Tagebuch

8. August 2017

Natürlich musste ich nachschauen: beide Titel, „Zwei im Dezember“ und „Larifari und andere Erzählungen“ beendete ich am 18. Dezember 1980, damals schrieb ich meine Notizen noch recht oft mit Hand und Kugelschreiber. Das hatte zur Folge, dass ich nie nachkam, also nur Fragmente produzierte (mit Ausnahmen). Immerhin: auch Tagebuch schrieb ich bisweilen sehr ausführlich (und ganz anders, weil für keine Öffentlichkeit). Was mir über das Fragment hinaus noch zu Juri Kasakow notierenswert erschien, könnte ich dort nachschlagen. Es fehlt mir aber die Zeit, denn die alten Tagebücher sind an einem Sonderstandort verwahrt, den freizulegen gewisse Mühen kostet. Für den heutigen 90. Geburtstag dieses erstaunlichen Mannes habe ich mich einem Kinderbuch zugewandt, das ich damals noch nicht kannte, auch die paar Seiten Christa Wolf noch einmal gelesen, die flexibel einmal als Nachwort, einmal als Vorwort zum Einsatz kamen in der DDR.

7. August 2017

Vor zwanzig Jahren war der siebente August ein Donnerstag, nach einem Strandtag am Mittwoch fuhren wir nach Mandal, Fisch kaufen. Ich schleppte eine Menge norwegischer Biere mit auf dem Heimweg, wir tankten für 30 Mark mehr als zu Hause und sahen zu, wie große Taschenkrebse vom Leben zum Tode und dann auf Eis gebracht werden, damit sie bis zum Verkauf frisch bleiben. Einen Teller Schalentiere nahmen wir fürs Freitagsfrühstück mit, verschiedene Dip-Saucen dazu. „Vor zwanzig Jahren“ ist eine leicht beängstigende Formel, denn seither waren wir, obwohl wir es uns fest vorgenommen hatten, noch nicht wieder in Norwegen. Der Satz: „Das machen wir, wenn wir Rentner sind“, fällt immer öfter, die ersten Planungen für die ersten Aktionen gewinnen bereits Konturen. Weil er heute seinen 150. Geburtstag hat, schaute ich in meinen Beständen nach Emil Nolde. „Hier in Berlin ist es elend“, schrieb er 1907, für mehr reicht der Platz hier leider nicht.

6. August 2017

Die 38 Jahre junge SPIEGEL-ONLINE-Chefin Barbara Hans hat vermutlich nicht die Diplomarbeit meiner Tochter über „Diversity Management“ gelesen, an der Universität der Künste entstanden im kulturbrauereifreien Teil Berlins, dennoch ist Diversity jedes dritte bis sechste Wort in ihrem höchst lesenswerten Statement „Tschüss, selbstgefällige Breitbeinigkeit“, in dem sie über die Krise des Journalismus nachdenkt und sehr prägnant Defizite benennt (JOURNALIST 08/2017). Zwei Dinge fehlen mir bei ihr: der Hinweis auf eine Wochenschrift, die eher als alle anderen Qualitätsblätter das eigene Tun erkennbar systematisch, nicht sporadisch anlässlich von Skandalen, problematisierte: die Hamburger ZEIT. Und die Erwähnung einer ausgeblendeten Großgruppe neben den von ihr genannten: die ehemaligen DDR-Bürger, weil, Zitat Hans, „Leser jemandem, der sie nicht versteht, schwerlich vertrauen können.“ Ich wünsche Barbara Hans Wirkung, breite, nicht etwa breitbeinige.

5. August 2017

Heute geht in Berlin die Alfred-Döblin-Woche los und rechtzeitig davor hat die lustige Beilage „Literatur“ des SPIEGEL die noch lustigere Idee gehabt, einen Anti-Kanon zu publizieren: „Wir haben uns erlaubt, ein paar deutsche Klassiker auszusortieren.“ Unter den Aussortierten, sonst stünde das nicht hier, ist auch Alfred Döblin mit seinem „Berlin Alexanderplatz“. „Gut angestaubt“ nennt ihn Juliane Liebert, wer auch immer das ist. In Berlin gibt es offenbar auch noch Ellen Brombacher, einst Ober-Blauhemdin der Hauptstadt der DDR, sie keilte jetzt im Zentralorgan gegen Michael Brie. Ellen hat im Februar ihren 70. Geburtstag gefeiert, Brie ist sieben Jahre jünger, ich sehe ihn noch vor mir, wie er aus der großen Sowjetunion kommend, daselbst studiert habend, vor uns gleichaltrigen Philosophie-Eleven saß und referierte. Klein kamen wir uns vor, winzig. Ich weiß nicht, ob später Schwalben schwiegen, wenn er predigte: die Reform des Unreformierbaren.

