Tagebuch
20. November 2023
Zu späterer Stunde gestern, den Tatort hinter mir, den Regen draußen auf dem Fensterbrett, stieß ich beim Abschreiben einiger Zitate aus einem Buch, das ich vor mehr als 43 Jahren las, auf das Wort Anorak. Schau doch mal, was das eigentlich ist in den Augen unabhängiger Suchmaschinen, sagte ich mir und siehe: jüngeren Menschen wird erklärt, dass das ein Old-scool-Wort ist. Wer es benutzt, ist demzufolge alt, was ich nicht leugnen kann. Die dünnere Variante des Anoraks heiße Windjacke, die dickere und längere Parka. Parka-Träger beneidete ich als junger DDR-Mensch früher, die Träger von Windjacken nie und wenn mir jemand gesagt hätte, dass das Wort von den Inuit stammt, hätte ich glatt gestutzt: Wie schmuggelte sich Eskimo-Vokabular in die gut gesicherte Republik der Arbeiter und Bauern und der mit ihnen verbündeten Schichten? Ich werde dem Problem weitere Lebenszeit nicht widmen. Komm nu, Werner, sagt mein Namensvetter im Film, die Zeit ist kuaz.
19. November 2023
Aus gewöhnlich gut unterrichteten Berliner Kreisen, die in vollständiger Familienrunde das Spiel Deutschland gegen Türkei verfolgten, verlautet, dass selbst Stadion-Betreiber nach erfreulichen Anfangsminuten abkackten, die Kombination von Bratwurst und Bier, sonst im Olympia-Stadion lange bis längste Schlangen erzeugend, lockt unsere Freunde vom Bosporus nicht. Die kommen zu ihrem Heimspiel zu Fuß, mit der S-Bahn oder auch mit ihren Autos aus ganz Deutschland, was an ihren Kennzeichen, weshalb sie so heißen, gut kenntlich wird. Da es von ihnen innerhalb unserer schlecht bewachten Außengrenzen mehr gibt als Sachsen, fast so viele wie Niedersachsen, ein Mehrfaches aller Saarländer, darf die Welt als in Ordnung abgehakt werden. Die Zahl derer, die Deutschland noch immer als nennenswertes Fußball-Land sehen, verhält sich reziprok zur gefühlten Durchschnittstemperatur unter dem Vorsitz des Klimawandels. Auf nach Österreich, auf nach Wien.
18. November 2023
Es ist „Tag der offenen Tür“ im Kindergarten nebenan. Wir sind vorgewarnt worden, unser Auto bis 13 Uhr möglichst nicht zu bewegen, sonst könnten die Besucher auf den Gedanken kommen, dass die Schilder „Mietparkplatz“ für sie nicht gelten. Die Vorwarnung kam nicht aus dem Kindergarten, natürlich nicht. Natürlich kommen in die Keplerstraße seit Jahren auffallend viele Analphabeten, die einfache Schilder nicht lesen können. Wer also glaubt, es gäbe in Deutschland gar keine der Schrift Unkundigen, der sollte es hier auf einen Test ankommen lassen. Diese Bürger nehmen auch keine Notiz von der begrenzten Parkzeit da, wo das Parken erlaubt ist. Dort gibt es Strafzettel sogar für Anwohner, wenn das Ordnungsamt Ausgang hat. Manche Anwohner greifen stracks zum Mittel der Nötigung. Man könnte an ihre Flächen den Warnhinweis anbringen: Achtung, bissige Besitzer. Das Schild müssten Übeltäter dann allerdings auch erst wieder lesen, was eine anstrengende Übung ist.
17. November 2023
Das erste Buch, das ich mir von Doris Lessing kaufte, hieß „Afrikanische Tragödie“, es erschien in der Reihe „Taschenbibliothek der Weltliteratur“, in der der Aufbau-Verlag Berlin und Weimar manch feines Buch herausbrachte. Viel ist später nicht mehr nachgekommen: „Die Memoiren einer Überlebenden“, „Unter der Haut“ und zuletzt ein Band „Gespräche“. Sie war fast 88 Jahre alt, als sie den Nobelpreis für Literatur erhielt, das Fernsehen zeigte sie auf einer Treppe sitzend und anders als bei manch anderer Zuerkennung gab es keine ernsthaften Proteste. Drei Jahre davor sah das bei Elfriede Jelinek anders aus. Dennoch hielt ich über Jelinek damals einen Vortrag, nicht mehr über Lessing. „Nichts ist langweiliger für eine intelligente Frau als endlose Zeit mit kleinen Kindern zu verbringen.“ Darf man bei WIKIPEDIA über sie lesen. Joyce Carol Oates besuchte sie 1972 in London für ein Interview. Am 17. November 2013 starb Lessing in London: 10 Jahre weg seither.
