Tagebuch

8. September 2019

Eine Woche ist leider nicht länger. Wir sind die ersten im Frühstücksraum, die gefräßigen Leipziger fehlen noch, die lauten Sachsen mit Elmshorner Kennzeichen löffeln auch heute ihre Marmelade direkt in den Schlund, bis das Gläschen auf dem Tisch leer ist. Anschließend verpesten sie das gesamte Haus mit einem Höllenkäse, den sie dem nur für Zimmergäste vorgesehenen Kühlschrank entnehmen. Beide Paare untypisch, weil abweisend und unkommunikativ, was bei diesem eher breitmauligen Stamm sonst nicht zur Grundausstattung gehört. Die Vielfraße bestellten noch weiter bei Weixelbaum, als sie bereits die Rechnung bezahlt hatten, seltsame Wesen. 9.26 Uhr rollten wir ab, 11.18 Uhr passierten wir die Grenze, brauchten schließlich eine volle Stunde länger als für die Anreise. Jetzt waren wir in dem Endlosstau, den wir von der anderen Seite sahen vor Wochenfrist. Zu Hause eine wilde Weinschlepperei in den Keller, ich hatte lange und genussvoll zu sortieren.

7. September 2019

Endlich das neue Kunsthaus in Krems, auf jeder Etage eine andere Ausstellung. Wir erlebten den Baufortschritt in den vergangenen Jahren, der damit begann, dass der alte Parkplatz der Kunstmeile verschwand. Das Ausstellungskonzept führt dazu, dass man Egon Schiele in drei verschiedenen Ausstellungen finden kann, ebenso Oskar Kokoschka. Die eigentliche Entdeckung ist aber Franz Hauer (1867 – 1914), der in Weißenkirchen geboren wurde als Sohn eines Briefboten und später in Wien als Inhaber eines Lokals zu Ruhm und Reichtum kam, in dem so unterschiedliche Leute wie Karl May und Mark Twain verkehrten. Er wurde in den fünf letzten Jahren seines Lebens Förderer und Sammler von Kunst, wie es nach heutiger Wertung nach ihm keinen wieder gab in Wien. In Weißenkirchen kannte man ihn auch nicht, sein Name hat sich nicht erhalten. Zweiter Besuch bei Weixelbaum, drei Mitbringsel. Mehrere Gänge zum Kofferraum, um so viel als möglich zu packen.

6. September 2019

Nach Tulln, weil es dort angeblich eine neue Egon-Schiele-Ausstellung gibt. Neu sind aber nur die frühen Bilder unten, oben ist alles, wie wir es kennen, nur nicht vollständig zur Kenntnis nehmen konnten, weil es im vorigen Jahr zu voll war. Heute lange ganz allein im Haus, wir genossen alle elf Hörstationen in Ruhe. Wir mutieren langsam in Richtung Experten. Die frühen Bilder entstammen den Jahren 1905 und vor allem 1907, kleine Formate. Heimwärts nur die Vinothek in Krems, wieder ein Karton voll für zu Hause. 15.06 Uhr sind wir bei Weixelbaum die allerersten Gäste, setzen uns gleich neben die Tür. Der Seniorchef begrüßt uns wie uralte Freunde, wir hielten sehr lange durch. Wir hören die Geschichte der ältesten Weinpresse im deutschsprachigen Raum, die übers Fernsehen kam und nun für zusätzlichen Ruhm des Hauses sorgt, das nur viermal im Jahr für zehn Tage öffnet und wieder eine Goldmedaille für den 2018er Muskateller einheimste. Vorbestellung für morgen.

5. September 2019

Auf besonderen Wunsch einer einzelnen Dame und mit meinem gleichlautenden Begleitwunsch heute der Weg mit der Rollfähre über die Donau. Dann nach der Ruine Aggstein. Auch hier nahmen wir den Audioguide, hörten an, was wir schon einmal hörten, genossen die herrlichen Rundblicke, die wir schon kannten. Es gibt dreiste Menschen, die sich ohne eigenen Guide neben einen stellen und mithören wollen. Blick auf Willendorf, man sieht die Fundstelle, wenn man weiß, wo sie zu finden ist. Rückwärts über Rossatz zur Autofähre, in Rossatz drei Weine direkt vom Gut, ein helles Nepomukstandbild aus dem Jahr 1721. Die Rollfähre jetzt besser besetzt, bei der Hintour waren wir ganz allein an Deck. Bei Ferdl Denk geht ein Mitnahme-Wein nicht auf die normale Rechnung, es gibt eine zweite, die auch nicht mit Karte bezahlt werden kann. Hier trinken Menschen auch Bier und Kaffee, ein Buschenschank im Sinne der Regeln ist das also nicht. Dafür hat er fast immer auf.

