Tagebuch

8. Mai 2019

Reichlich sieben Jahre ist es her, dass ich zuletzt eine Inszenierung von „Der Revisor“ sah, es war eines der regelmäßigen Gastspiele des Marburger Theaters in Arnstadt. Ein weiteres Jahr zuvor sah ich die Gogol-Komödie in Rudolstadt als Sommertheater auf der Heidecksburg. Damals befiel mich der Gedanke, wie gut es womöglich wäre, wenn sich das kleine Haus mit großer Vergangenheit auf Komisches konzentrierte, weil das auffallend oft deutlich besser geriet als das, sagen wir: Tragische. Ei, ei, was musste ich mir anhören! Gestern nun „Der Revisor“ in Gera, zwei Stunden mit Pause nur, aber zwei höchst kurzweilige Stunden. Die Kritik wird dennoch erst morgen fertig werden, weil die Urlaubswoche zu Hause einen mittleren Stau hinterließ. Nicht zu vergleichen natürlich mit dem Stau im Raum Stadtroda, den viele umfahren wollten, weil es der Verkehrsfunk riet, was sie in den selbst gebastelten Zusatzstau führte beim Versuch, sauschlau in Jena von der Autobahn abzufahren.

7. Mai 2019

Vor dreißig Jahren, zu seinem 50. Geburtstag, gelang mir nur ein „Nachträglicher Glückwunsch“, der dank Internet auf meiner Seite in der Rubrik ALTE SACHEN tausendfach aufgerufen wurde. Zum heutigen 80. Geburtstag gratuliere ich pünktlich und vielleicht etwas zu ausführlich. Ich nahm mir seinen ersten Gedichtband vor: „Provokation für mich“, dessen heute bis zu sechzig Jahre alten Respektlosigkeiten mir immerhin eine solide Basis liefern für eigene Respektlosigkeit. Volker Braun ist heute in allen wichtigen und auch allen sich nur wichtig dünkenden Feuilletons präsent. Ich selbst vergesse ihn allein aus dem Grund nie, weil der 7. Mai eben auch der Geburtstag meines Vaters ist, dessen in zwei Jahren anstehender 100., nehme ich mir höchst dringlich vor, mich zu biographischen Reminiszenzen verleiten wird. An Brauns 70. Geburtstag sahen wir in Amsterdam im Rijks-Muzeum eine Sonderausstellung 17. Jahrhundert, Vermeer, Rembrandt, Frans Hals. Toll.

6. Mai 2019

Die Welt wird in zwei, drei Generationen nicht mehr dieselbe sein wie heute. Verkündet allen Ernstes zu später Stunde der Nachrichtenmann Claus Kleber. Wer zwingt ihn, solche Mumpitz-Sätze aufzusagen? Schon in einer Millisekunde ist die Welt nicht mehr die von eben. Das weiß man seit der Antike, seit der Satz, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen, zutreffend zum dem gesteigert wurde, man könne auch nicht einmal in denselben Fluss steigen. Das alles hat mit der Biodiversität nichts zu tun, das ist Philosophie. Um den ersten Satz oben zu verkünden, muss niemand auch nur einen Halbsatz eines neuen Berichtes von irgendwem lesen, verkünden oder gar für richtig erkannt haben. Wir leben aber offenbar nicht nur in Zeiten des forcierten Artensterbens, sondern auch in einer der forcierten Verblödung. Es ist unerträglich, selbst kluge Leute Stuss reden zu hören. Ist auch der erst denkende, dann redende Mensch Angehöriger einer aussterbenden Art?

5. Mai 2019

Wir nehmen fünf der Berliner mit nach Ilmenau zum Bahnhof, genau die, die mit dem Zug kamen und nicht mit dem eigenen Auto. Sie finden unseren Bahnhof sehr ansehnlich, das finden wir auch. In der Post zu Hause die Wahlbenachrichtigungen, die Bestätigung der Zahn-Zusatz-Versicherung, die Kohle überwiesen zu haben, ich begleiche anschließend die erste saftige Rechnung. Aus Weimar das Spielplan-Heft für die Saison 2019/2020, aus Dresden erst einmal nur die entsprechende Mail, ich drucke mir auf die Schnelle die Premieren aus. Die auslaufende Saison führt uns kommende Woche noch nach Gera und Dresden. Heute kann ich sagen, dass ich mit einer werktätigen Frau nach Südbayern fuhr, um mit einer Rentnerin nach Hause zu kommen. Der Termin für das Treffen der Familie im kommenden Jahr ist vereinbart, es wird ein erweitertes Programm geben. Das jüngste Mitglied ist fünf Monate alt und wird 2020 sicher schon laufen, das älteste wird bald 70.

