Tagebuch

23. September 2026

Es hat gebrannt in der Kopernikusstraße. Unser Gafferinstinkt ist nicht stark genug ausgeprägt, um hinzurennen, aber es gibt genügend Nachbarn, die hinterher die Details kennen. Haustiere wurden gerettet, Matratzen aus dem Fenster geworfen. Wir malen uns die Opfer in der Wohnung darunter aus, wenn das Löschwasser von der Decke tropft. Die britische Autorin Deborah-Viëtor-Engländer erlebt heute ihren 80. Geburtstag. Wir hatten weiland einen netten Mailwechsel miteinander, weil sie etwas von mir gelesen hatte, was ihr gefiel. Es lebe das weltweite Netz, welches dergleichen ermöglicht. Ich besitze ein herkömmlich gedrucktes Buch von ihr, welches sich aus Platzgründen hinter den Büchern des Mannes verstecken muss, über den sie so gewinnbringend geschrieben hat: Alfred Kerr. So geht das eben. Sie war auch einmal Vorsitzende der Arnold-Zweig-Gesellschaft, was bei einem Uralt-Fan von Zweig natürlich sämtliche Türen und Fenster einrennt, die es gibt.

22. September 2026

In vielen Köpfen vereinfacht die Gleichsetzung von Antisemitismus und Anti-Israelismus die bedingten Abwehrreflexe. Einigen hilft es gar, ihre seltsame Hufeisentheorie am Köcheln zu halten. Wer über Jahrzehnte gesehen hat, um welche Hälse das Palästinensertuch geschlungen war in West und Ost und Postost, weiß halbwegs Bescheid, aber eben nur halbwegs. Natürlich rechtfertigt ein Völkermord nicht den nächsten, nicht einmal ein einfacher Mord den nächsten. Wenn alle von ihren Palmen klettern, wird es unten eng, aber die Gesinnung geht auf dem Weg nach unten in aller Regel nicht verloren. Womit ich zu Johann Peter Hebel übergehe. Der starb heute vor 200 Jahren und war phasenweise unfassbar berühmt, nicht obwohl er für breite Kreise schrieb, was gute Intellektuelle hassen, sondern weil. Ich muss zugeben, ein bissel sehr einfach ist es manchmal, was er hinterließ. Aber er brachte es in meinem Geburtsstaat in die „Bibliothek deutscher Klassiker“, auf sein Wohl.

21. September 2026

Einer wäre heute 100 Jahre alt, wenn er nicht im ebenfalls hohen Alter von 92 Jahren gestorben wäre. Sein jüngerer Bruder Armin lebt noch und nahm kürzlich bei sichtbar guter Gesundheit die „Goldene Henne“ für sein Lebenswerk entgegen. Iris Berben sprach die Laudatio. Im Dezember steht sein 96. Geburtstag an. Das Geheimnis ist also keins: die Rede ist von Hagen Müller-Stahl, auf dessen Namen ich jetzt wieder stieß, weil er an der Berliner Volksbühne „Die Feststellung“ von Helmut Baierl inszenierte: 1958. Wenig später war er Hausregisseur der Schaubühne am Halleschen Ufer für etliche Jahre. Wird das Maxim-Gorki-Theater das einzige postmigrantische Theater Berlins bleiben? Nach dem wundersamen Wahlergebnis, dass 74 bis 100 Prozent aller Wähler den Parteien ihre Stimme nicht gaben und trotzdem nur Sieger unterwegs sind? Die finale Staffel von „Babylon Berlin“, acht Teile, kennen wir nun auch. Es wollte einfach nie klappen mit dem Hitler-Sprengen.

20. September 2026

Rettungshubschrauber am Morgen. Noch müssen nicht die Wahlverlierer auf die Kliniken verteilt werden. Es ist unsere Nachbarin, die stark unterkühlt aufgefunden wurde. Helle Aufregung im Haus, jeder weiß was, niemand Genaueres. Intensivstation auf alle Fälle. Besuch am Nachmittag zu Kaffee und Kuchen. Perlen des deutschsprachigen Nachrichten-Journalismus am Abend. Jessy Wellmer erkundigt sich beim Schweriner Wahlsieger, warum sein Ergebnis nicht so gut ist wie das seines Kollegen in Sachsen-Anhalt, ob er vielleicht der falsche Kandidat gewesen sei? Wir wissen aus vergleichender Demokratie-Geschichte, dass Wahlsieger wahlweise die falschen Kandidaten sind. Dafür leiten inzwischen Jung-Bürgerinnen aus einem Ergebnis von 25,5 Prozent einen klaren Regierungsauftrag ab und alle fragen sich vor allem, warum sich der Kanzler schon 18 Uhr meldete, nicht wie üblich der Generalsekretär. Er kennt sich eben einfach nicht aus, dieser Noch-Kanzler.

