Tagebuch

14. März 2024

Volker von Törne verfehlte seinen heutigen 90. Geburtstag um mehr als vierzig Jahre. Im Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren lese ich, dass er der Sohn eines NS-Standartenführers war. Wir wollen nicht päpstlicher sein als der Landesbischof: NS-Standartenführer gab es nicht, das war ein Dienstrang der SS und auch der SA, in der SS geschichtsrelevanter als in der SA, also deutlich verbrecherischer, wenn man da überhaupt Skalen dulden mag. Wenn ich wegen Klopstock in Kürze in Quedlinburg sein werde, denke ich vielleicht auch an von Törne, der als Pseudonym von Windei benutzt haben soll. „Ohne Abschied“ heißt das einzige Buch von ihm, das ich besitze, eines, an dem er beteiligt war auch noch: „Rezepte für Friedenszeiten“. Da sollte man vielleicht wieder einmal hineinschauen in Zeiten, wo die größten Kriegsschreier die Friedensbewegten von gestern sind: die Langhaarigen sämtlicher Geschlechter. Ein Viertelpfund Post heute vom Finanzamt auf Raubkurs.

13. März 2024

Wie nahe verwandt Treppenwitz und Fahrstuhlwitz miteinander sind, weiß ich nicht sicher zu sagen. Auf alle Fälle hörte ich bereits von Treppenwitzen der Geschichte, von Fahrstuhlwitzen dito  nicht. Heute jedenfalls und das geht in die engere Lokalgeschichte ein, blieb in unserem Fahrstuhl, Baujahr 2016, erstmals seit seinem Dienstbeginn jemand stecken. Ich bemerkte es, als es von innen rief: Der Fahrstuhl geht nicht. Und trug die Last einer Flasche Wein und eines Glases Marmelade wild entschlossen zu Fuß in meine etwas höheren Regionen. Später erlebte ich ein doppelköpfiges Hilfskommando und hörte aus der Nachbarschaft, manch Fehler sei schwer zu finden. Zum Beispiel halte ein bekannter Fahrstuhl, dessen Standort unter Datenschutz fällt, immer in der zweiten Etage, auch wenn ihn dort niemand ruft oder aussteigen will. Der Fahrstuhl/Treppen-Witz in unserem Fall: Die Eingeschlossene war einst die Initiatorin des Lift-Einbaus mit einer Unterschriftensammlung.

12. März 2024

Am 12. März 1999 erreichte mich Post vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Denen war mein Eintrag im Gästebuch des elsässischen Friedhofs Bergheim aufgefallen vom August 1998. Es dauerte also, wurde aber registriert. Am 12. März 1974 war ich nach einem Kurzbesuch bei meinen ehemaligen Kollegen von Freies Wort so verärgert, dass ich beschloss, freiwillig nie wieder die Schwelle der Redaktion zu überschreiten. Mit dem Auftrag des Jugendmagazins Neues Leben für eine Reportage im Rücken hatte ich auf etwas Hilfe gehofft, doch Kettenraucher Heinrich Z., den ich seit 1968 kannte, ließ mich glatt und ohne jede Hilfe im Regen stehen. Die Reportage kam dennoch zustande, füllte mehrere Druckseiten und machte mich mit dem Fotografen Rudolf Schäfer bekannt. Am nächsten Tag erkundigte sich Rudi Benzien bei mir nach dem Stand der Dinge, er ist nun auch schon wieder fünfeinhalb Jahre tot, einmal noch hatte ich Kontakt zu ihm nach 1990.

11. März 2024

Nicht nur Leverkusen lässt einen Rekord dem anderen folgen, hie und da mische auch ich mit. Den fünfzigsten Gelben Muskateller des Jahrgangs 2021, Weingut Ebinger aus Poysdorf im Weinviertel, tranken wir zum Tatort. Fünfzig verschiedene Weine einer Rebsorte eines Jahrgangs, das hatten wir noch nie. Nur halb so viele des nächsten Jahrgangs 2022 warten nun auf ihre Sonntagsstunde und die ersten Weingüter schicken mir schon ihre 23er Angebote. Im vorderen Wasserleitungsschacht, der die Küche und das vordere Bad beliefert, tropft es wieder einmal heftig. Nach den Gesetzen der Schwerkraft tropft es von oben nach unten und da wir schon mehr als ein halbes Dutzend solcher Fälle hatten, durchweichte Tapeten, vollgelaufene Lampen inklusive, werden wir wieder einmal die Genossenschaft bemühen müssen; mit Obermietern, die einfach nie etwas merken, haben wir keinen eigenen Gesprächsbedarf. „The Zone of Interest“ wurde immerhin bester internationaler Film.