4. Mai 2019

Eine halbe Stunde eher auf den Beinen, die ersten Verladungen noch gestern, vor allem die vielen Biere, die Rechnung auch noch bezahlt vor dem Abendessen. Es blieb nach dem Frühstück nur noch die Rückgabe von Zimmer- und Tiefgaragen-Schlüssel, die Abgabe der Kurkarten und Armbänder.
Auf dem Weg nach Norden langsam sinkende Temperaturen, Regen. Später im Raum Staffelstein plötzlich Schneefall, wir erinnerten uns der unglaublichen Prognosen fürs Wochenende, sahen später die geschlossenen Schneedecken über Flieder. In Dörnfeld waren wir fast die ersten und erwischten später auf dem Rückweg vom nicht ganz so großen Familienspaziergang noch eine sehr kräftige Husche Schneeregen. Aus München kamen Fotos aus dem Stadion aufs Handy. Die Familie hat es eher mit Jena als mit Bayern München. Wir bewohnen wieder den Bungalow, die junge Frau an der Rezeption ernennt mich zum Rudelführer. Es gibt sehr guten Müller-Thurgau aus Bad Sulza.

3. Mai 2019

An der Hotelrezeption der dezente Hinweis auf die Höhe der Rechnung, als wir von unserer ersten Auslandsreise des Jahres zurückkehrten: Ein Nahausflug nach Schärding im Innviertel. Die hübsche Stadt voller Geschichte steht nun auf der Wiederkehr-Wunschliste. Wir wanderten einen Rundweg ab und fanden im Vorraum einer öffentlichen Toilette diverse Tourismus-Broschüren und Flyer. Der zweite Besuch im Getränkemarkt brachte noch einmal elf neue Sorten. Im Hotel-Dampfbad eine Frau aus Görlitz, die oft mit ihrem Mann in Füssing war, der jetzt mit Pflegestufe III nicht mehr von zu Hause weg kann. Für sie der erste Solo-Ausflug, weil die Kinder sich in der Zeit kümmerten. Sie bedankte sich anschließend dafür, dass wir uns mit ihr unterhielten. Von den drei mitgenommenen Büchern das dritte beendet: „Provokation für mich“, Lyrik-Debüt von Volker Braun aus dem Jahr 1965, da verplätscherte eben die dem sowjetischen Vorbild nachempfundene Lyrik-Welle der DDR.

2. Mai 2019

Vor zehn Jahren die Nachricht vom Brand des „Blauen Wunders“ in Ilmenau, es gab bald eine Spur zum Sohn einer Stadträtin, wie man später hörte. Er sollte Brennbares in der nahen Tankstelle gekauft haben, es kam aber mangels Beweisen nie zu einer Anklage. Wir besichtigten dann das tolle Zuidersee-Museum mit Schiffstouren und alten Häusern. Hier heute die zweite Massage, später der zweite Gang in die Euro-Therme. Beim Essen der Gedanke: Hätte ich Mitte der 70er Jahre in Berlin schon Kräuterquark gegessen, wäre ich vielleicht in der linksalternativen Szene gelandet. Mich ekelte Quark aber und als ich ihn dann später doch aß, waren die alten Quarkesser zum Backen eigenen Biobrotes übergegangen. Bis zu dem habe ich mich noch nicht vorgearbeitet. Das zweite von den drei mitgenommenen Büchern beendet: „Berichte von Hinze und Kunze“ von Volker Braun. Einen Mann erlebt, der nie eine Pause macht zwischen den Sauna-Gängen und immer ganz unten sitzt.

1. Mai 2019

Vor zehn Jahren hatten wir in Volendam den Königinnentag hinter uns, den ersten Mai nahm nach der Oranje-Großfeier niemand ernst. Hier sind wir heute nach Passau gefahren, wo ich zuletzt am 15. Mai 1993 einen Zwischenaufenthalt auf dem Weg nach Wien hatte, eine von zwei Vater-Sohn-Solo-Reisen, ich erkannte sogar den Busparkplatz noch wieder von damals. Wir parkten kostenlos an der Donau heute. Sechs neue Biere aus der Arcobräu Moos in einem kleinen Geschäft. In Bad Füssing ausführlicher Mai-Spaziergang, wir sahen Menschen beim Karpfenfüttern: manche nahmen die Dienste eines Futterautomaten in Anspruch, manche verfütterten große Brocken Gebäck und ich dachte an meine ersten Käsekuchen fressenden Karpfen in Dresden 1963 im Zwingergraben. Das erste von drei mitgenommenen Büchern beendet: „Das Wirklichgewollte“ von Volker Braun. Am Abend die RBB-Reportage „Die tollsten Berliner Parks“, Bekanntes und Unbekanntes im Wechsel.

