Tagebuch

25. Mai 2017

Nachtrag: Bis gestern rätselten wir noch, ob der Hof van Aken vielleicht eine Fehlinvestition sein könnte, heute füllte sich alles in kurzer Zeit. Auf dem Weg nach Lüttich sahen wir fasziniert, welche wunderbaren Möglichkeiten es gäbe, das Königreich der Niederländer im Handstreich und ohne Blutvergießen zu übernehmen. Alle, aber auch wirklich alle Holländer fuhren mit und ohne Anhänger in Richtung Brüssel und weiter, mit dem Feiertag lockt wohl ein langes Wochenende. In Lüttich besuchten wir das Aquarium und die Sammlungen der Universität mit Präparaten und mit Knochen. Traum-Anblick: Ohrfleck-Röhrenaale, wie sie in ihren Löchern verschwinden, wenn die Korallengarnele oder die Kardinalsgarnele anmarschieren. Am Abend langes Gespräch mit unserer Gastgeberin, die Deutschland gut kennt und deutschen Mohnkuchen liebt. In den Hofecken wird wild gegrillt, es sind plötzlich auch Scharen von Kindern da aller Altersstufen und ein kleiner Hund.

24. Mai 2017

Nachtrag: Länder, deren höchste Erhebung 672 Meter erreicht, haben in der Regel auch keine Wasserfälle, die Verwöhnten imponieren. Die Cascades de Coo machen dennoch erklecklichen Lärm, der Wasserstaub ist bei günstigem Wind kaum weniger nässend als der der Rheinfälle bei Schaffhausen und es gibt dort ein Vergnügungsgelände, das in der Saison Tausende täglich locken soll. Heute ist alles geschlossen, die Gastronomie rundum natürlich nicht, die uns zu Pannekoek verführt und vor allem auch der mit einem Bähnchen zu befahrende Wildpark nicht. Es gibt bis auf drei herrlich fuchsfarbene Dingos keine exotischen Tiere, dafür aber allerlei auf Hufen mit und ohne Geweih, mit und ohne Hörner. Fast alle scharf auf Mais, die Wölfe natürlich nicht, die Dingos begnügen sich vor unseren Augen mit weißen Brötchen. Mein Blick auf Arnold Wesker steht im Netz, mehr wird es in dieser Woche nicht geben. Geburtstagsanruf in Berlin klappt im 2. Versuch.

23. Mai 2017

Nachtrag: Unsere kleine Ferienwohnung geht über zwei Etagen, wir nehmen die Mahlzeiten vor der Tür im Innenhof. Kein Fernsehen lenkt uns ab, denn trotz Nähe des deutschsprachigen Teils von Belgien gibt es kein einziges deutschsprachiges Programm, weder privat noch öffentlich-rechtlich. Ich studiere Akten aus dem Archiv der Deutschen Schillerstiftung. Weil der Tag ein ruhiger sein soll, geht es nur nach Visé, nicht mehr als ein Stadtbummel und ein zweiter Delhaize-Gang wegen der Biere. Auch Weine stehen im Regal, die ich zu Hause wahrscheinlich kistenweise wegtragen würde. Auf dem Dachfirst tragen Vögel Sängerwettstreite aus, einer imitiert täuschend Falkenruf. Auch heute ist der kürzeste Rückweg gesperrt, diesmal wegen eines Unfalls, wir müssen erneut über Visé und Dalhem nach Richelle, das wir in alle Richtungen erkunden. Für morgen nehmen wir die Cascades de Coo ins Visier mit Option, uns dort im Umkreis noch umzuschauen je nach Lust.

22. Mai 2017

Nachtrag: Wir sind in Richelle gut angekommen, wenn man davon absieht, dass eine deutsche Autobahnabfahrt gesperrt war Richtung Dortmund, die wir hätten nehmen sollen. Kurz vor dem Ziel nochmals eine kleine Zusatzrunde, rund um Richelle gab es eine Rallye, die wegen der schönen Serpentinen über unsere kürzeste Zufahrt führte. Erst hörten wir die Renner nur, dann sahen wir sie auch, alles eher Oldtimer. Heute eine Fahrt nach Maastricht, wiederum mit Rundfahrt wegen einer Sperrung der Abfahrt zum Zentrum, das niederländische Schild Volg ist aber unzweideutig. In Maastricht lernt man, wie teuer Parkhausgebühren sein können und sieht anschließend Weimar mit milderen Blicken. St. Servatius ist eine imposante Kirche mit einem sehenswerten Schatz, am Vrijthof aßen wir Vlaoj mit und ohne Sahne. Und ein Eis, wie wir es in dieser Qualität wohl nur alle Jubeljahre bekommen. Bei Delhaize auf Anhieb vierzehn neue Biersorten, der Vorrat ist gigantisch.

