Tagebuch

15. Januar 2017

Günther Rühle nennt ihn ohne Umschweife den wichtigsten Theaterkritiker der Epoche von 1917 bis 1933 für Berlin und das ganze Reich. Er starb am 15. Januar 1977 in Berlin. Warum gerade seine Besprechung der „Antigone“ des Sophokles aus dem Berliner Börsen-Courier vom 10. April 1921 weder in die große dreibändige noch in die ihr folgende einbändige Auswahl seiner Kritiken aufgenommen wurde, erschließt sich mir noch immer nicht. Ich suche stets bei Herbert Ihering, ob ich Einschlägiges finde, wenn ich mich auf einen Theatergang vorbereite, freilich nie nur bei ihm. Die gestrige „Antigone“ in Coburg, Regie Konstanze Lauterbach, war geradezu wohltuend nach der Schlammschlacht in Weimar Anfang Dezember. Und sie war nicht nur wohltuend, sondern auch überzeugend. Obwohl mich die Einführung der Schauspieldramaturgin Carola von Gradulewski beinahe verstimmte, die ich nur hörte, weil wir rascher in Coburg waren, als wir hoffen durften.

14. Januar 2017

Herrje, Ina Deter wird heute 70. Nix mehr mit kurzem Lederröcklein, oder doch? Neue Männer braucht das Land auch keine mehr. Sind genug alte da. Anais Nin starb in Los Angeles vor vierzig Jahren. Keine Ahnung, warum die Knaur-Bestseller „Die verborgenen Früchte“ und „Das Delta der Venus“ sie seinerzeit schon 1976 gestorben sehen wollten. Ich grabe heute eine alte kleine Nicht-Kritik aus und stelle sie in die ALTEN SACHEN, sie erschien am 13. Januar 1989 zuerst in der Tageszeitung TRIBÜNE. Nur sechs Wochen nach mir veröffentlichte ein Literatouristiker seine Nicht-Kritik zum Spektrum-Bändchen. Sie klebt auf dem Archiv-Blatt unter meiner, sonst hätte ich das kaum erwähnt. Damals musste er sich noch nicht diverser Neidergruppen erwehren, die ihm sein Rentnerleben vergällen. Wenn der Schnee uns nicht den Spaß verdirbt, eröffnen wir an diesem Sonnabend unser Theaterjahr 2017 mit einer „Antigone“. Also, lieber Schnee, reiß dich zusammen.

13. Januar 2017

Schnee und Sturm zugleich an einem solchen Freitag, Verwehungen breiten sich aus und das Volk beginnt zu schaufeln und zu schieben, also das Volk natürlich nicht, sondern die Nachbarn. Der heutige 95. Geburtstag von Thomas Valentin lässt mich erschrocken nachschauen: seit November 2004 sind meine vier Valentin-Dateien, immerhin 36 Druckseiten, nicht mehr in Arbeit gewesen, daran wird sich wohl vorerst nichts ändern. Ich lese Ludwig Thoma und Herbert Ihering, Heinrich Böll und Margarete Neumann, ich habe Hölderlins „Antigone“-Übertragung wieder in die obere Regalreihe gestellt, bescheide mich mit meinem Schottlaender. Immerhin frage ich mich, ob man ohne vorher zur Kenntnis genommene Inhaltsangabe auch nur ahnen würde, was die ersten Worte Antigones an Ismene gerichtet bedeuten sollen, bliebe man allein auf diesen Hölderlin angewiesen. Leicht machen einem diese übergroßen Dichter nur eines: sie lieber zu verehren, statt sie zu lesen.

12. Januar 2017

Meine donnerstäglichen sechs Kilometer haben mich so erschöpft, dass der gesamte Tageslauf ins Trudeln kam. Es läuft sich auf diesen gut, schlecht oder gar nicht beräumten Wegen einfach nicht, der Vortrieb, würde man als Tunnelbohrer sagen, lässt zu wünschen übrig. Natürlich haben wir Elb-Philharmonie geguckt, natürlich haben wir „Phönix“ gesehen mit Nina Hoss, viel mehr als Nina Hoss war das freilich auch nicht. Wir sahen einen DDR-Kopfkissen-Bezug in Ronald Zehrfelds Nachkriegskeller, wie er bei uns im Schrank liegt. Wir konnten die Frage nicht klären, wie lange Häftlingsnummern eintätowiert wurden in Auschwitz, noch Anfang Oktober 1944? Wir erkannten, dass das Ende der DDR auch die schönen Ruinengrundstücke nach und nach verschwinden ließ. Das ausgebombte Haus sah einfach viel zu pittoresk aus, wie von einer jungen und dynamischen Bühnenbildnerin gestaltet. Aber Nina Hoss kann ich immer sehen, sie muss gar nichts sagen.

