Tagebuch

6. Juni 2017

Zwei Wochen mit drei Reisen folgt nun eine Woche mit einer Reise. Weil D-Day-Gedenktag ist, ein Blick auf unsere Fotos vom 26. Mai, Neuville-en-Condroz. Wir kennen auch Margraten, wir kennen Colleville-sur-Mer und Hamm in der Nachbarschaft von Sandweiler. Und viele mehr, die aber nicht mit dem 6. Juni 1944 und seinen Folgen so verbunden sind wie diese. Ein Anruf aus Leipzig von der Deutschen Nationalbibliothek wegen der Pflicht-Exemplare des dictum-Verlages. Eine Suche nach Theater-Kritiken von Ernst Heilborn. Vergnügliche Lektüre einer amerikanischen Alkoholikerinnen-Karriere. In der Intensität seit Irmgard Keun nichts mehr gelesen. Man kann sich seine Pressekarte fürs Theater neuerdings auch selbst ausdrucken, mein erster Versuch brachte ein Riesenformat, zweiter Versuch gelang. Im Juni noch zwei Shakespeare, ein Nestroy, ein Schiller. Das Shakespeare-Projekt kommt so doch noch zu einem Ende vor Beginn der neuen Spielzeit.

5. Juni 2017

Vor 50 Jahren begann der so genannte Sechs-Tage-Krieg, mir vor allem deshalb in Erinnerung, weil mein späterer Freund und Verleger Escher damals in unserer achten Klasse der einzige war, der kein Problem damit hatte, seine Sympathien mit Israel offen zu bekunden, was in der DDR, sagen wir es freundlich, eher unüblich war. Heute wären wir für die welthistorische Anregung mehr als dankbar, wenn sich seither eingebürgert hätte, dass Kriege nun noch maximal sechs Tage dauern dürfen, wenn sie schon vom Zaun gebrochen werden zwischen und innerhalb von Ländern. Es sind ohnehin seltsame Zäune, von denen man Kriege brechen kann. Das seltsame Volk der Briten sprach sich am 5. Juni 1975 mit 67,2 Prozent für den Verbleib des Königreichs in der EU aus. Daran hatten sie jahrelang zu schleppen, erst jetzt blüht ihnen Zukunft. Per Brief-Post kündigt mir das Schauspiel Stuttgart nicht weniger als fünf Premieren für die Spielzeit 2017/18 „nach dem Roman von“ an, toll.

4. Juni 2017

In unserer Pension am Elbufer ist ruhiger Morgen befohlen, es regnet kräftig, auf dem ersten Drittel heimwärts gießt es wie aus Eimern. Letzte Zweitverabschiedungen im Parkdeck am Aufzug zur Albrechtsburg. Der nächste große Familientag ist fixiert, Zimmer geblockt. Voll ist der Briefkasten zu Hause, nichts hat Schaden genommen. Fast alle neuen Biersorten aus Meißen (13) mussten auf Reisen gehen, zwei edle Weine, eine Scheurebe, ein Kerner der Genossenschaft, als Begleitschutz. Die kommen nicht erst in den Keller. Die Zwergportion Arbeit, die ich mir auftrug, ist erledigt. In manchen Gegenden ist Karl Valentin heute zehn Jahre jünger als in anderen Gegenden, bei mir 135, das liegt vielleicht nur daran, dass ich kein Valentin-Biograf bin. Tröstend wie oft in ähnlichen Fällen, WIKIPEDIA: Dort ist Lisandro Otero heute auf Deutsch 84, auf Englisch 85 Jahre alt, tatsächlich ist er natürlich schon fast zehn Jahre tot. Aber wen interessieren profane Tatsachen?

3. Juni 2017

Unser heutiger Brautvater hatte gestern seinen jugendlichen 68. Geburtstag, weshalb wir ihm auf die Schulterblätter klopften. Wir gehen ein- bis viermal im Jahr mit ihm in die Theater Gera oder Altenburg. Nicht nur mit ihm selbstredend, sondern auch mit der Brautmutter. Die blieb unlängst nur einmal ausnahmsweise zu Hause, weil die Braut zu Gast aus Dresden war, wo wir ebenfalls bisweilen zu Gast sind. Auf dem Meißner Markt verkürzten wir uns die Wartezeit mit einem Eiskaffee, sahen den aufgeregten Tauben zu, die vom frisch getrauten Paar dann aus ihren Käfigen entlassen wurden. Die Hochzeitsgesellschaft im Burgkeller-Saal summierte sich auf gut hundert Personen, das Paar musste Stamm sägen und Tanz eröffnen, die Willigen, von denen gab es drei Gruppen, ließen sich die Albrechtsburg zeigen und erklären, die keine Burg ist und nie eine war. Heftiger Regen am Ende der Führung, Feiern bis zum Abwinken, wir alle am Norwegen-Tisch.

