Tagebuch

13. März 2018

Eine rettende Idee, zwei längere Telefonate führten mich gestern noch auf die Spur. Jetzt habe ich eine Datei in die weite Welt des hohen Nordens gesandt, von der ich begründet annehme, sie führe zu dem Resultat, das ich schon vor fast drei Wochen eigentlich hätte in den Händen halten wollen. Es gibt eine winzige kleine Ärgerlichkeit immer noch darin, die ich aber großzügig dem Phänomen Lehrgeld zuordne und entschlossen ignorieren werde. Immerhin sind auf Wegen und Umwegen bis zu zwei besorgte Anfragen bei mir eingetrudelt, ob denn alles in Ordnung sei, vor allem aber nichts passiert. Ich gehöre zu den Menschen, die sich selbst mehr und stärker unter Druck setzen, als sie es von außen zuließen. Unter den Psychologen für ältere Kinder wie mich sind einige, die ermahnende Worte an mich richten würden, wenn sie wüssten, dass es mich gibt. Lernpotential ist keineswegs erschöpft in mir, nur mit dem Änderungspotential hapert es ein wenig, es gibt Fachvokabeln dafür.

12. März 2018

Nachtrag: Erstmals in 65 Lebensjahren war ich in der Kranichfelder Straße in Erfurt, wo es ein sehr großes Gebäude gibt mit einem Wachtdienst-Mann links, der sich extrem freundlich und gut gelaunt für nicht zuständig erklärt, und einer Anmeldung, deren einer Schalter eben nicht besetzt ist. Einen Termin haben wir am PC generiert, weshalb wir tatsächlich bevorzugt bedient werden, die Warte-Nummer 161 bekommen und schon vor unserer eigentlichen Zeit im zuständigen Zimmer Nummer 2 sitzen. Wir haben nicht alle Unterlagen bei uns, die wir hätten bei uns haben sollen, weshalb wir am Donnerstag einen Nachhole-Termin nutzen müssen. Immerhin weiß ich jetzt, dass meine Netto-Rente nicht gar so gruselig ist, wie ich vermuten musste, und wenn nach den sieben Bonusmonaten für Jahrgang 1953 Ende Oktober die erste BfA-Kohle rüberwächst, bin ich sogar schon Nutznießer der Rentenerhöhung vom Juli. Brave alte Bundesrepublik Deutschland. Was haben alle gegen dich?

11. März 2018

Nachtrag: Wer mir Böses gönnt, gönne mir solche Nächte wie die, die ich nun hinter mir habe. Alle anderen mögen sich wünschen, so etwas bleibe einmalige Ausnahme. Immerhin muss ich am Ende des Kalenderjahres 2018 nicht lange grübeln, was mein Wort des Jahres sein könnte: Lehrgeld. Das zahle ich halbwegs tapfer, indem ich weder zum Tagebuch komme noch zu allen aufgeschlagenen Büchern, allen angefangenen Texten. Nicht einmal die Post ist geöffnet, die E-Mails alle ungelesen. Immerhin: mein Frauentags-Geschenk erlaubte mir, eine Weile auf andere Gedanken zu kommen. Die unendliche Müdigkeit geht dennoch leider nicht in hinreichend langen wohltuenden Schlaf über. Im Restaurant traf ich eine meiner insgesamt vier Nachwende-Sekretärinnen. Da sie genau zehn Jahre älter ist als ich, muss ich nie lange nachdenken. Sie gehört zu den Frauen, die scheinbar nicht älter werden. Ich zu den ehemaligen Chefs, die mit ihren Sekretärinnen Glücksgriffe hatten.

10. März 2018

Nachtrag: Heute beginnt der Reigen der Buchmesse-Beilagen. Meine Bestell-Liste habe ich wie in allen Jahren zuvor brav und übersichtlich geschrieben abgeliefert. Nur hat meine Zeitungsfrau den Job gewechselt und ich muss mich in Gottvertrauen üben, dass auch in diesem Jahr alles klappt. Den persönlichen Besuch in Leipzig, den ich kurzzeitig erwog, muss ich sofort wieder vergessen, denn in einer Woche bin ich in Gotha, um letztmals den Mandatsprüfungsbericht vorzutragen, den auch organisierte Journalisten nicht großzügig übergehen können, ehe sie sich ihrer alljährlichen Hauptversammlung hingeben. Mein privater Gedenkkalender erinnert mich heute an Joseph von Eichendorff, die Gedenkfarbe signalisiert: Es ist der 230. Geburtstag. Vor fünf Jahren setzte ich mit dem Titel „Nichts langweiliger als Glück“ meinen alten Beitrag zum 200. Geburtstag ins Netz, wo er bis heute nachgelesen werden kann, Rubrik ALTE SACHEN. Mein Kopf ist heute sehr weit weg.

