Tagebuch

29. Oktober 2020

NEUES DEUTSCHLAND überrascht heute mit dem Foto eines acht- bis neunstöckigen Gebäudes, welches nach etwa einjähriger Fertigstellungsverzögerung die Rosa-Luxemburg-Stiftung beinhaltet. Dies ist, lese ich, die letzte parteinahe Stiftung gewesen, die ein eigenes Gebäude bezog. Dumm nur, dass in diese acht Etagen nicht alle Mitarbeiter passen, weil sich die Stiftung seit der Nachricht vom großen Eigenheim offenbar rasanter vergrößert hat als eine Stopfgans unter Dauermais. Zwei Fünftel passen nicht mit rein und ich frage mich als ehemaliger DDR-Bürger, der mit zwei Kindern auf 59 Quadratmetern wohnen durfte und das auch noch toll zu finden hatte wegen toll niedriger Miete und toll zeitnah gebautem Kindergarten nebenan (anderthalb Jahre später nur), wie viel Platz auf acht Etagen jeder einzelne Stiftunger (inklusive aller vertretenen Geschlechter) da wohl für sich beanspruchen darf. Jedes Büro mit eigener Sauna oder eigenem Tischtennis-Raum? Ach, die Linke.

28. Oktober 2020

Da nun wieder die deutschen Bürgersteige eingerollt werden, die deutschen Theater ihre Hygiene-Konzepte in den Rundordner werfen dürfen, haben auch wir unsere für morgen geplante Reise nach Leipzig gestrichen, wo wir übermorgen den guten alten Dürrenmatt besuchen wollten mit seinem „Besuch der alten Dame“. Hat die alte Dame eben Pech: wenn wir schon mal kommen, dann kommen wir dann doch nicht. Mäßiger Ersatz: heute vor haargenau 100 Jahren hatte zeitgleich in Leipzig und Dresden das ziemlich haarsträubende expressionistische Stück „Jenseits“ von Walter Hasenclever deutsche Erstaufführung, obwohl es vorher schon eine natürlich auch deutsche Aufführung in Prag gegeben hatte, nur Prag war eben jetzt, nun ja, Ausland. Seit 1918, als all diese Kaiserreiche dahingingen. Wenn sie nicht dahingegangen wären, wer weiß, was Joseph Roth für Bücher geschrieben hätte, ob überhaupt. So haben Untergänge ihre schönen Seiten, letztendlich.

27. Oktober 2020

Alfred Kerr, der sehr berühmte, schrieb im Februar 1921 in einer Kritik zu „Jenseits“ von Walter Hasenclever: „Mitunter fast ein Zustand wie bei Tieck, wo der heilige Bonifacius vorn an die Rampe tritt und äußert: Ich bin der heilige Bonifacius.“ An solchen Stelle neige ich zu schwersten Lachanfällen, was gefährlich sein könnte, wenn ich allein zu Hause bin. „Auch tellurische Phrasen, mein Lieber, sind Phrasen“, sagt Kerr. Da kann man ihm kaum widersprechen. Auf dem Weg über Florenz nach Chianciano Terme hätten wir heute am Futa-Pass den Soldatenfriedhof gesehen, morgen den von Pomezia, ehe wir Rom erreicht hätten. Das Abendessen in einer Taverne der Altstadt ersetzen wir durch ein Nudelgericht zu Hause im heimischen Speisezimmer. Beim Essen schauen wir bisweilen aus dem Fenster, weil es Zeiten gibt, da ganz bestimmte Hunde mit ganz bestimmten Herrinnen ihre Gassi-Runde drehen, deren Anblick wir sehr regelmäßig genießen.

26. Oktober 2020

Ich grabe mich in kleinen Portionen durch ein wissenschaftlich extrem fragwürdiges Buch mit dem Titel „Der Theaterkritiker Arthur Eloesser“. Der Wert des Buches besteht eigentlich in seiner puren Existenz seit 1962. Verfasserin Doris Schaaf wurde weder vorher noch nachher jemals auffällig mit irgendetwas außer diesem naiven und bisweilen sogar einfältigen Buch. Immerhin hat sie viel gesichtet und die Quellen in den zahlreichen Fußnoten festgehalten, was einen gewissen Eigenwert bekommt, weil man danach immerhin diverse Quellen kennt, ohne sie wirklich zu kennen. Denn was zitiert wird, ist nach allen eigenen Sätzen der Autorin wenigstens verdächtig, nicht zwingend das Prägnanteste gewesen zu sein. Hier müsste von vorn bis hinten nachgearbeitet werden. Ich grase im weltweiten Netz nach Archivquellen alter Zeitschriften, kann bisweilen Inhaltsverzeichnisse durchblättern, stoße bisweilen auf Bezahlschranken, vor denen ich erst einmal pferdartig scheue.