2. Juni 2017

Heute geht es nach Meißen, wir werden also morgen eine kleine Funkstille veranstalten, sind aber schon am Sonntag wieder an Deck und Tastatur. Tankred Dorst, der gestern starb, hinterließ seinen Zuschauern mehr als fünfzig Stücke, wusste die TAGESSCHAU zu melden. Das wird sein Problem bleiben mit unseren Bühnen, er hätte mehr Romane schreiben müssen. Mein Archiv enthält allerlei Artikel aus dem Raum Sonneberg über Dorst, lokalpatriotische Debattenberichte. Ob ich bald weiß, wer mit ihm wo und wann Kaffee trank oder ein Bier bezahlt bekam, wird sich weisen. Auf keinen Fall wird die Autobahn so leer sein wie gestern die A 71, die vermutlich nur gebaut wurde, uns genau diesen Eindruck zu vermitteln. Wir vermerken, weil das einige der Meißen-Besucher speziell erfreut, den haarscharfen Aufstieg Jenas in jene Liga, in der Erfurt bereits tapfer vor sich hin spielt und vermuten schon jetzt, dass es beide schwer haben werden, daselbst zu verbleiben. Wir hoffen.

1. Juni 2017

Der Kurzausflug der Woche führte uns wie immer, wenn uns nicht viel einfällt, weil uns zuerst einfällt, dass wir uns ganz gern verwöhnen lassen, nach Bad Kissingen. Gelegentlich werden wir eine kleine Statistik veröffentlichen, wie oft wir da waren. Wie viel All-Inklusive-Frankenwein wir tranken, ist leider nicht zu ermitteln, wie oft die Saale gerade Hochwasser hatte, schon eher. Wir kennen Donau-Hochwasser, Elbe-Hochwasser, Mosel-Hochwasser, im österreichischen Waldviertel sahen wir Hochwässer, deren Namen wir jetzt schon nachschlagen müssten und wir sahen absurde Hochwasser-Marken an Häusern, die wir nie für möglich gehalten hätten. In der Wachau liegt unsere Stamm-Ferienwohnung so hoch über dem Fluss, dass selbst nach einer Sintflut die Arche aus St. Pölten unter uns vorbei treiben würde. Am 1. Juni denke ich traditionell an Ödön von Horvath. Noch gehen mir weder der Stoff an ihm noch die Lust auf ihn aus, mal schauen, wie lange das hält.

31. Mai 2017

Nein, auf die Schweiz kam ich gestern nicht wegen Eiger, Mönch und Jungfrau, sondern mitten aus der Arbeit an einem Text zum heutigen 200. Geburtstag von Georg Herwegh, der manches Jahr bei den Eidgenossen lebte, mit und ohne Emma Herwegh, die vor ein paar Tagen ebenfalls ihren 200. Geburtstag hatte und neben ihm im Grab in Liestal, Kanton Basel-Landschaft (BL), liegt, heimisch einfach nur Baselbiet. Wegen Carl Spitteler wäre ich beinahe einmal dagewesen. Aufgehoben ist nicht aufgeschoben. Fotos aus der Schweiz, auf denen ich zu sehen bin, die ich also nicht selbst mit meiner F 801 oder meiner D 3100 schoss, zeigen mich neben Schildern auf Alpenpässen, es sind die so genannten Pass-Bilder, aus denen meine Urenkel vielleicht einst eine Foto-Galerie gewinnen und ins Netz stellen werden, dem eitlen Opa ein Denkmal zu setzen. Georg und Emma waren ein Paar, wie es selten welche gab und noch die alte Emma beeindruckte den jungen Frank Wedekind.

30. Mai 2017

Gäbe es Krampfadern in Gehirnen, ich wüsste, wo welche zu vermuten wären. Wegen zahlreicher Anfragen aus dem neutralen Ausland kläre ich auf: Günther Klotz war unter anderem Chefredakteur des Shakespeare-Jahrbuchs und Autor einiger Bücher über englische Dramatik, Dr. Ernst Schwarz übersetzte aus dem Chinesischen, spitzelte ein wenig für die Stasi und lebte ein langes Leben. Dass Marijam Agischewa, die schönste Nackte hinter einem Duschvorhang des DDR-Fernsehens, die nächstes Jahr auch schon 60 Jahre alt wird, seine Tochter ist, weiß ich seit gestern erst. Sage noch einer etwas gegen Montags-Informationen. Glaubhaften Quellen zufolge schwimmen im Thuner See keine Thunfische, eher Egli und Felchen, welche deutlich kleiner sind und ungefährlich für Histamin-Allergiker. Mandelblättchen passen sehr gut zu Egli-Filet. Wie komme ich darauf: in Steckborn aßen wir das erstmals anno 1999, später mal da, mal dort, immer in der netten Schweiz.