4. September 2019

Vor 30 Jahren starb Georges Simenon, den alle für einen Franzosen halten, obwohl er ein Belgier ist. Er war einer der ersten, wenn nicht der erste, von dem Bücher eines West-Verlages direkt und ohne Umweg über eine Lizenz in der DDR verkauft wurden. Wir besuchen heute Schiltern mit seinen „Kittenberger Erlebnisgärten“, von denen wir womöglich nie Notiz genommen hätten, wenn nicht ein guter Tipp meiner Haupt-, Dauer- und Staatskorrektorin uns dorthin geführt hätte. Eine von vorn bis hinten tolle Anlage, sogar mit einigen Tieren: Alpakas, Känguruhs, vielem für Kinder. Schiltern hat auch eine Brauerei, deren sechs Sorten ich mit ins Auto nahm. Auf dem Rückweg hielten wir am Loisium auf der Suche nach weiteren Sammelstücken Muskateller, die Ausbeute: 9. Zweiter Besuch in Joching bei Höllmüller. Zurück nach Weißenkirchen allein, unsere Regensburger Bekannten, die wir am Sonntag trafen, sind wieder abgereist. Ein Weg von gut 2000 Schritten nur.

3. September 2019

Eine neue Ausstellung gibt es auch im Stift Dürnstein: „Entdeckung des Wertvollen“. Wir fuhren zuerst durch Oberloiben und Unterloiben, hielten am Denkmal für die Schlacht bei Loiben im Jahr 1805, ein Radfahrer blieb auch gleich neben uns stehen und studierte die Gedenktafel. Wir schauten kurz zur Vinothek der Domäne Wachau, zahlten für die Ausstellung wieder Senioren-Preis, noch immer etwas gewöhnungsbedürftig, aber es läppert sich in ein paar Tagen doch etwas zusammen, was man spart. Aus der Domäne nahmen wir nur Grünen Veltliner mit, Muskateller aus Dürnstein und aus St. Michael, wohin wir wieder mit dem Bus fuhren, drei verschiedene Sorten, darunter auch ein Frühroter, den kaum noch ein Winzer im Angebot hat. Kuriosität: der Busfahrer ließ uns auf der Rücktour kostenlos mitfahren. Bei Bayer lernten wir ein Paar aus Krems und Wagram kennen, die schon in Arnstadt waren, es dort wenig toll fanden. Wir sprachen vom Ilmenauer Rektor in Krems.

2. September 2019

Sechs Stunden und eine Minute brauchten wir bis hierher, Stau sahen wir auf der Gegenfahrbahn, den allerdings endlos. Der 125. Geburtstag von Joseph Roth ist verregnet, dank Wetter-App sind wir gut darauf vorbereitet und fahren heute wie in jedem Jahr zur Schallaburg. Die 2019er Ausstellung heißt „Der Hände Werk“, der Titel hat nicht nur uns zunächst etwas irritiert, dann aber sahen wir, was dem Titel an Stoff abgerungen wurde. Handabdrücke zum Beispiel: Alfred Kubin, Karl Kraus, Marie von Ebner-Eschenbach, Gestisches, Handwerkliches. Audioguide wie in den vergangenen Jahren unverzichtbar. Ein Bild zeigte uns den heiligen Homobonus, Patron der Stadt Cremona und der Schneider. Die ersten Sammelstücke Gelber Muskateller sind beisammen, gekauft gestern in der Vinothek Thal und im Bauernladen, der sonntags geöffnet hat, heute in der Vinothek Fohringer und in Spitz. Erkenntnis nach nur zwei Heurigen-Tagen: die Achtel-Preise haben deutlich angezogen.

1. September 2019

Neun Stunden brauchten wir von der Keplerstraße bis zum Novotel in Breslau am 1. September 2004. Es war unsere allererste Polenreise, wir passierten das grauenhafteste Stück Autobahn, das wir je sahen mit unzähligen Klein-Baustellen in vollkommen unterschiedlichen Phasen, zum Teil waren Männer mit Spaten zugange. Selbst die Buckelpiste, auf der wir 1995 nach Swinemünde zur Fähre gen Bornholm reisten, Urzustand Adolf Hitler, war geradezu mustergültig, verglichen mit dieser schlesischen Strecke. Vor Ort dann positive Überraschung nach positiver Überraschung, wir bewohnten das Zimmer 140. Warum waren wir eigentlich, als es visafreien Verkehr mit der DDR gab, nie in Polen, auch in der CSSR nie, nur einmal zu Fuß? Heute legen wir 620 Kilometer zurück, die Ferienwohnung „Mariandl“ zu erreichen. Wir haben vorab den Heurigenkalender studiert, wissen, wer in diesem Jahr für uns geöffnet hat. Einer unserer Lieblinge fehlt 2019 durchgehend.

