Tagebuch

20. Januar 2017

Heute leistet er also seinen Amtseid, wie das die neu gewählten amerikanischen Präsidenten seit 1934 immer tun, es ist der Vorabend des Geburtstags meiner lieben Schwiegermutter, ein guter Anlass also für einen Präsidenten-Eid. In einem anderen Kontinent mit A gibt es Präsidenten, die nach einer verlorenen Wahl sagen: Ätsch, ich bleibe trotzdem in meinem Office, auch wenn es nicht sonderlich oval ist. Dann fallen friedliche Nachbarstaaten ein, um zu zeigen, wo in Demokratien der Hammer hängt. Man könnte aus der Häufigkeit solcher Vorfälle auf bestimmten Kontinenten bestimmte Folgerungen ziehen, die, würden sie ausgesprochen, einen gewissen Scheißsturm auslösen könnten, also einen Shit-Storm natürlich, um alten Germanen verständlich zu bleiben. Denn das wäre dann Rassismus und den wollen wir nicht. Wir überlegen inzwischen sogar, ob wir eine Rasse-Kaninchen-Schau überhaupt noch so nennen dürfen, also reinen Gewissens, meine ich.

19. Januar 2017

Hätten wir NEUES DEUTSCHLAND wegen unterlassener Hilfeleistung verklagen können, wäre ich unlängst beim Freischaufeln unseres Mietparkplatzes an einem Herzinfarkt verstorben? Meinen ersten Versuch, auf diesem Weg die ewigen Jagdgründe zu erreichen, hatte ich am 30. Oktober 1993, es ist also schon ein Weilchen her, damals warnte das Zentralorgan parteiloser Humoristen auch nicht vor Heimkehr aus dem Gardasee-Urlaub. Heute wird vor dem Schneeschaufeln bei Minusgraden gewarnt, was insofern ein wenig irritierend klingt, als bei Plusgraden ja bisweilen gar nicht hinreichend viel Schnee zum Schaufeln vorhanden ist. Ich überlege, wie es wohl wäre, wenn die Vereinigten Staaten von Amerika in Washington in White-House-Nähe ein Mahnmal für die ausgerotteten Indianer Nordamerikas errichteten, damit dieser Höcke nicht immer so unsinnige Bemerkungen in den Livestream brabbelt wie unlängst wieder in diesem Dresden. Der Kerl, der.

18. Januar 2017

Das Ordnungsamt in der Keplerstraße! Da wird doch der Hund in der Suppe verrückt! Hier allein könnte das Stadtsäckel gefüllt werden bis zum Bindfaden, man könnte im Stromhäuschen oder im Kleiderspende-Container eine kleine Ein-Frau-Außenstelle errichten, die ähnlich rasch wie in der Poststraße schon sechs Sekunden, nachdem der Falschparker ausstieg, die vorbereitete Knolle hinter den Scheibenwischer klemmt. Hier stehen täglich stundenlang Fahrzeuge ohne Parkkarte, hier parken am Morgen im Minutentakt Unberechtigte auf den Mietparkplätzen, aber das Ordnungsamt sieht man noch seltener als den städtischen Winterdienst. Gestern war also ein historischer Moment.Heute vor vierzig Jahren, es war ein großes Sterben vor vierzig Jahren, starb Carl Zuckmayer. Nach zwei Fehlversuchen in Berlin landete er mit „Der fröhliche Weinberg“ 1925 den Hammer der Saison. Sonderlich fröhlich ist dieser Weinberg heute nicht mehr. Nur noch auf kleinsten Bühnen.

17. Januar 2017

Könnte sein, dass Donald Trump bald geheime Forschungsergebnisse frei gibt, denen zufolge die Berührung nichtamerikanischer Fahrzeuge mit mehr als einer Fingerspitze zu schweren Allergien, in Einzelfällen zu Schockreaktionen mit Todesfolge führen kann. Die einzige bisher bekannte Therapie besteht im hastigen Verspeisen von vier bis acht Doppel-Whoppern pro Mahlzeit bei gleichzeitigem Schlucken von drei Litern Coke. Die Fusion von Lucky Strike mit Camel führt dazu, dass das Rauchen bei Atemwegsbeschwerden wieder als alternativmedizinische Methode gelten soll. Da das Bundesverfassungsgericht die NPD schon wieder nicht verboten hat, obwohl weit und breit kein V-Mann mehr zum Einsatz kam, die sitzen jetzt alle bei der AfD, darf vorübergehend am Bundesverfassungsgericht gezweifelt werden. Zweifel gelten nur in Diktaturen als das System destabilisierend, Zweifel an ehelicher Treue definieren demnach Ehe indirekt als eine Diktatur.

