Tagebuch

16. Juli 2017

An der Stelle, wo ich Georges Arnaud finden müsste in meinem Archiv, finde ich ihn nicht. Ich finde ihn auch nicht unter seinem richtigen Namen Henri Girard, dort gibt es nur Anne Girard und René Girard. Im Regal steht, das  weiß ich nun ziemlich sicher, die kleine schwarze Taschenbuch-Ausgabe von „Lohn der Angst“, die ich immer mal lesen wollte, aber nie las, weil ich eben den Film „Lohn der Angst“ mit Yves Montand und Charles Vanel vermutlich dreimal sah, niemals die ungekürzte Fassung freilich. Heute ist Arnauds 100. Geburtstag, weshalb ich aus reiner Zitierlust dies aufschreibe: „Ich wurde Schriftsteller, weil man mich dazu zwang, weil man mich überall dort vor die Tür setzte, wo ich eigentlich hingehörte, und ich werde Schriftsteller bleiben, so unsinnig das auch ist.“ Es gab einsichtige Schriftsteller, man kann es kaum glauben. Gegen ein geringes Entgelt für die zweite Karte sah ich gestern in Rudolstadt „Umsonst“, Anreise mit Shuttle-Bus.

15. Juli 2017

Von Konstantin Fedin, der heute vor vierzig Jahren starb, besitze ich ein einsames Buch: Es heißt „Städte und Jahre“. Über ihn lese ich, dass er, als er vom Ausbruch des ersten Weltkrieges hörte, von Nürnberg nach Dresden eilte und dann nach Zittau übersiedeln musste. Geschwindigkeit und Zwang werden nicht näher erklärt, immerhin spielte Fedin dann am Zittauer Stadttheater. Von Lydia Davis besitze ich drei Bücher, zu „Fast keine Erinnerung“ elf Rezensionen, und bis heute frage ich mich, wie sie ausgerechnet beim Droschl Verlag landete, wo doch sonst ganz andere Häuser auf Hype-Amerikaner spezialisiert sind, Frau Davis wird heute 70, Glückwunsch, auch wenn ich sie nicht annähernd so toll finden kann wie all ihre Lobsänger/innen. Lann Hornscheidt füllt heute eine Seite LITERARISCHE WELT über Jane Austen, leider kann ich nicht sie oder er schreiben, denn Profx L.H. würde mich vielleicht verklagen wegen falscher Geschlechtszuordnung.

14. Juli 2017

Als Germaine de Staël am 14. Juli 1817 starb, war der noch nicht Nationalfeiertag der Franzosen, da er es aber seit 1880 nun eben ist, gedenken alle Willigen nebenher ihrer immer gleich mit, wenn sie in Gedanken die Marseillaise summen. Im vorigen Jahr ist ihr 250. Geburtstag an mir vorüber gerauscht, der 200. Todestag heute muss es erneut tun, ich bin einfach in andere Dinge verstrickt. Dabei wäre ihr längerer Aufenthalt in Weimar, als Schiller gerade am „Tell“ feilte und sie ihm (und Goethe) einigermaßen auf den Wecker ging, durchaus einen längeren Blick wert. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, sagt das für solche Fälle fällige Sprichwort. Schiller war übrigens trotz all ihrer Weckergängerei mächtig von ihr beeindruckt. Man kann es in Briefen nachlesen. Ich frage mich derzeit, wie man einem übersteigerten Individualismus huldigt. Steht der in der Ecke auf einem Sockelchen und man kniet vor ihm? Hat er ein Tempelchen am Rande der Stadt? Ich wüsst es gern.

13. Juli 2017

Warum ich mich nach Cape Cod träume, fragen meine anderthalb Stammleser getrennt voneinander und ich gebe das Geheimnis preis: Ein Onkel, eine Tante und deren gemeinsamer Sohn Klaus, also mein Cousin Klaus, lebten längere Zeit dort im Kreise anderer Auswanderer aus den urdeutschen Stammlanden. Ihre Ausreise erfolgte, ohne dass die Restfamilie deshalb von ihrem kranken System zu Hause terrorisiert wurde, in den Fünfzigern. Ich bin in einem gesunden System aufgewachsen, in dem Reisen eher Humoristen als ernsten Frauen, die zur Beerdigung Verwandter 1. Grades fahren wollten, erlaubt wurde. Leider hat eine schlimme Konterrevolution dazu geführt, dass ich jetzt eine Freiheit genießen muss, die nicht mehr als Privileg gelten will und deshalb den Privilegierten der Gesundsysteme voll auf ihre rostigen Ketten geht. Wer das alles nicht wirklich versteht, mag sicher sein, dass es Staatsbürger gibt, die das verstehen, auch wenn sie in einer Wahrnehmungsblase leben.

