Tagebuch

1. Februar 2017

Wir beenden die Reihe der 116. Geburtstage heute wegen des akut nachlassenden Interesses an dergleichen Daten in Auckland und Wien, Clark Gable sei der vorerst letzte Name, der es in diesem Zusammenhang in dieses Tagebuch schafft. Wir vermeiden weiterhin die Themen Berg (und Tal wegen der Ausgewogenheit) sowie Hochzeiten in Berlin. Die Tatsache, dass uns die Einladung zu einer Hochzeit in Berlin erreichte, ist rein privaten Charakters, ebenso die Abstimmung mit jenen neben uns geladenen Gästen, mit denen wir vor und nach den Feierlichkeiten gemeinsame Quartiere bewohnen werden. Ich erinnere mich dunkel, in jenem Berliner Stadtbezirk, in dem wir wohnen sollen, vor vielen, vielen Jahren mit dem nunmehrigen Bräutigam in der Wohnung seiner Mutter Wände und Rohre gestrichen zu haben. Hilfreich war dabei auch IM Fischer, dessen Wirken sonst nur begrenzt hilfreich war. Der Name der Braut wird aus Datenschutzgründen geheim gehalten.

31. Januar 2017

Weil wir einmal bei den 116. Geburtstagen waren, liefern wir heute einen Nachschlag. Denn Marie Luise Kaschnitz ist an der Reihe, die es nur bis 1974 schaffte und in meiner Bibliothek mit einer  stattlichen Reihe von Büchern vertreten ist. Anders als Nossack war sie nie Kurzzeitkommunist(in) und manches, was sie schrieb, verstehe ich überhaupt nicht, und manches, was sie schrieb, gefällt mir außerordentlich. Man kann sie also zu den Normalfällen zählen. Es ist nicht bekannt, dass sie Kritikerinnen noch zwanzig Jahre später eine aus dem Rahmen der sonst allgemeinen Begeisterung fallende Besprechung um die Ohren haute, nur weil die Kritikerin zufällig einen runden Geburtstag feierte. Aber das ist zugleich ja das Schöne am Leben: es schreitet voran, die Äpfel fallen immer weiter vom Stamm zu Boden, wo ihr dumpfer Aufprall ruhenden Regenwürmern und grabenden Schermäusen auf den Wecker fällt und eifrigen Ameisen das Lebenslicht auspustet. War nur Spaß.

30. Januar 2017

Hans Erich Nossack, der heute 116 Jahre alt geworden wäre, wenn ihn nicht 1977 das Schicksal ereilt hätte, veröffentlichte eine Sammlung mit Reden und Aufsätzen unter dem Titel „Die schwache Position der Literatur“, darin findet sich eine „Rede in Neu Delhi“, die wiederum von Jägern und Sammlern in eine Anthologie aufgenommen wurde, die „Absichten und Einsichten“ heißt und exemplarische „Texte zum Selbstverständnis zeitgenössischer Autoren“ vereint. „Bei uns ist die Lage so“, steht dort, „dass Optimismus nicht nur als stumpfsinnige, sondern als strafbare Handlung bezeichnet werden muss.“ Wie das „bei uns“ zu interpretieren wäre, ist möglicherweise unter die offenen Fragen zu sortieren, von denen Unbelehrbare behaupten, dass ihre Offenheit nur ein Wahrnehmungsfehler sei. Nossack hatte das Pech, sich keiner Gruppe zuzurechnen, das wirkt sich auf Ruhm und Nachruhm verheerend aus, weil es nie den automatischen Vereinsbeifall gab.

29. Januar 2017

Wenn im Theater im dreizehnten Stock „Der Ring des Bibeljungen“ inszeniert würde, das erste nachmittagfüllende Stück eines jungen koptischen Christen mit der Musik einer japanischen No-Trommlerin mit sunnitischer Mutter und Vater aus einer tasmanischen Samenspende, ich würde nicht hingehen, wenn alternativ der Besuch von Kino 4 anstünde, wo „Feuerwehrmann Sam“ gespielt wird. Feuerwehrmann Sam ist so etwas wie Bob der Baumeister für Fortgeschrittene, sein Spruch lautet „Wir schaffen das“ und er schafft das auch immer. Ich gebe zu, dass ich mehr und öfter Bob der Baumeister sah, das ist aber alles eine Frage der Zeitläufte. In Kombination mit dem verfilmten Sams alias Christine Urspruch fügen sich Tage zu Wochenenden, deren Dokumente man gerührt hinter Spiegel kleben würde, hätte man Spiegel. Der SPIEGEL hat Martin Schulz. Es sollen 700 neue Mitglieder in die SPD gerannt sein. Ob sich deren Zahl damit tatsächlich verdoppelt hat?