19. September 2026

Du sollst keine Suche beginnen, deren Ende du nicht absehen kannst, dies ist das vierzehnte Gebot für Besitzer überfüllter Arbeitszimmer. Ich habe die Suche dennoch begonnen bis nahe an den Kreislauf-Zusammenbruch. Das Buch, nach dem ich fahndete, lag übrigens an einer Stelle, wo es hin gehörte, wenn es nicht dort lag, wo es früher immer lag quer auf anderen. Meine Anthologien mit DDR-Autoren sind nun streng chronologisch aufgestellt, selbst vordem verstreute Lyrik hat jetzt Reihenfolge. Immer neu beim Blättern Überraschungen: die hat einst auch Gedichte geschrieben, der rühmte einst den Genossen Wilhelm Pieck? Vorzeitig beende ich für diesen Monat die 10.000- Schritte-Reihe. Die AOK teilt mir dann zeitnahe mit, ich könne mich jetzt ausruhen. Am Abend bleiben Reststapel, die auf Sonntag warten. Julius Bab über Thomas Paine gelesen. Sein Buch über Friedrich Kayßler wartet in Griffweite. Ebenso sein „Leben und Tod des deutschen Judentums“.

18. September 2026

Unsere elfte Schweizreise führte uns am 16. September 2006 in die Region Goms im Kanton Wallis. Hinter Altdorf hatten wir eine falsche Spur erwischt und mussten unfreiwillig durch den endlos langen Seelisbergtunnel, am Ende 30 Kilometer mehr. Am 18. September der Ausflug nach Brig, wir wunderten uns damals noch, welche auch kleinen Summen in welchen auch kleinen Geschäften man mit Karte zahlen konnte. Heute erregt es unseren heftigen Unmut, wenn es heißt irgendwo: Keine Kartenzahlung möglich. Das gestern begonnene Lehrstück „Die Feststellung“ zu Ende gelesen. Immer noch der Jahrgang 1926. Ich sammle schon mögliche Schreibanlässe für 2027. Nach langer Pause erstmals wieder unsere große Teichrunde über die Nelson-Mandela-Brücke. Alle Bänke leer heute, weniger Wasser in den Teichen, aber immer noch genug. Überall Spuren der Sturmschäden an etlichen Bäumen, Stapel von Stämmen und Ästen, teils wohl Totholz-Deponien.

17. September 2026

Erstmals in der Weltgeschichte seit Hammurabi (Babylon) hat ein neuer Bundestrainer gleich zwei Nationalmannschaften auf einen Streich berufen. Da tritt der neue Großskandal in der Ukrainer glatt in den Hintergrund der Aufmerksamkeit. Außerdem ist Korruption dort ja nun wirklich nichts Neues, das Thema ist durch, die Moderatoren-Karteikarte kann nach unten gelegt werden. Kürzlich sah ich eine Sendung, in der es um den Jemen ging, einst hatte ich in Berlin einen Kommilitonen von dort, der gern seltsame Blätter kaute. Ich sah, wie saudischen Bomber Angriffe flogen und hörte die Sprecherstimme sagen, dass es nichts nützte. Es gab also schon einmal Menschen, die wussten, dass Bomben nicht helfen, nur zerstören. Nicht einmal die Deutschen erhoben sich gegen Hitler, als die Royal Airforce versuchte, die Wohngebiete in Schutt und Asche zu legen. Es gelang Briten nebst Amerikanern großenteils perfekt, dennoch musste Berlin erobert werden. Nur lernt niemand daraus.

16. September 2026

Wikipedia kennt den genauen Geburtstag nicht, der Sächsische Literaturrat kennt ihn: heute wird Reiner Tetzner 90 Jahre alt. Seine Frau Gerti Tetzner folgt ihm im November, um sie gibt es einen Hype, der vor allem ihrem Roman „Karen W.“ gilt. Der Medienbetrieb hat in gewissen Abständen das unabweisliche Bedürfnis, sich einzugestehen, dass es doch bisweilen Literatur gab in  der DDR. Der Roman hat 52 Jahre auf dem Buckel, bemerkt wurde er erst nach der Neu-Edition 2025. Ich hatte heute ein Buch in der Post von 2015, das mich überraschenderweise im Personenregister und im Text führte. Nie hätte ich davon erfahren, nun weiß ich es. Leider stimmt nicht, was dort über mich steht, aber das ist das Leben. Ich selbst stimme ja bisweilen nicht. Das Buch heißt „Gesperrte Ablage“ und behandelt die „unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945 bis 1989“. Wenn schon, dann will ich in der DDR unterdrückt gewesen sein. War ich aber gar nicht so richtig.

