Tagebuch

13. August 2018

Vor 20 Jahren starb Julien Green. Von ihm stehen „Die Dramen“ in meinem Frankreich-Regal, „Englische Suite“ und „Leviathan“. Dennoch weiß ich von ihm fast nichts. Was ich recht gut weiß: dass man als Panzersoldat nicht zwingend Dirk-Nowitzki-Maße haben sollte. Die Bundeswehr, mein alter Klassenfeind, der jetzt mein Bruder ist und mich vor Putin schützt, weiß es nicht, weshalb neue Schützenpanzer „Puma“, eh schon fünf Jahre zu spät in der Auslieferung, in dieser Zeit haben wir früher ganze Weltkriege verloren, sich plötzlich als zu eng für große Panzersoldaten erweisen. Angeblich sind es Experten, die nun darüber beraten, ob man die Innenräume noch weiten könne. Wie wäre es mit aufblasbaren Schützenpanzern, die schwimmen gut, hätten sehr variables Gesamtvolumen, ehe sie platzen natürlich, nur und sie verbrauchen auch wenig Stahl. Ich denke, Panzer werden weithin überschätzt, man kann Kanonen auch gut auf Kasten-Toyota schrauben.

12. August 2018

Ich weiß nicht, ob ich den Satz: „Mein Freund Pedro Hertel ist tot.“ gern geschrieben hätte. Er war nicht mein Freund, nie. Aber wir verstanden uns im Lauf der Jahre immer besser, nachdem wir uns 1990 im neu gebildeten Kreistagsausschuss zur Untersuchung von Amtsmissbrauch und Korruption kennenlernten. Er repräsentierte Neues Forum, ich den Kulturbund. Ich war ihm verdächtig, wie ihm zunächst alle verdächtig waren, mit wenigen Ausnahmen, die in seinen Augen das alte Regime verkörperten. Ich habe das Regime nicht verkörpert, es sah im Gegenteil in mir eine Verkörperung, weshalb es mich unter Beobachtung stellte. Pedro aber landete für mich verblüffend nahtlos bei einer Bausparkasse, Versicherung, beidem? Aufarbeitung, ein Wort aus der Änderungsschneiderei, von regionaler DDR-Geschichte war seine Sache. Zuletzt gemeinsam mit Pfarrer Gerhard Sammet die Christenfeindlichkeit der SED. Der wenigstens gedenkt seiner, wenn auch nur mittels Anzeige.

11. August 2018

Festlich gestimmte Verwandte verschiedener Grade schreiten auf dem Bürgersteig mit Zuckertüten und weiteren geschenkähnlichen Gegenständen dahin, das nunmehrige Schulkind ist modellhaft frisiert und schnicki-schnacki eingekleidet. Schon am Montag wird es mit einem Schulrucksack auf dem Rücken den neuen Lebensabschnitt beginnen, diese Rucksäcke haben ein Volumen, mit dem früher Sowjetsoldaten auf dem Weg nach Berlin durch die Wolga und ihre Nebenflüsse kraulten, um am anderen Ufer die Faschisten aufs Haupt zu schlagen, falls die dort geduldig genug warteten. Wir haben noch vierzehn Tage bis zum entsprechenden Event, werden auch nicht gen Berlin kraulen wie unsere Lernpaten von einst, sondern über die Schienenstränge schlagen. Auch in Berlin, falschen Eindrücken vorzubeugen, produzieren Heimat-Journalisten Schönes: Unter drei Porträts mit Namen von links nach rechts: „steht eine BU, steht eine BU“. Das ist Blindtext und heißt Bildunterschrift.

10. August 2018

Der Ober-Grüne Robert Habeck reist durch die Gegend, um in den Arbeitsgemeinschaften junger Heimatfeinde das Wort Heimat heimischer zu machen. Unsereiner kommt aus der Fremde nach Hause, wo er einen Packen Heimatzeitungen vorfindet. In einer steht etwas über einen Mann, der in einer blauen Uniform ausländische Jugendliche in einem Schwimmbad befragte und sie auch nach Drogen untersuchte. Folgt Originaltext Heimatzeitung: „Den alarmierten Polizisten sagte der Mann, dass er annahm, die hoheitlichen Rechte von der Polizei übertragen bekommen zu haben. Er zweifelte zu keiner Zeit an der Unrechtmäßigkeit seines Auftretens“. Kann man wahrscheinlich so herrlich nur in meiner Heimatzeitung finden. Wie oft hörte ich bei Gericht von Unrechtsbewusstsein in mangelhafter Ausprägung: hier aber in Hildburghausen, wo sonst, zu keiner Zeit Zweifel. Was für ein literaturreif seltsamer Mann war das, der annahm, ihm wären Hoheitsrechte übertragen worden?

