Tagebuch

13. Mai 2017

Reiner Aberglaube war es, als ich gestern nicht schrieb, welches Stück ich am Abend sehen werde und wo. Denn plötzlich machte vor Wochenfrist mein PC nicht, was er sollte, ich klopfte mir wegen der fertigen Kritik zu früh auf die Schulter und musste dann zum Family Event 2017. Heute ist das anders. Ich erlebte nie so viel Beifall in Gera wie für diesen „Hauptmann von Köpenick“. Wenn ich meine Besprechung mit Joachim Kaiser beginne, hat das Sinn, sein „Kleines Theatertagebuch“ aus dem fernen Jahr 1965 enthält eine Betrachtung zum Zuckmayer-Stück, die mehr als nur schlicht zitierenswert ist. Die LITERARISCHE WELT zeigt heute den arg abgewetzten Schreibtischstuhl von Joachim Kaiser. Den hätte, als ich noch Bürositzer war, entweder meine Sekretärin oder meine Frau gnadenlos dem Sperrmüll zugeordnet, aber wenn man Großkritiker ist, der bei Abwesenheit des Meisters auch als Karajan-Double hätte durchgehen können, darf man gern auf so etwas sitzen.

12. Mai 2017

Es ist Limerick-Tag, weil Edward Lear an einem 12. Mai, nämlich 1812, das Licht der späteren Brexit-Welt erblickte. Ich habe nie im Leben einen Limerick gedichtet, brauche also gar nicht zu suchen, habe aber sehr wohl über diesen Lear geschrieben, von dem anderen gar nicht zu reden. Es ist auch Tag des chronischen Erschöpfungssyndroms, bei dem ich nie so richtig weiß, wie der zu begehen wäre: Feiern bis zur Schnappatmung oder Mahnwache am Denkmal des unbekannten Muntermachers? Bei Maybritt Illner laberte gestern bis zur Brechgrenze ein Damenkränzchen, ich hörte es durch die geschlossene Arbeitszimmertür so nervtötend, dass ich nachschaute und da sah ich: Claudia Roth. Wenn das Abendland eines Tages wirklich untergeht, wird es an solchen Tanten liegen. Warum blieb sie nicht unter „Einstürzenden Neubauten“, gilt auch in ihrem Falle: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“? Selbst Karl-Eduard von Schnitzler geiferte gemesseneren Tones.

11. Mai 2017

Fast auf den Tag 18 Jahre ist es her, da ich in einer heute immer noch existierenden Zeitung namens FREIES WORT meine allwöchentliche Kolumne „Was gilt ein Schild?“ nannte, nachzulesen in „Ein Kreis mit Ecken und Kanten“, Escher Verlag 2004, Seite 37. Es ging um jene Menschen, die Schilder, insonderheit Verkehrsschilder, glatt ignorieren. „Frei bis Bahnübergang“ bedeutet für des Deutschen mächtige Verkehrsteilnehmer, dass es am Bahnübergang nicht weiter geht. Dennoch probieren sie es 2017 wie 1999 und müssen dann mehr oder minder komplizierte Wendemanöver vollziehen, um wieder in gezielte Bewegung zu kommen. Das Grundstück der Brauerei Jäcklein mutiert zum Manöverfeld. Die BERLINER ZEITUNG hat in ihrer Rubrik „Das fliegende Auge“ heute die ungarische Regisseurin Márta Mészáros. Das waren Filme! Manchmal gab es sie nur im Hochschul-Filmclub zu sehen, eigens für Fans aus Berlin geholt vom Ungarischen Kulturzentrum.

10. Mai 2017

Der Tag des Buches, Tag, an die Bücherverbrennung erinnernd, erinnert mich seit ein paar Jahren an den Plan, über Bücherverbrennungen vor der Bücherverbrennung zu schreiben. Die Idee kam, als ich bei der Vorbereitung einiger Vorträge zum 80. Jahrestag 2013 auf Goethes Schilderungen in „Dichtung und Wahrheit“ stieß, von Joseph Roth wusste ich von Buch-Scheiterhaufen im Osten, die Inquisition lieferte die Abläufe dazu, die es wiederum schon fast rituell auch in der Antike gab. Vor vierzig Jahren starb James Jones („Verdammt in alle Ewigkeit“), vor 35 Peter Weiss. Am 10. Mai 1817 wurde Emma Charlotte Siegmund geboren, auf den Tag drei Wochen vor Georg Herwegh, den sie am 8. März 1843 in Baden in der Schweiz heiratete. Am 10. Mai 1917 wurde Heinz Kamnitzer geboren, mein Blick auf ihn wäre beinahe auch noch ein Opfer von Error geworden, ich klopfe derzeit nur noch vergeblich an die Tür von Google Chrome. Bleibt halt Explorer als Ersatz.

