Tagebuch

26. Februar 2017

Am Vorabend des Tages, da mein Alter nach neun Jahren Pause wieder einmal die Quersumme zehn erreicht, während in der Küche Teile des Menüs bereitet werden, mit dem die kleine Schar meiner mich mögenden Gäste am frühen Abend beköstigt wird, damit alle, die es wollen, noch rechtzeitig den Rosenmontag in der Ilmenauer Festhalle erreichen, an diesem mittelschönen Sonntag genieße ich es noch eine Weile, diesen Weimarer „Hamlet“ von gestern von mir weg geschrieben zu haben. Meine überhöhte Heimreisegeschwindigkeit nach Zahlung von sieben Euro Parkgebühr entsprang wohl unbewusstem Distanzierungswillen, die hold in der Küche jetzt Waltende lag schon zu Bette, ich schaute mir noch ein wenig Fußball im Videotext und ein wenig Mord und Totschlag im ZDF-Seitenkanal an, goss ein wenig Costieres de Nîmes in mich, um dann dem Tagebucheintrag entgegen zu schlafen. Ich träumte süß von Zucker und Anis, wie es so hieß.

25. Februar 2017

Schreckstarre will ich es dann doch nicht nennen, was ich erlebte, als ich vor Wochenfrist die mir als Bahnlektüre in Erfurt gekaufte Thüringische Landeszeitung (TLZ) zu lesen versuchte. Da ist ein Teil „Kultur & Freizeit“ mit drei von vier Seiten Veranstaltungs- und Fernsehprogramm, unten Goldberg, der jetzt in jeder Zeitung ist, die es überhaupt in Thüringen gibt. Gerlinde Sommer ist auch noch da, die ich aus Zeiten der Tagespost in Erinnerung habe. Sonst aber: unfassbar, wie ein so genanntes Qualitätsmedium an Qualität verlieren kann durch die Fusionitis der Eigner. Auf jeder einzelnen Seite in „Wiege, Bett und Recamier. Kleine Kulturgeschichte des Liegens“ von Anthony Burgess steht mehr Substanz als in diesem aufgemotzten Anzeigenblatt. Gestern leerte ich endlich  die Papierkiste mit dem Druckabfall der Woche. Anthony Burgess ist übrigens der berühmte von „Clockwork Orange“, auch Hemingway- und Shakespeare-Biograph, heute würde er 100 Jahre alt.

24. Februar 2017

Mein gestriges öffentliches Bekenntnis zu Nackt-Kontakten hat unter meinen neuseeländischen Freunden unerwartete Irritationen ausgelöst. Ich verweise also für alle Argentinier, Bulgaren, Tschechoslowaken, Finno-Ugren sowie katholischen Mönchinnen darauf, dass man in Deutschland immer noch in den so genannten Adams-Roben respektive Eva-Kostümen die Sauna aufsucht, wo man dann barrierefrei nebeneinander oder einander gegenüber, untereinander oder Rücken an Rücken umhersitzt, während der Schweiß rinnt und so weiter. Wenn ich neben hinter unter der genannten sächsischen Persönlichkeit sitze, ist mit fast hundertprozentiger Sicherheit die mir vor knapp 41 Jahren angetraute Gattin in der Nähe, lediglich auf einem anderen Handtuch sitzend oder liegend. Karl Schönherr, der am 24. Februar 1867 das Licht seiner österreichischen Welt erblickte, saß vermutlich nie in deutschen Saunen, was seinem Ruhm als Autor freilich nicht geschadet hat.

23. Februar 2017

Was für Musik würde ich an einem vernieselten Donnerstag wie dem heutigen am Morgen hören, wenn nicht NEUES DEUTSCHLAND mich inspirierte? Nun, ich höre morgens mit und ohne Zentralorgan nie Musik. Wenn mein Blick aber beim Ausschneiden eines Lang-Artikels zum 75. Todestag von Stefan Zweig, der nicht dessen angeblichen Exhibitionismus zum Hauptgegenstand macht, auf die verspätete Todesnachricht von Larry Coryell fällt, dann schreite ich gemessenen Schrittes zu meinen CD-Regalreihen, greife nach den exakt drei in meinem Besitz befindlichen Scheiben von Larry Coryell, lege „Fallen Angel“ ein, beginnend mit dem „Inner City Blues“ und dann ist das ein Morgen, der mich in unerwartet beschwingte Stimmung versetzt. Natürlich denke ich mit der Papierschere in der Hand an meine Lieblings-Kerstin, die ich seit unverschämt vielen Jahren Tina nenne, mehrmals im Jahr sehen wir uns bekleidet und unbekleidet, und das ist gut so.

