Tagebuch

16. Oktober 2019

Zeitig in der Stadt, um meine Zeitungen mit den Buchmessebeilagen abzuholen, es sind alle da, ich kann mich, wenn ich das Hamsterrad der Haushaltsauflösung verlasse Ende des Monats, vielleicht auch wieder um meine Sachen kümmern. Einstweilen sichte ich weiter Bücher und stelle an immer neuen Stellen fest: meine Eltern waren einst ein junges Paar, das sich gegenseitig Bücher schenkte und Widmungen hinein schrieb. Freund Volkmar wird das große Bücherregal nehmen, er hat schon gemessen und auch einen Blick auf die Briefmarken geworfen. Ich befülle den nächsten Karton mit Taschenbüchern verschiedener DDR-Reihen: NB-Krimis, Passat, bb, Das Taschenbuch, die Stapel fürs Krankenhaus wachsen, die Regalfächer mit gelbem Klebezettel, die mir sagen, dass ich hier alles in den Händen hatte, erreicht die 30. Die großen Umzugskartons füllen sich mehr und mehr, nebenher setzt sich auch in meinen Regalen die neue Ordnung fort. Noch volle zwei Wochen Zeit.

15. Oktober 2019

Viereinhalb Eimer Späne und Ästchen sind auf unserem Parkplatz verblieben von der großen Baumfällung am Freitag. Die Rasenmäher arbeiten entschieden ordentlicher als diese Baumfäller, die offenbar nicht nur zwei Stunden später kamen als angekündigt, sondern auch zeitig Feierabend haben wollten. Am 15. Oktober 1999 erlebten wir unsere erste Fernbusfahrerin: Edda, es ging nach Italien, zum sechsten Male im Oktober, immer noch eine gute Reisezeit. Und zum dritten und bis heute letzten Male auf die Insel Ischia, nach Ischia Porto. Ankunft natürlich erst am Folgetag, keine Zwischenübernachtung, so war das damals. Heute richtig große Fortschritte in Gehren, wir werden sehr viele Sachen bei „Gib und Nimm“ los, sogar die Fläschchensammlung und drei Kartons Krimis verschiedener DDR-Reihen. In der Post Beileidswünsche aus Ditzingen. Ein Zimmer und die Küche sind bis auf geringe Reste leer. Im Wohnzimmer jetzt deutlich mehr leere Schrankfächer als volle.

14. Oktober 2019

Der Geburtstag nach dem Geburtstag, erstmals ohne großzügiges Oma-Geschenk. Kurztrip nach Gehren, Umzugskisten werden gefüllt, Regalreihen für den Händler präsentabel gemacht. Ich verpacke für mich Teile des Frankreich-Bestandes, der arbeitsteilig bei meinen Eltern stand und auch dort gesammelt wurde: Balzac, Zola, Hugo, Stendhal. Eine Ausgabe mit Cezanne-Briefen lege ich dazu. Ich gewinne so viel Platz, dass ich die Bredel-Sammlung meines Vaters aufnehmen kann. Zur kleinen Feier fahren wir nach Frauenwald in den „Waldfrieden“, wie auch 2018 schon, diesmal mit Fleisch vom Grill, das es erst ab 17 Uhr gibt. Alles sehr gut. Ich zahle die Rechnung. Bezahlt ist auch schon der Steinmetz, die Anzahlung für Korsika und Sardinien ist geleistet. Ein Termin für den Sperrmüll ist beantragt. Einiges geht tatsächlich über eBay-Kleinanzeigen weg, sogar der alte Kühlschrank und der Elektroherd. Bei uns sieht es mehr und mehr wie in einem Warenlager aus.

13. Oktober 2019

„Der Kirschgarten“ ziemlich unentschieden, gestreckt mit Fremdtext, selbst eine Greta-Thunberg-Anspielung fehlt nicht. Es ist zum Heulen. Nun habe ich seit 2013 fünfmal Tschechows letztes Stück gesehen, beim Nachlesen meiner alten Kritiken sehe ich viele Details wieder vor mir und vermisse umso mehr eine schauspielerische Sternstunde, wie sie Nina Hoss bot. Wir kommen gut nach Hause. Ich bestücke zwei Taschen mit Büchern, die ich aus meinen Beständen mit in die Verramschung bringen will, ich brauche hier Platz. Es ist verblüffend, wie leicht ich mich jetzt von Erinnerungen trenne. Die Auflösung des mütterlichen Haushaltes, der so brutal wertlos geworden ist, wird zum Schnellkurs in Pietätlosigkeit. Bücher aus Kindheit und Jugend, von denen ich mich noch vor kurzem nie getrennt hätte, auch im Wissen, sie nie wieder in die Hand zu nehmen, nun wandern sie ab in eine ungewisse Perspektive. Es wird tatsächlich Platz in meinen DDR-Beständen.

