Tagebuch

1. Mai 2017

Um 10.15 Uhr drucke ich mir den WIKIPEDIA-Eintrag für Regula Venske aus und sehe auf Seite 3 der PDF-Fassung: zuletzt am 1. Mai 2017 um 9.38 Uhr geändert. Ja, da schau her, wenn das keine Aktualität ist. Um ehrlich zu sein, ich denke beim Namen Regula immer an Schweizerinnen, die ein Müsli erfunden haben oder ein autogenes Southern Walking. Und nun ist da eine Regula die neue PEN-Vorsitzende nach dem Motto: Josef heißt jetzt Regula. Mein umgehend befragtes Archiv zeigt Dürre: Ein Auszug aus dem Lexikon deutscher Krimi-Autoren, ausgedruckt wegen einer Rezension in einem Kritik-Portal, beides im März 2007, sonst: Fehlstelle. Regula ist die Schwester von Henning, den ich aus dem Radio kenne von früher, von sehr viel früher. Ob es Wechsel in der PEN-Schatzmeisterei gegeben hat, vermeldete der evangelische Pressedienst nicht, wir wissen es zu würdigen. Ansonsten begehen wir heute den National-Feiertag der Marshall-Inseln, was sonst?

30. April 2017

Der Tag mit den Kürbissen ist heute nicht. Der gehört in die Gesamtmasse des kulturellen Export-Überschusses der Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn wir also, Gedankenexperiment, auf all diesen „Sex in the City“ und „The Big Bang Theory“ Schutzzölle legen und dafür sagen würden: Trumpy, alte Knatternase, jetzt aber rasch all unsere Berg-, Tal, Tier- und Puppendoktor-Serien gekauft, dann Frank Castorf an den Broadway berufen und dort ausschließlich alte sowjetische Revolutionsstücke inszenieren lassen, dann wäre das eine irgendwie ausgeglichenere Welt. Aber wir importieren selbst Gedenk- und Welttage. Welttag des Jazz ist heute und wer hat den erfunden? Nicht die Schweizer. Und dann ist da noch der Tag der gewaltfreien Erziehung. Wir dürfen unsere Kinder nicht mehr übers Knie legen, USA-Kinder dürfen mit Papas Pumpgun die kleine Schwester erschießen, alles zusammen heißt Recht auf Gewaltfreiheit. In Ingolstadt ist heute Walpurgis-Nacht.

29. April 2017

Lese ich an seinem heutigen 75. Geburtstag, warum mich seinerzeit John Erpenbeck und sein „Was kann Kunst? Gedanken zu einem Sündenfall“ so faszinierten, dann finde ich Randnotizen neben vielen Ausrufezeichen immer da, wo bisher Ungesagtes auffiel. Das war eine Menge. Immer wieder ergötzten mich Seitenhiebe auf Säulenheilige der DDR-Theorie wie Wilhelm Girnus, Erhard John, Moissej Kagan, ich hatte mich mit all ihren Ergüssen bekannt gemacht in meiner Studentenzeit. Ein Kopf, dieser Erpenbeck! Wenn er nicht im Januar 2013 schon gestorben wäre, könnte heute auch Bernd Heimberger seinen 75. Geburtstag feiern. Niemand hat zu DDR-Zeiten mehr Redaktionen mit seinen Artikeln, Kritiken, Würdigungen zu runden Jubiläen beliefert als er. Was immer man zwischen Neubrandenburg und Suhl aufschlug, ein Heimberger fehlte selten. Nach 1989 wollte er die Welt noch von allen Streichungen unterrichten, die ihm widerfuhren, es interessierte nicht mehr.

28. April 2017

Weil vor genau 60 Jahren der Deutsche Turn- und Sportbund gegründet wurde, nutze ich die Gelegenheit, eine meiner bisher verschwiegensten DDR-Sünden kryptoöffentlich zu enthüllen: der DTSB war so ziemlich die einzige Massenorganisation meines Arbeiter- und Bauernstaates, der ich nie angehörte, Ich war Pionier, FDJ, GST, DSF, FDGB, Kulturbund, Urania, SED (ha, erwischt, dreieinhalb meiner 64 Lebensjahre!), war Mitglied in der Konsum-Genossenschaft. Nur DTSB nie. Dennoch denke ich ziemlich oft, wenn ich in der Weimarer Straße von der Goethepassage via Lieblingsbäcker die Fahrbahn überquere, dass hier früher die DTSB-Baracke stand, Kreisvorstand hauptamtlich. Wegen des heutigen Welttags für Sicherheit am Arbeitsplatz gedenke ich voller Rührung der legendären Arbeitsschutzbelehrungen in der Bibliothek der Technischen Hochschule Ilmenau. Wäre ich ohne sie von Leitern gestürzt, hätte mir Bleistifte ins Auge gestoßen? Denkbar.