10. März 2024

Mit dem gestern ins Netz gestellten „Arthur Eloesser in der DDR: Victor Klemperer“ halte ich bei 57 Arbeiten über Eloesser seit Februar 2018. Die Quote ist gut und es wäre mehr, wenn ich nicht zwischendurch Abwechslung brauchte. 2014 war ich nach mehr als einem halben Jahr allein mit Shakespeare so weit, den Namen nicht mehr lesen zu können. Ein Ergebnis: der unheldische Tod des geplanten Buches. Immerhin: das Phänomen des Sitzens vor einem weißen Blatt (einer leeren Datei, heißt das heute eher) kenne ich nicht. Ich setze mich erst, wenn ich schreiben will. Der erste Satz muss im Kopf sein, der Rest folgt. Irgendwelche Grünlinge wollen Fontane- und Luther-Straßen umbenennen wegen Antisemitismus. Dummheit ist, sagte mein einer Chefredakteur bei unpassender Gelegenheit, keine Straftat. Dummheit als Klugheit durchgehen lassen, hat deutlich bessere Chancen. Und die Lokführer streiken wieder. Wollte da wer als Kind Lokführer werden?

9. März 2024

Die Gelegenheit, über Max Epstein zu schreiben, dessen 150. Geburtstag heute zu gedenken ist, lasse ich verstreichen. Immerhin: ich begann in bester Absicht sein „Das Theater als Geschäft“ im Neudruck der „Berliner Texte“ zu lesen, es ist Band 13. Aber weit kam ich nicht. Als Herausgeber war er für „Das blaue Heft“ verantwortlich und dies gab Arthur Eloesser über eine längere Zeit viel  Platz für seine Theaterkritiken, die wegen der Erscheinungsweise meist mehrere Inszenierungen betrafen. Bis es Differenzen in der Honorarfrage gab. 90 Jahre alt wird heute Dietmar Grieser, dem ich seit seinem „Goethe in Hessen“ ein anhänglicher Leser bin, auch wenn sein Wikipedia-Eintrag dieses Buch nicht einmal kennt. 70 Jahre alt wird heute Matthias Matussek, den korrekt Genordete nicht mehr kennen, ich aber doch, weil zwei seiner Bücher in meine Regale fanden, eins als gut gemeintes Geschenk (Wir Deutschen), eins selbst gekauft (Fifth Avenue). Das Leben ist eben so.

8. März 2024

Sollte „The Zone of Interest“ nicht nur ständig und überall für alles nominiert werden, sondern auch einmal abräumen, dann werden wir wie Goethe nahe Valmy zu uns sagen: wir haben ihn im Kino gesehen. Oder so ähnlich. Es war ein Dienstag im März in Kino 3, es war voller, als wir dachten. Es war unfassbar gut und lebte von Details, die den Unterschied machen. Wir trafen Bekannte, die wir ewig nicht trafen, wir sagten, dass wir gerade erst in Auschwitz gewesen sind und am Galgen, an dem Höß mit Blick auf sein Haus hinter der Mauer gehenkt wurde, standen. Für Wiedersehen gibt es schönere Gesprächsthemen und heute ist schon wieder dieser Frauentag, früher mit Eierlikör und Schürzenmännern verbunden. Während heute beinhart auf fortlebende Defizite hingewiesen wird in allerlei Hinsichten. Ich zum Beispiel habe seit meiner Armeezeit weder Kragenbinden noch sonst etwas gebügelt, ich überlasse das schnöde meiner Frau, die trägt meine Mini-Reue mit Fassung.

7. März 2024

Mein Gedenkkalender zeigt mir für heute den 750. Todestag von Thomas von Aquin an. 2025 wird die katholische Welt den 800. Geburtstag feiern, sollte man vermuten. Ob Rüdiger Safranski bis dahin mit einer Biografie aufwarten kann, ist zu bezweifeln, er muss ja nun erst einmal mit seinem Kafka-Buch reüssieren, auf das die deutschsprachige Welt nach den drei Bänden von Reiner Stach voller Ungeduld gieperte. Kafka-Biografien kann es nie genug geben, das ist mit Thomas von Aquin einfach anders. Ich hatte den während meines Studiums eher kurz, als es ums Mittelalter ging. Ich müsste lügen, dass ich unstillbar neugierig auf ihn war. Aber ich kann jederzeit auf meinen Kurt Flasch zurückgreifen. Die mittelalterliche Philosophie ist mir greifbar bei Alain de Libera, bei Jos Decorte, bei Martin Grabmann und bei Hans-Ulrich Wöhler. Ich kann den studierten Philosophen in mir nie völlig unterdrücken. Aber was besagt das schon: vielleicht ist er der innere Schweinehund?