12. Juli 2017

Ein Phänomen zu ihm fällt besonders auf: sein Nachruhm lebt (bei uns) von rundem Jubiläum zu rundem Jubiläum: 150 Jahre Einzug in seine Blockhütte, 150. Todestag, jetzt, unübersehbar und kaum überlesbar: 200. Geburtstag. Ein Wunder vollbrachte er auch: er verursachte 22 Jahre nach seinem Tod in den neuenglischen Wäldern einen Waldbrand, dem, so jedenfalls die FAZ, mehr als eine Million Quadratmeter Wald zum Opfer fielen. Eine Umrechung in Quadratmillimeter hätte den Schaden noch größer erscheinen lassen, in den fernen USA kann man, wie wir alle wissen, sehr schlecht mit Milliarden umgehen. Würden wir in gesunden Gesellschaften leben, so ein bekannter Humorist unnachahmlich, würden alle diesbezüglichen Forschungen von Universitäten geleistet. In unseren kranken Gesellschaften aber, ja, da ist das Leben eben ein Trauerspiel. Die Rede war oben von Henry David Thoreau. Ein Buch von ihm heißt „Cape Cod“, wohin ich mich manchmal träume.

11. Juli 2017

Zitieren wir, weil er nun tot ist, einmal Peter Härtling: „Die Verlage sind als Industriebetriebe ehrlich geworden. Sie verbergen ihre Geschäfte nicht mehr hinter einer kulturellen Fassade. Den Autor drängt diese Ehrlichkeit zunehmend in die Ecke. Seine Individualität ist zweitrangig geworden, er ist ein Zulieferer.“ Seit er das 1975 schrieb, ist es kaum besser geworden. Auch wenn da und dort ein paar tapfere Leute sich selbst ruinieren, um sich und der desinteressierten Welt das Gegenteil zu beweisen. Goethes „Ilmenau“ fällt primär durch seine Länge auf und das sagen schon Leute, die es gern hören möchten. Wir reden nicht von den sieben Rest-Milliarden. Von den elf Härtling-Büchern, die ich besitze, erschienen zehn in der DDR, was weniger für diese spricht als für mein zwischenzeitlich versiegendes Interesse. Im Februar aber nahm ich ihn mir her, weil er über Ottilie Wildermuth geschrieben hatte und ich das auch wollte. Ich tat es, es ist leicht nachzulesen.

10. Juli 2017

Muss man wirklich eine Weile mehr oder minder brav, mehr oder minder intensiv für die Stasi gespitzelt haben, um bis heute die Welt mit Stasiaugen sehen zu können? Oder sah man umgekehrt die Welt ohnehin mit Stasiaugen und fand deshalb nichts weiter dabei, ihr dann zusätzlich den einen oder anderen Dienst zu erweisen? Der Kern dieses Sehens liegt darin, hinter allen Weltphänomenen den Beschluss eines oder mehrerer Politbüros zu erkennen oder auf jeden Fall zu vermuten. Heute hätten solche Politbüros dem Denkschema dieser Humoristen zufolge mehr Macht und Einfluss, als die guten alten Politbüros früher, als die Welt noch in Ordnung war, je hatten. Vermutlich bezahlt Trump persönlich, diesen Denk-Deppen zufolge, die schwarzen Terrorkommandos, um die an Friedlichkeit nie zu übertreffenden Linken zu diffamieren. Humoristen aller Länder, entschleunigt Euch, Wahrnehmungsstörungen können Indikator finalen Geschehen sein. Im Kopf vor allem.

9. Juli 2017

Es fällt mir schwer, das Anzünden von Autos und Fahrrädern sowie Plündern von Supermärkten als revolutionären Kampf gegen den Weltimperialismus zu deuten. Wenn ich die Fressen sehe, die alles kleinreden, verharmlosen oder gar rechtfertigen, dann rutscht mir der Hut ins Genick, den ich selten trage. Immerhin kenne ich nun neue Formen friedlichen Protestes: man hockt sich in Orange auf Bürgersteige und zeigt Ohmm-Yoga gegen G 20. Man befeuchtet Gesicht und Kleidung, bestäubt sich anschließend mit Zementmehl, um als graue Masse im Frankenstein-Monster-Schrittmaß gegen das Reicherwerden der Reichen zu trapsen. Unsereiner hat heute sieben Stunden Wanderung in den noch gar nicht so morschen Knochen, die nicht zittern, aber schmerzen, das habe ich zuvor in 64 Lebensjahren noch nie absolviert. Auf einer Bank in der Sonne trug ich interessierten Zuhörern das Gedicht „Ilmenau“ vor, lang und lehrhaft. Der Sonntag für Restarbeiten vor neuem Wochenbeginn.

