Tagebuch

5. Oktober 2020

Das Transferfenster schließt heute um 18 Uhr und dann ist erst einmal Ruhe im fußballerischen Menschenhandel. Immer mehr Clubs werden zu Leihhäusern, die Internationalität der Teams wird immer größer, man denkt gerührt an Zeiten, da bei Energie Cottbus kein einziger Bürger spielte, den man nach heutigen Sprachregelungen nicht mehr näher benennen darf, ohne seltsame Wörter zu benutzen wie Bio-Deutscher, als gäbe es die in der Grünen Ecke der Menschen-Discounter. Na gut. Die Bürger, die in Berlin sämtliche Regeln verletzen, die man verletzen kann, sehen, soweit man die Bilder in den Nachrichten sieht, auch so aus, das man sich nicht traut zu sagen, wie sie aussehen, weil in Berlin inzwischen selbst das Wort Migrationshintergrund in den Sprachuntergrund migrieren musste. Immerhin könnte es passieren, dass man in Charlottenburg nicht mehr über die Straße darf, wenn man in Kreuzberg schaute, wie lang die Nächte dort sind. Wegen erstellter Bewegungsprofile.

4. Oktober 2020

Heute gibt es in Ansbach eine Führung auf den Spuren von Johann Peter Uz. Auch ich bin immer noch auf seinen Spuren, weil ich immer neue Sachen entdecke, die ich gern noch verarbeiten will. Mein Textverarbeitungssystem dreht mir mit dickster Hartnäckigkeit den Namen um und macht Zu daraus. Das hatte ich zuletzt bei einem juristischen Goethe-Enthusiasten namens Klien, der immer wieder zu Klein gewandelt wurde. Seit Freitag liegen nun sämtliche Bestände von und zu Theodor Fontane auf dem Fußboden, weil sie übermorgen einen neuen Stellplatz finden sollen. Ich war selbst erschrocken, wie viel sich da gesammelt hat und wie viel Überhang es noch aus dem Jahr des großen Jubiläums abzuarbeiten gäbe. Donald Trump geht es eigenen Auskünften nach so unfassbar gut, dass man glauben kann, Covid19 sei eine Art Badekur für orangefarbige Präsidenten. Von seiner Third Lady Melania hört man nichts, obwohl sie eine Frau ist und kein alter weißer Mann.

3. Oktober 2020

Dreißig Jahre ist es nun her und ich weiß noch ganz genau, wie mir mein Großvater Werthers Echte aus dem Goldpapier wickelte. Nein, das ist natürlich purer Blödsinn: ich stand mit sehr jungen Kollegen in Eisenach auf dem Markt, sehr junge Menschen spielten Autokorso und schwenkten Fahnen aus offenen Wagenfenstern und grölten herum. Die Einheit war nun da und endlich konnten unsere Sportler dem Westen Medaillen gewinnen. Der Westen entdeckte den Medaillenspiegel für sich, den er früher lächerlich gemacht hatte, weil er für ihn immer nur hintere Plätze dokumentierte, es sei, es ging um Nobel-Sportarten wie Tennis, Ski Alpin oder auf Pferden über Hindernisse und durch Sand zu reiten. Gern gestehe ich, dass ich eine Weile brauchte, ehe mein Interesse für den Sport wieder in die Nähe des Levels geriet, das es seit den Tagen der Friedensfahrt und Täve Schurs nebst Bernhard Eckstein gehabt hatte, Klaus Ampler nicht zu vergessen. Fußball als die Ausnahme.

2. Oktober 2020

Was für eine Nachricht: Donald Trump und seine First Lady, die ja gar nicht seine First Lady ist, sondern seine Third Lady, sind mit Covid19 infiziert. Im Weißen Haus gingen Infizierte um, und mit denen gab es Kontakt. Für solche Kontakte brauchte Bill Clinton noch Zigarren und eine Praktikantin, wobei er sich nicht infizierte, sondern keinen Sex hatte. Jetzt also scheint der Liebe Gott in seiner Gerechtigkeit einen wie auch immer gearteten Denkzettel an den Mann zu geben, der vorsorglich das Ergebnis einer Wahl anzweifelt, die es noch gar nicht gegeben hat. Ich befasse mich mit in Ansbach geborenen Dichtern, da waren auch noch ein von Cronegk, ein von Soden und ein von Platen, letzterer irgendwie mit einem gewissen Heine ins Gemenge geraten. Ansbach brachte auch einen Hermann Fegelein hervor, welche die Schwester von Eva Braun ehelichte und damit in ein angeheiratetes Verwandtschaftsverhältnis zu einem gewissen Mann aus Braunau am Inn geriet.

