Tagebuch
30. August 2026
Marienbad. Mit den „Scherben“ von Christiane Grosz bin ich fertig. Die meisten Gedichte sagen mir nichts. Daneben noch ein wenig Johann Peter Hebel. Wer am liebsten nichts von dem versteht, was er liest, ist hier fehl am Platz. Immerhin weiß ich jetzt mehr über Kalender, als ich sonst wohl je erfahren hätte. Kurz vor 12 Uhr starten wir gen Pilsen, eine kleine Gruppe, einen verlässt schon kurz nach dem Aussteigen am Ziel die Kondition. Am 2. April 2023 waren wir zuletzt hier. Die gemütliche Kostprobe im Biermuseum ist ersetzt durch die Ausgabe einer immerhin gekühlten Bierbüchse, die jeder trinken kann, wo es ihm behagt. Wie geplant, schauen wir nach der Führung das Puppen-Museum an, preiswert und enorm kinderfreundlich. Auch wir drehen ein wenig da und hebeln dort, am Ende ein paar nette Fotos. Im Hotel kommt gerade eine volle Busladung aus dem Hunsrück an, das hatten wir noch nie. Unsere Stammplätze beim Essen sind erwartbar verloren.
29. August 2026
Marienbad. Letzte Anwendung Gasinjektion. Nach dem Frühstück folgen wir Google Maps bis zum Kammerbühl. Die Dame im Reisebüro hatte von einem komplizierten und langen Fußweg dorthin gesprochen. Tatsächlich kann man hundert Meter weit von Goethe-Stollen und Goethe-Gedenkstein sogar bequem parken. Den Stollen könnte man besichtigen, wenn man sich lange genug vorher anmeldet. Immerhin weiß ich nun, wenn wieder einmal von diesem Vulkan die Rede ist, den von Johannes Urzidil gesammelten Fakten aus „Goethe in Böhmen“ eine eigene Vorstellung hinzu zu fügen. Vom Kammerbühl direkt zum Naturlehrpfad Glatzen, den wir in umgekehrter Richtung abwandern als beim letzten Besuch. Den schönen Nachtfotos von gestern an der Singenden Fontäne heute Naturbilder hinzugefügt. Libellen aus nächster Nähe. Abends noch Gang zum ehemaligen Hotel neben dem Museum. Dort eine neue Fassaden-Dekoration mit berühmten Marienbad-Gästen.
28. August 2026
Marienbad. Goethe-Geburtstag. Drei Anwendungen. Spätes Frühstück nach anstrengendem Sport im Wasser. Der Ausflug zur Brauerei Chodovar ist neu im Programm. Wir halten zuerst am Kloster Tepla, das wir schon sahen am 21. Juli 2024. Es regnet kurz, aber heftig, was uns einen längeren Aufenthalt im Klosterladen aufzwingt. Es gibt dort nette Dinge. Die Führung in der Brauerei ist überraschend interessant. Gearbeitet wird dort sehr früh und nur bis Mittag, weil nachmittags die Gruppen kommen. Chodovar betreibt die Mälzerei selbst, das machen nur sehr wenige Brauereien noch. Wir erkundigen uns nach einer alten Dame, die wir 2024 und 2025 schon sahen und erfahren, dass ihr Enkel jedes Jahr zwei Monate Aufenthalt im Hotel finanziert. Sie ist jetzt 90 Jahre alt und im Vergleich zu beiden Vorjahren, wo sie immer ihren Stammplatz in der Ecke hatte und schon an der Bar vorher ein Schlückchen nahm, gebrechlich geworden. Ihre Tochter umsorgt sie am Tisch.
27. August 2026
Marienbad. Drei Anwendungen. Ich las „Goethe im Elbogener Ländchen“ zu Ende von Ernst Frank. Wir werden in diesem Jahr Elbogen (Loket) nicht sehen. Dafür erneut bis zu Mordvilla mit dem Relief an der Fassade, auf der anderen Straßenseite die farbige Tafel, die Lessing mit weißer Katze an seiner Schreibmaschine zeigt, draußen Sternenhimmel. Danach zum Denkmal für Goethe und Ulrike, die eben zu Goethe und Marienbad gehört. Im Goethe-Büchlein von 1932 kein Zweifel des Autors an der seltsamen späten Liebe. Ich versuche mir vorzustellen, was ein 17-, 18-jähriges Mädchen von mir halten würde, würde ich sie auffallend anbaggern. Was ich von mir selbst halten würde, weiß ich genau. Den Goethes ist alles zu verzeihen, heißt die Moral für Erdenmenschen. Vor 15 Jahren starb Heinz Drewniok, von dem ich 2024 das Hörspiel „Die Sau“ las und dann auch darüber schrieb, es ist nachzulesen. Tschechischer Grüner Veltliner zum Abend, trinkbar durchaus.
