Tagebuch

5. April 2017

Am 2. April vorigen Jahres erschien die ohnehin längst von acht auf sechs Seiten eingedampfte LITERARISCHE WELT erstmals mit einer ganzseitigen Anzeige, der Schritt hin zur Vier-Seiten-Variante hatte seinen ersten Probelauf. Ich weiß nicht, wer in der Chefetage die prickelnde Idee hatte, endlich mal am alten Zopf der Willy-Haas-Gründung herumzuschnippeln, wieder und wieder gibt es nach langen Zeiten der Konstanz und Kontinuität nun sehr alberne Neuerungen oder getarnte Einsparungen, es macht längst keinen Spaß mehr. Nebenwirkungen meines aktuellen Archivierens, die auf keinem Beipackzettel verzeichnet sind. Hätte ich mich zeitnah geärgert, wäre alles längst vergessen. In der Post gestern die offizielle Einladung zu einer Berliner Hochzeit, die inoffizielle hatten wir bereits. Zwei Hochzeiten in diesem Jahr, eine vor, eine nach unsrem 41. Ehejubiläum. Hätten wir uns Gedanken gemacht, wie man so lange durchhält, wären wir wohl längst geschieden.

4. April 2017

Heute wäre ein guter Tag für Donald Trump, per Dekret mit Mundwinkelhängen die Unterschrift der USA unter dem Vertrag über das Verbot von Landminen aus dem Jahr 1998 zurückzunehmen. Dummerweise hat niemand diesen Vertrag bisher unterschrieben in den USA und Präsidenten hat es ein paar gegeben in den fast 20 Jahren seither. Darunter sogar einen, der den Friedensnobelpreis schon erhielt, als er noch gar nicht wusste, wo die Hutablage im Oval Office ist. Wenn Trump tatsächlich immer genau das Gegenteil von dem tun will, was sein Vorgänger tat, dann kann er sehr viel Gutes bewirken, denn Obama hat mehr nicht getan als getan. Und wichtige Verträge, die bisher niemand ratifizieren wollte, gibt es sicher nicht nur im Felde der Waffen-Ächtung. Wie man eine Landmine vergräbt und tarnt, habe ich noch gelernt in meiner Friedenstruppe NVA, ein U-Bahn-Bömbchen hätte ich nach meinem unvollendeten Sprenglehrgang wohl auch in die Luft bekommen.

3. April 2017

Am 24. März 1952, seinem 25. Geburtstag, hielt es Martin Walser nicht für nötig, die Geburt seiner ersten Tochter Franziska am Vortag im Tagebuch zu vermelden. Am 3. April 1957, zehn Tage nach seinem 30. Geburtstag und elf Tage nach dem fünften Geburtstag von Franziska, brachte Käthe die zweite Tochter zur Welt, wieder fast ein punktgenaues Geburtstagsgeschenk für den werdenden Großmeister. „Johanna, das ist noch fremd, hat sich noch nicht mit dem Kind verbunden.“ Steht nun im Tagebuch. Heute ist also Johanna Walsers 60. Geburtstag und es wird in diesem Walser-Jahr auch noch den 50. Geburtstag von Theresia geben, der jüngsten der vier Töchter. Wenn der gute alte Martin also sonst nichts weiter vollbracht hätte als diese vier, dazu noch diesen Jakob, dann hätte er der Welt mehr hinterlassen als viele und das sogar rein quantitativ. Ohne Johanna Walser besäße ich keinerlei Bücher aus der Collection S. Fischer, so aber sind es drei: 2326, 2349, 2370.

2. April 2017

Morgendunst über Ilmenau, in der Abteilung Vögel ist Zwitschern angesagt, die beiden Laufenten durften gestern erstmals ihr Winterquartier verlassen, an ihrem Wasserbecken vergnügten sich mit sichtlicher Begeisterung die Heckenspatzen, denen die beschnittenen Äste des Hagebuttenstrauchs fehlen. Ich vergnüge mich mit dem Zerschneiden einiger ZEIT-Feuilletons, meine Sammlung mit Ostkurve-Kolumnen von Christoph Dieckmann (Jahrgang 1956) wird immer umfänglicher, selig die drei Repräsentativ-Ossis dieses Landes, Clemens Meyer (Jahrgang 1977) darf dort auch, weil er im Osten Leipzigs wohnt, was offenbar für die Auftragsvergabe wichtig ist. Wer weiß, wenn er seinerzeit bei der Preisverkündigung keine Bügelverschlussflasche hätte ploppen lassen und im Westen Leipzigs wohnte, seine Medienkarriere wäre vielleicht ganz anders verlaufen. Darüber hinaus nutze ich ein Kleinjubiläum, um mal wieder über diesen Ödön von Horvath zu schreiben.

