Tagebuch

3. Juli 2017

Dem „buchclub 65“ danke ich das erste Werk von Joochen Laabs in meinen Regalen, es trägt den imposanten Titel „Das Grashaus oder Die Aufteilung von 35.000 Frauen auf zwei Mann“. Später habe ich mich mit ihm so intensiv beschäftigt, dass ich noch heute staune über die Menge gefüllter Seiten mit Schreibmaschine und sogar Kugelschreiber, mehrfarbig. Ich legte eine Bibliographie an und sammelte Besprechungen. Fand es erst jetzt wieder lustig, dass Laabs bei seinem Beginn als Lyriker („Eine Straßenbahn für Nofretete“, seltenes Stück heute) in „Auftakt 63“ fast unmittelbar auf ein Foto folgt, das Bernd Jentzsch im vertrauten Umgang mit Wolf Biermann zeigt. Mit wem Laabs verheiratet ist, weiß ich erst neuerdings. Zum 80. Geburtstag grabe ich Texte aus meinem berüchtigten Schaffen als Doppelrezensent aus. Seinen 76. Geburtstag feiert heute Wilfried F. Schoeller, dem ich besonders herzlich gratuliere, obwohl und weil wir uns erst vorgestern sprachen.

2. Juli 2017

Nachtrag: Spätes Frühstück in der Florastraße nach langer Feier, Koffer im Hauptbahnhof deponiert inklusive zweier Biere aus Teneriffa, die meiner Sammlung noch fehlten, Uwe und Tina, die Unermüdlichen, flogen mit ihnen, weil sie die seltene Eigenschaft haben, immer an mich zu denken und meine Marotte. Charlottenburg natürlich. Echte alte Ostberliner in Pankow haben noch nie von den Straßen gehört, in denen sich unser Westberliner Leben abspielt. War da was mit Mauer? Am Freitag das Erlebnis, mit einem ICE sechs Minuten Verfrühung zu haben, heute nur Pünktlichkeit auf die Minute. Auch zwölf zweisprachige Ansagen, dass der Zug in Leipzig geteilt wird, helfen nicht, einige Deppen sitzen dennoch falsch und es fahren tatsächlich Menschen nach Eisenach. Das Fußball-Ergebnis aus der App. Der Computer bleibt aus. Erst morgen Leben in der Variante „Ewig grüßt das Murmeltier“. Keine augenfeindliche Lektüre von Tagebuch-Langzeilern in Kleinstschrift.

1. Juli 2017

Nachtrag: „Macbeth“ abgesoffen, der unmittelbar nachfolgende „Faust“ ebenfalls, die Karten verwandeln sich in Gutscheine für eine spätere Vorstellung, was unpraktisch ist, denn so oft sind wir nun doch wieder nicht in Berlin, dass es gerade passt. Immerhin: ein ausgiebiges Abendessen in Pankow. Selten kam eine Tageskarte so oft zum Einsatz wie heute. Zwischen Halleschem Tor und Schlesischem Tor Ersatzverkehr, dann die Hochzeitsfeier mit vielen Unbekannten und etlichen Bekannten, echten Pastorentöchtern, aktuellen und ehemaligen Verlegern und Autoren, Fernseh- und Rundfunkmenschen, Töchtern, die wir als kleine Mädchen kennen, einer Enkelin, die Opa und Luise die Blumen streute und dann wieder zurück ins Körbchen sammelte, Live-Musik, Feuerwerk vor der Eastside-Gallery, Geräusch-Kulisse der Ersatz-Love-Parade. Für das Geld, das wir in Ilmenau einem Taxi-Fahrer für zweieinhalb Kilometer zahlen, fährt man einmal rund um Berlin.

30. Juni 2017

Mit den kleinen Staaten und ihren Dichtern ist das so eine Sache. Die kleine DDR liebte ihre so sehr, dass sie sie beobachten ließ, damit sie nicht etwa in einem schwachen Moment stolpern und dann keiner in der Nähe ist, der sie wieder hoch zerrt. Dann aber kippte der Klassenfeind die vielen Bücher der geliebten Dichter in große Löcher und es gab nie genug Pastoren, sie wieder heraus zu schaufeln. Seither hängen manche Humoristen-Mundwinkel im übertragenen Sinne auf Fotos bis auf die männlichen Brustwarzen und des Jammerns ist kein Ende. Unsereiner befindet sich heute im Osten Berlins, wohin es ihn selten verschlägt, es sei denn, er wird in den Osten eingeladen, um an größeren Festlichkeiten teilzunehmen. Gemeinsam mit drei weiteren Fest-Teilnehmern werfe ich heute neugierige Blicke mit offenen Ohren auf einen gewissen „Macbeth“, welchen ich lange nicht und nun am laufenden Meter sehe. Auf eine leichte Schweigezeit folgen unweigerlich Nachträge.

