Tagebuch

24. März 2017

„Wie ist das eigentlich“, fragte der Mann auf dem e-Bike. „wenn man seine Rechte verloren hat, ist das Leben dann noch lebenswert?“ Ich antwortete: „Es kommt darauf an, wie man‘s sieht. Manche haben auch ihre Linke verloren und kommen damit zurecht.“ Totgelacht hat sich der Mann darüber nicht. Wahrscheinlich dachte er, der Kerl, also ich, hat einen an der Waffel. Als ich in der gestrigen JUNGEN WELT von einem DDR-Staatssekretär las, die DDR-Wirtschaft habe im Wesentlichen rentabel gearbeitet, habe ich mich auch nicht totgelacht. Ich habe nur an manche marxistisch-leninistische Weiterbildung gedacht, in der Professoren aus Berlin, Kleinmachnow oder Potsdam uns Provinzphilosophen erklärten, warum die DDR-Wirtschaft eben nicht rentabel arbeite. Man nennt das Hintergrundinformation heute. 130 Zuhörer hatte Stasi-General Großmann, als er erklärte, die Auslandsaufklärung habe niemandem geschadet. Und Martin Walser ist tatsächlich 90 Jahre alt.

23. März 2017

Lang ist es her, eigentlich ewig, dass ich einen erwachsenen Mann so enthusiastisch, so ausdauernd aus dem „Kommunistischen Manifest“ zitieren hörte wie diesen Privatdozenten von der FU Berlin. Walter Ulbricht und alle, die am Bild der Weimarer Klassik in den fünfziger und sechziger Jahren der DDR in der Richtung arbeiteten, Goethe und Marx möglichst nahe aneinander zu rücken, hätten ihre helle Freude am gestrigen Abend gehabt. Das aber, und das war der Witz des Vortrages von PD Dr. Michael Jaeger (Jahrgang 1961), spricht eher für Ulbricht und Co. als gegen diesen Abend im GoetheStadtMuseum. Man könnte als Kenner des Themas „Goethe und Amerika“ natürlich sagen, das alles war weder neu noch überraschend, nur eben mit anderer Überschrift. Aber es gibt immer Leute, für die fast alles neu und überraschend ist: weil sie jünger sind, oder weil sie keine Ahnung haben oder weil eben niemand alles wissen kann. Okay also. Am 175. Todestag von Stendhal heute.

22. März 2017

Es gab Jahre, da war dieser Goethe-Todestag für mich ein Vortragstermin. Heute ist er es auch, nur dass ich zuhöre, nicht rede. Es gab ein Jahr vor fünfzig Jahren, da erhielt ein unscheinbarer Brief eine Unterschrift, der vier Jahre meines Lebens bestimmte. In meinem Schülerleben gab es das erste Schuljahr mit einem Klassenlehrer und einer Klassenlehrerin, das zweite bis vierte Schuljahr mit einer Klassenlehrerin, das fünfte bis achte mit einem Klassenlehrer, das neunte und zehnte mit einer Klassenlehrerin, das elfte und zwölfte mit einem Klassenlehrer. Nachdem am 3. März die Nummer 5 dieser Reihe im Alter von 82 Jahren starb, könnte nur noch die Nummer 2 am Leben sein, die als Fräulein kam, als Frau nach nur einem halben Jahr wieder ging. Anfang des Monats erreichte mich die Nachricht einer Honorargutschrift von 4,11 Euro für den Verkauf von e-Books. Ich kann nicht versprechen, darüber im nächsten Jahr anlässlich meiner Steuererklärung abermals zu schreiben.

21. März 2017

ARD-Videotext, den ich gelegentlich auch dann konsultiere, wenn ich nicht die Fußballergebnisse der ersten bis vierten Ligen sehen will oder Nachrichten, welcher Fußballer mit Innenbandriss bis Ende welchen Monats nun ausfällt, erinnert mich daran, dass der Heilige Lothar (Matthäus) heute 56 Jahre alt wird. Als der Heilige Nikolaus von Flüe so alt war, der Bruderklaus, lebte er bereits ein paar Jahre in seiner Einsiedelei, die ihm 1468 in Festbauweise errichtet wurde. An ihn erinnert der Videotext nicht, obwohl heute sein 600. Geburtstag ist und zugleich auch sein 530. Todestag, denn er starb an seinem siebzigsten Geburtstag. Mehr Heilige haben die Schweizer nicht. Ich bin, wenn ich in Sachseln war, zu ihm hinabgestiegen, also zur Ranftkapelle mit Klause, er selbst ist ja in der Kirche zu finden (seine sterblichen Überreste, wie man so sagt). Im Geburtshaus war ich auch, es hat etwas, so ein uraltes Haus aus Holz. Eine ganz eigene Poesie, sage ich am Welttag der Poesie.

