Tagebuch

8. Januar 2017

In manchen Holz- und Hohlköpfen breitet sich derzeit eine Logik aus, bei der einem angst und bange werden kann. Der Grundansatz ist primitiv verschwörungstheoretisch, die Folgerung von abenteuerlicher Inkonsequenz. Wenn Videoüberwachung sinnlos ist, weil sie keinen Terrorakt verhindert, dann sind auch die Straßenverkehrsordnung und das Strafgesetzbuch sinnlos, weil sie weder kleine Ordnungswidrigkeiten noch große Verbrechen verhindern. Der Gang zum Standesamt ist sinnlos, weil er das Fremdgehen nicht ausschließt, das Ablegen von Abitur und das Erlangen eines Diploms sind sinnlos, weil sie fortgesetztes Verblöden nicht ausschließen. Und warum zitieren sich all diese Geistesriesen gegenseitig? Gilt das alte Sprichwort etwa noch, demzufolge einer allein gar nicht so sein kann, also er muss noch Brüder (und Schwestern) haben, oder so ähnlich. Erich Mielke staubt begeistert in seiner Urne. Staatsbürgerkunde hat Langzeitwirkung.

7. Januar 2017

Es musste so kommen, die Frage war nur, wann. Heute präsentiert sich erstmals eine vierseitige LITERARISCHE WELT ohne jede Literatur. Glückwunsch, Richard Kämmerlings, der Tag ist sehr nah, da ich mir den samstäglichen Weg zur Tankstelle spare, für die Kultur der Dürftigkeit muss ich nicht auch noch Geld ausgeben. Martin Walser ist dafür ins Feuilleton gerutscht. Es walsert kräftig allerorten, nachdem der CICERO den Alten vom Bodensee zum wichtigsten Intellektuellen im Ranking 2017 gekürt hat. Die Zeiten, da man sich zu gedruckten Lach- und Hämesalven veranlasst sah angesichts von Altmännerprosa mit Penisfixierung, sie sind perdu. Ich gebe zu, dass ich von den an die 50 Walser-Büchern, die ich besitze, reichlich die Hälfte gelesen habe. Mit dem einzigen Klaus-Poche-Buch, das ich besitze, quäle ich mich seit Tagen und bereue die blöde Idee, darüber zu schreiben, nur weil der Mann für Momente Zeitgeschichte verkörperte. Ich bin eben kein Pony-Hof.

6. Januar 2017

„Das griff ihn, ob er schon nicht ein Wort darüber sprach, doch auch sehr an.“ Mit dieser Aussage wurde Kanzler Friedrich von Müller einziger Zeuge der Reaktion Goethes auf den Tod Charlotte von Steins am 6. Januar 1827. Lange her, dass ihn ein Scherenschnitt in Wallung versetzt hatte, ihre schwarze Locken-Silhouette. Heute schreiben Caspar, Melchior und Balthasar mit Kreide an Türen, was ich früher regelmäßig für eine Ankündigung des Schornsteinfegers hielt. Heute denke ich, dass diese drei keineswegs Könige waren, woher sollten solche ohne Koch auch gleich im Trio kommen, ich denke, es waren die ersten unbegleiteten männlichen Jugendlichen aus dem Morgenlande, die in der Hoffnung auf späteren Familiennachzug Vorläufer der späteren Balkanrouten erkunden wollten. Man ritt damals noch auf Eseln, die Schlauchbootwirtschaft steckte in den Kinderschuhen. 4.30 Uhr hörte ich den ersten Mann mit einem Schneeschieber auf dem Bürgersteig kratzen, ein Einzelkönig.

5. Januar 2017

Tumorzellen mögen keinen Zitrusduft, steht heute in NEUES DEUTSCHLAND. Das erklärt endlich final, warum Zitronen so selten an Nasennebenhöhlenkrebs erkranken. Die BERLINER ZEITUNG kostet jetzt, um fusionsbedingten Qualitätsverlust auszugleichen, zehn Cent mehr. Der kaiserliche Fußball-WM-Beschaffer Franz wechselt erneut die Frau aus, die die Ehre hat, ihm die Bällchen zu kraulen, wie ich der gelben Presse entnehme, deren Titel ich studiere, während mein Lieblingszeitungshändler die donnerstägliche Fälligkeit von 8,10 Euro nennt, die noch vor einer Woche bei 8 Euro glatt hielt. Von Fred Wander schweige ich, dessen 100. Geburtstag heute ist, von Dieter Henrich auch, der zehn Jahre weniger auf dem Buckel hat. Auf den einen komme ich zurück, auf den anderen wohl nicht. Dann wäre da noch ein Bürger Charlottenburgs, der heute mit der Zahl 41 in Verbindung zu bringen wäre. Beste Wünsche müssten ihn schon erreicht haben, Präsent auch.