26. August 2026
Marienbad. Das endlich fertig gewordene neue Swissôtel nebenan sahen wir gestern noch, drei Jahre lang Fortgang der Arbeiten. Heute fünf Anwendungen für mich. Der freundliche Mann an der Rezeption bekennt, nichts von Theodor Lessing zu wissen nach zwanzig Jahren in Marienbad, er ist sich auch nicht sicher, wo und wie man den Jüdischen Friedhof findet. Wir finden ihn, fahren fast bis vors Tor und sehen bald auch das Grab, das wir suchen. Auf dem Grabstein zwei Inschriften, deutsch und tschechisch. 2025 standen wir erstmals vor der Villa, in der er erschossen wurde. Der dicke Band mit seinen Theaterkritiken ist noch ein offener Posten in meiner Lese-Rechnung, das Lesezeichen zeigt an, wo ich fortsetzen müsste. Grandiose Anwendung heute zum Schluss. Sie nennt sich hier Hydrojet. Ich kenne das aus der Reha in Bad Rodach: Rückenmassage von unten her auf einer Art Wasserbett. Das könnte ich jeden Tag dreimal haben. Abends Rosé wie zu Hause.
25. August 2026
Marienbad. Schön, wenn man Überraschungseffekte nicht auf diese Abläufe beziehen muss: die Ärztin sieht unsere Anwendungen aus dem Vorjahr auf ihrem Bildschirm, fragt, ob wir zufrieden waren. Und da wir zufrieden waren, werden wir ähnlich versorgt. Heute erst einmal nur zwei Anwendungen. Wegen des Ausflugs am Freitag müssen wir den gedruckten Plan noch einmal korrigieren lassen, es geht problemlos. Zum Begrüßungsnachmittag im Hotel Reitenberger sind ungewöhnliche Massen erschienen, so viele wie nie. Aus unserem Hotel nur sehr wenige, wir sind teurer. Im Vorjahr der Mann, der seinen Kuchen nicht bezahlen wollte. Heute einer am Abend, der offenbar eine Melonenkur verordnet bekam. Er trug einen kleinen Mount Everest an Melonen-Scheiben zu seinem Tisch, erst danach kümmerte er sich um das eigentliche Abendmenü. Mit den Wassermelonen liefert die Küche den Hit. Auch andere schleppten ab, als gäbe es kein Morgen.
24. August 2026
Marienbad. Noch gestern die fette Überschrift „Letztes Jahrhundert in Marienbad“ in der FAS, der Autor erinnert sich, vor 50 Jahren erstmals im Ausland gewesen zu sein. Die Redaktion hat zwei Fotos aus Karlsbad und eins aus Pilsen dazu gestellt, für Marienbad müssen die großen Lettern reichen. Vor 50 Jahren war ich zum siebenten Male in Ungarn, das heutige Tschechien kannte ich nur von der Durchfahrt im D-Zug Dresden-Budapest. Und einem Kurztrip 1965 auf dem Rückweg in Prag. Heute 13.05 Uhr über die Grenze, 14.10 Uhr am Hotel. Nach drei Zimmern in der zweiten Etage in den Vorjahren bewohnen wir erstmals ein Zimmer ganz oben, kommen mit dem Fahrstuhl III hoch, wir sehen auf den nun fertigen Park mit Brunnen zu unseren Füßen, der Balkon ist winzig, aber immerhin da. Wir buchen zwei Ausflüge und nutzen den freien Termin bei der Schwester, die uns die Zeit für die Ärztin morgen auf die Kurkarte schreibt. Freude über die Zimmerausstattung.
23. August 2026
Über DDR-Schriftsteller, die in den Westen gingen, gibt es längst Lexika und auch sonst ist viel über sie geschrieben worden. Über West-Schriftsteller, die in die DDR gingen, gibt es nichts dieser Art. Es waren nicht nur welche, die dem KPD-Verbot entweichen wollten. Westlinke wurden gern gefragt, warum sie nicht in die DDR gingen, wenn sie wieder einmal mitten in aller Freiheit etwas sagten, was der Freiheit nicht gefiel. Die meisten blieben, denn so dolle wollten sie es dann doch nicht gleich treiben. Einige aber gingen. Die prominentesten Kommer hießen Peter Hacks und Adolf Endler. Wir ahnen, wessen Fans Eltern waren, die ihren Sohn 1930 Adolf nannten. Nur acht Grad heute morgen, als ich den ersten Blick auf das Thermometer richtete. Ich warf ihn nicht, meinen Blick. Noch einmal schlafen, heißt die Devise. Mein/Unser Katzendienst (mit kurzen Unterbrechungen) ist vorerst beendet und wird vom Dienst am eigenen Wohl fast nahtlos abgelöst.