29. Juni 2017

„Auf nach Hamburg!“ fordert eine Beilage in NEUES DEUTSCHLAND heute und wirbt innen für sage und schreibe 75 Workshops rund um die Kampnagelfabrik. Einer am 6. Juli heißt „Applying civil courage in daily life?“ Wat solln dette, fracht Tante Börnie aus Spandau, det is bloß Randale-Tourismus un denn fücht se leise dazu: Ick vasteh keen Englüsch. Na jut, Börnie. Bist ehm von vorjestern, olle Zimpe. Im mehr privateren Bereich erscheint mir dann dieser leicht vernieselte Donnerstag überraschend als Internationaler Donau-Tag. Wo ich nun alle Jahre wieder an diese Donau fahre und nun, im Alter, sogar nostalgische Erinnerungen an das Donau-Strandbad im Nah-Umland von Budapest auskrame. Ich, der Fluss-Schwimmer. Dünn wie ein mäßig vollgefressener Bindfaden, aber kühn bis verwegen. Bis Budapest bin ich schon lange nicht mehr gekommen, Wien, das geht so an, hauptsächlich aber die Wachau, in acht Wochen sind wir wieder dort und da.

28. Juni 2017

Mehr Geburtstag, mehr Todestag? Nehmen wir den von Oskar Maria Graf, der vor 50 Jahren starb in der Stadt, die die Auskenner Big Apple nennen. Wenn wir den schon genommen haben, dann auch Kurt Raab dazu, der 21 Jahre nach Graf starb und unter anderem „Bolwieser“ war, Xaver Ferdinand Maria Bolwieser, verheiratet mit Hanni Bolwieser, gespielt von Elisabeth Trissenaar. Was habe ich die gern gesehen einst, sie und die Schygulla. Es war, wie ich lese, der 28. Film von Rainer Werner Fassbinder, beinahe hätte ich schon wieder Maria geschrieben, innerhalb von 8 Jahren: Wahnsinn. Dann wäre da noch Luigi Pirandello, der 1934 den Nobelpreis für Literatur erhielt, mit „Sechs Personen suchen einen Autor“ (1925) Theatergeschichte schrieb und heute sogar vom Videotext vergessen wird. Mein Lesezeichen steckt bei seinem Einakter „Der Schraubstock“, den ich für heute eigentlich lesen wollte. Nebbich. Seinen 150. Geburtstag gibt es auch ohne mich.

27. Juni 2017

Mein in Belgien gekauftes niederländisches Duschgel teilt mir in akzentfreiem Deutsch mit, dass die Kombination von Olivenöl und Zeder zur jahrhundertealten Hammam-Kultur gehört, das Aroma der Zeder stärke das Selbstbewusstsein. Wohl mangelt es mir an selbigem eher nicht, aber es ist von der anderen Art, nicht von der, die selbstverständlich nach dem größten Stück Fleisch auf der Bratenplatte greift. Ich hätte gern einen Limerick zum heutigen Tag der Sonnenbrille verfasst, es reicht aber nicht einmal für einen Stabreim zum Siebenschläfer. 1954 ging in Obninsk bei Moskau am 27. Juni das erste Atomkraftwerk der Welt ans Netz, ich konnte schon laufen und ballte meine Fäustchen aus Protest. Später lernte ich, dass der Atomkraft die Zukunft gehöre, friedlich genutzt, ermögliche sie den Sieg des Sozialismus, atomgetriebene Schiffe könnten mit einer Menge Treibstoff, der in eine Streichholzschachtel passt, rund um die Welt fahren und wieder zurück, ja.

26. Juni 2017

Auf Platz 15 betrat ich die ALDI-Filiale, auf Platz 2 verließ ich sie wieder mit meiner 5,98-Euro-Beute und hätte sogar der erste heimwärts sein können, wenn nicht eine Dame mit der mittleren Rückfront eines belgischen Kaltblüters, der 18 Jahre im Dienst der flämischen Krabbenfischerei gestanden hat, den Zugang versperrt hätte zu meiner Warenbox. Hätte ich als Kryptokommunist des ersten Bauern- und Arbeiterstaats auf Thüringer Boden je gedacht, dass mich der Konsumterror der alldeutschen Schnäppchenjägerei nicht in die Knie, wohl aber in die Schuhe zwingen könnte? Nun, immerhin kenne ich das ruhige Stehen in einer Schlange aus den Zeiten der Vollbeschäftigung, der Solidarität mit dem palästinensischen Volk und der Freundschaft mit der Sowjetunion bestens, man hätte damals viel mehr Zeit für sein sozialistisches Smartphone gehabt, hätte es schon eins gegeben, leider gab es nicht einmal Festnetz-Telefone, weshalb die Stasi vor allem Briefe öffnen musste.