20. März 2017

Die herrlichen Zeiten kommen. Wenn Martin Schulz Kanzler geworden ist, werden die Sommer vom 20. Juni bis zum 20. September dauern, sonnig sein bei leichtem Westwind mit Temperaturen um 25 Grad. Zu Weihnachten wird Schnee liegen. Nicht nur Hartz IV wird abgeschafft, sondern auch der Harz und das Harz, damit einfach nichts mehr an die nicht so herrlichen Zeiten erinnert. Für eine kurze Zeit wird zwar die Todesstrafe wieder eingeführt, aber es ist nur die Todesstrafe für Buchhändler, die ihren Laden aufgeben oder gar ihren Beruf. Die verhängte Todesstrafe wird regelmäßig in lebenslange Mitgliedschaft in mindestens vierzehn deutschen Vereinen umgewandelt. Wer mit hundert Prozent der Stimmen gewählt wird, und wenn er nur der einzige Kandidat für die Position des Kassenwarts im Seniorinnen-Tanzverein war, wird mit einer Verdienstmedaille und einem Foto mit Martin Schulz ausgezeichnet. Das Europaparlament zieht nach Würselen um.

19. März 2017

Heute ist das Thema nun tatsächlich nicht mehr vermeidbar. Jugendweihe. 1967. Vor fünfzig Jahren. Wir alle ins System verstrickt. Eben noch von den Thälmann-Pionieren zur FDJ gewechselt. Nun im blauen Hemd, um nicht gleich Blauhemd zu sagen. Wenn mich die Erinnerung nicht trügt, waren die Hemden der Mädchen aus etwas besserem Stoff, wenn sie mich doch trügt, werde ich Leserinnen-Briefe bekommen. Andererseits lieh mir einst Katrin Knappe, laut Wikipedia eine deutsche Schauspielerin, kurzzeitig ihre Blaubluse, ehe ich mit einem Blauhemd so ausgestattet war, dass ich an einer Eröffnungsveranstaltung teilnehmen konnte, die man nur mit Blauhemd erleben durfte, auch wenn man sie gar nicht unbedingt erleben wollte. Das war später. Da war die Jugendweihe schon Geschichte, Lebensgeschichte. Mein Freund Volkmar kann sich tatsächlich an Dinge erinnern, an die ich mich nicht erinnern kann. So ist die Welt organisiert. Ich nehme sie hin.

18. März 2017

Früher fanden an solchen Tagen Revolutionen statt oder freie Wahlen, bei denen die SPD trotz sensationeller Vorwerte baden ging, oder es wurde wenigstens Christa Wolf geboren. Heute ist Tag der politischen Gefangenen und außerdem etwas mit dem Namen Equal Pay Day. Es ist immer noch eine Tatsache, dass eine weibliche Frisöse deutlich weniger verdient als ein männlicher Ungleichheitsforscher. Während allerdings umgekehrt auch die weibliche Ungleichheitsforscherin mehr verdient als der männliche Frisör. Dies ist dann nicht nur Ungleichheit, sondern gleich noch Ungerechtigkeit dazu. Ich habe eben noch eine uralte Buch-Kritik von Marcel Reich-Ranicki gelesen, welche sich mit einem Herrn befasste, der heute auch eine Rolle spielen könnte, weil er 85 geworden wäre, wenn er nicht, wir wissen es natürlich, vorher gestorben wäre, sein Name ist John Updike, den wir seit vielen Jahren bei passender oder unpassender Gelegenheit ziemlich gern lesen.

17. März 2017

Dies war weder eine Freudsche noch eine sonst tiefenpsychologisch zu erklärende Fehlleistung, es war einfach ein Eintrag in der falschen Zeile des Monatskalenders. Er verursachte immerhin mäßig aufgeregtes Suchen nach nicht vorhandenen Zeitdokumenten, vergebliches Anrufen eines alten Freundes in der Hoffnung auf dessen Gedächtnis. Heute nun der Blick ins alte Geschäftstagebuch des Jahres 1967 und siehe, der 17. März 1967 war ein Freitag, wie er es heute wieder ist. Daran knüpfte sich umgehend die sichere Erkenntnis, da könne nie im Leben Jugendweihe gewesen sein. Und richtig, die Urkunde, die mit Unterschrift von Karl Macholdt und Stempel belegt, wann die Jugendweihe war, trägt das Datum vom 19. März 1967. Das war ein Sonntag, wie es jetzt wieder ein Sonntag sein wird, übermorgen nämlich. Kann ich heute also in Ruhe das machen, was ich sonst erst morgen in Ruhe gemacht hätte. 1967 führte ich noch eine Briefmarkenstatistik. 50 Jahre her!

