Tagebuch

30. März 2018

Frostiger Karfreitag, kombiniert mit eiskaltem Wasser aus der Leitung in meinem Bad, zum Glück haben wir deren zwei, dort kommt das Wasser, wie wir es bezahlen. Den Havariedienst möchte man lieber doch nicht anrufen, er könnte meinen, es handle sich um sportliche oder kulturelle Dinge und auf deren geltendes Verbot verweisen. Bald sind wir auf dieses warme Wasser ohnehin nicht mehr angewiesen, wir reisen ins Land der Frühaufsteher, um ein wenig Familienzusammenführung zu vollziehen, österliche. Luise Hensel hat ihren 220. Geburtstag heute, in Paderborn findet sich ihr Grab. Die dortige Universitätsbibliothek präsentiert eine schöne alte Biographie von Dr. Franz Binder, fast 500 Seiten stark, eingescannt, man kann sie am Bildschirm kostenlos lesen. Rentner sahen schon gestern ihre Märzbezüge auf ihren Konten, was mich früher nicht interessiert hätte, jetzt aber beginne ich zügig ein so genanntes vitales Interesse an diesen Bezügen zu entwickeln.

29. März 2018

Die Scherzfrage lautet nicht: Wo waren Sie, als in Zürich „Biedermann und die Brandstifter“ unter Oskar Wälterlins Regie am 29. März 1958 seine Uraufführung erlebte? Ich hatte gut vier Wochen vorher meinen 5. Geburtstag in heute gründlich vergessener Weise gefeiert, ob Gustav Knuth den Biedermann spielte oder nicht, war mir gleichgültig. Später gewann ich Vorstellungen, wer Gustav Knuth war, später wurde mir Max Frisch lieb und lieber, aber damals? Die bisher einzige Sichtung des Lehrstücks ohne Lehre auf einer Bühne war ein Berliner Ereignis, in THEATERGÄNGE kann man es noch nachlesen. Inzwischen haben sich Schüler-Theater des Stückes angenommen, was weder gegen das Stück noch gegen Schülertheater spricht, nur ich bin auf dieser Ebene nicht mehr an Deck. Ich bewältigte gestern erstmals seit ewig noch im Monat der Buchmesse in Leipzig die Archivierung sämtlicher Beilagen und weiß nun genau, wer Gastland Rumänien schnöde ignorierte.

28. März 2018

Es gibt bei Menschen, die es vermeintlich oder tatsächlich zu etwas gebracht haben, einen mehr als merkwürdigen Reflex. Bekommen sie eine Mail, was früher ein Brief gewesen wäre, von einstigen flüchtigen oder besseren Bekannten, dann reagieren sie nicht oder verkniffen, denn sie können sich des Gefühls nicht erwehren, da wolle jemand etwas von ihnen. Sollte mich mein Gefühl nicht sehr täuschen, dann war das in der gammligen alten DDR nicht so, was seltsame Beweiskräfte entfalten könnte. Dieser küchenphilosophische Anfall ist möglicherweise mit diesem Satz aus „Kleinbürger“ von Maxim Gorki zu erklären: „In einem freilich sehe ich gar nichts Angenehmes: darin, dass über mich und andere ehrliche Menschen, Schweinehunde, Dummköpfe und Spitzbuben bestimmen!“ Gorki legt diesen Satz seinem Lokomotivführer Nil in den Mund, wo er wenig Geschmäcklerisches hat, eher Wahrheit. Gorki, lernte ich einst, bedeutet „der Bittere“, wie Stalin „der Stählerne“ war.

27. März 2018

Morgen hat Maxim Gorki seinen 150. Geburtstag. Aus diesem Anlass habe ich erst einmal zwei alte Texte aus den Untiefen meines Archives gefischt, einer stand 1986 in NEUE HOCHSCHULE, der andere hätte in FREIES WORT stehen sollen anlässlich des 50. Todestages im Juni 1986, blieb aber auf dem Schreibtisch des verehrten Redakteurs liegen oder landete im bodennahen Rundordner, die Details kenne ich nicht. Im November 1969 las ich als Exemplar aus der Bibliothek „Die Mutter“, es folgten bis Oktober 1971 weitere 27 zum Teil dicke Gorki-Titel, darunter zuletzt aus der großen Werkausgabe „Über Weltliteratur“ und „Über Literatur“ als Reclam-Band. Der frühe Erstkontakt mit Gorki kam mit einem Trompeterbuch zustande, „Blümchen Siebenblatt“ mit drei Geschichten von Gorki und zweien von Valentin Katajew (Band 39). Zuletzt las ich „Jakow Bogomolow“ und kam mit dem Roman „Der Spitzel“ aus Zeitgründen nicht zu Ende. Er liegt aber noch in Griffweite.

