Tagebuch
12. August 2026
Premiere: ein Feuerwehreinsatz im Haus. Erst ein Sturmklingeln an der Tür, ich soll sofort meine Markise einrollen, auf dem obersten Balkon brenne es. Ich sehe hellen Qualm, es rieseln bereits schwarze Teilchen nach unten, dann schon hörbar die Löschfahrzeuge im Anrollen. Unsere Straße ist für eine Weile blockiert. Am Ende alles halb so wild, die Tür der WG oben muss aufgebrochen werden, es ist niemand da. So bleibt die Frage, wie ein Blumenkasten sich entzünden kann, wenn keiner da ist, der eventuell eine Kippe darin ausgedrückt hat. Nicht einmal Waldbrände entstehen durch Klimawandel, aber immer könnte es etwas wie Brennglaseffekte geben. Sonnenfinsternis nur im Fernsehen. Die erste Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur will, beinahe hätte ich gesagt: Jugendstunden im KZ Buchenwald, nein, sie will Schulstunden in Opfergedenkstätten des Folgesystems. Als Pflicht. Strukturalist darf man nicht sein angesichts solch froher Botschaften.
11. August 2026
Andre Dubus II war ein amerikanischer Schriftsteller, der vor allem durch seine Kurzgeschichten bekannt wurde. Außerdem zeugte er Andre Dubus III, der an einem 11. September zur Welt kam (1959), was ihm später das Feiern sicher nicht gerade erleichtert hat. Wer feiert schon an Nine-Eleven, wie das so genannt wird bei unseren amerikanischen Erzfreunden. Von II besitze ich wenig, von III nichts, immerhin aber erinnere ich heute an den 90. Geburtstag von II, den er nicht erlebt, weil ihn 1999 ein Herzanfall aus seinem Leben riss. Ich selbst feiere heute auch nicht, besuche aber den Arzt meines Vertrauens, der sich meinen Zähnen mit einem Kontrollblick zuwenden möchte. Den Heimweg nehme ich dann nicht zu Fuß, sondern lasse mich nicht nur bringen, sondern auch abholen. Sonst nähme die Zahl der Fußmärsche definitiv überhand. Und mehr als 10.000 Schritte bezahlt die AOK nicht in ihrer begrenzten Großzügigkeit. Man soll sie auf keinen Fall überfordern.
10. August 2026
Am 10. August 2001 notierte ich eine Krise in mein Tagebuch. Meine verehrten Kollegen, denen ich damals ein verständnisvoller Chef war in nicht selten größerem Maße, als sie mir Verständnis entgegenbrachten, neigten ein wenig zu Arbeitsverweigerung. Ein viertel Jahrhundert ist seither in den Klimawandel geflossen, wenn damals Wälder brannten, war die Welt noch in Ordnung, sie brannten eben. Fünf Jahre später schrieb ich am 10. August die zweite Folge von „Ullrichs Ecke“, sie stand am 11. August im Netz und trug den Titel „Lecker Goethe“. Wieder ein paar Jahre später wurde aus allen Ecken kein Kreis, wohl aber ein Buch und das hieß „Samstag oben links“. Ein linkes Buch ist es nicht geworden. Bisweilen verschenke ich eins, bisweilen verkaufe ich eins. Und ich zwinge meinen inneren Schweinehund, kein Eigenlob zuzulassen. Ich hatte bisweilen Einfälle, die ich mir auch heute recht gern wieder einfallen lassen würde. So geht er hin, der Blick zurück.
9. August 2026
Am 9. August 1962, nur wenige Wochen nach seinem 85. Geburtstag, starb Hermann Hesse. 40 Jahre später veröffentlichte FREIES WORT mit leicht schlechtem Gewissen, denn mein etwas älterer Beitrag zum 125. Geburtstag war ohne Absprache mit mir recht heftig verstümmelt worden, einen zweiten Beitrag von mir: eben zum Todestag. Den setze ich heute zu ALTE SACHEN ins Netz, wohin er gehört. Zuletzt gedachte ich mehrfach meiner Wochen im Pförtnerhäuschen des Naturkundemuseums Berlin im Jahr 1976, auch schon fünfzig Jahre her. Im Schichtbetrieb ließ ich Fahrzeuge ein und aus, und da sich das auf die frühen und die späten Stunden beschränkte, hatte ich viel Zeit. In der las ich Hesse, es war meine erste intensive Hesse-Zeit. Nur Karteikarten mit Zitaten sind mir geblieben, keine anderen Aufzeichnungen. Ungelesen steht bei mir, Schande über mich, José Lezama Limas dicker Roman „Paradiso“ im Regal. Der Kubaner starb am 9. August 1976.
