Tagebuch

6. Februar 2019

Geschichten, in denen einer mit 67 stirbt, gehen mir näher als Geschichten von Hundertjährigen, die aus dem Kellerfenster steigen und ihren Hut dabei verlieren. Ich lese die seltsame Erzählung „Von der Kunst“, mit der August Strindberg seinen Zyklus „Abschied von Illusionen“ eröffnete, eine Notiz mit hartem Bleistift zeigt mir, dass ich das vor mehr als 20 Jahren schon einmal tat, weitere Spuren müsste ich im alten Tagebuch suchen, wozu mir aber die Neugier fehlt. Im Mai 2007 sah ich in den Meininger Kammerspielen „Fräulein Julie“ und es dauerte danach fünf Jahre, bis ich mir den „Totentanz“ vornahm, eine Enttäuschung, gemessen am Ruhm des Werkes. Und alles nur, weil ich gestern zu später Stunde, nach dem Elfmeterschießen, Ludwig Marcuses „Strindberg“ durchblätterte mit Blick auf Marcuses 125. Geburtstag übermorgen. In „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ las ich mich fest, Kapitel 2, Abschnitt 2: „Weimar, zweiter Teil: 1919ff“. Schreiben werde ich aber nichts.

5. Februar 2019

Kein Blödsinn ist groß genug, dass er nicht noch übertroffen werden könnte. Eine Dame von der Universität Bochum äußerte anlässlich der Auszeichnung eines österreichischen Schlagermannes mit dem Karl-Valentin-Orden einer Münchener Karnevals-Gesellschaft, Karl Valentin sei „so viel differenzierter und so viel klüger“ gewesen als der Unwürdige jetzt. Nach dieser Logik dürfte es in Deutschland weder einen Goethe-, noch einen Schiller-Preis geben, keinen Kleist-Preis, keinen Georg-Büchner-Preis. Nicht einmal der Hans-Huckebein-Preis wäre sicher vor Tilgung, man muss sich nur vergegenwärtigen, dass er den Namen eines Raben trägt, der sich besoffen versehentlich selbst erhängte. Wen macht solch Preis ernstlich stolz? Meine „Tell“-Kritik habe ich erst heute ins Netz gestellt. Als künftiger Förderpreisträger der Gesellschaft zur Verhütung von Kritikermorden müsste ich von Schreibhemmung fabulieren oder dem Gedichtband, den ich erdichte, es wäre Lüge.

4. Februar 2019

Die Nachricht, die man erwartet, wird dadurch, dass man sie erwarten musste, nicht leichter oder gar besser erträglich. Mein ältester Schulfreund Frank, der seinen 66. Geburtstag nicht mehr bei Bewusstsein erlebt hat, ist erlöst. Anders lässt es sich kaum sagen. Unser beider 65. Geburtstage haben wir noch gefeiert, zu seinem sah alles vermeintlich sehr gut aus, zu meinem reichlich zwei Monate später schon nicht mehr. Man sah ihm an: es ging ihm nicht gut. Es war viel schlimmer, als wir ahnten, wissen wir seit Dezember. Schreiben wollte ich eigentlich von einem ersten Geburtstag vor zehn Jahren, von Jahren, die wegrauschen, unser Geburtstagsgruß zum 11. ist per WhatsApp zum Ziel gekommen. Nun sind da andere Bilder: Silvesterfeiern im „Goldenen Hirsch“, Forellen aus der Wohlrose, die Riesenfeier auf dem Langen Berg, Schulstunden bei Erwin Tesch, Fahrten der Goetheschulklasse nach Freyburg, nach Wittenberg, die ersten Wochen nach der Armeezeit 1973.

3. Februar 2019

Noch immer geistert Claas Relotius durch den gehobenen Blätterwald, man prüft allerorten, wie sehr die jeweiligen Beiträge gefälscht waren, die man dem renommierten jungen Mann auf sehr guten Glauben hin abnahm in den zurückliegenden Jahren. Die Anwälte (Plural) antworten statt seiner, wenn er denn doch einmal selbst gefragt werden müsste. Als es vor Jahren einmal den Fernsehfälscher Michael Born gab, landete der sogar im Gefängnis und als er wieder draußen war, gab er medienkritische Interviews. Es sind also noch nette Entwicklungen zu erwarten. Würde es üblich, alle Fakten auch in den Beiträgen freier Mitarbeiter von Lokalzeitungen zu überprüfen, würden die ihr Erscheinen rasch einstellen müssen, denn der eine freie Mitarbeiter, der immer alle Wochenendtermine im Tiefflug absolviert, damit der Lokalchef Zeit hat, E-Mails zu lesen, falls er da ist, liefert so viel Material, die komplette Gehaltsempfängerschaft in den Burnout zu treiben.

