Tagebuch

30. Mai 2019

Der 30. Mai vor zehn Jahren war ein Sonnabend und ich las nicht nur über „Wallenstein“ in Fischer-Dieskaus „Goethe als Intendant“, ich sah auch das Pokal-Endspiel mit dem Sieg meiner Alt-Lieblingsmannschaft Werder Bremen gegen meine Nie-Lieblingsmannschaft Bayer Leverkusen. Das Siegtor erzielte ein gewisser Özil, den ich gestern bedröppelt auf der Bank sitzen sah, nachdem Chelsea Arsenal den Abend vermasselt hatte. Heute ist Christi Himmelfahrt, in der Schweiz auch Auffahrt genannt, man gedenkt jener Zeiten, da große Höhen noch erreicht wurden ohne nur einen einzigen Liter Flugbenzin oder Raketentreibstoff, nur mit der Rückkehr zur Erde klappte es damals noch nicht. Es ist vom Vater gesorgt, dass die Bollerwagen-Touren zu Ehren des hohen Sohnes bei schönem Wetter stattfinden können, so sagt es jedenfalls die Vorausschau. Ich lese heute zweckvoll Cesare Pavese und John Updike, um einen längeren Text abschließen zu können: Morgen im Netz.

29. Mai 2019

„Die meisten Bücher sterben in den ersten Jahren an Kinderkrankheiten. Die bösartigste heißt: Aktuellitis; man war so aktuell, dass man die Saison nicht überlebte.“ Der Satz stammt von Ludwig Marcuse, steht in einem Essay über Joseph Roth. Heute könnte man anstelle von Bücher auch Theaterspielpläne sagen, sie leiden nicht nur an viel zu hohem Roman-Spiegel, sondern zeitgleich leider und darum umso ärgerlicher, auch an Aktuellitis. Die Kritik hat sich in ihrem Sprachgebrauch an die Verhältnisse angepasst: sie schreibt vom Buch des Monats, gar der Stunde, und wenn einer oder eine so ein Buch auf den Markt brachte, als dieser gerade danach plärrte, sitzt er oder sie in jeder Literatursendung oder Talkshow, steht in jedem Feuilleton ein großes Interview, es ergeben sich bisweilen sogar Nachfolge-Aufträge: man darf den Experten spielen für Dresden oder Görlitz, vegane Tierhaltung oder Integration. Die Wahlergebnisse kenne ich nun auch. Es wird interessant.

28. Mai 2019

In Ilmenau muss man sehr tapfer sein, wenn man heuer auf das Wahlergebnis vom Sonntag wartet, auch der Ilm-Kreis hängt wegen Ilmenau in der Luft. Vielleicht ist es doch besser, nicht von der Maas bis an die Memel zu reichen. Immerhin: passend zur Kommunalisierung des Busverkehrs muss ich ab Juli zehn Cent pro Fahrt mehr bezahlen in der Kernstadt, Wochen- und Monatskarten werden auch deutlich teurer. Dafür dürfen die Großbreitenbacher für weniger Geld nach Ilmenau fahren. Preisfrage: Aus welcher Stadt kommt unsere Landrätin? Weil gestern Joseph Roths Todestag war, habe ich heute noch einmal meine Aufmerksamkeit ihm gewidmet. Ich kann auf rund 300 Druckseiten eigener Aufzeichnungen aus den Jahren 2006 bis 2008 zurückgreifen, was mir hilft natürlich, vor allem wenn auch andere Themen warten. Die Medien nerven mit ihren Dauer-Europa-Orakeleien von Sendung zu Sendung mehr: mich interessiert der linke Zusammenbruch im Kreis.

27. Mai 2019

Am 27. Mai 1994, es war ein Freitag, hatte ich meinen bis heute einzigen Einsatz als Hochzeits-Fotograf. Ich belichtete auch die eben fallende letzte Altsubstanz in der Goethe-Passage, die eine Weile unter Denkmalschutz gestanden hatte, dann aber doch durch eine neue letzte Ecke ersetzt werden durfte. Mein Schwager bereicherte den Bestand meiner Verwandtschaft um eine neu hinzu kommende Schwägerin, mit der er heute wegen der erreichten Silberhochzeit eine so genannte Kreuzfahrt absolviert. Für mich ist der heutige Montag natürlich der 80. Todestag von Joseph Roth, dem in diesem Jahr auch noch ein 125. Geburtstag folgen wird, zu dem ich mich im befreundeten österreichischen Ausland befinden werde. Schon heute haben ihre 125. Geburtstage Celine und Dashiell Hammett. Seit „Der dünne Mann“ im Juli 1971 las ich nichts mehr von Hammett und Celine ist mir ein Blindband, um nicht zu sagen: ein Buch mit sieben Siegeln. Dafür gilt Roth.

