Tagebuch

29. August 2017

Nachtrag: Wir fahren zuerst nach Krems, wo uns die Großbaustelle am Kunstviertel auf Umwege zwingt. Wir parken schließlich bei Hofer und laufen die kurze Strecke bis zur Vinothek, in der ich sechs Gelbe Muskateller aus Niederösterreich einsammle, die nicht aus der Wachau kommen. Die Preise sind hier im eher gehobenen Segment. Eine zweite Tour geht zum Pomaßl, den wir schon so oft empfohlen bekamen, dass wir dieses Jahr gar nicht anders konnten. Die Heidenheimer sind zu Fuß gekommen. Der Chef kommt eben mit frischen Trauben und Weingartenpfirsichen, von denen wir natürlich ein Kilo mitnehmen, sie sind klein, weit entfernt von Supermarkt-Optik, duften dafür aber sagenhaft und schmecken wunderbar. Zum Abend den Weinweg nach Joching zu Höllmüller, eine gemischte Großfamilie besetzt eine lange Tafel: ein österreichisch-japanisches junges Paar mit Eltern und weiteren Verwandten, die Japaner kosten tapfer Spezialitäten, wickeln noch Reste ein.

28. August 2017

Nachtrag: Fast auf die Minute 14 Uhr waren wir da gestern, Nebel bis weit nach Franken hinein. Bei Abfahrt 14 Grad, bei Ankunft 28 Grad, zwischendurch einmal sogar 30 Grad. In der Vinothek der erste Einkauf für den heimischen Keller, heute der zweite. Erstaunen in Spitz, ein Heuriger wirbt mit Bier und Kaffee, in Dürnstein setzen wir uns zu einer kleinen Zwischenmahlzeit, ein Kürbis-Creme-Süppchen, ein Marillentopfenstrudel mit sehr viel Vanillesoße. Vier Achtel bleiben das Maß auch heute zum Abend. Die Busfahrzeiten sind erkundet, die Tour nach St. Michael am kommenden Sonnabend ist damit gesichert. Im Haus sind außer uns zwei Gästepaare aus Dresden, eines aus Regenburg, eines aus Heidenheim, am Frühstück nehmen nur drei Parteien teil. Es ist still ohne unsere Gastgeberin, die noch im Urlaub in Sardinien ist. Den Federspiel Ried Vorderseiber nehmen wir noch spät draußen, so warm wie gestern ist es heute in unseren Zimmern nicht mehr.

27. August 2017

Urlaube von Sonntag zu Sonntag werden immer mehr zur Gewohnheit, es fährt sich einfach besser ohne die litauischen Lkw-Fahrer, die sich keinesfalls von polnischen Lkw-Fahrern überholen lassen wollen und umgekehrt. Lieber belgische Opas, die auf der Mittelspur Kekse knabbern und darüber vergessen, dass man Gas geben muss, um voran zu kommen auf Straßen. Wir sind, sicheres Zeichen des Alterns, zum vierten Mal im selben Ferienhaus in der Wachau, wir trauern schon vorsorglich, weil der Buschenschank, in dem wir inzwischen fast wie Familienmitglieder begrüßt werden, erst eine Woche später geöffnet hat. Es entgeht uns das Gespräch über den Wachauer „Jedermann“. Fürs Schweigen an dieser Stelle gibt es als kleines Trostpflaster vor den Nachträgen den ganz regulären Goethe am morgigen Geburtstag. Die zweite Automatik-Fahrt gestern machte fast schon Vergnügen und war vielleicht nicht die letzte. Nun zu frührotem, zu grünem Veltliner, zu gelbem Muskateller.

26. August 2017

Als Rosemarie Ackermann am 26. August 1977 im guten alten Straddle-Stil die Zwei-Meter-Höhe als erste Frau überwand, an der heute immer noch die Mehrzahl aller in die Höhe springenden Frauen scheitern, gab es zwar schon Fledermäuse, aber noch keine Europäische Fledermausnacht. Ich sehe fast jeden Tag, also fast jede Nacht, um genauer zu sein, unser Haus umstreichende Fledermäuse, deren Art ich natürlich nicht identifizieren kann. Ich weiß auch bis heute nicht, was es für eine war, die ich in der Gehrener Talstraße mit spitzen Fingern vorsichtig von der rauhen Wand im Keller pflückte, um sie ins Freie zu tragen, wo sie sich in Richtung der Büsche am oberen Zaun entfernte. Was ich sicher weiß: gestern bewegte ich nach einer kurzen Einführung seitens des Werkstatt-Chefs das erste Auto mit Automatik-Getriebe in meinem Leben, heute werde ich es erneut in Gang setzen, um unser gutes altes Schalt-Getriebe von der Bremsen-Reparatur zu holen.

