Tagebuch
31. Juli 2026
Knapp 13 der 744 Stunden dieses Monats Juli habe ich mich des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bedient, der Grundkurs Mathematik der Gesamthochschule Wümmen an der Bömme mag sich die Aufgabe stellen, das prozentual zu bestimmen. Ich habe dennoch ohne zu murren und zu maulen, ohne zu fragen, was Kanzler Merz dazu sagt oder Bärbel Bas, meine Rundfunkgebühren ungekürzt unfreiwillig entrichtet, mein Sehbedürfnis bediene ich per Streaming. Noch nie war die Zeit der Wiederholungen so lang wie in diesem Jahr. Aber es war ja auch so trocken wie nie, so nass wie nie, die Fallzahlen stiegen wie nie und meine Rente ist hoch wie nie. Jetzt müssen wir nur noch den August überstehen, irgendwann spielt die Bundesliga wieder und ich habe heute nicht pünktlich meine Steuererklärung abgegeben. Kenne aber Menschen, die dieses taten und es zugleich bekannt gaben. Ich las einen Gedichtband zu Ende, der mich fast Zeile für Zeile ratlos und hilflos machte.
30. Juli 2026
Friedrich Merz ist in der Politik so etwas wie der Chris Dercon der Berliner Theaterlandschaft. Eine ihre Eigenmacht genießende Multiplikatoren-Klientel gab dem Mann für die Nachfolge des Regie-Wüterichs vom Rosa-Luxemburg-Platz von Beginn an nicht die Spur einer Chance. Man hätte ihn scheitern lassen können, eine ganze Philosophie und zusätzlich Phänomenologie des Scheitern hätte schöne Feuilleton-Seiten gefüllt, mit vergossenen Krokodilstränen hätte man der Austrocknung per Klimawandel ausgesetzten Elbe aufhelfen können. Nun: trockne weiter, liebe Elbe, am Ende ist immer die CDU schuld. Sie müsste für solche Zwecke eigens erfunden werden, gäbe es sie nicht schon als immer noch ansehnlichen Rest einer Volkspartei. Von der SPD redet niemand mehr, der ernst genommen werden will, die AfD ist auf Dauer für echte Blutwallungsträger als einziger Feind dann doch langweilig. Wohin treibt die Bundesrepublik, fragte einst Karl Jaspers. Wohin denn nur?
29. Juli 2026
Rechnitz. Es gibt Leute, die denken da sofort an Elfriede Jelinek. Ich denke nie an Elfriede Jelinek. Jedenfalls nicht freiwillig. Aber ich sehe natürlich, wenn wieder irgendein Theater irgendeine superbrandaktuelle Textfläche von ihr auf die Bühne gerotzt hat. Die üblichen Verdächtigen sind auf übliche Weise begeistert. Ein Jahr später erinnert sich niemand mehr an den Kramotsch mit Sauce. Rechnitz hat eine Geschichte, natürlich. Man stellt sich ihr offenbar, wie zu erkennen, wenn man im Netz nach der Gemeinde schaut. Man liest dort auch von niederländischen SS-Leuten. Wäre so auch schlimm genug. Unsereins kennt ein wenig das Burgenland und liebt Österreichs Weine. So klingelte denn am Morgen ein mir bis dato unbekanntes Transportunternehmen, um mir eine Kiste Wein aus Rechnitz auszuliefern. Drin unter anderem zwei Uhudler, ihn kenne ich vom Hörensagen allein. Drin auch als freundliche Beilage ein Heurigenkalender und eine Karte des Burgenlandes.
28. Juli 2026
Mehr als sechs Jahre ist es her, dass ich „Fritz Usinger: Marie Luise Kaschnitz“ ins Netz stellte. Meine drei Usinger-Bände aus der Werkausgabe der Waldkircher Verlagsgesellschaft (Friedberger Ausgabe) liegen (wegen mangelnden Platzes an der richtigen Stelle) nicht ganz passend quer über Johannes R. Becher. Es gibt schlechtere Liegeplätze in meiner aus sämtlichen Nähten platzenden Bibliothek. Und nun ein Anruf aus Traben-Trarbach, wo ich im Mai 1994 schon einmal war, einer von zwei Männertagsausflügen mit meinem Vater. Eine Kunsthistorikerin, Jahrgang 1940, wie sie mir verriet, bedankte sich für meinen Beitrag mit Worten, die ich sehr gern hörte, aber hier für mich behalte. Es stellte sich heraus: sie hat Fritz Usinger mit ihrem Vater noch selbst kennengelernt und verfügt über Nachlass-Schätze. Und es gibt Bezüge zu Henry Benrath, der eigentlich Albert Heinrich Rausch hieß, geboren eben im hessischen Friedberg. Wir werden Mail-Kontakt halten.