27. April 2017

Der Motorradunfall ist ganz sicher nicht die angemessene Todesart von Schriftstellern, auch nicht die von Gitarristen der Allman Brothers Band, dennoch kommen sie vor, man stirbt einfach mit Motorrad schneller als mit Auto, ich weiß, wovon ich rede, der Flug ist ähnlich, nur die Landung nicht. Heute vor 30 Jahren erwischte es Walther Kauer, jenen seltsamen Schweizer, der als einziger seines Landes einen Roman erst in der DDR, dann vier Jahre später auch zu Hause veröffentlichte. Er hat auch einen Fußball-Roman geschrieben, der allen professionellen Lesern missraten erschien. Ich kenne diese „Abseitsfalle“ nicht und bin auch nicht spitz darauf, sie kennenzulernen. Dafür ist die Dauerwerbung für die Landesgartenschau in Apolda inzwischen so wirkmächtig geworden, dass wir heute einen Termin gesucht und gefunden haben, wann wir in die Stadt fahren, in der Goethe der DDR-Fama nach seine Liebe zur ausgebeuteten Arbeiterklasse entdeckte. Apolda, wir kommen.

26. April 2017

Am Welttag des geistigen Eigentums können wir wahlweise an Tschernobyl denken oder an die Schlacht um Bautzen. Woran Hannelies Taschau heute denkt an ihrem 80. Geburtstag, ist ihre Privatsache. Ich würde ihren Namen gar nicht kennen, wenn ich mir nicht eines Tages ein bb-Büchlein gekauft hätte mit dem Titel „Keine mildernden Umstände. Geschichten von Frauen aus der BRD“. Bis zu ihrer Geschichte „Mein Körper warnt mich vor jedem Wort“ bin ich nie vorgestoßen, weshalb ich mich einen Taschau-Muffel nennen müsste. Schaue ich heute auf die Namen der Beiträgerinnen dieser sicher sehr engagierten Anthologie, dann fällt mir auf, wie wenige davon einen Bekanntheitsgrad erreicht haben, den man nennenswert nennen könnte. Die schlimme Männerwelt eben und damit Schluss mit der Nennerei. Bei Würzburg hat der Frost ganze Lagen des Gewürztraminers vernichtet, das ist schlimm genug, den Silvaner immerhin hat Warmluft gerettet.

25. April 2017

So ganz sicher ist das gar nicht, dass Paul Kornfeld heute vor 75 Jahren starb, denn er starb in der Stadt Łódź, als diese den Namen Litzmannstadt tragen musste. Sein Tod kann auch schon im Januar 1942 gewesen sein. 1924 schrieb der in Prag Geborene: „Nichts mehr von Krieg und Revolution und Welterlösung! Lasst uns bescheiden sein und uns anderen, kleineren Dingen zuwenden -: einen Menschen betrachten, eine Seele, einen Narren, lasst uns ein wenig spielen, ein wenig schauen, und wenn wir können, ein wenig lachen oder lächeln.“ Unter Elchen, die immer noch welche sind, gilt solche Haltung als hochgradig suspekt. Man kann übrigens, auch das mal zu sagen, auf meiner Seite die links sichtbare Suchfunktion nutzen. Dann sieht man, aktuell zu sein, wann und wo ich schon über Anne Diemer schrieb, auch wo und wann über Anne Kies. Annekathrin Bürger, die am 3. April 80 wurde, findet man nicht. Paul Kornfeld findet man da auch: in der Rubrik JAHRESTAGE.

24. April 2017

Nur weil ich am Morgen eine hübsche Kindergeschichte von einer Schnepfe mit gebrochenem Schnabel lese, die einem Fischer am Weißen Meer hilft, Lachse zu fangen, gerate ich in die positiv unendlichen Weiten der Watvogelkunde, beschaue mir Bilder, lese Beschreibungen, denke gar nicht mehr pflichtgemäß an meinen gestrigen Tennessee Williams, an meine Erstbekanntschaft mit der imposanten Stadt Altenburg mit ihren Schönheiten und beklemmenden Leerständen im Zentrum und vor allem natürlich mit einem Theater, in dem ich wohl nicht zum letzten Mal gewesen bin. Dennoch, ein wenig verweile ich bei Brachvögeln, Strandläufern, Bekassinen. Nur weil einige Arten nachts ziehen, ist die Geschichte überhaupt möglich geworden. Früher habe ich, wenn mich ein bestimmter Vogelkundler in der Redaktion besuchte und mir verlegen, als wäre sein Hauptberuf Verlegenheitler, wunderschöne Fotos zeigte, innerlich etwas gegrinst. Längst verstehe ich ihn gut.

