Tagebuch

19. Mai 2019

Wenn das Wetter richtig schlecht ist, vermiest es einem unter Umständen ein ganzes Stadterlebnis. Vor 20 Jahren fuhren wir nach Winterthur, wo wir seither nie wieder waren. Es goss nach allen Regeln der Kunst, das macht selbst Städte hässlich, die eigentlich gar nicht so schlimm sind. Schaue ich heute auf das Foto vom Theater in Winterthur, denke ich immer noch: was dort wohl gespielt wird? Muss man es wissen? Am Abend des gleichen Tages, es war ein Mittwoch, Ermatingen im strahlenden Sonnenschein, der Bodensee stand dort noch höher als bei uns in Steckborn und dennoch: angenehme Erinnerungen. Ich bin in der Nacht tatsächlich mit meinem Sebald zu einem Ende gekommen, der auch eine Zeit in der Schweiz lebte. Wieder ist es viel geworden und hätte noch mehr werden können. Krankenbesuch in Gehren heute mit Rhabarberkuchen. Die neuen Fenster sind so dicht, dass man mit 90 die Autos nicht mehr hört, nur noch den Schwerverkehr.

18. Mai 2019

Unser Zweitausflug zum Rheinfall fiel auf den 26. August 2012, das war ein Sonntag, ließ sich gestern mit etwas Aufwand noch herausfinden. Am 18. Mai 1999 besuchten wir die Kartause Ittingen zum ersten Mal und die Kantonshauptstadt Frauenfeld. Im Lauf der Jahre sahen wir alle Kantonshauptstädte, weil wir uns irgendwann einfach das Ziel setzten. Und wunderten uns in jeder kleinen Stadt neu über die großzügigen Parkmöglichkeiten. In Ilmenau haben ganze Gruppen von Lokalpolitikern kein höheres Ziel, als Parkhäuser zu verhindern, gar noch ein neues in der Nähe des Bahnhofs, wo, wie aus aller Welt bekannt, Parkhäuser völlig überflüssig sind. Heute ist nun der 75. Geburtstag von W. G. Sebald, der 2001 nach einem Herzinfarkt im Auto an den Folgen des sich anschließenden Verkehrsunfalls starb. Die selbstzufriedene westdeutsche Öffentlichkeit störte er mit seiner These auf, die deutsche Nachkriegsliteratur habe den Bombenkrieg komplett ausgeblendet.

17. Mai 2019

Im Briefkasten heute vor aller Post zwei bunte Blättchen: „Monster Truck Stunt & Actionshow“. Ich erinnere mich der hibbeligen Begeisterung eines Jungvolontärs aus Ostwestfalen, dem eine solche Ankündigung in die Hände fiel 1990 oder 1991. Natürlich erlaubte ich ihm, den Termin mit dem eigenen Fotoapparat, damals noch analog, wahrzunehmen. Als ich die entwickelten Bilder dann sah, frisch aus der redaktionseigenen Dunkelkammer (was war das denn?), war ich nicht in der Lage, mein Kopfschütteln zu unterdrücken. Am 17. Mai 1999 besuchte ich erstmals den legendären Rheinfall bei Neuhausen und anschließend die Stadt Schaffhausen mit dem Kastell Munot. Jahre später nahmen wir uns mehr Zeit, fuhren sogar Boot im Becken unterhalb des Falles. Der Versuch, meine Archiv-Bestände zu W. G. Sebald etwas zu ergänzen, der morgen 75 Jahre alt geworden wäre, führte zu einem vorübergehenden Drucker-Streik, was mir fast den kompletten Vormittag raubte.

16. Mai 2019

Vermutlich kann man, damit befasst, kein Gendersternchen in seinem/ihrem Text zu vergessen, nicht auch noch auf eine Titelzeile achten, die nicht von Dämlichkeit gebeutelt wird. „Arme Kinder haben arme Eltern“ steht heute im ehemaligen Organ des ehemaligen Zentralkomitees auf der Seite 11, man ist erleichtert: wenigstens hier herrscht noch Ordnung. Man stelle sich vor, arme Kinder hätten reiche Eltern oder, schlimmer, reiche Kinder hätten arme Eltern. Dann hätten vermutlich die Eltern irgendeinen Fehler gemacht. Immerhin: solange im reichen Deutschland noch so viele Arme reich genug sind, ihre leer getrunkenen Pfandflaschen nicht selbst zum Automaten zu bringen, so lange haben die ganz armen Armen, jedenfalls fürs Pressefoto, noch einen soliden Nebenverdienst, der nicht auf Hartz IV angerechnet wird. Am 16. Mai 1999, das Jahrtausend war noch lange nicht zu Ende, sahen wir erst Stein am Rhein und dann das Napoleonmuseum Arenenberg mit viel Seeblick.

