rührte sich nichts.“ In dieser Tell-Inszenierung mit echtem Schwein blieb am Ende ein irreparables Defizit:  „Geßler blieb unerschossen zum großen Ärger der anwesenden Schweizer“. Wohlan jedem, der unerschossen blieb, auch wenn dieser Gustav Meyrink zum Schießen ist. Pulverfreies Salut ihm.


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