8. Juli 2017

Warum zwingen späte Auswüchse eines/des westdeutsch-westlichen Alleinvertretungsanspruches, ich bin als DDR-Kind mit dem Begriff Hallstein-Doktrin indoktriniert worden, immer wieder zu Verteidigungen der DDR wider Willen? Heute ist der 150. Geburtstag von Käthe Kollwitz, in der Fasanenstraße in (West-)Berlin wird auf besondere Weise gefeiert. Noch vor wenigen Wochen gab es öffentliche Debatten über den Standort dieses Käthe Kollwitz Museums, in das man heute zur Geburtstagsfeier Kuchen mitbringen soll. Bei ARTE aber in 52 Minuten Dokumentation kommt nur das Kölner Museum vor, wo natürlich auch gefeiert wird, die DDR gar nicht. Obwohl doch dort die  Akademie das Andenken pflegte, lange ehe man sich im Westen überhaupt durchringen konnte, die Kollwitz mit einem Museum zu würdigen. Obwohl dort auf dem nach ihr benannten Platz im Prenzlauer Berg, wo sie mehr als fünfzig Jahre wohnte, der Gustav Seitz steht. Ärgerliche Ignoranz.

7. Juli 2017

Ringo, der zweite Rest-Beatle, wird heute 77 Jahre alt, was schön für ihn ist. Meine Augen bleiben trocken, ich war nie Beatles-Fan. Und besitze bis heute keine einzige Scheibe von ihnen. Von den Bee Gees allerdings auch nicht, und von den Beach Boys erst recht nicht, dafür aber 39 von den Stones, 29 von The Allman Brothers Band und 27 von Deep Purple. Vielleicht besäße ich Beatles, wenn deren Platten bei 2001 nicht immer so teuer gewesen wären, den Laden in der Kantstraße sah ich 1989 noch als DDR-Bürger bei meinem ersten Gang in den Westen, nicht ahnend, dass später die Kantstraße mein steter Anlaufpunkt sein würde. Das Medienmagazin JOURNALIST lieferte mir gestern eine Weltkarte frei Haus, auf der die Abstufungen an Pressefreiheit farbig gemacht sind. Es gibt verblüffend wenig Weiß (Good situation) und Gelb (Satisfactory situation), dafür viel Rot (Difficult situation) und Schwarz (Very serious situation). Wir hier mitten im weißen Kleinbereich.

6. Juli 2017

Pandas aller Länder, vereinigt euch! Unsereiner muss da nicht irgendwo kramen, um die Suppe zwischen all den Haaren zu finden, die da nun wieder gefunden werden, weil die Menschenrechte nicht ausreichend zur Sprache kamen. Wenn ich die Wahl hätte zwischen dem Verkauf von neun Büchern in neun Monaten und dem Export eines gedruckten Mount Everest für eine Milliarde gelbliche Leser, würde ich den Mount Everest sofort verkümmeln, selbst wenn ich im Gegenzug gebrauchte westdeutsche Mao-Bibeln in mein Kopfkissen nähen müsste. Soweit zur kleinen Politik. Mein alter Plüschpanda, ausgestopft noch mit echter sozialistischer Holzwolle, fristet gut verpackt im Keller sein finales Dasein, die Kinder hatten eigene Plüschtiere, die Enkel entwickeln vielleicht eine Westberliner Holzwolle-Allergie. Daniil Granin ist tot, dem nun Superlative nachschleichen. Der Hamburger Weltökonom Helmut Schmidt hat ihn spät westkompatibel gemacht, nicht zu spät.

5. Juli 2017

Als Fredi Lerch vor Jahren in der WOZ Klara Obermüllers sechsbändige Werkausgabe von Walter Matthias Diggelmann besprach, zitierte er die Herausgeberin auch mit diesen Sätzen: „Seine Mutter, die ihn um viele Jahre überlebt hat, hat sich ihm noch im Jahr seiner schweren Krankheit verweigert. Sie hat ihn nie besucht. Von seinem Tod hat sie schließlich durchs Fernsehen erfahren.“ Klara Obermüller (77) war Diggelmanns Frau und hat mit ihm ein Buch über eine Reise durch die DDR verfasst, das in der DDR nie veröffentlicht wurde, obwohl es, wie im Westen zu lesen, ein  beschönigendes Bild der DDR zeigte. Offenbar war es aber nicht beschönigend genug. Heute wäre Diggelmann 90 Jahre alt geworden, wenn ihn nicht sein Krebsleiden schon 1979 hätte sterben lassen. Auf Klara Obermüller bin ich längst neugierig geworden, es hätte der Guttenberg-Affäre nicht bedurft, sie war erste Präsidentin der Gesellschaft Schweiz-DDR. Was es so alles gab einst!


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