26. März 2018

Mit etwas gutem Willen darf es als Premiere gelten: eine Ilmenauer Buchhandlung bietet mir Ort und Gelegenheit, mein neues Buch vorzustellen. Wer an diesem Abend gar nichts anderes vor hat, darf sich den 25. April vormerken, das ist ein Mittwoch, 19 Uhr bin ich dran. Vielleicht habe ich bis dahin sogar schon Kritiken in der regionalen Tagespresse. Da ich leider keinem Ring organisierten gegenseitigen Lobes angehöre, entfaltet sich das Echo etwas zäher, es hat allerdings den Vorteil, dass ich nicht kistenweise Bücher an Leute verschenken muss, die mir dann voll Rache ihre Bücher seit 5.45 Uhr zurückschenken. Ich schreite heute zum 55. Geburtstag eines Schwagers, dem Kochen Leidenschaft und Kunst bedeutet, was unseren Bäuchen, Kehlen und Zungen in genau umgekehrter Reihenfolge allweil Lust und Vergnügen bereitet. Die druckfrischen Franken-Scheine, die mir heute die Sparkasse aus den Tiefen ihres Safes überreichte, lassen uns an die wartende Schweiz denken.

25. März 2018

Sommerzeit beginnt: niemand will sie, niemand braucht sie, Nutzen bringt sie auch nicht, also die ideale Sache zum Beibehalten. Immerhin ist der Himmel blau zum Frost, an Geigen mangelt es ihm allerdings. Im Busch am Kindergarten sang sich ein Rotkehlchen die Kehle wund. In einer Woche ist Ostern, ein Ostersonntag als 1. April kommt auch eher selten vor, die Tasche mit den Enkel-Gaben ist gepackt, das neue Ziel im Navi gespeichert. Erst einmal wollen wir noch ein paar Tage unserer entgeltarmen Beschäftigung nachgehen, dann setzen wir uns in unser Individualfahrzeug gen Norden. Weil sein 150. Geburtstag näher rückt, ein Zitat von Maxim Gorki: „In unserer Zeit muss man alle Menschen einteilen in Helden, das heißt Narren, und Schweinehunde, das heißt schlaue Leute.“ Über Gorkis „Nachtasyl“ schrieb einer, es sei sein einziger Welterfolg gewesen. Das spricht tatsächlich gegen Gorki. Nur ein einziger Welterfolg, ein Russe eben. Wir dagegen.

24. März 2018

Kein Neid: 91 Jahre alt ist Martin Walser heute. Der ewige Konkurrent um den Weltruhm, Grass, hat sich längst in die ewigen Jagdgründe verabschiedet, während Martin, ohne sich lange mit dem Teilen von Mänteln zu befassen, einen Roman nach dem anderen auswirft. Es sind nicht mehr die Wälzer von früher, jedenfalls nicht ein Wälzer nach dem anderen Wälzer. Die Romane sind jetzt dünner und können in der jeweiligen Hardcover-Ausgabe regelmäßig schon wenige Monate nach ihrem ersten Erscheinen bei Langer & Blomqvist zum halben Preis erworben werden. Auf diesen Ablauf ist Verlass, weshalb ich immer ein Walser-Kunde in der Kantstraße bin und nie im normalen Buchhandel. Der neue Roman ist, verrät heute DIE LITERARISCHE WELT, ein ironisch-boshafter Beitrag zur MeToo-Debatte. Wenn es schon ein Zeit-Roman über Uwe Tellkamp wäre, würde mein Weltzweifel wachsen. Noch hat nicht jedes Provinzfeuilleton zu dem Dresdner Autor abgelaicht.

23. März 2018

Humor in DDR-Tageszeitungen hatte eine Form in der durchaus vorhandenen Vielfalt von Formen, die auf Leserzuschriften angewiesen war: Kindermund. Der war immer dann am wenigstens lustig, wenn Eltern und Großeltern mit den Sprüchen ihrer Sprösslinge deren Zukunft als, heute müsste man sagen: Einstein 2.0 oder Goethe 3.2, andeuten wollten. Mich erreichte gestern aus Kreisen der Verwandtschaft ersten Grades diese Frage: „Mama, gibt es auch Hustensaft fürs Bein?“ Der drei Jahre alte Schmerzpatient wollte Hilfe, wie er sie kannte. Ich werde diese wunderbare Prägung in meinen Sprachschatz übernehmen. Darunter müssen aber nur die leiden, die näheren Umgang mit mir haben, kein Flächenschaden also. Aus dem Kalender notiere ich mir für kommendes Jahr den 23. März als Gedenktag für den vom Studenten Sand ermordeten Dichter August Kotzebue. Es wird der 200. Todestag sein: Burschenschaften, Obacht! es gibt was zum Ex-Trinken. Nur ein Jahr noch!