28. Januar 2017

Es ist vollbracht. Ich habe mir „Faust II“ in Weimar zum zweiten Male nach dem 11. März vorigen Jahres angesehen, ohne Erkältung, ohne schwere Kopfschmerzen, ohne Kampf gegen den nächsten zu unterdrückenden Hustenanfall. Es fehlten fünf Minuten an drei Stunden schließlich, als mit Bravo-Rufen der Schlussbeifall einsetzte. Überwiegend sehr junge Leute und Leutinnen. Immer wieder faszinierend für mich der auffallende Wille unter letzteren, sehr fein gekleidet und gestylt zu sein, wir dagegen hatten, das Wort einer Altvorderen zu nutzen, unseren höchsten Spaß darin, so schlumprig wie möglich ins Theater zu gehen. Wir machten uns lustig über die Provinzschönheiten, die zu Berlin in Gold- und Silberlametta der SB-Bahn entquollen, um zur Staatsoper oder zum Metropoltheater zu strömen. Unser Holzfällerhemd war ein kragenloses Fleischerhemd. Mit über die Ohren gezogener Image-Mütze (mein Nebenmann) hätten wir uns niemals ins Parkett gefläzt.

27. Januar 2017

„derfreitag“ nennt sich „Das Meinungsmedium“ und erscheint als solches in kleinster Auflage gedruckt an jedem Donnerstag, wenn alles gut geht. Gestern hatte Helke Sander anlässlich ihres 80. Geburtstages eine Meinung. Sie lautete: „Frauen hatten schon in der Urzeit Probleme, die Männer nicht hatten“. Ich war damals nicht dabei in der Urzeit, die Frau Sander offenbar noch erlebt hat,  kann aber an Eides Statt versichern, dass in jener Urzeit Männer ebenfalls Probleme hatten, darunter einige, die Frauen nicht hatten. Während Frauen in der Höhle darauf warteten, dass Männer eine schöne frische Mammutlende nach Hause bringen, vergaßen Männer, was Omi gesagt hat, wie man sich verhält, wenn der Säbelzahntiger Onkel und Bruder gegessen hat. Dem Oberbürgermeister habe ich brav gelauscht, dem Bürgermeister vorher auch, der den Part der lustigen Begrüßung übernommen hatte. Groß-Ilmenau rückt näher, auch wenn es nicht bis Maas und Memel reicht.

26. Januar 2017

Wenn Heinz Strunk und Benjamin Stuckrad-Barre fast gleichzeitig einen Hype haben und durch sämtliche Feuilletons gezerrt werden, hat das für mein Archivschaffen große Vorteile: Ich muss nur den Ordner „BRD Str – The“ aus dem Regal ziehen, wo die Lieblingsbuben ihren Platz gefunden haben mit den entsprechenden Ausdrucken und in den entsprechenden Klarsichthüllen, und schon kann ich mich den wichtigen Aufgaben des Tages widmen. Von Goethe fand ich gestern, und war begeistert, den Satz des Mephistopheles für alle rückwärts gewandten DDR-Propheten: „Man denkt an das, was man verließ, / Was man gewohnt war, bleibt ein Paradies.“ Das war schon ein echter Teufelsbraten, dieser Goethe, wie weit der voraus schaute und wie listig er auch gleich wusste, wem er dies in den Mund legen musste. Ansonsten schreite ich heute zum Neujahrsempfang in die Festhalle, mir die Rede meines Oberbürgermeisters anzuhören. Eine Rede im Jahr, das geht schon.

25. Januar 2017

Im Burgtheater gibt es heute eine Gala und im TAGESSPIEGEL ist er „Der ewige Mecki“. In der DDR hieß der Mecki „Igelschnitt“ und Meiningen war schon nicht mehr DDR, sondern Thüringen, als der heutige Jubilar Werner Schneyder Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ inszenieren durfte. Er tat es mit Schwung und Können und später schrieb er ein Buch dazu mit dem Titel „Meiningen oder Die Liebe zum Theater“, von dem es heißt, es habe an der Werra, nun ja, nicht eben die ganz große Begeisterung ausgelöst. Humoristen tarnen ihre vergleichbaren Werke unter der Bezeichnung Roman, Kabarettisten nennen einfach die Namen nicht, weil sie davon ausgehen, dass vor Ort ohnehin jeder alles entschlüsseln kann, während andernorts die Schnurren aus der Provinz nur wenig Bewegung hinterm Ofen auslösen. Ich habe über den Schnitzler den Weg zu diesem Schneyder gefunden, dessen Box-Kommentare ich mochte. Und von Meiningen weiß ich manches.

