Tagebuch

16. Dezember 2020

Die mediale Öffentlichkeit ist auf die Tatsache gestoßen, dass in Covid19-Zeiten ja vielleicht nicht nur diejenigen eine Impfung gut brauchen können, die noch gesund sind, sondern diejenigen, die bereits erkrankten, vielleicht auch ein helfendes Medikament, idealerweise sogar mehrere. Kaum ist der Umstand entdeckt, schon gibt es die passenden Interview-Partner, die schon immer warnten vor der einseitigen Konzentration auf Impfstoffe für die Gesunden. Sofort stellt sich auch heraus, dass viel zu wenig Geld in die Medikamentenforschung floss, weil alles über den Impfstoffforschern ausgeschüttet wurde und kaum haben die Medien das Thema entdeckt, entdecken Politiker, die bisher selten vor Kameras traten, das Thema für sich und schon antworten angefragte Ministerien ausweichend, was spätestens der Punkt wäre zu fragen, wann die Kanzlerin wovon wusste. Ich nehme, wenn sie da ist, erst einmal die Impfung, wenn es mich dennoch erwischt, habe ich Pech.

15. Dezember 2020

Glück gehabt: Morgen muss die Fußpflege schließen, die mir heute noch einmal die guten alten Hüfchen polierte bei angenehmem Plausch und sogar, nein, ich verrate es nicht. Es war nicht anstößig, wohl aber zum Anstoßen und außerdem saß die mir angetraute Gattin hörbar in der Nähe. Was wir sonst unter dem noch nicht gekauften Weihnachtsbaum gestapelt hätten für Enkel und Eltern der Enkel, ging heute wegen Lockdowns der Familienfeier in einem voluminösen Paket in die ehemalige Reichshauptstadt. Nach mehr als 5000 geschriebenen Wörtern über Friedrich Dürrenmatt an zwei Tagen musste ich heute erst einmal Distanz gewinnen, ich las die Erinnerung des Regisseurs Geza von Cziffra an seine Begegnung mit Adolf Hitler. Sie ist deutlich kürzer als seine Erinnerung an Ödön von Horvath, die ich mir sofort vormerkte für die nächsten Tage. Der amerikanische Wahlverlierer, dessen Name ich vergessen habe, macht sich Sorgen, heißt es.

14. Dezember 2020

Die Stadt Osnabrück, an der ich bisher immer mal vorbeigefahren bin auf dem Weg nach Holland oder von Holland her, teilt mit, dass es pünktlich zum heutigen 300. Geburtstag von Justus Möser eine brandneue Website gibt: www.justus-moeser.de. Man könne dort etwas zum privaten Möser erfahren und auch etwas zum Justizrat. Auf den Publizisten und Literaten weist die Stadt nicht eigens hin, dazu muss man die Seite erst aufrufen. Was auf den ersten bis dritten Blick durchaus empfehlenswert ist. Da unsereiner es eher mit den Literaten als mit den Justizräten hält, führe ich in meinen Beständen 400 Seiten „Patriotische Phantasien“ (er hatte mehr davon) und 600 Seiten „Anwalt des Vaterlands. Ausgewählte Werke“. Das sind 1000 Seiten Möser. Natürlich hat auch Goethe über Möser geschrieben. Studiert hat Möser in Jena, das damals noch nicht zu den neuen Bundesländern gehörte. Dafür gab es damals Duelle, in einem verlor Möser seinen einzigen Sohn.

13. Dezember 2020

Eine mir befreundete Suchmaschine meldet, wenn ich nach dem 300. Geburtstag von Carlo Gozzi frage, der heute ist, überwiegend Beiträge zum 300. Geburtstag von Carlo Goldoni, der leider schon 13 Jahre her ist. 2016 besuchte ich in Venedig das Museo Goldoni, nicht aber ein Museo Gozzi, das es gar nicht gibt. Immerhin, das Buch „Unnütze Erinnerungen“, erschienen im Leipziger Reclam-Verlag anno 1986, ist tatsächlich von Gozzi. Und es steht bei uns im Schlafzimmer, weil Italiener bei uns im Schlafzimmer stehen (Bulgaren und Griechen auch, der Vollständigkeit halber). Von Gozzi stammt ein Werk mit dem Titel „Turandot“, welches ein gewisser Schiller, als er sich von seiner „Jungfrau von Orleans“ erholen musste, für ein von einem gewissen Goethe geleitetes Theater herrichtete. Mein Archiv enthält die Besprechung einer „Turandot“ im Gothaer Ekhof-Theater, in der Schillers Name nicht vorkommt. Dafür war der Kritiker ein Wicht, Wolfgang Wicht.

