Tagebuch

8. September 2017

Gestern ihr 208. Todestag, heute der 250. Geburtstag ihres zweiten Gatten August Wilhelm Schlegel, Caroline könnte vergessener sein. Sie war vier Jahre älter als er und von ihm, ich gebe es zu, habe ich, als ich seinen Namen in meinen Arbeitskalender eintrug, auch zuerst wieder Tratsch im Kopf gehabt. Verbunden mit den plötzlich sehr lebendigen Erinnerungen an meine intensiven Bemühungen um den angloamerikanischen „New Criticism“ im letzten Studiendrittel zu Berlin: René Wellek, Austin Warren, Chleanth Brooks, Northrop Frye. Ja, liebe Festgemeinde: Es war nicht nur alles Marx in der DDR, wenngleich ich die genannten Herren natürlich westdeutschen Ausgaben zu entnehmen hatte. Da aber prägte sich mir die verächtliche Darstellung des älteren Schlegel ein. Gestern durfte Bonn sich des ersten Bundestages erinnern, der in einer Turnhalle zusammentrat, heute darf es ein Professor sein, der der jungen Universität gut zu Gesicht stand.

7. September 2017

Vier Jahre lang war er am Meininger Hoftheater, dann ging er nach Berlin, ab 1915 spielte er die Rolle eines freischaffenden Schauspielers: Albert Bassermann. Ich habe meine alten Ihering-Bände aus der unteren Regal-Reihe genommen: „Man hat den Eindruck: die Rolle reizt zuerst das Körpergefühl, und der Körper wieder reizt das Organ.“ So steht es in „Bassermann als Rezitator“. Von Bassermanns Mephisto war Ihering so begeistert, dass man seiner Beschreibung schon des ersten Auftritts folgt, als säße man Parkett Mitte, Reihe sechs. Herrlich. Heute ist Bassermanns 150. Geburtstag, gestorben ist er im Flugzeug am 15. Mai 1952. Mein Lieblingsvideotext meldet: „Sie war die Muse des Jenaer Romantikerkreises. Beide Schlegel-Brüder waren in sie verliebt.“ Wie mans nimmt, einer war sogar mit ihr verheiratet. Die Rede ist von Caroline, die erst Michaelis, dann Böhmer, dann Schlegel, schließlich Schelling hieß und fünf Tage nach ihrem 46. Geburtstag starb.

6. September 2017

Was in der Goethe-Chronik als wahrscheinliches Datum der Niederschrift genannt wird, verwandelt sich im öffentlich-rechtlichen Video-Text in eine fixe Tatsache: Am 6. September 1780 schrieb Goethe mit seinem Wanderbleistift „Über allen Gefilden ist Ruh“ an die Bretterwand des später zum Brandopfer gewordenen Häuschens auf dem Kickelhahn. Die Gefilde wandelten sich bald in  Gipfel, die Ruh blieb, erst im Faust war sie hin. Im Gedenken an dieses historische Datum spielte Jimi Hendrix am 6. September 1970 auf der Insel Fehmarn sein letztes öffentliches Konzert vor seinem Hinscheiden. So verbreitet es jedenfalls die Fake News Agency FNA, die in Baltimore von frustrierten Religionswissenschaftlern betrieben wird. Nach Fehmarn schickte später der Ilm-Kreis Ferienkinder. Am 6. September 1951 eröffnete das neue Berliner Schiller-Theater seine Pforten mit „Wilhelm Tell“, keineswegs mit „Die Räuber“, wie der oben genannter Videotext dreist behauptet.

5. September 2017

Als ich einst im Mai, nein, es war seltsamerweise immer im Herbst oder Winter, gen Suhl zu reisen hatte, weil der Chefredakteur und sein Stellvertreter die Lokalchefs sehen wollten, war ich neben Georg Schmidt der einzige männliche Redaktionsleiter, alle anderen waren mehr oder minder nette Damen. Jetzt, sehe ich gestern im Jubelblatt, hat eine einzelne Dame die Minderheitenrolle inne, alle anderen Redaktionen haben Männer an der Spitze. Nennt man das eine Entwicklung oder ist es  schon Rückschritt? In der Chefredaktion selbst hat es nie Frauen gegeben, außer der Sekretärin natürlich, deren Stimme klingt noch immer, nach mittlerweile fast vierzehn Jahren, vollkommen vertraut. Nur die kleine Vertraulichkeit alter Zeiten, die ist natürlich weg. Wie viele Jubiläums-Selbstfeiern wird es noch geben, ehe der letzte Leser seine beleuchtete Lesehilfe hat sinken lassen für immer? Ob ich irgendwann einmal von meinen Zeitungsjahren schreibe? Oder lieber nicht?