9. Mai 2017

Irrwitz: es geht wieder, wenn auch auf Umwegen und mit seltsamen Kleineffekten. Damit alles noch schöner werde, hat mein hiesiger Notdienst seine Geschäftstätigkeit eingestellt, ich muss nun auf die Suche gehen. Derweil las ich immerhin ein schönes altes Stück aus dem Jahr 1923, schiebe meine Betrachtung dazu aber in den September. Mit ruhigeren Nerven hätte ich heute an Hanna Klose-Greger gedacht, von der ich in jungen Jahren so schöne Schinken las wie „Inka, Sohn der Sonne“, „Lard, der Etrusker“, „Kommst du wieder, Federschlange?“, „Die Stadt der Elefanten“ oder „Insel der heiligen Stiere“. Das waren meist Prisma-Bücher, die meine Eltern sammelten und oft direkt vom Verlag geliefert bekamen. Das war sicher der einzige DDR-Verlag, der so etwas tat für gute Kunden, ein privater eben. Besonders ärgerlich: meine „Macbeth“-Kritik war am Samstag vor dem Essen fertig und steht nun heute drei Tage später erst in THEATERGÄNGE. Tut mir leid.

8. Mai 2017

Dass er noch lebt, gilt als ziemlich sicher, auch wenn es seit mehr als einem halben Jahrhundert kein aktuelles Foto mehr von ihm gibt: Thomas Pynchon wird heute 80 Jahre. So voll mein Archiv zu ihm, so leer mein Kopf, er war bisher nie mein Mann. Dass er nicht mehr lebt, ist definitiv sicher: Elmer Rice starb am Tag der Befreiung 1967, mit seinem sicher berühmtesten Stück „Die Rechenmaschine“ eröffnete der Aufbau-Verlag ein Jahr nach seinem Tod seine Zusammenstellung „Amerikanische Dramen aus fünf Jahrzehnten“. Wäre gut spielbar heute, es gibt leider kein Begleit-Stück von Elfriede Jelinek dazu, was gegen Neuinszenierungen spricht. Auch dies schreibe ich noch unabhängig von aller raschen Aussicht, es auch ins Netz stellen zu können. Muss ich Erleichterung bekunden angesichts gestriger Wahlergebnisse? Ein Präsident, der Philosophie studierte, liegt mir  eher, als einer der Miss-Wahlen veranstaltete. Vom Geld versteht er auch was, das ist eine Basis.

7. Mai 2017

Unerwünschte Phänomene: ich kann nicht auf meiner Seite arbeiten, es nennt sich Internal Server Error. So steht meine Theaterkritik seit mehr als 30 Stunden, Tagebuch geht natürlich ebensowenig wie Fehlerkorrigieren. Am Sonntag sind die potentiellen Helfer nicht erreichbar. Ich hätte vielleicht ein paar Zeilen zu Władysław St. Reymont geschrieben, weil der am heutigen 96. Geburtstag meines Vaters seinen 150. hätte. Das ZEIT-Literatur-Lexikon kennt ihn schon nicht mehr, obwohl er 1924 den Nobelpreis für Literatur bekam für „Die Bauern“. Viel kenne ich auch nicht von ihm, aber immerhin. Fertig ist ein weiterer längerer Text seit Donnerstag, der nur noch auf die Korrektur wartet. Das nervt. Und lähmt. Am Morgen noch Frühstück im Kreis der Großfamilie, schon in vier Wochen sehen wir uns fast alle wieder, weil wir eine Hochzeit feiern. Bis Anfang Juli wartet ein kleinportioniges Reiseprogramm mit insgesamt acht verschiedenen Zielen, dann folgt Sommerruhe.

6. Mai 2017

Zu den Betriebsgeheimnissen meines, ha, Schaffens gehört der Umstand, dass ein ziemlich hoher Prozentsatz erster Sätze mir unter der Dusche einfällt und dennoch bin ich noch nie, wenn die Säge klemmte, zur Unzeit in meine Kabine geklettert. Deswegen kann aus mir auch nie ein wirklich bedeutender Schöpfer werden, denn ich setze mir bekannte und in ihrer Wirksamkeit von mir selbst getestete Stimulanzien nicht zielgerichtet ein. An Schiller mit seinen faulen Äpfeln in der Schublade will ich gar nicht denken. Im Theater esse ich, wenn es Pausen und Brezeln gibt, gern eine Brezel. In Meiningen erwischte ich gestern eine gefüllte, was mich kurz aus der geistigen Bahn warf, denn mit einer Füllung rechnete ich nicht. Der Blick auf einen fotografierenden Kollegen warf mich ins Gleichgewicht zurück. Als ich spät zu Hause eintrudelte, sprach im „Literarischen Quartett“ eben Claus Peymann mit Thea Dorn. Ich bin heute Familienmensch und Stausee-Freund in einer Person.