12. Dezember 2020

Ich bin mir nicht sicher, ob ich Tauchreisen in die Dominikanische Republik empfehlen würde, wenn ich derzeit die Verantwortung für Reise-Teile in großen Tageszeitungen hätte. Auch mit den Skigebieten würde ich mich wahrscheinlich sehr zurückhalten. Aber was soll man machen: Die Reisen der schreibenden Journalisten werden unterstützt von Veranstaltern, was immerhin ja seit längerem auch nicht mehr verheimlicht wird. Und dass es überall da, wo die verehrten Kollegen es toll finden, auch wirklich toll ist, nehme ich ihnen ab. Wobei ich zumindest in den ersten Minuten der Redaktionskonferenz die Frage kurz stellen würde, wie sehr eigentlich Fernreise-Werbung den Klima-Zielen zuwider läuft, deren Nichteinhaltung bisweilen der eigene Chefredakteur kühn und scharf kritisiert. Aber Medien stehen über den Dingen, zu deren kritischer Betrachtung Gott der Herr die Gewaltenteilung erfunden hat mit ihrer speziellen Nummer 4: Wer wusste wann was?

11. Dezember 2020

Die Corona-Zahlen sausen von Rekord zu Rekord. Freundliche Ämter senden einem mittlerweile per Mail freundliche Formulare, in denen man blau markierte Flächen ausfüllen kann. Dann aber muss man sie trotzdem ausdrucken und per Hand unterschreiben. Immerhin darf man sie in Briefkästen werfen und muss nicht selbst vorsprechen. Die freundlichen Ämter melden dann alles an andere freundliche Ämter weiter, so dass bei denen dann nicht noch einmal eigens ein Formular angefordert werden muss. Noch immer zeigt das Fernsehen Impfungen. Ist die Messehalle am Funkturm eigentlich noch als Notkrankenhaus gerüstet oder schon wieder ausgeräumt? Aus dem Jahresrückblick des SPIEGEL schnitt ich mir einen Beitrag über den neuen Überflutungs-Schutz für Venedig aus und eine Seite über Hilary Mantel, von der ich wohl nie etwas lesen werde. So aber weiß ich immerhin, was ich nicht gelesen habe, was manchmal sehr tröstlich ist, manchmal nicht.

10. Dezember 2020

„Serieneinbruch im Magerviehhof Friedrichsfelde“, eine neunzig Jahre alte Zeitungsüberschrift erinnert mich an sieben Armee-Wochen des Jahres 1972. Der Magerviehhof war mein Quartier während der Vorbereitung der großen Mai-Parade. Ich lernte Querflöte spielen und Exerzieren im Stechschritt, was gleichzeitig zu absolvieren nicht ganz so einfach ist. Immerhin: nie vorher und nie nachher aß ich so viele Bananen wie damals in Uniform. Am Ende hörte uns niemand vor dem noch nicht einmal begonnenen Palast der Republik, weil hinter uns die Panzer dröhnten, wir hätten das Horst-Wessel-Lied blasen können und das Politbüro hätte trotzdem geklatscht. In den ersten Wochen des Jahres 1929 war Trotzki öfter in den Schlagzeilen, als ich je vermutet hätte. An Nelly Sachs müsste ich heute wenigstens ein bisschen denken, weil sie vor 50 Jahren starb, ich aber komme nicht einmal dazu, nach den Lesezeichen zu schauen, die in mehreren Büchern stecken.

9. Dezember 2020

„Ein Garten voll Weltgeschichte“ heißt das Buch, das ich heute als Nummer 60 des Jahres in mein Register trug, Franz Hessel der Autor. „Ein Flaneur in Berlin“ hat mich seinerzeit mehr beeindruckt, jetzt holte ich mir die „Nachfeier“ aus dem Regal, weil dort die „Vorschule des Journalismus“ zu finden ist, auf die ich schon länger neugierig bin. In der „Vossischen Zeitung“ las ich die sehr lustige Nachricht, dass die Thüringer KPD-Landtagsfraktion geschlossen die KPD verlassen habe. Geschlossen hieß damals sieben von acht Mitgliedern, einer hielt der Thälmann-Linie die Stange, die die Stalin-Linie war. Das lernte ich früher noch anders, weil da die Thälmann-Linie die gute Linie war, erst später erfuhr ich, dass Stalin Thälmann durchaus hätte retten können, wenn er gewollt hätte, aber das waren schon diese Glasnost-Informationen, die gute DDR-Bürger nur noch mehr verunsichert hätten. In der Post zwei nachbestellte Zeitungen von Sonnabend: ohne Rechnung.

