Tagebuch

20. September 2017

Ein Mann, der gar nicht aussieht wie ein herkömmlicher Prospekteverteiler, verteilt auch keine Prospekte wie ein solcher, sondern Wahlwerbung für die AfD. Er entsteigt einem kleinen roten Auto, das er voller Selbstbewusstsein quer über zwei für ihn strikt verbotene Mietparkplätze abstellt, während er seine Papiere regelwidrig so in die Briefkästen schiebt, dass sie noch ein Stück herausschauen. Richtige Prospekteverteiler wissen, dass so unbefugte Entnahme nicht verhindert werden kann bei Menschen, denen es im Vorbeigehen lustig erscheint, fremde Post zu greifen. Die Auftraggeber richtiger Prospekteverteiler fragen bisweilen sogar bei ihren Kunden nach, ob denn die Prospekte auch tatsächlich ankämen, denn es gibt Verteiler, die ihren kleinen Nebenverdienst kassieren möchten, ohne den vollen Aufwand mit all den Briefkästen zu haben. Diese legen ihre Sachen einfach obenauf oder werfen sie gleich in die Papiercontainer. Bei der AfD geht das nicht.

19. September 2017

An William Goldings 106. Geburtstag schweige ich über William Golding. Ich gebe meiner stark wachsenden Sehnsucht Ausdruck, die Wahl möge vorbei sein, denn ich kann es nicht mehr lesen, hören oder sehen, dass der Wahlkampf langweilig sei. Ich will auch keine jungen Leute sehen oder hören, die mehr Vertretung ihrer Interessen wünschen und deshalb so tun, als würden sie sich freuen, wenn Grünschnäbel und Grünschnäbelinnen an die Fleischtöpfe rücken. Früher, also ganz früher, als das Klima sich noch wandelte, obwohl die Menschen nur auf Mammuten ritten, da saßen die Ältesten zu Entscheidungsfindungsprozessen zusammen, nicht irgendwelche Schnösel und Schnöselinnen, die beim Aufspringen auf das Mammut auf der anderen Seite gleich wieder herunter fielen. Heute aber wird selbst der Begriff des Ältesten zum Witz gemacht, um nicht dem falschen Ältesten eine Redemöglichkeit zu erlauben, die die Guten den Bösen nicht gönnen. Unsere Guten!

18. September 2017

Noch zeigen beide Waden an, dass sie 500 Meter Höhenunterschied abwärts zu verkraften hatten, das kommende Wochenende in Dresden wird weniger anstrengend. Ich lese bei Ödön von Horvath einen in den sozialdemokratischen Wahlkampf nicht widerspruchsfrei zu integrierenden Kernsatz: „Die Gerechtigkeit ist zwar eine schöne Sache, eine gute Sache, aber wer die Macht hat, der braucht sie nicht.“ Preisfrage bis zum Wahlsonntag: In welchem Stück hat Horvath das wem in den Mund gelegt? Die Brockenbahn gibt kleine zweifarbige Papp-Fahrkarten aus gegen ein geringes Entgelt von 27 Euro, die haben doppeltes Nostalgie-Format, sie erinnern an die Reichsbahn-Pappkarten der DDR und sie werden richtig mit Knipser gelocht von einer lustigen Schaffnerin, die auf Anfrage verrät, das Papp-Konfetti werde direkt an den Kölner Karneval geliefert. Der erfolgreichste Doper des Radsports wird heute 46 Jahre alt, gegen ihn war mein Namensvetter Jan ein Waisenknabe. 

17. September 2017

Den Plan, das Storm-Haus in Heiligenstadt auf dem Heimweg anzuschauen, ließen wir fallen, wir hätten uns bis zum Beginn der Öffnungszeit drei Stunden dort herumdrücken müssen, wo ich mit einem später bekannten Heimatgeschichtler und Freund meines Vaters aus beider Kindertagen die erste und einzige Ansitz-Jagd meines Lebens vermasselte. Ich finde es eine pfiffige Idee, an Tagen, wo Menschen Zeit haben, ein Museum geschlossen zu halten. In vielen Ländern und Gegenden ist der Montag Schließtag. So sind wir nach zwei Stunden Fahrt zu Hause, können bei Tageslicht beide schlanken Flaschen aus der Harzer Likör Manufaktur Gernrode in den Schrank stellen: Rhabarber und Beeren. Diese Leckereien werden nur molekülweise getrunken, die neuen Sorten Bier aus dem Getränkemarkt in Braunlage gehen rascher den Weg des Vergänglichen. Aus Braunlage stammt  auch Wilhelm Raabes Freund und Biograph Wilhelm Brandes (1854-1928), den ich nicht kannte.