11. Januar 2017

Wird im Fernsehen lange nicht mehr über ein Thema berichtet, glaubt Maxine Mustermann, das Thema sei aus der Welt. Also in ähnlicher Lage ich: wenn ich lange nicht mehr über die täglich sechs bis acht Falschparker auf meinem Mietparkplatz schrieb, gibt es sie nicht mehr. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Heute beispielsweise testete den Platz ein silbergrauer Alt-Audi mit dem Kennzeichen MAI S …, das Kennzeichen für Mainburg hatten wir hier noch nicht, wir hatten KÜN, WI, CO, AB, SLF, SHL, MD, J, ARN, und natürlich in Bataillonsstärke IK und IL. Unser Parkplatz ist der mit Abstand beliebteste unter all den jungen Frauen und sonstigen Ignoranten, weil er am günstigsten zum Kindergarteneingang liegt. Es gibt unter den jungen Frauen sogar verstärkt solche, die sich bei meiner Frau entschuldigen, wenn die warten muss, bis sie endlich einparken darf. Nach links-grüner Logik sind Mietparkplätze überflüssig, weil sie eben trotz Schild missbraucht werden.

10. Januar 2017

Wenn einer, der sich selbst variantenreich an Dinge erinnern kann, die gar nicht stattgefunden haben, sich angelegentlich fragt, warum er sich gar nicht erinnern kann an Dinge, an die sich andere erinnern, haben wir eine vergleichsweise lustige Situation. Denn es gilt nie als sicher, dass der jeweils ältere das jeweils unzuverlässigere Gedächtnis hat. Auch das elefantenhaft haarscharfe Erinnerungsvermögen an erlittene Kränkungen lässt keine Rückschlüsse auf die Präsenz des Restes zu. Ich stritt mich mal mit einem über ein etliche Jahre zurückliegendes Ereignis in Schwerin, wir beschuldigten uns gegenseitig der Weichbirnigkeit, bis sich erwies, dass wir zwei sehr ähnliche, aber eben nicht identische Ereignisse meinten, die tatsächlich in zeitlicher Folge an einem und demselben Tag während des so genannten Poeten-Seminars gelaufen waren. Der umkämpfte Erinnerungsgegenstand hieß übrigens Heinz Kahlau, trug Latzhosen und ein großkariertes Hemd.

9. Januar 2017

Das Literaturverzeichnis meiner Dissertation enthält auf Seite 173 dreifach den Namen Karl Löwith, zuerst „Weltgeschichte und Heilsgeschehen“ (1953), dann „Gesammelte Abhandlungen“ (1960) und schließlich „Das Verhängnis des Fortschritts“ (1963). Der Ordner „Lau – Man“ mit den gesammelten Materialien für die Promotion enthält umfangreiche Exzerpte daraus, zusätzlich noch Kopien einzelner Zeitschriften-Beiträge Löwiths. Klar also, dass ich seinen Namen wegen seines heutigen 120. Geburtstages in meinen privaten Literaturkalender geschrieben habe. Da stehen auch noch Klaus Schlesinger (80) und Klaus Poche (10. Todestag), der Videotext hat auf seinen Seiten 503 und 504 keinen der drei Namen für erinnernswert befunden. Adolf Muschg erinnerte sich 2001 in der Neuen Zürcher Zeitung daran, als Student ahnungslos einen Vortrag von Karl Löwith gehört zu haben. Löwith starb im Mai 1973, da hatte ich gerade meinen „Kulturschock NVA“ hinter mir.

8. Januar 2017

In manchen Holz- und Hohlköpfen breitet sich derzeit eine Logik aus, bei der einem angst und bange werden kann. Der Grundansatz ist primitiv verschwörungstheoretisch, die Folgerung von abenteuerlicher Inkonsequenz. Wenn Videoüberwachung sinnlos ist, weil sie keinen Terrorakt verhindert, dann sind auch die Straßenverkehrsordnung und das Strafgesetzbuch sinnlos, weil sie weder kleine Ordnungswidrigkeiten noch große Verbrechen verhindern. Der Gang zum Standesamt ist sinnlos, weil er das Fremdgehen nicht ausschließt, das Ablegen von Abitur und das Erlangen eines Diploms sind sinnlos, weil sie fortgesetztes Verblöden nicht ausschließen. Und warum zitieren sich all diese Geistesriesen gegenseitig? Gilt das alte Sprichwort etwa noch, demzufolge einer allein gar nicht so sein kann, also er muss noch Brüder (und Schwestern) haben, oder so ähnlich. Erich Mielke staubt begeistert in seiner Urne. Staatsbürgerkunde hat Langzeitwirkung.