27. Juli 2026
Langsam wäre für den Vorgang eine DIN-Norm fällig: Erst das Verbrechen, dann die Betroffenheit, Fassungslosigkeit, der Blumenhaufen und die Kerzen in ihren roten Behältern. Die übliche Frage: Hätte es verhindert werden können? Die übliche Antwort: Nein. Es werden erste Konsequenzen gefordert. Noch nie ist jemand zu den zweiten oder dritten Konsequenzen vorgestoßen. Die Frage, ab wann wusste Angela Merkel wovon, ist nicht mehr zu stellen. Der junge Mann mit seinem stets griffbereiten Pappschild: Warum? ist inzwischen erwachsen geworden. Jedenfalls sieht man ihn nicht mehr: nirgends. Für die Ukraine ist das wieder sehr schlecht. Man spricht nicht mehr von ihr. Und dann brennen auch noch Wälder. Können sich die Ereignisse nicht besser untereinander abstimmen. Immerhin sehen wir Korrespondenten, die wir vorher nie sahen. Am 27. Juli 1946 starb in Paris Gertrude Stein. Lebensgefährtin Alice Babette Toklas überlebte sie um mehr als 20 Jahre.
26. Juli 2026
Mein Geburtstagskalender erinnert an Ana Maria Matute, doch irrt er an dieser Stelle, denn die Spanierin war im vorigen Jahr an der Reihe mit ihrem 100. Geburtstag. Solche Fälle kommen vor und nicht in die Hauptnachrichten. Im Jubiläumsjahr von Hermann Kant versucht sich wieder einer einmal in der Übung „Ich will nicht Minister werden“, es wird allerdings kaum ein Roman über ihn daraus werden. Verkehrsminister ist ein Job wie Wirtschaftsminister in der freien Marktwirtschaft: man ist zuständig für Rahmenbedingungen, nicht etwa für Wirtschaft oder gar Verkehr. Eine Brücke ist in China gebaut und eingeweiht, wenn bei uns die zweite Planungsphase beginnt und Grüne langsam ihre Zuchten im Keller prüfen, wann genau sie nun entsprechende Frösche, Fledermäuse oder Schmetterlinge aus der Kiste lassen müssen, damit sie mit finalen Erfolgsaussichten das verzögern können. Und dann auch noch Abdul zum Christopher Street Day. Wieder kein Rechter.
25. Juli 2026
Wenn ich morgens versonnen, versonnen ist natürlich Quatsch, klingt aber stimmungsvoller, in meinen beiden Teegläsern rühre, denke ich regelmäßig an einen einfachen Schulversuch aus der Zeit vor unserer Zeit. Es ging um die gesättigte Lösung. Wenn man lange genug Zucker in Wasser schüttet und rührt, Tee ginge auch, dann kommt der Punkt, an dem sich der Zucker trotz heftigsten Rührens nicht mehr auflöst. Da mir sonst nie etwas aus Schülerzeiten plötzlich vor Augen steigt, muss das besonders einprägsam gewesen sein. Würde ich meinen vierten Roman schreiben, könnte ich lange darüber meditieren, warum eben dies und nichts anderes. So aber nehme ich diesen doch angenehm sonnigen Samstag als Tag, an dem die Rentenerhöhung im Briefkasten liegt. Bei der Wahl, ob ich mich über die vielen Abzüge ärgere oder über die Netto-Erhöhung freue, entscheide ich mich für oder. Ich musste nicht auf den nächsten Parteitag warten: der Mensch im Mittelpunkt.
24. Juli 2026
Nicht immer ist die Tagesschau so auf Offenbarungseid aus wie heute. Wie sehr hat die Regierung diesen Neustart verpatzt? Fragt der Moderator den Mann vom Hauptstadtstudio. Es geht um die noch nicht abgeschlossene Regierungsumbildung. Klar also von vornherein: Verpatzt. Die dazu passenden Stimmen aus der Opposition und der patzenden Regierungspartei selbst, einer aus der fast unerschöpflichen Riege der Beobachter. Ich erinnere mich an meine frühen Journalistenzeiten in Suhl: Wir brauchen eine parteilose Mutter von drei oder mehr Kindern, die die Maßnahmen von Partei und Regierung „vollinhaltlich“ unterstützt. Alle Kollegen hatten einen Vorrat solcher Mütter in ihrer Kartei. Nun war nur noch auszukegeln, wer seine besuchen durfte, ihr ihre vorformulierte Meinung zur Unterschrift vorzulegen. Friedrich Merz ist der unbeliebteste aller Kanzler. Wenn wir das vergessen, müssen wir ARD einschalten, die sagen uns das nach Bedarf und gegen Gebühr.
