Tagebuch

14. Februar 2017

Nicole Heesters wird heute 80 Jahre alt, was ich aus zwei Gründen erwähne, die eigentlich drei sind. Also zuerst mein Griff zu einem Büchlein aus dem Haus Kiepenheuer & Witsch, weil ich etwas nachschauen wollte zu Heinrich Böll. Das Büchlein enthält ein Vorwort von Joachim Kaiser, das Stück „Ein Schluck Erde“ und die Besetzungsliste der Uraufführung am 22. Dezember 1961, es war der neunte Geburtstag meines damals noch nicht alten Freundes Frank. Nicole Heesters spielte die Berlet. Dann ein Blick in mein eigenes unermüdliches Schaffen per Suchfunktion, weil mein fast 64 Jahre altes Gedächtnis Hilfe brauchte: am 23. Oktober 2015 sah ich in Weimar Nicole Heesters auf der Bühne, noch 78 Jahre alt und dies nirgends verheimlichend, es war in „Bernarda Albas Haus“, Gastspiel des Nationaltheaters Mannheim, sie der Star des Abends, mein Text zwei Tage später im Netz. An Alexander Kluge (85) denke ich eher selten, deutlich öfter an Ruth Klüger.

13. Februar 2017

Dass der Welttag des Radios, den es erst seit 2012 gibt, auf den 13. Februar fällt, hat in diesem Jahr die nette Pointe, auch auf den 70. Jahrestag der Ursendung von Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ im Nordwestdeutschen Rundfunk zu fallen, die Uraufführung auf der Bühne folgte noch 1947 am Tag nach Borcherts frühem Tod, am 21. November. 1970 erschien das erste Album von Black Sabbath mit dem Titel „Black Sabbath“. Das aus dem Westen für mich geschmuggelte Poster zierte viele Jahre diverse Wände und Türen meiner Wohnstätten, ehe es den Weg des Zerfalls ging, die Reste freilich sind immer noch Bestands-Reliquien meiner bis heute anhaltenden musikalischen Vorlieben. Die CD-Sammlung enthält neun Silberlinge, die ich seltener höre als früher, weil mir heute beispielsweise, wenn es Metal sein muss, Amon Amarth näher liegen. Mit „Versus the World“ und „Fate of Norns“ begann es vor Jahren und hält seitdem an, unschlagbar allein im Auto.

12. Februar 2017

Besetzungsprobleme für „Der Kaufmann von Venedig“ zwangen die Shakespeare Company Berlin dazu, „Wie es euch gefällt“ zu spielen, was uns nicht gefiel, obwohl es uns vor zwei Jahren schon gefallen hat, oder gerade deshalb. Der Ärger wäre noch größer gewesen, wenn wir erst kurz vor Vorstellungsbeginn zur Abendkasse gegangen wären, wo unsere Karten warteten. So verteilten wir den Ärger über die Zeit, seit uns auffiel, dass unterschiedliche Plakate an den Litfass-Säulen und am Kurtheater selbst sowie auch im Veranstaltungskalender Februar unterschiedliche Auskunft gaben. In Bad Kissingen trägt an allem natürlich niemand eine Schuld und selbst wenn, hätte es uns nicht geholfen. Immerhin bleibt vom ansonsten schönen Wochenende der dümmste Saunaspruch, den ich in knapp 64 Lebensjahren hörte: „Mich stört ja nicht, dass ich nackt bin, mich stören die anderen, die nackt sind.“ Sitzt die Dame womöglich gern nackt unter Bekleideten? Das wäre mal ein Gag.

11. Februar 2017

Hätten wir eher die Qualitäten der Berliner Shakespeare Company kennengelernt, wären wir sicher öfter zu ihren Darbietungen gepilgert. Inzwischen finden wir fast mit geschlossenen Augen zum Naturpark Schöneberger Südgelände, wenn wir S-Bahn Priesterweg ausgestiegen sind. Ist ja auch wirklich nicht schwer. Das pittoresk verwilderte Gelände dient bisweilen sogar als Location für Spielfilme, wie wir unlängst feststellen durften. Jetzt mitten im Winter nehmen wir die Chance beim Kragen, den noch recht frischen „Kaufmann von Venedig“ (Premiere 7. Juni 2016) im Theater in Bad Kissingen zu sehen, wo die Berliner eben gastieren. Wie oft sind wir an diesem Haus vorbei marschiert, nun gehen wir hinein. Die Weimarer Inszenierung von 2013 habe ich in sehr schlechter Erinnerung, das kann also heute nur besser werden, zumal die geschätzte Irene Bazinger nach der Premiere sehr warme Worte fand für sechs Mimen in ihren wechselnden Rollen. Look at Shylock.