25. Juni 2017

Heinrich Seidels Ehrengrab steht auf dem Berliner Friedhof Lichterfelde. Weil er heute seinen 175. Geburtstag hat, befragte ich mein Archiv und fand ein einsames Gedicht, 2009 im Lyrikkalender des Deutschlandfunks von Peter Kurth gelesen. „Eine Sorte von Menschen macht mich gleich verstummen, / Das sind die superklugen Dummen. / Da hilft nur das: Sie schweigend zu tragen / Oder sie einfach niederzuschlagen.“ Da steht auch, dass dem Seidel der Spruch „Dem Ingenieur ist nichts zu schwer“ zu verdanken ist. Der sich sehr lebendig erhalten hat und von seinem Schöpfer abgelöst. Wie oft ich ihn in meinen Jahren an der TH Ilmenau hörte, weiß ich nicht. Seidel war nicht nur der Schwiegervater von Ina Seidel, der einst berühmten Dame, die allen Feministinnen und Antifaschistinnen nun ein Gräuel ist, er war eben auch Ingenieur. Vielleicht machte ihn das zum Humoristen, soll vorkommen. Der gestrige „Wallenstein“ in Coburg beschäftigt mich heute.

24. Juni 2017

„Der bittere Ambrose Bierce“ überschrieb ich meine Zeilen über diesen Amerikaner, dessen 175. Geburtstag heute ist, ins Netz gestellt am 11. Januar 2014 und dort auch noch nachlesbar. Ich habe in diesen Tagen fast mehr zu registrieren, was ich hätte machen wollen und nicht schaffte als das, was zu einem Ende gelangte. Gestern sah ich die Anmoderation eines Beitrags des Kulturmagazins „Aspekte“ im ZDF, Anlass: der 250 Geburtstag von Wilhelm von Humboldt. Gleich der erste Satz falsch: Er war nicht der Bauherr des Schlosses Tegel. Kann man dem Rest dann noch folgen? Ein freiberuflicher Philosoph aus Marburg behauptete 2005, das so übel beleumundete „Lied von der Partei“ von Louis Fürnberg sei jahrzehntelang die offizielle Hymne der SED gewesen. Die nie eine Hymne hatte, eine offizielle schon gar nicht. Kann man danach einfach weiterlesen, was der Mann schrieb, der sich 1989 vom Marxismus verabschiedete, wie er über sich selbst mitteilen lässt?

23. Juni 2017

Meine nimmermüde und stets geduldig-freundliche Korrekturleserin befindet sich derzeit im Urlaub in Norwegen, weshalb der eine oder andere Fehler vielleicht unbemerkt stehen bleibt, was ich mir selbst gern nachsehe. In Norwegen wäre ich auch gern wieder einmal, mein zweiwöchiger Besuch dort liegt tatsächlich zwanzig Jahre zurück. In Luxemburg war ich zuletzt vor neun Jahren, was ich  deshalb anmerke, weil dort heute National-Feiertag ist, der auch mit einer Militärparade begangen wird. Wem werden die Luxemburger wohl Respekt oder gar Furcht einflößen wollen? Die Generika herstellende Pharma-Industrie feiert heute den Tag des Cholesterins, seit meinem Myocard-Infarkt  1993 gehöre auch ich zu denen, die täglich etwas Blutfettsenker verspeisen. Von Beipack-Zetteln beschriebene Nebenwirkungen in den Gelenken habe ich längst, ich kenne auch gute bis sehr gute Argumente gegen den Cholesterin-Mythos. Vor sechzig Jahren starb in Weimar Louis Fürnberg.

22. Juni 2017

„Mach’s gut“ steht als große Überschrift heute in der Hamburger ZEIT, genauer im hinteren Teil CHANCEN, der Begleittext für akademische Stellenanzeigen zu liefern hat. Das geringere Anzeigenaufkommen, so mein Eindruck, hat im Lauf der Zeit zu mehr Begleittext geführt, oft sehr lesenswerte Sachen. Heute lese ich: „Wilhelm von Humboldt wird 250. Zeit, sich von seinem Bildungsideal zu verabschieden und die Universitäten neu zu erfinden.“ Ich habe an der von Wilhelm von Humboldt begründeten Universität im ehemaligen Schloss des Prinzen Heinrich Philosophie studiert, von seinem Bildungsideal war schon 1975ff wenig zu spüren und noch weniger zu hören. Sich von Bildungsidealen zu verabschieden, kann eigentlich nur heißen, alte durch neue zu ersetzen, denn sonst wird die Zeit, da Einäugige die Könige der Blinden sind, durch die Zeit ersetzt, da Hirnlose die Könige der Kopflosen werden. Vorwärts zu völlig neuen Ufern.


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