4. September 2017

Eigentlich wollte ich hier einen scherzhaften Zusammenhang zwischen dem Ableben von George Simenon und der ersten Montagsdemonstration am 4. September 1989 herstellen. Nun aber habe ich die Beilage zum 65-jährigen Jubiläum von FREIES WORT durchblättert und siehe, auf Seite 46 gibt es ein riesiges Foto mit mir in der Mitte. Es ist eine Variation des Bildes, das mir 1996 den Ruf eines Streikführers einbrachte mit mittelfristigen Folgen für meinen weiteren Berufsweg. Unter den Meilensteinen der Zeitungsentwicklung fehlt wieder die Expansion nach Arnstadt, ich schreibe es purer Vergesslichkeit zu, denn Bosheit gegen den Leiter der dortigen Redaktion, gegen mich also, sollte es nach so vielen Jahren nicht mehr sein dürfen. Obwohl man nie etwas ausschließen sollte. Indirekt bin ich auch mit der seinerzeit von mir ohne Rücksprache mit der damaligen Chefredaktion installierten „Lokalspitze“, die ich nie so nannte, dem täglichen „Brief an Müller“, präsent. Nun ja.

3. September 2017

9.15 Uhr saßen wir tatsächlich im Auto, alles passte in den Kofferraum. Wir tankten in Melk für 1,17 Euro den Liter, vier Cent mehr als zu Beginn der Woche, zu Hause in Ilmenau dann für den Wochenstart für 1,38 Euro. Die Wartezeit bei der Einreise vor Passau nur fünfzehn Minuten, vor einer Woche war im Radio von anderthalb Stunden die Rede, wir sahen den endlosen Rückstau auf der Gegenspur. Rumänien scheint sich an diesem Sonntag komplett auf unserer Autobahn bewegt zu haben, nicht alle pausierten auf dem Rastplatz Jura. Sehr viel Regen auf den ersten Kilometern, viele Baustellen, dennoch waren wir 16 Uhr wieder zu Hause. Nötig etliche Gänge in den Keller, zwei Fahrten nach oben. Nichts Wichtiges in der Post, fast alle Mails mussten nur gelöscht werden, ein mich sonst sehr interessierender Weinkatalog landet umgehend im Altpapier. Im Briefwechsel von Theodor Storm und Gottfried Keller muss ich morgen nur noch ein paar Fußnoten nachlesen.

2. September 2017

Nachtrag: Die Kulissen der Spiels im Teisenhoferhof und die Bestuhlung des Innenraums sahen wir heute aus verschiedenen Perspektiven, weil wir erstmals und spät genug uns das Wachaumuseum anschauten. Die Bewunderung für Waltraut Haas, inzwischen 90 Jahre alt, ihr Geburtstag ist für uns besonders leicht zu merken, weil wir an ihm einen ehelichen Gedenktag begehen, ist immer noch und immer wieder sehr groß. Das Museum bietet aktuell moderne Kunst in zwei Präsentationen, Trachten, einen Heimatmaler, eine Ausstellung zum hundertfünfzigjährigen Feuerwehrjubiläum, die mich an ganze Reihen solcher Jubiläen aus meiner Zeitungszeit erinnerte. Fotos von Hochwassern der fünfziger Jahre zeigten, dass unser Donauhochwasser 2002 nicht das schlimmste war. Mittags mit dem Bus nach St. Michael zum Bayer, lange Gespräche mit dem Senior-Chef und ein Riesling Smaragd zum Abschluss von höchster Geschmacksfülle. Dann schon Beginn des Kofferpackens.

1. September 2017

Nachtrag: Unsere Gastgeberin ist zurück aus dem Urlaub, es ist wieder Leben im Frühstücksraum. Dass wir uns die Schallaburg für den vorletzten Tag aufhoben, war gut, weniger gut, dass uns in Pöggstall niemand darauf aufmerksam gemacht hatte, welchen Rabatt Besucher bekommen, wenn sie ihre erste Eintrittskarte vorlegen. Wir sahen sowohl die „Islam“-Ausstellung als auch „Freyheit durch Bildung“ im Keller, den Beitrag zum Luther-Jahr. Der Titel „Islam“ allein sorgte, wie wir mehrfach heraushörten, für verbreitete Distanzierung, die Themen der Vorjahre hatten weit mehr öffentlichen Zuspruch. Die Ausstellung selbst vermied alle Vordergründigkeiten, der Rundgang mit Audio-Guide half spürbar. Bei Martin und Silvia Denk, die heute öffneten, trafen wir abermals die Regensburger und die Dresdner und siedelten deshalb aus dem kühlen Hof nach innen um. Die Wachau-Festspiele locken zusätzliches Publikum nach Weißenkirchen, jetzt „Der Hofrat Geiger“.