15. Mai 2019

Der 15. Mai 1999 war ein Sonnabend, an dem wir uns 8.25 Uhr auf den Weg in die Schweiz machten, gebucht hatte ich eine Wohnung in Steckborn am Bodensee. Kurz vor der Grenze, der Ort heißt Rielasingen, sah ich zu beiden Seiten der Straße je einen Getränkemarkt, was mich damals noch mehr als heute elektrisierte. Und tatsächlich fand ich in beiden derart viele neue Biersorten, dass ich zwei volle Kästen im Auto zu verstauen hatte, denen wenig später noch, schon auf der Schweizer Seite, die Produkte der Falkenbrauerei Schaffhausen folgten, von denen ich bis dato nur eine Sorte kannte. Unsere Wohnung gehörte zu einer Bootswerft, der Empfang sehr freundlich, der Bodensee war leider über die Ufer getreten, so dass wir teilweise auf Stegen laufen mussten, um unseren Urlaubsort zu erkunden. 19 Fotos meldet mein Tagebuch lakonisch. Sie zeigen Bänke im Seewasser, Sandsäcke vor Fenstern und eine traumhaft schöne weiße Katze in einem Schaufenster.

14. Mai 2019

Dafür, dass er in der Hauptsache Essayist ist, Herausgeber, Redakteur von „Literatur und Kritik“, deren jüngste 12 Jahrgänge meinen Zeitschriften-Bestand bereichern, hat er eine unfassbare Menge an Preisen bekommen. Also gar nicht so weit von ihm selbst weg sein Gedanke, einer der von ihm verantworteten Hefte (es gibt je fünf in einem Kalenderjahr) Lobreden zu widmen, Laudationes, wie das in Magisterkreisen lieber genannt wird: es ist das März-Heft 2019, für das er wie immer das Editorial verfasste: Karl-Markus Gauß. Am 14. Mai 1954 in Salzburg geboren, dortselbst lebend, von dort aus reisend. Zu einem anderen 65. Geburtstag dieses Jahres bin ich frühzeitig eingeladen worden, musste ebenso frühzeitig absagen wegen einer Reise. Zu diesem 65. Geburtstag trage ich nur mit dieser Notiz bei, was auch sonst. Gauß ist für mich noch immer weitgehend unentdecktes Land, mit Salzburg steht es deutlich besser. Mit meinem durchaus ansehnlichen Gauß-Archiv auch.

13. Mai 2019

Am 13. Mai 1994 sah ich zum ersten Mal im 41-jährigen Leben Luxemburg, Land und Hauptstadt. Ich befand mich mit meinem 73 Jahre alten Vater auf einer Art Männertagsreise an der Mosel, von wo aus der Ausflug seinen Ausgang nahm. In Luxemburg, wo ich knapp zwei Jahre später erstmals mild erschrocken verkehrt in eine Einbahnstraße fuhr, nur dank eines verständnisvollen Busfahrers ohne Blessuren und Strafen wieder herauskam, befand mein Vater den strammen Marschtritt unserer Stadtführerin für zu schnell und legte einen störrischen Steh-Streik ein, was mich um das Erlebnis der Kasematten brachte, die ich tatsächlich erst 2008 betrat. Wir sahen damals auch Mertert, weil der Bus uns wie zufällig an einem Riesenmarkt eine Pause gönnte. 2008 dann wohnten wir dort in einem schlossartigen Bau in einer Wohnung über zwei Etagen und bestätigten uns allabendlich, dass alle dummen Gerüchte über Weine aus Luxemburg dumm sind. Nicht nur Elblinge schmecken fein.

12. Mai 2019

Man hört zwar im Rasiersender während der Autofahrt diverse Veranstaltungshinweise, sie dringen aber nicht tiefer. In Jena ist heute Frühlingsfest, das Wetter wie vorhergesagt deutlich besser als gestern, aber auch gleich schlechtes Wetter hätte den starken Eindruck nicht verderben können, den diese Inszenierung von Nora Schlocker hinterließ. Wir mussten in Dresden bis tief in die Nacht Wein aus Südafrika trinken, eben eingeflogen, um unserer Freude zusätzlich Ausdruck zu verleihen. Für mich zwei südafrikanische Biere, eben eingeflogen: Freunde, das Leben ist lebenswert. In Jena sperrte die Polizei eben alles ab, was das Navi empfahl, wir fanden auf Umwegen den Parkplatz doch, den wir finden wollten und trotz Kampfdemonstration und Frühlingsfest auch einen guten Platz in einem guten Restaurant. Während solcher Feste wird Nahrung erwartungsgemäß vor allem stehend aufgenommen, was Freunden warmer Mahlzeiten mit Sitzplatz Möglichkeiten eröffnet.