8. August 2026
Heute wäre Birgit Vanderbeke 70 Jahre alt geworden, die ich spät und etwas widerwillig entdeckte. Doch sie starb schon am 24. Dezember 2021 in Südfrankreich. Auf manchen Fotos ähnelt sie ein wenig einer alten Schulfreundin, die drei Jahre älter ist und lebt, was man eigentlich erwartet in diesem Nicht-Alter. Meine Brücke zu ihr trug den Titel „Gebrauchsanweisung für Südfrankreich“, 170 Seiten stark und zu einer Reihe des Piper-Verlages gehörend, die mir bis heute imponiert. Zur Nutzung Südfrankreichs gemäß Gebrauchsanweisung ist es dennoch nie bei mir gekommen, ich leide an einer tief sitzender Beschämung bezüglich meiner nicht vorhandenen Kenntnisse des Französischen, was mich nicht davon abgehalten hat, immer mal wieder hinzufahren. 65 Nächte verbrachte ich seit 1998 in Frankreich, so wenig ist das nicht. Zwischenübernachtungen zuletzt vor allem, wenn es noch weiter gehen sollte. Einige Vanderbeke-Bände erwarten noch meinen Zugriff.
7. August 2026
Der letzte noch lebende deutschsprachige Schriftsteller des Jahrgangs 1926 ist heute 100 Jahre alt. Fast ängstlich schaute ich jeden Tag ins sachsenweite Web, ob da eventuell, aber nein, er lebt noch. Es scheint sogar, als sei ich der einzige, der seiner gedenkt. Seine drei Trompeterbücher las ich nach mehr als sechzig Jahren wieder. Das erste ist unschlagbar. Mit Blick auf einen nächsten runden Geburtstag, von diesem Jahrgang 1876 lebt nun wirklich niemand mehr, nahm ich mir nach langer Pause wieder einmal Theaterkritiken vor, 47 in den einen beiden Bänden, 17 in zwei anderen. Das ist eine Menge, dazu ein Büchlein aus einer Reihe des Erich Reiss Verlages, die Herbert Ihering einst herausgab. Täglich die Erkenntnis, dass es verbrecherische Angriffe auf Infrastruktur und Zivilisten gibt, das sind die russischen, und, dass es gute Angriffe auf Infrastruktur und Zivilisten gibt, die edlen Zielen folgen, das sind die ukrainischen. Zeitig auch mal eine Pipeline dabei, unsere.
6. August 2026
Nie hätte ich gedacht, dass ich mich eines Tages mit Christa Reinig beschäftigen werde und das gar noch sehr intensiv. Nun ist es geschehen, das erste Ergebnis ist heute im Netz zu lesen mit der ehrlich gemeinten Ankündigung: Fortsetzung folgt. Sie gehört halt zum Jahrgang 1926, und mit dem habe ich es in diesem Jahr. Und wenn ich ganz ehrlich bin: ich trage mir schon die ersten Daten für den Jahrgang 1927 in den neuen Kalender, da wird es nicht nur Martin Walser und Günter Grass zu bejubeln geben, die ehemalige DDR schickt ihre Besteller-Autoren Harry Thürk und Wolfgang Schreyer ins Rennen, auch der langjährige Chefredakteur des MAGAZIN, Manfred Gebhardt, ist unter den toten Jubilaren. Mit jedem ist immer Umfeld verbunden, mit Reinig zum Beispiel Peter Huchel oder Anna Seghers, von Verena Stefan hätte ich wohl nie eine Zeile gelesen ohne sie. Ob ich klüger sterbe, weiß ich nicht. Gar nicht sterben, geht leider nicht, auch dümmer würde es so laufen.
5. August 2026
Beinahe hätte ich seiner zu früh gedacht. Man wird halt immer wieder Opfer von Druckfehlern. Er hieß Per Wahlöö und schrieb Schweden-Krimis im Duo. In gedruckter Form werden wohl nur noch Rollator-Fahrer sie kennen, als Verfilmungen mit Kommissar Beck überlebten sie. Gemeinsam mit Maj Sjöwall schrieb er, der heute 100 Jahre alt wäre, nur starb er eben schon 1975 an Krebs. Im Verzeichnis der Bücher meiner Eltern finde ich fünf Titel: Der Mann auf dem Balkon; Der lachende Polizist; Der Polizistenmörder; Alarm in Sköldgatan; Und die Großen lässt man laufen. Warum ich sie selbst in meinem größten Krimi-Lesejahr 1981 unbeachtet ließ, weiß ich nicht mehr, nur noch, dass ich plötzlich geneigt war, über Krimis in der DDR zu schreiben. Wie aus manch anderem ist daraus nichts geworden. Dem Fernseh-Krimi aber bin ich treu geblieben und werde ihn auch wieder genießen, an Sonntagen in Kombination mit Gelbem Muskateller, wenn die Endlospause endet.