29. Mai 2017

An Erich Honeckers Todestag, der auch Romy Schneiders Todestag ist und John F. Kennedys 100. Geburtstag, treibe ich Urlaubsnachbereitung. Da wartet ein Karteikärtchen, dort eines, ich erwähne besonders gern noch, wie unfassbar preiswert belgische Klarsichthüllen für Archiv-Artikel sind, zwei Packungen zu je 50 Stück kosten einen Euro weniger als hier die preiswertesten im Copy Shop, von denen man wiederum drei Packungen zu je 100 Stück zum Preis für zwei Packungen aus dem so genannten Fachgeschäft bekommt und leider nehmen muss, wenn man welche braucht. Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub, sagt eine alte Völkerballregel, weshalb wir morgen schon wieder das Nahe suchen. In der aufgehobenen Post war ein Buch mit einer Widmung von Günther Klotz für Dr. Ernst Schwarz aus dem Jahr 1972, Schwarz hat sich offenbar nicht einmal die Mühe gemacht, im Geschenk wenigstens zu blättern, die Seiten hingen am Kopfschnitt noch zusammen.

28. Mai 2017

Wir müssen ein wenig auf unsere Gastgeberin warten, die noch etwas Geld von uns will, weil sie am Sonntag nicht in Richelle war. Sie will deutlich weniger, als wir vermuteten. Abfahrt um 10.24 Uhr, es geht zügig bis in den Bereich der A 5, wo die Staus beginnen, die uns schließlich eine gute Stunde Zeit kosten. Raststätten unterwegs in diesem Bereich völlig überfordert. Zu Hause 51 Mails sofort zu löschen. Der Anrufbeantworter macht mich auf eine dubiose Verlautbarung eines Mannes aufmerksam, der früher alle Tassen, die ihm zur Verfügung standen, im Schrank hatte. Jetzt ist der Schrank offenbar leer, das Gedächtnis spielt dem Mann herbe Streiche, ich würde mich gern für ihn schämen, mein Fremdschäm-Kontingent wird allerdings mittelfristig von Donald Trump komplett absorbiert. Ich habe nunmehr 97 Übernachtungen in Belgien hinter mir, die zweite Woche an der Nordsee würde morgen beginnen, wäre da nicht eine Hochzeit nächstes Wochenende in Meißen.

27. Mai 2017

Nachtrag: Ein paar kleine Einkäufe für zu Hause, vor allem den Eau de Villée aus der Distillerie de Biercée in Thuin, die wir vor Jahren besuchten und nie vergaßen. Dann Lüttich, Parkhaus Kennedy, über die Brücke zur Anlegestelle vor dem Museum. Für sehr bescheidene acht Euro fast zwei volle Stunden Flussfahrt auf dem Oberdeck von einem Ufer zum anderen, vor uns eine dicke deutsche Frau mit einer dünneren deutschen Frau im Dialog über vermeintliche Bausünden. Warum sind hier so hohe Häuser am Ufer erlaubt? Vielleicht sollten einfach mehr Menschen einen schönen Blick auf die Maas haben? Und nicht nur Wassergrundstücksbesitzer wie in Deutschland oft üblich, natürlich nicht an der Maas, die hier ja so hübsch Meuse heißt. Am Abend Donner, Blitz und Regen, der Hof im Handumdrehen leer. Den letzten Abend begleitet ein Fendant aus Sion, den wir selbst in der Schweiz nie sahen. Reisevorbereitungen für morgen, der Pokal geht tatsächlich nach Dortmund.

26. Mai 2017

Nachtrag: Eine ausgesprochene Entdeckung: Chateau de Modave. Das Wetter konstant herrlich und sehr warm, die Führung per Audio-Stick eine neue Erfahrung, man tippt nur an eine Tafel und hört dann den Text, muss nicht erst umständliche Zahlenkombinationen eingeben. Eine alte Erfahrung: es gelingt uns nicht, Klassenhass gegen den Adel zu imaginieren. Wir besuchen Schlösser und Burgen lieber als Gedenkstätten der Arbeiterbewegung, es sei, diese sind in einem Aufwasch mit zu nehmen bei einem Schloss-Besuch. Wie in Gotha vielleicht. Man kann im Chateau heiraten, also nebenan, genauer gesagt. Ein Brautpaar sahen wir passend dazu. Auf dem Rückweg hielten wir an einem amerikanischen Soldatenfriedhof, den wir schon kannten, lange Stuhlreihen geschmückt mit Fähnchen, ein Rednerpult, was auch immer da stattfinden wird, wir trugen uns ins Gästebuch ein. Die Ruhe in unserem Hof ist hin, Planungen für den letzten Tag morgen betreffen erneut Lüttich.


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