Tagebuch

4. Juli 2026

Der Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar veröffentlichte 1987 ein Buch mit dem Titel „Was ist ein Amerikaner? Zeugnisse aus dem Zeitalter der amerikanischen Revolution“. Das Buch erschien in der „Bibliothek des 18. Jahrhunderts“, die ein vorbildliches Unternehmen war. Was natürlich nicht bedeutet, dass irgendetwas gut war in der damaligen Diktatur. Drin im Buch ist jene Unabhängigkeitserklärung, die am 4. Juli 1776 in Philadelphia unterzeichnet wurde. Drin im Buch sind auch Texte von Thomas Jefferson, der als geistiger Vater dieser Erklärung gilt. Benjamin Franklin ist ebenfalls vertreten, dazu Washington Irving. In meinem Amerikaner-Regal steht der Band ganz oben links, nach rechts folgen Irving, Franklin und dann schon James Fenimore Cooper mit ihren eigenen Bänden. Zu Ende gebracht „Hermann Hesse und Theodor Heuss“. In dessen Skizzen zu Dichtern und Dichtung mit dem Titel „Vor der Bücherwand“ ich gelegentlich gern lese.

3. Juli 2026

Alle haben es gefordert; er sagte, er laufe nicht davon. Verantwortung übernehmen ist aber nicht Davonlaufen. Nun wollen fast alle Klopp und Klopp scheint es auch zu wollen. Am besten wäre besserer Fußball. Endlich wieder besserer Fußball. Vielleicht schafft das Klopp, falls man ihn lässt. Heute „Die Straße“ über den Unglücksdichter Johann Christian Günther. Auf seiner Spur war ich schon mal, finde einen Klebezettel in meiner einbändigen Ausgabe und ein halb gelesenes Vorwort. Ich frische mein älteres Wissen bei Ernst Osterkamp auf. Sehr angenehme Lektüre. Streame eine Veranstaltung aus dem Brecht-Haus in Berlin. Helmut Mehnert und Annett Gröschner reden über Heinz Knobloch. Einst sammelte ich Gröschner-Kolumnen, einspaltige, aus dem Freitag, bevor er „derfreitag“ wurde mit Augstein-Verwestlichung. Ein Knobloch-Experte bin ich mittlerweile selbst, ohne das jemals angestrebt zu haben. Mehnert aber bleibt der Ur-Experte, der leider nicht schreibt.

2. Juli 2026

Der 149. Geburtstag von Hermann Hesse ist zugleich der 202. Geburtstag von Klopstock. Das war der, den alle loben, aber niemand liest. Früher wäre zu sagen gewesen: bei Hesse ist es umgekehrt. Er, den alle lesen, aber niemand lobt. Ich bin mir nicht mehr sicher. Dafür heute in Hohenfelden mit dem Beobachten von Saunamützen befasst. Es gibt herrliche Exemplare auf vielen Köpfen, gehäkelt sogar oder aus Wollfilz mit der Anmutung eines Pilotenhelms aus uralten Zeiten. Am 2. Juli 2002 veröffentlichte die Zeitung, für die ich damals noch schrieb, einen Artikel mit dem Titel „Geliebt und unverstanden“. Das war der 125. Geburtstag. Hesse-Erinnerungen aus dem Jahr 1976 an die Berliner Chausseestraße. Die Erinnerungsorte dort sind verschwunden. „Folgen der Lust“ von Harald Gerlach beendet. Darin die böseste Attacke auf Eva Strittmatter, die mir in gedruckter Form bisher unter die Augen kam. 1990 ging das schon, zumal es formal nur einen Dichter Rattengift traf.

1. Juli 2026

Eine Stunde vor meinem alltäglichen Weckton, den ich nach dem letzten Update fürs Handy nicht mehr ohne Aufwand einfach wegwischen kann, meldet sich Regen auf meinem Blech-Fensterbrett. Das ist ungewöhnlich, meist kommt es aus anderer Richtung, wenn es von oben kommt. Und es kommen etwas Frische und Zugluft in die Wohnung. Ich beende zwei Komödien, die ich parallel las, weil die eine auf der anderen fußt. „Ulysses von Ithakien“ heißt die eine, „Held Ulysses“ die andere. Die eine von Ludvig Holberg, die spätere von Harald Gerlach. Was einst lustig gewesen sein mag, ist es heute nicht mehr, Gerlachs Wendung ins mehr Gegenwärtige hat sich überlebt. Aber ich bin jetzt endlich auch mit all meinen Gerlach-Gedichtbänden fertig, nur zwei hatte ich komplett gelesen vorher. In unserem sechsten Stock scheint es neue Mieter zu geben, sie holten sich vom Balkon einen ersten Überblick. Einer mit weit ausholenden Gesten beschrieb wohl das Panorama.