9. März 2018

Gedächtnis: erst der Blick in mein Archiv belehrt mich, dass ich vor fast 30 Jahren schon einmal über Sartre schrieb, die Mauer war bereits, nach heutiger Terminologie, gefallen. „Mit eigenem Kopf“ hieß mein Text am 28. November 1989 in JUNGE WELT. Jetzt sah ich in Meiningen, leicht konfuser Foyer-Atmosphäre glücklich entronnen, „Die schmutzigen Hände“. Und will nun, am 100. Todestag von Frank Wedekind, darüber schreiben. Zum Glück muss ich nicht hasten, zum Glück kann der alte Wedekind auch geduldig sein. Sartre hat mich, das ist sicher, sehr früh sehr stark beschäftigt, selbst mein Liebesleben hatte mit einem Sartre-Band aus dem Leipziger Reclam-Verlag einen zarten Berührungspunkt. Die rote rororo-Ausgabe aus Reinbek bei Hamburg, aus der Phillip Henry Brehl gestern einen Band über die Bühne schleppte, besitze ich vollständig, sie füllt eine lange Reihe in meinem Frankreich-Regal. Was ich schreiben werde, ordnet sich langsam im Kopf.

8. März 2018

Einen Augenblick bin ich an diesem Internationalen Frauentag beinahe gelähmt: auf seiner Seite 13 teilt NEUES DEUTSCHLAND heute seinen Lesern, zu denen ich seit Jahren immer donnerstags gehöre, mit: „Thüringens Schulbüchereien haben vor allem Bücher in den Regalen“. Sollten sie besser Meerschweinchen dort haben oder Staubflusen oder bronzierte Gipsbüsten des Thüringer Ministerpräsidenten Ramelow? Ich hörte gerüchtweise von einer Schulbibliothek, die gar zwei Bücher einstauben lässt, die von mir verfasst wurden, juffijuffijuffi, man male sich das aus. Das Klassentreffen, in das ich gestern geriet, ohne zu ahnen, dass es die Ausmaße haben würde, die es hatte, war mein erstes mit derart vielen Rentnern und Rentnerinnen. Viele von ihnen freuten sich, mich zu sehen und ich freute mich zurück. Nun geht das Leben weiter, von freudigen Ereignissen rede ich nicht mehr, denn wenn sie verspätet eintreten, ist ihre Freudigkeit irreversibel beschädigt

7. März 2018

Wenn man ein nachrichtenaffiner Mensch ist und mit einem IQ ausgestattet, der den eines jungen Leistenkrokodils mit Abitur ungefähr erreicht, hat man es sehr schwer, ständig den Anblick zweier unterschiedlich blauer Plaketten zu ertragen, die der künftige Verkehrsminister ablehnt und danach umgehend zu hören, wie wichtig Hardware-Nachrüstung ist. Öfter war nicht einmal in alten SS20-Zeiten von Nachrüstung die Rede und damals stand am Ende bekanntlich der Zusammenbruch des Ostblocks. Dann noch dieser in einem Weißen Haus wohnende Mann, dem im Laufe eines Jahres mehr Personal entlaufen ist als gut gehende Exilregierungen Minister haben. Eine Nachrichtenfrau gerät im Dialog mit einer angehenden Staatsministerin derart aus aller Spur, dass man fast um die Zukunft voraufgezeichneter Interviews fürchten muss. Was hatte Marietta Slomka im Kaffee, als sie mit Dorothee Bär sprach, die im April immerhin schon vierzig Jahre alt wird? Kruzifixnochamoal.

6. März 2018

Während Günter Kunert heute 89 wird, erlebt Gabriel Garcia Marquez seinen 90. Geburtstag nicht mehr. Es freut ihn womöglich auf seiner Wolke, dass WIKIPEDIA ihn selbstbewusst dem Jahrgang 1927 zuschlägt. Eigentlich hätte hier eine freudige Botschaft verkündet werden sollen, also eine für mich freudige. Doch die Post brachte mir zwar ein sehr nettes großes Paket mit Wein und Grappa aus speziellen Fässern, ein kleines und flaches Päckchen hätte mir dennoch ausnahmsweise mehr zugesagt. So übe ich mich in Geduld. Da selbst in der ZEIT die Rede davon ist, dass es im neuen Bundestag nicht mehr so langweilig ist, weil die AfD mitmischt, mehren sich Zweifel an meinem langjährigen Berufsstand in Besorgnis erregendem Maße. Gehörte und gehöre ich tatsächlich zu einer seltsamen Menschengruppe, die Politik an ihrem Unterhaltungswert, ihrer Spannung misst und bei gegenteiligen Diagnosen sofort mit Öl zum nächstbesten Feuer eilt, es flackern zu lassen?