21. Mai 2017

Fünf Jahre liegt mein 26. (in Worten: sechsundzwanzigster) Aufenthalt in Belgien nun zurück, ich werde nachtragend vom 27. Besuch die eine oder andere Notiz hinterlassen. Heute wäre eine gute Gelegenheit gewesen, endlich einmal etwas zu Gabriele Wohmann zu schreiben, die nun schon wieder fast zwei Jahre tot ist und mich einst, 1981, mit ihren Erzählungen „Alles für die Galerie“, 1972 bei Aufbau erschienen, über die Normalmaße hinaus begeisterte. Als ich viel später erneut zu einem ihrer Bücher griff, war ich enttäuscht. Eine Frage von Volker Weidermann lautete vor knapp neun Jahren: „Wie konnte es eigentlich passieren, dass die Schriftstellerin Gabriele Wohmann so radikal aus der Mode gekommen ist?“ Schrieb sie zu viele Erzählungen, zu wenig Romane? Nein, laut Tilman Krause war sie Graphomanin und, dann eben doch, die „Königin der Kurzgeschichte“. Das wird nicht verziehen. Lieber der Schildknappe des Romans. Nun folgt eine Weile Sendepause.

20. Mai 2017

Die Joachim-Kaiser-Nachrufe sind nun durch, der neue Knausgard kommt am Montag, da ist das Ferkelrennen um die früheste Großbesprechung schon mit einem Sieg von Jakob Augsteins „derfreitag“ ausgegangen, der eine komplette Seite spendierte. Die ZEIT nimmt vorerst mit einer schönen großen Anzeige vorlieb, widmet dem Knausgard aber immerhin fast eine ganze Seite zu dessen Edvard-Munch-Kuratierung, die das Magazin BLAU schon Anfang Mai in aller Breite hatte. Sämtliche Teufel scheißen, wen überrascht das, auf den größten Haufen, die besten Teufel besetzen die Stelle bereits, wenn es den Haufen noch gar nicht gibt. Was mancher nicht ahnt: ein Hype hat vor allem entlastende Funktionen: man muss das nicht lesen, sehen, hören, was in aller Print-Medien-Munde ist, der Stoffkreislauf ist perfekt, allerdings selten nachhaltig, was ihn von allen Kreisläufen, die nur deshalb entwickelt werden, unterscheidet. Noch einmal schlafen, dann Urlaub.

19. Mai 2017

Eine ganz kleine Spannung baute sich schon auf in mir, als ich das Titelbild von „derfreitag“ voriger Woche am Sonntag abermals beäugte: Martin Schulz steht das Wasser bis Unterkante Oberlippe: „SOS SPD!“ stand da. Und da war der Landtag im Land rund um die Hauptstadt Würselen noch gar nicht gewählt. Gestern nun die Folge-Überschrift: „Steh auf!“, Schulz mit Veilchen hinter der Brille und großen roten Boxhandschuhen. Er hat von Leberhaken geredet. Im Boxen gibt es nach mehreren Niederschlägen in Folge den technischen K.O., in der Demokratie darf jeder so lange auf die Bretter krachen, bis ihm der Verstand aus den Ohren tropft. Einige sind zu schlau, sich das anzutun, nicht alle. Wolfgang Borchert würde morgen seinen 96. Geburtstag feiern, wenn er nicht vor siebzig Jahren bereits gestorben wäre. In der Türkei ist Atatürk-Tag, der wohl irgendwann in einen Erdogan-Tag umgewandelt wird per Volksentscheid. Was macht Trump?

18. Mai 2017

Etwas mehr Übergang hätte sein dürfen, eben noch der Schnee in der Blüte und jetzt schon dreißig Grad, so schnell schafft es kein Balkonstuhl aus dem Keller, auch wenn es einen Fahrstuhl gibt. Nach dem donnerstäglichen Bäckerbesuch die Nachricht von der Preiserhöhung für die ZEIT, Zeit ist Geld bekommt einen völlig neuen Sinn, anders als der teurer werdende SPIEGEL jedoch wird die ZEIT nicht gleichzeitig dünner, außerdem hat die ZEIT einen Chefredakteur, dem ein so schönes Wort wie „Deutungsdemut“ eingefallen ist und das ausgerechnet bei Anne Will, die das Wort dann doch nicht wollte. Lektüre am Morgen „Scylla und Charybdis“ von Bertrand Russell. Dort steht: „Allgemeine Wahlen und Präsidentschaftswahlen sind sportliche Ereignisse wie das Derby, und ohne sie wäre das Leben nicht halb so schön.“ Diese Briten! Was ein Derby ist, wissen sie, und außerdem ist heute Russells Geburtstag. Darauf am Abend ein Indian Pale Ale von REWE.