25. Oktober 2020

So wären wir nun heute gen Italien gereist, die eine oder andere Kriegsgräberstätte zu besichtigen, heute erst einmal nur bis nach Sterzing, das der Italiener bekanntlich Vipiteno nennt. Über Brixen wäre es morgen bis nach Bologna gegangen, wo wir noch nie waren, es wäre also allerhöchste Zeit geworden. Ist aber nicht. Ob die Reise im kommenden Jahr abermals angeboten wird, wissen wir nicht, im Moment galoppieren die Zahlen, als trainierten sie für Karlshorst. Schauen wir also lieber 20 Jahre zurück, wo uns ein Reiseleiter namens Ivan in Pula während unserer ganztägigen Istrien-Rundreise davon zu überzeugen suchte, dass es völlig ausreicht, das Amphitheater von außen zu sehen, was außerdem die Ersparnis von 16 Kuna bedeutete. Ich gehöre dummerweise zu denen, die gern 16 Kuna für Amphitheater ausgeben, falls sich die nötige Landeswährung in meinen Händen befindet, was durch einfaches Tauschen gut hätte bewerkstelligt werden können. Es folgte Rovinj.

24. Oktober 2020

Schreibe ich von meiner wundervollen neuen Papierschere, die etwas wie der Ferrari unter den Papierscheren ist und meine uralte Schnippelschnappel ablöst, die ich vor fast 30 Jahren aus den Nachlassbeständen der ILMENAUER TAGESPOST privatisierte wie auch einige 7B-Bleistifte, die schon so mürbe sind, dass sie brechen, wenn sie unglücklich fallen? Schreibe ich von der Insel Cres, wo ich vor 20 Jahren eine seltsame Fischmahlzeit unter Deck essen durfte und keine Delphine sah? Oder von seltsamen Frauen aus Nordrhein-Westfalen, die der ZEIT Fotos schicken von ihren Marmeladen mit der seltsamen Nachricht, diese im Winter zu essen? Die ZEIT hat ein seltsames Zeit-Problem, sie empfiehlt im Sommer immer Sommer-Bücher für den Urlaub. Der Gedanke, im Sommer andere Bücher als im Winter zu lesen, ist mir in meinen fast 68 Lebensjahren niemals gekommen, allerdings weiß ich auch nicht, was cis-Heteros sind und schäme mich dessen nicht.

23. Oktober 2020

Selbst die Tatsache, dass er italienischer Kommunist war, hat ihm nicht ins DDR-Taschenlexikon „Fremdsprachige Schriftsteller“ verholfen, weder sein internationaler Erfolg mit „Zwiebelchen“ noch seine zahlreichen Reisen in die Sowjetunion. Heimgekehrt von der letzten, starb er am 14. April 1980 in Rom. Alte DDR-Kinder wie ich erinnern sich womöglich an den „Fahrstuhl zu den Sternen“, das war ein Trompeter-Buch mit der Nummer 96 oder an „Der blaue Pfeil“, an „Ein Wolkenkratzer auf See“. Als die DDR dahingeschieden war, brachte der Leipziger Reclam-Verlag noch eine „Grammatik der Phantasie“ heraus, die später großzügig von Stuttgart übernommen wurde nach der Liquidation des zum Ableger degradierten Alt-Verlages. Der Alt-Westen hatte den Italiener nie völlig ignoriert, es gab ja Kleinverlage und Klaus Wagenbach. Heute ist Rodaris 100. Geburtstag, selbst der Abrufstatistik bei WIKIPEDIA merkt man das an. Falls man sie denn abruft.

22. Oktober 2020

Ausgerechnet heute, wo unsere Neuinfektionen in bis dato ungeahnte Regionen vorstoßen, streikt der ARD-Videotext, in dem ich seit Monaten allmorgendlich die Seiten 812 bis 814 aufschlage. Denke ich also ersatzweise an die ersten Grottenolme meines Lebens. Ich sah sie am 22. Oktober 2000 in Slowenien während eines Tagesausflugs von Rabac in Kroatien aus. Zwölf Jahre dauerte es bis zum nächsten Tagesausflug in dieses kleine Land: wir sahen Maribor und kamen aus der Südsteiermark. Vor 150 Jahren wurde Iwan Bunin geboren, von dem Konstantin Paustowski schrieb: „Je mehr ich von Bunin lese, desto klarer wird mir, dass sein Werk unerschöpflich ist.“ Nach den DDR-Ausgaben kaufte ich nur noch Bunins Revolutionstagebuch „Verfluchte Tage“ und die literarischen Reisebilder „Der Sonnentempel“, viel Stoff für ein viel zu kurzes Leseleben, das ja auch ein Schreibleben ist. Als Kind lauschte Bunin dem Weinen sterbender Fliegen im Spinnennetz.