4. August 2017

Ernst Bloch war neben Adorno so etwas wie der Bedorno, beide zusammen erfanden eigens für westdeutsche Krypto-Marxisten eine Philosophie-Sprache, deren höchstes Kriterium ihre schwere Verständlichkeit, ihr komplizierter Satzbau und ihre Reduktion des Marxes auf seine wenigstens annähernd ebenso schwer verständlichen Frühschriften war. Alles natürlich wegen des Hegels. Ich scheiterte einst kläglich an des Bloches Schriften zu Hegel, bei rororo erschienen, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, ich warf das Buch in die Ecke. Später las ich Bloch über den Fortschritt und das war kurz und zwar nicht knackig, aber immerhin nachzuvollziehen. Bloch starb nun, während ich noch studierte, nämlich heute vor vierzig Jahren am Geburtstag von Louis Vuitton, der später in den Tag des Champagners umgewandelt wurde, weil man Taschen nicht trinken kann. Ich stoße an auf alle, die illegale Links legen auf fremde Websites in sakraler Ahnungslosigkeit, Prost, Jungs.

3. August 2017

Dieser Tage empfindet Johann Wolfgang von B., polizeilich gemeldet in der Schillerstraße in R., Autor von „Faust III“, den er aus titelrechtlichen Gründen „Der Rentnerlehrling“ nennen musste, ein unabweisliches Bedürfnis, Quark zu quirlen. Offenbar reicht es ihm nicht länger, die Welt mit Nachrichten über gefahrene Radkilometer, Besuche in Dorfgaststätten, im heimischen Kino oder in Kyritz an der Knatter zu traktieren, wo er gegen Ende des österreichisch-türkischen Krieges mit 1-A-Solo-Fagottisten Prosa-Performances zelebriert hatte und nun gerührtes Wiedersehen mit sich selbst feiert. Seine Fotogalerie folgt dem westsächsisch-ostthüringischen Gestaltungsprinzip „Oma vor Eiffelturm“, der Eiffelturm sieht meist gar nicht so schlecht aus. Wladimir Tendrjakow, der am 3. August 1984 starb, hat aus nämlichem Grund das tragische Pech, die herrliche Karriere des diplomierten Geheimrats nur noch aus liegender Position verfolgen zu können. Traurig, traurig.

2. August 2017

Es ist immer neu erfrischend, wenn in einzelnen akut wahrnehmungsgestörten Hirnrinden einige Synapsen noch halbwegs aneinander kleben, so dass dann bei Nennung des Namens Goethe dem inneren Auge die Pawlowsche Hunde-Birne aufleuchtet und der Ersatz-Wuffi „Eckermann!“ bellt. Als seinerzeit Erich Loest aus Mittweida sich seinen Buchtitel „Die Stasi war mein Eckermann“ gönnte, war mein Umkehrgedanke: Dann warst Du ja der Goethe der Stasi. Wie komme ich auf Mittweida? Das hat Eckermann nicht verdient, von kruden Assoziationstigern derart missbraucht zu werden, die in einem immer engeren Kreis immer weiteren Mumpitz in die Welt setzen. Irgendwas muss in Mittweida einst im Trinkwasser gewesen sein. Isabel Allende wird heute 75 Jahre alt, die vor knapp 20 Jahren bekannte: „Wer mir was Anregendes ins Ohr flüstert, kann mit mir machen, was er will.“ Ich denke an Klaus Laabs, Jolie, der 1986 gegen den Strom das „Geisterhaus“ verriss.

1. August 2017

Christian August Vulpius, Bruder von Christiane, Schwager Goethes, vermeldet am 7. Januar 1806 den Tod seiner Schwester Ernestine an den Arzt Nikolaus Meyer: „Sie ist nun das neunte meiner verstorbenen Geschwister … Wir dürfen es dem Geheimen Rat noch nicht sagen …“. Sechs Tage später schreibt Schillers Witwe Charlotte an Friedrich von Stein: „Die Schwester der Vulpius ist gestorben; der arme Mann hat so geweint! Dies schmerzt mich, dass seine Tränen um solche Gegenstände fließen müssen.“ Ich habe, so könnte man das deuten, meinen Goethe-Monat August eingeläutet und auch im Tagebuch 2012 geblättert. Da gedachte ich des sechzigsten Geburtstages meines Schulfreundes und späteren Verlegers Reinhard Escher, es wurde gar ein Gedenkartikel von mir gedruckt, was ich ohne das Tagebuch nicht mehr gewusst hätte. Ein Gewitter weckte mich um 5 Uhr, was selten geschieht, es goss wie aus Kannen. Der Arbeitstisch voller Goethe, Goethe, Goethe.