16. Januar 2017

„Was DDR-typisch war, galt mir immer als zweitrangig: die Mauer schuf Provinzialismen. Einer davon ist der Glaube, im Mittelpunkt der Welt zu stehen und Eigenart und Identität in wenigen Jahren hervorbringen zu können.“ So Uwe Grüning am 14. Oktober 1990 im SONNTAG. Weil er heute 75 wird, habe ich einen alten Lokal-Text ausgebuddelt und einen Blick auf das winzige Autogramm vom 6. Oktober 2000 geworfen, das er mir in „Moorrauch“ kritzelte. Wegen des ganz speziellen Superlativs: ich sah gestern den miserabelsten, in Spiel und Dialog grauenhaftesten WDR-Tatort, seit die Türken vor Wien vertrieben wurden. Sollte der Drehbuchautor, der vermutlich zu wenig DDR-Kinderhörspiele studiert hat, seine vorrangige Aufgabe darin gesehen haben, Anne Will eine Diskussionsgrundlage zu liefern, dann hat er wohl seine Stellenbeschreibung vorher nicht gelesen. Vor lauter Verzweiflung aß ich die letzten neun Weihnachtsplätzchen hintereinander weg.

15. Januar 2017

Günther Rühle nennt ihn ohne Umschweife den wichtigsten Theaterkritiker der Epoche von 1917 bis 1933 für Berlin und das ganze Reich. Er starb am 15. Januar 1977 in Berlin. Warum gerade seine Besprechung der „Antigone“ des Sophokles aus dem Berliner Börsen-Courier vom 10. April 1921 weder in die große dreibändige noch in die ihr folgende einbändige Auswahl seiner Kritiken aufgenommen wurde, erschließt sich mir noch immer nicht. Ich suche stets bei Herbert Ihering, ob ich Einschlägiges finde, wenn ich mich auf einen Theatergang vorbereite, freilich nie nur bei ihm. Die gestrige „Antigone“ in Coburg, Regie Konstanze Lauterbach, war geradezu wohltuend nach der Schlammschlacht in Weimar Anfang Dezember. Und sie war nicht nur wohltuend, sondern auch überzeugend. Obwohl mich die Einführung der Schauspieldramaturgin Carola von Gradulewski beinahe verstimmte, die ich nur hörte, weil wir rascher in Coburg waren, als wir hoffen durften.

14. Januar 2017

Herrje, Ina Deter wird heute 70. Nix mehr mit kurzem Lederröcklein, oder doch? Neue Männer braucht das Land auch keine mehr. Sind genug alte da. Anais Nin starb in Los Angeles vor vierzig Jahren. Keine Ahnung, warum die Knaur-Bestseller „Die verborgenen Früchte“ und „Das Delta der Venus“ sie seinerzeit schon 1976 gestorben sehen wollten. Ich grabe heute eine alte kleine Nicht-Kritik aus und stelle sie in die ALTEN SACHEN, sie erschien am 13. Januar 1989 zuerst in der Tageszeitung TRIBÜNE. Nur sechs Wochen nach mir veröffentlichte ein Literatouristiker seine Nicht-Kritik zum Spektrum-Bändchen. Sie klebt auf dem Archiv-Blatt unter meiner, sonst hätte ich das kaum erwähnt. Damals musste er sich noch nicht diverser Neidergruppen erwehren, die ihm sein Rentnerleben vergällen. Wenn der Schnee uns nicht den Spaß verdirbt, eröffnen wir an diesem Sonnabend unser Theaterjahr 2017 mit einer „Antigone“. Also, lieber Schnee, reiß dich zusammen.

13. Januar 2017

Schnee und Sturm zugleich an einem solchen Freitag, Verwehungen breiten sich aus und das Volk beginnt zu schaufeln und zu schieben, also das Volk natürlich nicht, sondern die Nachbarn. Der heutige 95. Geburtstag von Thomas Valentin lässt mich erschrocken nachschauen: seit November 2004 sind meine vier Valentin-Dateien, immerhin 36 Druckseiten, nicht mehr in Arbeit gewesen, daran wird sich wohl vorerst nichts ändern. Ich lese Ludwig Thoma und Herbert Ihering, Heinrich Böll und Margarete Neumann, ich habe Hölderlins „Antigone“-Übertragung wieder in die obere Regalreihe gestellt, bescheide mich mit meinem Schottlaender. Immerhin frage ich mich, ob man ohne vorher zur Kenntnis genommene Inhaltsangabe auch nur ahnen würde, was die ersten Worte Antigones an Ismene gerichtet bedeuten sollen, bliebe man allein auf diesen Hölderlin angewiesen. Leicht machen einem diese übergroßen Dichter nur eines: sie lieber zu verehren, statt sie zu lesen.