15. November 2025

Fast täglich unser neugieriger Blick zu Aldi. Der Umbau hat sich lange hingezogen, die Filiale ist nun auf der gesamten unteren Etage zu finden: kein Friseur mehr, kein Blumenladen, kein Asia-Laden, der Friseur hatte sich am längsten gehalten, eine weitere Ladenfläche stand schon ewig leer. Erinnerung an den Aufreger vor 30 Jahren: Aldi kommt nach Ilmenau. Niemand wollte es glauben, doch es stimmte. Aldi kam. In den ersten Jahren war es lustig: traf man einen Bekannten dort, dann gab der sofort eine Erklärung ab, dass er eigentlich nie zu Aldi gehe, nur eben heute zufällig. Später war man stolzer Aldi-Kunde, weil es dort superpreiswerte Computer gab. Man entdeckte, dass dort bisweilen sehr gute Weine zu haben waren. Für mich war Aldi jahrelang mein Teeladen. Drei Sorten in Weißblech. Es gab sie nur einmal im Jahr, ich hamsterte Vorrat für die nächsten zwölf Monate. Am Morgen standen einst die Ersten Schlange, um innen sofort zu den Angebotsregalen zu stürzen.

14. November 2025

Verrückte Erfahrung: Ich lese „Bienchens Verwandte“ und lege mir einen kritischen Beitrag von Siegfried Hähnel dazu auf den Arbeitstisch. Ich trage meine gefüllte Kiste zum Altpapier, der Container wird freitags geleert und ist deshalb für kurze Zeit tatsächlich leer. Auf dem Rückweg geht mir ein Satz durch den Kopf: „Interessanter als das, was der Autor zum Hörspiel von Rentzsch schreibt, ist das, was er nicht schreibt.“ Da kenne ich noch keine Zeile. Dann lese ich die sechs Seiten und mein Satz stimmt auf den Punkt. Was mir neu, aufregend und bewegend erscheint an diesem Hörspiel, erwähnt der Kritiker mit keinem Wort. Siegfried Hähnel ist natürlich nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Berliner Stasi-General, den die Suchmaschinen ausspucken in ganzen Trefferreihen. Preisfrage: Braucht man, um DDR vorherzusehen, besondere Fähigkeiten? Am Abend Weinverkostung. Wir sind inzwischen zu Stammgästen geworden, werden es bleiben.

13. November 2025

Das ist der Anzahl-Tag. Im Kalender sind gegen jede Vergesslichkeit die Termine vermerkt, wann welche Anzahlungen für kommende Reisen zu leisten sind, heute drei für 2026. Dazu ein Rest für dieses Jahr Silvester und ein paar andere kleine Rechnungen. Robert Louis Stevenson wurde am 13. November 1850 in Edinburgh geboren, Schotte also. Er starb auf Samoa. Und war nicht nur wegen der „Schatzinsel“ in jungen und jüngsten Jahren einer meiner absoluten Lieblinge. Um an seine Bücher zu gelangen, muss ich hohe Stapel von Zeitungsausschnitten und anderen Büchern beiseite schieben. Da stehen sie allesamt: „Der weite Horizont“, „Das rätselvolle Leben“, „Der Junker von Ballantrae“, „Die verkehrte Kiste“, „Der Selbstmörderklub“ aus der Reihe „Die Bücherkiepe“, „Reise durch die Südsee“. Natürlich auch „Dr. Jekyll und Mr. Hide“ dahinter in zweiter Reihe. Am 3. Dezember ist sein Todestag, kein runder, er hat gerade noch seinen 44. Geburtstag erlebt: 1894.

12. November 2025

Ich habe eine neue Freundin in Paris. Sie heißt Marta Lajoso. Sie meldet sich alle paar Tage bei mir mit ganz und gar überraschenden Aussagen. Zuerst hat sie meine Kunst im Internet entdeckt, dann fragte sie, ob man etwas von mir kaufen könne. Inzwischen verrät sie, dass sie einige Freunde und Bekannte kenne, die etwas von mir kaufen würden. Was könnte ich in Paris anbieten? Die einzige Aquarell-Malerei meines Lebens, von der ich nicht einmal weiß, wo sie in den Untiefen meines Sammel-Universums zu finden wäre? Eine Handschrift aus dem Jahr 1970, als ich versuchte, den damals für mich höchst lustigen Samuel Beckett zu imitieren, es sind nicht mehr als zwei Seiten?Mit „Bänkel-Geplänkel und Robinsongs“ von Jens Gerlach beende ich das neunte seiner Bücher und bin vorerst fertig mit ihm. Der Rest bleibt für kommendes Jahr. Acht der inzwischen zehn mir zugänglichen Hörspiele von Gerhard Rentzsch sind gelesen, morgen und übermorgen noch zwei.