2. Februar 2019

Johann Christoph Gottsched, dessen 319. Geburtstag heute sicher niemand feiert, hätte sich vom nächstliegenden Felsen in eines der Leipziger Meere gestürzt, könnte man vermuten, wenn er diesen „Wilhelm Tell“ in Weimar gesehen hätte, während des Fluges schreiend. Friedrich Schiller wäre womöglich an seine Schublade gegangen, an den fauligen Äpfeln ein wenig zu schnuppern und dann an Goethe zu schreiben: Ich hätte nie gedacht, was man aus diesem Prachtstück so alles machen kann. Und Goethe, in aller Stille, kein Wort davon zu Schiller, nur zu sich selbst: das mit der Parricida-Szene – Hut ab, Ziege. Mir geht naturgemäß immer die Rolle der Gertrud nahe, aus Gründen, die dem Datenschutz unterworfen bleiben. Nahe geht mir auch das anstehende Schicksal grün-roter Frauen, die nach der neuen Politquote ihre wohldotierten Stühle räumen müssen für bis dato unbekannte rot-grüne Männer aus den vierten bis neunten Reihen ihrer Avantgarde-Parteien.

1. Februar 2019

Ob ich mir den Briefwechsel von Eva und Erwin Strittmatter gönne, ist keine wirkliche Frage, der gestrige 25. Todestag und die mit ihm verbundene Zeitungsschau führten mir vor, was sich alles auskramen lässt, wenn nur ein Anlass ruft. Im letzten Tagebucheintrag Strittmatters fünf Tage vor seinem Tod heißt es: „Wenn die Atemnot nicht aufhört, möchte ich lieber ganz aufhören.“ Und im nächsten Satz: „Die wunderbare Eva telefoniert umher.“ Sohn Erwin Berner, der den Namen seines Vaters ablegte und sich für sein Buch „Erinnerungen an Schulzenhof“ manche verbale Ohrfeige einhandelte, ist jetzt Mitherausgeber der Briefe und liest auch öffentlich daraus. Mich zieht es nach einem theaterfreien Januar heute nach Weimar, wo man „Wilhelm Tell“ wagt. Die Erinnerung an den Meininger „Tell“ von 2009 ziehe ich aus meiner damals unveröffentlichten Kritik. Meine Notizen zum Märki-„Tell“ auf der Rütli-Wiese mit Thomas Thieme geben leider fast nichts her.

31. Januar 2019

Hätte ich als älteres Kind einen Schulstreik begonnen, um die Welt zu retten, auf Freitag hätte ich ihn keinesfalls gelegt. Ich hatte an Dienstagen die Doppelstunde Sport und anschließend Russisch. Außerdem macht Streik an Freitagen wenig Sinn, wenn man am Sonnabend wieder zur Schule muss, Heute, da Samstage schulfrei sind, spricht viel für Klassenkämpfe am Freitag. Ansonsten bin ich 2018 wieder nicht unter den 500 wichtigsten Intellektuellen gelandet, die der CICERO seit einigen Jahren kürt. Der Trend des Jahres lautet: mehr Denker waren wichtig, weniger Dichter. Die Messlatte heißt Printmedien, da falle ich raus. Nicht einmal FREIES WORT zitiert mich, was schon die Höchststrafe wäre. Vor 100 Jahren, am 31. Januar 1919, starb ein Mann namens Paul Lindau, den Schelme gelegentlich einen Literaturpapst seiner Zeit nannten. Dabei war er zeitweise sogar Chef des Meininger Hoftheaters, von Herzog Georg höchstderoselbst 1895 an die Werra berufen.

30. Januar 2019

Auf dem Dach ihres Studios haben die Beatles heute vor 50 Jahren ihr letztes Konzert gegeben, der Verkehr in London soll rasch zusammengebrochen sein. Das waren noch Zeiten. Jetzt droht nicht der Verkehr in London, sondern der mit London zusammenzubrechen. Es hängt am Backstop. Um den verständlich zu machen, greift das Mittagsmagazin von ARD und ZDF in die Geschichte zurück: Im zwölften Jahrhundert, heißt es zu einer mittelalterlichen Zeichnung unbestimmten Datums, schickten die Engländer protestantische Truppen nach Irland. Das war eine Leistung. 300 Jahre, bevor es überhaupt Protestanten in der Welt gab, schickten die Engländer schon welche nach Irland. Wie machten sie das? Eine unabhängige Historiker-Kommission unter Leitung von Claas Relotius wird den Präzedenzfall untersuchen. Magnus Gottfried Lichtwer, bitte nachschlagen, hat heute seinen 300. Geburtstag. Titel seines Reclam-Buchs „Blinder Eifer schadet nur!“. Wohl wahr!