22. Februar 2017

Natürlich hat die zweite violette Blüte an unserer einzigen Wohnzimmer-Orchidee nichts mit Ottilie Wildermuth zu tun. Immerhin aber hatte diese Orchidee im Gegensatz zu allen anderen, die auf den Fensterbrettern stehen müssen, stets nur eine einzige, eine damit gewissermaßen einsame Blüte. Die Wohnzimmer-Orchidee zerstört unsere mühsam abstrahierten Standortregeln, auch wächst sie wild und mutig, womit wir doch wieder bei Ottilie wären, deren 200. Geburtstag mich einzig deshalb neugierig gemacht hat, weil Robert Walser in seiner winzigen Schrift einen Mikrogramm-Entwurf hinterlassen hat, der ihr gewidmet ist. Auch Peter Härtling war auf ihren Spuren und ein Marbacher Magazin zu ihr gibt es, womit zugleich auf eine sehr interessante Publikationsreihe hingewiesen ist, die schon lange erscheint. Wer sich für schwäbische Pfarrhäuser interessiert, ist bei Ottilie bestens aufgehoben, ich bin lediglich auf Stippvisite bei ihr. Und blättere sofort bei Robert Minder nach.

21. Februar 2017

Am 21. Februar 1962 erlebten „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt ihre Uraufführung und schon wenig später begannen bedeutende Provinzmarxisten zu wissenschaftlichen Kolloquien über die Verantwortung der Wissenschaftler und die Kunst zu referieren. Einige Sonderdrucke aus jener Zeit bekam ich von den bedeutenden Marxisten persönlich geschenkt. Später fabrizierte auch ich einige Sonderdrucke, die ich hätte verschenken oder verschicken können, wenn ich nur Lust dazu verspürt hätte. Das war in jenen Jahren, wo sich Geisteswissenschaftler unwohl fühlten, wenn sie nicht in jedem zweiten Satz das Wort Ambivalenz verwendet hatten. Bisweilen war der gesamte wissenschaftliche Neuwert ausschließlich der, auf einen bekannten Tatbestand dieses vermeintlich tolle Wort angewendet zu haben. Gegenwärtig versucht das Wort Narrativ, ähnliche Bedeutung zu erlangen, ich weiß aber nicht, ob es schon in Sonderdrucke vorgedrungen ist. Ich lese keine mehr.

20. Februar 2017

Wer weiß, ob wir Weißenfels in seiner von der Bahnlinie aus gesehen unergründlichen Hässlichkeit je wieder vor Augen bekommen hätten, wäre nicht der ICE wegen eines Notarzteinsatzes, wie die Sprecherin auf Gleis 5 des Berliner Hauptbahnhofes das umschrieb, durch einen Ersatzzug namens IC ersetzt worden. Der IC hatte den Vorteil freier Platzwahl für alle, worüber wir uns mit unseren drei bezahlten Platzkarten besonders freuten. Der IC brauchte eine knappe dreiviertel Stunde länger bis Erfurt, worüber sich alle freuten, die dort ihre Anschlusszüge verpassten. Der ICE, in dem wir nach Berlin gekommen waren, hatte einen Defekt in der Klima-Anlage, sie tropfte von oben herab und als das vom Personal in Halle bemerkt wurde, begann sich das Klima in unserer Waggonhälfte radikal zu verschlechtern. Unsere Waden waren in der Hauptstadt zu Eisbeinen geworden, freilich ohne Sauerkraut. Wir verstehen jetzt, warum Humoristen so extrem gern mit der Bahn umherfahren.

19. Februar 2017

Manchmal, wenn ich dem Müßiggang verfalle, ohne deshalb gleich zum Uwe zu werden, stelle ich mir vor, wie schön es wäre, einmal eine Partei zu spalten. Ich käme in die Schlagzeilen, vielleicht würde mir auch jemand nur Schläge androhen ohne Zeilen. Andere ziehen ihr Selbstwertgefühl zur Gänze aus der Tatsache, nie in einer, egal welcher, Partei gewesen zu sein, nie für Tageszeitungen geschrieben zu haben, als die noch unter dem Diktat der Partei standen, in der sie leider nie waren, während bekanntlich andere Blätter, die nur einmal in der Woche oder gar im Monat erschienen, diktatfreien Humor verbreiten durften. Kurzer Rede langer Sinn: Ich muss an diesem Sonntag, den ich fern der Heimat verbringe, um einen zweiten Geburtstag zu feiern, beim Blick aus dem Fenster allenfalls denselben schweifen lassen und weder etwas Bedeutendes denken noch so tun, als würde ich einen bedeutenden Gedanken in mir gären lassen. Wenn ich am Boden liege: nur zum Spielen.

