Tagebuch

18. Dezember 2019

Live aus meinem Schredder-Bericht: Alte Konto-Auszüge der Jahre 1991 bis 2000, diesmal meine eigenen, zeigen merkwürdige Dinge: Haben-Zinsen, monatlich ausgezahlt etwa. Ich sehe, wann ich meine ersten Versicherungen wieder kündigte und bereits gezahlte Beiträge zurückforderte. Ich las rechtzeitig die richtigen Artikel in den richtigen Zeitungen und verabschiedete mich von Kapital-Lebensversicherungen und Bausparverträgen. Über die Versicherungsvertreter, die mich belaberten, müsste meine geheime Autobiographie ein eigenes Kapitel enthalten, alle waren sie offenbar vom gleichen Schulungsinhalt beflügelt und zeigten ähnliche Grafiken zum Verarschen von Neukunden. Gestern erstmals der Blick auf zwei ICE fast zeitgleich auf der langen Brücke zwischen Gehren und Langewiesen, der neue Fahrplan schlägt zu. Ich hatte eine Zeit, da ich 14 Monatsgehälter bezog und Kollegen-Artikel sammelte, die heute ausnahmslos alle ins Altpapier wanderten: mit Sammelordner.

17. Dezember 2019

„Ulm. 17. Dezember 1944. Zwischen 19.23 und 19.50 Uhr wurde das alte Ulm dem Erdboden gleichgemacht. Gut 80 Prozent der Altstadt lagen in Schutt und Asche, mehr als 800 Kinder, Frauen und Männer fanden bei dieser schweren Bombardierung den Tod.“ So beginnt ein längerer Bildtext zu einem Foto aus dem Ulmer Münster, in dem ich im Sommer 1954 beinahe getauft worden wäre. Mein Vater hat meiner Mutter eigens ein Buch geschenkt, als sie mit mir zurück kam nach Gehren. Ich weiß nicht, ob er fürchtete, sie hätte dort bleiben können bei all ihren Verwandten, bei all meinen Verwandten, von denen niemand in den Osten geraten war außer meiner Mutter. Mit einer Ausnahme: die Tante in Bad Sulza, die aus Elbing gekommen war. Am 16. Dezember 1944 begann im Grenzgebiet zwischen Luxemburg und Belgien die so genannte Ardennen-Offensive. Zum 50. Hochzeitstag meiner Eltern war ich mit ihnen genau dort, wo jetzt Steinmeier sprach: in Bastogne.

16. Dezember 2019

Zwei Montage gibt es noch in diesem Jahr nach dem heutigen, dann ist wieder ein Jahr im Orkus verschwunden. Die Prophetengruppe Ü 70 hat unlängst wieder einen aus ihren ausgebufften Reihen losgeschickt mit der Botschaft: Wir haben noch 20 Jahre Zeit, den Planeten zu retten. Man könnte den Planeten, wenn er nicht so groß wäre, ja in einem Gummiboot übers Mittelmeer schicken, da würde ihn vielleicht eine junge Neu-Roman-Autorin mit ihrem Schiff retten und könnte danach gleich den nächsten Roman über sich verfassen. Der SPIEGEL würde ihn sicher schon besprechen, ehe er den Markt geflutet hat. Und 23 Theater wären bereit, eine Bühnenfassung in den Spielplan zu drücken. Sollte die Rettung bis 2039 nicht gelingen, bliebe die Frage, was mit dem nicht geretteten Planeten dann geschieht: Rest-Müll oder Recycling. Muss ihn der Urknall zurücknehmen wegen des Verursacherprinzips? So viele Fragen, nur eine einzige Antwort. Die hier nicht verraten wird.

15. Dezember 2019

Die Genossenschaft will im kommenden Jahr Wüstenbussarde über der Pörlitzer Höhe kreisen lassen, um der Tauben-Plage Herr zu werden (darf man das überhaupt noch sagen?). Jedenfalls ist ein Versuch mit einem norwegischen Drachen mehr oder minder gescheitert, die gurrenden Luft-Ratten sind ein paar Meter weiter auf dem Dach gezogen und haben die ortsfeste Attrappe mit Verachtung gestraft. Einmal sah ich einen Falken mit einer Taube in den Krallen, aber der Falke ist einfach zu klein für diese vollgefressenen Tauben, vielleicht schmecken sie auch nicht. Wie es dann mit den Wüstenbussarden geht, werde ich beobachten, wie ich einst das Balzverhalten der Pariser Tauben nahe dem Centre Georges Pompidou beobachtete: voller Schadenfreude, wie selten so ein Täuberich zu einem Nümmerchen kommt, weil die Erwählte einfach lieber frisst als Sex hat. Am dritten Advent heute der traditionelle Teil-Familientag mit allerlei Kaffee, Kuchen und Plätzchen.