22. August 2026
Sport ist es keiner, dennoch notiere ich: Uraltrekord eingestellt. Im fernen Jahr 1980, als Berlin noch seine Geisterbahnhöfe hatte unter der Erde, an die ich gerade wieder erinnert werde, las ich 100 (in Worten hundert) dramatische Texte, sehr viele Hörspiele dabei, wenige Fernsehspiele, einige Sachen für die Bühne. Damals begann ich mit „Bis dass der Tod euch scheidet“ von Günther Rücker am 21. Februar und endete mit „Der Nachlass“ von Gerhard Rentzsch am 29. Dezember. Tiefe DDR also in jeder Hinsicht. In diesem Jahr Auftakt mit „Stille Post“ von Lia Pirskawetz, die 100 fällt an „Die Geisterbahn“ von Werner Gawande. So etwas würde heute kein Mensch mehr schreiben, damals war es kritisch und im gewünschten Sinne vorwärtsweisend. Heute auch wieder eine Portion Christa Reinig, mein zweiter Teil zu ihr wird von eins bis drei Leserinnen dringlich erwartet. Ich lerne, wie man bestenfalls ein Gespräch, aber keinesfalls ein Interview führen darf.
21. August 2026
Schon am Nachmittag gestern alles wieder befahrbar. Und ich im Verteiler des SPIEGEL. Dirk Kurbjuweit, Chefredakteur, teilt in einem Offizialtext mit, wie die Redaktion das sah mit dem Staatsfeind Nummer 1. Nebbich. Alles andere als dies wenig sagende Statement war kaum zu erwarten. Lustig, wie dieser Teufel SPIEGEL-Titel signierte und sich freute wie Bolle. Schloss einen Text ab, der am 2. September im Netz stehen wird, begleitet von einem zweiten, den ich in meinem Archiv leider nur undatiert fand, aber aus der Zeitung ausgeschnitten. Für ALTE SACHEN geht das. Vor 25 Jahren sahen wir Rye mit dem Haus, in dem Henry James seine alten Tage erlebte, vor 20 Jahren erreichte mich eine Mail, die einen mir gut bekannten Chefredakteur von sämtlichen guten und allen anderen Geistern sowie vom Geist selbst verlassen präsentierte. Das gehört zu meinem Spezialarchiv für den Nachlass. Nebenher lese ich Sport-Gedichte, seltsame Stücke dabei.
20. August 2026
Einen starken Baum hat es auch diesmal entwurzelt unterhalb des Spielplatzes Kopernikusstraße. Alles schon abgesperrt mit rotweißem Band, als ich den Neugierigen mit Handy spiele. Abbiegen in die Abbé-Straße geht vorerst nicht. Von Lothar Kusche weiß Wikipedia, dass er vor allem in der DDR bekannt wurde. Jetzt liegt er auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin, welcher früher zu Ost-Berlin gehörte. Am 20. August 2016 starb er, ich las zuletzt seine beiden Bändchen „Das bombastische Windei und andere Feuilletons“ und „Quer durch England in anderthalb Stunden“ mit den wirklich feinen Illustrationen von Elisabeth Shaw. Da die eine geborene Britin war, kann sie nicht als Beispiel dafür dienen, dass in der zweiten deutschen Diktatur doch nicht alles schlecht war. Wie hätten denn unsere Importe durch pure Einfuhr schlecht werden sollen? Wir hatten Australier, Österreicher, Jugoslawen, Chilenen und sogar echte Spanierinnen und Spanier. Alle nicht schlecht.
19. August 2026
Dass Walther Victor am 19. August 1971 gestorben ist, steht fest. Weniger sicher ist, dass Federico Garcia Lorca am 19. August 1936 erschossen und alsogleich am Straßenrand verscharrt wurde. Es könnte auch schon oder noch der 18. August gewesen sein. Zum 50. Todestag 1986 hatte ich einen kleinen Beitrag in FREIES WORT. 2015 sah ich in Weimar ein Gastspiel des Nationaltheaters Mannheim mit „Bernarda Albas Haus“ und wünschte mir mehr Gastspiele. Mein Wunsch ist nicht erfüllt worden, Ausnahmen gab es freilich: selten genug. Ich erinnere mich dunkel, dass es einst einen öffentlich-rechtlichen Theater-Kanal gab. Ob seine Abschaffung den Theatern bessere Zahlen brachte, weiß ich nicht. Zum Abend die heftige Probe Unwetter, Hagel gegen die Scheiben, heftiger Regen, aber nicht sehr lange anhaltend. Immerhin: der Balkon ist vorläufig nicht zu betreten, bis der Teppich wieder trocken ist. Zweite Staffel „The Agency“ zu Ende gesehen, ruft nach Fortsetzung.