5. Mai 2017

Nur noch ein Jahr schlafen, dann haben wir ihn: den zweihundertsten Geburtstag von Karl Marx. Jetzt rennen schon alle Ahnungslosen in den Film über den jungen Marx und die feinen Feuilletons erläutern uns, wer das war, dieser junge Marx. Unsereinen kann das kaum erschüttern, denn wir haben diesen Bartträger nicht nur mit der Muttermilch eingesogen, teilweise gar statt Muttermilch. Inzwischen ist den Ahnungslosesten unter den Ahnungslosen, die diesmal nicht an der Abwesenheit von ARD und ZDF, sondern an deren Anwesenheit gelitten haben, klar, dass Karl einer war, der etwas konnte, was in dreitausend Jahren überschaubarer und geschriebener Geschichte nicht sehr viele konnten. Er konnte sogar richtig gut schreiben, denken sowieso. Und ein Jude war er auch noch. Da kam einiges zusammen. Von Shakespeare hielt er übrigens viel, wenngleich ihm dessen Darstellung des Geldes wichtiger war als anderes. Ich sehe heute „Macbeth“. Nicht wegen Marx.

4. Mai 2017

Entgegen anders lautenden Überzeugungen ist WIKIPEDIA kein Nachrichten-Magazin zur Verbreitung von frischen Personal-Daten. Es ist, was in manchen Gegenden überraschen wird, so etwas wie ein Westsender seligen Andenkens. Wenn zum Beispiel der keineswegs unberühmte Regisseur Andrzej Wajda den Roman „Das gelobte Land“ des polnischen Nobelpreisträgers für Literatur des Jahres 1924 (Reymont) 1974 in Polen verfilmt, dann kommt der Film allein wegen der Berühmtheit von Wajda auch nach Deutschland. Das DDR-Fernsehen sendet ihn am 2. September 1976, das ZDF folgt schon wenig mehr als ein Vierteljahr später nach: am 13. Dezember 1976. Preisfrage, welche der beiden deutschen Erstausstrahlungen nennt WIKIPEDIA zuerst? Richtig! Ansonsten läuft das Leben in alter Fließgeschwindigkeit. Ich sehe vom Esszimmer-Fenster aus kleinen Starenvölkern beim Abendmahl zu, am Hang gegenüber müssen leckere Sachen liegen.

3. Mai 2017

Wer auf sich hält, rollt heute seinen kleinen Gebetsteppich aus, wirft sich auf seine Knie und verbeugt sich in Richtung der Pressefreiheitsstatue. Falls deren Standort nicht genau bekannt ist auf jedem Teppich: ich kenne ihn leider auch nicht, bin schon zu lange raus aus dem Tages-, Wochen- und Monatsgeschäft. Zu meiner Schande muss ich auch gestehen, dass ich mich nicht zurücksehne. Gern erinnere ich mich an die Zeiten, da diverse Hochwohlgeboren auf mich zu eilten, wenn ich selbst oder persönlich irgendwo erschien, um meine verehrte Hand zu drücken, zu schütteln und so ähnlich. Denn im Schnellkurs hatten alle gelernt: Stelle dich gut mit der Presse, das kann nie schaden. Auf dem Höhepunkt meiner unfreiwillig beendeten Karriere dachten alle, ich sei ihr persönlicher Fanblock, was mir immer zu guten Informationen verhalf und ihnen dann zu der eher herben Enttäuschung, dass ich es doch nicht war. Ich bin mein eigener Fanblock schlimmstenfalls.

2. Mai 2017

Wäre ein Hedgefond auf den Cayman-Inseln oder auch nur ein Anwaltskonsortium mit Recht auf Eigenbedarfsklage aus dem nahen Saarland Eigentümer meiner Wohnung, hätte ich bei einem kurzfristigen Handwerkerbedarf vermutlich die so genannte Arschkarte gezogen. So aber melde ich mich kurz nach Büroöffnung bei der stets freundlichen Leiterin des Teams „Pörlitzer Höhe“ meiner Wohnungsbaugenossenschaft, die mich an den zuständigen Wohnungswirt weiterreicht, der mit dem zuständigen Elektriker Verbindung aufnimmt, obwohl der sich gerade auf einer Baustelle befindet und wenig später bekomme ich den Rückruf mit dem Termin, wann der mir bekannte, stets freundliche Elektriker meinen Sicherungskasten unter die Lupe nehmen wird. Kommunismus ist das nicht, da musste man Handwerkern bekanntlich einen Urlaubsplatz am Balaton bieten, ehe sie nach dem Begehr des Kunden fragten, es ist Service. Mitten in der Service-Wüste Deutschland.


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