14. Dezember 2019

Die jüngste Schwester meiner Mutter hat heute ihren 80. Geburtstag. Zum 80. einer etwas älteren Schwester waren wir noch in Ulm mit meiner Mutter: jetzt bleibt es beim Telefonat und einer kleinen Gabe. Der Ärger über die Doppelvergabe des Literatur-Nobelpreises will nicht enden: es ist der Ärger des Archivführers in mir: Handke gehört zu Österreich, Tokarczuk zu Polen, das sind getrennte und weit voneinander stehende Ordner. Nur die lieben Feuilleton-Könige machen Rührei aus beiden. Wo überhaupt noch Theaterkritiken gedruckt werden, sind Mehrfachbesprechungen an der Tagesordnung, nur Nachtkritik.de schickt seine Hymniker des Romans auf der Bühne, seine Projekt-Enthusiasten mit Klassik-Phobien nur eines Abends wegen aus, was in Summe stets ein falsches Bild des tatsächlichen deutschen Theaterlebens ergibt, das breitere Publikum erfährt allenfalls, was es nicht zwingend sehen muss. Man muss auf das Ende der Print-Medien warten.

13. Dezember 2019

Dass heute vor 250 Jahren Gellert starb, Christian Fürchtegott Gellert, der fabelhafte Fabelmann aus Leipzig, will ich nur beiläufig erwähnen, auf meiner wunderbaren Webseite www.eckhard-ullrich.de lässt sich der Suchbegriff Gellert eingeben und schon erscheint, was ich zu ihm ganz unbescheiden bis dato verlauten ließ. Derweil resümiere ich die Postwoche: Strompreiserhöhung ab Februar 2020, einmal Presseausweis mit Autoschild, vier Fontane-Bücher, darunter eine Dissertation aus dem Jahr 2015, in der die sonst so herzhaft vernachlässigten Kriegsbücher wegen beschriebener Schlachten-Gemälde als kunsthistorische Stofflieferanten dienen. Es geht also auch anders. Aus Kissingen in der elektrischen Post zwei Artikel-Kopien über eine 2001 veranstaltete Buchvorstellung. Der auf dem Foto zu sehende Oberbürgermeister Christian Zoll lebt nicht mehr, er wurde nach Rekord-Dienstzeiten von sagenhaften 42 Jahren zum Ehrenbürger ernannt und starb 2017 mit 75 Jahren.

12. Dezember 2019

Mein Schneebesen hat am Morgen seinen ersten Saisoneinsatz, zu kratzen ist unter dem Schnee nicht sehr viel. Der Marktplatz ist nicht gesperrt trotz Weihnachtsbaum, der Weg zum Bäcker frei. Eine Frau, die ihr Gefährt neben meines stellt, beobachtet interessiert, ob ich zwischen ihrem Heck und dem Baum hindurch passe, die Idee, rücksichtsvoller zu parken, kommt ihr gar nicht erst. Das hat natürlich, dies auf Eid, nichts damit zu tun, dass die Dummparkerin eine Frau ist, es gibt auch Männer, die quer über den Kaufland-Kreisel fahren, weil ihnen die Funktion ihres Lenkrades nur teilpräsent ist. Beim Ausschlachten meines Zeitungsbestandes stoße ich auf ein Editorial, in dem ein Chefredakteur begründet, warum sein Team die geniale Idee hatte, sich wegen 2020 dem Jahr 1010 zuzuwenden, die nächste Gelegenheit wäre erst wieder 3030. Mir wäre sofort 1111, 1212, 1919 oder 2121 eingefallen, wohl just deswegen bin ich nie Chefredakteur geworden, sondern nur Lokalchef.

11. Dezember 2019

Wer je im Leben versucht hat, wissenschaftlich zu arbeiten, weiß, was ein Register ist. Wer heute wissenschaftlich arbeitet, weiß, dass es Dinge wie Volltextsuche gibt, mit deren Hilfe sich nahezu beliebige Arten von Registern erstellen lassen. Umso verblüffender, dass die 830-Seiten-Biografie „Theodor Fontane“ von Regina Dieterle (Hanser), die mir heute ins Haus getragen wurde, wohl ein Ortsregister, wohl ein Personenregister enthält, aber kein Werkregister. Wenn ich zielgerichtet nur wissen will, was die Autorin zu diesem oder jenem Fontane-Buch schreibt, muss ich Vermutungen anstellen, in welchem Kapitel Funde denkbar wären. Bei Hans-Heinrich Reuters 1100 Seiten hätte ich ohne Register aufgegeben, so aber nehme ich ihn wie ein Nachschlagewerk. Bei Regina Dieterle weiß ich schon, ehe ich irgendetwas weiß, dass Ilmenau und Meiningen nicht vorkommen, auch Wernigerode nicht und Kissingen sehr, sehr spärlich. Was das bedeutet, wird sich im Detail zeigen.