9. August 2018

Der Donnerstag mit kurzen Wegen: Jim-Knopf-Spielplatz, Spielplätze auf dem Karl-August-Platz, Eierkuchen und Apfelmus. Enkelmägen haben ein erstaunliches Fassungsvermögen für Eierkuchen. Die Etiketten der neuen Biere abgeweicht, getrocknet und gepresst, nur eine volle Flasche muss mit in den ICE. Dort eine blonde Dame mit deutlichen Überforderungserscheinungen, erstmals mussten wir unsere Fahrkarten nicht vorzeigen, ebenso natürlich auch unsere BahnCard nicht. Wohltuend unsere Pünktlichkeit bei gleichzeitigen Nachrichten über Horror-Verspätungen via Frankfurt/Main, von bis zu 190 Minuten dort ist die Rede, dazu Umwege und ähnlich feine Bahn-Überraschungen. Warum fahren die ICE-Züge eigentlich nie in der Wagenreihung ein, die auf dem Bahnsteig auf Tafeln angezeigt wird? Pünktlich Erfurt, pünktlich Ilmenau, es ist windig und etwas kühler als in den vergangenen Tagen. Die Hitze-Verluste unter unseren Orchideen-Blüten im grünen Bereich.

8.August 2018

Der Betrieb eines privaten Theaters führt unter Umständen dazu, dass die Vorstellung 20 Minuten später beginnt, weil Menschen ohne Karten noch eingelassen werden sollen, wenn da und dort ein Plätzlein unbesetzt blieb. „Die Zähmung der Widerspenstigen!“ läuft seit 2009 und ist immer noch ein Publikumsmagnet. Ende August sehe ich „Verlorene Liebesmühe!“, das hatte Premiere erst im Juni. Die Domäne Dahlem war heute eher ein Reinfall, die Gluthitze sorgte dafür, dass die Tiere unsichtbar blieben bis auf ein paar von Fliegen geplagte Jungrinder und einige Pferdchen. Zum Ausgleich war die Gastronomie geschlossen wegen Ausfall der Klimatisierung der Küche. Beim Dahlemer Italiener nebenan schmeckte die Enkel-Pizza umso besser. Die Hinfahrt im Bus mit Buggy eher unbequem, die Rücktour per U-Bahn bequem und nur acht Stationen. Ich sah das Grab von Helmut Gollwitzer. Abends Ambrosetti-Biere und „El Coto“-Rioja auf gleich zwei Balkonen.

7. August 2018

Der am 3. Oktober 1969 der Öffentlichkeit übergebene Fernsehturm, welch herrlicher Zufall, hat im kommenden Jahr zum nunmehrigen Geburtstag der Republik passgenau seinen fünfzigsten. Das Warten ist jetzt sehr perfekt organisiert, man hat eine Nummer, weiß, wann die Nummer in den Fahrstuhl steigen darf und kann also noch ruhig ein solides Eis verputzen bis zur Auffahrt. Das Enkel-Eis trägt den Namen Gletscher und schmeckt wie früher die Eisbonbons. Geänderte Zeiten: ich schaute fast nur auf Ostberlin, um linksweg von der postrevolutionären Volksbühne mein altes Viertel nicht mehr wiederzuerkennen. Bei meiner Erstbesteigung 1972 starrte ich in den Westen, der längst unser Berlin geworden ist. Erstmals haben wir ein Zimmer mit Balkon auf den Innenhof. Nach dem Turm das Sea Life mit AquaDom mit zwei Enkelmedaillen am Ende nach Erfüllung aller Aufgaben, die einen Stempel einbringen. Abends „Die Zähmung der Widerspenstigen!“ im Freien.

6. August 2018

Der kleine Rucksack reichte hin. Die Hauptübung des langen Marsches über die einstige Stalinallee zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Allee hieß Verzicht. Immerhin erwarben wir zwei kleine Bierkrüge, die man sich hätte bis zum Umfallen füllen lassen können zum Sonderpreis von 2,50 Euro für 0,2 Liter Bier. Ich trank ein polnisches Kirschbier, Kirschbiere gibt es längst nicht mehr nur in Belgien, lagerte fünf Sorten der 1. Dampfbierbrauerei Zwiesel und kaufte kurz vor dem Heimgang noch drei nette Exemplare aus einer mir bis dato unbekannten tschechischen Brauerei. Heute ein Wiedersehen mit dem Tierpark Berlin, in dem ich mindestens 35 Jahre nicht mehr war. Wir sahen Fütterungen: Eisbärin Tonja, die Pinguine getrennt in zwei Gruppen und schließlich die asiatischen Elefanten: dabei die Lehre für die Enkel vom moderierenden Tierpfleger: Wer bettelt, bekommt gerade nicht zuerst. Die Attraktion: der jüngste Rüsselträger der Gruppe heißt Edgar.