30. April 2019

Der erste von zwei Massage-Terminen, man gönnt sich ja sonst nichts. Ein eiliger Gang zum nahen Kiosk, den gestern erworbenen 14 neuen Bieren weitere 4 hinzuzufügen. Wir testen die Therme II, die auch Euro-Therme heißt. Die haben wir zwar zu bezahlen, es ist aber deutlich angenehmer dort als in der für uns kostenlosen. Bei den Mahlzeiten fast immer ein anderer Tisch, es gehört nicht zu den Regeln des Hauses, Plätze dauerhaft an bestimmte Zimmer zu vergeben. Immerhin ist so mehr zu beobachten: ein Paar beginnt den Abend zu zweit mit drei Bieren, und füllt den Tisch später mit weiteren immer neuen Gläsern, nur alle anderen zapfen ihr einmal benutztes Glas neu voll. Der hohe Altersdurchschnitt führt in den Saunen zu einem hohen Männerüberschuss: die alten Knaben sind weniger gehemmt, sich zu zeigen als die alten Knäbinnen. Wir haben zwar einen Balkon, ihn zu benutzen, ist es aber schlicht zu kalt. Unsere Kurkarte berechtigt uns zu kostenlosen Busfahrten.

29. April 2019

Eine Stunde vor der Zeit ließ das freundliche Hotel uns in unser Zimmer 438, es ist das erste Zimmer unseres nun doch schon halbwegs langen Reiselebens mit einem fest installierten Klappsitz in der Dusche. Wir sahen schon beim Abendessen, warum das so ist: nie waren wir mit einer noch älteren Klientel irgendwo, die Krummen, die Beladenen, die Zitternden und die Wankenden, die sich auf die Essens- und Getränkeangebote stürzten, als gäbe es die folgenden Wochen nichts mehr. Wir haben ein Armband, das beim Abendessen unbegrenzten Getränkeverbrauch erlaubt. Wein aus der Zapfanlage ist freilich gewöhnungsbedürftig, schmeckt aber sogar. Wir haben auch ein Armband für die kostenlose Benutzung der Therme, die uns dann aber wenig zusagt, im warmen Wasser ein Gedränge wie in einer nach oben offenen Sardinenbüchse, die Altvorderen sitzen Schulter an Schulter, Knie an Knie. Der Saunabereich oben ist eher klein und recht merkbar von vorgestern.

28. April 2019

Vor 20 Jahren, am 28. April, fuhr ich zeitig gen Arnstadt zum letzten Kreistag vor der Wahl, aß im Brauhaus a la Karte, auf das Stammessen für sieben Mark großzügig verzichtend. Das dunkle Bier mundete, die Kollegen am Pressetisch erzählten lustige Geschichten über abwesende Kollegen, eine Kollegin kam pünktlich, saß aber nicht eine Sekunde im Kreistag. Am 28. April 2009 las ich als siebzehnten Heinrich-Böll-Titel des Jahres „Eine deutsche Erinnerung“ zu Ende, trieb gleichzeitig die Lektüre seiner Kriegsbriefe voran. Und freute mich natürlich auf Holland. Denn zwei Tage später ging es für elf Übernachtungen in den Marinapark Volendam. Erst acht Jahre später sahen wir das Nachbarland wieder, nur kurz zu einem Tagesausflug nach Maastricht. Heute geht es in den Süden eines benachbarten Freistaates mit etwa 430 Straßenkilometern Anfahrt, dem entspricht eine Schweigephase an dieser Stelle, es ist die zweite Renteneintrittsreise innerhalb eines halben Jahres.

27. April 2019

Es gibt auch Journalisten, die fast 103 Jahre alt werden, in diesem Falle eine Journalistin, was auch sonst. Die LITERARISCHE WELT räumt ihr Platz für gleich zwei Todesanzeigen ein. Das Buch aus Oldenburg ist eingetroffen, das dortige Antiquariat wird im Mai geschlossen. Zu Wochenbeginn telefonierte ich mit der freundlichen Dame, die das Geschäft nun abwickeln muss: 250.000 Bände im Bestand. Wie macht man das? Ein paar Tage lang gibt es noch Sonderrabatte, ich hatte das vor Jahren schon einmal mit einem Haus in München, bei dem ich Stammkunde war. Kündigung ohne Chance, auch nur halbwegs gleichwertige Räume zu finden. Wer außer mir kauft alte Essays? Und wenn wir sieben wären, welchen Grund sollten Verlage haben, immer noch einmal neue zu drucken, die keiner lesen möchte? Ich habe einen ehemaligen Alpha-Chefredakteur mit einer hingepfuschten Buch-Besprechung erwischt, die er sehr dezent im Folgejahr korrigierte. Es freut mich keineswegs.


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