23. April 2017

Sollte ich jemals den Stromanbieter wechseln, werde ich Tagebuch führen sieben Tage lang, ob der Strom danach anders aus der Dose kam. Den Telefonanbieter wechsle ich nicht, weil ich ein ganz und gar gottverdammter Magenta-Fan bin und auch sonst. Heute ist ein verkaufsoffener Sonntag in dieser Stadt. Ich könnte mir dieses oder jenes Auto kaufen, betrachte mich jedoch vorläufig noch als versorgt. Mit dem vorhandenen Fahrzeug geht es heute über Gera nach Altenburg. Wir werden „A streetcar named desire“ sehen und vermutlich am Ende die eine oder andere Träne im Knopfloch haben. Der Hype um Cervantes und Shakespeare ist schon wieder ein sattes Jahr alt. Die WELT hatte gestern ein Gespräch zwischen einer hippen Theoretikerin der Generation Y namens Emily Segal mit Douglas Coupland, dem kanadischen Erfinder der Generation X. Mich interessiert allein die Frage daran, was nach der Generation Z kommt: Ä, Ö, Ü?? Wieso kam nach Golf überhaupt X?

22. April 2017

Nach Holzhausen könnte ich heute fahren oder mit Altkollegen wandern, die zum Fossilientreffen eingeladen haben. Beides lasse ich, weil ich fit nach Coburg kommen will, dort ist die Premiere von Fassbinders „Katzelmacher“. Im November werden es dreißig Jahre, dass ich das zuerst las, wann ich es als Film sah, weiß ich nicht mehr. „Katzelmacher“ wird jetzt wieder ganz gern gespielt, in Dresden haben sie das fünfzig Jahre alte Stück sogar eigens nach Sachsen verlegt: für alle mit einer ganz besonders langen Leitung. Dass es solche eines fernen Tages nicht mehr geben möge, der ferne Tag dabei so nah wie möglich, war der Wunsch von Lessing. Am 22. April 1767 (nun kurz rechnen!) veröffentlichte er die Ankündigung seiner „Hamburgischen Dramaturgie“: „Doch ich will die Erwartung des Publikums nicht höher stimmen. Beide schaden sich selbst: der zu viel verspricht, und der zu viel erwartet.“ Ach ja, dieser alte Lessing, war das ein kluger, kluger Kopf.

21. April 2017

Als ich gestern, den Rucksack voller Bäcker-Produkte, den alldonnerstäglichen Zeitungskauf abwickelte, grinste mich am Drehständer mit den Zeitungen, die ich nicht kaufe, weil meine drei bereits unterm Ladentisch auf mich warten, die Überschrift an: Arnstadt verliert Kreissitz. Ja, ei der Daus, dachte ich da, wird doch nicht und nein aber auch. Immerhin war der Kreissitz in Arnstadt über all die Jahre dann doch eine nette Fehlinvestition von vielen, vielen Millionen in bald ziemlich überflüssige Verwaltungsgebäude. Bis kreisreformbedingte Einsparungen diese Millionen auf Null ausgeglichen haben werden, könnten die Polkappen abgeschmolzen sein. Mal sehen, ob nun eine Alternative für Arnstadt gegründet wird oder ob Pro Arnstadt bei der nächsten Kommunalwahl erstmals mehr als hundert Prozent aller Stimmen erringt. Sicher wird heute auch irgendjemand 88. Ich halte es mit dem Mauerspringer Peter Schneider, der auf satte elf Jahre weniger kommt, auf 77!

20. April 2017

In Ostthüringen sind sowjetische Schriftsteller bisweilen bis zu zehn Jahre jünger als in Süd- und Mittelthüringen, das Phänomen ist noch nicht erforscht, die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG ordnet dem Fall leider keine hohe Dringlichkeitsstufe zu, weshalb in den Startlöchern sitzende frühemeritierte Slawisten abgewickelter Fakultäten noch keine Hoffnungsseufzer ausstoßen dürfen. Man könnte heute den 160. Geburtstag des Dänen Herman Bang feiern, den auch Thomas Mann nachlesbar mochte, bei Bang schlägt zudem gemeinhin das Abweich-Phänomen des julianischen vom gregorianischen Kalender und umgekehrt nicht zu, so dass ein Blick in „Das graue Haus“ Farbe ins spätwinterliche Leben brächte. Oder in den sehr netten Band „Exzentrische und stille Existenzen“, dessen dritte Auflage von 1979 still und exzentrisch in meinem Skandinavien-Regal steht, in dem sich besonders ein gewisser Ibsen breit macht. Welches Theater spielt Bang-Romane?


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