31. August 2019

Wieder ein August zu Ende, vor zehn Jahren sahen wir den kleinen Zoo in Gossau, wo ich mir die kindliche Freude gönnte, ein kleines Zebra und einen riesige Yak-Büffel zu berühren. Wann war es, da meine Hand auf dem Rücken eines Tapirs lag, eines Zwergflusspferdes? Man muss Glück haben: einmal erwischte ich sogar ein Kapivara, das schnöde oft einfach Wasserschwein genannt wird. Erst kürzlich in Neuruppin sah ich nur nach langem Suchen das Kapivara im Schatten eines Zaunes, weit weg von den Besuchern. Bürger voller Migrationshintergrund betrachteten sehr erstaunt die Maras, oder war das in Berlin? Mit den Zoos geht es mir mittlerweile wie mit den Saunalandschaften: wo welcher Aufguss mich erfreut hatte, lässt sich nicht mehr klar sagen. Man merkt sich nur die Fälle, wo man nach Einfall osteuropäischer Badehosenträger auf keinen Fall wieder kommen wird. Die Osteuropäer können auch Belgier sein. Nun noch etwas Vorfreude auf morgen: nach Süden geht’s.

30. August 2019

Um meine Urlaubsvertretung in der kommenden Woche hinreichend zu Wort kommen zu lassen, ist Arbeit nötig. Noch gestern wurde ein Text fertig, der morgen in die Korrektur geht, heute nicht weniger als zehn Seiten, auf deren Basis noch geschrieben wird, was danach in die Korrektur geht. Umso netter, dass ich meine abschließende Bemerkung unter 1008 Buchseiten schreiben konnte: über Ernst Beutler. Lange habe ich an diesem Buch gelesen, immer nur bei Bedarf, irgendwann mit dem Ehrgeiz, nun auch systematisch voranzukommen, immer mit dem leichten Ärger, nie zu wissen, von wann welcher Beitrag war. Wenn ich tausend Buchseiten fülle, müssen doch auch zwei Seiten für die Editionsgeschichte Platz haben: Wann was kam, wann was ging, ausgesondert wurde. Fromme Wünsche. In den alten Zeitungen, die heute in den Papiermüll wanderten, war ein Beitrag über eine SPD-Feier mit der Bundestagsabgeordneten Petra Heß, seit 10 Jahren gar nicht mehr drin.

29. August 2019

Abschied und Ankunft 2009: um 10 Uhr verlassen wir unsere Wohnung in Schruns, dürfen unser Auto stehen lassen, weil wir uns das Stadtmuseum noch anschauen wollen. Was Zeitschinden sein sollte, gewann Eigenwert, wir bleiben anderthalb Stunden und sind dann trotzdem viel zu früh in Urnäsch, Kanton Appenzell-Außerrhoden, immerhin unsere vierzehnte Schweiz-Reise seit 1996, Tagesausflüge nicht gezählt. Wir mussten warten, bis die Rezeption 15 Uhr öffnete, 78 Kilometer sind eben selbst hier keine Entfernung. Unsere Wohnung hat den hübschen Namen Flöckli 141. Flöckli ist eine Ziege und als kinderfreundliches Symbol gedacht, alles ist supermodern, alles aus Tannenholz. Zur abendlichen Informationsveranstaltung sahen wir, weshalb kinderfreundliche Symbolik wichtig ist, es wimmelte von sehr kleinen Kindern. Ich las immerhin noch in „Schillers Briefe in zwei Bänden“. 10 Jahre später, heute, bin ich final bei 1000 Seiten „Essays um Goethe“.

28. August 2019

Auch an Goethes 270. Geburtstag ein Rückblick: mit dem Satz: Goethe war nie in Gotland, ich schon. Am 28. August 1999 verließen wir die Insel, hatten auf dem Weg nach Malmö in Lund einen sehr schönen Halt, sahen Malmö auch noch ganz kurz. In Trelleborg blieb Zeit, die rekonstruierte Wikinger-Burg zu sehen und etwas wie ein Stadtfest zu erleben. Für die Fähre buchte ich spät eine Viererkabine nach, am Sonntag rollten wir schon vor sechs Uhr vom Schiff, waren kurz vor halb neun am S-Bahnhof Hohen Neuendorf, wo 25 Prozent der Familie Richtung Tempelhof fuhren. Um 12.01 Uhr orderten wir am McDrive-Schalter in Ilmenau die Mittagsmahlzeit, die wir vertilgten, bevor wir den Kofferraum ausräumten. Heute Kurzbesuch in Gehren, die Pflegestufe ist erteilt, wir werden uns um alles Weitere nun in Ruhe kümmern können. Theoretisch gäbe es sogar Zuschuss für einen Wohnungsumbau, den wir aber gar nicht brauchen. Nun Korrekturlesen an „Goethe 1819“.


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