26. Mai 2019

Am 26. Mai 1989 erschien anlässlich des 50. Todestages von Joseph Roth am nächsten Tag mein bis heute einziger gedruckter Beitrag zu Roth in NEUE HOCHSCHULE, was ein Organ war und heute keines mehr wäre. Meine Beiträge für das Organ, sagte einmal mein alter Lateinlehrer zu mir, als er noch ein jüngerer Lateinlehrer war, sollte ich doch mal sammeln. Nun, ich habe alle meine Beiträge gesammelt, nur die rein journalistischen nicht, also die Berichte vom Neubau von Kläranlagen oder von der Versiegelung einer alten Deponie und den Schafen, die später dort grasen sollten. Einer verriet mir gestern, dass er beim Lesen meines Shakespeare-Buches das eine oder andere Erlebnis gehabt habe, das mit dem Wort „Aha“ in Verbindung gebracht werden könnte. Er verlangte auch in sehr regelmäßigen Abständen eine Sandschale von den wechselnden Kellnern, um Räucherstäbchen in ihr abbrennen zu können. Wir wählten heute verschiedene Kandidaten mit genau sieben Kreuzen.

25. Mai 2019

Zusagen und nicht kommen ist schlimmer als sich nicht melden und dann doch kommen. Ich habe mich im letzten Moment gemeldet und bin gekommen. Die Altvorderen, die sich selbst Fossilien nennen, versammeln sich einmal im Jahr am Technologieterminal, den sie noch unter dem Namen Bahnhof kennen, um dann ein wenig zu wandern, unterwegs Gehacktes zu essen, was in Gegenden, aus denen manche anreisen, Mett genannt wird, ein wenig Bier zu trinken zu sauren Gurken und dann in eine vorher nicht allen bekannte Gaststätte einzurücken, dort etwas mehr Bier zu trinken, mehr zu essen und alter Zeiten zu gedenken, als die Welt noch in Unordnung war. Mich beglückte einer der Freunde mit einem Heidelbeer-Bier aus Beelitz, ich beglückte niemanden, weil es in diesem Jahr kein neues Buch gibt von mir bisher. Das lag vielleicht daran, dass wir uns vor der Mensa versammelten statt am Bahnhof, vielleicht war es auch der Klimawandel. Oder der Brexit.

24. Mai 2019

Weil am 24. Mai 1819, also vor 200 Jahren, Teile von Goethes „Faust“ in Berlin erstmals auf einer Bühne erschienen, hat Jakob Augsteins „derfreitag“ dem Jubiläum eine ganze Seite gewidmet, seine Seite 24, die bisweilen durchaus lesenswert ist, nicht nur linkskurios. Weil am 24. Mai 1978 das erste Kind von Eckhard und Elke Ullrich geboren wurde, füllt heute niemand irgendeine Seite. Der Vater erwähnt es im Tagebuch, die Mutter liest es und erinnert sich. Weil am 24. Mai 1954 Rainald Goetz geboren wurde, wird er heute 65 Jahre alt. Manche meinen, er wäre nicht nur in die neuere deutsche Literaturgeschichte eingegangen, weil er sich vor laufender Kamera in Klagenfurt die Stirn aufschlitzte. Dann wäre da auch noch Ernst Osterkamp, aber den hatten wir schon. Im wirklichen Leben ist es viel schöner, einfach nach langer Zeit mal wieder Joseph Roth zu lesen, der sowieso besser ist als fast alle, selbst wenn er von einem Abbé schreibt in Metz, mit dem er Mirabell trank.

23. Mai 2019

Was für ein Tagesauftakt: Eric Clapton beim Bäcker, er singt „Layla“ im Radio, während ein gebrochen deutsch sprechender Urgermane mit vermutlich kasachischem Hintergrund verschiedene Bestellungen aufgibt, die nicht sofort und eindeutig erkennbar werden. Ich habe die Parkscheibe im Auto so wenig vergessen wie später auf dem Kaufland-Parkdeck. Geplauder am Zeitungsstand wie zuvor schon auf dem Markt mit dem Leiter des Kulturamtes. In den Zeitungen aus Gehren von gestern drei Todesanzeigen für meine Todesanzeigen-Sammlung: ein Ex-Bürgermeister, ein Ex-Kollege von der Hochschule, ein Ex-Schul-Kollege, von dem ich schon schrieb. Man rutscht leise und unauffällig in den Status des Überlebenden. Mein erster Text zu Klaus Mann ist sehr viel länger geworden, als ich zunächst dachte und immer noch fehlt manches, was hätte drinnen stehen können. Dreißig Seiten schrieb ich, ehe ich die Fassung für BÜCHER, BÜCHER schließlich ins Netz stellte.