16. September 2017

Nachtrag: Braunlage verlor 22 Jahre vor Ilmenau seinen Kreissitz, Jahre später verlor es seinen Sohn Peter Scharff an Ilmenau, woselbst er nun schon viele Jahre Universitäts-Rektor ist. Die Menschen in Braunlage sind dörflich-freundlich, die Preise in Braunlage haben gute Reste vom Zonenrandgebiet. 306 der 365 oder 366 Tage im Jahr herrscht auf dem Brocken Nebel, kann man auf dem Brocken lesen. Wir erwischen einen der 59 Tage ohne Nebel und haben entsprechend die Weitsicht. Aufwärts mit der Brockenbahn, eine halbe Stunde von Schierke bis oben, abwärts auf den Wanderfüßen, mit Unterbrechungen am Urwaldstieg knapp drei Stunden bis zum Parkplatz. Das Foto mit mir neben dem Heine-Denkmal wird nicht ins Netz gestellt wie auch all die anderen Fotos mit mir neben Lenin, Bismarck und Garibaldi nicht. Das Wolkenhäuschen oben trägt die Jahreszahl 1736, es war also schon da, als Goethe am 10. Dezember 1777 den Gipfelstürmer gab.

15. September 2017

Ganze sechs Gedichte von ihm finde ich in meinen 70 Büchern mit tschechischer und slowakischer Literatur, darunter freilich kaum zehn Prozent Lyrik. Übersetzt haben sie Uwe Kolbe und Heinz Czechowski. Geboren ist er am 15. September 1867 in Troppau, heute Opava, damals Hauptstadt von Österreichisch-Schlesien. Dort gibt es eine Gedenkstätte für ihn kontinuierlich bis heute. Am antisemitischen Zug in seinen Texten haben offenbar weder sozialistische noch ihnen folgende Zeiten ernsthaft Anstoß genommen. Spuren davon finden sich sogar in den genannten Gedichten, der Jude Franz Werfel schrieb 1916 ein Vorwort für die Sammlung „Schlesische Lieder“. Offenbar nahm man vor 1933 Antisemitismus selbst unter Betroffenen lockerer als heute vorstellbar. Die Rede ist von Petr Bezruč, der neunzig Jahre alt wurde. Nicht auf seinen Spuren, wohl aber voller Bedacht, fahren wir heute nach Braunlage, weshalb hier auf die Nachträge gewartet werden muss.

14. September 2017

Dies ist der 200. Geburtstag von Theodor Storm. Seine frühe Novelle „Immensee“ gehörte zu den unfassbar zahlreichen Büchern und Büchlein, die ich im Oktober 1971 las. Einen arg lädierten Band mit dem Titel „Die Söhne des Senators“ ließ ich mir später vom Buchbinder der TH Ilmenau, in einer beneidenswerten Wohnung am heutigen Homburger Platz ansässig, in grobes Ganzleinen binden mit Leder-Rückentitel, dergleichen war damals noch eine bezahlbare Dienstleistung. Noch später erwarb ich eine Ausgabe der Nymphenburger Verlagshandlung München, handlich und hell. Aus Heiligenstadt sandten mir freundliche Damen nicht nur diverse „Storm-Blätter“, sondern auch Flyer zum Jubiläum. Und zwar auch solche aus der grauen Stadt am grauen Meer. Die Storm-Häuser haben an Sonntagen nur nachmittags geöffnet, in Heiligenstadt noch ein Stündchen kürzer als in Husum, man könnte es die Ruhe vor dem Storm nennen auf dem Way zum Stormy Monday.

13. September 2017

Der herabgestufte Hurrican Heinz-Herbert wütet über Ilmenau, er biegt die Birken bedenklich, versucht jedoch bis dato vergebens, unsere Balkon-Markise aus der Verankerung zu reißen. Gut, dass die neue Friedhofsbepflanzung für Gehren nicht mehr auf dem Tischchen draußen steht, sie schwebte sonst vielleicht bereits als florale fliegende Roberta am Himmel über Oehrenstock. Am 13. September 1951 gab es die Neueröffnung des Schauspielhauses Düsseldorf, diesmal tatsächlich mit „Die Räuber“ in der Regie von Gustav Gründgens, der auch den Franz Moor spielte. Karl-Heinz Ruppel nannte es eine „Aufführung von konzessionsloser Kühnheit und Konsequenz“, die Amalia spielte übrigens Antje Weisgerber, an der Schauspielschule des Preußischen Staatstheaters Berlin ausgebildet, dessen Chef, Zufall, unter Hermann Göring Gustav Gründgens hieß. Nun will ich den Regentropfen lauschen, die an mein Fenster klopfen. Von wem sie grüßen, ahne ich noch nicht.

