Tagebuch

18. März 2017

Früher fanden an solchen Tagen Revolutionen statt oder freie Wahlen, bei denen die SPD trotz sensationeller Vorwerte baden ging, oder es wurde wenigstens Christa Wolf geboren. Heute ist Tag der politischen Gefangenen und außerdem etwas mit dem Namen Equal Pay Day. Es ist immer noch eine Tatsache, dass eine weibliche Frisöse deutlich weniger verdient als ein männlicher Ungleichheitsforscher. Während allerdings umgekehrt auch die weibliche Ungleichheitsforscherin mehr verdient als der männliche Frisör. Dies ist dann nicht nur Ungleichheit, sondern gleich noch Ungerechtigkeit dazu. Ich habe eben noch eine uralte Buch-Kritik von Marcel Reich-Ranicki gelesen, welche sich mit einem Herrn befasste, der heute auch eine Rolle spielen könnte, weil er 85 geworden wäre, wenn er nicht, wir wissen es natürlich, vorher gestorben wäre, sein Name ist John Updike, den wir seit vielen Jahren bei passender oder unpassender Gelegenheit ziemlich gern lesen.

17. März 2017

Dies war weder eine Freudsche noch eine sonst tiefenpsychologisch zu erklärende Fehlleistung, es war einfach ein Eintrag in der falschen Zeile des Monatskalenders. Er verursachte immerhin mäßig aufgeregtes Suchen nach nicht vorhandenen Zeitdokumenten, vergebliches Anrufen eines alten Freundes in der Hoffnung auf dessen Gedächtnis. Heute nun der Blick ins alte Geschäftstagebuch des Jahres 1967 und siehe, der 17. März 1967 war ein Freitag, wie er es heute wieder ist. Daran knüpfte sich umgehend die sichere Erkenntnis, da könne nie im Leben Jugendweihe gewesen sein. Und richtig, die Urkunde, die mit Unterschrift von Karl Macholdt und Stempel belegt, wann die Jugendweihe war, trägt das Datum vom 19. März 1967. Das war ein Sonntag, wie es jetzt wieder ein Sonntag sein wird, übermorgen nämlich. Kann ich heute also in Ruhe das machen, was ich sonst erst morgen in Ruhe gemacht hätte. 1967 führte ich noch eine Briefmarkenstatistik. 50 Jahre her!

16. März 2017

Der Mann auf der Chesterfield-Werbung sieht ein bisschen aus wie der tote Che Guevara, bevor ihm die Augen geschlossen wurden. Unten auf dem Riesenplakat steht: Rauchen ist tödlich. Was im Fall von Che nicht bestätigt werden kann, der hätte vermutlich noch eine Weile weiter an seiner Zigarre genuckelt. Die ZEIT eröffnet heute den Reigen der Buchmesse-Beilagen, zwei Seiten entfallen auf den SPIEGEL-Mann Dirk Kurbjuweit, nicht zu verwechseln mit dem zwölf Jahre älteren Lothar Kurbjuweit, und dessen ersten historischen Roman „Die Freiheit der Emma Herwegh“. Der 200. Geburtstag der guten Emma am 10. Mai hat vermutlich die Geburtshelferrolle gespielt, die Reihe der Angela-Merkel-Bücher lässt sich auf Dauer auch nicht beliebig fortsetzen. Unsereiner fragt sich bisweilen, wie viel Zeit man im Flaggschiff des oberfeinen Nachrichten-Journalismus eigentlich hat, um nebenher noch die Bücherregale vollzuschreiben. Auf Emma!

15. März 2017

Fast ein wenig erschrocken bin ich, wie lang mein Ausflug zu Jurek Becker gestern noch geworden ist und alles nur, weil ich den ersten Absatz dreimal umschrieb. Unbeachtet lag den ganzen Tag der Notizzettel auf dem Arbeitstisch, der einen Satz von Nora Bossong festhielt, gesprochen in der Denis-Scheck-Sendung am späten Montag: „Das Umdenken muss in den Köpfen beginnen“, sagte die Lyrikerin, nachdem sie für ihr Buch „Rotlicht“ hinlänglich geworben hatte. Ja, verehrte Nora, wir Alten haben früher das Umdenken noch im linken Knie begonnen. Wo es bei Valentin Rasputin begann, weiß ich nicht, der wäre heute 80 Jahre alt geworden. Und da in meinem Archiv noch nicht alles ausgegraben ist, zerre ich wieder etwas ins weltweite Netz. Ich vermelde das Erscheinen eines Bürgers an meiner Wohnungstür, der nach vorheriger Anmeldung ein Buch von mir zu kaufen wünschte, welches gemeinhin als vergriffen gilt. Ich griff eines aus der eisernen Reserve, so bin ich.