10. Februar 2017

Die Nacharbeiten zum Fahrstuhleinbau sind in der Zielgeraden angekommen, nach den Malern für das Treppenhaus nun der Elektriker mit den Lampen dort, die bisher nur an den Drähten hingen. Der Nebel hält sich unverdrossen, weil auch nicht der schwächste Wind weht, ihn zu vertreiben. Den 450. Jahrestag der Ermordung von Lord Darnley, dem zweiten Gatten der Maria Stuart, sehen wir aus historischer Distanz, ob es nun der vierte Earl of Bothwell war oder nicht, schließlich rollte final auch der Kopf der schottischen Königin. Ich schaue in diesen Brexit-Tagen besonders gern dem Treiben im englischen Parlament zu, in Deutschland wären die mintgrünen Sitzflächen längst das vierte Mal getauscht, die gedrängte Enge der Sitze würde unser System ernsthafter in Frage stellen als ein Einzug einer populistischen Partei mit einer ihr Näslein in die Höhe haltenden Dame an der Spitze. Wir freuen uns auf kostenfreie Bademäntel wären unseres Weekend-Aufenthaltes.

9. Februar 2017

Warum bleiben drei Männer stehen, wenn auf der anderen Straßenseite ein Baum gefällt wird, und keine Frau? Einer der Männer versucht gar, ein Gespräch mit dem zu beginnen, der erst die Motorsäge bediente und dann den Besen schwingt, die Fahrbahn wieder zu säubern von all den kleinen Ästchen, die so ein Baumsturz hinterlässt. Ein kleiner Bagger greift um den Stamm, ihn wenigstens so weit von der Straße zu ziehen, dass die installierte Bedarfsampel den einspurigen Verkehr wieder freigeben kann. Einige der ungeduldigsten Kraftfahrer haben bereits mühsame Wendemanöver vollzogen, um unbekannte Wartezeiten zu vermeiden. Warum schreibe ich das auf? Nur, weil ich „Der große Baum“ eben las und davor „Der Wunderbaum“? Vielleicht, und wieso nur? Ich war in jungen Jahren ein Baumpflanzer. Ich habe beobachtet, wie Bäume, die ich pflanzte mit Nachbarn, gefällt wurden, weil sie Wohnungen das Licht nahmen. Bäume sind rücksichtslos.

8. Februar 2017

Zu keinem Zeitpunkt und an keinem Ort, weder zu Lande, zu Wasser, noch in der Luft habe ich mit Manfred Krug oder einem seiner literarischen, musikalischen oder sonstige Freunde einen oder mehrere Kaffee getrunken. Ich sah ihn einmal und erlebte ihn einmal. Beim Erleben war die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz zu Berlin nicht fern, der Staat, den er drei Jahre später verließ, feierte eben seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag. Ich erinnere mich recht gut des ersten Fernseh-Interviews, das er jenseits der Grenze gab, hinter der ich zurückblieb. Ich habe das bisher dreizehn oder neunzehn Male erzählt, sein heutiger achtzigster Geburtstag ist ein guter Anlass, mich zu wiederholen. Quer über den Büchern von Helga Schütz liegt ein Broschürchen aus dem Berliner Henschel-Verlag von einem gewissen Manfred Haedler mit dem prägnanten Titel „Manfred Krug“. Ich las es bisher nicht. Die drei Bücher Manfred Krugs liegen nicht, sie stehen am Sonderstandort.

7. Februar 2017

Kann man als Verfasser voraussehbarer Witzchen und peinlicher Dialoge andere wegen solcher Witzchen und Dialoge anmosern? Man kann, denn genau das ist ja das Witzchen in all seiner Peinlichkeit. Nur Strümpfe in Sandalen sind noch schlimmer, aber wer trägt die schon unter Brüdern und Schwestern? Klaus Johannes Behrendt feiert heute seinen 57. Geburtstag, der fast nur Max Ballauf ist seit 20 Jahren. Meine Freundin Christine kennt ihn natürlich nicht, denn sie sieht keine Tatorte und der Anblick von Curry-Würsten um Mitternacht würde ihr außerdem Brech- und andere Reize verursachen. Mein Weimarer Feindeskreis fragt an, wie ich Goethe einen Knochen nennen kann und ich, huhuhu, traue mich nicht zu antworten. Schließlich will ich nicht das eine Buch, das ich alle drei Jahre in Weimar verkaufe, aufs Spiel setzen. Einen Erfurter Freundeskreis habe ich leider nicht, bei dem ich mich ausweinen könnte. Im Treppenhaus wird wieder gemalert.