11. November 2025

Wenn ich heute daran erinnere, dass Carl Andrießen am 11. November 1993 starb, dann deswegen hauptsächlich, weil am 6. Dezember seines 100. Geburtstags zu gedenken wäre. Die früher die Weltbühne lasen, kannten seinen Namen gut. Die irgendwie mit Mittweida zu tun hatten, kannten seinen Namen auch. Vermutlich hat Matthias Biskupek ihn da oder dort zum Thema gemacht, ich weiß allerdings nicht, wo. In seinem Arbeitszimmer in Rudolstadt hätte er es vermutlich auch nicht gefunden, weshalb er, wenn er mal bei mir war, meine Ordnung bewunderte. Aber das ist Schnee von vor dem Klimawandel. In den USA könnte der Shutdown zu Ende gehen, was mich insofern berührt, als mir das Fernsehen, für das ich Gebühren zahle, zur Illustration amerikanischer Nöte, 40 Millionen Menschen erhalten Nahrungsmittel aus Washington, zwei hyperfette Frauen in einem ziemlich großen Auto zeigte, die sich ihre Portionen holen wollten. Bei uns laufen sehr viele Arme.

10. November 2025

Vermutlich hat es dem uralten Helmut Schmidt gefallen, dass er als einziger Mensch noch rauchen durfte im Fernsehen, als das Rauchen längst nicht nur verpönt, sondern an öffentlichen Orten auch verboten war. Er galt als Weltökonom, Weltweiser, die Kölner „Mitternachtsspitzen“ hatten ihn mit Gattin als „Loki und Smoky“ in Kabarett-Figuren verwandelt. Und heute ist er schon wieder zehn Jahre tot. Allen, die ein Argument brauchen, warum sie immer noch rauchen, obwohl ihnen ihr Arzt und ihr Zahnarzt sagen, dass die Durchblutung des Beines und der Knochenaufbau im Kiefer durch fortgesetztes Rauchen stark gefährdet respektive unmöglich gemacht werden, dient der alte Sozi Schmidt als Beispiel dafür, dass man 85 Jahre rauchen kann und dennoch fast 100 Jahre alt werden. Ich gestehe: auch ich würde bisweilen gern hören, was er zu diesem und jenem sagt, zumal etliche seiner Genossen heute dazu neigen, Dinge zu sagen, die statt für Weltweisheit für Blindheit stehen.

9. November 2025

Mit „Der Nachlass“ beende ich den Rentzsch-Band, zugleich das fünfte Buch des noch jungen Monats. Grau markiert in meinem Kalender Ludwig Turek, der am 9. November 1975 in Berlin starb. Meine einzige eigene Notiz zu ihm stammt aus dem Jahr 2009, da las ich „Das Mädchen von Husum“ von ihm und wunderte mich, wie man eine Geschichte erzählen kann, die den bekannten historischen Ausgang, die Niederlage des Aufstandes der Matrosen, einfach ausklammern kann. Immerhin fand ich alles schnörkellos und so spannend erzählt, dass man auf das Ende neugierig wird. Zur halben Seite von damals ist bis heute nichts hinzugekommen. Mein Archiv führt mir aus dem Jahr 1988 drei Zeitungsbeiträge zum 90. Geburtstag von Turek vor, der auf allen Fotos stets die Tabakspfeife in der Hand hielt. Selige Zeiten der Pfeifenraucher von Grass bis Wehner. Meine letzte Pfeife endete im Kachelofen meiner Eltern, meine Mutter zwang mich so ungewollt zur Zigarette.

8. November 2025

Immerhin neun Hörspiele von Gerhard Rentzsch finden sich in meinen Beständen. Bis zu seinem 100. Geburtstag im kommenden Jahr ist noch viel Zeit, andere kommen vorher, nicht zuletzt Heinz Knobloch am 3. März. Die 34 Bücher von ihm, die ich bisher las, sind eine unvergleichlich breitere Basis, dafür ist mein nächster Text zu ihm auch schon der zehnte, den ich schreibe. Resteinkäufe für den Wochenendbesuch. Wir holen nach der Zeitung den zweiten Bier-Adventskalender für mich, die Erfahrung des Vorjahres war zu nett, um in diesem Jahr nicht einen zweiten Versuch zu starten. Das heutige Hörspiel erinnert an Ernst Thälmann, die letzte ZK-Tagung Februar 1933, ehe er verhaftet wurde. Ich frage mich zum wiederholten Male, was eine feige Ermordung ist. Gab und gibt es denn auch mutige Ermordungen? Etwa die RAF-Morde? Ein längerer Spaziergang in Unterpörlitz führt doch noch an die 10.000 Schritte heran. Und die Bayern lassen die ersten Punkte der Saison liegen.


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