12. Januar 2017

Meine donnerstäglichen sechs Kilometer haben mich so erschöpft, dass der gesamte Tageslauf ins Trudeln kam. Es läuft sich auf diesen gut, schlecht oder gar nicht beräumten Wegen einfach nicht, der Vortrieb, würde man als Tunnelbohrer sagen, lässt zu wünschen übrig. Natürlich haben wir Elb-Philharmonie geguckt, natürlich haben wir „Phönix“ gesehen mit Nina Hoss, viel mehr als Nina Hoss war das freilich auch nicht. Wir sahen einen DDR-Kopfkissen-Bezug in Ronald Zehrfelds Nachkriegskeller, wie er bei uns im Schrank liegt. Wir konnten die Frage nicht klären, wie lange Häftlingsnummern eintätowiert wurden in Auschwitz, noch Anfang Oktober 1944? Wir erkannten, dass das Ende der DDR auch die schönen Ruinengrundstücke nach und nach verschwinden ließ. Das ausgebombte Haus sah einfach viel zu pittoresk aus, wie von einer jungen und dynamischen Bühnenbildnerin gestaltet. Aber Nina Hoss kann ich immer sehen, sie muss gar nichts sagen.

11. Januar 2017

Wird im Fernsehen lange nicht mehr über ein Thema berichtet, glaubt Maxine Mustermann, das Thema sei aus der Welt. Also in ähnlicher Lage ich: wenn ich lange nicht mehr über die täglich sechs bis acht Falschparker auf meinem Mietparkplatz schrieb, gibt es sie nicht mehr. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Heute beispielsweise testete den Platz ein silbergrauer Alt-Audi mit dem Kennzeichen MAI S …, das Kennzeichen für Mainburg hatten wir hier noch nicht, wir hatten KÜN, WI, CO, AB, SLF, SHL, MD, J, ARN, und natürlich in Bataillonsstärke IK und IL. Unser Parkplatz ist der mit Abstand beliebteste unter all den jungen Frauen und sonstigen Ignoranten, weil er am günstigsten zum Kindergarteneingang liegt. Es gibt unter den jungen Frauen sogar verstärkt solche, die sich bei meiner Frau entschuldigen, wenn die warten muss, bis sie endlich einparken darf. Nach links-grüner Logik sind Mietparkplätze überflüssig, weil sie eben trotz Schild missbraucht werden.

10. Januar 2017

Wenn einer, der sich selbst variantenreich an Dinge erinnern kann, die gar nicht stattgefunden haben, sich angelegentlich fragt, warum er sich gar nicht erinnern kann an Dinge, an die sich andere erinnern, haben wir eine vergleichsweise lustige Situation. Denn es gilt nie als sicher, dass der jeweils ältere das jeweils unzuverlässigere Gedächtnis hat. Auch das elefantenhaft haarscharfe Erinnerungsvermögen an erlittene Kränkungen lässt keine Rückschlüsse auf die Präsenz des Restes zu. Ich stritt mich mal mit einem über ein etliche Jahre zurückliegendes Ereignis in Schwerin, wir beschuldigten uns gegenseitig der Weichbirnigkeit, bis sich erwies, dass wir zwei sehr ähnliche, aber eben nicht identische Ereignisse meinten, die tatsächlich in zeitlicher Folge an einem und demselben Tag während des so genannten Poeten-Seminars gelaufen waren. Der umkämpfte Erinnerungsgegenstand hieß übrigens Heinz Kahlau, trug Latzhosen und ein großkariertes Hemd.

9. Januar 2017

Das Literaturverzeichnis meiner Dissertation enthält auf Seite 173 dreifach den Namen Karl Löwith, zuerst „Weltgeschichte und Heilsgeschehen“ (1953), dann „Gesammelte Abhandlungen“ (1960) und schließlich „Das Verhängnis des Fortschritts“ (1963). Der Ordner „Lau – Man“ mit den gesammelten Materialien für die Promotion enthält umfangreiche Exzerpte daraus, zusätzlich noch Kopien einzelner Zeitschriften-Beiträge Löwiths. Klar also, dass ich seinen Namen wegen seines heutigen 120. Geburtstages in meinen privaten Literaturkalender geschrieben habe. Da stehen auch noch Klaus Schlesinger (80) und Klaus Poche (10. Todestag), der Videotext hat auf seinen Seiten 503 und 504 keinen der drei Namen für erinnernswert befunden. Adolf Muschg erinnerte sich 2001 in der Neuen Zürcher Zeitung daran, als Student ahnungslos einen Vortrag von Karl Löwith gehört zu haben. Löwith starb im Mai 1973, da hatte ich gerade meinen „Kulturschock NVA“ hinter mir.


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