1. Oktober 2020

Das letzte Quartal des Jahres beginnt damit, dass die Augenärztin Urlaub hat, bei der man sich ab heute neue Termine für die Jahre 2034 und 2035 holen konnte. Das Leben ist so. Für mich der erste Tag seit ziemlich langem, dass ich im Ilmenauer Stadtarchiv saß, eine Akte aus dem Jahr 1902 in Augenschein nahm, ohne sehr viel davon lesen zu können, das meiste aber war ohnehin zu speziell für meine Zwecke. Ich weiß leider nicht, ob es zum Ausbildungsinhalt für Archivarinnen gehört, freundlich und entgegenkommend zu sein, in Ilmenau kenne ich es, hatte es auch in Bad Kissingen. Immerhin lieferte ich selbst einen kleinen Text für die Bestände, der in der Goethe-Passage bis dato völlig unbekannt war. Ein gewisser Johann Peter Uz hat übermorgen seinen 300. Geburtstag, was ihn in Konflikt mit den offiziellen Feierlichkeiten bringt, die Aufmerksamkeitsökonomie betreffend. In Ansbach immerhin wird man seiner jedenfalls gedenken und ich bin in aller Stille auch an Bord.

30. September 2020

Der 30. September 2000 war ein Sonnabend, da wir innerhalb von 21 Stunden 1680 Kilometer fuhren bis nach Calais und wieder zurück nach Ilmenau, davon 300 Kilometer die Frau an meiner Seite. Unser Plan, in Eupen zu nächtigen, schlug fehl, weil sich kein freies Doppelzimmer fand. Nie war ich kaputter und näher am Sekundenschlaf am Steuer. Als wir am Hoverport ankamen, legte eines der Hovercrafts gerade ab, das nächste fuhr verspätet, es gab Tränen natürlich auch. Calais sahen wir später noch viermal. Und überquerten den Kanal selbst samt Auto in beide Richtungen. Damals hatten wir noch Respekt vor der französischen Autobahn wegen der Maut, als wir sie dann doch befuhren, mussten wir gar nicht zahlen. Wir hätten uns also ein paar Kilometer ohne Navi durch Dünkirchen sparen können. Der Mantel der Geschichte streifte uns nicht, erst ein Jahr später, als wir in Dover in den Küstenfelsen die unterirdischen Kommando-Bunker sahen mit Kanalblick.

29. September 2020

Da müssen wir jetzt durch: ein Trommelfeuer Deutsche Einheit, produziert von sehr vielen, die nicht dabei waren mit einigen Zeugen, die dabei waren. Die Zeit, in der sich jede große Redaktion einen Vorzeige-Ossi ohne Migrationshintergrund hielt, möglichst aus einem Pastorenhaushalt, ist noch nicht vorbei, nur geht die Ossi-Kleinstgruppe jetzt massiv in Rente. Neu ist das Wort Respekt und pflichtgemäß freuen sich vor Kameras die Zeugen, dass es endlich Respekt gibt vor unseren so genannten Lebensleistungen. Ich gestehe, dass ich noch immer keinen Respekt vor meinen Brüdern und Schwestern dritten Grades habe, die mir Pakete im Wert von bis zu zwölf Westmark sandten und dafür 50 Mark beim Finanzamt absetzten in der Steuererklärung. Nie wäre ich im Leben auf die Idee gekommen, einem aus dem oberen Schwarzwald zu erklären, wie er vierzig Jahre lebte, ich war nie da bis heute, von dort aber kamen Bataillone, Regimenter, die wussten, wie ich gelebt habe.

28. September 2020

Es dauert, bis alles wieder in normalen Bahnen verläuft, die ersten Waschmaschinen gewaschen sind, die eingegangene Post gesichtet ist. Aus Wien keine Nachricht über meine fehlende Lieferung, dafür spät noch in einem Hamburger Antiquariat die beiden Bände, die ich dringend brauche. Ich komme tatsächlich mit dem Cibulka-Band „Tagebücher“ zu Ende, den ich einst kaufte, um nicht fünf einzelne Büchlein suchen zu müssen, von denen mir vier ohnehin noch fehlten. Der Markt ist weitgehend leergefegt, vor allem seine Lyrik-Bände kaum greifbar. Das verstehe, wer will. Ohne Urlaub, Cibulka, Eloesser hätte ich heute einen Text zu John Dos Passos ins Netz gestellt, weil ich den 50. Todestag als guten Anlass sah, über „Das Land des Fragebogens“ zu schreiben, seine „Reportagen aus dem besiegten Deutschland“ des Jahres 1945. So aber bin ich mit dem Gedanken befasst, warum Soldat Hanns Cibulka in Wolhynien einmarschierte und nicht in die Sowjetunion.