4. Januar 2017

Wenn ich gestern nicht nur in meinen Aufbau-Literatur-Kalender 1990 geschaut hätte, den ich abwechselnd mit dem von 1989 wegen des „final countdown“-Gefühls benutze, hätte ich mich heute nicht ärgern müssen, denn der Kalender suggeriert mir den 50. Todestag des Dichters Alfred Margul-Sperber für heute, obwohl er gestern war. Der Rumäniendeutsche geht heute, las ich verspätet, fast nur noch als Förderer von Big Paul Celan durch, auch Big Rose Ausländer genoss sein aktives Wohlwollen. Den 4. Januar 1967 nennt das zweibändige Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller aus Leipzig, der ehemalige Klassenfeind hat sich auf den 3. Januar 1967 als Tag des Hingangs in Bukarest geeinigt. Nun könnte man Recherche-Teams losjagen, um das letzthin doch bedeutungslose Rätsel zu lösen. Wie auch immer: Es schneite heute so heftig, dass ich erstmals in meinem Ilmenauer Leben zweimal Bus fuhr, hin und zurück jeweils zum Neutarif von 1,30 Euro

3. Januar 2017

Gut, dass es Politikerinnen und Politiker gibt, die darauf hinweisen, dass die Suche nach potentiell kriminellen Nordafrikanern in Köln keinesfalls dazu führen darf, dass nur junge Männer kontrolliert werden, die wie Nordafrikaner aussehen. Im Interesse des Diskriminierungsverbotes auf der Basis  allgemeiner Menschenrechte müssen pro nordafrikanisch aussehenden potentiellen Junggrabscher jeweils eine trippelnde Dame im Kimono, zwei weißhaarige Rentner aus Niederbayern sowie ein Kanadier und ein Grieche kontrolliert werden. Der Nordafrikaner männlichen Geschlechtsteils ist, wie statistisch erweisbar, keineswegs von Hause kriminell. Auch verhindern Überwachungskameras keine Straftaten und ob die Aufklärung von Straftaten mittels Überwachungskameras zu weniger Taten führt, ist zu bezweifeln. Deshalb abwarten, bis es knallt und dann nach Konsequenzen krähen. Vorher aber auf alle Fälle die Wortgleichheit der Statements abstimmen, das verlangt der gute Ton.

2. Januar 2017

Nachtrag: Heimreise wie vor zehn Jahren nach ausgiebigem Frühstück. An den Glascontainern musste ich die Schilder freikratzen, die die Löcher für Weißglas, Braunglas und Grünglas anzeigten, ich warf lange und mit Schwung, ehe ich wieder auf den Beifahrersitz schlüpfte. Nach den zwei Tagen blauesten Himmels ist ansagetreu tatsächlich Schnee gefallen, zum Glück noch nicht viel, zum Glück nicht mit Nebel kombiniert. Seltsam berührend: Der Straßenzustand mit dem Wechsel in den Landkreis Saalfeld-Rudolstadt deutlich besser als auf fränkischem Hoheitsgebiet. Dennoch dauerte die Fahrt eine runde halbe Stunde länger als bei Anreise. In der Post zu Hause ein Buch aus dem Nachlass von Fritz J. Raddatz, vorher Kurzbesuch in Gehren, die Neujahrswünsche mündlich vorzutragen. Die nachschleichende Müdigkeit horizontal bekämpft. Nach Schnelldurchsicht die Zeitungen plus Werbung in die Papierkiste, im Lokalen nicht mal eine interessante Todesanzeige.

1. Januar 2017

Nachtrag: Alles im Leben geschieht irgendwann zum ersten Mal. Unser erstes Mal: Anstoßen auf das neue Jahr mit Kräutertee im Bademantel. Draußen ballerte das erstaunlich langdauernde und sehr schöne Thermen-Feuerwerk. Wir hatten mit „Veuve Cliquot“ vorgewärmt vor dem Marsch durch die Dunkelheit, ein Cocktail zu späterer Stunde hob den Alkoholbedarf dann weitestgehend auf, man soll ja auch, wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet, das Saunieren ohne Alkohol betreiben, wenn man unbedingt so alt werden will wie Queen Mom oder auch nur Queen Elisabeth. Damit der elegante Übergang zu Maria Edgeworth, die heute ihren 250. Geburtstag hat und allein deshalb eine Rolle spielt, weil ich zeigen will, dass auch 2017 Literaturinteresse zu meinen Primärantrieben gehört. Ich wechsle nicht zu Töpferei mit Gesang oder Daumenkino mit  Faröer-Klangschalenfolk, handmade. Edgeworth steht zu Hause zwischen Beckford und Hogg.


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