7. Januar 2017

Es musste so kommen, die Frage war nur, wann. Heute präsentiert sich erstmals eine vierseitige LITERARISCHE WELT ohne jede Literatur. Glückwunsch, Richard Kämmerlings, der Tag ist sehr nah, da ich mir den samstäglichen Weg zur Tankstelle spare, für die Kultur der Dürftigkeit muss ich nicht auch noch Geld ausgeben. Martin Walser ist dafür ins Feuilleton gerutscht. Es walsert kräftig allerorten, nachdem der CICERO den Alten vom Bodensee zum wichtigsten Intellektuellen im Ranking 2017 gekürt hat. Die Zeiten, da man sich zu gedruckten Lach- und Hämesalven veranlasst sah angesichts von Altmännerprosa mit Penisfixierung, sie sind perdu. Ich gebe zu, dass ich von den an die 50 Walser-Büchern, die ich besitze, reichlich die Hälfte gelesen habe. Mit dem einzigen Klaus-Poche-Buch, das ich besitze, quäle ich mich seit Tagen und bereue die blöde Idee, darüber zu schreiben, nur weil der Mann für Momente Zeitgeschichte verkörperte. Ich bin eben kein Pony-Hof.

6. Januar 2017

„Das griff ihn, ob er schon nicht ein Wort darüber sprach, doch auch sehr an.“ Mit dieser Aussage wurde Kanzler Friedrich von Müller einziger Zeuge der Reaktion Goethes auf den Tod Charlotte von Steins am 6. Januar 1827. Lange her, dass ihn ein Scherenschnitt in Wallung versetzt hatte, ihre schwarze Locken-Silhouette. Heute schreiben Caspar, Melchior und Balthasar mit Kreide an Türen, was ich früher regelmäßig für eine Ankündigung des Schornsteinfegers hielt. Heute denke ich, dass diese drei keineswegs Könige waren, woher sollten solche ohne Koch auch gleich im Trio kommen, ich denke, es waren die ersten unbegleiteten männlichen Jugendlichen aus dem Morgenlande, die in der Hoffnung auf späteren Familiennachzug Vorläufer der späteren Balkanrouten erkunden wollten. Man ritt damals noch auf Eseln, die Schlauchbootwirtschaft steckte in den Kinderschuhen. 4.30 Uhr hörte ich den ersten Mann mit einem Schneeschieber auf dem Bürgersteig kratzen, ein Einzelkönig.

5. Januar 2017

Tumorzellen mögen keinen Zitrusduft, steht heute in NEUES DEUTSCHLAND. Das erklärt endlich final, warum Zitronen so selten an Nasennebenhöhlenkrebs erkranken. Die BERLINER ZEITUNG kostet jetzt, um fusionsbedingten Qualitätsverlust auszugleichen, zehn Cent mehr. Der kaiserliche Fußball-WM-Beschaffer Franz wechselt erneut die Frau aus, die die Ehre hat, ihm die Bällchen zu kraulen, wie ich der gelben Presse entnehme, deren Titel ich studiere, während mein Lieblingszeitungshändler die donnerstägliche Fälligkeit von 8,10 Euro nennt, die noch vor einer Woche bei 8 Euro glatt hielt. Von Fred Wander schweige ich, dessen 100. Geburtstag heute ist, von Dieter Henrich auch, der zehn Jahre weniger auf dem Buckel hat. Auf den einen komme ich zurück, auf den anderen wohl nicht. Dann wäre da noch ein Bürger Charlottenburgs, der heute mit der Zahl 41 in Verbindung zu bringen wäre. Beste Wünsche müssten ihn schon erreicht haben, Präsent auch.

4. Januar 2017

Wenn ich gestern nicht nur in meinen Aufbau-Literatur-Kalender 1990 geschaut hätte, den ich abwechselnd mit dem von 1989 wegen des „final countdown“-Gefühls benutze, hätte ich mich heute nicht ärgern müssen, denn der Kalender suggeriert mir den 50. Todestag des Dichters Alfred Margul-Sperber für heute, obwohl er gestern war. Der Rumäniendeutsche geht heute, las ich verspätet, fast nur noch als Förderer von Big Paul Celan durch, auch Big Rose Ausländer genoss sein aktives Wohlwollen. Den 4. Januar 1967 nennt das zweibändige Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller aus Leipzig, der ehemalige Klassenfeind hat sich auf den 3. Januar 1967 als Tag des Hingangs in Bukarest geeinigt. Nun könnte man Recherche-Teams losjagen, um das letzthin doch bedeutungslose Rätsel zu lösen. Wie auch immer: Es schneite heute so heftig, dass ich erstmals in meinem Ilmenauer Leben zweimal Bus fuhr, hin und zurück jeweils zum Neutarif von 1,30 Euro


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