25. August 2017

Die Leo-Perutz-Renaissance hat seinerzeit nicht sehr lange angehalten und ich kam nie dazu, mich etwas intensiver mit ihm zu befassen. Nun habe ich einen ersten Schritt getan. Ich bin froh, dass ich vor Berlin damit zu einem Ende kam, auch für kommenden Montag wurde etwas fertig, was schon fast eine kleine Tradition hat. Heute und morgen muss ich mit den beiden „Macbeth“-Fassungen zu Stuhle kommen, denn am Sonntag geht es erneut auf Tour. Wir treffen diesmal unsere Wirtin nicht gleich am Ankunftstag, sie hat noch bis Monatsende Urlaub und wird von ihrem Sohn vertreten. Die Wetterprognosen interessieren uns wie selten nach diesem verdorbenen Sommer. Und das Farbfernsehen des Westens, das wir im Osten noch lange nicht gucken konnten, ist heute 50 Jahre alt. 1972 sah ich rotstichiges Farbfernsehen des Ostens aus München von den Olympischen Spielen berichtend, Anzugsordnung dabei: der NVA-Trainingsanzug bis zum Stuben- und Revierreinigen.

24. August 2017

Nachtrag: Der „Macbeth“ der Shakespeare Company war sehr anders als der am Montag, ich viel zu früh da, weil es auf der Linie bis Priesterweg keine Signalstörungen gab wie im Juni. So nutzte ich die Gelegenheit, mich im Schöneberger Südgelände umzusehen, es ist ein Natur-Park, der vor allem zeigt, wie sich Natur ein Bahngelände zurück erobert. Die große Halle, die bisher dem Theater die Chance bot, auch bei schlechtem Wetter zu spielen, darf nicht mehr bespielt werden, hörte ich, nun trifft ein mieser Sommer alle doch gleichmäßig. Die Pestalozzistraße bis zur Windscheidstraße wie gehabt, Eis für die Kinder schon an den Arcaden. Wir stellen das Auto um ins Kant-Center. Dritter Gang zu Ambrosetti. Erstmals auch drei holländische Biere mitgenommen von Jopen aus Haarlem. Nach 18 Uhr und Tanken an der Kaiser-Friedrich-Straße die Heimfahrt, es sind tatsächlich über Halle und B 100 einige Kilometer weniger als über die Betonkrebspiste A 9. Und kaum Verkehr.

23. August 2017

Nachtrag: Hanna Schygulla sieht im wirklichen Leben aus wie Hanna Schygulla, also wie die, die zu Weihnachten 74 wird. Man rechnet, wenn man mit zwei Buggys und zwei Enkeln unterwegs ist auf dem Rückweg von einem Panda-Tag im Zoo und Spielplätzen an der Trinitatis-Kirche, nicht unbedingt damit, einen Superstar sitzend in der Goethestraße zu treffen, in ein hochkonzentriertes Gespräch von Frau zu Frau vertieft. Schon die Generation unserer Kinder kann mit dem Namen gar nichts mehr anfangen, alle Filmtitel, die wir sofort parat haben, sagen ihnen nichts. Nun gut, so geht das mit dem Ruhm. Vor den Pandas muss man Schlange stehen, es geht aber zügig, weil mindestens vier Ordnungskräfte für einen Durchfluss sorgen, der uns Ältere an Abläufe am Lenin-Mausoleum in Moskau erinnert. Nur fraß Lenin nicht annähernd so cool an seinem Bambus, auch durfte man ihn nicht belichten. Ich kann mich noch an den vorigen Zoo-Panda erinnern, also an seinen Rücken.

22. August 2017

Nachtrag: Bis zum Lietzensee ist es ein hübsches Stück, wir haben etwas Entenfutter dabei, die Kinder sind überrascht, wie nahe ihnen die Schnäbel kommen. Ein kleiner Hund verjagt alle, während er selbst einem Ball nachjagt. Wir registrieren mit mittlerem Erstaunen das dichte Netz von Spielplätzen, kinderfeindliche Gesellschaften stellt man sich gemeinhin anders vor. Es gibt jetzt veganes Eis, das es vorher auch schon gab, nur hieß es noch nicht so. Ich nehme Eis auf Milchbasis. Wir laufen die Mommsenstraße bis zum S-Bahn-Spielplatz, die Mütter kennen sich, etliche Kinder auch. Morgens macht einer verrückte Übungen auf einer Sportmatte, lange bevor die ersten Kinder kommen. Ich lese Kleinst-Portionen des Briefwechsels von Theodor Storm und Gottfried Keller, die Besprechung von Hermann Hesse hat mich neugierig gemacht. Mein Text zu Alfred Wellms „Die Partisanen und der Schäfer Piel“ steht heute im Netz, der 90. Geburtstag ein guter Vorwand.