17. Mai 2017

Diese Norweger! Feiern einfach am ehemaligen Weltfernmeldetag ihren Nationalfeiertag. Mir fällt bei der Gelegenheit, und zwar durchaus schmerzlich, ein, dass ich vor mittlerweile zwanzig Jahren zuletzt und einmalig in Norwegen war, Fähre von Kiel nach Oslo, dann so dreihundert Kilometer noch mit dem Auto. Dabei hatten wir uns vorgenommen, so bald als möglich wiederzukommen, schwelgen noch heute in den Erinnerungen an geräucherte Taschenkrebse. An mit dem Küchensieb gefangene kleine Garnelen, das warme Meer, die nahe Insel, zu der zu schwimmen eine winzige Mutprobe war. An unverschämt teure Biere, von denen ich dennoch jedes trank, das mir in die Hände fiel: der Sammler scheut eben weder Kosten noch Mühe, sonst wäre er keiner. Heute heißt meine Brücke zu Norwegen Ibsen, Knausgard und Espedal brauche ich eher weniger, wenngleich mein Archiv jeden neuen Beitrag zu ihnen dankbar aufnimmt. Heimzu noch eine Woche Dänemark!

16. Mai 2017

Schrecklich oft kommt es, wir sind ehrlich, nicht vor, dass morgens vor Neun jemand anruft und nach einem Buch fragt, das der Verlag der Verlegerin meiner letzten vier Bücher auf der Backlist hat. Ich gar muss einräumen, dass ich die 138 Titel keineswegs auch nur annähernd im Kopf habe und nun tritt der Fall ein, dass ich geschäftsschädigend das mögliche Familien-Nebeneinkommen schmälere, indem ich die Fragende mit der Auskunft konfrontiere, es handle sich um ein Reprint eines Titels aus dem Jahr 1910, was ihr die Buchhändlerin, die an uns verwies, nicht gesagt hatte. Wir verblieben mit allen guten Wünschen insbesondere bezüglich der Gesundheit. Hätte das Telefon nicht geklingelt, säße ich noch am Lesetisch, an den ich nun zurückkehre. So aber erwähne ich noch rasch, dass wir den Tag der Biografen haben, von dem ich nicht wusste, dass es ihn gibt. Die deutschen Biografien-Fließbänder stehen also heute still oder rattern besonders schnell, gut so.

15. Mai 2017

Heute erreicht Uta Mauersberger das Rentenalter alter Zeitrechnung. In Griffweite meines rechten Arms, wenn ich auf meinen Computer-Bildschirm schaue, stehen ein Poesiealbum Nummer 153 und ein Gedichtband mit dem einfallsarmen Titel „Balladen Lieder Gedichte“ von ihr, 1980 und 1983 erschienen, mein Archiv enthält eine Kritik zu ihrem Kinderbuch „Kleine Hexe Annabell“ sowie eine „Kostprobe“ aus ihrem Band „Rattenschwanz“, veröffentlicht in JUNGE WELT vom 19. Dezember 1989. 1975, als sie in Schwerin einen Förderpreis der FDJ für ihre Lyrik erhielt, saß ich im Prosa-Seminar von Martin Viertel. Ich habe sie als unfassbar zart in Erinnerung, meine alte Omatante hätte gesagt, sie muss ein Bügeleisen in die Handtasche tun, damit sie nicht wegfliegt. Sie hat später auch ein wenig mit der Stasi gekungelt zwischen 1982 und 1986, stieg dann aber von sich aus aus. Die Farben von Borussia Dortmund haben seit gestern in NRW ganz frische Strahlkraft.

14. Mai 2017

Als ich, noch devisenklamm, aber in froher Erwartung kommender Einheitswährung, zu Bonn in eine Buchhandlung namens Bouvier trat, in deren Kellergeschoss man mittels Leiter an obere Regalreihen gelangen konnte, nachdem das freundliche Personal eigens für mich eine Beleuchtung eingeschaltet hatte, sah ich für mich schier endlose Reihen der edition suhrkamp stehen und die Begehrlichkeiten rissen mich hin und her und her und hin. Ich erwarb schließlich, deshalb steht das heute hier, ausgewählte Reden und Aufsätze von Kurt Eisner, mit dem Titel „Sozialismus in Aktion“. Später kaufte ich „Zwischen Kapitalismus und Kommunismus“ nach. Im vorigen Jahr gab ein nicht für seine schiere Größe bekannter Verlag Eisners „Gefängnistagebuch“ aus dem Jahr 1918 heraus, wohl mit Blick auf den 150. Geburtstag am 14. Mai 2017. Der ist nun dieser Sonntag, an dem ich mehr als diese paar Zeilen nicht schaffe. Ich vertröste mich auf den 21. Februar 2019.


Joomla 2.5 Templates von SiteGround