21. Oktober 2020

Am 21. Oktober 1920 erlebte am Münchener Residenztheater ein Drama in drei Akten seine Uraufführung, das längst und wahrscheinlich zu Recht vergessen ist: „Der Weg zur Macht“ von Heinrich Mann. Mit Blick auf den näher rückenden 150. Geburtstag von Mann am 27. März 2021 ist die Lektüre dennoch nicht nur von biographischem Interesse. Es geht um Napoleon und nicht nur um Napoleon. Nachlesbar ist das auch in Manns Essay „Der bürgerliche Held“, am 5. Mai 1921 im BERLINER TAGEBLATT erschienen zum Todestag Napoleons. Im zweiten Akt tritt ein kleiner Neger auf, woran 1920 natürlich niemand Anstoß nahm. Auf den Gedanken, Heinrich Mann könnte Rassist gewesen sein, kam damals ebenfalls niemand. Es würde heute immerhin medienwirksam die rhetorische Frage ermöglichen, ob er wirklich keiner war. In Dresden war der Messerstecher nun doch ein vorbestrafter, geduldeter Syrer, was der MDR zunächst tapfer und sehr korrekt verschwieg.

20. Oktober 2020

Weil das Finanzamt mich erinnerte, dass meine seit 13 Monaten tote Mutter für 2019 noch keine Steuererklärung abgegeben hat, machte ich mich heute an das Ausfüllen der grünen Formulare. Seit 2019 muss man all die Daten, die elektronisch ans Amt übermittelt werden, nicht mehr selbst aufschreiben. Das hieß für meine Mutter: ich musste nichts aufschreiben außer ihrem Namen und ihrer Steuer-Nummer, ihre Adresse ist ebenso Geschichte wie ihr Konto. Auf dem leeren Blatt hinten unterschrieb ich als Alleinerbe, alle Anlagen warf ich als überflüssig ins Altpapier. Das ist unser Deutschland, es übersteht alle Krisen, weil bei uns sogar die Toten Steuern zahlen, anders als vor Jahren die Griechen, die nicht einmal ahnten, was Steuern sein könnten. Aber die wussten auch nicht, was eine Feuerwehrstruktur ist, wenn das halbe Land brannte: wir wussten es. Dafür waren sie schon die alten Griechen, als wir noch alte Germanen waren, frisch von den Bäumen gestiegen.

19. Oktober 2020

Fest vorgenommen hatte ich mir, den neuen Schweizer Tatort aus Zürich nicht zu begleiten wie den alten aus Luzern, von dem ich bis auf eine alle Folgen in MEINE SCHWEIZ besprach. Nach dem Auftakt wankte ich ein wenig, weil er sehr gut war, blieb dann aber bei meinem Entschluss. Heute vor 100 Jahren, anderen Quellen zufolge schon vorgestern vor 100 Jahren starb John Reed. Als ich 1987 zum ersten Mal über ihn schrieb, nannte ich ebenfalls den 17. Oktober, sein Grab an der Kreml-Mauer sah ich damals sogar mit eigenen Augen. Ich las seinen Rückblick „Beinahe dreißig“ am Morgen, vorher schon seinen Einakter „Der schwer zu verstehende Friede“ und war wieder an dem Punkt, eigentlich schreiben zu wollen, aber noch anderes tun zu müssen. Unvorstellbar, dass Donald Trump im Weißen Haus sich „Reds“ absehen könnte, wie es einst Ronald Reagan tat. Für den waren noch Kommunisten Kommunisten, für Trump ist schon Joe Biden einer, Fuck! Fuck!

18. Oktober 2020

Bürger, die vom Alkohol so abhängig sind, dass sie am Sonntagmorgen bereits die Tankstelle aufsuchen müssen, um dort ein wenig Bier und einige Taschenrutscher zu erwerben, verursachen bisweilen unfreiwillige Unfälle. Einer schmiss, nachdem er sich zwischen mich und den Mann vor mir in die Corona-Abstandsschlange gedrängt hatte, einen seiner kleinen Freudenbringer auf die Erde, was zu Scherben führte: er leckte den Korn nicht auf, wie es ein Schotte laut Witzothek getan hätte, verlangte allerdings zu seiner Flüssignahrung noch eine Schachtel Zigaretten. Er nannte keine Marke, es sollte aber die billigste sein, acht Euro kostete sie, und unsicheren Fußes trug er seine Schätze hinaus in die enge Welt der Suffköppe. Ein anderer stand schon an seinem Stammplatz zwischen Tankstelle und Waschanlage und nahm seine erste Dosis. Ich erwarb wie stets meine Sonntagszeitung. Und merkte: mein gestriges Schwächeln nach der Impfung ist heute Geschichte.


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