10. Dezember 2019

Sparkassen-Termin: am Freitag vereinbart, heute abgewickelt. Ich löse das Girokonto meiner Mutter endgültig auf, für die große letzte Rechnung am Donnerstag fehlten am Ende 20 Euro, ich glich es so aus, das schließlich noch etwas bleibt für die finalen Gebühren. Eine gelbe und eine blaue Mappe ins Steuerbüro, Büro-Material aus dem Drogerie-Markt. Zu Hause eine längst fällige Umordnung: Tschechow separat, Ibsen separat, mein Bürokratenherz schlägt schneller, Trennblätter für jedes Stück und weitere Stichworte, Fontane hebe ich mir für morgen auf, die Ausschnitte aus meinen Zeitungen sind unsortiert seit Wochen. Und immer noch befällt mich, mal unter der Dusche, mal in der Küche, wenn ich meine Teekanne fertig mache, der Gedanke: ich habe meine Mutter noch nicht angerufen. Das kann ein Jahr dauern oder länger, lasse ich mich trösten. Ich bilde mir ein, seit jenem Donnerstag auf Station 22 zu wissen, was es heißt, eine Grabesstimme zu hören.

9. Dezember 2019

Zu den Aposteln spontaner Entscheidungen in Reise-Fragen gehöre ich nicht. So buche ich heute die nächsten drei Nächte in Kissingen über meinen Geburtstag hin. Und ich buche eine Tour nach Italien Ende April, die „Von Südtirol bis Monte Cassino“ heißt. Wir werden in Sterzing, im Raum Bologna, zweimal in Rom übernachten, wir sehen fünf Kriegsgräberstätten, von denen wir zwei kennen, eine allerdings nur aus der Distanz, weil es wie aus Eimern goss in jenem Oktober 1999, als wir nach Caserta auch Monte Cassino im Programm hatten. Das Kloster ging eben noch, nicht mehr der Friedhof. Ein Mann war extra wegen seines Bruders die weite Strecke gefahren und sah nun das Grab nicht. Mein Arbeitszimmer voller Stapel heute, Generalsortierung fürs Steuerbüro, viel Ordnung im Nebeneffekt. Für ein Pröbchen „Grete Minde“ bleibt Zeit, ich überfliege das auf sie bezogene 40-Seiten-Kapitel in dem halbwegs seltsamen Buch „Fontanes Frauen“ von Robert Rauh.

8. Dezember 2019

Sonntag mit der Ente vom Freitagsmarkt, ich versuche mit meinen Dateien voranzukommen: „Grete Minde“ ist in Arbeit, ich baue mir eine Literatur-Liste dazu. Bei den Sommerfrischen geht es weiter zu „In Brandenburg und Mecklenburg“, die Basis für Brigitte Birnbaums „Fontane in Mecklenburg“ ist so gebaut. Ihre Besprechung der zweibändigen Brief-Ausgabe aus der preiswerten DDR-Reihe „Bibliothek deutscher Klassiker“ ist erstaunlich vordergründig auf Konformität getrimmt, sie wählt Briefe aus, die ganz spezielle Erwartungshaltungen bedienen. Fontanes Vortrag über „Denkmäler in der Schweiz“ von Ende 1865 führt mich auf eine biographische Lücke, die ich bisher nicht bemerkt hatte: ich verliere viel Zeit mit vergeblichem Nachsuchen in Briefwechseln, Reisebriefen und Tagebüchern, bis ich bestätigt finde, was anderen natürlich längst auffiel: seine Tour vom Rhein in die Schweiz, sein Aufenthalt in Interlaken, das ich ganz gut kenne, ist ein verblüffend weißer Fleck.

7. Dezember 2019

Der Heimweg zu Fuß von der „Tanne“ brachte mir gestern wieder einmal mehr als 10.000 Schritte, ich hatte gute Gespräche und eine gute Roulade mit Kloß und Rotkraut. Heute mit dem Auto zum Stollen, wo ich meine Vermutung bestätigt finde: es gibt Frutti di Mare, die es hier, wo wir sonst kaufen, nicht gab. Die Wochenend-Ausgabe des ND mit Literaturbeilage begrüßt mich mit einem obercool auf dem Rücken liegenden Erdmännchen vorn drauf, die Beilage wandert sofort auf den Stapel, ihr Zeitpunkt ist noch nicht gekommen. In „Fontanes Sommerfrischen“ ist heute das Kapitel „In Thüringen und im Harz“ dran, gestern war es „An Ost- und Nordsee“. Mein vorschnelles Urteil nach dem Kissingen-Kapitel korrigiere ich zügig: spezielle Vorkenntnisse zu einem Sonderthema sind kein gutes Kriterium für die Beurteilung eines umfassenden Buches. Erstaunlich, wie viele Fontane-Objekte verfallen sind, gar abgerissen, er war nicht überall ein willkommener Werbeträger.


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