23. Juli 2026
Auf ausdrücklichen Enkel-Wunsch heute Fahrt nach Schmalkalden in die Nougat-Allee. Dort waren sie schon und es gefiel beiden so gut, dass ihnen ein erneuter Besuch erstrebenswert schien. Heute offenbar Rentnerinnen-Tag in der Nougat-Welt, Heerscharen von Rollator-Fahrerinnen besetzten die Fotopunkte und die Nasch-Stellen. Auch als wir an Tisch 1 unsere Pizzen vertilgten, marschierten große Gruppen an ihre vorbestellten Kaffeetische, am Tresen reihenweise Kuchenteller für sie. Auf dem Rückweg kurzer Halt an einem Getränkemarkt, der mit elf Biere eintrug, die ich verdächtige, noch nicht in meiner Sammlung vertreten zu sein. Der Leergut-Automat im Ilmenauer Kaufland verweigert neuerdings Flaschen ohne Etiketten, was er früher nie tat, was wiederum das Personal tapfer lügend verneint. Als müssten die Etiketten nicht ohnehin von ihren Flaschen entfernt werden für die nächste Befüllung. Andere Automaten anderer Märkte nehmen die Flaschen anstandslos.
22. Juli 2026
Da ich nicht der einzige Opa meiner Enkel bin, ist heute der andere an der Reihe, holt sie bei uns ab und bringt sie abends wieder. Weil es ihn gibt, brauchen wir mit ihnen keine Ausflüge nach Erfurt zu unternehmen, Erfurt ist sein Revier. Ich lese „Es lebten einst zwei Brüder“ von Günther Rücker und beende damit den dialog-Band „Höchste Zeit. Hörspiele“ aus dem Jahr 1989. Ob es vor dem letzten Band von 1991 noch einen gab, der 1990 erschienen sein müsste, weiß ich trotz intensiver Nachforschung bis jetzt nicht. Dieser Band wäre für die Dokumentation der Hörspiele des DDR-Rundfunks aus dem Jahr 1988 zuständig gewesen. Sie fehlen zur Vollständigkeit meiner Sammlung, die ich inzwischen auch systematisch las und lese. Gerade die Überblicke über Jahresproduktionen sind immer sehr aussagekräftig und bieten manche Überraschung. Ich könnte eine Statistik der am meisten eingesetzten Sprecher aufstellen oder eine Liste aller finnischen Hörspiele im DDR-Radio.
21. Juli 2026
Wenn überm Eingang des Schwimmbads Hammergrund eine 13 zu sehen ist, heißt das: es sind bis eben genau 13 Besucher gekommen. Wir treiben die Zahl mit Schwung auf 17, werden freundlich von der Frau begrüßt, die in Zeiten des Ansturms im Kassenhäuschen sitzt, ich habe bei ihr früher manches Brötchen gekauft, bis mir Corona den wöchentlichen Gang zum Bäcker abgewöhnte. Es war einfach nicht lustig, bei Wind und Wetter in einer 200 Meter langen Schlange zu stehen und innen von drei Verkäuferinnen allein bedient zu werden, bis der nächste eintreten durfte. In Berlin würden Familienkarten zum Ilmenauer Preis in Hitzetagen zum Zusammenbruch des Systems führen. Besonders dicke Jungen hatten heute das Bad fast für sich, es waren nur zwei da, dünnere Berliner wären ohne Bademantel aufgeschmissen. Der Imbiss-Anbieter ließ mangels Kundschaft den Rollladen unten, wir verspeisten Mitgebrachtes. Zwischendurch fielen einige Einzeltropfen.
20. Juli 2026
Wer während eines ganzen Turniers nur ein einsames Tor kassiert, wird Weltmeister. Wir hatten zum Kassieren unserer Tore eigens einen Rücktritt vom Rücktritt inszeniert. Jeder, wie er kann. Sehr oft haben leibhaftige Könige nicht reihenweise junge Männer zu umarmen, die nicht mehr ganz frisch riechen. Sehr oft stellt sich auch kein orangefarbener Präsident mit aufs Siegerfoto, das aber das lässt heute leicht löschen aus dem Foto. Selbst ich habe schon einen dicken Knaben in Garmisch-Partenkirchen ersatzlos mit dem Objektradierer ins Diesseits befördert, in Frankfurt am Main latschte mir eine Frau vor die Linse und jetzt ist sie auf dem Pflaster nicht mehr zu erkennen, nicht mal ihr Umriss. So verstieß ich nicht gegen ihr Persönlichkeitsrecht. Werner Ilberg hat heute seinen 130. Geburtstag. Sein „Die Fahne der Witwe Grasbach“ stand im Bücherschrank meiner Eltern, sein „Unser Heine“ steht in meiner recht ansehnlichen Heine-Sammlung. Ilberg starb 1978.