29. Januar 2019

Als ich gestern, einer leichten Regung schlechten Gewissens folgend, mein Archiv zu Hans von Oettingen befragen wollte, stieß ich auf eine blanke Leerstelle: nichts, kein Blatt, kein Ausdruck, kein Ausschnitt aus einer alten Zeitung. Von der langen Werkliste, die ich bei WIKIPEDIA fand, las ich in meinen jungen Jahren nicht weniger als 19 Titel. Dass er als DDR-Agent gegen Schweizer ausgetauscht wurde 1966, war mir unbekannt. Sein Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, den ich immer wieder einmal besuche, fiel mir nie auf, obwohl er seit 1983 dort liegt. Dass außer mir noch jemand an ihn dachte anlässlich seines 100. Geburtstages, will ich zu seinen Gunsten gern annehmen. Heute könnte man mit Oettingen-Lesefrüchten beliebte Feuilleton-Rubriken befüllen: was viele gern lesen, aber sich nie trauen würden, zuzugeben. Es war im guten alten Sinne spannend, was er schrieb, wie ideologisch es gefärbt war, habe ich glatt vergessen.

28. Januar 2019

Der Europäische Datenschutztag erinnert mich, dass die mediale Hektik um die neue Europäische Datenschutzverordnung schon wieder ein rundes Jahr alt ist. Wie immer in vergleichbaren Fällen wurde nichts so heiß gegessen wie gekocht, teilweise ist die Speise eiskalt und roh. Es starben: vor 100 Jahren Franz Mehring, vor 80 Jahren William Butler Yeats. Bei dem einen lese ich ziemlich oft nach, was er wohl so meinte, bei dem anderen nehme ich mir in gewissen regelmäßigen Abständen vor, seine 1984 im Leipziger Insel Verlag erschienenen „Autobiographien“ endlich zu lesen. Vor 75 Jahren erlebte „Die Feuerzangenbowle“ ihre Uraufführung, während in Auschwitz noch der tägliche Massenmord betrieben wurde. Kaum einen alten Film sah ich öfter im ersten DDR-Fernsehen, stets verwundert, wie alt seinerzeit die Abiturienten aussahen. Achim Reichel ist an jenem Tag geboren und deshalb heute 75 Jahre alt. Als er mit „Wonderland“ den Hit „Moscow“ hatte, war ich ihr Fan.

27. Januar 2019

Wenn mich mein Oberbürgermeister persönlich und freundlich einlädt, es darf auch der neue sein, an der Veranstaltung zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus teilzunehmen, dann komme ich trotz Wetterunbilden und harre vor der Alten Försterei aus, in der ich einst so etwas wie ein Teil-Hausherr war. Ich höre die Rede von Helmut Krause, der einst mein Mitschüler war und sich gern meine Reden zu Abiturjubiläen anhört. Er ist jetzt Ehrenbürger und trägt, was ihn ehrt, eine längere Passage von Edgar Hilsenrath vor, der erst am 30. Dezember im Alter von 92 Jahren in Wittlich gestorben ist. Ich kenne Leute, die Hilsenraths „Der Nazi & der Frisör“ über fast alles stellen, was sie sonst noch gelesen haben. In meinem Archiv finde ich Beiträge aus den Jahren 1993 bis 2008 über ihn, da gab es also ein sehr langes Schweigen. Ich kann an Auschwitz nicht so unbefangen befangen denken wie früher, ich weiß, dass es auch ein Ort der Familiengeschichte ist.

26. Januar 2019

In Dresden kann man heute im Staatsschauspiel eine Premiere erleben, bei der es mir die Schuhe ausziehen würde, falls auch nur die Hälfte von dem zutrifft, was vorab geschrieben stand. Meine Schuhe bleiben freilich am Fuß, mit Schrecken male ich mir nur aus, wie die Welt wäre, wenn Menschen wie dieser seiner eigenen Logik nicht folgen könnende Regisseur die Macht in ihren Händen hielten, die sie zum Glück höchstens an einem Theater ausüben dürfen. Volker Lösch erkennt im Theater die letzte feudalistische Einrichtung und bedient sich ihrer wie ein Feudalherr, weitab all der Gesinnung, die er in seinem Bauchladen vor sich her trägt. Ausgrenzen um jeden Preis nennt er sein Ziel. Wenn das nur Zynismus ist, könnte man mildernde Umstände anrechnen. Es ist aber mehr als Zynismus. Ein Bühnenarbeiter in Dresden fühlt sich an die späte DDR erinnert, der Journalist aus dem Westen ermahnt ihn: er dürfe das doch immerhin sagen. Es werde gedruckt.


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