12. September 2017

Wer nicht schon in aller Herrgottsfrühe nüchtern zum Blutabnehmen muss wegen der Werte, die weder konservativ noch sonst politisch sind und auch selten hierarchisch geordnet, also etwa der Langzeitwert des Blutzuckers, der sich bei mir seit der letzten Messung rasant verbessert hat, also wer einfach Zeit hat und gern gegen einen Stachel löckt, der kann heute des 98. Todestages von Leonid Andrejew gedenken. Ein gewisser Gorki schrieb ihm anno 1906: „Für mich gibt es keinen Zweifel, dass L. Andrejew zur Zeit der interessanteste Schriftsteller Europas und Amerikas ist, und ich glaube, dass er zugleich der begabteste Schriftsteller der beiden Teile der Welt ist.“ Wir sehen an dieser Formulierung, dass Gorki gleich drei Kontinente mit A vergaß, wenn wir Arktis und Antarktis einrechen, sogar fünf. Klar, dass der große Nationalitätenpolitiker Stalin diesen Gorki, der auch noch anmaßend Maxim hieß statt Minim, nicht besonders leiden mochte. Ich mag ihn sehr.

11. September 2017

Da ist er wieder, dieser Tag, an dem die Kopten ihr neues Jahr beginnen. Was die Kopten am Tag davor tun, weiß ich nicht, immerhin sind sie mir ein Begriff, seit ich als Sammler von Insel-Büchern einst auch eins erwarb, welches „Koptische Stoffe“ hieß, 36 farbige Bildtafeln, es war die Nummer 860. Was ich am Tag davor tat, weiß ich sehr genau. Ich besuchte meine Geburtsstadt, sah dort zunächst in aller Ausführlichkeit das Schlossmuseum mit „Mon plaisir“, Porzellan, Jugendstil und einer aus Gehren engagierten Hofgesellschaft in Kostümen. Die Überraschung des Tages war die Zimmerstraße 6. Als Mensch mit Dienstadresse Zimmerstraße/Ecke Schlossstraße kannte ich das Haus von außen, jetzt pure Überwältigung. Ein Märchen-Grundstück zum Träumen, bis hin zur Ritterstraße, der Hausherr erlaubte uns, von den Apfelbäumen zu pflücken. Danach noch der Spittel, Erinnerungen an manches Gespräch mit Reinhard Specht. Fast fünf Stunden Denkmaltag.

10. September 2017

„Boris Djacenko ist ein sympathischer Mensch, sehr lebhaft, sehr redegewandt; er spricht kein reines Deutsch, und sein slawischer Akzent macht seine drolligen Ausdrücke noch aparter. Er muss im Gespräch oft fragen, was dies oder jenes in Deutsch bedeutet“, lesen wir in Brigitte Reimanns Tagebuch am 30. August 1956. Da war Djacenkos Welt noch in Ordnung. Zwei Jahre später wurde die Fortsetzung seines Romans „Herz und Asche“ verboten, Erwin Strittmatter beendete seine enge Freundschaft mit ihm, verdächtigte ihn sogar „feindlicher“ Ansichten. Annette Leo widmete in ihrer Strittmatter-Biografie dem Thema einen längeren Abschnitt, Werner Liersch  nahm sich der Sache schon Jahre früher ausführlich an: Anfang 2003. Der erste Band von „Herz und Asche“ stand im elterlichen Bücherregal, ich hörte im Junglesealter nur merkwürdige Andeutungen darüber, nichts von den sowjetischen Vergewaltigungen 1945. Heute ist Djacenkos 100. Geburtstag. Er starb 1975.

9. September 2017

Im Berliner Admiralspalast, las ich in der BERLINER ZEITUNG, tritt heute Procol Harum auf, 50 Jahre nach Band-Gründung. Vom Anfang ist nur noch Gary Brooker dabei. In meinen CD-Reihen stehen: „A Whiter Shade of Pale“, „A Salty Dog“, „Shine on Brightly“, „Home“ und „Procol’s Ninth“, mehr sind es nie geworden und öfter als diese fünf Scheiben höre ich den 1971 bereits zu Solo-Zwecken ausgeschiedenen Robin Trower, der als Gittarist phasenweise klang wie ein frisch aus dem Grab gestiegener Jimi Hendrix. Yeah! Wir besuchen heute das Herbstfest einer Firma, der wir unsere Türen verdanken und heben uns den Tag des offenen Denkmals für morgen auf. Die neue Broschüre erleichtert uns die Zusammenstellung eines kleinen Besichigungsprogrammes, ich habe alle Programme seit 1993 in einem schon gut gefüllten Karton aufgehoben und kenne aus meinen Zeitungsjahren fast alle Denkmale des Ilm-Kreises, manche von mehreren Besuchen sogar.


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