27. September 2020

Nachtrag: Dies ist nun schon der erste Todestag meiner Mutter. Sie hätte sich viele Sorgen gemacht um uns in diesen Corona-Zeiten. Wir schaffen es, schon 9.40 Uhr im Auto heimwärts zu sitzen, es gibt an der Grenze keinerlei Kontrollen, es entfallen alle Fragen, wo wir waren. Wir fahren durch bis Jura Ost, wo  auch diesmal wieder einige merkwürdige Gestalten zu sehen sind, die an ihren Fahrzeugen vorn und hinten unterschiedliche Kennzeichen haben, deren Frauen sehr bunte Röcke tragen und ruhelos mit zwei Kaffeebechern auf und ab pilgern, während die Männer unsichtbare Defekte besichtigen im Bereich der Stoßstange. Kurz nach 16 Uhr sind wir zu Hause, entladen alles, tragen alles in den Keller, was in den Keller gehört. Ich hole die Zeitungen von der Tankstelle, wo es wieder eine neue Angestellte gibt. Zwei unserer Orchideen sind den Urlaubstod gestorben, in beiden Fällen absehbar. Anders als vorigen Sonntag verschlafen wir den frischen Tatort heute nicht.

26. September 2020

Nachtrag: An einem letzten Tag mit mittelprächtigem Wetter und stark gesunkenen Temperaturen fährt man gut, zum Stift Göttweig zu fahren. Dort gibt es, anders als auf der Schallaburg, für die geneigten Ohren gut funktionierende Audio-Guides mit noch besser portionierten Informationen. Ich fotografierte emsig vor mich hin, auch in der Stiftskirche, diesmal ohne Gesang. Nur eine einsame Marillenmarmelade aus dem Klosterladen kauften wir, die Weine sind einigermaßen teuer, den Messwein kosteten wir schon am zweiten Abend in Langenlois. Den Balkon mit dem herrlichen Blick durften wir nicht betreten, das blieb denen vorbehalten, die an einer Führung teilhatten, was wir nicht so lieben, wenn es Alternativen gibt. Nach der Heimkehr vom Hauermandl lud ich die Weinkisten in den Kofferraum, immer noch schwer übersättigt vom großen Mahl für zwei Personen auf einem Brett, wir hätten es wissen müssen. Walter Benjamin nahm sich vor 80 Jahren das Leben.

25. September 2020

Nachtrag: Nach vier langen Wanderungen zum Bäcker heute wegen heftigen Regens mit dem Auto dorthin und gleich Vorrat bis Sonntag gekauft. Die Idee mit dem Vorrat hätte mir eher kommen können, dann aber wäre mein Schrittzähler unterfordert geblieben. Stilles Frühstück, kein Gedanke an Erich Maria Remarque, der vor 50 Jahren starb und vor 45 Jahren gewisse Teile meines Bestands an ungarischen Forint forderte, um einige seiner in der kleinen DDR nicht veröffentlichten Bücher in Budapest, Vaci utca, zu erwerben. Kurz entschlossen heute die Fahrt zum Schloss Walpersdorf, wo wir einmal schon waren, was kein Grund ist, nicht erneut dort zu erscheinen. Es ist eigentlich nur eine Verkaufsausstellung, aber eine mit enormem Schauwert und neckischen Kleinigkeiten, die zum Kauf verlocken. Ein Olivenholz-Salatbesteck zum Beispiel. Im Schlossgraben weiden gehörnte Schafe und weiße Gänse, die man ultraweiß nennen könnte. Doppel-Schnitzel im Hauermandl.

24. September 2020

Nachtrag: Klänge es nicht rentnertypisch kindisch, würde ich sagen: Mein Haupterlebnis heute war im Naturpark Geras das Füttern zweier Esel sowie einer deutlich größeren Zahl kleinerer und auch größerer Ziegen. Sie alle schleckten begeistert aus meiner Hand die Futterpellets, die ich gegen ein geringes Entgelt erwerben durfte, nachdem wir zuvor zwei Achtel zur Stärkung genommen hatten. Stift Geras ist ansehnlich und sehenswert, noch mehr, wenn sich strahlend blauer Himmel darüber wölbt. In der Stiftskirche zelebrierten drei Männer in Straßenkleidung und einer im Ornat im Chorgestühl etwas mit Gesang und Gebet, was uns eine Weile zum Lauschen nötigte. Auch den Kräutergarten des Stifts nahmen wir ausführlich in Augenschein. Von den Tieren des Naturparks, die nicht zum Streicheln und Füttern gedacht sind, sahen wir nur zwei sehr schöne Luchse und drei Hirsche, alle anderen zogen es vor, sich jeglicher Besichtigung zu entziehen. Am Abend bei Nastl.


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