21. August 2017

Nachtrag: Die Fahrt über A 71, A 38 und A 143 gen Berlin ist nach wie vor ein guter Tipp, der sich offenbar einfach nicht herumsprechen will, wir hatten auch sonntägliches Glück am Funkturm, bis Wielandstraße nicht ein in der zweiten Spur parkendes Fahrzeug. Am Abend die schon bekannten Signalstörungen, diesmal zwischen Ostkreuz und Warschauer Straße, die dafür sorgen, dass es immer wieder zum Halt vor der Einfahrt in den Bahnhof kommt. Unsere Karten vom 30. Juni haben ihre Gültigkeit. Als wir über die Brücke am Bode-Museum kommen, steht eine mächtige Schlange bereits am Einlass und dennoch geht es zügig. Zwei Plätze in der Mitte oben, neben uns krabbeln die Darsteller aus einer Luke, einer nimmt noch einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche, ehe er sich in die sandige Arena stürzt. Pünktlich zu Spielbeginn wieder eine kräftige Dusche von oben, nur kurz allerdings. Nach dem Meininger „Macbeth“ nun der des Monbijou-Theaters: sehenswert.

20. August 2017

Kurt Tucholsky, den man nicht vorstellen muss, schrieb am 14. Oktober 1919 an Hans Erich Blaich, den man nur alten Humoristen nicht vorstellen muss, die ihn unter seinem Pseudonym Dr. Owlglass kennen: „Wenn Sie an einem Sonntag die Kantstraße in Charlottenburg heruntergingen, würden Sie sehen, wie das Volk vor Kinotüren um Einlasskarten ficht …“. Hundert Jahre später ficht niemand mehr, auch nicht vor Kinotüren, es sei, es ist Berlinale, aber die ist ja jetzt nicht. Unsereiner nimmt in der Kantstraße, aus der Wielandstraße kommend, sein Frühstück oder packt es ein. Wenn wir aus der S-Bahn steigen, dann am Savigny-Platz, weil wir dort nur einen Spielplatz durchqueren müssen. Auf welcher Silbe der alte Rechtsgelehrte betont wird in Frankreich oder Westberlin, bewegt uns nur mäßig und ob Klaus Wagenbach da einst oder immer noch zugange war/ist, auch. Wir sind in der Oma-und-Opa-Branche tätig, was hier zu Schweigen und später zu ein paar Nachträgen führt.

19. August 2017

„Wenn man seine Nächsten bemitleidet, kommt man nicht dazu, sich selbst zu bejammern, dachte ich.“ An diesem und etlichen anderen Sätzen aus dem Buch „Lieber beau-pére“ von Tibor Déry finde ich kleine Bleistiftpunkte von der Lektüre am 8. Januar 1977 her. Gut acht Monate später war dieser wunderbare Ungar tot, gestern hätte ich seines Todestages gedenken müssen, für ein paar Zeilen nur aber wollte ich das nicht. Nun tue ich es doch. Es naht Urlaub, es liegt noch ein Berg für vorher und unmittelbar danach, der Kopf soll frei sein. Also. Heute wäre Alexander Wampilow 80 Jahre alt geworden, der 1972 im Baikal-See ertrank und als Dramatiker nicht nur in der DDR gespielt wurde. Die Schaubühne brachte in der Regie von Andrea Breth 1992 „Letzten Sommer in Tschulimsk“, man findet da und dort sogar ein Original-Programm von damals. Wie schnell war ich aus der Dahlmannstraße dort, jetzt ist der Weg etwas weiter, aber ohnehin noch Sommerpause.

18. August 2017

Eine ganze Weile ist es her, dass ich die vorige Visitenkarte von Clara Sander im Briefkasten fand, ich glaubte schon, Jutta Berger hätte ihr den Job weggenommen oder gar Andreas Bergmann. Wenn ich schon zu einer Türkei-Reise eingeladen werde, für die ich fast nichts bezahlen muss und bei der Gelegenheit auch noch spare, als würde ich ein bestimmtes Waschmittel kaufen oder die billigste Direktversicherung für Leichtflugzeuge, dann soll Clara Sander meine Ansprechpartnerin sein. Sie hat erstaunlich viele Telefon-Nummern, je nachdem, welche Redaktion ihre Dienste in Anspruch nimmt, ich zähle im Augenblick genau 22 verschiedene Anschlüsse von Clara Sander, die Zahl ist aber keinesfalls exakt, da ich die Visitenkarten von ihr gern als Lesezeichen benutze und natürlich nicht weiß, in wie vielen Büchern die blonde Clara steckt. Sie hat laut ihrer Karten mindestens drei verschiedene Jobs in der Leser-Reisen-Branche, hoffentlich auch drei Gehälter. Ach, Clara, Clara.


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