8. Dezember 2020

Dass ich am 8. Dezember ein Gespräch lese, das Sven Michaelsen am 7. Dezember 1990 mit Friedrich Dürrenmatt geführt hat, ist purer Zufall. Oder doch nicht ganz: genau eine Woche später ist Dürrenmatt gestorben. Er spricht von seiner Zuckerkrankheit, was ich kenne. Er spricht von seinem Herzinfarkt, den ich kenne. Und er sagt: „Mit zunehmendem Alter wird man immer mehr eine Komödie.“ Ich zum Beispiel rege mich darüber auf, dass der ARD-Videotext offenbar eine schwere Niederlage gegen den Antidiskriminierungsbeauftragten der Bundesregierung erlitten hat. Seit heute stehen die Bundesländer mit ihren Zahlen alphabetisch sortiert, man sieht nicht mehr Berlin unangefochten an der Spitze der Hitparade pro 100.000 Einwohner, man sieht nicht mehr Sachsen als Chart-Stürmer und Thüringen ist jetzt auf dem allerletzten Platz, obwohl es heute erstmals die 1000 knackte, nur weil es mit T beginnt. Das find ich Scheiße und mich dabei komisch.

7. Dezember 2020

Die „Vossische Zeitung“ vom 27. Mai 1902 gab dem „Waarenhaus Hermann Tietz“ (genau so geschrieben) Gelegenheit, für Bier aus der Exportbier-Brauerei H. Siemens & Co. Berlin-Grünau zu werben: 30 Flaschen bestes helles Tafelbier frei Haus zu 2,05 Mark zuzüglich 60 Pfennig Pfand (für diese 30 Flaschen). Nur zwei Pfennig Pfand und trotzdem warfen die Hartz-IV-Empfänger des Kaiserreiches die Flaschen nicht ins Gebüsch! Unsereiner, der Welt nicht nur in Corona-Zeiten fast ausschließlich im Internet präsent, hat weltweites Publikum: Eben beantwortete ich die Anfrage eines spanischen Joseph-Roth-Übersetzers nach der Bedeutung eines Namens in einer frühen Erzählung meines Lieblingsmeisters aller Klassen. Würde mir das passieren, wenn ich meine Arbeit in den Joseph-Roth-Blättern der Universität Auckland in Neuseeland veröffentlicht hätte oder in der Festschrift für Professor Severin Mulschbüttel-Knesebroich, Bütten in Saffian-Leder zu 248 Euro?

6. Dezember 2020

Man pirscht sich an diesem Nikolaustag so durch diese und jene alte Zeitung, die Vossische vom 10. Januar 1929 meldet: „Bei Kabul wird gekämpft“ auf der Titelseite. Etwas weiter hinten werden die Todesurteile der letzten 60 Jahre in Sachsen statistisch ausgewertet: die größte Gruppe sind die zwischen 21 und 25 Jahren, gefolgt von der Gruppe von 26 bis 30 Jahren. Und dann folgt ein Satz, dem ich noch heute sämtliche Journalistenpreise nördlich des Äquators und westlich des Urals verleihen würde: „Mit Überschreitung des 40. Lebensjahres nahm das Morden ab.“ Meine Lebens- und Arbeitsgefährtin, im Jahrgang 1899 grasend, also 30 Jahre früher, musste fast noch mehr lachen als ich und so nahmen wir diesen Advent von seiner heitersten Seite, spazierten noch eine Runde bis zur 7000-Schritte-Grenze. In unserem Alter wird es nichts mehr mit dem Morden, wissen wir nun, es mangelt außerdem auch an der Bereitschaft des Staates, uns mit Höchststrafen zu beeindrucken.

5. Dezember 2020

Heute vor 150 Jahren ist Alexandre Dumas gestorben, also der, der immer der Ältere genannt wird. Der mit dem Grafen von Monte Christo und den drei Musketieren, die eigentlich vier sind. Ob der in Ohnmacht gefallen wäre, hätte er lesen müssen, dass sein wesentlich jüngerer Kollege Michel Houellebecq der Meinung ist, Trump sei einer der besten Präsidenten gewesen, die die USA je hatten? Was ja keinesfalls für Trump spricht, sondern nur und ausschließlich gegen Houellebecq. Den, falls er je eines hatte, das Urteilsvermögen verließ. Na gut, wir wissen, dass Provokation um der Provokation willen eine eher infantile Aktivität ist, wenn der so genannte Welterfolg sich leise in eine Schrumpfgröße verwandelt, wogegen auch das Synchronschwimmen, pardon, natürlich das Synchronschreiben der Großfeuilletons nicht mehr hilft. Hässlichkeit plus Kettenrauchen als Markenzeichen, ist, mit Verlaub, Scheiße. „Ich find dich Scheiße!“ sangen treffend Tic Tac Toe.


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