6. Februar 2017

In Hamburg würde man Schiet-Wetter sagen zu dieser nebulösen Lage, ich lese zwei Geschichten hintereinander, in denen Silvester eine Rolle spielt, was der reine Zufall ist und dennoch in keinem roten Notizbuch festgehalten wird. Geheimrat Goethe ließ am 6. Februar 1817 im Tagebuch festhalten: „Vortrag zur Einführung des Cammerraths bey der Theater-Intendanz. Verordnungen deßhalb concipirt und mundirt. Vorstellung meines Sohnes in der Session der Intendanz. Mittag für uns. Die Geschäfte durchgesprochen. Hofr. Meyer. Canzler Müller. Mit August.“ Seinen eigenen Sohn Kammerrat nennen, das ist was. Ich vermute inzwischen, dass diese ganze Titel-Nennerei im Tagebuch einfach daher kommt, dass die jeweiligen Diener den Text zu Papier brachten, für die es anders despektierlich gewesen wäre. Oder Goethe war tatsächlich so ein Knochen. Die Post bringt die Post vom Sonnabend, als wir gen Dresden rollten im schönsten Sonnenschein, die gute Post.

5. Februar 2017

Unter Freunden schenkt man nicht nur ein Küsschen, bisweilen wird es ein ganzes Konvolut von Theaterprogrammen. Mit einem dicken Paket weißgelber Hefte des Staatsschauspiels Dresden sind wir eben wieder im Heimathafen an Land gegangen, ich habe alles durchgeschaut und auch etwas vorsortiert: Romane auf der Bühne sind tatsächlich eine epidemische Erscheinung. Könnte ich Bannflüche aussprechen, hier würde ich es tun. Die Schwierigkeit des Sonntags wird sein: Wie bespreche ich eine eher mäßige Kleist-Inszenierung, deren Zustandekommen unter so besonderen Bedingungen wie hier ich nicht einfach ausklammern, das Ergebnis aber auch nicht schönreden kann, nur weil der Regisseur eine bewundernswerte Tat vollbrachte, die selbst bei einem völligen Scheitern noch bewundernswert bleiben würde. Kann man einem Mann gerecht werden, der nach schwerem Schlaganfall eben nicht arbeiten konnte wie sonst und für Kleist gut gewesen wäre?

4. Februar 2017

Ein paar Jahre war ich Delegierter des Thüringer Journalisten-Verbandes zu den alljährlichen Hauptversammlungen. Einmal in Rostock, einmal in Berlin, einmal in Essen. In Essen stand auf dem Begleitprogramm der Besuch eines Volkstheaters, das war dann so grauenhaft, dass wir schnöden Journalisten in Scharen die Pause nutzten, um uns zu schleichen. Wohl jedem, der tümliches Theater ertragen kann, ohne in Therapiereife zu fallen. Altmeister-Theater sollte dann auf alle Fälle etwas anderes sein. Deshalb machen wir heute den Test im Staatschauspiel Dresden, wo Altmeister Wolfgang Engel den „Amphitryon“ von Kleist auf die Bühne bringt. Ich vertrete ja die unmaßgebliche Ansicht, man könne dieses herrliche Werk „nach Moliere“ gar nicht verderben, weiß aber andererseits von Pferden und Apotheken. Schon morgen bin ich wieder am Platze, der augenblicklich ganz profan ein Platz an der Sonne ist. Morgen ist Hans Fallada siebzig Jahre tot.

3. Februar 2017

Zu meinen schwer vergesslichen Fernseherinnerungen gehört das „Literarische Quartett“. Der 5. März 1992 hat dabei noch zusätzlichen Wert, weil ich an diesem Abend erstmals den Namen Paul Auster hörte. Und zwar mit jenem nun wirklich herrlichen Akzent gesprochen, den Sigrid Löffler pflegte, es klang wie Poohl Oohster und es ging um den Roman „Die Musik des Zufalls“. Der schlimme Reich-Ranicki versuchte Löffler etwas auf die Schippe zu nehmen, was sie bekanntlich eine Weile tapfer ertrug, ehe sie das Handtuch warf. Wie auch immer: Am heutigen 70. Geburtstag von Auster stehen in meinem USA-Literatur-Bestand 21 Bände von ihm, den mit Abstand dicksten, der eben gerade allseits in allen Feuilletons beworben wird, besitze ich noch nicht, Dimensionen von tausend Seiten schüchtern mich ein und schrecken mich ab. Dass Auster mit Siri Hustvedt verheiratet ist, weiß ich lange, dass er einst auch mit Lydia Davis verheiratet war, erst neuerdings.


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