22. März 2018

Der Tag des Berliner Bären ist für mich auch Tag der Kriminalitätsopfer, meine beiden Täter freuen sich seit zehn Jahren ihres unbestraften Lebens, ich habe keineswegs alles vergessen. Den Jahrestag des Massakers von Chatyn in Weißrussland dagegen registriere ich berührt: ich stand 1987 am Ort des Geschehens, nie habe ich mich weniger wohl in meiner deutschen Haut gefühlt. Und bekenne das gern auch zum wiederholten Male. Als vor zehn Jahren des 100. Geburtstages von Albrecht Goes gedacht wurde, gab es sehr unterschiedliche Deutungen seines Lebens und Werkes: von „Wo Lektüre zur Wohltat wird“ bis „hoffnungslos anachronistisch“ stand es in den Blättern, die nie die Welt bedeuten. Der S. Fischer Verlag veranstaltete zu Weihnachten 1984 einen Sonderdruck „Für unsere Freunde“ der Goes-Erzählung „Das mit Katz“, fadengeheftet. Mein Exemplar ist aus dem Regal auf den Arbeitstisch gewandert. Direkt unter seine 1958er Hochstift-Rede „Goethes Mutter“.

21. März 2018

Goethes bevorstehender Todestag morgen beschäftigt mich auch, wenn ich keinen Vortrag aus diesem Anlass halte. Ich las zum zweiten Mal nach knapp zehn Jahren ein Büchlein, das Goethes Mutter anlässlich ihres 150. Todestages gewidmet war. Und durchforstete meine immerhin vierzig Druckseiten umfassenden Dateien, die im Vorfeld eines Vortrags entstanden, den ich unter dem Titel „Eine Mutter aus gutem Hause. Catharina Elisabeth Goethe 1731 – 1808“ am 2. September 2008 in der Ilmenauer Stadtbibliothek gegen ein geringes Entgelt hielt. Peter Hacks, der heute 90 Jahre alt würde, ist in meiner Bibliothek nicht üppig vertreten, seine Aufsatz-Sammlung „Die Maßgaben der Kunst“ aber und das Reclam-Buch „Essais“ verleiten mich immer wieder einmal, nach ihnen zu greifen. Eben jetzt interessieren mich seine „Faust-Notizen“ aus dem Jahr 1962, denn in Kürze schaue ich mir wieder einmal einen „Faust I“ an in einem Theater, in dem ich bisher noch nie war.

20. März 2018

Frühlingsanfang mit zehn Grad minus noch kurz vor sieben Uhr, die Treibhausgase sind auch nicht mehr, was sie früher waren. Was werden die Stare denken, die gestern in größeren Scharen auf kahlen Bäumen im Kindergarten saßen, ehe sie in Teilscharen weiter flogen, wohin auch immer? Henrik Ibsen denkt auf alle Fälle nichts dazu, denn er ist seit dem 23. Mai 1906 tot. Heute ist sein 190. Geburtstag und das hat nichts damit zu tun, dass in diesem Jahr sein „Peer Gynt“ zu sehen sein wird in Bad Hersfeld in der Stiftsruine. Das nämlich hat eher damit zu tun, dass Dieter Wedel seinen Job als Intendant dort an den Nagel hängte, damit sein Projekt mit Schiller nicht mehr realisierbar schien. Ich freue mich auf „Peer Gynt“, den Damen der dortigen Presseabteilung schrieb ich das auch, als sie mich von der neuen Lage in Kenntnis setzten. Sie freuten sich zurück, dass ich mich freue und wenn Wolfgang Bosbach noch gesund ist, werde ich ihn zur Premiere sehen, wie immer.

19. März 2018

Denis Scheck, der schon manches durfte, darf seit einiger Zeit in DIE WELT „Schecks Kanon“ öffentlich machen. Bisweilen musste man meinen, außer amerikanischer und ab und zu englischer Literatur kenne er gar nichts. Konnte sich aber damit trösten: die kennt er wirklich gut. Weil heute der lebende Schriftsteller, der vielleicht am häufigsten für den Nobelpreis ins Gespräch gebracht wurde und ihn nie bekam, Philip Roth, 85 Jahre alt wird, sei Scheck zu ihm zitiert: „Es gibt keinen lebenden Schriftsteller, der sich gleichermaßen der Liebe seiner Kollegen wie seiner Leser so sicher sein kann wie Philip Roth.“ So einer kann es sich sogar leisten, seinen Abschied von der Literatur zu verkünden und damit mehr Aufmerksamkeit überall zu erregen, als 99,99 Prozent aller anderen Autoren weltweit in ihrem gesamten Leben und zusammen genommen. Derweil schreitet draußen die Erderwärmung rasant fort, am Sonnabend war der kälteste 17. März seit Aufzeichnungsbeginn.


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