12. Oktober 2019

In der Post heute in Gehren die letzte Ausgabe des „Deutsch Kroner Heimatbrief“. Wie es der Zufall will, am Tag nach dem Geburtstag, den es nicht mehr gab. Heimatbrief wie auch Verein lösen sich auf, es wird also auch keinen Gedenkvermerk mehr geben. Ich werde der Verantwortlichen eine Mail zukommen lassen. Das letzte Heft macht Werbung für den „Schneidemühler Heimatbrief“ und „Der Westpreuße“, vielleicht hätte meine Mutter sich das sogar als Ersatz bestellt. Nun aber scheint von denen, die noch Erinnerungen an die alte Heimat haben, kaum jemand mehr zu leben. Den Vormittag brauche ich, um wenigstens eine der offenen Kritiken zu schreiben, der „John Gabriel Borkman“ wird tatsächlich fertig. Für morgen verabrede ich, nicht nach Gehren mitzufahren. Will zu Hause vorankommen. Wir fahren nach Dresden, wollen „Der Kirschgarten“ sehen, werden von frühlingshafter Wärme überrascht, können noch auf der Terrasse sitzen. Das Riesenrad steht noch.

11. Oktober 2019

Heute wäre meine Mutter 91 Jahre alt geworden, es fehlten ihr am Ende genau zwei Wochen. Mir entging gestern erstmals seit Jahren die Vergabe des Literatur-Nobelpreises. Von Tokarczuk besitze ich ein einsames, schmales Bändchen, von Handke etwas mehr, er hat einen eigenen Aktenordner in meinem Archiv. Zu meinen Lieblingen gehört er nicht. Die Grabplatte ist wieder aufgesetzt, nun steht Gertrud unter Oswald Ullrich, die Gebinde sehen noch sehr gut aus trotz teils heftigen Regens. Einer wollte heute zum Geburtstag gratulieren, den ich seit seiner frühen Kindheit in der Talstraße kenne, aber seit Jahren weder sah noch sprach. Seine Mutter war eine meiner Lehrerinnen. Zweiter Sparkassen-Termin heute mit Sterbeurkunde. Besuch bei einer Frau aus dem Handarbeitszirkel des Gehrener Kulturbundes, Schufterei an den Bücherregalen. Die Allianz hat tatsächlich bereits den Restbetrag erstattet, die Rentenversicherung die Rente zurückgebucht, beides rekordverdächtig.

10. Oktober 2019

Ganz nebenbei geht es auch in unserer Wohnung rund, die Rennerei ist messbar: ich komme den vierten Tag in Folge auf mehr als 10.000 Schritte. Ich brauche Platz für alles, was ich mitnehme in meine Regale. Ich entfalte wilden Entsorgungseifer. Trenne mich von Dingen, um mich nicht von Dingen trennen zu müssen. Nebenbei immer ein Blick auf Ibsen. Ich sehe erstmals „John Gabriel Borkman“, die Premiere am 13. September verpasste ich wegen des Urlaubs. Ich werde zeitiger losfahren, kenne nunmehr den Umleitungsweg, der nicht ausgeschildert ist. Die großformatigen Märchenbände, die ich einst aus Berlin anschleppte aus dem tschechischen Kulturzentrum, finden einen guten Platz. Ich sortierte alle Ungarn-Bestände neu, schaffe Platz im Keller für Zeitschriften, an deren Platz in der Wohnung Bücher landen. Im Kalender steht heute der Ein-Euro-Tag, den wir nun nicht mit einer einzigen Fahrt nutzen können: Zeitmangel. Apothekenwunder: alles auf Lager.

9. Oktober 2019

Mir ging es nicht gut gestern, Entspannung erst, als ich beginne, mich um Urlaub für 2020 zu kümmern. Wir werden nach Andorra fahren, nach Korsika und Sardinien und dann nach Langenlois. Heute wieder ein Ast neben unserem Auto, die Genossenschaft reagiert perfekt: Am Freitag soll nun doch der ganze Baum endlich gefällt werden, der eine ständige Gefahr darstellt. Erneut Horror am späten Nachmittag. Am Vormittag bin ich allein in Gehren, die Scherenschnitte gehen von den Wänden, ich gebe Regina auch die Bücher mit von mir, die sie noch nicht besitzt. Sie liest bisweilen in diesem Tagebuch und auch die Theaterkritiken. Eine Frau, die eigentlich nur Handtücher und Tischdecken haben wollte, stürzt sich über die Stricksachen, als wäre das heute eine öffentliche Haushaltsauflösung gewesen. Unglaublich, wie Menschen sein können: dreist, unverschämt, ohne jedes Gefühl, was geht. Morgen werden wir nur kurz kommen, vor allem Märchen abtransportieren.