14. März 2017

Am 14. März 2015, einen Tag vor seinem 78. Geburtstag, starb Walentin Rasputin. Der SPIEGEL, der knapp 30 Jahre zuvor mit ihm ein ausführliches Interview geführt hatte, widmete ihm immerhin ein paar Nachruf-Zeilen und setzte ein schwarzweißes Jugendbildnis dazu. DDR-Leser und DDR-Kinogänger erinnern sich möglicherweise des Titels „Abschied von Matjora“, heute nennt man dergleichen umstandslos verstörend. Das fast bis zum Ende des vermeintlich sozialistischen Systems gepflegte makellose Bild der Sowjetunion (an das kaum jemand ernsthaft glaubte), bekam schwere Kratzer durch Männer wie Rasputin oder Schukschin. Schon wieder krame ich in meinen alten Sachen und vergesse darüber dennoch nicht Jurek Becker, den Wundertäter von Solothurn, der vor 20 Jahren starb. Wenn in Kürze der 600. Geburtstag von Bruder Klaus zu begehen ist, wird daran zu erinnern sein, dass seine Heiligsprechung lange klemmte wegen der Zahl seiner Wunder.

13. März 2017

Nein, zu meinem Bild der Karoline von Günderrode hat die neue Sonderausstellung im Jenaer Romantikerhaus nichts beigetragen. Ich habe sogar ein paar halbwegs seltsame Sätze von den drei beteiligten Künstlerinnen gelesen, die ihren Werken oft sehr allgemeine Titel gaben, unter denen man sich alles und nichts vorstellen darf. Das Romantikerhaus selbst, in dem einst Fichte einige Jahre wohnte, ist von jeder Sonderausstellung unabhängig wegen seiner Dauerausstellung sehr zu empfehlen. Sehr zu empfehlen ist auch immer noch Wladimir Makanin, der heute 80 Jahre alt wird, weshalb ich in meinen alten Sachen kramte. Ich gehörte zu denen, die in der ihrem unklassischen Finale entgegen stolzierenden DDR gern auch zu aktueller Sowjetliteratur griffen, aus der die Zensur seltsamerweise immer öfter Bücher durchgehen ließ, die sie DDR-Autoren kaum verziehen hätte. Vielleicht aber täuschte dieser Eindruck, denn nebenher gab es genug grässlichen Sowjetmist.

12. März 2017

Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich heute über die jüngste Autorin geschrieben, über die ich je schrieb. Jenny Erpenbeck war fünf Tage alt, als ich Jugendweihe hatte. Ihr Vater John war 25, als er Vater dieser Tochter wurde, ich war 25, als ich Vater meiner Tochter wurde. Mit Vater John hatte ich einen knappen und freundlichen Mail-Wechsel, als ich über seinen Vater Fritz Erpenbeck schrieb. Von Fritz Erpenbeck las ich Krimis, ehe ich Theater-Kritiken von ihm las. Und ich las „Was kann Kunst?“, ehe ich Johns Anthologie „Windvogelviereck“ rezensierte. Von Hedda Zinner las ich erst ziemlich spät etwas. Und seit ich John Erpenbeck über seine Mutter las, interessiert mich der Verdrängungswettkampf der Brecht-Jünger gegen die Andersgläubigen. Ich sah lange mit den Augen der Brecht-Jünger, ohne je Brecht-Jünger gewesen zu sein. Waren die  Brecht-Jünger etwas wie die Gruppe 47 des Ostens hinsichtlich ihrer Verdrängungswirkung? Gruß an Jenny.

11. März 2017

Nun habe ich es mir gekauft, das seit Dienstag auf dem Markt befindliche Sonderheft des SPIEGEL mit dem Titel „Martin Walser, 90. Chronist der deutschen Seele“. Nein, zum Ingenieur der menschlichen Seele haben sie ihn nicht gleich gemacht, den Mann mit den seit Theo Waigel eindrucksvollsten Augenbrauen im gesamtdeutschen Sprachraum, der Jahr für Jahr einen Roman veröffentlicht oder anderes Dickes und sich zwischendurch auch immer prima in den Schlagzeilen hält. Ein solches Hochglanz-Heft haben zu Lebzeiten weder Böll nach Grass bekommen. Ob ihn das entschädigt, wage ich nicht zu behaupten. Irgendwie hat alles auch ziemlich sicher mit Jakob Augstein zu tun, dem leiblichen Sohn, der ein solches 122 Seiten starkes Produkt wohl kaum mit Händen und Füßen verhindern wollte. Es gab Phasen, da las ich Walser morgens, mittags und abends, jetzt erschrecke ich, wie ihm „Altmännerprosa“ um die Ohren gehauen wird. Von Frauen.

