Tagebuch

8. September 2018

Nachtrag: Wie für uns zum Abschied gemacht ein spätes Feuerwerk an der Donau, als wir vom Weixelbaum schon wieder zu Hause sind. Frau Bernhard hat uns die Kiste mit dem bestellten Wein auf den Tresen gestellt, wir tragen die Bestände zum Kofferraum, es ist über Nacht dort kühler als im „Mariandl“. Am Vormittag die letzte Rate Kunst in Krems. „Eva und die Zukunft“ heißt die Ausstellung im Forum Frohner, wir nehmen das Ernst Krenek Forum auch gleich noch mit, weil mir eine dunkle Erinnerung an Joseph Roth dabei kommt, mit der ich mich nicht täusche. Zu sehen ist auch Ernst Kreneks Emigrationskoffer. Auf dem Rückweg ein kurzer Aufenthalt in Dürnstein, eine Kostprobe Wieser Bitter, Marillenknödel und Kürbissuppe. Ein halbes Jahr wird der Tunnel gesperrt sein, es wird eigens eine provisorische Umfahrungsstraße gebaut. Wenn wir 2019 wieder hier sind, ist alles Geschichte. Ich beende das mitgebrachte Fontane-Buch mit seinen Italien-Impressionen.

7. September 2018

Nachtrag: die zweite Rate Kunst in Krems. Hubert Looser, Schweizer mit dem Vorbild Ernst Beyeler und im April 80 Jahre alt geworden, zeigt aus seiner privaten Sammlung Skulpturen und Arbeiten auf Papier. Der Flyer wirbt mit den Namen Picasso, Warhol und Gorky, letzterer mit dem Vornamen Arshile war mir bis dato vollkommen unbekannt. Nicht so Henri Matisse, A. R. Penck, Meret Oppenheim, Willem de Kooning oder Cy Twombly. Man sitzt seltsam berührt vor diesem Schweizer, der erzählt, wie seine Sammlung entstand. Von Geld ist nie die Rede. Wer aber kann von sich sagen, er habe dann bei Giuseppe Penone angerufen und gefragt, ob der bei ihm zwei Säle füllen würde. Von Eva Schlegels „Spaces“ liefen wir zur Dominikanerkirche wegen ihrer Spiegel-Installation und sahen dort gleich noch den „Kremser Schmidt“, dessen 300. Geburtstag 2018 ist. „Geschichten aus dem Wiener Wald“ sehenswert mit Amateuren dabei. Vorher kurz Weixelbaum.

6. September 2018

Nachtrag: Vor zehn Jahren kamen wir irrtümlich mit einem Tag Verspätung in Kutzenhausen im Elsass an. Heute heißt unser Ziel Waldviertel, genauer die Rosenburg, die wir nach kurzem Stopp am Stift Altenburg eben zeitig genug erreichen zur Führung, wir sehen sogar noch die letzten beiden Darbietungen einer Greifvogel-Schau: einen Weißkopfseeadler, danach zwei mächtige Gänsegeier. Die Führung hat ihre Spezialität im Erläutern der mittelalterlichen Herkunft sehr vieler und sehr geläufiger Sprichwörter vom „den Löffel abgeben“ bis zum „von der Pike auf lernen“. Passend zu den Greifvögeln ein kleines Museum. Hinter Glas ein Grauer Gerfalke, weiblich, es ist der größte der Welt, eindrucksvoll, verglichen mit den Zwergen, die hier über der Pörlitzer Höhe bisweilen kreisen. Mit dem Bus nach St. Michael zum Bayer, wo wir im Garten sitzen, mein Wildteller liegt mir bald wie ein Wackerstein im Magen, so dass ich schon nach drei Achteln das Handtuch werfe.

5. September 2018

Nachtrag: Entdeckung einer uns bisher unbekannten Stadt, Tulln an der Donau. Unser Ziel ist das Egon-Schiele-Haus, wo es unten eine kleine, aber feine Schatzkammer mit Originalen aus den frühen Jahren 1905 bis 1907 gibt, oben diverse Bildschirme mit Videoeinspielen. Wir sehen und hören die Amerikanerin Alessandra Comini, die aus ihrer Schiele-Begeisterung ein Forscherinnen-Leben machte. Comini hat noch die Schwestern Schieles persönlich kennengelernt. In Krems hängt in der Schillerstraße eine Tafel an dem Haus, in dem Schiele als Schüler für ein Jahr Quartier hatte. An der Donau ein Monument zur Nibelungen-Sage, der wir 2015 bereits in Pöchlarn begegneten, dort als Beifang zu Oskar Kokoschka. Hier in Tulln standen sich Etzel und Kriemhild gegenüber. Vertäut am Ufer das Hundertwasser-Schiff „Regentag“, mit dem der Meister tatsächlich über die Meere fuhr. Bei erstmals wieder richtigem Sommerwetter durch die Weinberge zu Höllmüller.