31. Juli 2017

In einem Interview mit sich selbst verriet der Schweizer Arzt und Schriftsteller Walter Vogt: „Ich selbst verstehe mein Werk überhaupt nicht. Das möchte ich wörtlich verstanden wissen. Ich bin immer wieder erstaunt, was andere da lesen, wo ich bloß geschrieben habe.“ Engagement hielt er für möglich und wichtig: „Es jedoch zu fordern und zu verlangen, ist a) nackter Terror und b) unverhüllter Schwachsinn.“ Womit wir bei einem Montagsthema wären, bei dem wir gar nicht sein wollen. Noch spüren wir den ersten und sehr späten Sonnenbrand des Jahres, noch fragen wir uns, warum Frauenfußball so grausam aussehen muss. Die beiden Blumentöpfe von ALDI waren auch eine halbe Stunde nach Ladenöffnung noch ohne Kampf zu ergattern, es folgt später ein hoffentlich ebenso kampfloser Gang zu zwei neuen Craft-Beer-Sorten. Endlich sind sie in Mode gekommen. Walter Vogt wäre heute 90 Jahre alt geworden, wenn ihn nicht der Herztod schon 1988 ereilt hätte.

30. Juli 2017

So nah wiederum liegt das Gute in diesem Fall nicht, das man nicht dennoch in die Ferne schweifen dürfte. Dennoch: Neugier zahlt sich angelegentlich auch aus. Wir hatten, großes Pionierehrenwort, nie, nie und nochmals nie von Bad Colberg gehört, ehe uns nicht Freunde auf die Existenz einer so genannten Terrassen-Therme aufmerksam machten. Nun waren wir da, der Ort selbst hatte 2012 laut WIKIPEDIA 116 Einwohner und war einst, als Humoristen alleweil nach Solothurn fuhren, Lektorinnen für Schweizer Literatur dagegen das erst im November durften, wenn ihr Visum für Mai bereits abgelaufen war, wie von Ingeborg Quaas berichtet, Sperrgebiet, nichts als Sperrgebiet. Tummelort für Erholungssuchende aus dem Ministerium des Inneren der DDR, 500 Meter in die eine, 800 in die andere Richtung war Klassenfeindesland. Jetzt ist es schön dort, sehr schön. Man erlebt Apfel-Minze-Aufguss mit einem Saunameister und vier Mann, gedrängte Leere sozusagen.

29. Juli 2017

Was kann man dagegen tun, wenn einem im Erinnerungsvermögen das DDR-Grundstudium im ML (Marxismus-Leninismus) in drei Teile zerfällt und trotzdem eins fehlt von den dreien, in die es tatsächlich zerfiel, auch wenn man es nicht hinwarf? Läuft man zum Arzt und fragt, ob es so losgeht oder gar schon losgegangen ist, also jener Zustand, von dem wir als Kinder sagten, er ende damit, dass man mit dem Vogelbauer Milch holen geht? Der herzlichen Einladung, heute mit Freunden die „Carmen“ der Bregenzer Festspiele zu sehen, sind wir nicht gefolgt, das Schaupröbchen im Zweiten Deutschen Fernsehen reichte uns Opernmuffeln. Wir bewegen uns stattdessen im engeren Bereich des nahen Erholens. Vor allem erholen wir uns von der Nachricht, die NEUES DEUTSCHLAND dieser Tage verbreitete: 58 Prozent aller Bewohner Sachsen-Anhalts rühren keinen Alkohol an. Wenn das um sich greift! Wir rühren ihn übrigens auch nicht an, wir trinken ihn nur genießerisch.

28. Juli 2017

Manche behaupten, dass Clemens Brentano, als er am 28. Juli 1842 starb, schon längst tot war, genauer nämlich, seit er sich ans Krankenlager der Anna Katharina Emmerick setzte und ihr vermutlich so ähnlich wie es heute Alexander Kluge tut, mit seinen Fragen nach dem Leiden des Herrn suggerierte, was sie antworten solle. Der ALLGEMEINE ANZEIGER suggeriert, dass es in Rudolstadt nur einen wirklich bedeutenden Schriftsteller gibt: Jörg F. Nowack, dem regelmäßig viel Platz gewidmet wird. Unter den anderen bedeutenden Schriftstellern Rudolstadts, deren Ruhm einst bis in die Schweiz und zum ZDF drang, wird das wenig Begeisterung auslösen. So ist eben das Leben: ungerecht, bis die Balken vom vielen Sich-Biegen krumm bleiben. Der Kulturkalender der BERLINER ZEITUNG erinnerte gestern an den japanischen Film „Onibaba“, ich erinnerte mich gleich mit. Dunkel jedenfalls. Das ruhmreiche Buch „Die Eule im Kino“ war leider nicht hilfreich.


Joomla 2.5 Templates von SiteGround