1. April 2017

Nur weil ich vor ein paar Tagen den Stendhal in meinem Kalender stehen hatte, komme ich nun nicht von ihm los. Ich habe eigentlich ganz andere Sachen im Visier, beinahe hätte ich: auf der Agenda gesagt. Aber immer, wenn sich ein Zeitvolumen anbietet, hänge ich an diesem Mann, ich entdecke interessante Dinge: zwei Briefe Gorkis an Stefan Zweig, die einander ausschließen. Wie es klingt, wenn einer ein Buch lobt, das er gar nicht gelesen hat. Nebenbei leiste ich Archivarbeit, für die ich eine ABM-Kraft einstellen müsste, wenn es solche noch gäbe. Es gibt Stapel in Ecken, die bis ins Jahr 2009 zurückreichen. Meine private Zeitrechnung: Vor dem Unfall, nach dem Unfall. Noch immer die rein abergläubische Abstinenz von einem neuen Theaterbesuch in Halle. Dort gibt es Ende des Monats einen neuen „König Lear“, den ich brauchen könnte nach dem Ausfall in Bad Kissingen. Aber wem erkläre ich das außer mir selbst? April, April, nur leider eben so scherzfrei.

31. März 2017

Unter den Erwinen meines Lebens war einer mein vierter Klassenlehrer, er starb unlängst. Einer war Autor von Kinder- und Jugendbüchern, in sein „Die Insel der sieben Schiffe“ schrieb er mir das erste Autogramm meines Lebens: Erwin Bekier. Das war im Juni 1970. Einer schrieb Bücher, die überwiegend nicht für Kinder und Jugendliche gedacht waren, aber auch sehr erfolgreiche für Kinder und Jugendliche. Meine Beschäftigung mit ihm (und seiner Biographie) brachte mir etliche Leser (fünfstelliger Bereich): Erwin Strittmatter. Sein Sohn Erwin Berner tourt momentan mit seiner Sicht auf Vater, Mutter, Schulzenhof. In ihm sehe ich zuerst einen sehr jungen Schauspieler. Dann war da noch der ganz andere Erwin, der einzig berechtigte Erwin meines Leben: Erwin Magnus. Der starb am 31. März 1947 in Kopenhagen. Seine Jack-London-Übersetzungen spülen noch heute Geld in Verleger-Kassen, weil sie eben die einzig berechtigten waren, wie es so hieß.

30. März 2017

Nicht nur bei Walsers wird man 90, auch bei Günthers. Egon, den sie vorjährig zum Ehrenbürger von Schneeberg machten, ist heute an der Reihe. Er hat auch eine Menge geschrieben, weshalb er kein Fremdkörper in meinem Archiv ist. Vor allem aber hat er die splitternackte Jutta Hoffmann in die Filmgeschichte eingeführt, der in „Die Schlüssel“ immer die Seife aus den Händen rutscht, auf dass sie sich nach ihr bücken muss zur Freude des dabei hochkonzentrierten Kameramannes. Später, in „Ursula“, durfte Jutta Hoffmann eines nackten Mannes Nudel anpacken und auch sonst war ein großes Nacktsausen angesagt. Ach ja, diese Siebziger mit ihren taillierten Hemden, den bis zum Schlüsselbein reichenden Koteletten und diesen Schlaghosen. Während es im Westen den Kumpel juckte und in der Lederhose jodelte, hatten wir nackte Hochkultur, inklusive Gottfried Keller. Zwei Bücher von Egon Günther besitze ich auch, das dickere davon heißt „Der Pirat“.

29. März 2017

Dass Clara Zetkin Alterspräsidentin des Reichstages, Stefan Heym Alterspräsident des Bundestages werden konnten, nur weil sie alt und uralt waren, das steckt allen Nicht-Kommunisten unter den Vertretern des Volkes, also fast allen überhaupt, derart in den Knochen, dass sie nun endlich einen Weg gefunden haben, nur noch dicken Alt-Parteien diesen offenbar begehrten Job zuzuschanzen. Wer am längsten im Hohen Hause hinterbänkelt, darf nach vorn. Es kann passieren, dass demnächst irgendjemand, der seit Jahren als ewig jüngster Listenplatzrutscher an die Fleischtöpfe gelangt, Alterspräsident wird, obwohl 80 Prozent aller anderen älter sind als er. Die kleinen Parteien, die immer mal rausfliegen oder gar frisch hinein kommen, nie werden sie den Job ergattern, ätsch! Selbst wenn sie Methusalem ins Rennen schickten. Gut, dass es die böse AfD gibt, so erfahren wir, auf welche Ideen man verfällt unter einer Glaskuppel, wenn man sonst keine ernsten Probleme hat.