4. September 2018

Nachtrag: Erster Weg nach dem Frühstück zum Teisenhoferhof. Die Wachau-Festspiele haben vom 31. August bis zum 9. September Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ im Spielplan, wir bekommen für die fast ausverkaufte Vorstellung am Freitag noch zwei Karten in Reihe 15A, das ist nicht die beste Reihe, aber dieser Innenhof ist halt etwas Besonderes. Nun hoffen wir auf Wetter, denn die Ausweichspielstätte ist nicht vergleichbar. Fahrt nach Krems. Auf dem alten Parkplatz an der Kunstmeile ist der Neubau der Außenstelle des Landesmuseums Niederösterreich fast fertig, 2019 soll er der Öffentlichkeit übergeben werden. Wir lassen uns im Karikaturen-Museum von der Kassenfrau zum Erwerb zweier Kombi-Tickets überreden, nutzen davon  zunächst nur die aktuelle Schau zu Manfred Deix, zu Erich Sokol und eine kleine mit tschechischen Karikaturisten. Die Achtel heute bei Martin und Silvia Denk. Nach den Ingolstädtern gestern heute Passauer am Tisch.

3. September 2018

Nachtrag: Die Wetterprognose lässt kaum Spielraum, es ist Regen angekündigt, Überdachung also angeraten, egal wo. Die Wahl fällt umgehend: die Schallaburg hat für 2018 das Ausstellungsthema „Byzanz & Der Westen. 1000 vergessene Jahre.“ Nach dem Islam im vorigen Jahr ist das eine sehr spezielle Fortsetzung, denn die 1000 Jahre sind nicht nur vergessen, sondern tatsächlich weitgehend unbekannt. Hätte ich mir nicht vor Jahren das dreibändige Werk von John Julius Norwich zugelegt, um Informationshintergründe zur Hand zu haben, als ich mich mit der bulgarischen Renaissance befasste, das Thema fast noch abseitiger, wäre ich komplett ahnungslos durch die Präsentation gegangen, die allerdings gewohnt benutzerfreundlich gestaltet war mit einem wirklich guten Guide. Am späteren Nachmittag goss es wie aus Kübeln, wir mussten warten, denn wohl hatten wir Schirme und Regenjacken im Gepäck, aber keine flutharten Schuhe. Spät zu Hermenegild Mang.

2. September 2018

Nachtrag: Wer kurz nach 7 Uhr ins Auto springt, hat, ohne allzu sehr aufs Gas gehen zu müssen, sein Ziel nach 621 Kilometern um 13.30 Uhr erreicht. Die Zehn-Tage-Vignette lange vor der Grenze erworben, passierten wir diese entspannt, der Wohnungsschlüssel im Safe an der Haustür zeigte sich im zweiten Versuch. Unser „Mariandl“ begrüßt uns als alte Bekannte, an der Magnet-Tafel vier Zettel mit den Verbrauchsrubriken, ich hänge unsere dazu. Erstverbrauch: eine Flasche Vöslauer und eine Gelber Muskateller. In der Vinothek hat heute Ferdl Denk Dienst, wir nehmen fürs erste und als Grundstock der 2018er Sammlung vier Flaschen mit. Zeitig zum Rosenberger, wo wir uns noch gar nicht richtig nach einem Platz umgesehen haben, als uns zwei bekannte Gesichter anschauen. Am Ende stehen wir bei sieben Achteln, das siebente auf Kosten des Hauses, denn eines der beiden bekannten Gesichter hat Geburtstag. Wir reden von der Wachau, Regensburg, Ilmenau.

1. September 2018

Ich beginne den allerletzten Monat meines Lebens als Nicht-Rentner mit einer Trauerbekundung. Die Broschüre zum Tag des offenen Denkmals erscheint in diesem Jahr erstmals nicht mehr in der gedruckten Form, las ich. Seit 1993 habe ich alle Ausgaben gesammelt und aufbewahrt, man nennt den nunmehrigen Zustand ein abgeschlossenes Sammelgebiet. Broschüren, die nicht gedruckt sind, sind keine Broschüren. Auch Kritiken, die nicht gedruckt werden, sind keine Kritiken, schlimmer noch steht es um jene, die gar nicht erst geschrieben wurden. Auch dieses Sammelgebiet nenne ich für mich abgeschlossen. Der Chip in meiner Kamera bewahrt, wie ich eben schaute, 1398 Fotos, die Nummer 1399 wird morgen entstehen, wenn unser C-HR oberhalb der Laimgrubgasse seinen Platz gefunden hat, den zuvor vier Jahre lang der Auris einnahm. Reserviert ist uns das „Mariandl“ ganz oben, das uns vertraut ist, wie es ältere Herrschaften halt angenehm finden. Hier nun Sendepause.