22. Mai 2019

Zehn Jahre vor Klaus Mann nahm sich Ernst Toller im Bad seines New Yorker Hotels das Leben. Arnold Zweig widmete diesem 22. Mai 1939 seinen Nachruf „In Memoriam Ernst Toller“ und fragte: „…wie sollte das Herz eines Dichters, der an den Wert und die Güte des Menschen glaubte, nicht brechen unter der Last dieses Bösen?“ Die Totenliste jener Tage ist lang, fünf Tage später folgte in Paris Joseph Roth. Bei ihm war es Selbstmord durch Alkohol. Schade, dass fortgesetzte Dummdreistigkeit, verbunden mit Gefährdung der Weltwirtschaft und des Weltfriedens nicht auch tödlich ist wie Rauchen, dann hätten wir diesen orangefarbenen Präsidenten nicht mehr jenseits des Ozeans, der vermutlich auch einen heute lebenden Toller in den Tod getrieben hätte. Ansonsten ist heute Tag der biologischen Vielfalt, las ich, man nennt das in besseren Häusern auch Biodiversität. Diversity-Management kann man sogar studieren, bezogen aber nur auf Zweibeiner mit Großhirn.

21. Mai 2019

Wieder einer, der tot ist. Gestern der Anruf eines Freundes. Gerade erst Frank, nun er. Man vererbte ihm den Spitznamen seines Vaters: Rakete. Wann sprach ich zuletzt mit ihm? Seine Frau war, ist vielleicht immer noch, Freundin einer Frau, in die ich mich mit 13/14 Jahren verliebt hatte, eine Zwillingsfrau. Bei gleicher Gelegenheit die Frage, ob ich aus Anlass der sechzigsten Wiederkehr unserer Einschulung 1959 die übliche Rede halten könnte in Gehren? An dieses Jubiläum habe ich, verrückt genug, bisher keine Sekunde gedacht. Natürlich werde ich die Rede halten und möglichst direkt, auch wenn meine Video-Botschaft mehr Beifall fand, als ich gedacht hätte. Zumindest in Gehren gehe ich mittelfristig in die Geschichte ein als der, der immer die Reden hält. Am 21. Mai 1949 schied Klaus Mann in Cannes freiwillig aus dem Leben, soweit man dergleichen freiwillig nennt. Selbst in Erfurt will man seiner aus diesem Anlass gedenken, allerdings eine Woche später.

20. Mai 2019

Reinhard Döring, immer freundlicher und fast unmäßig bescheidener Mann, ein Experte in der Heimatgeschichte Ilmenaus von hohen Graden, kann sich nicht mehr mit seinem milden Einspruch in der Redaktion von FREIES WORT melden. Eine warum auch immer erschreckend uninformierte Dame namens Isolde Müller vermeldet über sein verdienstvolles Wirken unter anderem, Döring habe zur Geschichte des Ilmenauer Rokoko-Schlosses geforscht, der heutigen „Alten Försterei“. Ich fand bisher keinen Protest aus Kreisen, die es besser wissen, im Blatt. Ich will gar nicht auf mein winziges Büchlein „Ilmenau von A bis Z“, in dem man ohne den geringsten Forschungsaufwand hätte nachlesen können, besonders verweisen, die Tafel mit dem Hinweis auf das Schloss hing viele Jahre an der gelben Mauer neben der einstigen Post, der jetzigen Volksbank. Wirklich schlimm ist, dass in einer Lokalredaktion niemand solche Fehler bemerkt. Oder gar nicht schlimm: nur normal.

19. Mai 2019

Wenn das Wetter richtig schlecht ist, vermiest es einem unter Umständen ein ganzes Stadterlebnis. Vor 20 Jahren fuhren wir nach Winterthur, wo wir seither nie wieder waren. Es goss nach allen Regeln der Kunst, das macht selbst Städte hässlich, die eigentlich gar nicht so schlimm sind. Schaue ich heute auf das Foto vom Theater in Winterthur, denke ich immer noch: was dort wohl gespielt wird? Muss man es wissen? Am Abend des gleichen Tages, es war ein Mittwoch, Ermatingen im strahlenden Sonnenschein, der Bodensee stand dort noch höher als bei uns in Steckborn und dennoch: angenehme Erinnerungen. Ich bin in der Nacht tatsächlich mit meinem Sebald zu einem Ende gekommen, der auch eine Zeit in der Schweiz lebte. Wieder ist es viel geworden und hätte noch mehr werden können. Krankenbesuch in Gehren heute mit Rhabarberkuchen. Die neuen Fenster sind so dicht, dass man mit 90 die Autos nicht mehr hört, nur noch den Schwerverkehr.


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