5. August 2018

Wir werden heute die Berliner Biermeile besuchen, wenn wir unser Stammquartier in der Wielandstraße bezogen haben. Wie groß der Rucksack sein soll, den wir zum Abschleppen brauchen, haben wir noch nicht verhandelt, es muss auf alle Fälle reichen, um zwei Kühlschränke leidlich zu bestücken. Wir nehmen nicht gleich den frühen ICE wie sonst, schlafen etwas länger. Wir haben der Werbung folgend das BahnBonus Programm für uns entdeckt, Willkommenspunkte gesammelt, es fehlt nun nur noch, dass wir uns im Alter zu Humoristen entwickeln mit Westberliner Zweitwohnsitz. Karten fürs Schöneberger Südgelände sind reserviert. Paul Claudels morgigen 150. Geburtstag lassen wir andächtig schweigend an uns vorbeirauschen, weil wir morgen überhaupt ein Schweigen beginnen, welches nach Beendigung durch Nachträge ersetzt wird. In Meiningen wird weiter an einer Doktorarbeit über mein erstes Shakespeare-Buch gearbeitet, Abgabetermin 2021.

4. August 2018

Hätte ich nicht einen Teller holen wollen, ihn unter die Kerze auf dem Balkon zu stellen, damit das Wachs nicht auf den Teppich tropft, hätte ich das wilde Rauschen in der Küche nicht gehört und folglich auch nicht nach seiner Ursache gesucht. Zu spät war es ohnehin schon, in Küche und Bad tropfte es von der Decke, im Bad war der Lampenschirm bereits voller Wasser, was der ältesten Energiesparlampe unserer Wohnung den Gnadentod schenkte. Inzwischen schon ein junger Mann an unserer Tür, der sich nach einem Wasserrohrbruch bei uns erkundigte, eine Etage über uns wurden wir fündig. Immerhin, den Notdienst zu alarmieren, war bis dahin niemandem eingefallen. Die Wohnung im Erdgeschoss erlebte auch schon leichte Flutung, man merkte es aber erst, als ich die Klingel drückte. Heute Morgen zeigen die Wasserflecke an den Decken braune Färbung, Fotos zu Beweiszwecken für die Versicherung sind gemacht. Zum Ausgleich lese ich über Minnesänger.

3. August 2018

Für bescheidene 32.500 Euro kann man eine ZEIT-Busreise von Hamburg nach Shanghai und zurück unternehmen. Wer das Doppelzimmer nicht allein beziehen will, muss weitere 32.500 Euro auf den Tisch legen. Der Einzelzimmerzuschlag wäre teurer als die teuerste Reise, die ich je im Leben mit Frau und Kindern gemeinsam absolvierte. Die Reise dauert vom 16. Mai bis zum 28. August, man soll also nur mitfahren, wenn man Kohle und unendlich freie Zeit hat. Man erfährt von dieser Reise nebenbei, welche Zielgruppe das im weitesten Sinne eher linke Wochenblatt aus Hamburg wirklich hat. In der gestrigen Ausgabe war das nicht nur der Reisebeilage zu entnehmen, sondern auch einem wie immer lesenswerten Lang-Text von Bernd Ulrich, der sein veganes Jahr vermarktete. Auf was für unfassbare, irrwitzige und irrsinnige Gedanken man kommen kann, wenn man nur ein einziges „l“ weniger im Namen hat! Darf eine Veganerin SUV fahren?? Ja, darf sie??

2. August 2018

Wenn ich im Vorjahr ein Lutherbier trank, dann hatte das sehr wohl mit Martin Luther zu tun. Wenn ich jetzt ein Kellerbier aus dem Kühlschrank hole, dann vor allem, weil es ein neues Sammlerstück ist, das der Trend zu Kellerbieren auch in solchen Brauereien mir zuführt, die sonst der Naturtrübe eher abhold waren. Gottfried Keller bleibt außen vor und das nicht nur, weil der eher dem Weine als dem Biere huldigte, dies aber dafür umso emsiger. Wenn im kommenden Jahr 2019 der kleine Mann mit dem großen Kopf (wer nannte ihn so?) und der noch größeren Vorliebe für das Ausrufezeichen seinen 200. Geburtstag haben wird, werde ich trotzdem bei jedem Kellerbier seiner gedenken. Bis dahin will ich nicht nur „Kleider machen Leute“ einer Re-Lektüre unterziehen, welches ich am 5. März 1970 als Goetheschüler zuerst las, also nach den vorletzten Halbjahreszeugnissen. Damals ahnte ich nicht, dass ich eines gar nicht fernen Tages auf Quartiersuche in Glattfelden sein könnte.


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