28. März 2017

Dieser Tagebucheintrag verdankt sich einem schweren Lachanfall. Ich lese in einem Brief von Gorki an Tschechow: „Das ist schön, verheiratet zu sein, wenn die Frau nicht von Holz oder eine Radikale ist.“ Und dann erzählt er von seinem zwei Jahre alten Sohn: „Nur hat er von mir das Fluchen gelernt und beschimpft jeden, und ich kann es ihm nicht abgewöhnen. Es ist zum Lachen – aber nicht schön -, wenn der zweijährige kleine Scharlatan seine Mutter aus vollem Halse anschreit: „Im Moment scherst du dich raus, Satansbraten!“ Und dazu spricht er es noch ganz sauber aus: Sa-tans-bra-ten.“ Ich gewann unter der Dusche die Hoffnung, der heutige 149. Geburtstag von Gorki möge nicht nur mich an das Jubiläum in einem Jahr erinnern. An den 200. Geburtstag von Karl Marx am 5. Mai 2018 denken jetzt schon so viele, dass einem angst und bange werden kann, sie entdecken ihn geradezu. Werden wir die 40 blauen Bände wieder aus dem Keller holen müssen?

27. März 2017

Nein, ich will nicht Nivea-Tester werden, nicht Gilette-Tester, selbst der Gutschein von airberlin interessiert mich nicht und meine Bestellung bei real überprüfe ich ebenfalls nicht, denn ich habe dort gar nichts bestellt. Die Kolumne des Maxim-Gorki-Theaters lese ich eher selten, die Angebote diverser Feriendomizile an Seen, Bergen und in Tälern nutze ich, wenn ich in den Urlaub fahren will, das aber ist für das laufende Jahr längst gebucht und erledigt. Ich frage mich eingeschüchtert mittlerweile, was wäre, wenn in unseren benachbarten Bruderländern Schweiz und/oder Österreich der Versuch unternommen würde, autokratische Verhältnisse zu installieren. Würden dann auch alle unterdrückten österreichischen und schweizerischen Journalisten unsere Zeitungen mit ihren Texten füllen? Würden unsere Kulturmagazine dann im Dutzend neue grandiose Romane aus den Alpen entdecken von Autoren, die eben noch niemand kannte? Vielleicht sogar fürs Theater verwendbare?

26. März 2017

Hätte ich all die lustigen Artikel gesammelt, die in jüngster Zeit von den verheerenden Folgen der Zeitumstellung handelten, irreparable oder schwer zu therapierende Gesundheitsschäden darunter, dann hätte ich vielleicht Anwandlungen bekommen. Aber ich kann nicht alles sammeln. Einen, dem die Zeitumstellung dieser Nacht eine Stunde seines 54. Geburtstages raubt, besuche ich heute, um ihm für die nächsten 54 Jahre alles Gute zu wünschen, seine sicher wie immer sehr leckeren Speisen und Getränke zu konsumieren und nebenbei ein Ohr am Fußball zu haben. Er folgt mir bis ans Ende meiner Tage im Abstand von fast genau zehn Jahren, was es mir stets sehr leicht macht zu wissen, wie alt er nun eben gerade ist. In Goethevorträgen fühle ich mich immer sehr jung, leider gibt es viel zu wenige davon. Wann wird die Zahl der Mitglieder von Ortsgruppen der Goethe-Gesellschaft die Zahl der noch in Freiheit lebenden nördlichen Breitmaulnashörner untertreffen?

25. März 2017

Ich bin wieder mal in Bad Langensalza, um im Journalistenverband den Mandatsprüfungsbericht vorzutragen. Ich will nicht sagen, dass ich das tue, seit ich denken kann, aber ich tue es schon ganz schön lange. Ansonsten darf ich mit dem heutigen Sonnabend wieder Geld verdienen, das nicht zur Anrechnung kommt, außer beim Finanzamt, und das wird so bleiben, bis ich von hinnen gerufen werde. Falls das noch so lange dauert wie beim Walser, will ich nicht meckern. Mein gestriger Theaterbesuch muss noch etwas warten. Ich wäre auch gern wieder gen Leipzig gefahren, um mich zwischen all die Manga-Freunde zu drängen, die da herumströmen. Mein Anzeigenblatt verriet mir diese Woche, dass dort inzwischen auch ältere Kinder offiziell akkreditiert werden, wenn sie in ihrem Leserinnen-Blog genügend bedeutungslose Bücher winziger Verlage besprochen haben. Das Kind soll so viele Bücher besitzen, dass sie gestapelt die Höhe des Kindes erreichen. Phantastisch!


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