6. März 2024

Wenn ich meine Suchmaschine, deren Namen ich verschweige, mit dem Namen Günter Kunert füttere, was sie, die Maschine, womöglich gar nicht als Futter empfindet, dann zeigt gleich die erste Trefferseite Nachrufe in lichter Reihe. Er wäre heute 95 Jahre alt geworden. Erst kürzlich wieder stieß ich auf den Namen David Warschauer, 1870 – 1943, der in Theresienstadt starb und Günter Kunerts Großvater war. Auch Doris Tucholsky, die Mutter von Kurt Tucholsky, starb dort 1943. Ich habe nun endlich einen Weg gefunden, meine beiden studentischen Kunert-Arbeiten aus meinem eigenen, sehr bescheidenen Kunert-Archiv in das beste, das es überhaupt gibt, umzusiedeln. Es ist nicht damit zu rechnen, dass danach die Wände der Kunert-Forschung wackeln. Sehe ich aber, dass lächerlichste Schülerarbeiten zu Themen, die durchaus Aufmerksamkeit für sich beanspruchen dürfen, im Netz zuerst gefunden werden mangels Alternativen, dann lobe ich die analogen Archive.

5. März 2024

Kurzfristig muss ich meinen morgigen Zahnarzttermin absagen, denn plötzliche Hustenanfälle mit diversen Geräten im Hals können lebensgefährlich werden, abgesehen davon, dass die junge Dame, die in mir arbeitet, ja auch nur eine Menschin ist mit Anfälligkeiten gegen diese und jene Erreger. Am 5. März 2004 ärgerte es mich, dass „Freies Wort“ nicht in meinem Briefkasten steckte. Ich rief an und beschwerte mich. Ich kann mich noch an Nachlieferungen erinnern, die der Chef des längst privatisierten Zustelldienstes höchstselbst ausfuhr. Undenkbar heute. Heute liest hier, wo ich wohne, weit und breit kein Mensch mehr eine lokale Tageszeitung. Selbst die Anzeigenblättlein werden von vielen verweigert. Es gibt größere Dramen der aktuellen Weltgeschichte. Zum Beispiel Barbara Schönebergers 50. Geburtstag. Wie wird jemand wie sie 50, anstatt immer 46 zu sein. Wie ich 50 wurde, weiß ich noch: nach 49 einfach weiter machen, ich wiederhole die Übung derzeit mit 71.

4. März 2024

Die Amerikaner haben heute ihren National Snack Day und ihren Scrapbooking Day und morgen werden sie ihren Super Tuesday haben. Ob sie am Snack Day besonders viel zu sich nehmen, weiß ich nicht, ich halte mich mit Drinks und Snacks zurück. Immer, wenn ich im Fernsehen Amerikaner sehe, die an einer Bar eine Bierflasche zwischen zwei Fingern am Hals halten und daraus Schlucke nehmen, an denen mein alter Wellensittich Maximilian verdurstet wäre, denke ich: was für ein Volk. Nun müssen sie sich zwischen zwei Mumien entscheiden, gegen die unser altes Politbüro beinahe jugendlich daher käme. Von wegen Gerontokratie. In Litauen ist heute der Tag des heiligen Kasimir und es gibt eine Internet-Seite, die als interessantes Buch zum Thema dieses anbietet: Kasimir und Karoline, geschrieben von Ödön von Horvath. Wir sind ziemlich froh, dass wir vorerst nicht mehr auf die Bahn angewiesen sind. Wenn wir Weselsky sehen, schalten wir gnadenlos um auf QVC.

3. März 2024

Die Zeiten, da ich Sonntage überwiegend im Bett verbringe, sind lange vorbei, ich stehe auf, wenn das Smartphone den Weckruf erschallen lässt, zwanzig Minuten später verlasse ich das Bad und kann mich in allen Regelfällen der Morgenlektüre zuwenden, die immer noch aus Theaterkritiken besteht, drei an der Zahl. Gerhard Stadelmaier ist derzeit der Favorit. Ich besitze sogar sein frühes Lessing-Buch und kann mit dem, was er schreibt, meist etwas anfangen. Während ich gestern an meinem Carl Jacob Burckhardt noch sehr gut voran kam, heute ist sein 50. Todestag und da wollte ich fertig sein, ist heute der Kopf leer. Wahrscheinlich verlässt bei Exzessiv-Husten doch nicht die Seele den Corpus, sie schickt das Denk- und Schreibvermögen voran zu erkunden, wie es draußen denn so ist. So legte ich zwei Zusatzruhen ein, die mich dem Abend auf träge Weise näher brachten. Juri Oleschas 125. Geburtstag ist heute, für Westsozialisierte wäre ein Buchstabe anzufügen: Jurij.


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