16. November 2023
Am 16. November 1998 war ich im Rahmen meiner schon fünften Brüssel-Reise wie immer zu Gast bei der NATO. Es gab eine neue Pressefrau namens Steffi Babst, Jahrgang 1964, offiziell „German Information Officer“, es gab einen hohen General Wittmann, von dem ich erstmals das Wort Friedensdividende hörte, „und es ist auch wieder eine vorlaute Oma da, die die Geduld der Referenten auf die übliche Probe stellt“. So mein altes Tagebuch. 25 Jahre vorher endete der 73er Schriftstellerkongress, die Arbeitsgruppenleiter berichteten aus ihren Arbeitsgruppen, Max Walter Schulz nannte Gabriele Eckart „Jahrgang 1953“, obwohl sie doch Jahrgang 1954 ist und deshalb bald 70 wird, wie ich es schon bin. Am 16. November 1943 bestieg Georg Hermann den Transport vom KZ Westerbork in Holland gen Auschwitz-Birkenau, wo er als einer von 531 Männern, Frauen und Kindern sofort ins Gas geschickt wurde. Als Todestag gilt allgemein der 19. November 1943.
15. November 2023
Am 15. November 1973 diskutierten die Arbeitsgruppen innerhalb des Schriftstellerkongresses, es gab deren vier. Geleitet wurden sie von den Herren Gerhard Holtz-Baumert, Max Walter Schulz, Günter Görlich und Rainer Kerndl (wie unbelastet alle vier waren, kann man bei Joachim Walther nachlesen). Sie hießen „Literatur und Wirklichkeit“, „Literatur und Geschichtsbewusstsein“, „Literatur und Leser“ sowie „Literatur und Kritik“. Bei Max Walter Schulz diskutierte Gabriele Eckart mit, damals eine junge Philosophie-Studentin, die kürzlich ihr neues Buch „Schrappel“ mit Geschichten und Gedichten herausgebracht hat, die sehr autobiografisch in die damalige Zeit zurückleuchten. „Wir müssen unsere eigenen Widersprüche gewissermaßen lieben“, sagte sie 1973, was wohl in kaum einem Ohr erhofften Klang erzeugte. Wer liebte schon Widersprüche, nur weil sie die Entwicklung angeblich vorantrieben? Man erfand eigens nichtantagonistische Widersprüche.
14. November 2023
Vor 50 Jahren, am 14. November 1973, las ich den allerersten Leserbrief zu einem Gedicht, das von mir gedruckt worden war. Aus Budapest kam ein Brief, abgestempelt am 10. November, in dem Ildi meine Geschichte aus der „Armeerundschau“ lobte, die ich ihr stolz wie ein Kleinspanier geschickt hatte. Ich begann in einer Dissertation zu lesen, die ein Horst Oswald verfasst hatte, Titel „Literatur, Kritik und Leser. Eine literatursoziologische Untersuchung“. Der Leserbriefschreiber hieß Hans-Peter Rietz. Am 14. November 1973 begann in Berlin auch der VII. Schriftstellerkongreß der Deutschen Demokratischen Republik, von dem ich mir später das zweibändige Protokoll kaufte. Die beiden Vorgänger-Kongresse waren noch als Deutsche Schriftstellerkongresse ausgewiesen, der VI. mit dem unsäglichen Hauptreferat von Max Walter Schulz, das ich Anfang Januar 1977 mit Entsetzen las. 1973 referierte dann Hermann Kant, meine Randglossen fielen weniger üppig aus.
13. November 2023
Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen einem entsetzten Konditormeister und einem entsetzten Fontane-Forscher, falls der Gegenstand des Entsetzens derselbe ist, etwa die Schließung eines Museums, das Besucher von fern und nah anzog? Der Fontane-Forscher wird eher zitiert, nur in einer Reportage der Lokalzeitung kommt vielleicht auch der Konditor zu Wort. Der Fontane-Mann ist in seinen Wurzeln erschüttert, der Konditor hat den vielen Besuchern immer gut Torte und Kaffee verkauft, denn Museumsbesucher sind in aller Regel in dem Alter, in dem Torte mehr lockt als der Halbakt einer verschleierten Performance-Künstlerin im Kampf gegen Putin und Donald Trump. Vor 20 Jahren hatte ich eine belanglose Besprechung in Suhl, zu der sich der Chefredakteur sich entschuldigen ließ wegen eines anderen Termins. Den absolvierte er zu Hause im Jogging-Anzug, wie ich aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen mit Quellenschutz umgehend erfuhr.