24. Januar 2017

Eine Telefonanlage kann funktionieren, muss aber nicht, würde Rüdiger Hoffmann sagen. Im Landratsamt Arnstadt funktioniert sie seit vorigen Mittwoch mit einer kurzen Unterbrechung gestern zum Feierabend nicht. Mit der Folge, dass ich mit meiner mir angetrauten Verlegerin die ehelichen Kurzinformationen nur unter erschwerten Umständen austauschen kann. Dies hat einen kräftigen Zug ins Groteske und passt deshalb zu meiner in ALTE SACHEN neu veröffentlichten alten Kurzkritik zu Alexander Moritz Frey. Der starb am 24. Januar 1957 einsam, arm und von der literarischen Öffentlichkeit weitestgehend vergessen, in Zürich. Die 1914er Originalausgabe von „Solneman, der Unsichtbare“ kann man just heute für bescheidene 350 bis 580 Euro in mutigen Antiquariaten kaufen. Meine Ausgabe kostete 13,80 Mark der DDR. NEUES DEUTSCHLAND lobte 2007 eine Frey-Biographie, die andere Kritiker sprachlich schlampig und fehlerhaft fanden.

23. Januar 2017

Im Verlag, der seit etlichen Monaten der mir angetrauten Gattin gehört, gibt es auch ein Buch mit dem verständlichen Titel „Wörterbuch zu Goethes Faust“, Verfasser ein gewisser Friedrich Strelke. Das Buch erschien zuerst 1891 in der Deutschen Verlagsanstalt und ist nunmehr ein Reprint. Man kann es, deshalb erwähne ich das hier, immer noch mit großem Gewinn nutzen, wenn man sich etwa durch die Szenen von „Faust II“ hindurchknabbert und nicht jedesmal eine Suchmaschine anwerfen will. Wer weiß schon, wer der Nekromant von Norcia ist, den unser guter alter Goethe da ins Rennen schickte, der Freund Schillers hat sich ja nicht einmal zu einem Personenverzeichnis bequemt, welches den Leser darauf vorbereiten könnte, was für lustige Figuren ihn im Laufe der fünf Akte erwarten. Es gibt in diesem Verlag übrigens auch noch ein Buch mit dem altertümlichen Titel „Goethes Faust – Briefwechsel mit einer Dame“ von Albert Grün, zuerst Gotha 1856, kurios.

22. Januar 2017

Als Peter Gugisch den Roman „Totenjäger“ von Leo Katz für den Romanführer Band III „Der österreichische und schweizerische Roman. Romane der BRD“ beschrieb, verkniff er sich jede Wertung, behauptete jedoch gleich eingangs „dokumentarische Genauigkeit“. Leo Katz, der am 22. Januar 1892 in der Bukowina geboren wurde und am 9. August 1954 in Wien starb, war, ehe er zu schreiben begann, ein kommunistischer Waffenhändler im spanischen Bürgerkrieg. Anna Seghers versuchte 1955, seinem Sohn einen Job in der DDR zu vermitteln, indem sie an Paul Wandel appellierte, Vitamin B hieß das im Volk. Liest man die Gugisch-Beschreibung, dann sträuben sich einem sämtliche Haare. Eine grässlichere Kolportage ist schwer denkbar und dummerweise ist auch kommunistische Kolportage Kolportage. Ich aber, naives Kind in der kleinen DDR, las das schmale Robinson-Buch Nr. 23, „Tamar“ von Leo Katz, wegen Spartakus darin in maximaler Begeisterung.

21. Januar 2017

Tatsächlich: Weltknuddeltag und Tag der Jogginghose fallen gemeinsam auf diesen Januar-Samstag und ich komme dieser Welt mit Ludwig Thoma. Der hätte sich kaum träumen lassen, dass die Jogginghose eines Tages straßentauglich sein könnte und ganze Völkerschaften, deren Herkunft wir aus Anti-Diskriminierungsgründen geographisch nicht näher eingrenzen, ihre Männer mit diesen Teilen bekleidet umherwandeln lassen. Thoma jedenfalls, der mit den „Lausbubengeschichten“, hat mit diesen den milden Hermann Hesse erheitert: „Der Erzähler ist keiner von den Feinsten, aber wer schlechterzogen genug ist, schon beim Lesen des Titels froh zu schmunzeln, den werden diese Lausbübereien nicht enttäuschen.“ Die Geschichte „Der Meineid“ endet mit einem für ehemalige  Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit aller denkbaren Art wenig aufheiternden letzten Absatz, der wiederum so beginnt: „Ich bin recht froh, dass ich gelogen habe und nichts eingestand“.


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