11. Mai 2019

Nur ein einziger Text aus meiner Rubrik MEINE SCHWEIZ wurde öfter aufgerufen als die „Mini-Hommage für Carl Seelig“. Das ist „Heinrich von Kleist in der Schweiz“. Carl Seelig, am 11. Mai 1894 in Zürich geboren, am 15. Februar 1962 in Zürich gestorben, ist in meinem Archiv seltsam spärlich vertreten: eine einsame Kritik zu seinem Buch „Wanderungen mit Robert Walser“ ist da auf ein kariertes Blatt DDR-Papier geklebt. Im Regal ist das Reclam-Buch aus Leipzig sogar hinter die zahlreichen Bände Robert Walser gerutscht aus Platzgründen. Immerhin, ich las die „Wanderungen“ am 17. Oktober 1989 zu Ende, in bewegten Tagen, da viele noch meinten, an der DDR wäre etwas vielleicht doch zu retten. Später habe ich mir Stellen angeschaut, da Seelig mit Walser unterwegs war, nicht alle natürlich. Heute geht es zu „Kasimir und Karoline“ nach Dresden, morgen aus Dresden nach Jena, Finale des zweigeteilten Familientreffens vom Wochenende in Dörnfeld a.d.H.

10. Mai 2019

Die erste echte Rentnerwoche zu zweit geht in die Zielgerade, es klappt mit dem gemeinsamen Frühstücken, der Ruf „Das Essen ist fertig“ erschallt wie früher allenfalls an Wochenenden. In die Post gehen kopierte Rentenbescheid-Seiten wegen der ausstehenden Zusatzrente, der Zeitungsberg im Wohnzimmer verliert seine furchteinflößende Höhe, der Zeitungsberg im Arbeitszimmer nähert sich dem Normalpegel bester Zeiten. Wegen des Wochenend-Besuches ist der Kühlschrank voll, als kämen Notzeiten auf uns zu. Ich bin mit meiner Uralt-Datei zu „Kasimir und Karoline“ zu mehr Nachtrag gekommen, als ich nach Lage der Dinge hätte hoffen können. Anruf aus Dresden, wir fahren morgen etwas später als sonst und am Sonntag etwas eher zurück. Vier englische Klubs stehen in den europäischen Finals, das gab es noch nie. Wir werden schauen, ob das eine Ausnahme bleibt oder die schon lange beschworene neue Übermacht der Insulaner nun auch sichtbar vorführt.

9. Mai 2019

Man muss es nicht gleich Erfolg nennen, aber schämen will ich mich auch nicht deswegen. Zum 70. Geburtstag des viel zu früh verstorbenen Autors Bernd-Dieter Hüge am 9. Mai 2014 setzte ich meine frühe Kritik zu seinem zweiten Buch „Beichte vor dem Hund“ in meine Rubrik ALTE SACHEN ins Netz und heute, da ich mich noch einmal seines Sterbedatums versichern wollte (24. Januar 2000), finde ich meinen Text bei der Google-Suche unmittelbar hinter dem WIKIPEDIA-Eintrag zu Hüge. Ich kaufte mir nach den Gedichten noch das 1991 in der Aufbau-Reihe „Texte zur Zeit“ veröffentlichte „Mein Knastbuch“ mit der da schon sensationsarmen Aussage auf dem Rücken: „2 Jahre und 8 Monate Haftstrafe für einen Unschuldigen – auch das gehörte zum vergangenen DDR-Alltag“. Mir war längst schon die Zeit abhanden gekommen, solche Bücher zu lesen, der aufregende und gesundheitsschädliche Tageszeitungs-Alltag raubte jegliche Freizeit. 

8. Mai 2019

Reichlich sieben Jahre ist es her, dass ich zuletzt eine Inszenierung von „Der Revisor“ sah, es war eines der regelmäßigen Gastspiele des Marburger Theaters in Arnstadt. Ein weiteres Jahr zuvor sah ich die Gogol-Komödie in Rudolstadt als Sommertheater auf der Heidecksburg. Damals befiel mich der Gedanke, wie gut es womöglich wäre, wenn sich das kleine Haus mit großer Vergangenheit auf Komisches konzentrierte, weil das auffallend oft deutlich besser geriet als das, sagen wir: Tragische. Ei, ei, was musste ich mir anhören! Gestern nun „Der Revisor“ in Gera, zwei Stunden mit Pause nur, aber zwei höchst kurzweilige Stunden. Die Kritik wird dennoch erst morgen fertig werden, weil die Urlaubswoche zu Hause einen mittleren Stau hinterließ. Nicht zu vergleichen natürlich mit dem Stau im Raum Stadtroda, den viele umfahren wollten, weil es der Verkehrsfunk riet, was sie in den selbst gebastelten Zusatzstau führte beim Versuch, sauschlau in Jena von der Autobahn abzufahren.


Joomla 2.5 Templates von SiteGround