12. November 2023
Heute wäre Loriot 100 Jahre alt geworden, was ihm leider nicht gelang. Vielleicht wäre alles besser gelaufen, wenn von den Kosakenzipfeln nicht nur einer übrig gewesen wäre. Die ganze Woche tobt das öffentlich-rechtliche Fernsehen bereits vor im Feiern des heutigen Jubiläums. Nur nie zu spät kommen, heißt das Motto, weil sonst, wir erinnern uns, das Leben kommt und straft. Wer wissen will, welche Übergroßen in den kommenden vier Jahren 100, 200, 300 oder gar 400 werden, ahnt, an welchen Biographien eins bis vier Verlage bereits emsig basteln, obwohl in aller Regel bereits genügend einschlägige Biografien vorliegen. Das nennt man Markt und der regelt zwar nicht alles, aber nach wie vor so viel, dass man zweifeln könnte, ob am versauten Sozialismus, abgesehen von seiner realen Existenz, doch nicht alles schlecht und falsch war. Wie auch immer, Loriot war der Größte, was von vollständig unabhängigen Instituten vollständig unabhängig x-fach bestätigt wird.
11. November 2023
Am Martinstag werden, wenn ich in meinem Staatsbürgerkundeunterricht richtig aufgepasst habe, Mäntel geteilt, was dazu führt, dass in der Regel anschließend zwei frieren, wo vorher nur einer fror. Früher hätte ich das kaum Fortschritt genannt, aber das war mein Promotionsthema, wie ich mich dunkel erinnere. Heute habe ich drei Seiten von Theodor Heuß gelesen und 31 Seiten von Peter Pütz. Der eine war Bundespräsident, obwohl er eine freundschaftliche Beziehung zu Hermann Hesse pflegte, der andere war ein Professor in Bonn, was in der Regel nicht zu freundschaftlichen Beziehung zu Hermann Hesse führte. Eigentlich hat alles mit Arthur Eloesser zu tun, der Heuß zitierte, weil der über Wieland geschrieben hatte, was 1933 auch Walter Benjamin tat in der einst überaus wichtigen Frankfurter Zeitung, für die eben auch Eloesser schrieb. In den Hochburgen des Karnevals hatten heute die steppenden Bären ihre ersten Auftritte, aus den Flachburgen kam nichts.
10. November 2023
Die historische Ereignisdichte gestern verdrängte innerhalb der verfassungsrechtlich gesicherten Zeilengrenze dieses Tagebuches den 70. Todestag von Dylan Thomas, der unter die Iren fällt und in meiner anglophilen Bibliotheksabteilung mit zwei bescheidenen Bänden vertreten ist, „Die Krumen von eines Mannes Jahr“ heißt der eine, „Arbeit am Wortwerk“ der andere. Und heute liegt schon wieder der 60. Todestag von Otto Flake an. Man starb halt gern im November. Flake ist deutlich stärker präsent bei mir und er war ein knarziger Bursche. In seiner dicken Autobiographie „Es wird Abend“ blättere ich mehr als gelegentlich und erschauere vor der hinten abgedruckten ellenlangen Werkliste. „Freiheitsbaum und Guillotine“ heißt eine Essay-Sammlung von ihm, zu der Herr Rolf Hochhuth eigens ein Nachwort verfasste, welches ich am 11. 11. 2013 mit Bleistift und Textmarker las. Ein Lesezeichen finde ich vor einem Beitrag für den Südwestfunk zu Hugo von Hofmannsthal.
9. November 2023
Einmal im Jahr, wenn dieser Tag da ist, gedenken wir pflichtschuldigst der mit ihm verbundenen historischen Ereignisse. Platz 1 der Gedenk-Hitparade: der Mauerfall, der eher eine Öffnung war. Platz 2 die Pogromnacht, die selbst von ausgebufften Nachrichtensprechern gern mit einem r zu viel ausgesprochen wird. Platz 3, schon fast vergessen, weil verglichen mit Platz 1 erfolglos und eben auch nicht sonderlich friedlich, die Novemberrevolution, die immer auf sehr runde Jubiläen warten muss, ehe mal wieder Döblin ausgegraben wird oder wer auch immer oder Florian Illies ein Buch vollschrieb. Platz 4 das Pfuiteufelchen aus München, der Putsch des Herrn aus Braunau am Inn. Der das Datum natürlich absichtlich wählte, was man von Schabowski nicht sagen kann. Voll tiefstem Symbolgehalt seit 1989 die Bebilderung des Ereignisses: immer die bunte Seite der Mauer, immer die hüpfenden Wessis, denn im Osten hüpfte erst einmal keiner am und auf dem Beton, nur Sieger.