4. August 2026
Wer Bücher liebt, kennt Ulrich Keiner. Klares Dekret des Mannes, der Thüringens allzeit einziges literarisches Journal zusammenhält, Jens-Fietje Dwars. Ich kann den dicken Heften, die zweimal im Jahr erscheinen, nicht böse sein, auch wenn sie mich jahraus, jahrein tapfer ignorieren. Denn fast immer transportieren sie genügend Substanz mitten in ihrem Kreislauf des gegenseitigen Lobens, dass ich die kleine Toleranz-Klappe öffnen kann in mir: nimms hin, Bruder. Aber Bücher liebe ich offensichtlich nicht, denn ich habe noch nie von Ulrich Keiner gehört. Ich durchforste derzeit meinen arg unvollständigen Heft-Bestand nach bestimmten Namen, mit denen ich mich zu befassen gedenke. Manches, was ich finde, befremdet mich so arg, dass ein Basis-Zweifel an mir zu nagen beginnt. Ein Verleger bespricht seine eigenen Bücher, und das immer wieder. Wer drückt dafür sogar seine Hühneraugen zu? Die Thüringer Haupt-Orakel kann ich nicht mehr befragen, leider.
3. August 2026
Einmal im Jahr ist Kalendertag. Unser bevorzugter Bürobedarfs-Laden in der Lindenstraße ist, wie manch anderer auch, nicht mehr da, also fahren wir auf den Ehrenberg. Dort kann man alles haben, was wir brauchen, die A-4-Kalender für meine Schreibtermine sind diesmal von solcher Stärke wie nie zuvor. Hat man einen in der Hand, denkt man, es sind die beiden, die man sonst kaufte. Da es längst Termine für 2027 gibt, die nicht vergessen werden wollen, ist es gut, sie zu haben. Dass ich Frank Kuschel am 8. September zum 65. Geburtstag gratulieren werde, glaube ich eher nicht. Auch wenn er in meiner Geburtsstadt Arnstadt einen Verlag betreibt mit einem Gesamtprogramm, das alten Verlagshasen mit ganz langen oder viel kürzeren Ohren die Kinnladen herabklappen lässt. Ich kannte ihn schon, ehe er als Geschäftsstellenleiter Altkadern nette Jobs verschaffte. Später erzwang er Finanzausschuss-Sitzungen 7 Uhr früh an Freitagen, nur um allen zu zeigen, dass er es konnte.
2. August 2026
Mein neuester Text, der am 6. August im Netz zu finden sein wird, überraschte meine Korrektur-Leserin mit der seltenen Tatsache, fehlerfrei zu erscheinen. Was nicht bedeuten muss, dass nicht wir beide etwas übersahen. Ich stieß beim Suchen in meinen wenig vollständigen Exemplaren des „Palmbaum“ auf einen Skandal von vorgestern, der mir vorführte, wie rasch Skandale von damals vollständig und zu ihrem eigenen Besten dem Gedächtnis entfleuchen. Es ging um einen Herrn Peter D. Krause, der das D in der Mitte brauchte, um nicht unterzugehen in all den Krauses dieser Welt, die zu allem auch noch Peter hießen. Er sollte Kultusminister in Thüringen werden, was ungefähr so undenkbar war wie der Thüringer Literaturpreis für mich. Und ich habe in jungen Jahren für die „Junge Welt“ und nicht für die „Junge Freiheit“ geschrieben. Krause war einmal Mitarbeiter von Vera Lengsfeld und ich mit Vera Lengsfeld auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf.
1. August 2026
Während ich brav zwei Folgen „Walker“ pro Abend schaue, bringe ich Austin mit einem Massaker in Verbindung, das heute vor genau 60 Jahren dort 16 Menschen das Leben kostete. Es war ein 25 Jahre alter Veteran, er hieß Charles Whitman und war wohl nicht mit Walt Whitman verwandt. Mit 25 Jahren ein Veteran zu sein, das schafft man nur dort, wo es jedermanns recht ist, jeden, der unerlaubt eine Schwelle überschreitet, niederzuschießen. Ich wurde durch einen Anruf aus Köln überrascht, der mir ein langes und sehr angenehmes Gespräch mit einer ehemaligen Journalistin und jetzigen erfolgreichen Buchautorin einbrachte. Wir versprachen uns, in Kontakt zu bleiben. Diesen vermittelte, wie es gelegentlich geschieht, mein Internet-Schaffen. Jeder meiner Texte wird im Schnitt öfter pro Jahr aufgerufen, als eine so genannte akademische Buch-Auflage an Exemplaren umfasst. Wenn ich alle Aufrufe seit 2011 addiere, bin ich mehrfacher Millionär. Will ich mehr?