31. August 2018

Etwas mehr als sieben Gigabyte Musik zog ich heute auf einen Stick, eine dreistellige Zahl von CD’s ist das, der erste Probelauf im Auto mehr als befriedigend, wir können also hinfort unsere Reisen beginnen, ohne lange am Regal zu suchen, was mitfährt und was zu Hause bleibt. Immerhin: als ich vor 25 Jahren am Strand von Zandvoort mit Kopfhörer und Walkman einherwatete barfuß und bester Laune, vermeinte ich mich schon im neunten Technik-Himmel. Meine zahlreichen Musik-Kassetten aus der damaligen Zeit sind längst dem Restmüll anheimgegeben. Und Zandvoort? Die alten Fotos zeigen noch die Neugier auf fast alles: in Haarlem, in Amsterdam. Ich hatte Vergnügen an kunstvollen Architekturbildern, auch das Meer war uns, als Ostsee-Abstinzenzlern, ja kaum wirklich vertraut. Vor 90 Jahren erlebte Berlin die Uraufführung der „Dreigroschenoper“, so steht es in meinem Merk-Kalender, das war kulinarisch und nicht sonderlich voll von V-Effekten.

30. August 2018

Lebte mein Vater noch, wäre er jetzt 97 Jahre alt. Am Busbahnhof setzte sich ein kleiner alter Mann neben mich, der zum Baumarkt wollte. 98 Jahre alt. Erzählte mir vom Rückmarsch zu Fuß quer durch Polen im Gefolge des 1939er Nichtangriffspaktes zwischen Stalins Sowjetunion und Hitlers Deutschland, von einer Verwundung durch sibirische Scharfschützen, der Überquerung des Rheins auf den Resten einer zerstörten Brücke mit dem Fahrrad auf der Schulter. Ich sah Narben am rechten Arm und am Hals. Ich erzählte von der Verwundung meines Großvaters vor Verdun 1916. Angesichts solcher Leben ist die Kunst nur Kunst. Die Berliner Theater, wenn ich der heutigen Beilage der BERLINER ZEITUNG Glauben schenke, wollen mich in diesem Jahr nicht sehen. Alles, was sie ankündigen lassen, interessiert mich nicht, weil ich es von Montag bis Sonntag im Fernsehen sehe, dramatische Zweitaufgüsse davon mag ich nicht. Sie kommen immer zu spät.

29. August 2018

Zu Beginn seines letzten Lebensjahres schrieb der schwerkranke Max Dauthendey einen Brief an die spätere Reichstagsabgeordnete des katholischen Zentrums, Helene Drießen. Darin als Beilage das Gedicht „Morgen-Lied des Gefangenen“ und der Satz, der heute sicher ganzen Redaktions-Konferenzen Schluckbeschwerden verursachen würde: „Ein deutscher Dichter gehört in deutsches Land, unter deutsche Bäume und deutsche Wolken, und nicht unter Palmen und ewiges Blau, nicht unter braune Javanen, sondern unter klare deutsche Menschen.“ Was dem gebürtigen Würzburger heute den Verdacht der Unzurechnungsfähigkeit eintrüge nicht nur unter Heimat-Phobikern aller Schattierungen, war im letzten Kriegsjahr für einen Dichter, der fast immer auf Reisen war, doch ausgerechnet von der zweiten Weltreise nicht nach Hause zurückkehren durfte, tiefer Sehnsuchtsruf. Am 29. August 1918 starb Dauthendey in Malang auf Java, ganze 51 Jahre alt und unvollendet.

28. August 2018

Heute vor 250 Jahren, an seinem 19. Geburtstag, reiste Johann Wolfgang Goethe, noch ohne von, nach drei erfolglosen Studienjahren aus Leipzig ab. Lange hielt ich das Ende des Studiums dort für eine Folge des gefährlichen Blutsturzes, der ihn im Juli 1768 ereilte. Inzwischen neige ich zu der Ansicht, das Heranrücken der bewiesenen Erfolglosigkeit hatte den Blutsturz zur Folge. Fingerzeig ist mir der Umstand, dass auffallend selten klar und deutlich davon die Rede ist, dass die Jahre in Leipzig von vornherein auf genau drei und keines mehr begrenzt waren. Seither beschäftigt mich die Frage, was eigentlich eine Dehnung der Brustbänder sei, die mit einem Wagenunfall und seiner Behebung in Verbindung gebracht wird von Goethe selbst. Vielleicht ist meine Anatomievorstellung einfach falsch und die vom Heben: da sehe ich aus eigener Erfahrung Bandscheiben und Rücken eher in Gefahr als jene Bänder. Seinen 120. Geburtstag hätte Ludwig Turek, der erzählende Prolet.


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