10. März 2017

Titus Müller, Jahrgang 1977, lese ich im Kulturkalender der BERLINER ZEITUNG, widmet sich in seinen Romanen zeithistorischen Themen. Manchmal suche er sie im 20. Jahrhundert, manchmal im Mittelalter. Einer dieser Romane (Plural) behandelt den 17. Juni 1953 in der DDR und trägt den, Achtung, Stefan Heym in Deinem Grab: Umdrehen!!, sauoriginellen Titel „Der Tag X“. So hieß am 19. Juni 2016 auch ein Artikel von Thomas Gutschker in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG, der kein Roman war. Gut, dass wenigstens die Theater noch vernünftig arbeiten: Dresden entdeckt den bisher unbekannten Dramatiker Joseph Roth mit seinem herrlichen Stück „Hiob“, Felix Klare brilliert in „Ehen in Philippsburg“, einem lange für einen Roman gehaltenen Werk von Martin Walser, der leider für Bühnen nichts geschrieben hat. Weimar kündigt für die Spielzeit 2017/18 schon jetzt Lessings Roman „Nathan der Weise“ an, Regie Hasko Weber.

9. März 2017

Nur weil der Begriff Service-Wüste Deutschland aus dem Gebrauch kam, heißt das nicht, dass das zugrunde liegende Phänomen verschwand. Nehmen wir den Saftladen DHL, der irgendwie zur Deutschen Post gehört. Versuche, mit denen Kontakt zu bekommen, um eine einfache Frage zu klären: Wahnsinn. Irgendwann eine radebrechende Dame am Telefon, welchen Hintergrundes auch immer, sie versteht nicht, man versteht sie nicht. Immerhin findet sie heraus, was man selbst schon herausfand: der DHL-Fahrer hat angeblich um 12.51 Uhr niemanden angetroffen. Niemand bin ich und es passiert zum zweiten Mal in Folge. Der Kerl scheint zu faul zu klingeln und zu warten, bis sich jemand meldet, er legt seine Benachrichtigung in den Briefkasten, 24 Stunden später darf ich einen Kilometer laufen, um die Sendung zu holen. Warum bringt DPD sogar fremde Pakete bis zur Wohnungstür und fragt vorher, ob ich sie annehme? Kurz vor DHL, denen Mühe ein Fremdwort ist.

8. März 2017

Dem Vernehmen nach starb er an den Spätfolgen einer Vergiftung mit Agent Orange, jenem Mittel, das die Amerikaner, als sie die Freiheit noch in Vietnam verteidigten, dort einsetzten, um von oben bessere Sicht auf die sonst von den Blättern des Urwaldes verborgenen Viet Cong zu gewinnen und ihre Napalm-Bomben besser platzieren zu können. Harry Thürk also, den sie im Westen, als sie da endlich bemerkt hatten, dass es den tatsächlich gab, den Konsalik des Ostens nannten, wäre heute vielleicht 90 geworden, wenn er nicht mit diesem Gift in Kontakt gekommen wäre. In meinem Bücherbestand steht fast nichts von ihm, weil fast alles von ihm im Bücherbestand meines Vaters steht, zum Teil von mir besorgt und geschenkt. Ich las in sehr jungen Jahren sehr viele dicke Bücher von Harry Thürk, später keine mehr. Ich freue mich mittelprächtig, dass ich ein frühes Buch von ihm selbst besitze, das Wikipedia nicht kennt, dazu gut passend „Su-su von der Himmelsbrücke“.

7. März 2017

Wir waren schon Papst, warum sollten wir nicht auch Alpenrand sein können. Für den ist heute ergiebiger Schneefall angesagt, bei uns schneit es. Noch muss der Winterreifen warten, bis er in sein Sommerquartier umsiedeln kann. Harald Gerlach hat leider nicht bis zu seinem heutigen 77. Geburtstag gewartet, obwohl er ihn sicher gern erlebt hätte. Ich verdanke ihm nicht nur manch Lesererlebnis als solches, sondern auch die Hinlenkung auf andere, die schrieben. Auf Ludvik Holberg etwa, den Dänen, dem Gerlach sein „Held Ulysses“ nachempfand. Oder auf Christian Dietrich Grabbe, von dem sich Gerlach gleich den kompletten Titel entlieh: „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. Beide Stücke stehen dummerweise in einem Buch des Jahrgangs 1990, aus dem gleich wagenladungsweise Müllkippen versorgt wurden, als der DDR-Leser sich endlich allem zuwenden durfte, was ihm bis dato versagt war. Manch Humorist leidet noch heute schwer darunter. 


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