18. Februar 2017

Sollte nicht ein Besetzungsproblem im Schlossparktheater in Steglitz dafür sorgen, dass ich etwas sehen soll, was ich nicht sehen will, sehe ich heute ebenda „Minna von Barnhelm“ von einem gewissen Lessing. Es ist sicher, dass ich damit heute keinen Spielfilm sehe, in dem Ronald Zehrfeld die Hauptrolle oder eine der Hauptrollen spielt, das ist mir zuletzt nur sehr selten gelungen. Nur in den nachmittäglichen Zoo-Sendungen oder in den schönen Wiederholungen von „Columbo“ bei ZDF Neo bleibt Zehrfeld unbegreiflich unsichtbar, aber das wird sicher höheren Orts noch geklärt. Die Zahl der Wörter, die ich gestern schrieb, ist so immens, dass ich sie geheim halte, um nicht in den Verdacht der Selbstbeweihräucherung zu geraten. Ich werde heute keinen Blick auf irgendeinen Wasserturm werfen. Wenn ich etwas werfe, dann meinen ungültig gewordenen S-Bahn-Fahrschein in einen Papierkorb der Berliner Verkehrsbetriebe. Dort wird er sich in guter Gesellschaft befinden.

17. Februar 2017

Mit Kaffeetrinken beginnt heute um 15 Uhr in Neubrandenburg die offizielle Geburtstagsfeier für Margarete Neumann. Die Landtagspräsidentin, der Oberbürgermeister sowie der Vorsitzende des Dreikönigsvereins lesen aus ihren Werken. Der 100. Geburtstag selbst ist erst am Sonntag und am Montag folgt schon der 44. Todestag von Brigitte Reimann, die am Tag nach Margarete Neumanns 56. Geburtstag starb. Den Zusammenhang zwischen den beiden so unterschiedlichen Frauen muss man im Norden, wo Eintopf Zusammengekochtes heißt, nicht ganz so zwingend erläutern wie in anderen Gegenden, denn das Literaturhaus Neubrandenburg residiert im Brigitte-Reimann-Haus, das nicht mehr das authentische Wohnhaus ist, sondern ein Neubau, und alleweil gibt es dort eine lockere Veranstaltung mit dem Titel „Der grüne Salon“, nach dem bekanntesten Roman von Margarete Neumann. Warum eigentlich ist sie schon zu DDR-Zeiten so gern übersehen worden?

16. Februar 2017

Der oberste Haupt- und Staatsautor von NEUES DEUTSCHLAND hat sich höchstselbst und eigens nach Coburg begeben, um im dortigen Landestheater ein Werk mit dem prägnanten Titel „Wut“ zu sehen von, nun ja, von Elfriede Jelinek, welche es wiederum vermag, in mir schwere allergische Schockreaktionen auszulösen, weshalb ich seit 2005, als ich schreibe und sage 15 ihrer Bühnentexte mir anbefahl, mir Kontaktsperre verordne. Wenn ich mich ihr auf weniger als 200 Meter nähere, löst meine elektronische Hirnfessel Alarm aus, ich setze zum Sprint in entgegen gesetzte Richtung an. Auch Bühnenabende mit Jelinek-Beimengungen, der feine Kenner nennt sie beschönigend gern  Überschreibungen, versage ich mir leichten Herzens. Das genannte einstige Zentralorgan tritt im Internet mit durch ein Schloss symbolisierten Bezahlschranken auf, was sein gutes Recht ist, einige Artikel tragen aber kein Schloss und sind trotzdem nicht zu lesen, was meine Wut teilmobilisiert.

15. Februar 2017

Buddhisten denken heute, weil Nirvana-Tag ist, über ihren eigenen Tod nach. Das muss ich als ungetaufter katholischer Marxist zum Glück nicht, ich denke stattdessen an Elke Heidenreich. Die Gute wird genau 74 Jahre alt und schrieb einst dies: „Und wenn ich heute, mit über 42, in den Spiegel gucke, ganz ehrlich: Mein Gesicht gefällt mir besser als mit Mitte 20.“ Keine Ahnung, wie ihr das jetzt vorm Spiegel geht. Unseren Lieblingsmephisto im „Prolog im Himmel“ abzuwandeln, sage ich: „Von Zeit zu Zeit seh ich die Alte gern“ und verspreche mir in meine Faust, in einem Jahr, wenn sie die 75 erreicht, zwölf Tage bevor ich die 65 erreiche, erneut und spätestens an sie zu denken. Sie hat vor 13 Jahren bekannt, „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ von Carson McCullers sei ihr Lieblingsbuch. Dann wird sie vermutlich am Sonntag, wenn Carson McCullers in ihrem Nirvana den hundertsten Geburtstag feiert, im Geiste am Tisch sitzen und beim Kerzenpusten mit helfen.


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