16. März 2017

Der Mann auf der Chesterfield-Werbung sieht ein bisschen aus wie der tote Che Guevara, bevor ihm die Augen geschlossen wurden. Unten auf dem Riesenplakat steht: Rauchen ist tödlich. Was im Fall von Che nicht bestätigt werden kann, der hätte vermutlich noch eine Weile weiter an seiner Zigarre genuckelt. Die ZEIT eröffnet heute den Reigen der Buchmesse-Beilagen, zwei Seiten entfallen auf den SPIEGEL-Mann Dirk Kurbjuweit, nicht zu verwechseln mit dem zwölf Jahre älteren Lothar Kurbjuweit, und dessen ersten historischen Roman „Die Freiheit der Emma Herwegh“. Der 200. Geburtstag der guten Emma am 10. Mai hat vermutlich die Geburtshelferrolle gespielt, die Reihe der Angela-Merkel-Bücher lässt sich auf Dauer auch nicht beliebig fortsetzen. Unsereiner fragt sich bisweilen, wie viel Zeit man im Flaggschiff des oberfeinen Nachrichten-Journalismus eigentlich hat, um nebenher noch die Bücherregale vollzuschreiben. Auf Emma!

15. März 2017

Fast ein wenig erschrocken bin ich, wie lang mein Ausflug zu Jurek Becker gestern noch geworden ist und alles nur, weil ich den ersten Absatz dreimal umschrieb. Unbeachtet lag den ganzen Tag der Notizzettel auf dem Arbeitstisch, der einen Satz von Nora Bossong festhielt, gesprochen in der Denis-Scheck-Sendung am späten Montag: „Das Umdenken muss in den Köpfen beginnen“, sagte die Lyrikerin, nachdem sie für ihr Buch „Rotlicht“ hinlänglich geworben hatte. Ja, verehrte Nora, wir Alten haben früher das Umdenken noch im linken Knie begonnen. Wo es bei Valentin Rasputin begann, weiß ich nicht, der wäre heute 80 Jahre alt geworden. Und da in meinem Archiv noch nicht alles ausgegraben ist, zerre ich wieder etwas ins weltweite Netz. Ich vermelde das Erscheinen eines Bürgers an meiner Wohnungstür, der nach vorheriger Anmeldung ein Buch von mir zu kaufen wünschte, welches gemeinhin als vergriffen gilt. Ich griff eines aus der eisernen Reserve, so bin ich.

14. März 2017

Am 14. März 2015, einen Tag vor seinem 78. Geburtstag, starb Walentin Rasputin. Der SPIEGEL, der knapp 30 Jahre zuvor mit ihm ein ausführliches Interview geführt hatte, widmete ihm immerhin ein paar Nachruf-Zeilen und setzte ein schwarzweißes Jugendbildnis dazu. DDR-Leser und DDR-Kinogänger erinnern sich möglicherweise des Titels „Abschied von Matjora“, heute nennt man dergleichen umstandslos verstörend. Das fast bis zum Ende des vermeintlich sozialistischen Systems gepflegte makellose Bild der Sowjetunion (an das kaum jemand ernsthaft glaubte), bekam schwere Kratzer durch Männer wie Rasputin oder Schukschin. Schon wieder krame ich in meinen alten Sachen und vergesse darüber dennoch nicht Jurek Becker, den Wundertäter von Solothurn, der vor 20 Jahren starb. Wenn in Kürze der 600. Geburtstag von Bruder Klaus zu begehen ist, wird daran zu erinnern sein, dass seine Heiligsprechung lange klemmte wegen der Zahl seiner Wunder.

13. März 2017

Nein, zu meinem Bild der Karoline von Günderrode hat die neue Sonderausstellung im Jenaer Romantikerhaus nichts beigetragen. Ich habe sogar ein paar halbwegs seltsame Sätze von den drei beteiligten Künstlerinnen gelesen, die ihren Werken oft sehr allgemeine Titel gaben, unter denen man sich alles und nichts vorstellen darf. Das Romantikerhaus selbst, in dem einst Fichte einige Jahre wohnte, ist von jeder Sonderausstellung unabhängig wegen seiner Dauerausstellung sehr zu empfehlen. Sehr zu empfehlen ist auch immer noch Wladimir Makanin, der heute 80 Jahre alt wird, weshalb ich in meinen alten Sachen kramte. Ich gehörte zu denen, die in der ihrem unklassischen Finale entgegen stolzierenden DDR gern auch zu aktueller Sowjetliteratur griffen, aus der die Zensur seltsamerweise immer öfter Bücher durchgehen ließ, die sie DDR-Autoren kaum verziehen hätte. Vielleicht aber täuschte dieser Eindruck, denn nebenher gab es genug grässlichen Sowjetmist.


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