5. März 2018

Unsere chinesischen Freunde feiern heute den Tag des Erwachens der Insekten. Ich kenne mir nahe stehende Menschen, die sich freuen würden, wenn die Insekten einfach dauerhaft in ihrem Bett blieben. Dann ist da Eddy Grant, der 70 Jahre alt wird. Einst sang er mit den Equals „Baby Come Back“, aber schon die wunderbare Internet-Enzyklopädie WIKIPEDIA ordnet den Hit einmal dem Jahr 1966, einmal dem Jahr 1968 zu. Grant selbst ist auf der Band-Seite 10 Tage jünger als auf seiner eigenen. Der 5. März lässt sich begehen als Tag, an dem zwar nicht Conny Kramer, wohl aber Stalin starb und als Tag der Uraufführung von „Der Hauptmann von Köpenick“. Im März 1968 las ich 14 Bücher, vier davon im Zug von Gehren nach Ilmenau. Es begann mit Friedrich Karl Kauls Krimi „Der Ring“ und endete mit Horst Bastians „Wegelagerer“. „Die Moral der Banditen“ gefiel mir besser. Im Zug las ich nur im ersten Goetheschuljahr, dann folgte das Doppelkopfspielen.

4. März 2018

Was tun, wenn es um sich greift? Clara Sander, die ewige Visitenkarten-Schönheit, die als Leiterin von, bedarfsweise, RSD-Reisen, Leser-Reisen oder RSD-Premium-Reisen eine unfassbar große Zahl von Telefonnummern hat und grundsätzlich zu Reisen einlädt, bei denen man sich von den Ersparnissen einen guten Urlaub leisten kann, Clara Sander hat jetzt bereits zum zweiten Mal nicht mehr separat beigelegen. Kein Kärtchen mehr, kein praktisches Lesezeichen mehr in Zukunft. Alle meine momentan nicht in Büchern steckenden 27 Clara Sanders mit ihren 27 Telefonnummern bedeuten dann ein abgeschlossenes Sammelgebiet. Ziehen Jutta Berger (6 Karten mit 6 Nummern) und Andreas Bergmann (5 Karten mit 5 Nummern) nach oder bleiben sie inliegend? Das ist eine nicht sofort beantwortbare aufregende Sonntagsfrage. Nicht nur die SPD macht es spannend. Erika M. aus S. sagt übrigens, dass sie die Reise sofort wiederholen würde. Was ich ihr sogar zutraue.

3. März 2018

Dass ich auf meine alten Tage in einem unsortierten Haufen von Gartengerätschaften wühlen werde und das an einem Sonnabend ohne Frühstück im Magen, hätte mir auch kein Fagottist an der Wiege geblasen. Nun bin ich stolzer Besitzer eines Fugenkratzers und eines Unkrautstechers, freilich noch immer keines Gartens. Kratzen und stechen werde ich in speziell in Normaltagesläufe eingefügten Zeiten auf unserem Mietparkplatz, wo einige besonders dreiste blattgrüne Kulturfolger ein munteres Dasein führen, vorwitzig aus den Fugen sprießen und bei Wind als Fangnetze für unerwünschte Luftfracht aller Art dienen. Gudrun Pausewang, wenn mein weltweites Netz nicht schwindelt, erlebt heute ihren 90. Geburtstag. Ihr verdanke ich ein Leseerlebnis, das ich nicht missen möchte, das Buch heißt „Guadalupe“, ich las es unmittelbar nach „Der Weg nach Tongay“ im August 1976. Ob der Eindruck heute noch so groß wäre wie vor mehr als vierzig Jahren, weiß ich natürlich nicht.

2. März 2018

Inzwischen habe ich mich für alle Glückwünsche bedankt, per Mail, per Anruf, per WhatsApp auf Umwegen und kann nun so leise weinend wieder dem Alltag ins Auge schauen. Das Auge des Alltags ist nicht das des Tigers. Heute vor siebzig Jahren starb ein Schriftsteller, der zu den ganz wenigen gehörte, die ich im Buchbestand meiner Eltern und meiner Schwiegereltern vorfand, bei letzteren spielte das Thema Landwirtschaft eine deutlich größere Rolle als bei ersteren, die als Lehrer mit der Scholle eher weniger zu tun hatten. Adam Scharrer wurde in der frühen DDR noch mit Erwin Strittmatter verkoppelt zum Band 3 der Reihe „Schriftsteller der Gegenwart“. Den Band füllte ab 1977 Strittmatter allein, seither ist Scharrer zwar nicht ganz vergessen worden, gedacht wird seiner jedoch höchst selten. 1979 erschien der achte und letzte Band einer Werkausgabe, der erste hieß, der Titel ist sprichwörtlich geworden, „Vaterlandslose Gesellen“, mir vertraut ganz früh.


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