31. August 2017

Nachtrag: Für die Entscheidung, nach Langenlois zu fahren, loben wir uns anschließend selbst. Das Loisium ist ein Erlebnis, unterirdisch, oberirdisch und schließlich auch im sehr gut bestückten Shop voller Kamptal-Weine. Wir begeben uns in der Rolle frisch geernteter Trauben in unterirdische Welten, durchwandern Keller und Gewölbe, oben ist es wie in einem Freiluftmuseum mit alten Hauseinrichtungen, Gott Bacchus verpasst mir eine solide Kurzdusche. Ich finde elf neue Biersorten aus zwei mir bisher unbekannten Kleinbrauereien, auch in Wösendorf gibt es jetzt eine Brauerei. Auf deren Sorten muss ich aber bis nächstes Jahr warten, die Betreiber sind im Urlaub. Wir laufen zeitig den Weinweg zum Eigl, haben einen netten Platz im Innenhof, die Chefin erkennt uns sogar, als wir uns verabschieden. Ein fast zarter Regen auf dem halbstündigen Heimweg reicht nicht einmal aus, uns halbwegs zu durchfeuchten. Die Heidenheimer reisten heute weiter nach Wien.

30. August 2017

Nachtrag: Im Waldviertel soll man dem Navi seinen Willen nicht lassen, es leitet über schmalste Nebenstraßen. Wir landen schließlich an einer Vollsperrung, allerdings der eigenen Missachtung eines Hinweisschildes geschuldet. Nach Pöggstall finden wir dann doch, sehen uns die überall heftig beworbene Landesausstellung Niederösterreichs an: „Alles was Recht ist“, hochinteressant und gut gemacht. Für die Sonderausstellung zum Schloss Pöggstall fehlt uns die Kondition. Wir zahlen Senioren-Eintritt. Pöggstall selbst ist wie frisch aus der Waschanlage. Den Rückweg nehmen wir nur nach Ausschilderung und kommen von oben her nach Spitz hinein. Am Abend zum zweiten Mal bei Rosenberger, dort sitzen schon die Regensburger und zwei der vier Dresdner. In so guter Gesellschaft werden es sogar fünf Achtel, Bergwein, Alte Rebe, natürlich der gelbe Muskateller. Die Dresdner sind eigentlich keine Weintrinker, die Regensburger kennen Dresden seit Jahren gut.

29. August 2017

Nachtrag: Wir fahren zuerst nach Krems, wo uns die Großbaustelle am Kunstviertel auf Umwege zwingt. Wir parken schließlich bei Hofer und laufen die kurze Strecke bis zur Vinothek, in der ich sechs Gelbe Muskateller aus Niederösterreich einsammle, die nicht aus der Wachau kommen. Die Preise sind hier im eher gehobenen Segment. Eine zweite Tour geht zum Pomaßl, den wir schon so oft empfohlen bekamen, dass wir dieses Jahr gar nicht anders konnten. Die Heidenheimer sind zu Fuß gekommen. Der Chef kommt eben mit frischen Trauben und Weingartenpfirsichen, von denen wir natürlich ein Kilo mitnehmen, sie sind klein, weit entfernt von Supermarkt-Optik, duften dafür aber sagenhaft und schmecken wunderbar. Zum Abend den Weinweg nach Joching zu Höllmüller, eine gemischte Großfamilie besetzt eine lange Tafel: ein österreichisch-japanisches junges Paar mit Eltern und weiteren Verwandten, die Japaner kosten tapfer Spezialitäten, wickeln noch Reste ein.

28. August 2017

Nachtrag: Fast auf die Minute 14 Uhr waren wir da gestern, Nebel bis weit nach Franken hinein. Bei Abfahrt 14 Grad, bei Ankunft 28 Grad, zwischendurch einmal sogar 30 Grad. In der Vinothek der erste Einkauf für den heimischen Keller, heute der zweite. Erstaunen in Spitz, ein Heuriger wirbt mit Bier und Kaffee, in Dürnstein setzen wir uns zu einer kleinen Zwischenmahlzeit, ein Kürbis-Creme-Süppchen, ein Marillentopfenstrudel mit sehr viel Vanillesoße. Vier Achtel bleiben das Maß auch heute zum Abend. Die Busfahrzeiten sind erkundet, die Tour nach St. Michael am kommenden Sonnabend ist damit gesichert. Im Haus sind außer uns zwei Gästepaare aus Dresden, eines aus Regenburg, eines aus Heidenheim, am Frühstück nehmen nur drei Parteien teil. Es ist still ohne unsere Gastgeberin, die noch im Urlaub in Sardinien ist. Den Federspiel Ried Vorderseiber nehmen wir noch spät draußen, so warm wie gestern ist es heute in unseren Zimmern nicht mehr.


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