8. Oktober 2019

Zwischen allem gestern auch noch das Fädenziehen beim Kieferchirurgen, er macht es diesmal nicht selbst, alles dauert länger. Lange Suche nach dem Briefkasten der Antennengemeinschaft. Heute die Trauerfeier, die Akustik in der Feierhalle schien mir gar nicht so grässlich wie vorher beschrieben. Das Pommernlied hörte ich zum ersten Male. Die Rede sehr gut, wir waren alle einer Meinung. Vom Friedhof zu Fuß zu gemeinsamem Kaffee und Kuchen beim Bäcker, wo meine Eltern langjährige Kunden waren. Kuchen wie aus dem Buch für gute Kuchen. Anschließend noch einmal zur Wohnung. Meine Kinderfreundin aus der Talstraße wird die Scherenschnitte mitnehmen nach Berlin, wir verabreden uns für morgen. Die Mail mit der Urkunden-Kopie am Morgen raus,  Brief an die TEAG raus, Brief ans Finanzamt selbst abgegeben. Und immer Arbeit an den Regalen, den Schränken, diverse Stapel, Umsortierungen fürs Antiquariat, das Fotos will, ehe es anrückt.

7. Oktober 2019

Dies wäre der 70. Jahrestag der DDR gewesen. Zwei lange Versuche, einen echten Menschen der Telekom an den Apparat zu bekommen und nicht nur die üblichen Stimmen vom Band, die den Anrufer von A nach B weiter leiten. Ihnen reicht eine Mail mit Kopie der Sterbeurkunde. Die will auch die TEAG und zwar mit der normalen Papierpost. Erstaunlich die Allianz. Sie nehmen die Abmeldung am Telefon entgegen, bekunden Beileid, versprechen Rückzahlung von Resten und zu allem noch schriftliche Nachricht. Das Finanzamt will einen Antrag auf Stornierung für die nächste Vorauszahlung, eine Kopie der Sterbeurkunde und die Restzahlung für 2018. Mit dem Bestatter reden wir fast zweieinhalb Stunden. Es gibt viele Anknüpfungspunkte, nicht nur der vergangenen drei Todesfälle wegen, es gibt gemeinsame Bekannte, Berührungspunkte biographischer Art, seine Mutter war auch in Dreißigacker zur Lehrerbildung. Wir verabreden uns auf 20 Minuten vorher.

6. Oktober 2019

Entwertungshorror. Auch mit Nachlässen ist es wie mit Verkäufen fast aller Art, die unter Druck erfolgen. Wir sind zeitig in Gehren, ich stehe lange auf dem Bürgersteig, den Mann zu erkennen an seinem Autokennzeichen, das dann doch ein anderes ist, als ich dachte. Die Buchstapel warten auf dem kleinen Wohnzimmertisch, die Kartons mit den Heften. Der Mann sucht kennerisch und sehr zielgerichtet. Von den Bänden „Spannend erzählt“ interessieren ihn nur wenige, ebenso von den verschiedenen Heften der DDR-Groschen-Literatur. Der Schock kommt beim Preisangebot, ich bin überrumpelt. Ich verliere sogar zwei Titel, die ich behalten hätte, hätte ich die Kartons vorher noch gesichtet. Wir essen beim Griechen, sind ganz allein, können mit dem Inhaber reden. Wir erfahren von verlassenen Dörfern, in denen sich Albaner ansiedeln. In der Post der Steuerbescheid für 2018. Ich werde morgen telefonieren, wie das Verfahren ist. Leisten Tote noch Steuernvorauszahlungen?

5. Oktober 2019

Warum braucht ein Blasorchester ein Schagzeug, fragt heute der Allgemeine Anzeiger. Das frage ich mich ehrlich gesagt auch, wobei ich bisher gar nicht wusste, dass es Schagzeuge überhaupt gibt. Vielleicht gibt es sie, um arbeitslosen Tommlern einen Nebenjob zu verschaffen, die partout nicht auf Blockföte umschulen wollen. Der „Urfaust“ gestern mit End-Faust gestreckt wegen der so genannten Verständlichkeit, wie mir zuvor zugeflüstert wurde. Die Hauptdarsteller des End-Faust saßen im Parkett, ich sah auch Florian Martens und saß neben einem Professor aus Braunschweig. Noch vor einer Woche hätte ich dem verlässlich sagen können, wann meine Kritik fertig sein wird. Das wollte der nämlich wissen. Doch ist es nicht einfach, den Schalter im Kopf umzulegen von Trauerfall auf Theatergang, von Kündigungen, Abmeldungen, Schrankräumungen, von Gängen wegen Kaffee und Kuchen nach der Trauerfeier. Ausgerechnet in diesem Oktober 5 Theatergänge.


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