15. September 2026

Unser Lieblings-Exverleger feiert heute seinen 72. Geburtstag. Frühe Gratulation mit Foto vom Radebeuler Weinberg. Das Wasser sollte ab 7 Uhr nur noch kalt sein, war aber auch kurz nach 8 Uhr noch warm. Nichts wird so kalt gegessen, wie es gekocht wurde. Am Sonntag hätte ich an Sherwood Anderson denken können (150. Geburtstag), gestern an Michel Butor (100. Geburtstag). Über Anderson schrieb ich vor Jahren, über Butor nie. Der Sorbe Jurij Koch erlebt seinen runden Geburtstag heute, es ist der 90., auch über ihn schrieb ich einst, als mich die Diktatur noch beutelte. Mein Antiviren-Programm schützt mich vor dem Besuch der Koch-Seite. Aber natürlich ist nicht Koch es, vor dem ich beschützt werden muss, sondern seine Website, die irgendwelche Kriterien nicht erfüllt. Heute ist der Internationale Tag der Demokratie und einige Länder Mittelamerikas feiern ihre Unabhängigkeit von Spanien. Ich wäre lieber von Trump unabhängig als von Spanien.

14. September 2026

Tagesschau-Lehrstunde am Abend: aus einer Journalistenfrage in Finnland die Folgerung, dass sich der Druck auf Kanzler Merz erhöht. Will nur sagen: Wir ARD-Journalisten erhöhen den Druck auf Kanzler Merz. Während das ZDF im zweiten Wort der Nachricht die Spionin deutsch-ukrainisch nennt, hat die ARD Mühe, diese Information ganz am Ende unauffällig unterzubringen. Es darf nicht sein, dass Ukraine oder ukrainisch in negativen Zusammenhängen erscheint. Wir waren vor 13.30 Uhr wieder in Ilmenau. Kein Postberg. Der Wein bei den Nachbarn zu holen. Nette Sorten. Der Kalender verrät, dass wir vor fünf Jahren das Schiff von Genua nach Sizilien bestiegen. Vorher Genua-Erkundung. Was hatte man uns Jahre zuvor für Unsinn über Genua erzählt. Seither sind wir Werbebotschafter für diese Hafenstadt, die ihre Morandi-Brücke schneller wieder aufbaute als bei uns die Planungsunterlagen aus dem Keller geholt werden. Noch mehr Druck auf Kanzler Merz!

13. September 2026

Tag des offenen Denkmals in Dresden. Zu Hause verpassen wir ihn in den letzten Jahren meist, weil wir außer Landes sind. Heute Friedhöfe. Erst Tolkewitz mit Ehrung für den in Dresden geborenen Heinz Knobloch. Der Berliner Freundeskreis, der auf seiner Knobloch-Seite einigen meiner Texte zusätzliche Verbreitung verschafft (Aufrufe inzwischen im fünfstelligen Bereich), hat alles bestens vorbereitet. Die Akustik in der Feierhalle ist gewöhnungsbedürftig. Am Grab weitere Details. Wir suchten und fanden König Kurt und später den Eliasfriedhof, wo wir mit dem Staunen kaum fertig wurden: Was für ein Schatz. Die Eliasmarmelade aus Mirabellen, die auf dem Friedhof wuchsen. Und ein Buch über alle Schriftsteller, die mehr oder minder lange in Dresden waren in den letzten sechshundert Jahren. Nach Caspar David Friedrich eine Besenwirtschaft in Radebeul, wo wir nach vielen Treppen sechs Weine verkosteten, dabei einen Schwarzriesling als Blanc de Noir ausgebaut. 

12. September 2026

Heute reisen wir zum Kurzbesuch nach Dresden. Wir gedenken dort nicht des 150. Todestages von Anastasius Grün, der eigentlich Graf Anton Alexander von Auersberg hieß, Politiker war und Lyriker. Dergleichen kommt eher selten vor. Wir hatten in Thüringen zuletzt einen SPD-Lyriker, den alle liebten, die sich von ihm Lotto-Mittel erhofften oder ähnliche Wohltaten. Man soll weder über den Geliebten noch über die Liebenden sein Stäbchen brechen. Selensky, unser aller illegitimer Lieblingspräsident, hat ein (Triggerwarnung) objektives Interesse an der Fortsetzung des Krieges gegen sein Land, weil er andernfalls sich Wahlen stellen müsste, die er höchstselbst wegen des Kriegsrechts für unmöglich erklärt hat. „Liebesgedichte“ heißt sehr schlicht ein Band aus dem Jahr 1962, in dem letztmals Biermann-Verse abgedruckt waren innerhalb der DDR. Am 15. November will der Sangesbarde 90 Jahre alt werden. Trau keinem über 89, lässt sich da frohen Mutes sagen.


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